Da wollen sie , wenn mir recht ist , herauskriegen , wie die Welt entstanden ist und woraus und wann . « » Und vielleicht auch warum ? Ein sehr interessantes Studium ... Und er dichtet auch ? « Wanda bejahte , zugleich hinzusetzend , daß es nichts Leichtes gewesen sei , seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stück wie » Judith und Holofernes « abzugewinnen . » Er werde seine Muse nicht entweihen « , seien damals seine Worte gewesen . Aber sie habe , Gott sei Dank , Mittel in Händen gehabt , ihn zu zwingen . » Ah , ich verstehe ... « » Nein , nicht das , Herr Graf . Er ist ein sehr verschämter junger Mann und liest mir bloß seine großen Trauerspiele vor , immer mit einem Vorspiel . Und dabei hofft er auf meine Fürsprache . Damit hab ich ihn in der Gewalt . Freilich , ich muß es sagen , es wird nichts mit ihm . Aber ein guter Junge , der mir alles zuliebe tut . « » Glaub ich « , lachte der Baron . » Aber , meine Gnädigste , wer wollt es auch anders ? Und nun denk ich , wir machen einen Whist . « Ein Spieltisch wurde herbeigeschafft und aufgeklappt , und die drei Herren und Wanda nahmen Platz . Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein Champagnerkühler gesetzt , und der alte Graf in Person machte den Wirt . Eigentlich trank nur Wanda , trotzdem auch ihr ein Spatenbräu sehr viel lieber gewesen wäre . Stine stand hinter Papagenos Stuhl und mußte die Versicherung mit anhören , » eine reine Jungfrau bringe Glück « . Die Pittelkow machte sich wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank . So verging eine gute Weile . Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin und sagte : » Kommt nichts dabei heraus . Ein Spiel ist eigentlich nur was , wenn es la banque ou la vie geht . Ich glaub , ich habe sieben Mark verloren , und quäle mich nun schon eine Glockenstunde . Wanda , sind Sie bei Stimme ? Natürlich ; was frag ich noch . Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich . Omnia mea mecum portans ... « Papageno lachte . Der alte Graf aber fuhr fort : » Omnia mea ... Welche Perspektive ! Auf Ihr Wohl , Wanda . Und auf das Ihre , Fräulein Stine . Pauline braucht unser Wohl nicht , der ist wohl von selbst . « » Na , na , Graf . Bloß nich so . Von selbst ? Wovon denn ? Weiß es Gott , es is auch nich immer ' n Vergnügen . « » O vorzüglich , Pauline . Du bist doch die Beste . Stoß an , Kind . Aber nun singen , Wanda . « » Ja , wer begleitet ? « » Natürlich der , der allein begleiten kann : Papageno . « » Gut , gut . « Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier , drehte den kleinen Schlüssel und öffnete . » Was soll es sein ? « » Nun « , sagte der alte Graf , » das wenigstens sind wir dir schuldig , Freund , daß wir mit der Papageno-Arie beginnen . Also : Bei Männern , welche Liebe fühlen , fehlt auch ein gutes Herze nicht . Aber freilich , das ist eine Platitüde , das ist selbstverständlich . Erst was folgt , ist das Eigentliche . Die süßen Triebe mitzufühlen ist dann des Weibes erste Pflicht . « Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schluß : » ist dann des Weibes erste Pflicht « . Wanda aber , die , wie die meisten ihrer Art , an ganz unmotivierten Anstands- und Tugendrückfällen litt , sagte mit einem Male : » Nein , meine Herren , es ist noch zu früh . Ich finde , dies Lied ist schon über der Grenze . « Die Herren sahen einander an , weil keiner wußte , was er aus diesem Unsinn machen sollte , die Pittelkow aber , die sich über das » Wandasche Gehabe « ganz aufrichtig ärgerte , fuhr energisch dazwischen und sagte : » Jott , Wanda , bloß keine Geschichten . Jrenze ! Wenn einer so was hört ! Man is entweder rüber oder man is nich rüber . Un wenn man erst rüber is , und wir sind rüber , dann is es auch ganz egal , ob es Klock zehn is oder Klock elfe . Nein , Wanda , bloß nich zieren . Immer anständig , dafür bin ich , aber zieren kann ich nich leiden . « Es schien sich ein Streit entspinnen zu sollen , der , bei dem rücksichtslosen Charakter der Pittelkow , bei der alles immer biegen oder brechen mußte , leicht zu sehr unliebsamen Erörterungen hätte führen können . Niemand wußte das , nach allerpersönlichsten Erfahrungen , besser als der alte Graf selbst . Er sprang also über den Streitpunkt rasch weg und sagte : » Dann bin ich , wenn es die Zauberflöte nicht sein kann , für den Alten Feldherrn . Aber im Kostüm . « Das wurde denn auch allerseits freudig aufgenommen , und nach kurzem Rückzug in die Nebenstube trat Wanda wieder ein , rot drapiert und eine Gardinenstange statt des Fahnenstocks in der Hand . » Singen , singen ! « » Ich werde ja « , sagte Wanda , sich vor ihrem Publikum verneigend , » aber was ? Der Alte Feldherr hat zwei Stücke . « » Nun denn , das Hauptstück : Fordre niemand , mein Schicksal zu hören . Ein wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend . Eigentlich könnt es jeder singen , vor allem solche alte Feldherrn wie wir . Nicht wahr , Papageno ? Aber nun anfangen . Schnell , schnell . « Und im nächsten Augenblick brach es los , und durch alle drei Stockwerke hin , so daß selbst die Polzins oben es hören konnten , klang es in immer erneutem Refrain : » Ist mir nichts , ist mir gar nichts geblieben Als die Ehr und dies alternde Haupt . « Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kahlen Kopfstelle . Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten , wobei die Pittelkow , die viel Gehör hatte , die zweite Stimme sang , während Sarastro mit seinem Baß und der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen Bariton einfielen . Nur der junge Graf und Stine schwiegen und wechselten Blicke . Sechstes Kapitel So verging noch eine Stunde . Dann brach man endlich auf , und Sarastro und Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre , Fräulein Wanda , » damit ihr nichts zustoße « , gemeinschaftlich nach Hause bringen zu dürfen . Der junge Graf schloß sich wohl oder übel an . Die so doppelt und dreifach Gefeierte drang freilich ihrerseits auf Vereinfachung des Verfahrens , immer wieder versichernd , » daß einer genüge « . Sie sah sich aber überstimmt . » Die Verantwortung sei zu groß . « Als alle fort waren , nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille , walzte mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte dann : » So , Stine , nu wird es erst nett . Eine braune Kanne voll hab ich uns gleich noch beiseite gestellt , und ein paar Morgensemmeln sind auch noch da . Die werden nu woll zäh genug sein , aber mit Butter geht es doch , da rutschen sie ... Nein , diese Wanda ; nich zu glauben . Und eine Stimme , wie ' ne Harfenjule . « Stine versuchte zum Guten zu reden und warf der Schwester vor , daß sie , wie gewöhnlich , viel zu streng sei . Zudem verrate sie sich ; alles , was sie da sage , sei doch bloß aus Eifersucht . Aber sie brauche gar nicht eifersüchtig zu sein , denn alle drei seien ja mitgegangen , und drei seien immer besser als einer . Die gute Wanda ! Nun ja , wenn man wolle , so ließe sich jedem was ans Zeug flicken ( ihnen beiden auch ) , alles in allem aber sei die Grützmacher eigentlich eine nette Person und jedenfalls eine sehr gutmütige . » Ja « , sagte Pauline , » das ist sie ; man bloß so wichtig und zierig . Und wenn sie sich dann ausgeziert hat , denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so was Johliges und Genierliches . « » Du bist heute gut im Zuge « , lachte Stine . » Das also ist Wanda . Und nun sage mir , wie bin ich denn ? Aber nein , sag es nur lieber nicht ... « » Will auch nicht ... « » Sage mir lieber etwas über die drei . Wie steht es mit dem alten Grafen ? « » Ein Ekel . « » Und mit dem Baron ? « » Ein Dummbart . « » Und mit dem jungen Grafen ? « » Ein armes , krankes Huhn . « Siebentes Kapitel Der nächste Tag verging , ohne daß sich die Schwestern auch nur gesehen hätten : die Pittelkow hatte wieder Ordnung zu schaffen , und Stine sollte bis Sonnabend abend noch eine große Rahmenstickerei abliefern . Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite vergehen zu sollen . Niemand kam zu Stine hinauf , und diese - nachdem Olga den Drücker gebracht hatte - wußte nur das eine , daß ihre Schwester Pauline mit beiden Kindern in die Stadt gegangen sei . Langsam schwanden die Stunden , und die niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger Bahnhofs , als ein elegant gekleideter Herr die Invalidenstraße heraufkam und in Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann . Es war der junge Graf , der , seinem Sehen und Suchen nach zu schließen , die Pittelkowsche Hausnummer samt ihrem a , b , c vergessen haben mußte , trotzdem aber darauf rechnete , sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden . Und sei ' s nun aus Zufall oder mit Hilfe kleiner Zeichen , er traf es wirklich ; und als er gleich danach auf dem ersten Treppenflur » Witwe Pittelkow « las , stieg er , nunmehr sicher geworden , ohne weiteres bis ins dritte Stock hinauf und klingelte . Stine , die die Schwester erwartet haben mochte , kam rasch und öffnete . » Gott , Herr Graf . « » Ja , Fräulein Stine . « » Sie wollen zu meiner Schwester : meine Schwester muß gleich zurückkommen . Ich habe Drücker und Schlüssel und kann Ihnen aufschließen . « » Nein , ich will nicht zu Ihrer Schwester ; ich will zu Ihnen , Fräulein Stine . « » Das geht nicht , Herr Graf . Ich bin allein , und ein alleinstehendes Mädchen muß auf sich halten . Sonst gibt es ein Gerede . Die Leute sehen alles . « Er lächelte . » Wenn es so ist , Fräulein Stine , dann ist rasches Eintreten immer noch das sicherste . « » Nun gut , Herr Graf ... Ich bitte ... « Und damit trat sie von der Korridortür zurück und ging ihm voran , auf ihr Zimmer zu . Die Polzin hatte , solange das Gespräch dauerte , beobachtend an ihrem Türguckloch gestanden . Im selben Augenblick aber , wo Stine , voranschreitend , den Grafen in ihr Zimmer führte , wandte sie sich ebenfalls in ihre halbdunkle Stube zurück , in der auf einem kienen Klapptisch bereits das Abendbrot für ihren Mann stand : ein Bückling und ein rundes Landbrot , von dem sie jedesmal zwei kaufte , » weil sich das frische zu sehr wegschneide « . » Na « , sagte Polzin , » was meinst du , Mutter ? Drei Mark mehr is nu woll nich zuviel ? « » Drei ... ? Wo denkst du hin ? Wenigstens fünfe . Man bloß , daß es noch nich sicher is . Er war so zittrig und bibberte so . « Und bei diesen Worten legte sie das Ohr wieder an die Wand , während Polzin , der mit seiner Klapperei die Horcherszene nicht stören wollte , von seiner Arbeit aufstand und sich an sein Abendbrot machte . Achtes Kapitel Der unerwartete Besuch war inzwischen in das Frontzimmer eingetreten , und während Stine wieder auf das Fenster und ihre hier aufgestellte Rahmenstickerei zuschritt , forderte sie den jungen Grafen auf , auf dem schräg zur Seite stehenden Sofa Platz zu nehmen . Er lehnte dies aber ab und schob statt dessen einen Stuhl in die Nähe Stines , die sich ihrerseits sofort wieder ihrer Arbeit zuwandte , freilich in sichtlicher Erregung . Die Nadel flog , und der orangefarbene Faden von Flockseide blitzte bei jedem neuen Stich , den sie machte . » Nun , Herr Graf « , begann sie , während sich ihr Kopf immer tiefer auf die Stickerei senkte , » was verschafft mir die Ehre ? Was führt Sie zu mir ? « Aber ehe der , an den sich die Frage richtete , noch antworten konnte , fuhr sie schon mit einer ihr sonst fremden Lebendigkeit fort : » Ich glaube , Sie verkennen mich . Sie mögen darüber lachen , aber ich bin ein ordentliches Mädchen , und ist keiner in der Welt , der hintreten und zu mir sagen kann : Du lügst . Ich sehe ja , wie ' s geht ... nein , nein , lassen Sie mich ausreden ... , und solch ein Leben , wie ' s meine Schwester führt , verführt mich nicht ; es schreckt mich bloß ab , und ich will mich lieber mein Leben lang quälen und im Spital sterben als jeden Tag alte Herren um mich haben , bloß um Unanständigkeiten mit anhören zu müssen oder Anzüglichkeiten und Scherze , die vielleicht noch schlimmer sind . Das kann ich nicht , das will ich nicht . Und nun wissen Sie , woran Sie sind . « » Fräulein Stine « , sagte der junge Graf , » Sie sagen , ich irrte mich in Ihnen . Ich glaube nicht , daß ich mich in Ihnen irre . Aber selbst wenn es so wäre , so lassen Sie mich Ihnen sagen , Sie irren sich auch in mir . Ich komme zu Ihnen , weil Sie mir gefallen und mir eine Teilnahme eingeflößt haben , oder lieber rundheraus , weil Sie mir leid tun . Ich hab es Ihnen wohl angesehen , daß an dem Abende neulich nicht alles nach Ihrem Sinn und Geschmack war , und da nahm ich mir vor , du willst sehen , wie ' s dem Fräulein Stine geht . Ja , Fräulein , das nahm ich mir vor , und wenn ich Ihnen helfen kann , so will ich Ihnen helfen und Ihnen Ihre Freiheit wiedergeben und Sie losmachen aus dieser Umgebung . Ich glaube , daß ich es kann , trotzdem ich kein Prinz bin und noch weniger ein Wundertäter . Und Sie dürfen auch nicht fürchten , daß ich eines Tages mit der Absicht kommen werde , mir einen schönen Dank dafür zu holen . Nein , nichts davon . Ich bin krank und ohne Sinn für das , was die Glücklichen und Gesunden ihre Zerstreuung nennen . Eine lange Geschichte , womit ich Sie nicht behelligen will , wenigstens heute nicht . « Er hatte sich , während er diese letzten Worte sprach , erhoben und sah , seine Hand auf Stines Stuhl lehnend , in den Sonnenball , der eben zwischen den nach Westen stehenden Bäumen des Invalidenparks niederging . Alles schwamm in einem goldenen Schimmer , und das Schweigen , in das er verfiel , zeigte , daß er auf Augenblicke von nichts als von der Schönheit des sich vor ihm auftuenden Bildes hingenommen war . Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte : » Was hab ich da gesprochen von Freiheit geben und Sie wieder losmachen wollen ! Geben Sie mir keine Antwort darauf . Alles falsch und eingebildet und töricht dazu . Weil ich mich selber hilfebedürftig fühle , war ich wohl des Glaubens , Sie müßten auch hilfebedürftig sein . Aber ich empfinde mit einem Male , daß Sie ' s nicht sind , daß Sie ' s nicht sein können . « Stine lächelte vor sich hin . Der junge Graf aber , der es nicht sah oder nicht sehen wollte , fuhr in dem ihm eigentümlich elegischen Tone fort : » Ja , Fräulein Stine , das Kranksein , das eigentlich von Jugend auf mein Lebensberuf war , es hat auch seine Vorteile ; man kriegt allerlei Nerven in seinen zehn Fingerspitzen und fühlt es den Menschen und Verhältnissen ab , ob sie glücklich sind oder nicht . Und mitunter sogar den Räumen , darin die Menschen wohnen . Und hier lehren mich meine Sinne , Sie können nicht unglücklich sein . Es ist nicht ein Zufall , daß ein solches Bild hier vor Ihnen ausgebreitet liegt , und ein Zimmer , in das die Sonne jeden Abend so freundlich blickt , das ist ein gutes Zimmer . « » Ja « , sagte Stine , » das ist es . Freilich , man soll sich seines Glückes nicht rühmen , schon , um ' s nicht zu berufen . Aber es ist wahr , ich bin glücklich . « Der junge Graf sah sie bei diesen Worten forschend und beinah verwundert von der Seite her an . Er hatte sich darin gefallen , ihr , um der freundlichen Umgebung willen , in der er sie gegen Erwarten antraf , ohne weiteres das Glück zuzusprechen , und war nun doch betroffen , sie so rundheraus das bestätigen zu hören , was er ihr selber eben gesagt hatte . Stine sah das alles und setzte deshalb hinzu : » Sie müssen nun freilich nicht denken , ich wisse vor lauter Glück nicht ein noch aus . So steht es auch nicht . Ich bin glücklich , aber nicht wie die , welche die Not nicht kennen und immer nur gute Tage haben . Und bin auch nicht so glücklich wie die katholische Schwester , die mich letzten Winter in meiner Krankheit pflegte . Solche fromme Seele , die nichts will als Gott wohlgefällig sein , ja , die hat freilich mehr , und mit der steht es besser . Aber ich bin so gut dran wie gewöhnliche Menschen , die Gott schon danken , wenn ihnen nichts Schlimmes passiert . « » Und das Zusammenleben mit Ihrer Schwester ! Ist es Ihnen keine Last und keine Sorge ? « » Nein . Ich liebe meine Schwester und sie liebt mich . « » Aber Sie sind doch so sehr verschieden . « » Nicht so sehr , wie Sie glauben . Sie verkennen meine Schwester ; meine Schwester ist sehr gut . « » Aber das Verhältnis , in dem sie steht ! Es muß doch darüber geredet werden und Anstoß geben bei Leuten , die noch ihren Katechismus haben und die Zehn Gebote halten . « » Ja , bei denen gibt es freilich Anstoß , und meine Schwester , wenn sie mit solchen zusammentrifft , muß oft böse Worte hören . Aber so heftig sie sonst ist , so ruhig ist sie dabei . Sie hat nämlich einen sehr guten Verstand und ein großes Gerechtigkeitsgefühl , und wenn sie solche Worte hört , so sagt sie : Ja , Stine , das ist nun mal nicht anders ; wer sich in den Rauch hängt , der wird schwarz . « » Nun gut . Aber einen je besseren Verstand Ihre Schwester hat und je mehr sie zugibt , so , wie sie lebt , das Urteil und Gerede der Leute herauszufordern , desto mehr muß sie doch leiden unter der Mißachtung , die sie trifft . « » Es wäre vielleicht so « , nahm Stine wieder das Wort , » wenn alle Menschen in einerlei Weise dächten . Aber das ist nicht der Fall . Die , die sie verurteilen - und die mitunter lieber schweigen sollten - , das sind immer nur einzelne ; die meisten plappern ihre Lehren und Vorwürfe nur so herunter und meinen es nicht bös und denken in ihrem Herzen ganz anders darüber . « » Wie das ? « » Ja , das ist schwer zu sagen , aber es ist so und kann auch kaum anders sein . Denn die , die Not leiden , wollen vor allem aus ihrer Not und ihrem Elend heraus und sinnen und simulieren bloß , wie das zu machen sei . Brav sein und sich rechtschaffen halten , das ist alles sehr gut und schön , aber doch eigentlich nur was Feines für die Vornehmen und Reichen , und wer arm ist und das Feine mitmachen will , über den ziehen sie bloß her - und die gestern noch die Strengsten waren , am meisten - und reden und spotten , daß man was Apartes sein wolle . Die denkt wohl , sie sei es . Ach , wie oft hab ich das hören müssen . « » Welche Verworrenheit der Begriffe . « » Ja , so nennen Sie ' s , und ich mag nicht widersprechen . Aber dieselben Leute , die so verworren scheinen , sind auch wieder sehr hell und halten auf Pflicht , wo sie sich aus freien Stücken verpflichtet haben . Und das gleicht manches wieder aus . Neben ihrem bloßen Gerede , das heute so ist und morgen so , gibt es auch was , das ihnen feststeht , und das ist das Wort und die Zusage . Mit dem sich gut halten , solange man frei ist , kann man ' s am Ende halten , wie man will ; aber mit dem Kontrakte muß man ' s halten , wie man soll . Was ich übernehme , das gilt , und ehrlich sein ist die Hauptsache geworden . Und so kann es einer armen Frau passieren , in einem Verhältnis , das nicht löblich ist , doch noch gelobt zu werden . « » Und dieses Vorzuges genießt Ihre Schwester ? « » Ja . Daß sie das Verhältnis hat , ist ihr kein Lob , aber bei der großen Mehrzahl auch keine Schande . Die arme Frau , so sagen sie , sie hätt ' s lieber anders . Aber sie muß . Und muß ist eine harte Nuß . Und so läßt man sie ' s nicht entgelten und fordert nur das eine von ihr , daß sie , was sie versprochen , auch respektiere . Wanda darf tun und lassen , was sie will , meine Schwester Pauline darf es nicht . Die muß halten , wozu sie sich verpflichtet , und ich darf Ihnen versichern , es wird gehalten . « » Und in das alles hat sich Ihre Schwester hineingefunden ? Vielleicht sogar mit Leichtigkeit ? « » Doch nicht leicht . Eher schwer . Aber , die Wahrheit zu gestehen , nicht schwer von Tugend wegen - davon will sie nichts wissen - , sondern nur deshalb , weil ihr , von Natur , an einem Leben nichts liegt , wie sie ' s zu führen gezwungen ist . Meine Schwester ist arbeitsam und ordentlich und ganz ohne Passion . Wenigstens hat sie mir das hundertmal versichert . « » Und aufrichtig ? « » Wer sieht ins Herz ? Aber ich glaube : ganz aufrichtig . Und wenn Sie meine Schwester so gut kannten wie ich , so würden Sie ' s auch glauben . « » Und doch sagte sie mir , als ich vorgestern nach Olga fragte : Danach dürfen Sie nicht fragen . Einen Vater hat sie , das ist gewiß . Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen . « Stine lächelte verlegen vor sich hin . Endlich aber sagte sie : » Ja , in diesem Tone spricht sie gern , das ist wahr ; aber nicht aus schlechter Sitte , sondern aus Übermut . Sie weiß , daß sie noch immer sehr hübsch ist , und hat aus Eitelkeit und Gefallsucht , wovon ich sie nicht freisprechen kann , eine sie beständig quälende Lust , die Männer in Verwunderung zu setzen , bloß um sie hinterher auszulachen . Ich kenne sie besser , weil ich ihr Leben kenne . Sie war kaum zwanzig , als Olga geboren wurde . Da hatte sie nun das Kind , eine gewöhnliche Verführungsgeschichte , womit ich Sie verschonen will , und weil man ihren Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zufriedenstellte , so war sie nun eine gute Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach . Und wie meist in solchen Fällen , mit einem kreuzbraven Mann . Aber ich muß auch sagen , er kam ihr zu . Sie war eine ganz vorzügliche Frau , nicht das geringste konnt ihr nachgesagt werden , und als der Mann krank wurde , hat sie ihn , mit allem , was sie hatte , treu bis zum Tode gepflegt . Freilich , als er dann in seinem Grabe lag , war auch der letzte Notgroschen hin , und Ihr Herr Onkel , der in demselben Hause wohnte , nahm sich ihrer an . Und da kam es dann - nun , Sie wissen wie . Das geht jetzt ins dritte Jahr , und sie wünscht es sich nicht anders , trotzdem sie klagt und wettert , übrigens ohne sich viel dabei zu denken . Sie nimmt ihr gegenwärtig Leben als einen Dienst , drin sich Gutes und Schlimmes die Waage hält ; aber des Guten ist doch mehr , weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot . Und nun bitt ich Sie , wenn Sie sie wiedersehen , so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf meine Worte hin an , und Sie werden finden , daß ich nicht zuviel gesagt habe . « » Und was fordert sie von Ihnen ? « » Fordert ? Nichts . Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich , daß ich auf mich halte , und ermutigt mich darin . Es ist immer das klügste so , das sind ihre Worte . Würd es aber anders kommen , so wär es nicht viel , und sie würde nur sagen : Ich weiß wohl , Stine , das Richtige läßt sich nicht immer tun . Ja , sie sieht das , was sie das Richtige nennt , für etwas Wünschenswertes an , aber nicht als etwas Notwendiges ; sie gönnt es mir , nichts weiter . « Allmählich , während dies Gespräch geführt wurde , war die Sonne drüben niedergegangen , und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume . Stine hatte längst den Stickrahmen beiseite gestellt , und der junge Graf , der ihr jetzt gegenübersaß , sah in dem Fensterspiegel , wie , die ganze Straße hinunter , die Gaslaternen aufflammten . Er war so benommen davon , daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah . » Ich sehe « , sagte Stine , » der Spiegel tut es Ihnen auch an . Ich weiß das schon ; es ist immer dasselbe . « Der junge Graf nickte . Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte , während er sich rasch erhob : » Ich darf doch wiederkommen , Fräulein Stine ? « » Besser wäre es , Sie kämen nicht . Sie beunruhigen mich nur . « » Aber Sie verbieten es nicht , Sie sagen nicht nein ? « » Ich sage nicht nein , weil ich es nicht sagen darf . Meine Schwester würd es unklug finden , und ich weiß , daß ich ihr Rücksichten schuldig bin . « » So denn auf Wiedersehen , Fräulein Stine . « Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor ; dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend , trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein , die vom Park her herüberkam . Aber es blieb ihr bang ums Herz , und sie hatte das bestimmte Gefühl , daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde . » Warum hab ich nicht nein gesagt ? Ich habe mich nun in seine Hand begeben ... Und doch , ich will nicht , will nicht . Ich hab es ihr auf dem Sterbebette schwören müssen . Stine , sagte sie , halte dich . Es kommt nichts dabei heraus . Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline , das ist mir ein Trost . Ach , das Hübschsein ... - Ich war noch ein halbes Kind damals ; aber was ich ihr versprochen , ich will es halten ! « Im selben Augenblick , wo der junge Graf , von Stine geleitet , aus dem Zimmer in den Korridor trat , trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den Klapptisch zurück , wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes , aber intimes Zwiegespräch entspann . » Er ist eigentlich lange geblieben « , sagte Polzin , während er sich wieder an den Webstuhl setzte . » Wie war es denn ? « » Gar nichts war es . Und wird auch nichts . « » I wo « , sagte Polzin . » Es wird schon werden . Alles muß doch Zeit und Weile haben . Aber du denkst immer ... «