Fräulein Therese , na , da wissen Sie ja Bescheid ; ... aber ich will am Ende nichts gesagt haben . Und dann Sophiechen . Nu , das Sophiechen ist ein Prachtstück . Und Manonchen ist immer fidel , das muß wahr sein . « » Und hält es mit den reichen Bankiers , und das ist auch klug und weise . Bankiers , das sind eigentlich die einzigen Menschen , mit denen man umgehen sollte , bloß schade , daß sie fast alle vom Alten Bund sind . « » Ja , junger Herr , so is es , und ich hab es ihr auch schon gesagt ; aber da sagte sie : Ja , Friederike , wenn man so was will , dann darf man nicht viel aussuchen , dann muß man ' s nehmen , wie ' s fällt . « » Sehr vernünftig , ein kluges Mädchen ; gefällt mir außerordentlich und ist mir auch ganz recht . Ich bin nämlich auch so ' n bißchen mit drin , hab auch angebändelt , schöne schwarze Person , Taille so , und Augen , na , Friederike , ich sag dir , Augen , die reinen Mandelaugen und eigentlich alles schon wie Harem . Kennst du Harem ? « » Natürlich kenn ich Harem . Das is das , wo die Türken ihre Frauen drin haben und keine Fenster als bloß ganz kleine Löcher , wo sie nur mal heimlich rausgucken können . « » Richtig . Und so wie bei den Türken oder doch beinahe so , so sieht meine auch aus . « » Aber wird es denn gehen , junger Herr ? Wird es denn die Familie zugeben ? « » Welche ? Meine oder ihre ? « » Nu , ich meine die Poggenpuhls . « » Das ist mir egal , Friederike . Und dann ... sich , so dumm sind die Poggenpuhls auch nicht , wenn es nur recht viel ist , sind sie ganz zufrieden und geben alles zu . « » Is es denn viel ? « » Ja , das weiß ich selber noch nicht . Und dann sind diese Orientalen so gräßlich vorsichtig und machen immer Ehekontrakte , wo man nichts kriegt , wenn man nicht gleich ein halbes Dutzend herzaubert . Und so schnell geht es doch nicht . « » Ach , Leochen , Sie werden schon ... « » Ja , Friederike , das sagst du so ; die Spiele der Natur sind aber merkwürdig , und wenn dann welche geboren werden , kleine , reizende Engelchen , denn wenn sie ganz klein sind , sind sie immer Engelchen , dann sterben sie , und sieh , dann sitzt man wieder da und hat alle Mühe umsonst gehabt . « » Ja , ja , so was kommt vor . Na , aber sind Sie denn schon eins miteinander ? « » I Gott bewahre , sie weiß eigentlich kein Sterbenswort , und ich sage das auch bloß alles so , weil einem immer das Messer an der Kehle sitzt , und da malt man sich denn so was aus und tröstet sich und denkt , mal wirst du doch wohl rauskommen aus all dem Elend ... Aber Friederike , du könntest mir doch eigentlich einen Tee machen , das heißt , wenn noch ein bißchen Rum da ist . « » Nein , Leochen , Rum is nich mehr da ; bloß noch ein Gilka . « » Hm , das paßt eigentlich nicht recht . Aber am Ende , warum nicht ? Eintun kann ich ihn freilich nicht , aber so nebenher ist er ganz gut zu brauchen . Und nach dem Hering ist mir doch so ' n bißchen durstig geworden . Und was ich dir von der schönen schwarzen Jüdin gesagt habe , drüber mußt du reinen Mund halten und darfst davon nicht sprechen , nicht zu Mutter und auch nicht zu den Schwestern , wenigstens nicht zu Therese . Zu Manon kannst du schon eher etwas sagen , die ist ja schon so gut wie mit dabei , mit ihren ewigen Bartensteins , wo sie mich auch immer hin haben will . Der Alte soll übrigens sehr reich sein , und ich weiß auch noch nicht , was ich tue . Man ist dann mit einemmal raus , und das ist doch die Hauptsache . Wenn es aber nichts wird , na , dann , Friederike , dann müssen die Schwarzen ran , das heißt die richtigen Schwarzen , die wirklichen , dann muß ich nach Afrika . « » Gott , Leochen ! Davon hab ich ja gerade dieser Tage gelesen . Du meine Güte , die machen ja alles tot und schneiden uns armen Christenmenschen die Hälse ab . « » Das tun sie hier auch ; überall dasselbe . « » Und soviel wilde Tiere , Schlangen und Krokodile , daß man bei all der Hitze nich mal baden kann . « » Ja , das ist richtig . Aber dafür hat man auch alles frei , und wenn man einen Elefanten schießt , da hat man gleich Elfenbein , soviel man will , und kann sich ein Billard machen lassen . Und glaube mir , so was Freies , das hat schließlich auch sein Gutes . Hast du mal von Schuldhaft gehört ? Natürlich hast du . Nu sieh , so was wie Schuldhaft gibt es da gar nicht , weil es keine Schulden und keine Wechsel gibt und keine Zinsen und keinen Wucher , und wenn ich in Bukoba bin - das ist so ' n Ort zweiter Klasse , also so wie Potsdam - , da kann sich ' s treffen , daß mir der Äquator , von dem du wohl schon gelesen haben wirst und der so seine guten fünftausend Meilen lang ist , daß mir der gerade über den Leib läuft . « » Um Gottes willen ... « » Und so was ist hier ganz unmöglich , und deshalb will ich auch hin , wenn sich hier nicht bald was findet . « » Gott , junger Herr , dann doch lieber ... « » Gewiß , Friederike , viel lieber . Und all das Poggenpuhlsche , wovon Therese soviel Lärm macht ... Aber , alle Wetter , dabei fällt mir ein , wo steckt denn nur eigentlich Therese ? Sie wollte ja , wie du sagtest , bloß in die Stadt , um noch zu Mamas Geburtstag was einzukaufen ... Gott , Geburtstag . Sage , Friederike , da muß ich am Ende doch auch wohl was anschaffen , die alte Frau glaubt sonst , ich denke bloß immer an mich . Also was meinst du , was kann ich ihr wohl schenken , was braucht sie ? « » Gott , junger Herr , die gnädige Frau braucht ja eigentlich alles . « » Alles ? Das ist mir zuviel , das geht nicht , das ist über meinen Etat . Und zurück muß ich doch auch noch wieder , und es reicht schon nicht ... Aber du hast ja vorhin von einem Edamer gesprochen . Is noch was da ? « » Versteht sich . « » Nun gut . Aber zunächst wollen wir das mit dem Geburtstagsgeschenk abmachen . Freilich , zurück muß ich , das bleibt das erste . « » Ja , junger Herr , wieviel wollen Sie denn wohl anlegen ? « » Wollen ? Eine Million . Aber können , Friederike , können , da sitzt es , da hapert es . Über , über ... na , ich will lieber keine Summe nennen ; nur bloß was Nettes , was Sinniges muß es sein . « » Nu , ich denke mir eine Primel . « » Gut , Primel . Primel paßt ganz vorzüglich . Primel oder Primula veris , das ist nämlich der lateinische Name , heißt soviel wie Frühlingsanfang , und Mutter wird siebenundfünfzig . Und sieh , das ist das , was ich sinnig nenne . « » Und dann , junger Herr , vielleicht noch eine Tüte mit Mehlweißchen ; die ißt sie für ihr Leben gern . Aber knusprige , nicht solche , die sich so ziehen wie Leder . « » Auch gut . Also Primel und Mehlweißchen , knusprig und alle weiß bestreut . Aber es ist schon so spät ; ich glaube , man kriegt keine mehr . « » Nein , heute nicht mehr ; ich besorge sie aber morgen früh . Vor neun wird ja doch nich aufgebaut , denn es muß doch erst überall warm sein und auch alles ein bißchen in Ordnung . « Unter diesen Worten begann Friederike die herumstehenden Teller und Gläser abzuräumen und setzte dafür den halben Edamer , der eigentlich nur noch eine rote Schale war , auf den Tisch . Aber das tat nichts . Leo hatte schon sein kleines Taschenmesser , weil ihm das am handlichsten war , herausgenommen und schabte damit die guten Stellen mit vieler Geschicklichkeit heraus , immer versichernd , daß , wenn man noch was fände , wo eigentlich nichts mehr zu finden sei , das sei jedesmal das beste und darin läge auch was Sinniges . » Ja , Friederike , so muß man leben , immer so die kleinen Freuden aufpicken , bis das große Glück kommt ... « » Ja , wenn es bloß kommt ... « » Und wenn es nicht kommt , dann hat man wenigstens die kleinen Glücke gehabt . « Und dabei setzte er den ausgehöhlten Edamer auf seinen linken Zeigefinger und drehte ihn erst langsam und dann immer rascher herum , wie einen kleinen Halbglobus . » Sieh , das hier oben , das ist die Nordhälfte . Und hier unten , wo gar nichts ist , da liegt Afrika . « Sechstes Kapitel Leo war in der guten Stube untergebracht worden und schlief hier unbequem , aber fest auf dem kleinen Rohrsofa , das für gewöhnlich in der Schlafstube stand . Er wurde nur einen Augenblick wach , als Friederike kam , um einzuheizen , fiel aber rasch wieder in einen ruhigen Morgenschlaf zurück , als er nebenan in der einfenstrigen Wohnstube das Knacken und Knistern des Holzes und bald darauf das Klappern der Ofentür hörte . Gegen halb neun erst kam Manon , um ihn zu wecken . » Aufstehn , Leo ; es ist höchste Zeit . Wir können Mama nicht länger im Bett halten . « Und nun sprang er auf und machte mit soldatischer Schnelligkeit seine Toilette . Der Pfeilerspiegel über der Konsole präsentierte sich dabei stattlich genug , alles übrige aber war desto primitiver : ein Küchenstuhl mit Waschbecken und Handtuch , ein Glas und eine Wasserkaraffe . Was er sonst noch brauchte , nahm er aus seinem Koffer . » Guten Morgen , meine Damen « , mit diesen Worten trat er bei den Schwestern ein und gab jeder einen Kuß . Es war schon recht hübsch warm in dem kleinen Zimmer . Auf einem alten Klavier lagen und standen die für die Mama bestimmten Geschenke noch wirr und ungeordnet umher , denn sie sollten , wie selbstverständlich , nicht hier , sondern in der guten Stube , die noch erst in Stand zu setzen war , aufgebaut werden . Das geschah denn auch , und nun hatte man über alles einen Überblick : eine Morgenhaube , zwei Paar Zwirnhandschuhe und ein Paar Filzschuhe . Von Friederike war eine Erika gestiftet , zwischen den zwei Filzschuhen stand Leos Primel und die Tüte , Leo selbst aber riß noch rasch ein Blatt aus seinem Notizbuch , um ein paar Zeilen aufzuschreiben , und schob diese dann zwischen die beiden blaßlilafarbenen Primelblüten . » Ein Bild meines Glücks « , sagte er zu der neben ihm stehenden Sophie ; » zwei Blüten und blaßlila . « Nun endlich konnte auch die schon ungeduldig werdende Mutter aus ihrer Schlafstube befreit und an den Geburtstagstisch geführt werden . Leo und die zwei jüngeren Schwestern küßten ihr die Hand , während sich Therese mit einem Backenkuß begnügte . » Gott , Kinder , so vielerlei « , sagte die gute alte Dame . » Und wie ausgesucht . Ja , die Filzschuhe haben mir gefehlt ; ich hab es immer so kalt . Und die Primel und noch dazu mit einem Spruch . « Und sie nahm den Zettel und las : » Eine Primel , von deinem ... Ja , ja , Leo , das bist du ; du hast das Wort nicht ausgeschrieben , aber das war auch nicht nötig . Na , der liebe Gott meint es ja gut mit uns allen , und vielleicht hilft er dir auch noch . « » Natürlich , Mutter « , sagte Therese , » du darfst ihn nicht so herabstimmen . Er muß sein Selbstgefühl behalten und sich sagen , daß ein Pommerscher von Adel immer seinen Platz findet . Ich bin guten Muts . « » Und übernimmst auch Bürgschaft ? « » Nein , Leo ; Bürgschaft übernimmst du selbst . Und wenn du sie richtig übernimmst , wie es einem Poggenpuhl geziemt und worin dir Wendelin ein Vorbild sein kann , so wirst du gute Tage haben . Wir haben einen Stern im Wappen . « » Ich wollte , ich hätte erst einen auf der Achselklappe . « » Kommt Zeit , kommt Rat . Aber nun nimm Mamas Arm und führe sie . « Man blieb wohl eine Stunde beim Kaffee . Leo hatte von seinem Thorner Leben zu berichten , am meisten von seinen Besuchen auf dem Lande , sowohl bei den deutschen wie bei den polnischen Edelleuten . » Und macht ihr bei diesen moralische Eroberungen ? « fragte Therese . » Gewinnt ihr Terrain ? « » Terrain ? Ich bitte dich , Therese , wir sind froh , wenn wir im Skat gewinnen . Aber auch damit hat ' s gute Wege . Diese Polen , ich sage dir , das sind verdammt pfiffige Kerle , lauter Schlauberger ... « » Du hast soviel berlinische Ausdrücke , Leo . « » Hab ich . Und weil man nie genug davon haben kann , denk ich , wir brechen so bald wie möglich auf und gehen in die Stadt auf weitere Suche . Wer Augen und Ohren hat , findet immer was . Ich möchte mal wieder eine Litfaßsäule studieren . Wer dreihundert Mark sparen will oder die Goldene Hundertzehn oder Mittel gegen den Bandwurm . Ich lese so was ungeheuer gern . Wer kommt mit ? Wer hat Zeit und Lust ? « Therese schwieg und wandte sich ab . » Hm , Therese läßt mich im Stich , und Sophie hat die Wirtschaft . Aber Manon , auf dich , denk ich , ist Verlaß . Wir sehen uns das Rezonvillepanorama an ( so was verstehn die Franzosen ) und sind um zwölf Unter den Linden und sehen die Wache aufziehn mit voller Musik , und wenn wir Glück haben , steht der alte Kaiser am Fenster und grüßt uns . Oder wir können ' s uns wenigstens einbilden . « Unter diesen Worten hatten sich Leo und Manon erhoben . » Kommt nicht zu spät ; zwei Uhr « , mahnte Sophie , was denn auch versprochen wurde . Leo und Manon hielten Zeit , und Punkt zwei ging man zu Tisch . Es war in der guten Stube gedeckt , in der Mitte eine Torte , links und rechts die Erika und die Primel . Der Sohrsche sah aus seinem Rahmen herab und lächelte . Gleich nach der Suppe wurde der Glasteller mit der kleinen Repräsentationsweinflasche von dem Schreibtisch heruntergenommen und vor Leo hingestellt , der mit vieler Würde bemerkte : » Wenn dies mir gilt , so muß ich es zurückweisen ; wenn es aber wegen Mamas Geburtstag ist , auf deren Wohl wir trinken müssen , so kann es stehnbleiben . « Und während noch darüber parlamentiert und Leos Widerstand beseitigt wurde , kam Friederike und brachte die Ente . » Wovon willst du ? « fragte Sophie . » Keule , wenn ich bitten darf . Ich finde nämlich , wer um die Keule bittet , fährt immer am besten . Es macht jedesmal einen guten , weil bescheidenen Eindruck , und zweitens läßt einen das Bindestück nicht leicht im Stich . Außerdem ist die reine Quantitätsfrage doch auch nicht zu verachten . « Er tat sich denn auch bene ; alles war ihm zu Willen , und dann brachte er seinen Toast aus auf das Wohl der Mutter . Diese mußte trinken , die Mädchen aber stießen nur mit dem Knöchel ihres Zeigefingers an . » Es ist doch wahr , zu Hause schmeckt es immer am besten . Solche mütterliche Ente krieg ich in ganz Thorn nicht . Und diese Füllung , noch dazu zweierlei , hier Maronen und hier Pudding mit Rosinen . Kinder , ich glaube beinahe , es ist alles Verstellung bei euch ; ich glaube , ihr habt was , ihr seid gar nicht so arm . « » Ach , Leo , sage nur so was nicht , sprich nicht so was ; das ängstigt mich immer . Du bist imstande , dir wirklich so was einzubilden ... « » Nein , nein , ich weiß ja Bescheid . Ich dachte nur zufällig an etwas , was ich mal in einer Zeitung gelesen habe , eine Geschichte von einer alten Frau , die ein ganzes Vermögen , ich will nicht sagen , wo , eingenäht hatte . Und dann dacht ich auch an Onkel Eberhard , an unsern Onkelgeneral , und daß er doch eigentlich ... « In diesem Augenblick ging draußen die Klingel , und Friederike trat ein , um den Herrn General zu melden . » Lupus in fabula . « Aber ehe Leo noch das Wort aussprechen konnte , stand der Onkel schon in der Tür , legte den Finger halb dienstlich an die Schläfe und sagte : » Habe die Ehre , Frau Schwägerin . « Die Mädchen eilten ihm entgegen , Leo natürlich desgleichen ; als aber auch die alte Frau sich erheben wollte , versagten ihr die Kräfte , so sehr war sie bewegt von der Güte ihres Schwagers , für den sie immer eine besondere Liebe und Verehrung gehabt hatte . » Sitzen bleiben , meine liebe Albertine . Das kommt von den zu jugendlichen Bewegungen . Bringe dir auch Grüße von meiner Frau ... Und daß ich den Leo hier treffe ! Wetter , Junge , du siehst brillant aus und wundervoll genährt . Freilich , freilich ... « , und er wies auf die Ente . » An der du dich beteiligen mußt « , sagte Manon . Und der Onkel rückte auch wirklich ein , band sich , was er selbst als altmodisch bezeichnete , eine Serviette vor und machte sich mit vielem Behagen daran , einen Flügel abzuknaupeln . » Delikat . Es ist übrigens bekannt , was wirklich Gutes kriegt man nur in den kleinen Haushaltungen . Und warum ? In einem kleinen Haushalt kocht man noch mit Liebe . Ja , meine liebe Albertine , mit Liebe ; das ist nun mal die Hauptsache . « » Du bist immer so gut , Eberhard , immer der alte . Und wenn es dir schmeckt ... Aber sage vor allem , was führt dich her ? In Winterszeit nach Berlin . « » Ja , Albertine , was führt mich her ! Ich könnte sagen , dein Geburtstag . Aber du würdest es vielleicht nicht glauben , und da ist es doch wohl besser , daß ich gleich mit der Wahrheit herausrücke . Geschäftliches führt mich her , Hypotheken , Abschreibungen und auf der Bank allerlei Sachen . Eigentlich langweilig . Aber doch auch wieder interessant ... « » Sehr , sehr « , seufzte Leo und wollte dies weiter ausführen . Therese aber hob den Finger , um ihm Schweigen anzudeuten . » ... Und « , fuhr der Onkelgeneral fort , » da die Reise nun mal nötig war , habe ich mir natürlich diesen vierten Januar ausgesucht , um meiner lieben Frau Schwägerin gratulieren zu können . « » Und du wirst bei uns wohnen « , sagte die Majorin . » Wir können dir nicht viel bieten , aber wir haben doch die Aussicht auf den Matthäi ... « » Ich weiß , Albertine « , sagte der General . » Alles sehr schön . Aber offen gestanden , ich ziehe den Potsdamer Platz vor , weil da das meiste Leben ist . Und Leben ist nun mal das Beste , was eine große Stadt hat . Das fehlt uns in Adamsdorf . Ich bin also wieder im Fürstenhof abgestiegen , bin da schon bekannt , und wahrhaftig , es sieht beinahe so aus , als freuten sich alle , wenn ich komme . « » Wird auch wohl so sein . « » Und wenn ich mich da morgens ins Fenster lege , links und rechts ein Sofakissen unterm Arm , und die frische Winterluft kommt so vom Hall ' schen Tor her - was ich mir wohl gönnen kann , weil ich dran gewöhnt bin , denn von unsrer alten Koppe herunter pustet es noch ganz anders - , und ich habe dann so Café Bellevue und Josty vor mir , Josty mit dem Glasvorbau , wo sie schon von früh an sitzen und Zeitungen lesen , und die Pferdebahnen und Omnibusse kommen von allen Seiten heran , und es sieht aus , als ob sie jeden Augenblick ineinanderfahren wollten , und Blumenmädchen dazwischen ( aber es sind eigentlich Stelzfüße ) , und in all dem Lärm und Wirrwarr werden dann mit einem Male Extrablätter ausgerufen , so wie Feuerruf in alten Zeiten und mit einer Unkenstimme , als wäre wenigstens die Welt untergegangen - ja , Kinder , wenn ich das so vor mir habe , da wird mir wohl , da weiß ich , daß ich mal wieder unter Menschen bin , und darauf mag ich nicht gern verzichten . « Leo nickte stumm . » Also verzeih , Albertine , wenn ich ablehne . Bequemer gelegen ist der Fürstenhof auch . Aber zusammen sein wollen wir doch . Jetzt ist es drei . Was machen wir heute ? Kroll ! Gut , das ginge . Da wird doch wohl eine Weihnachtsvorstellung sein , Schneewittchen oder Aschenbrödel ; Aschenbrödel ist besser . In Schneewittchen haben wir den gläsernen Sarg . Und ich bin im ganzen genommen nicht für Särge , bin überhaupt mehr für heitere Ideenverbindungen . « » Ja , Onkel « , sagte Leo , » da wäre vielleicht ein Theater das beste . Sie geben heute die Quitzows an zwei Stellen : im Schauspielhause die richtigen Quitzows und am Moritzplatz die parodierten . Was meinst du zu den Quitzows am Moritzplatz ? « » Nein , Leo , das geht nicht , so gern ich sonst dergleichen sehe . Man ist doch seinem Namen auch was schuldig . Sieh , die Poggenpuhls waren in Pommern so ziemlich dasselbe , was die Quitzows in der Mark waren , und da , mein ich , verlangt es der Korpsgeist , daß wir uns eine Parodie der Sache nicht so ganz gemütlich mit ansehn . « Therese erhob sich , um dem Onkel einen Kuß zu geben . » Es ist mir immer eine Genugtuung , Onkel , solcher Gesinnung zu begegnen . Leo verflacht sich mit jedem Tage mehr . Und warum , weil er dem Goldenen Kalbe nachjagt . « » Ja « , sagte Leo , » das tu ich . Wenn es nur was hülfe . « » Wird schon « , tröstete die sofort an Flora denkende Manon . » Aber wozu das ? « fuhr Leo fort . » Das liegt ja alles weitab . Vorläufig sind wir noch bei den Quitzows , bei den richtigen und den falschen . Die falschen sind abgelehnt , also ... « » ... die richtigen « , ergänzte der General . » Die richtigen im Schauspielhause ; da wollen wir hin . Und hinterher in ein Lokal , um da noch unsern kleinen Schwatz zu haben und , so gut es geht , festzustellen , was es denn eigentlich mit dem Stück auf sich hat . Es soll ein sehr gutes Stück sein , auch schon darin daß es beiden Parteien gerecht wird , was doch immer eine schwere Sache bleibt . Aber , soviel hab ich schon gehört , der Dietrich von Quitzow soll interessanter sein als der Kurfürst Friedrich . Natürlich ; das ist immer so . Wer mit dem Eisenhandschuh auf den Tisch schlägt , ist immer interessanter als der , der bloß eine Nachmittagspredigt hält . Damit kommt man nicht weit . Ich denke mir den Dietrich so wie etwa den Götz von Berlichingen , der vor dem Kaiser nicht erschrak und den Heilbronner Rat verhöhnte . Das war immer meine Lieblingsszene . Billets werden wir doch wohl kriegen , meinetwegen auch mit Aufschlag . Wenn man Poggenpuhl heißt , muß man für einen alten Kameraden von ehedem was übrighaben . « » Ein Glück , Eberhard « , sagte die Majorin , » daß die Wände keine Ohren haben . So seid ihr Adligen . Und ihr Poggenpuhls ... na , ich weiß ja , ihr seid immer noch von den besten . Aber auch ihr ! Alles habt ihr von den Hohenzollern , und sowie die Standesfrage kommt , steht ihr gegen sie . « » Hast recht , Albertine . So sind wir . Aber es hat nicht viel auf sich damit . Wenn es gilt , sind wir doch immer wieder da . Da nebenan hängt der Hochkircher , nach wie vor ohne Rock , was ihn aber ehrt , und ich möchte beinahe sagen , was ihn kleidet , und hier « ( und er wies auf das Bild über dem Sofa ) , » hier hängt der Sohrsche , und euer guter Vater , mein Bruder Alfred , nun , der liegt bei Gravelotte . Das sind unsre Taten , die sprechen . Aber wenn stille Tage sind , so wie jetzt , dann sticht uns wieder der Hafer , und wir freuen uns der alten Zeiten , wo ' s noch kein Kriegsministerium und keine blauen Briefe gab und wo man selber Krieg führte . Man soll es wohl eigentlich nicht sagen , und ich sag es auch nur so hin , aber eigentlich muß es damals hübscher gewesen sein . Die Bürger brauten das Bernauer und das Cottbusser Bier , und wir tranken es aus . Und so mit allem . Es war alles forscher und fideler als jetzt und eigentlich für die Bürger auch . Noch keine Konkurrenz . Nicht wahr , Leo ? « » Na , ob , Onkel . Alles viel schneidiger . Vielleicht kommt es noch mal wieder . « » Glaub ich auch . Nur nicht bei uns . Wir sind nicht mehr dran . Was jetzt so aussieht , ist bloß noch Aufflackern ... Aber nun Schlachtplan für heute abend . Ich will zunächst in meinen Fürstenhof und ein paar Zeilen an meine Frau schreiben , und um sechseinhalb seid ihr bei mir . Schwägerin , du auch . « » Nein , Eberhard . Für mich ist es nichts mehr , ich habe das Reißen und bleibe lieber zu Hause . Wenn ihr alle fort seid , will ich erst das Tageblatt lesen und dann den Abendsegen . Oder Friederike soll ihn lesen . Sie wundert sich schon , daß wir seit Silvester so wie die Heiden gelebt haben . « Siebentes Kapitel Man hatte Billets erhalten , gute Plätze , vierte Parkettreihe . Mitterwurzer , der gerade zum Gastspiel in Berlin war , gab den Dietrich von Quitzow , und gleich die Szene mit Wend von Ilenburg , Akt zwei , schlug mächtig ein . In der bald darauf folgenden Zwischenpause wandte sich der immer erregter gewordene Onkelgeneral an die rechts neben ihm sitzende Therese und sagte : » Merkwürdig , ganz wie Bismarck . Und dabei beide , so spielt der Zufall , wie Wand an Wand geboren ; ich glaube , von Schönhausen bis Quitzöwel kann man mit einer Windbüchse schießen , oder ein Landbriefträger läuft es in einem Vormittag . Wunderbare Gegend , diese Gegend da ; Langobardenland . Ja , wo ' s mal sitzt , da sitzt es . Was meinst du , Leo ? « Leo hätte gern geantwortet , aber so freiweg er sonst war , er genierte sich doch einigermaßen , weil er sah , daß man auf den Reihen vor und hinter ihm bereits die Köpfe zusammensteckte und tuschelte . Der Onkel sah es auch , nahm ' s aber nicht übel und dachte nur : » Kenn ich ; berlinische Zimperei . « Bald gegen zehn war die Vorstellung aus , und nach kurzer Beratung an einer etwas zugigen Ecke beschloß man , möglichst in der Nähe zu bleiben und in einem in der Charlottenstraße gelegenen Theaterrestaurant zu soupieren . Man fand hier alles so ziemlich besetzt , kam aber doch noch unter und traf nach Überfliegung der Speisekarte rasch die Wahl . Alle waren für Seezunge , mit Ausnahme von Therese , die sich für Makkaroni mit Tomaten erklärte . Gleich danach wurden ohne weiteres fünf Seidel wie ebenso viele Selbstverständlichkeiten vor sie hingepflanzt , und erst als diese Seidel schon halb geleert waren , erschien auch das Bestellte , was dem schon ziemlich nervös gewordenen alten General sein Gleichgewicht wiedergab . Er ruckte nun seinen Teller etwas näher an sich heran , tröpfelte Zitronensaft auf die knusprige Panierung und