ich , sie hätte lieber den Jungfernkranz gesungen als das schwermütige Lied . « » Es war sehr schön . « » Gewiß war es das , und wir beide können es hören , ohne Schaden zu nehmen . Aber meine Schwester ! Sahen Sie wohl , wie sie das Notenblatt nahm und das Zimmer verließ ? Ich wette , sie hat es sofort auswendig gelernt oder Abschrift genommen und in irgendein Album eingeklebt . Denn trotz ihrer siebenunddreißig Jahre , in manchen Stücken ist sie noch ganz das Gnadenfreier Pensionsfräulein , besonders auch darin , wie sie mit der Dobschütz lebt . Die Dobschütz ist eine vorzügliche Person , vor deren Wissen und Charakter ich allen möglichen Respekt habe , trotzdem ist sie für meinen armen Schwager ein Unglück . Sie sind überrascht , aber es ist so . Die Dobschütz ist viel zu klug und auch viel zu guten Herzens , um sich aus freien Stücken oder wohl gar aus Eitelkeit zwischen die Eheleute zu stellen , aber die Stellung , die sie sich nie nehmen würde , wird ihr durch meine Schwester aufgezwungen . Christine braucht immer jemanden , um sich auszuklagen , ganz schöne Seele , nachgeborne Jean-Paulsche Figur , die sich , wenn ich mich so ausdrücken darf , mit dem Ernste des Lebens den Kopf zerbricht . Es gibt eigentlich nur eine Form , sie zu erheitern , und das sind kleine Liebesgeschichten aus dem Kreise der Irrgläubigen . Und irrgläubig ist so ziemlich alles , was nicht altlutherisch oder pietistisch oder herrnhutisch ist . Ein Wunder , daß sie diese drei wenigstens nebeneinander duldet . Dabei so eigensinnig , so unzugänglich . Ich versuche mitunter , zum Guten zu reden und ihr klarzumachen , wie sie sich anpassen und ihrem Manne zuhören müsse , wenn er was aus der Welt erzählt , einen Witz , ein Wortspiel , eine Anekdote . « Schwarzkoppen nickte zustimmend und sagte dann : » Ich habe ihr heut etwas Ähnliches gesagt und auf des Grafen liebenswürdige Seiten hingewiesen . « » Ein Hinweis , den sie mit ziemlich hautainer Manier zurückgewiesen haben wird . Ich kenne das . Immer Erziehungsfragen , immer Missionsberichte von Grönland oder Ceylon her , immer Harmonium , immer Kirchenleuchter , immer Altardecke mit Kreuz . Es ist nicht auszuhalten . Ich spreche darüber so freiweg und so ausführlich zu Ihnen , weil Sie der einzige sind , der da helfen kann . Ich glaube , so ganz genügen Sie ihr auch nicht , schon deshalb nicht , weil Sie , Gott sei Dank , ohne das pietistische Kolorit von Blümelein und Engelein sind , aber Ihr Standpunkt ist wenigstens der korrekte . Die Temperatur Ihres Bekenntnisses ist ihr nicht hochgradig genug , indessen das Bekenntnis selbst läßt sie wenigstens gelten , und weil sie das tut , hört sie nicht bloß Ihren Rat , sondern unterwirft sich ihm auch . Was etwas sagen will . « Als Arne so plauderte , waren sie bis an eine Stelle gekommen , wo sich der Dünenzug nach dem Meer hin öffnete . Die Brandung wurde jetzt sichtbar , und weiter hinaus sah man Fischerboote , die mit eingerefftem Segel still in dem hellen Mondlicht lagen . Am Horizont stieg eine Rakete auf , und Leuchtkugeln fielen nieder . Arne hatte halten lassen . » Entzückend . Das ist der von Korsör kommende Dampfer . Vielleicht ist der König an Bord und will noch ein paar Wochen in Glücksburg zubringen . Ich habe schon gehört , daß sie wieder etwas im Moor gefunden haben , bei Süderbrarup oder sonstwo , vielleicht ein Wikingschiff oder eine Lustjacht von Kanut dem Großen . Hoffentlich geht dieser Kelch an uns vorüber . Was mich persönlich angeht , ich lese lieber David Copperfield oder die Drei Musketiere . Diese Moorfunde , Kämme und Nadeln oder wohl gar eine verfitzte Masse , worüber Thomsen und Worsaae sich streiten und nicht feststellen können , ob es ein Wurzelgefaser oder der Schopf eines Seekönigs ist , können mich nicht interessieren , und die königlichen Frühstücke , bei denen der Liqueurkasten die Hauptrolle spielt , wenn es nicht gar die Gräfin Danner putzmacherlichen Angedenkens ist , sind mir eigentlich geradezu zuwider . Ich weiche sonst in allem von meiner Schwester ab , auch noch da , wo sie recht hat und nur leider zuviel Aufhebens von ihrem Rechte macht , aber in diesem Stücke kann ich ihr nur zustimmen und begreife Holk nicht , daß er mit der Geschichte drüben nicht aufräumt und ein Gefallen daran findet , sich in dem Prinzessinnen-Palais nach wie vor in seiner Kammerherrn-Uniform herumzuzieren . Daß es ihm sein schleswig-holsteinisches Herz nicht verbietet , will ich hingehen lassen , denn solange der König lebt , ist er nun mal unser König und Herzog . Aber ich find es nicht klug und weise . Das Leben mit der Danner konserviert nicht , ich meine den König , und über Nacht kann es vorbei sein . Er ist ohnehin ein Apoplektikus . Und was dann ? « » Ich glaube nicht , daß sich Holk mit dieser Frage beschäftigt . Er ist ein Augenblicksmensch und hält zu dem alten Troste : Nach uns die Sündflut . « » Sehr wahr . Augenblicksmensch . Und daß es so ist , das ist auch wieder einer von den Punkten , die meine Schwester ihm nicht verzeihen kann und worin ich mich abermals auf ihre Seite stellen muß . Aber lassen wir das ; ich habe gerade heute nicht Lust , die Tugenden meiner Schwester aufzuzählen , es kommt mir heute mehr auf les défauts de ses vertus an , die wir , lieber Schwarzkoppen , gemeinschaftlich bekämpfen müssen , sonst erleben wir etwas sehr Unliebsames . Das ist mir sicher , und ungewiß ist mir nur , wer den ersten Schritt tun wird , den ersten Schritt zum Unheil . Holk ist in fast zu weitgehender Anbetung und Ritterlichkeit die Nachgiebigkeit und Bescheidenheit selbst ; er hat sich angewöhnt , sich seiner Frau gegenüber immer in die zweite Linie zu stellen . Natürlich . Erst imponierte ihm ihre Schönheit ( sie war wirklich sehr schön und ist es eigentlich noch ) , und dann imponierte ihm ihre Klugheit oder doch das , was er dafür hielt , und dann imponierte ihm , und vielleicht am meisten , ihre Frömmigkeit . Aber seit einiger Zeit , und leider in zu rasch wachsendem Grade , bereitet sich ein Umschwung in ihm vor ; er ist ungeduldig , anzüglich , ironisch , und erst heute nachmittag wieder fiel es mir auf , wie sehr er sich in seinem Tone verändert hat . Entsinnen Sie sich noch , als von den Marmorkrippen die Rede war . Nun , meine Schwester nahm die mehr oder weniger scherzhafte Sache wie gewöhnlich wieder ganz ernsthaft und antwortete halb gereizt , halb sentimental . Noch vor zwei , drei Jahren hätte Holk das hingehen lassen , aber heute gab er ihr alles spitz zurück und spöttelte , daß ihr bloß wohl sei , wenn sie von Gruft und Kapelle sprechen und einen aus bloßer Taille bestehenden Engel malen lassen könne . « Schwarzkoppen hatte das alles mit einem gelegentlichen » Nur zu wahr « begleitet , und an seiner Zustimmung war nicht zu zweifeln . Nun aber schwieg Arne , weil ihm die bloße Zustimmung nicht genug war und er gern ein ausführliches Wort von seiten Schwarzkoppens hören wollte . Dieser verriet indessen wenig Lust , das Thema weiter fortzuspinnen : es war ihm ein zu heißes Eisen , und nach Arnewiek hinüberweisend , das in eben diesem Augenblick jenseits einer tief einbuchtenden Förde sichtbar wurde , sagte er : » Wie reizend die Stadt im Mondlichte daliegt ! Und wie der Damm drüben die Dächer ordentlich abschneidet und dazu die Giebel zwischen den Pappeln und Weiden ! Und nun Sankt Katharinen ! Hören Sie , wie ' s herüberklingt . Ich segne die Stunde , die mich hierher in Ihr schönes Land geführt . « » Und dafür sollen Sie bedankt sein , Schwarzkoppen . Jeder hört es gern , wenn man ihm seine Heimat preist . Aber Sie wollen mir bloß entschlüpfen . Ich fordere Sie auf , mir beizustehen in dieser schwierigen Sache , die viel schwieriger liegt , als Sie vermuten können , und Sie zeigen auf den Damm drüben und sagen mir , daß er die Dächer abschneidet . Versteht sich , tut er das . Aber damit kommen Sie mir nicht los . Sie müssen meiner Schwester , bei dem Einfluß , den Sie auf sie haben , von der Bibelseite her beizukommen und ihr aus einem halben Dutzend Stellen zu beweisen suchen , daß das nicht so ginge , daß das alles nur Selbstgerechtigkeit sei , daß die rechte Liebe von diesem versteckten Hochmut , der nur in Demutsallüren einhergeht , nichts wissen wolle , mit anderen Worten , daß sie sich ändern und ihrem Manne zu Willen sein müsse , statt ihm das Haus zu verleiden . Ja , Sie können hinzusetzen , und halb entspricht es auch der Wahrheit , daß er die ganze Kopenhagener Stellung wahrscheinlich längst aufgegeben hätte , wenn er nicht froh wäre , dann und wann aus dem Druck herauszukommen , den die Tugenden seiner Frau , meiner geliebten und verehrten Frau Schwester , auf ihn ausüben . « » Ach , lieber Baron « , nahm jetzt Schwarzkoppen das Wort , » ich will Ihnen nicht eigentlich entschlüpfen , das ist es nicht , es fehlt mir nicht der gute Wille , nach meiner Kraft mitzuwirken , denn ich sehe die Gefahr , wie Sie sie sehen . Aber mit dem guten Willen ist wenig getan . Wenn Ihre Frau Schwester statt eine protestantische Gräfin eine katholische Gräfin und wenn ich selber statt ein Seminardirektor in Arnewiek ein Redemptoristen- oder wohl gar ein Jesuitenpater wäre , so wäre die Sache sehr einfach . Aber so liegt sie nicht . Von Autorität keine Rede . Alles rein gesellschaftlich , und wenn ich Miene machen wollte , den Seelenarzt , den Beichtvater zu spielen , so wär ich ein Eindringling und täte etwas , was mir nicht zukommt . « » Eindringling « , lachte Arne . » Ich kann doch nicht annehmen , Schwarzkoppen , daß Ihnen Petersen Sorge macht , der mit seinen beinahe Achtzig nachgerade an einem Punkt steht , wo das Rivalisieren und Übelnehmen aufhört . « » Nicht Petersen « , sagte Schwarzkoppen . » Der hat freilich die kleinen Eitelkeiten , die sonst nirgends größer sind als bei meinen pastoralen Amtsbrüdern , längst hinter sich geworfen und würde mir die Rolle des Bekehrers und Wundertäters gönnen . Aber was einem der Zufall bietet , darf man nicht immer ausnutzen . Es spricht hier so vieles dagegen , erschwert und mahnt zur Vorsicht . « » Also abgelehnt . « » Nein , nicht abgelehnt . Ich will tun , was in meinen Kräften steht , aber es kann nur ein ganz Geringes sein . Schon aus äußerlichen Gründen . Ich bin im Amt , und der Weg bis Holkenäs ist nicht allzu nah , so wird sich das bei Gelegenheit , wovon Sie sprachen , nicht allzu oft einstellen können . Aber die Hauptschwierigkeit ist doch immer die Gräfin selbst . Ich habe kaum eine Dame kennengelernt , der ich eine größere Verehrung entgegenbrächte . Sie gesellt zu den Vorzügen einer vornehmen Dame zugleich alle Tugenden einer christlichen Frau . Sie will jeden Augenblick das Beste , das Pflichtmäßige , und diesen ihren Anschauungen von Pflicht eine andere Richtung zu geben , das ist außerordentlich schwer . Unsere Kirche , wie Sie wissen und wie ich zum Überfluß auch schon andeutete , gestattet nichts als Rat , Zuspruch , Bitte . Mehr oder weniger ist alles in Spruchauslegung gelegt , was dem Meinungskampfe Tür und Tor öffnet . Und dazu kommt noch , die Gräfin ist nicht bloß sehr bibelfest , sie hat auch die ganze Kraft derer , die nicht links und nicht rechts sehen , keine Konzessionen machen und durch Starrheit und Unerbittlichkeit sich eine Rüstung anzulegen wissen , die besser schließt als die Rüstung eines milden und liebevollen Glaubens . Mit Widerspruch ist ihr nicht beizukommen und noch weniger mit überlegener Miene . « » Gewiß . Auch kann ich nur wiederholen : es muß sich alles wie von ungefähr ergeben . « » Alles , was ich tun kann , ist - wenn ich mich als halber Schulmeister , der ich jetzt bin , auf ein etwas gelehrt klingendes Wort ausspielen darf - ein prophylaktisches Verfahren . Verhütung , Vorbauung . Ich will mir Geschichten zurechtlegen , Geschichten aus meinem früheren Pfarrleben - in welche Verschlingungen und Verirrungen gewinnt man nicht Einblick ! - , und will versuchen , diese Geschichten still wirken zu lassen . Ihre Frau Schwester ist in gleichem Maße phantasievoll und nachdenklich ; das Phantasievolle wird ihr das Gehörte verlebendigen , und ihre Nachdenklichkeit wird sie zwingen , sich mit dem Kern der Geschichte zu beschäftigen , und sie so vielleicht zunächst zu einem Wandel der Anschauung und weiterhin zur Selbstbekehrung führen . Das ist alles , was ich versprechen kann . Ein sehr langsames Verfahren und vielleicht ein Aufwand von Kraft , der in keinem Verhältnis steht zu dem , was dabei herauskommt . Aber ich will mich meiner Aufgabe wenigstens nicht entziehen , weil ich ein Einsehen habe , daß es nötig ist , innerhalb vorsichtig zu ziehender Grenzen irgend etwas zu tun . « » Abgemacht , Schwarzkoppen ; ich hab Ihr Wort . Und damit gut . Zudem , die Zeit ist günstig für das , was wir vorhaben . Holk erwartet in etwa vier Wochen seine Zitierung zur Prinzessin nach Kopenhagen , und dann ist er fort bis Weihnachten . In der zwischenliegenden Zeit bin ich oft drüben , um , wie herkömmlich , wenn Holk in Kopenhagen ist , in Wirtschaft und Buchführung nach dem Rechten zu sehen ; ich werde mich , wenn ich hinüberfahre , regelmäßig erst mit Ihnen benehmen und anfragen , ob Sie mich begleiten können . Auch das möcht ich noch sagen dürfen , allemal wenn er fort ist , ist sie in einer weichen und beinah zärtlichen Stimmung , und die große Liebe , die sie früher für ihn hegte und die sie gegenwärtig mehr haben will , als daß sie sie wirklich hat , diese Liebe wird dann immer wieder lebendig . Kurzum , ihr Gemüt ist in seiner Abwesenheit ein Acker , darin jedes gute Samenkorn aufgeht . Es kann nur darauf ankommen , ihr einmal alles von einer anderen , einigermaßen mitberechtigten Seite zu zeigen . Glückt uns das , so haben wir gewonnen Spiel . Bei dem Ernst und der Nachhaltigkeit , womit sie alles austrägt , kommt sie , wenn ihrem Geiste nur erst die rechte Richtung gewiesen ist , von selber ans rechte Ziel . « Man hatte jetzt den an der anderen Seite der Bucht sich hinziehenden Damm erreicht , auf dem noch , auf eine kurze Strecke hin , die Fahrstraße lief . Unten lag die Stadt , in ihrer Mitte von der Katharinenkirche , darin das Seminar eingebaut war , und am Ausgange von einem alten hochgelegenen Schloßbau , » Schloß Arne « , überragt . Als der Wagen die Dammschrägung nach der Stadt zu hinabfuhr , sagte Schwarzkoppen : » Ein wunderliches Spiel ; sind wir doch wie zwei Verschwörer , die nächtlicherweile Pläne schmieden , Pläne , bei denen mir wohl die Rolle zufällt , die eigentlich dem alten Petersen zufallen müßte . Und das um so mehr , als die Gräfin ihn eigentlich schwärmerisch verehrt und nur über den Rationalisten in ihm nicht gut fortkommen kann . Über den Rationalisten ! Ein bloßes Wort , und bei Lichte besehen ist es nicht mal so schlimm damit , am wenigsten jetzt . Er ist nun nah an der Grenze der uns hienieden bewilligten Zeit und hat hellere Augen als wir , vielleicht in all und jedem und in Dingen von dieser Welt nun schon ganz gewiß . « Sechstes Kapitel Die schönen Herbsttage schienen andauern zu wollen . Auch am anderen Morgen war es wieder hell und sonnig , und das gräfliche Paar nahm das Frühstück im Freien unter der Fronthalle . Julie von Dobschütz mit ihnen . Asta übte nebenan , Axel und der Hauslehrer waren in den Dünen auf Jagd , was die Michaelisferien gestatteten , von denen die Gräfin , wie von Ferien überhaupt , als Regel nicht viel wissen wollte ; Ferien in der Stadt und auf Schulen , das habe Sinn , hier draußen aber , wo man in Gottes freier Natur lebe , seien sie mindestens überflüssig . Hieran hielt die Gräfin prinzipiell seit lange fest und lächelte überlegen , wenn der Graf seinen entgegengesetzten Standpunkt verteidigte ; gegen die diesjährigen Michaelisferien aber hatte sie , trotz ihrer unveränderten Anschauungen , ausnahmsweise nichts einzuwenden , weil sie den Plan , beide Kinder mit Beginn des Winterkursus in Pension zu geben , noch immer nicht aufgegeben hatte . Da bedeuteten denn die paar Tage nicht viel . Der Graf seinerseits zeigte hinsichtlich der Schul- und Pensionsfrage nach wie vor die von der Gräfin immer wieder beklagte Laschheit ; er war nicht eigentlich dagegen , aber er war auch nicht dafür . Jedenfalls bestritt er , daß es irgendwelche Eile damit habe , worauf dann die Gräfin mit einer gewissen Gereiztheit antwortete : das gerade könne sie nicht gelten lassen ; es sei nicht bloß an der Zeit , es sei sogar höchste Zeit ; Asta sei sechzehn , Axel werde fünfzehn , das seien die Jahre , wo der Charakter sich bilde , wo der Kreuzweg käme , wo sich ' s entscheide nach links oder rechts . » Und ob schwarze oder weiße Schafe « , warf Holk spöttisch ein und griff nach der Zeitung . Aber gerade diese spöttische Behandlung , die der Gräfin zeigen sollte , daß sie das alles mal wieder viel zu wichtig nähme , steigerte nur ihren Ernst , und so sagte sie denn , ohne auf die Gegenwart der Dobschütz , die ohnehin eine Eingeweihte war , Rücksicht zu nehmen : » Ich bitte dich , Helmuth , verzichte doch endlich darauf , eine ernsthafte Sache ins Scherzhafte zu ziehen . Ich erheitere mich gern ... « » Pardon , Christine , das scheint seit gestern deine Parole . « » Ich erheitere mich gern « , wiederholte sie , » aber alles zu seiner Zeit . Ich verlange keine Zustimmung von dir , ich verlange nur eine feste Meinung , sie braucht nicht einmal begründet zu sein . Sage , daß du Herrn Strehlke für ausreichend hältst und daß dir Elisabeth Petersen lieber ist als ein ganzes Pensionat junger Damen - ich werde beides nicht glauben , aber ich werde mich unterwerfen und schweigen . Nur freilich nenne das nicht Erziehung ... « » Ach , liebe Christine , das ist nun mal dein Steckenpferd oder eins aus der Reihe davon , und wenn du nicht als Baronesse Arne geboren wärest , so wärest du Basedow oder Pestalozzi geworden und könntest Schwarzkoppen als Seminardirektor ablösen . Oder wohl gar sein Inspizient werden . Erziehung und immer wieder Erziehung . Offen gestanden , ich für meine Person glaube nicht an die Wichtigkeit all dieser Geschichten . Erziehung ! Auch da ist das Beste Vorherbestimmung , Gnade . In diesem Stück , so gut lutherisch ich sonst bin , stehe ich zu Calvin . Und falls Calvin dich verdrießt , beiläufig auch eine von deinen höheren Gesinnungskapricen , so laß mich dir einfach das alte Sprichwort sagen : Wie man in die Wiege gelegt wird , so wird man auch in den Sarg gelegt . Erziehung tut nicht viel . Und wenn dann schon von Erziehung die Rede sein soll , so ist es die , die das Haus gibt . « Die Gräfin zuckte leis mit den Achseln , Holk aber sah darüber hin und fuhr fort : » Haus ist Vorbild , und Vorbild ist das einzige , dem ich so was wie erziehliche Kraft zuschreibe . Vorbild und natürlich Liebe . Und ich liebe die Kinder , darin werd ich doch hoffentlich deinen Beifall finden , und sie jeden Tag zu sehen ist mir Bedürfnis . « » Es handelt sich , Helmuth , nicht um das , wessen du bedarfst , sondern es handelt sich um das , wessen die Kinder bedürfen . Du siehst die Kinder nur beim Frühstück , wenn du Dagbladet , und beim Tee , wenn du die Hamburger Nachrichten liest , und bist verstimmt , wenn sie sprechen oder wohl gar eine Frage an dich richten . Es ist möglich , daß dir die Nähe der Kinder ein gewisses Wohlgefühl gibt , aber es ist damit nicht viel anders als mit der Zuckerdose da , die regelmäßig rechts von dir stehen muß , wenn es dir wohl sein soll . Du bedarfst der Kinder , sagst du . Glaubst du , daß ich ihrer nicht bedarf , hier in dieser Einsamkeit und Stille , darin ich nichts habe als meine gute Dobschütz ? Aber das Glück meiner Kinder gilt mir mehr als mein Behagen , und das , was die Pflicht vorschreibt , frägt nicht nach Wohlbefinden . « Holk strich mit der Linken über das Tischtuch , während er mit der Rechten die Zuckerdose drei- , viermal auf- und zuknipste , bis die Gräfin , die bei diesem Tone jedesmal nervös wurde , die Dose beiseite schob , was er ruhig geschehen ließ . Denn er begriff vollkommen , daß solche schlechte Angewohnheit schwer zu ertragen sei . Mehr noch , der ganz geringfügige Zwischenfall gab ihm seine gute Laune wieder . » Meinetwegen , Christine . Besprich es mit Schwarzkoppen und deinem Bruder und natürlich mit unserer guten Dobschütz . Und dann tut nach eurem Ermessen . Ist es doch überhaupt nutzlos , über all das eine Fehde zu führen , und ich ärgere mich nachträglich über jedes Wort , das ich dir geantwortet habe . Denn eigentlich « , und er nahm ihre Hand und küßte sie , » eigentlich ist es doch eine kleine Komödie , die du spielst , eine liebenswürdige kleine Komödie . Du willst mich , ich weiß freilich nicht recht warum , in dem Glauben erhalten , als ob ich hier auf Holkenäs etwas zu sagen hätte . Nun , Christine , du bist nicht bloß viel charaktervoller als ich , du bist auch viel klüger ; aber so wenig klug bin ich doch nicht , daß ich nicht wissen sollte , wer hier Herr ist und nach wem es geht . Und wenn ich eines Morgens hier am Frühstückstisch erschiene und du sagtest mir : Ich habe über Nacht zwei Pakete gemacht , und das eine habe ich nach Schnepfenthal und das andere nach Gnadenfrei geschickt , und in dem einen Paket war Axel und in dem anderen war Asta , so weißt du mit jeder erdenklichen Gewißheit , daß ich vielleicht einen Augenblick stutzen , aber gewiß nicht widersprechen oder mich wohl gar bis zu Vorwürfen steigern würde . « Die Gräfin lächelte halb befriedigt , halb wehmütig . » Nun sieh « , fuhr Holk fort , » du gibst mir recht , und wenn du noch einen Augenblick damit zögern wolltest , so würde ich mich zur Entscheidung an unsere Freundin Julie wenden . Nicht wahr , liebe Dobschütz , es ist eine Torheit und eigentlich ein grausames Spiel , von den Widersprüchen oder Unentschlossenheiten eines Mannes zu sprechen , dessen Unentschlossenheiten nie ein Hindernis sind , weil sie durch die Bestimmtheiten seiner besseren Hälfte zu baren Gleichgültigkeiten herabsinken . Aber da biegt ja die Dronning Maria grad um Farö-Klint herum . Noch fünf Minuten , so ist sie heran . Ich schlage vor , daß wir bis an die Landungsbrücke gehen und die Kopenhagener Briefschaften in Empfang nehmen . « » Nein , ich « , rief Asta , die das Wort von dem Herankommen der Dronning Maria nebenan gehört und den Flügel , auf dem sie übte , sofort zugeklappt hatte . » Nein , ich ; ich bin flinker . « Und ehe noch mit einem Ja oder Nein geantwortet werden konnte , flog sie schon die Terrasse hinunter und auf den Pier zu , dessen Endpunkt sie fast in demselben Augenblicke erreichte , wo das Schiff anlegte . Der Kapitän , der die junge Comtesse sehr wohl kannte , grüßte militärisch und reichte dann persönlich von der Kommandobrücke her die Zeitungen und Briefschaften . Einen Augenblick später setzte sich das Schiff , auf Glücksburg zu , weiter in Bewegung . Asta aber eilte zurück ; auf die Terrasse zu , und als sie halb herauf war , hielt sie schon einen Brief in die Höhe , an dessen Format und großem Siegel Graf und Gräfin unschwer erkannten , daß es ein dienstliches Schreiben sei . Gleich danach war die junge Comtesse wieder oben unter der Säulenhalle und legte die Zeitungen auf den Tisch , während sie den Brief dem Papa überreichte . Dieser überflog die Adresse und las : » Sr. Hochgeboren dem Grafen Helmuth Holk auf Holkenäs , stellvertretendem Propst des adligen Konvents zu St. Johannes in Schleswig , Kammerherr I. K. H. der Prinzessin Maria Eleonore . « » So korrekt und so vollständig « , sagte die Gräfin , » schreibt nur einer . Der Brief muß also von Pentz sein . Ich muß immer lachen , wenn ich an ihn denke , etwas Polonius und etwas Hofmarschall Kalb . Asta , du solltest aber weiterüben ; die Dronning Maria , glaub ich , kam dir sehr zupaß . « Und Asta ging an den Flügel zurück . Holk hatte inzwischen den Brief geöffnet und begann ohne weiteres mit seiner Verlesung , weil er wußte , daß er keine Staatsgeheimnisse verraten würde . » Kopenhagen , Prinzessinnen-Palais 28. September 1859 Lieber Holk . Unsren freiherrlichen Gruß zuvor ! Und meinem Gruß auf der Ferse die ganz ergebenste Bitte , mich ' s nicht entgelten lassen zu wollen , daß ich auf dem Punkt stehe , das Familienleben auf Schloß Holkenäs zu stören . Unser Freund Thureson Bille , der am 1. Oktober den Dienst bei der Prinzessin antreten und mit Erichsen alternieren sollte , liegt seit drei Wochen an den Masern danieder , eine Kinderkrankheit , von der man in diesem Falle sagen darf ( ich zitiere hier unsre Prinzessin , Königliche Hoheit ) , sie habe sich an den rechten Mann gewandt . Nun hätten wir freilich noch Baron Steen , aber der ist gerade in Sizilien und wartet schon seit fünf Wochen auf einen Ätna-Ausbruch . Seitdem Steen allerpersönlichst sein eruptives Leben nicht mehr fortsetzen kann , hat er sich den Eruptionen der feuerspeienden Berge zugekehrt . Wie seine eigne Vergangenheit ihm daneben erscheinen mag ! Ich kenne ihn nun seit dreißig Jahren . Er war , trotz aller Anstrengungen , ein Don Juan zu sein , im wesentlichen immer nur ein Junker Bleichenwang , also , gemessen an seinen Ansprüchen , so ziemlich das Lächerlichste , was man sein kann . Aber lassen wir das und wenden wir uns der Hauptsache zu ; Steen und Bille versagen , und so bleiben nur Sie . Die Prinzessin selbst läßt Ihnen und der liebenswürdigen Gräfin ihr Bedauern darüber aussprechen und beauftragt mich , hinzuzufügen , sie würde sich mühen , Ihnen die Tage so leicht und angenehm wie möglich zu machen . Und das wird ihr auch gelingen . Der König hat vor , den Spätherbst in Glücksburg zuzubringen , die Danner natürlich mit ihm , und so finden Sie denn unsere Serenissima , die , wie Sie wissen , mit der Danner nicht gern dieselbe Luft atmet , bei bester Laune . Die Stellung Halls , der in politicis nach wie vor der Liebling im Prinzessinnen-Palais ist , ist erschüttert , aber auch das trägt dazu bei , die Stimmung der Prinzessin selbst zu verbessern , denn dem Bauern-Ministerium , das nah bevorsteht , verspricht alle Welt nur eine Dauer von vier Wochen , und wenn Hall dann wieder eintritt ( und man wird ihn beschwören , es zu tun ) , so steht er fester denn je zuvor . Im übrigen , lieber Holk , und ich freue mich , dies hinzusetzen zu dürfen , ist es nicht nötig , daß Sie sich hasten und eilen und gleich den ersten Dampfer benutzen ; die Prinzessin läßt Ihnen dies eigens sagen , eine besondere Gunstbezeugung , da Pünktlichkeit im Dienst zu den Dingen gehört , auf die sie sonst hält und bei denen sie unter Umständen empfindlich werden kann . Ich breche hier ab und nehme nichts vorzeitig aus dem Sack voll Neuigkeiten heraus , den ich für Sie habe . Die Prinzessin nimmt es außerdem übel , wenn man vorweg ausplaudert , was sie selber gern erzählen möchte . Nur ein Kosthäppchen . Adda Nielsen quittiert die Bühne und wird Gräfin Brede , nachdem sie vierzehn Tage lang geschwankt , ob sie nicht lieber in ihrer freieren und finanziell vorteilhafteren Stellung bei Grossierer Hoptrup verbleiben solle . Das Legitime hat aber doch auch einen Reiz , und nun gar eine legitime Gräfin ! Hoptrup , selbst wenn er ein Witwer werden sollte ( woran vorläufig noch gar nicht zu denken ) , kann , trotz seiner Millionen , über den Etatsrat nie hinaus . Und das ist für die Ansprüche einer ersten Tragödin zuwenig . De Meza ist Flügeladjutant geworden , Thomsen und Worsaae haben sich mal wieder gezankt , natürlich über einen ausgehöhlten versteinerten Baumstamm , den Worsaae bloß bis auf Ragnar Lodbrock , Thomsen aber , dem das