zugleich auf die Schätze , die es umgaben . Über dem Tisch hing der alte Spiegel , der die Menschengesichter im vollen Licht noch mehr verzerrte . Der Leopold saß da und pfiff leise durch die Zähne , er wartete eine geraume Zeit , dann sagte er : » Lene , ich möcht essen . « » Hab nicht gekocht . « Der Mann schaute überrascht auf , dann lächelte er vergnügt , sie hatte ja seit langer Zeit kein einziges Mal gescherzt , und jetzt machte sie ein ganz ernsthaftes Gesicht zu dem Spaß ; er wartete wieder , die Lene aber ging wie ein Pendel so gleichmäßig auf und nieder und wiegte das Kind , sonst aber rührte sie keinen Finger . » Du , das wird doch nicht dein Ernst sein ? « sagte er plötzlich und wurde blutrot . » Schau . « Er stand auf , sah über die Achsel nach dem Weibe und ging rasch in die Küche . Dort fand er den Herd kalt , alles blank und sauber geputzt , sie hatte richtig nichts gekocht . Er biß sich in die Unterlippe und kehrte zurück in die Stube . » Was hast du denn gar so Notwendiges zu tun gehabt , daß du nicht die Stund für mich gehabt hast ? « warf er nur leicht hin , als ginge es ihm nicht zu nahe . » Schlafen . « » Schlafen ! « fuhr er auf , » beim hellichten Tag , bist verrückt ? « » Nein . Aber die ganze Nacht hab ich den Schreihals da herumgeschleppt . « » Na und ? « » Und da muß ich mich am Tag ausschlafen « , erwiderte sie bestimmt . » Was tun die Weiber , die den ganzen Tag arbeiten müssen ? « Sie schaute ihn überrascht an und klagte dann weinerlich : » Soll ich auch so geschwind alt und häßlich werden wie die anderen und das alles wegen dem Kind ? « Sie warf im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel , trat dann auf ihn zu und sagte : » Da schau mich nur an . « » Ich seh nichts Besonderes « , sagte er und bemühte sich , gleichgültig hinzusehen auf das schöne Weib , das vor ihm stand und ihn mit den feuchtschimmernden Augen anstarrte . » Schau meine Augen an , die schwarzen Ränder . Und da , da und da « , sie schob die runde weiße Achsel aus dem Kleide und streifte den Ärmel über Gelenk und Ellenbogen , » da überall sieht man schon die Knochen . « » Aber Lene ! « flüsterte der Mann begütigend und legte seinen Arm um ihre Schultern , » du bist viel schöner , als du warst ! « Und seine Lippen suchten ihren Mund , sie aber entwand sich ihm . » Es ist nicht wahr ! Seit dem Kind bin ich ganz anders . Was soll ich anfangen ? « » Freundlich sein . « Sie antwortete nicht , nur ihre Oberlippe hob sich . Endlich schlief das Kind , sie legte es vorsichtig in die Wiege , ließ die Arme sinken und jammerte : » Kein Glied kann ich rühren . « » Und was hat denn die gnädige Frau zu Mittag gespeist ? « fragte er spottend , um seine Fürsorge zu verbergen . » Die Hanne hat drüben bei ihr mitgekocht in der Rastzeit . « » Schämst du dich nicht vor dem armen , fleißigen Mädel ? « brauste er auf . » Nein ! « » Ich geh ins Wirtshaus . « » Recht hast « , sagte sie nachlässig . » Bring mir etwas heim , ich geh bald schlafen . « Sie kauerte sich wieder in die Fensternische und sah aufmerksam zu , wie eine Nachbarin die gestickten Unterröcke von der Leine nahm . Ihr Mann ging ohne Gruß davon , nur zufällig schaute sie ihm nach , der Hof war so lang , und durch den großen Torbogen flog der feine Straßenstaub herein , so daß sich die dunkle Gestalt des Leopold genau abhob . Der Abendwind bewegte den losen Ärmel seines Rockes , und sie mußte immer das flatternde Stück an der Figur des Mannes im Auge behalten ... da waren der Traum und die Wirklichkeit der Hochzeitsnacht wieder . Der ganze Mensch war verändert , wenn er einmal den leeren Ärmel nicht in die Tasche steckte , als ob er auseinanderfliegen könnte , so schaute sich dieses unruhige Flattern aus der Ferne an . Dazu ging er auch nicht so stramm wie sonst , er ließ die Schultern vorhängen und hieb mit einer aufgelesenen Gerte vor sich und hinter sich , als wolle er ein müdes Pferd , das ihn schlecht weitertrug , antreiben . So schlenderte er zum Tore hinaus , und die Lene starrte ihm nach , allmählich war sie befriedigt , weil der Kleine schlief und ihr Mann nicht sprach . Auf dem Hofe draußen wurde es lebendig , Feierabend war , die Weiber kamen aus ihren Küchen und riefen laut nach ihren Kindern , die Männer kehrten von ihrer Arbeit heim , und so saß den großen Hof entlang vor jeder Türe ein Häuflein beisammen , alle aßen und plauderten , schrien einander zu und waren so fröhlich , als säßen sie mitten im Überfluß . Die Lene hockte in ihrem Fenster , lauschte mit halbem Ohr und schaute mit halbem Blick nach ihnen , nur wenn ein Kind aufschrie , zuckte sie zusammen und horchte in die dunkle Ecke . Als die Hanne und noch ein paar Jüngere dem Fenster nahe kamen , winkte sie ihnen nicht , sondern legte einen Finger an die Lippen und deutete in die Stube . Sie wollte allein sein . Ich weiß ja , wovon die alle reden , dachte sie , während sie hinüberschielte zu den Nachbarn . Und sie wußte auch wirklich , wovon die andern sprachen , von Kindesbeinen an hatte sie das eintönige , lustige oder schwermütige Gesumme mit angehört : Arbeit , Liebschaften , Neuverheiratete , kleine Kinder , Tote , das war alles . Zuweilen sprachen sie von jenen , die aus der alten Tretmühle hinausgekommen waren , die ihr Glück gemacht hatten in der Welt , so wie die Gretel , die unter die Theaterleute gegangen war und erst vor kurzer Zeit sich wieder um die Blaue Gans geschlichen hatte , ein seidenes Kleid am Leibe , so erzählte der Hausherr . Das ging über die Begriffe des schönen Weibes . Wie kann man wieder dahergehen , wenn man ein seidenes Kleid trägt , daher , in diesen Winkel voll Waschdunst , Lärm und kleinen Kindern ? Sie blickte wieder flüchtig zu den Nachbarn hin . Jetzt steckten sie die Köpfe zusammen und wisperten , warum ? wovon ? - Von ihr selbst natürlich ! Sie erzählten einander , daß sie heute nicht gekocht habe und daß ihr Mann ins Wirtshaus gegangen , das war ja etwas Neues für die Blaue Gans . Sie schlug das Fenster zu , ließ die Vorhänge nieder und zündete die Lampe an . » Ei , sollen reden « , murrte sie vor sich hin . Sie richtete mißmutig die Betten für die Nacht zurecht , und als das Kind halb im Schlafe leise aufweinte , gab sie im Vorübergehen der Wiege einen sachten Stoß , daß sie sanft weiterschaukelte . Immer vor sich hin brütend , löste sie ihr prächtiges rotes Haar , schüttelte es über die marmorweißen Schultern und liebäugelte mit ihrem Bilde , das selbst in diesem Spiegel noch schön blieb . Mit einmal nahm sie ein Kästchen von dem Putztische , kramte unter den Seidenbändern , die drin lagen , und zog endlich ein Päckchen Spielkarten hervor . Träge setzte sie sich an den Tisch , rückte die Lampe heran , mengte die Karten langsam und legte dann die Blätter in vier Reihen , eine unter die andere , vor sich hin . Da saß sie nun , und das feine kindliche Antlitz ruhte mit dem Kinn in der hohlen Hand , und die graugrünen Augen rückten spähend von einem Blatt auf das andere . » Eins ... zwei ... drei ... vier ... fünf ... sechs ... sieben ! Verdruß ! « Sie seufzte leise und zählte weiter bis zur nächsten Sieben . » Veränderung ? ! ... Richtig , drei Aß nebeneinander ! Kummer ! Unglück ! ... Und da wieder ein kleines Kind ! « Das junge Weib wurde kreidebleich , sie streifte entsetzt die Karten zusammen , verbarg sie wieder und ging niedergeschlagen zu ihrem Lager . Noch aus dem Bette schaute sie nachdenkend auf den kleinen Buben hinab , der unruhig in seiner Wiege schlief , dann drehte sich die Lene unmutig gegen die Wand , als aber das Kind schluchzend seufzte , wandte sie sich um und spähte in das rosige Gesichtchen , bis ihr die Augen zufielen . Bald bewegten ihre Atemzüge gleichmäßig die Flamme des Nachtlämpchens , das neben ihr stand . Sie machte große Augen , als sie aufwachte und ihren Mann vor dem Spiegel stehen sah . Er bürstete sich die Haare zurecht . » Gehst du fort ? « fragte sie schlaftrunken , ohne Erinnerung an den letzten Abend . » Nein , Schatz ! « stieß er heraus und kicherte wie ein Weib , » ich komm heim . « » Jetzt ? « » Ja , es ist erst fünf Uhr . « » Ah ! ... das ist arg « , sagte die Lene und setzte sich jäh im Bette auf , » wo warst du ? « » Alleweil im Wirtshaus . Hab aufs Heimgehen vergessen , weil es dort so lustig war und weil die Leut alle so freundlich mit mir waren . Die Allerhand-Mädeln haben gesungen , ein paar alte Kameraden waren da , getanzt ist worden und da ha ... « » Sei still ! « » Oho ! « » Sei still . Ich bitt dich . Geh bald wieder fort « , sagte sie tonlos . » Und warum ? « » Ich kann dich in einem solchen Zustand nicht anschaun . « Der Leopold stand jetzt neben dem Lager seines Weibes , er hatte die Hand in der Hosentasche stecken , und eine erloschene Zigarre hing aus dem Mundwinkel nieder , er spreizte die Beine weit auseinander und ließ sich immer von den Fersen auf die Zehen und von den Zehen wieder auf die Fersen sinken , dabei musterte er die Lene mit seinen rotunterlaufenen Augen und lachte ihr manchmal kurzweg ins Gesicht . » Geh , sag ich dir ! « rief sie eindringlich . » Und wenn ich nicht gehen will ? Wenn ich mich jetzt niederlegen will und schlafen , wer könnte mir das verbieten ? Wer ? Wer ist der Herr im Hause ? « » Du hast zu tief ins Glas geschaut . « » Daß ich nicht zu tief in die Teller schaue , dafür sorgst du ! Kochst nichts , legst dich am hellichten Tage schlafen . Was wirst du tun , wenn wir erst fünf , sechs Kinder haben ? Da bleibt die ganze Familie alleweil im Bett liegen , gelt ? « schrie der Leopold und lachte verbissen . Die Frau schaute ihm plötzlich voll ins Gesicht , ein Schauer lief durch ihre Glieder , sie zog ihr Nachtleibchen höher hinauf , warf einen Rock über , sprang aus dem Bette und huschte an ihm vorbei in die Küche hinaus . Der Leopold ließ die Zigarre aus dem Munde fallen und warf sich auf sein Bett , er schleuderte die Stiefel polternd von den Füßen , streckte und reckte sich und gähnte mit aufgesperrtem Mund , dann rief er nach seinem Weibe , schnarchte aber schon , ehe sie ihm hätte Antwort geben können . Die Lene öffnete leise die Türe und blickte vorsichtig nach ihrem Manne ; als er ungestört weiterschlief , schlich sie geräuschlos in die Stube , kleidete sich allmählich an , nahm das Kind aus der Wiege und schob sich dann geduckt und lauernd hinaus ; sie verschloß die Küchentüre und glitt , ohne sich umzuwenden , dahin über den stillen Hof . Bei dem Kammerfenster der Hanne blieb sie stehen und atmete zum ersten Male aus voller Brust , dann pochte sie hastig an die Scheiben . Das junge Mädchen hob den Kopf , ließ die Arbeit erschreckt in den Schoß fallen und machte ein Zeichen gegen die Türe ; sie stand mühsam auf und öffnete . Die Lene schlüpfte hinein , ließ das Kind in die Arme der Hanne gleiten und kauerte sich auf den einzigen Lehnstuhl , der in der Kammer stand . » Ist dem Leopold etwas geschehen ? « fragte das Mädchen zitternd . » Ah ! Jetzt ist er heimgekommen ! Die ganze Nacht im Wirtshaus , hat gesungen und getrunken und getanzt mit den verrufenen Weibsbildern , mit den Allerhand-Mädeln ! « » Aber was ist ihm da nur eingefallen ? « klagte die Hanne hilflos , » und warum laufst du so verstört herüber ? « » Weil mich ein Grausen anpackt , wenn ich einen betrunkenen Menschen seh . Und mein Mann ? Ob ich ihn noch einmal anschauen kann , seit ich ihn so gesehen hab , weiß ich nicht . Brr ... « Es schüttelte die Lene , als ob sie aus einem Schneegestöber käme . » Aber denk nur , da müßten Sonntag und Montag fast alle Weiber von ihren Männern davonlaufen . So was kommt manchmal vor , und jede ertragt es . « » Ich bin nicht wie eine jede . Ich hab ihm das gesagt , eh ' ich ihn genommen hab . Ich trag es nicht . « Sie sagte das ruhig und bestimmt , lehnte den Kopf zurück und schaute an die Zimmerdecke , dann setzte sie halblaut hinzu : » Der hat doch recht gehabt . Wo hab ich nur hingeschaut ? « Der Leopold erwachte erst gegen Mittag , und als er die Türe verschlossen fand , stieg er durch das Fenster in den Hof hinaus . Er schaute sich nach allen Seiten um , da er aber sein Weib nirgends sah , ging er weiter und pfiff recht laut und auffallend . Die Nachbarn sollten nichts merken davon , daß es etwas gegeben hatte in der Wirtschaft , er eilte vorwärts , und so wie am Abend früher flatterte sein Ärmel in der Luft herum . Der Leopold dachte nicht daran , daß sein Weib aufpaßte und hinter dem Fensterkreuz , solange sie ihn sehen konnte , auf den leeren Ärmel stierte . Als sie ihren Mann weit genug entfernt wußte , lief sie mit ihrem Kinde hinüber in ihre eigene Stube . Sie ordnete langsam , was da herumlag , aber es ging ihr nichts von der Hand . Es war auch , als ob der Kleine die ängstliche Verdrossenheit seiner Mutter eingesogen hätte , so böswillig greinte und quiekte er und wollte nicht in seiner Wiege bleiben ; wenn sie ihn aufnahm , schwieg er ; wie aber konnte sie das Kind in den Armen halten , sie hatte doch über und über zu schaffen ? Mit beschmutzten Stiefeln war der Leopold in der Stube herumgetrottet , die Betten standen zerwühlt da , Mitte der Woche war bereits , und sie mußte daran denken , das Bündel Wäsche rein zu machen , das unter dem Putztisch seit der vergangenen Woche versteckt lag , kochen sollte sie und den Schreihals warten . Sie dachte dabei fortwährend an ihren Mann , seit einigen Stunden wußte sie , daß sie das alles tun müsse . Das Kind hielt sie lässig in den Armen und reihte sich so aneinander , was geschehen würde , wenn sie nicht so wie die anderen Weiber zugreifen und sich abplacken wollte . Dieses innerliche Zurechtlegen und Nachdenken über eine Menge Dinge , die ihr , ohne daß sie sich früher klar darüber wurde , zuwider waren , erschien ihr jetzt noch unerträglicher als die gewohnten , täglich wiederholten Handgriffe . Eines hing aber mit dem andern zusammen ; wenn sie nicht arbeiten , nicht alt und häßlich werden wollte vor der Zeit , wenn sie nicht jedes Stück , das da stand und lag , Tag um Tag reiben , fegen , waschen wollte , wenn die Suppe nicht auf ihn wartete , wenn sie das Kind nicht herumschleppte , so durfte ihr Mann sie ausschelten und die Nächte hindurch im Wirtshaus bleiben , er brauchte ihr kein Geld zu geben für sie und sein Kind , er konnte sie am Ende sogar noch schlagen , wenn er volltrunken heimkam ... Das durfte er , weil sie sein Weib war . Sie mußte also wie er das tägliche Brot erwerben , sie mußte arbeiten für ihn und für die Kinder , die sie noch mit tausend Schmerzen so wie das eine schreiende da zur Welt bringen sollte ; sie kroch in sich zusammen vor Angst und Zorn . Und niemals soll das anders werden , bis an das Ende immer derselbe mühseliglangweilige Weg ? Jetzt erinnerte sie sich an die unscheinbare , unschöne Mutter ihres Mannes , die sich immer abgequält und abgemüht hatte , die so arm und klein war neben ihrem rechthaberischen Eheherrn , dem Vater des Leopold . Wenn der seinem Vater nachschlagen würde , dann müßte sie unausbleiblich solch ein verkümmertes , zusammengerackertes Geschöpf werden , wie die alte Frau Weis gewesen . Und warum muß das sein ? Zum ersten Male , seit sie die Frau des Leopold war , kamen ihr die Worte des Pfarrers in den Sinn , es war ihr , als hörte sie die Trauungsrede mit einer Deutlichkeit , daß sie nach der Ecke hinhorchte , denn von dort her sprach die eintönig pathetische Stimme zu ihr : » Freud und Leid miteinander tragen . Treu bleiben bis in den Tod . Streng jede Pflicht erfüllen . Stets der Pflicht eingedenk sein . In Wahrheit seine rechte Hand werden . In Frieden wandeln ... « Sie schüttelte sich bei dieser Erinnerung . Ja , ja ! Das hat er alles gesagt , und jetzt wußte sie auch , was das Wort Pflicht heißt . Warum hat ihr damals kein Mensch ihre Pflichten haarklein vorgesagt , vor dem Altare hörte sich die Geschichte wie eine lange schöne Rede an , sie hatte hingehorcht mit halbem Ohr und mit lachendem Herzen , es war ja so lustig , von allen Leuten angeschaut zu werden , schön aufgeputzt zu sein und Hochzeit zu halten . Und was der Leopold alles versprochen hatte , als er beim Altar stand und ihre Hand so fest drückte ! - Was ist aus dem Versprechen geworden ? - Ja , er ist treu geblieben , er hat für sie gesorgt , aber was er zu geben hatte , war wenig genug . Sie mußte es doch besser haben können auf der Welt , sie ist ja schöner als alle Mädchen und Weiber der Vorstadt . Mochte sie es anstellen , wie sie wollte , sie kam immer zu diesem Schlusse . Sie hatte schon ein schmerzhaftes Pochen und Zerren im Genicke , hinter den Schläfen fühlte sie ab und zu ein Krachen , als ob eine Stecknadel hineingestoßen würde , ihre Arme zitterten , so sehr erregte sie das Nachgrübeln über die Vergangenheit und Zukunft , dabei wurde die Arbeit in ihren Händen immer mehr , so widerwillig packte die Lene sie an . Von jenem Tage ab war kein Stäubchen in der Stube zu sehen , kein Knopf fehlte an den Hemden des Leopold , kein Fleck war in der Wäsche , und kam er heim , so dampfte die Suppe schon auf dem Tische . Das junge Weib hatte sich mit schwerfälliger Genauigkeit eingeprägt , was sie zu tun habe , um den Frieden zu erhalten , und von jenem Tage ab durfte der Mann nimmer über sein Hauswesen klagen . Was konnte ihm das helfen , nach kurzer Zeit schon hätte er über jede Nachlässigkeit geschwiegen , wenn ihn ihre roten Lippen mit einem Kuß begrüßt hätten , und selbst wenn er sie halb im Zorn , halb in auflodernder Zärtlichkeit an seine Brust riß , konnte er doch kein liebevolles Wort aus ihr herauspressen . Und das ging Woche um Woche so fort . » Was soll ich denn anfangen mit ihr ? « sagte der Leopold zu dem Laternanzünder , » sie ist jetzt für das Haus ein ganz tüchtiges Weib , sie ist nicht trotzig und keift auch nicht wie die andern , aber man kommt halt zu keiner rechten Freud neben ihr , sie geht um und um , hin und her bei einem , als ob sie ganz allein auf der Welt wär . « » Kauf ihr ein neues Kleid « , sagte der Laternanzünder , nachdem er sich schweigend besonnen hatte ; mit behaglicher Pfiffigkeit setzte er hinzu : » Und wenn sie sich am nächsten Sonntag damit aufdonnert , so führ sie am Arm durch die ganze Vorstadt , das wird sie schon wieder lebendig machen , sie ist halt ein verzogenes Ding , die Rote ! « » Ja freilich ! « seufzte der junge Ehemann , » wir alle miteinander haben sie verzogen , sie hat es viel zu oft gehört , daß sie schön ist « , er kaute an den Schnurrbartenden und wurde rot bis hinter die Ohren . » Hm ! - ja - schon möglich « , knurrte der Laternanzünder , » die Meinige war kein so schönes Frauenzimmer , und es hat aber doch so seine drei- , viermal genützt , wenn sie stützig worden ist , das neue Kleid hat sie gebogen , und in solchen Sachen sind die Weibsleut alleweil gleichgesinnt . « Der Leopold hörte den erfahrenen Ehemann aufmerksam an , er preßte den Kopf in die Hand und schaute mit traurigen Blicken auf die verwitterte Gestalt mit dem verschmierten grünen Kittel . Der hatte sein maulendes Weib zu Paaren getrieben , aber die beiden waren nun alt . Doch er und sein Weib waren jung , hatten das ganze Leben vor sich , konnten noch so glücklich sein , warum all die Reibereien , die Kleinlichkeiten , warum das armselige Bestechen des Weibes , dieses Spekulieren auf ihre Eitelkeit , was half das alles , wenn ihr Herz kalt war ? » Jetzt ist die Meinige alt « , knurrte der Laternanzünder in die schwermütigen Gedanken des Leopold , » jetzt ist sie alleweil gerührt über alles , ich glaub , das hat sie sich von der Christl ihrer Mutter angelernt , jetzt heult sie über jeden Knopf , wenn sie vergessen hat , einen anzunähen . Wenn es aber manchmal , so zum Quartal , einen tüchtigen Sturm im Haus gibt , dann kriegt sie keinen Atem , weil sie halt dick ist - dann schütt ich ihr einen Krug Wasser ins Genick , dann schnappt sie eine Weile wie ein Fisch , hockt sich in einen Winkel und jammert den ganzen Tag , als wenn ich ihr weiß Gott was tät . Neues Kleid aber kriegt sie doch keines ! « Er schleuderte die Arme mit einer großartig verneinenden Bewegung auseinander . Der Leopold war ganz still und weich geworden , er rieb den lackierten Schirm seiner Mütze auf dem Knie und sagte dann recht gedrückt : » Ich dank dir , Laternanzünder , für deinen guten Rat , du bist ja doch ihr Vormund und hast mitzureden . « » Ja ! « erwiderte der alte Dragoner und streckte die Brust würdevoll heraus . » Jetzt kaufe ich gleich das Kleid « , sagte der Leopold entschlossen , als ob es sich um etwas ganz Besonderes handelte , und noch als er an der Türe stand , rief er zurück : » Gleich , grüß Gott ! « » Behüt Gott ! « schrie ihm der Laternanzünder nach . » Hast doch keine Courage , bist wie ein Waschlappen wegen dem Rotschädel ! « brummte er für sich , als der junge Ehemann die Türe hinter sich geschlossen hatte . Er schüttelte seine Truhe mit den Öllämpchen sehr energisch , hielt noch eine liebevolle Anrede , als ob er zu lebenden Wesen spräche , und ging dann seine dunklen Wege , um den Menschen Licht zu bringen . Er ging sehr tiefsinnig dahin . Peter Michl hatte zwei Schwächen , welche seinem stets gerührten Weibe das Leben schwer machten . Die erste war , daß er sich gern auf den Unwiderstehlichen hinausspielte - trotzdem es keinen treueren und besseren Ehemann in der Blauen Gans gab - , aber das war eine Gewohnheit aus seiner lustigen Soldatenzeit her . Die zweite Schwäche war gefährlicher , und sein Weib stand ihr vollständig hilflos gegenüber . Michl hatte sich nämlich aus den sonderbarsten Scharteken eine Art entsetzlicher Bildung und aus allerlei Erlebnissen und Erfahrungen , die sich in seinem Gehirn als Besonderes widerspiegelten , einen » philosophischen Standpunkt « aufgebaut . Die runde Frau wagte nicht zu atmen , wenn er ihr von dieser Höhe herab ihre Fehler vorhielt , sie verstand sein Kunterbunt beinahe ebensowenig wie er . War er aber einmal im Zuge , so mußte er sehr viel reden , das gab ihm Respekt vor sich selbst , und zum Schlusse erklärte er immer , daß die Blaue Gans ohne ihn und den einsamen Spatzen weder Licht noch Bildung hätte . Er hatte das Bedürfnis , vielen Leuten klarzumachen , daß er ein unentbehrlicher Mensch sei , und diese vielen fand er nur in der Schenke ; aber je eindringlicher er redete , desto mehr wurde ihm zugetrunken , und je öfter er Bescheid tat , desto unklarer wurde ihm selbst dabei zumut . Der würdige Mann hatte das Unglück , gerade jetzt in lustige Gesellschaft zu kommen , als er ein Glas Wein trinken wollte . Wirtshausbrüder setzten sich zu ihm , und die Strohschneidermädeln standen aneinandergelehnt , hörten lachend seine lange Rede über das neue Licht und liebäugelten mit ihm . » Jetzt muß ich zum Geschäft schauen « , schloß er , » aber wie sie alle brennen , komm ich wieder , und dann werd ich euch beweisen , daß es auf einmal finster sein wird . Keine Luft ! - Alsdann später . « Der Laternanzünder ging kerzengrade , aber seine Lämpchen klirrten , und wenn er um die Ecke bog , so zog es ihn immer um ein paar Schritte über die Laternen hinaus . Er bohrte dann die Absätze ein , beugte den Oberkörper zurück und blinzelte mit zusammengezogenen Augen hinauf zu den Laternen , ging ein paar Schritte rücklings , und sowohl er als die Öllämpchen schwankten bedenklich , wenn sie nach langem Zielen am rechten Platz waren . An diesem Abend war es da draußen recht übel beleuchtet , und als das letzte Lämpchen festsaß , beeilte sich der Laternanzünder , wieder seine Zuhörerschaft im Wirtshaus aufzusuchen . Oben auf der Hauptstraße lief der Leopold von Laden zu Laden und suchte lange , bis er ein Kleid kaufte , das den Farben nach Aufsehen machen mußte in der Blauen Gans . Als Feierabend war , rannte er mit dem Zeuge heim , je näher er dem Hause kam , desto mehr freute er sich über die großen Augen seiner Lene . » Die wird dreinschauen ! « Das Herz schlug ihm , als er in die Stube trat , und er hätte gern aufgejauchzt vor Freude , anstatt daß er mit prahlerischer Gleichgültigkeit das Umschlagpapier abwickelte und sein Geschenk auf den Tisch legte . Er ließ den Stoff im Lichte glänzen , bauschte ihn so auf in Falten , wie er es in den Schaufenstern gesehen hatte , und sagte endlich schmeichelnd , weil er wußte , daß sie das am liebsten hörte : » Du , Frau , laß dir dein neues Kleid da bald machen . « Es verlegte ihm die Stimme , er schwieg ; wenn sie nur aufstehen und herkommen würde ; er steckte rasch seine Hand in die Tasche , damit er nicht den Arm nach ihr ausstrecken konnte . Von der Seite hatte sie sein Tun beobachtet , aus dem Bettwinkel hervor , in dem sie mit der Wiege verschanzt hockte und ihr Kind einschläferte . Sie rührte sich nicht und sagte nur halblaut : » Ich dank dir schön . « » Was , sonst sagst du nichts ? « fragte er enttäuscht . » Was sonst ? « Er biß die Zähne übereinander , daß sie es bis in ihren Winkel hin krachen hörte , denn der Leopold hatte weiße , breite Zähne , die stark wie von Eisen waren . » Meinen Namen mußt vergessen haben , denn ich hör ihn nimmer von dir , und lachen , scheint mir , gehst auf den Dachboden , denn ich schau immer nur in dein mürrisches Gesicht . Sei gut , Lene ! Gib mir freundlich die Hand , und denk doch daran , daß wir für alle Lebenszeit beieinander bleiben müssen . Was soll denn unser Herr Sohn für eine Meinung von uns kriegen ? « Er lächelte ihr treuherzig zu und versuchte wieder , das Kleid aufzubauschen . Das Weib hob die Augen nicht zu ihm auf , aber plötzlich schüttelte ihren schlanken Leib ein verhaltenes Schluchzen . Das war es ja , beieinander bleiben für alle Lebenszeit , immer freundlich sein und ein heiteres Gesicht machen , wenn einem auch gar nicht so zumute ist ; immer arbeiten , Tag um Tag das nämliche , Freude haben , wenn der Mann solches Zeug daherbringt . Das grellfarbige Ding sollte ihr Freude machen ! Ein Falbel von den Röcken