a Grashupfer ! Aber z ' erst , da bin ich a bißl erschrocken . « » Hättst kein Kummer net haben brauchen . Wann ' s gfehlt hätt , wär schon ich bei der Hand gwesen . « Sie nickte ihm freundlich zu . » Vergeltsgott ! Aber es hat ' s net braucht . Der hat net amal ' s Schneidergewicht . Den muß man mit Schmalz einreiben , daß er fett wird . Wo is er denn ? « Sie guckte über die Schulter ; als sie den Pfad noch immer leer sah , meinte sie besorgt : » Er wird doch nit ungut gfallen sein ? « » Gott bewahr ! Grad rappelt er sich in d ' Höh ! « Hinter der geknickten Bretterplanke erschien der grasgrüne Spitzhut mit der trauernden Hahnenfeder . » No also ! « Mit diesem Wort schien die Sache für sie erledigt . An dem Gezweig eine Stütze suchend , stieg sie auf die Kante des Zaunes , faßte die Hand , die ihr der Jäger reichte , und sprang zu Boden . » Bhüt dich Gott , Jager ! « grüßte sie lächelnd . » Bhüt dich Gott auch ! « Sie schritt davon , und Franzl sah ihr betroffen nach . Nun plötzlich , an ihrem Lächeln , war ihm etwas aufgefallen ; er mußte sie schon einmal gesehen haben . Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um . Die Augen der beiden trafen sich , und eines schien dem andern sagen zu wollen : » Mir scheint , ich müßt dich kennen ! « Aber sie schwiegen , und das Mädel ging ; hinter den Haselnußstauden verschwand es ; nur ein paarmal leuchtete zwischen dem Grün noch die weiße Schürze . Franzl schob von hinten den Hut in die Stirn ; das tat er immer , wenn er zu denken hatte . Dann stieg er über den Zaun und folgte dem eingeplankten Pfad . Hinter den Brettern sah er den traurigen Ritter stehen , der ratlos einen handbreiten Riß in seiner neuen Lederhose musterte . Lachend streckte Franzl die Hand über die Planke und klopfte ihn auf die Schulter . » Ja , Mannderl , bei uns kosten die Busserln Hosenfleck ! In der Stadt sind s ' billiger . « Nach kurzem Weg erreichte der Jäger sein Heimwesen , ein freundliches Haus mit frisch geweißter Mauer und grünen Fensterläden , Hofraum und Garten mit Sorgfalt gepflegt , der ganze Besitz von einem hohen Staketenzaun umschlossen . Als Franzl das Pförtchen öffnete , erhob sich von einem der Gartenbeete ein alte Frau mit stillen Augen und weißem Faltengesicht , das von dem grauen , tief in die Schläfe gekämmten Haar wie von einer verblaßten Haube umrahmt war . » Grüß dich Gott , Bub ! « » Grüß Gott , Mutter ! Wie geht ' s allweil ? « » Es tut ' s. Und dir ? Is dir ' s allweil gut gangen am Berg ? « » Am Berg ? Da droben geht ' s eim allweil gut ! « lachte Franzl . Seine Mutter schien ein feines Ohr zu haben . Dieses Lachen klang nicht wie sonst . Und die Liebe in Menschen , die Unglück erfuhren , ist immer furchtsam . Forschend hingen die Augen der Försterin an ihrem Sohn . » Franzl ? Hat der Herr Graf wieder gscholten ? Oder fangt der Schipper seine scheinheiligen Gschichten wieder an ? « » Gott bewahr ! Nix , gar nix ! Mußt dir denn allweil Sorgen machen , wo keine sind ? « Er faßte die Hand der Mutter und streichelte die welken Finger . » Geh , du Sorgenhaferl , du alts ! « Die Horneggerin , wenn einmal eine Sorge in ihr wach geworden , war so leicht nicht wieder zu beruhigen . » Warum kommst denn heim ? Mitten unter der Woch ? « » Treiber muß ich bstellen , der Herr Graf will riegeln . Und was ich fragen will , Mutter - is bei uns net grad a Madl vobeigangen ? « » Ja . Warum fragst ? Hast es nimmer kennt ? Bist doch mit ihr in d ' Schul gangen ! Die Bruckner-Mali ! « » Die Maaali ? « Der Name hing ihm an der Zunge wie ein zehnsilbiges Wort . Daß er aber auch die Mali nicht gleich erkannt hatte ! Als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen , bis im Försterhaus das blutige Unglück Einkehr hielt , vor vierzehn Jahren . Da war der Bub durch Wochen nicht von der Seite der Mutter gewichen ; und als er eines Abends die kleine Freundin wieder suchte , war sie verschwunden . Eine ältere Schwester , die in eine weit entfernte Ortschaft geheiratet , hatte das Mädel zu sich genommen . Und jetzt war die Mali wieder heimgekehrt ? Sie hatte sich sauber ausgewachsen ! Und weshalb sie gekommen war , das meinte Franzl zu erraten . Dem Bruckner , ihrem Bruder , war das Weib gestorben , er hatte drei Kinder , Not und Krankheit in der Stube . Da waren ihm zwei gesunde Arme zur Hilfe mehr als nötig . Und daß die Mali zwei feste Arme besaß , davon hatte Franzl sich vor einem Viertelstündchen zur Genüge überzeugt - er und noch ein anderer ! » Die Mali ! Jetzt is dös gar die Mali gwesen ! « Mit vergnügtem Schmunzeln schüttelte Franzl den Kopf und folgte der Mutter ins Haus . Der Abend sank , und aus den Wiesen begann ein dünner Nebel zu dampfen , der sich gleich einem weißen Schleier über die Haselnußstauden aller Pfade legte . - Noch vor Einbruch der Dämmerung hatten auch Kitty und Tante Gundi das Parktor von Schloß Hubertus erreicht . Auf dem ganzen Wege hatten sie kein Wort miteinander gewechselt . Als aber Gundi Kleesberg die Hand nach der Torklinke streckte , verstellte ihr Kitty den Weg . » Tante Gundi ? Bist du mir böse ? « » Ach , Kind ! « Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mädchen und küßte ihm die Wange so zärtlich , wie nur eine bekümmerte Mutter ihr Kind zu küssen vermag . » Wie kann ich dir böse sein ? Ich hab ' dich lieb . Und habe nur dich . Wir beide brauchen uns . Ich bin deine Mutter , du bist mein Kind ! « Sie betraten den Park , und klirrend fiel hinter ihnen das hohe , schmiedeeiserne Tor ins Schloß . Es hallte unter den Bäumen , und ein ungestümes Flattern und Gerüttel ließ sich vernehmen . Eine breite Allee , von alten Ulmen halb überdacht , führte in gerader Linie zum Schlosse . Blumenduft und Heugeruch erfüllten die Luft . Inmitten der Allee weitete sich ein großes Kiesrondell , auf dem sich ein mächtiger , aus Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Käfig erhob . Er barg die sieben Steinadler , die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflügge Vögel aus ihren Nestern gehoben . Während Kitty und Tante Gundi vorüberschritten , begann im Käfig ein grauenhafter Spektakel . Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dämmerung die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander ; fauchend und mit gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rüttelten an ihrem Kerker ; unter dem Klatschen der Flügelschläge hörte man das Knirschen des Drahtes , wenn die scharfen Fänge in das Flechtwerk griffen . Tante Gundi beeilte sich , an dem Käfig vorüberzukommen . » Eine merkwürdige Liebhaberei , das ! « grollte sie . » Dieser Aasgeruch , mitten zwischen den Rosenbeeten ! Pfui ! « Kitty schwieg ; diese Vögel waren eine Freude ihres Vaters , eine lebendige Trophäe seines kühnen Jägermutes . Aus dem Schlosse fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee . Nun zeigte sich ein weiter , fein besandeter Platz mit Blumenbeeten , exotischen Gewächsen und einer plätschernden Fontäne , von deren hohem , gleich mattem Silber leuchtendem Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bäume dampfte . In der Tiefe des Platzes erhob sich Schloß Hubertus , eine Mischung von gotischem Kastell und moderner Villa . Man sah es auf den ersten Blick : hier wohnte ein großer Jäger vor dem Herrn . Über jedem Fenster war ein mächtiges Hirschgeweih an der Mauer befestigt - eine Sammlung , anzusehen wie eine riesige , die Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel ; hier hing der konfuse Hauptschmuck des lappländischen Renntiers , die wuchtige Schaufel des schwedischen Elchs , der stämmige Schlag der böhmischen Wälder , das Zentnergeweih des amerikanischen Wapiti , der Urhirsch aus der Bukowina , das massige Kronengeweih des Bakonyerwaldes , die gefingerte Schaufel des Dambockes , der weichlich gezeichnete Hauptschmuck des gefütterten Parkwildes und das schlanke , schön verästelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge . Jede dieser Trophäen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel gewonnen , unter jedem der Geweihe war ein weißes Täfelchen angebracht , auf dem die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen , an dem das Wild gefallen . Jetzt verschleierte tiefe Dämmerung diese stolze Jägerchronik , und wie ein Gewirr von dürren Ästen starrten die hundert Enden aus der Mauer . Lichtschein fiel aus der offenen Tür über die steinerne , von wildem Wein und Jerichorosen umrankte Veranda , zu der drei breite Stufen emporführten . Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten , kam ihnen ein junger Diener entgegen , der sich besorgt erkundigte , ob die Damen nicht ins Gewitter geraten wären . » Nein , Fritz , « sagte Kitty , » wir kommen trocken nach Hause . Wo ist mein Bruder ? « » Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer . « Durch einen breiten Flur , dessen Wände von den Steinfliesen bis zur Decke mit Jagdtrophäen aus aller Welt bedeckt waren , eilte Kitty zur Treppe . Auch hier im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih an allen Wänden . Kitty öffnete eine Tür und schob das Köpfchen durch den Spalt . » Stört man nicht ? « » Komm nur ! « erwiderte eine ruhige Männerstimme . Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe füllte den nicht allzu großen , einfach möblierten Raum . Bücher , Zeitungen und Broschüren lagen , da es an Schränken fehlte , überall umher , auf dem Tisch , auf allen Stühlen . Der große Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bände umzogen , so daß für Lampe , Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum verblieb . Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleißigen Studenten zu befinden , der vor dem Examen steht . Aber Graf Tassilo , Kittys ältester Bruder , hatte die Schuljahre längst hinter sich . Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich : eine schlanke , vornehme Gestalt mit einem energischen Kopf , einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem Knebelbart , wie König Ludwig II. ihn zu tragen pflegte . Die Härte der Züge , die Tassilo vom Vater hatte , wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen , die den Augen der Schwester glichen . Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick : da steht ein Mensch , der mit sich im klaren ist und weiß , was er will ; eine starke , zähe , an Arbeit und Selbstbeherrschung gewöhnte Natur mit warm fühlendem Herzen . Aber es mochten schwere Kämpfe gewesen sein , in denen er das sichere Gleichgewicht seines Lebens gewonnen ; das verriet die tiefgeschnittene Furche zwischen den Brauen . Graf Tassilo stand im dreißigsten Jahr , doch hätte man ihn wohl um einige Jahre älter geschätzt . Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen Augen . Wie das lichte Figürchen auf ihn zugeflattert kam , das war auch , als wehte ein frischer Frühlingshauch in die ernste Stube . Kitty umschlang den Bruder . » Guten Abend , Tas ! « Lächelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar . » Nun ? Ist Papa gekommen ? « Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern . Ein Schatten ging über das Gesicht des Bruders . Er gab die Schwester frei und ließ sich nieder . » Ich hätt ' es dir voraussagen können . Aber ich wollte deine Freude nicht stören . Möglich wär ' es ja doch gewesen - « » Nein , ganz unmöglich ! « fiel Kitty ein , als hätte sie das Bedürfnis , ihren Vater zu verteidigen . » Er konnte nicht kommen , absolut nicht ! Franzl hat es mir gesagt . Weißt du , Tas , da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock . Papa muß ihn haben ! « » Natürlich ! Ein Gemsbock ! « Als wollte er über das Thema wegkommen , sagte er mit veränderter Stimme : » Ich habe mich gesorgt um dich . Wo wart ihr , als das Wetter kam ? « » Droben im Wald , trocken und sicher , in der Wildscheune . « Sie begann zu erzählen und fand ihre Laune wieder . Drollig schilderte sie Tante Gundis Verzweiflung , das Erscheinen des Jägers und ihren Niederstieg zum Wetterbach - » ganz à la Paul et Virginie ! « Dann verstummte sie , als wäre das Abenteuer zu Ende . Lächelnd beugte sie sich über den Schreibtisch und begann in den aufgeschlagenen Akten zu blättern . » Und du , Tas ? Du hast natürlich wieder mit den Ellbogen zwei Löcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend versäumt . Über was grübelst du schon wieder ? « » Ich sammle das Material zu einer Verteidigung . « » Wohl ein sehr interessanter Fall ? « » Für mich , gewiß . « » Um was handelt es sich ? Um einen Unschuldigen ? « » Nein , Kind , um einen Gewohnheitsdieb . « » Aber Tas ! « Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des Bruders . » Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen ? Du ! Mit einem gemeinen Verbrecher ! « » Ein Verbrecher ? Ja . Aber noch mehr ein Kranker . Ich hoffe , daß er zu heilen ist . « » Davon laß nur Papa nichts merken . « » Er sorgt dafür , daß mir die Gelegenheit fehlt . « » Wenn er es aber doch erfährt , was wirst du ihm sagen ? « Tassilo streifte mit der Hand über Kittys Scheitel . » Nichts . « » Ja , Tas , das wird wohl das beste sein . Widerspruch verträgt er nicht . Und ich bin überzeugt , daß er dir die letzte Geschichte vom Frühjahr noch immer nicht vergessen hat . Es war aber auch ein netter Streich ! « » Meinst du ? « » Ein Graf Egge-Sennefeld ! Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten Wilddieb ! Na , erlaube mir , Tas - « Er klopfte sie mit beiden Händen auf die Wangen und sagte , wie man zu einem Kinde spricht : » Dir erlaube ich alles . « Ein Diener erschien in der Tür : der Tee stünde bereit . Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester den Arm . Das Speisezimmer lag zu ebener Erde ; ein großer , wenig behaglicher Raum , dem es anzumerken war , daß er die längste Zeit des Jahres leer stand . In der Mitte der lange Tisch , mit grünem Tuch überspannt und nur zur Hälfte weiß gedeckt . Auf jeder Seite der Flurtür stand eine altertümliche Kredenz , und geschnitzte Holzbänke mit verblaßten Kissen zogen sich rings um die Mauern . Wände und Decke waren mit gebräuntem Lärchenholz getäfelt . Die Luft des Zimmers hatte einen leisen Geruch , der an die Apotheke erinnerte ; er ging von den hundert präparierten Vögeln aus , die den Schmuck der Wände bildeten ; dazwischen abnorme Rehgehörne und in silberne Zwingen gefaßte Eberzähne ; an der Decke hingen , mit ausgebreiteten Schwingen , gegen zwanzig Adler , die sich sacht bewegten : von den zwei großen Moderateurlampen , die auf der Tafel standen , stieg die erhitzte Luft in die Höhe und staute sich unter den Flügeln . Eine offene Seitentür ließ in ein finsteres Zimmer blicken , darin die polierte Brüstung eines Billards funkelte . Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah , fragte sie : » Fritz , wo ist Tante Gundi ? « » Das gnädige Fräulein haben sich zurückgezogen und haben Siphon und Eispillen verlangt . « » Ach du Barmherziger ! Jetzt hat sie wieder ihre Migräne ! « Kitty lief davon . Als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte , berichtete sie kleinlaut : » Sie hat sich eingesperrt . Die Arme ! « Tassilo schien nicht zu hören ; er hatte sich bereits bedient , und während er mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelöffel oder die Gabel führte , hielt er mit der Linken die Zeitung unter die näher gerückte Lampe . Erst als Kittys Teller klapperte , schien er die Rückkehr der Schwester zu bemerken und wollte die Zeitung aus der Hand legen . » Lies nur , Tas ! « » Wenn du erlaubst , ich finde untertags keine Zeit dafür . « Eifrig vertiefte er sich wieder in den unterbrochenen Artikel . Eine stille Viertelstunde verrann . Kitty erhob sich . » Du arbeitest wohl nach Tisch ? « Tassilo zögerte mit der Antwort , und eine feine Röte erschien auf seiner Stirn . » Später , ja ! Und du ? « » Was soll ich machen ? Du hast Arbeit und Tante Gundi Migräne . Ich krieche ins Nest . Gute Nacht , Tas ! « Sie küßte ihn , blieb vor ihm stehen und sagte seufzend : » Tas , du bist alt geworden . « » Meinst du ? « Er lächelte , seltsam verträumt . » Ich bin der Meinung , daß meine Jugend erst begonnen hätte . « Kitty lachte gezwungen . » Das ist riesig komisch ! Jugend hat Rosengeruch . Du riechst nach Akten . Armer Tas ! Na , gute Nacht ! « Sie wollte gehen ; der Bruder faßte ihre Hand und hielt sie fest ; seine Augen hatten Glanz , und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen ; doch er lächelte wieder . » Gute Nacht - du Kind ! « Kitty schlich davon , bummelte durch den Flur , an dessen Wänden die wirren Schatten der vielen Geweihe leise zuckten , und stieg über die Treppe hinauf . Seufzend öffnete sie die Tür ihres Zimmerchens , tappte in die Finsternis und machte Licht . Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen , ohne zu verraten , daß hier die Tochter eines Edelmannes wohnte , dessen Besitz nach Millionen zu zählen war . Graf Egge , der auf seinen Jagdreisen und Pirschgängen , wenn es eine seltene Beute zu machen galt , das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute , hatte auch seine Kinder nie verwöhnt ; nur zur Hälfte aus Überzeugung , zur andern Hälfte aus einer Eigenschaft , für welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist . Er knauserte in allen Dingen , die nicht die Jagd betrafen ; seine drei Söhne hatten knapp bemessene Apanagen , aber seine Hirsche Winterfutter in Hülle und Fülle : aus Franken ließ er das saftigste Kleeheu kommen , aus Ungarn den besten Mais , aus der Maingegend die fettesten Kastanien . Die billigen Stoffe für Kittys Stübchen , das man im vergangenen Sommer für den flügg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte , waren wohl aus der nächsten Stadt verschrieben ; aber die Möbelgestelle hatte der Boottischler des Seewirtes angefertigt ; und der Zauner-Wastl , der Dorfsattler - der übrigens den Ruf eines Universalgenies genoß und im Schloß Hubertus als eine Art Faktotum verkehrte - hatte die Polsterung übernommen . Die Sache war gar nicht so übel ausgefallen . Der weiße Leinenplüsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut zu dem farblos polierten Lindenholz ; dazu die lichte Tapete ; das Stübchen sah aus wie frisch aus der Wäsche gekommen . Die Dielen waren blank , ohne Teppich ; nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke . Der Tisch , die Kommode , zwei Etageren und alle sonstigen verfügbaren Plätzchen waren dicht angeräumt mit zierlichem Kram , mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rähmchen , über die das größere , mit französischer Widmung beschriebene Bild der Soeur supérieure hinausragte wie die Hirtin über die kleine Herde . Kitty wollte das offene Fenster schließen . Draußen plätscherte die Fontäne , und das steigende Mondlicht fiel schon über die Baumwipfel . Sinnend blickte Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dämmerigem Licht ; statt das Fenster zu schließen , ließ sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich mit beiden Armen über das Gesimse . Vor ihren träumenden Augen spann sich der Mondschein immer weiter , die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften Dunst überziehend . Die Nähe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen blaßgrauen Ton , so daß die weite Fläche der Wipfel mit den an den Park sich schließenden Wiesen und Wäldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht überwobene unabsehbare Heide . Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild : verschwommen hob sich aus der Dämmerung ein verschlungener Pfad , rauh von Steinen , umwachsen von niederem Dorngestrüpp ; und zwischen den Dornen lag entkräftet die Gestalt einer Genie , mit schmerzvollen Zügen , in Lumpen gehüllt und mit zerzausten Schwingen . » Wie traurig ! « zitterte es leis von Kittys Lippen . Sie war so tief in diese Erinnerung versunken , daß sie den Schritt nicht hörte , der unter ihrem Fenster langsam über den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang . 4 Graf Tassilo verließ den Park und wanderte auf der mondhellen Straße dem Dorf entgegen . Nach einer Viertelstunde erreichte er den See . In weitem Kreise leuchteten die Fenster aller Villen . Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergästen besetzt , und am Ufer standen ein paar junge Burschen und Mädchen unter halblautem Geplauder beisammen . Sie verstummten bei Tassilos Ankunft ; einer der Burschen rannte davon , verschwand in der Schiffshütte , und man hörte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines Bootes , das aus der schwarzen Hütte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte : ein zierlicher Nachen , die Bänke mit Polstern belegt , der Steuersitz von einem geschnitzten Geländer umgeben . Der Knecht stieg aus , und Graf Tassilo übernahm die Ruder . Die weite Seebucht quer durchschneidend , glitt der Nachen einer Villa entgegen , aus deren Garten sich eine weiße Steintreppe zum Wasser senkte . Als der Kahn sich näherte , klang eine leise Stimme : » Tassilo ? Du ? « » Ja , Kind ! « Der Nachen legte an , und Graf Tassilo erhob sich , um die schlanke Gestalt des Mädchens zu umfangen , das ihn auf der Treppe erwartet hatte . » Anna ? « fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her . » Willst du nicht den Mantel nehmen ? « » Nein . Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne ! « Von Tassilo gestützt , bestieg das Mädchen den Nachen , ließ sich im Spiegel nieder , schob das Boot von der Mauer ab und faßte die Schnüre des Steuers . Von kräftigen Ruderschlägen getrieben , rauschte der Kahn dem tieferen See entgegen ; im Mondlicht funkelten die Tropfen , die von den Rudern fielen , und hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche . Eine Weile schwiegen die beiden ; dann sagte Tassilo : » Verzeih ' mir , daß ich dich warten ließ ! Bist du nicht ungeduldig geworden ? « » Ich habe schon gefürchtet , daß ich dich heute nicht mehr sehen würde . Aber nun bist du ja gekommen ! « Die warme melodische Stimme klang in der Nachtstille wie leiser Gesang . » Ich war nicht Herr meiner Zeit . Seit gestern ist meine Schwester in Hubertus . « Die Antwort zögerte . » Ich weiß - « » Das macht dir Sorge ? Nein , Anna , sei ruhig ! Wie alles andere kommt , ich weiß es nicht . Aber meine Schwester wirst du im Sturm gewinnen . Sie schwärmt für dich . Und sie soll auch die erste sein , die es erfährt . Endlich muß ja doch gesprochen werden , die Entscheidung ist nicht länger aufzuschieben . Ich will nicht , daß man im Dorfe anfängt , über dich zu klatschen . « Eine Hand legte sich auf die seine . » Ich danke dir . « » Aber Kind ! « Er küßte die weißen Finger und faßte die Ruder wieder . » Ich liebe dich und will , daß auch die andern dich ehren , wie du es verdienst . Deshalb muß diese schiefe Stellung ein Ende nehmen . Ich habe einen Entschluß gefaßt . Dieser Tage kommen meine Brüder für eine Woche nach Hubertus , und ich vermute , daß uns Papa , um sich das Wiedersehen zu erleichtern , in die Jagdhütte bestellen wird . Diese Gelegenheit will ich benützen . Wie Robert und Willy sich dazu stellen werden , weiß ich nicht . Aber mit ihnen werde ich rasch ins klare kommen . Mein Vater freilich - « » Du fürchtest ? « » Furcht ? « Er beugte sich über die Ruder und sah mit glücklichem Lächeln in das schöne Mädchengesicht . » Nein , Anna ! Aber bang ist mir . Nicht vor den Kämpfen , die meiner warten , denn ich weiß , daß ich sie überstehen werde . Mir ist nur bang vor dem unverdienten Glück , das über mich herfallen wird . « Eine Hand schloß ihm die Lippen . Es wurde still im Boot , die Ruder schleiften , und mit sachtem Plätschern glitt der Nachen an einer steil aus dem Wasser ragenden Felswand vorüber . Der Kessel der Berge öffnete sich , einer riesenhaften Grotte vergleichbar und überflutet von allem Zauber der sommerlichen Mondnacht . Nun der schwebende Anschlag einer wunderbaren Altstimme . Wie der klingende Traum einer Glocke , so zitterte die Fülle dieser herrlichen Töne hinaus in das Schweigen der Nacht - Schumanns » Lied der Braut « . Und wie dieses Lied gesungen wurde , das war mehr als nur die Gabe einer vollendeten Künstlerin ; es war Gesang , in dem sich alles Denken und Fühlen , die ganze Seele eines liebenden Weibes erschöpfte . » Laß mich ihm am Busen hangen , Mutter , Mutter , laß das Bangen , Frage nicht : Wie soll sich ' s wenden ? Frage nicht : Wie soll das enden ? Enden ? Enden soll es nie ! Wenden ? Noch nicht weiß ich , wie ! Laß mich ihm am Busen hangen ! Laß mich ! « Wie ein verlorener Klang aus weiter Ferne hallte das Echo der letzten Worte von den steinernen Wänden der Berge . Dann tiefes Schweigen . Und jetzt , über den See herüber , ein schriller , langgezogener Ruf , ein zweiter und wieder einer . Tassilo richtete sich auf . » Das ist bei der Klause . Wahrscheinlich ein Tourist , der sich auf dem Heimweg verspätet hat . Wir müssen ihn holen , wenn der Arme nicht bis zum Morgen da drüben in dem Steinwinkel sitzen soll ! « Er faßte die Ruder und begann mit aller Kraft zu ziehen . Noch ehe sich das Boot der Mündung des Wetterbaches näherte , konnte Tassilo im Mondlicht schon die wartende Gestalt unterscheiden . Unter dem Nachen knirschte der Sand , und vom Ufer ließ sich mit verlegener Heiterkeit eine Stimme vernehmen : » Ich danke Ihnen , daß Sie sich meiner erbarmen . Sonst hätte ich mit einem nicht sehr behaglichen Nachtlager vorliebnehmen müssen . « Der Fremde trat an das Boot heran , und im klaren Mondschein erkannte Tassilo den jungen Künstler , dem er im vergangenen Winter bei den gemütlichen Abenden der Münchener Allotria häufig und immer gern begegnet war . » Forbeck ? Sie ? « » Graf Egge ! « Lachend reichten sie sich die Hände . » Wahrhaftig , eine liebe Überraschung ! Sagen Sie mir nur , Forbeck , wie kommen Sie plötzlich hierher ? Oder wohnen Sie schon länger am See ? « » Seit vierzehn Tagen . « » Und das erfahr ' ich erst heut ? Wie schade ! Wir wollen das Versäumte nachholen , nicht wahr ? Und nun sagen Sie mir , welcher Zufall hat Sie hier festgenagelt wie den seligen Robinson auf seiner Insel ? « » Ich habe den ganzen Tag bei der Klause gearbeitet und hatte mir für sieben Uhr abends ein Schiff bestellt . Der Seewirt scheint vergessen zu haben , oder - « » Und da hat mich die Vorsehung zu Ihrer Erlösung auserwählt ? Also vorwärts , reichen Sie mir Ihre Siebensachen ! So ! Und nun kommen Sie ! « Als Forbeck den Nachen bestiegen hatte , hielt Graf Egge den Arm um die Schulter des jungen Mannes gelegt und wandte sich an seine Begleiterin . » Erlaube mir , Anna , hier stelle ich dir , bei allerdings mangelhafter Beleuchtung , meinen jungen Freund Hans Forbeck vor . « Tassilo zögerte , bevor er den Namen der jungen Dame nannte : » Fräulein Herwegh . « Ein leiser Laut der Überraschung war die einzige Antwort , die Forbeck zu finden wußte ; auch die stumme Verbeugung mißglückte in dem schwankenden Boot , das sich aus dem Sand zu lösen begann . In gerader Fahrt ging es den Villen entgegen . Kein