gute Nachbarschaft mit ihm halten . Ich bin für Frieden , aber zu gutem Frieden gehören zwei . « Christine hatte , während Opitz so redete , den linken Schürzenzipfel in die Hand genommen und strich an dem Saum entlang . Als er jetzt schwieg , sagte sie : » Nichts für ungut , Herr Förster , aber wenn sie besser mit ihm wären ... « » ... da wär er besser mit mir « , lachte Opitz . » Ja , das glaub ich . Ich soll anfangen und jeden Morgen , wenn ich ihn drüben hantieren seh , meine Kapp abnehmen und über die Brück hinübergrüßen : Guten Morgen , Herr Lehnert Menz . Herr Lehnert Menz geruhten wohl zu ruhen . Ach , sehr erfreut . Empfehle mich zu Gnaden ... Nein , nein , Christine , Unterschiede müssen sein , Unterschiede sind Gottes Ordnungen . Und nun geh und komme nicht zu spät . All Ding will Maß haben . « Christine ging . Frau Bärbel aber hatte mittlerweile nach ihrem Strickstrumpf gegriffen und sah verstimmt vor sich hin , weil es ihr gegen die Hausfrauenehre war , daß Opitz sich in ihre Sache gemischt und der Christine , so mir nichts , dir nichts , einen Ausgehetag angeboten hatte . Sie schwieg aber , und erst als Opitz , der heute den Galanten und Rücksichtsvollen spielte , sie mit freundlicher Miene bat , das Licht und den Fidibusbecher vor ihn hinzustellen , weil er sie nicht immer wieder inkommodieren wolle , hielt sie mit ihrer neben allem Ärger herlaufenden Neugier nicht länger zurück und sagte : » Angepredigt hat er ihn ? Bist du denn auch sicher ? Er wird ihn doch nicht beim Namen genannt haben ? « » Nein « , sagte Opitz , dessen gute Laune durch seiner Frau Neugier eher gesteigert als gemindert wurde , » nein , er nannte keinen Namen . Aber es war so gut , als ob er ihn genannt hätte , denn alles sah nach der Ecke hin , wo die Menzens saßen . Und die Alte nickte mit dem Kopf , als ob sie jedes Wort unterschreiben wolle . Freilich weiß ich , daß es nichts zu bedeuten hat , ihr steckt noch so was Polnisches im Blut , kriecht und scherwenzelt immer hin und her und kann keinem ins Gesicht sehen , und von alldem , wovon der Lehnert zuviel hat , hat sie zuwenig . Alte Hexe , verschlagen und heimtückisch und feige dazu . « » Sie taugt nicht viel . Aber du wirst doch dem Sohne die Mutter nicht anrechnen wollen ? « » Nein « , lachte Opitz . » Das nicht , und ist auch nicht nötig , denn er trägt an seinem eignen Bündel gerade schwer genug . Er trotzt mir , und weil er , außer der Denkmünze , auch noch das Ding , die Schwimmedaille , hat , ich sage die Schwimmmedaille , denn von Retten war keine Rede , und weil es , Gott sei ' s geklagt , nahe dran war , daß er das Kreuz kriegte , spielt er sich mir gegenüber auf den Ebenbürtigen und den Überlegenen aus . Ich wette , er wildert bloß , um mir einen Tort anzutun ; er könnte die Dummheit sehr gut lassen , bei der ohnehin nicht viel rauskommt , aber es macht ihm Spaß , mir so unter der Nase hin ein Wild wegzuknallen . Das ist es . Aber ich denke , die zwei Monat in Jauer werden ihm gezeigt haben ... « » Du bist zu streng , Opitz . « » Unsinn ! Streng ! Was heißt streng ? Ich tu meine Pflicht . « » Zu sehr . Du müßtest auch mal ein Auge zudrücken . « » Bah , Bärbel , du redest , wie du ' s verstehst . Auge zudrücken . Dazu bin ich nicht da , dazu bin ich nicht in Dienst und Lohn . Ich sage Lohn , ein gutes , altes Wort , das die dummen Neumod ' schen nicht mehr hören wollen . Ich bin dazu da , die Augen aufzumachen . Und tu meine Pflicht zu sehr , sagst du ! Als ob man jemalen seine Pflicht zu sehr tun könnte . Man kann sie falsch tun , am unrechten Fleck , soviel geb ich zu ; tut man sie aber am rechten Fleck , so ist von zu sehr keine Rede mehr . Die Gesetze sind nicht dazu da , daß Hinz und Kunz mit ihnen umspringen . Das verloddert bloß . Ich bin nicht so dumm , daß ich mir einbildete , wenn der Rehbock geschossen wird , geht die Welt unter . Nein , die Welt geht nicht unter . Aber Ordre parieren geht unter , Ordre parieren , ohne das die Welt nicht gut sein kann . Und heut am wenigsten , wo jeder denkt , er sei Graf oder Herr und könne tun , was ihm beliebt , und sei kein Unterschied mehr . Das ist die verdammte neue Zeit , die das Maulhelden - und Schreibervolk gemacht hat , Kerle , die keinen Fuchs von einem Hasen unterscheiden können , trotzdem sie beides sind . Geh mir damit . Ich weiß , was ich zu tun hab . Und dieser Bengel , dieser Herr Lehnert Menz , gehört auch mit dazu , hat die Glocken läuten hören , schwatzt und quatscht von Freiheit , will nach Amerika gehen und hat keine Ahnung davon , daß sie da drüben noch ganz anders heran müssen als hier , sonst holt sie der Teufel erst recht und lacht sie mit ihrer ganzen Freiheit aus . Ich sage dir , hier ist es am besten , hier , weil wir Ordnung haben und einen König und eine Armee und Bismarcken . Ich sage dir , was die Richtigen sind da drüben , die lachen , wenn sie von Freiheit hören ; denn die wissen am besten , daß nichts dahinter ist . Ich bin ein Mann in Amt und Dienst , und meinen Dienst tu ich , und wenn es mir ans Leben geht . « » Sprich nicht so ! Beruf es nicht ! « » Unsinn ! Unsere Stunden sind gezählt , und wir können uns keine zulegen und keine wegnehmen . « » Doch , doch « , sagte die Frau . Fünftes Kapitel Der Förster war unter diesem Gespräch ans Fenster getreten und sah auf die hart an seinem Vorgarten vorüberführende Fahrstraße . Jenseits derselben , dem Blick entzogen , floß die tief eingebettete Lomnitz , und man hörte nur ihr Hinschäumen über das Steingeröll . Opitz öffnete das Fenster , um frische Luft zu schöpfen , nahm ein Kissen und wollte sich ' s eben bequem machen , als er , Lehnerts gewahr werdend , unwillkürlich zurücktrat , aber doch nur so , daß er , von der Straße her , immer noch deutlich gesehen werden konnte . Lehnert sah ihn auch wirklich und hob seinen Zeigefinger nachlässig und wie zu halbem Gruß bis an den Schirm seiner Mütze . » Wie der Kerl nur wieder grüßt « , rief Opitz seiner Frau zu . » Hast du gesehen , Bärbel ? Und das soll ich für einen Gruß nehmen . So grüßt man einen Rekruten , aber nicht einen Vorgesetzten . Und das Gesicht dazu ... « » Du bist nicht sein Vorgesetzter . « » Ach was . Was weißt du davon . Ich sage dir , ich bin ' s. Und wenn ich es nicht wär , ein Mann in Amt und Würden ist allemal eine Respektsperson . Der Gernegroß da drüben kann seinen Gruß lassen und sagen , er habe mich nicht gesehen , aber wenn er mich grüßt , muß er mich grüßen , wie sich ' s gehört , Mütze runter oder den Finger fest an den Streifen , und nicht so wie von ungefähr und wie bloß zum Spaß . Das ist Unordnung und Unmanier . « Opitz hatte sich unter diesen Worten ausgewettert , und als ihm gleich danach eine behaglichere Stimmung wiederkehrte , trat er auch wieder ans Fenster und lehnte sich hinaus , um sich an den Narzissen und Aurikeln zu freuen , die spärlich in seinem Vorgarten blühten . Dabei blies er Wolken aus seinem Meerschaum in die stille Luft und ließ , unter behaglichen Träumen , alles an sich vorüberziehen , was der Tag gebracht hatte , darunter auch den Diskurs in der Exnerschen Laube mit Grenzaufseher Kraatz und dem alten Förster von der Annakapelle . Was er dann später noch , und schon auf dem Heimwege , zu Lehrer Wonneberger gesagt hatte , darüber unterhielt er nur unklare Vorstellungen und entsann sich bloß , daß es allerhand krauses Zeug über Frauen gewesen sei , Frauen im allgemeinen und Kunstreiterinnen im besonderen . » Ach das verteufelte Bier ! Aber Wonneberger war auch schon etwas fißlig und wird nichts gemerkt haben . Und wenn auch , morgen ist alles in den Wind . « Lehnert , als er an Opitz vorbei war , war auf sein Haus zugegangen , das unmittelbar jenseits der Lomnitz lag , der Försterei so nahe , daß man sich gegenseitig so gut wie in die Fenster sehen konnte . Nichts als Fluß und Fahrstraße trennte beide Gehöfte , deren gesamtes Acker- und Heideland in alten Zeiten ausschließlich Stellmacher Menzsches Eigentum gewesen war , bis man , auf dem diesseits der Lomnitz gelegenen Kusselstreifen , eine Försterei gebaut und nur alles jenseits des Flusses Gelegene bei den Menzes belassen hatte . Das war jetzt runde dreißig Jahr , und fast ebensolange hatte man hüben und drüben ohne Neid und Eifersucht gelebt , trotzdem dazu , wie nun mal die Menschen sind , vielleicht Grund gewesen wäre . Denn wenn einerseits die neue Försterei , mit ihrer Sauberkeit und ihrem roten Dach , die drüben gelegene , hier und da sehr baufällige Stellmacherei weit in den Schatten stellte , so hatte diese dafür die » fette Seite « behalten , während sich die Förstersleute , den kleinen Vorgarten abgerechnet , mit einem Streifen Heideland und einem noch schmaleren Lupinenstreifen begnügen mußten . Aber das alles hatte die ganze Zeit über keinen Ärger geschaffen und noch weniger der zufällige Umstand , daß das auf einer Stein- und Geröllinsel , inmitten zweier Lomnitzarme , gelegene Menzsche Wohnhaus , sowenig gepflegt es war , doch kastellartig auf alles unmittelbar Umhergelegene herabsah , und natürlich auch auf die Försterei . Zu keiner Zeit , um es zu wiederholen , war an diesem und ähnlichem Anstoß genommen worden , bis Opitz ans Regiment kam , von dem , ohne daß er es zugab , die Hochlage der Stellmacherei drüben einfach als ein Tort empfunden wurde . Selbstverständlich unterhielt diese malerische Kastellinsel auch ihre Verbindungen mit dem Festland , und zwar mit Hilfe zweier Brückenstege , von denen der eine beinah unmittelbar nach der Försterei , der andere , nach der entgegengesetzten Seite hin , erst nach dem Menzschen Ackerland und gleich dahinter nach dem schräg ansteigenden gräflichen Forst hinüberführte . Der Ackerstreifen war mit Roggen und Kartoffeln bestellt , von denen der Roggen in diesem Jahre ganz wundervoll stand , auf dem Inselchen selbst aber befand sich , in geringer Entfernung vom Wohnhaus , noch ein Arbeitsschuppen , drin Lehnert die schon von Vater und Großvater her ererbte Stellmacherei betrieb , ein Geschäft , das im Frühjahr und Herbst meist gut ging , im Sommer aber beinah ruhte . So war es auch heut . Alles ruhte . Freilich sah man einen Pflug und ein paar alte Karren und Wagenachsen unter dem Schuppen stehen , aber all diese Dinge konnten ebensogut zur eignen Wirtschaft gehören wie zur Reparatur abgeliefert sein . In dem abgeschrägten Vorgarten von nur geringer Tiefe , durch den eine Feldsteintreppe zu dem Häuschen hinaufführte , blühten Georginen und Reseda , während ein alter Rosenstrauch von beträchtlicher Stärke neben der Haustür aufwuchs und sein mit gelben Rosen überdecktes Gezweig unter dem Strohdach hin ausspannte . Nachmittagssonne lag auf Haus und Gehöft , und nichts war hörbar als die doppelarmig vorüberschießende Lomnitz und das Meckern einer Ziege vom Stall her . Ein Hahn , ein schönes Tier mit Silberhals , stolzierte den Schuppen entlang , aber er krähte nicht und hatte wenig Aufmerksamkeit für die Hühner , die sich Erdlöcher gemacht hatten , um sich zu kühlen . Nicht voll so still war es drinnen im Hause , darauf Lehnert , von der Försterei her , eben zuschritt . Er hatte sich unterwegs nicht beeilt , ebensowenig wie Opitz . Vom Pastorhause war er zunächst nach dem Kretscham hinübergegangen und hatte hier von dem ihn begrüßenden Wirt erfahren , daß Frau Menz , seine Mutter , eben dagewesen sei und gerad an demselben Tisch erst einen » Grünen « und dann einen Ingwer getrunken habe . Das hörte Lehnert nicht gern . Er gönnte der alten Frau die kleine Herzstärkung , denn er liebte sie trotz all ihrer Schwächen , aber er ärgerte sich wieder über die Heimlichkeit , und dieser Ärger war noch nicht voll überwunden , als er , über die Schwelle seines Hauses tretend , der am Herde hantierenden Alten ansichtig wurde . » Guten Tag , Mutter . Pohl läßt grüßen . « » Welcher ? « » Nu , der aus dem Kretscham unten . « » So , der . Warst du da ? « » Ja , Mutter . Und kannst du dir denken , ich habe mich just da hingesetzt , wo du gesessen hattest . Und dir zu Ehren hab ich meinen Ingwer aus deinem Glase getrunken . Es stand noch da . « Die Alte sah verlegen vor sich hin und sagte dann : » Aber nur einen , Lehnert . Mir war so schwach « . Lehnert lachte . Dann ging er auf sie zu und sagte , während er ihr das graue Haar streichelte : » Gott , Mutter , wie du so bist ! Wenn das einer hört ' , so müßt er denken , der Lehnert ist ein Filz und schlechter Kerl und gönnt seiner alten Mutter nicht einmal einen Tropfen Stärkung . Aber wie liegt es denn ? Ich gönne dir nicht einen Ingwer , ich gönne dir zwei , und wenn dir ' s nicht zuviel wird , Alte , dann können es auch drei und vier werden . Ich habe dich auch noch eigens gefragt , und da hast du nein gesagt , aber freilich , als du nein sagtest , da sagtest du schon ja , und als ich die Klingeltür bei Siebenhaar noch kaum aus der Hand hatte , da bist du schon hinübergegangen . Immer versteckt ; du kannst nichts offen tun , auch nicht mal das , was die Sonne gar nicht zu scheuen braucht . Alles muß heimlich sein . Und sieh , Mutter , so hast du mich auch erzogen und angelernt . Das muß ich dir immer wieder sagen . Gott sei ' s geklagt , daß ich ' s muß . Es ist immer ein und dasselbe , was du so bei dir denkst : es sieht es ja keiner ; bei Nacht sind alle Katzen grau , und es darf bloß nich rauskommen . Und wenn es nicht rauskommt , dann ist alles gleich . So denkst du bei dir , und denkst auch wohl : ach , der liebe Gott , der is nicht so , der ist gut und freut sich , wenn man einem Förster oder Grenzaufseher ein Schnippchen schlägt . « » Ach , Lehnert , rede doch nicht so ! Du weißt ja doch ... « » Und wenn es dann schiefgeht , ja , dann ist es wieder anders . Dann geht es in die Predigt , und Siebenhaar ... na , du weißt schon , ich hab es dir heute schon mal gesagt ... , der muß dann wieder einen Heiligen aus mir machen . Aber nicht zu lang ; Gott bewahre , denn ein Heiliger paßt auch nicht , und wenn uns dann die Not wieder an der Kehle sitzt , und braucht auch noch gar nicht mal eine rechte Not zu sein , dann ist es mit Siebenhaar auch wieder vorbei , und dann heißt es wieder : Es wird es ja wohl keiner sehen , oder : Man muß es nur klug anfangen , und die Menschen müssen es einem bloß nicht auf den Kopf zusagen können . Ach , Mutter , du meinst es mit keinem bös , und mit mir erst recht nicht , aber du hast das Ehrlichsein nicht gelernt , und davon ist alles gekommen ... Und nun will auch Siebenhaar noch mit ihm sprechen , mit Opitz , als ob das was helfen könnte , will mich mit ihm versöhnen , und ich hab ' s auch versprechen müssen . Aber ich mag nicht . Ich hasse ihn , und Haß ist überhaupt das Beste , was man hat . « » Überlege dir ' s , Lehnert . Er ist ein gräflicher Förster und is nun doch mal der Herr . « » Ach was , der Herr ! Ein Diener is er . Ich bin ein Herr , wenigstens eher als er , und kann machen , was ich will . « » Er hat das Ansehen vor den Leuten , und ich weiß es von Christinen , er ist nicht so schlimm , wie du glaubst und ihn immer machen willst . Er kann auch durch die Finger sehen . Aber er verlangt , daß man ihm gute Worte gibt und ihn für was Besonderes ansieht . Und das tust du nicht . Er kann bloß deinen Trotz nicht leiden . Und darum hab ich Siebenhaar gebeten . « » Aha « , lachte Lehnert . » Also du . Nun meinetwegen . « » Und darum « , so wiederholte die Alte , » hab ich Siebenhaar gebeten , als ich nun doch mal mit ihm sprach , daß er ihn gut für uns stimme . Soviel weiß ich , er gibt was auf Siebenhaar , und wenn der ihn rumkriegt und Opitz dir dann die Hand gibt , dann nimm sie , dann stoße sie nicht weg und vergiß all das Alte . Sieh , Lehnert , es hat ja doch alles seine zwei Seiten , und vielleicht hat er nicht so ganz unrecht gehabt , und du hast aus der Sache mit dem Kreuz mehr gemacht , als du hättest machen sollen . Gib nach , Lehnert ! Trotz macht Feind . Und wir brauchen Freunde , weil wir arm sind und das Geschäft schlecht geht , und gerade jetzt im Sommer . Und unser Nachbar ist er auch . Es is doch sonst mit den Försters gut gegangen . Gib nach und versöhne dich mit ihm ! Dann haben wir gute Zeit , und wenn dann mal was vorkommt , na , du weißt schon , was ich meine , so verpufft und verknallt es . Kennst ja doch unser altes Sprichwort : Der Wald ist groß , und der Himmel ist weit . « Lehnert , die Hände auf dem Rücken , ging auf und ab . Er hatte das alles schon oft gehört , nur eines nicht : daß er das mit dem Kreuz doch vielleicht schlimmer genommen als nötig . Und so hochmütig er war , so bescheiden war er auch . » Wenn es so wäre ? Wenn ich mehr daraus gemacht hätte als nötig ? « so gingen seine Gedanken . Und er nahm der Mutter Hand und sagte : » Gut , Alte . Ich will es mir überlegen . « Sechstes Kapitel Was hüben die Mutter ihrem Sohn und drüben die Frau ihrem Mann gesagt hatte , blieb doch nicht ganz ohne Einfluß , weil beide Parteien klug genug waren , das Wahre darin herauszufühlen ; Opitz war strenger als nötig , Lehnert war aufsässiger als nötig , und der schlichte Ton , worin das einem jeden gesagt wurde , tat seine Wirkung . So machte sich ' s , daß beide stillschweigend übereinkamen , sich wenigstens nicht mehr zum Tort leben zu wollen , und weil sie dabei fühlen mochten , daß das bei steten persönlichen Begegnungen sehr schwer sein würde , so faßten sie den Entschluß , sich nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen . In der Tat , man vermied es , sich zu sehen , und gab es unter anderm auf , zu gleicher Zeit , wie sonst wohl , im Vorgarten zu sitzen und sich über die Straße hin mit den Augen zu messen . Ja , Lehnert seinerseits ging noch weiter und machte , wenn er ins Dorf mußte , nur um die Försterei zu vermeiden , lieber den Umweg am Waldsaume hin . Auch die Hühner , die durch ihre Besuche drüben im Garten der Försterei beständig Anlaß zu Klagen und bitteren Worten gegeben hatten , hielt er besser in Ordnung , und das Steinsprengen , das mit seinem Knall und seiner aufsteigenden Rauchwolke seinen reizbaren Nachbar durch Jahr und Tag hin mehr als alles andere verdrossen hatte , gab er ganz auf . An einen völligen Ausgleich der alten Gegensätze war freilich nicht zu denken , dazu war zuviel vorgefallen , aber wenn Friede nicht sein konnte , so doch wenigstens Waffenstillstand . Und unter solchem Waffenstillstande verging eine Woche . Nun war wieder Sonntag , und die Glocken der Arnsdorfer Kirche klangen wie gewöhnlich vom Tal zu den Bergen herauf . Aber diesem Rufe folgten heute nur wenig , weil oben in Kirche Wang ein Brückenberger Paar getraut werden sollte . Das veranlaßte denn alle die , die sich mehr von der Trauung einer jungen hübschen Braut als von der Predigt des alten Siebenhaar versprachen , lieber bergauf nach Wang zu steigen , und das um so mehr , als über das wundervolle Brautkleid , das aus Hirschberg und nach andern sogar aus Breslau stammen sollte , schon die ganze Woche lang gesprochen worden war . In der Tat , Schaulust und Neugier gaben heute den Ausschlag . Aber einige stiegen doch nicht bloß als Neugierige , sondern als recht eigentliche Trauzeugen und Hochzeitsgäste hinauf , unter ihnen auch Opitz in Gala , dem sich , gleich nach Passierung des am Ausgange von Krummhübel gelegenen Rummlerschen Gasthauses , auch noch Grenzaufseher Kraatz und der alte Laborant Zölfel angeschlossen hatten . Zu diesen zur Hochzeit Geladenen hatte , wegen alter guter Beziehungen zum Bräutigam , anfangs auch Lehnert gehört ; als er aber durch Christine von Opitz ' wahrscheinlicher Anwesenheit erfuhr , war er sofort zum Fernbleiben entschlossen gewesen . Wußt er doch , daß mit Opitz , wenn dieser ein Glas über den Durst getrunken hatte , doppelt schwer zu verkehren war , und auf diese Gefahr hin wollt er eine Begegnung mit ihm nicht wagen . So zog er es denn vor , zu Hause zu bleiben und in einem von Amerika handelnden Buche zu lesen , das ihm ein alter Kriegskamerad neuerdings geliehen und das durchzusehen er sich schon ein paar Tage lang gefreut hatte . Daneben war es ihm durchaus recht , daß seine Mutter , ohne gerade zu den Geladenen zu zählen , an dem Kirchgange , nach Wang hinauf , teilnehmen und sich hinterher in dem ihr aus beßren Tagen wohlbekannten Hochzeitshause nach Möglichkeit nützlich machen wollte . So war der Plan . Und gemäß dem Plan verlief auch der Tag , der freilich unserem Lehnert , ganz gegen Erwarten , lang und schwer genug wurde . Denn bald nach Opitz waren auch Frau Bärbel und Christine nach Wang hinaufgestiegen , und so kam es , daß der auf seinem Inselchen Zurückgebliebene zwölf Stunden lang nichts als das Vorüberschießen der Lomnitz hörte , wenn nicht gerade drüben der Opitzsche Hofhund anschlug . Bis gegen Abend saß er so draußen im Freien und las von Urwald und Prärie , von großen Seen und Einsamkeit . Er schwelgte darin und vergaß die Zeit , aber mit einem Mal ergriff ihn doch ein Grauen . » Einsamkeit ! Nein , nein , nicht Einsamkeit . Nicht einsam leben , nicht einsam sterben . « Und er wiederholte sich das Wort , und in seiner überreizten Einbildungskraft sah er sich auf einem Bergkegel , ein Tal zu seinen Füßen und den Sternenhimmel über sich . Ein Frösteln überkam ihn zuletzt , und so ging er denn wieder hinein und warf Kienäpfel in die Glut und starrte darauf hin . Aber das Hineinstarren in die Flamme war ihm bald nicht weniger unheimlich als das Bild , das eben draußen vor seiner Seele gestanden hatte . Dabei war es ihm beständig , als ob er Stimmen höre , Stimmen von weit , weit her . Und er sprang auf und trällerte vor sich hin , um sich alles , was ihn ängstigte , fortzusingen . Aber es wollte nicht recht glücken , und er war froh , als er , um die zehnte Stunde , seine Mutter schon von fernher des Weges kommen und gleich danach , an der Försterei vorüber , auf den Brückensteg zuschreiten sah . » Singst ja so , Lehnert . Was is es denn ? Christine war wohl da ... Ja , sie ging schon , als der Tanz eben anfing . « » Ach , laß doch die Christine ! « » Du nimmst sie doch noch . « Und während die Alte das sagte , stellte sie ein Bündel , das sie bis dahin vorsichtig in Händen gehalten , auf den Tisch und löste den Knoten eines buntgeblümten Taschentuchs , in das alles eingeschlagen , was sie vom Hochzeitshause her mitgebracht hatte : große Stücke Streuselkuchen , eine halbe Wurst , ein Schinkenknochen und ein Napfkuchen . » Wollen wir uns noch einen Kaffee machen , Lehnert ? « Er schwieg . » Du hast ja noch Feuer im Ofen . Und das ist recht . Oben auf Wang in der Kirche war es wieder so kalt , und auf dem Kirchhof pfiff es , daß es einem bis auf die Seele ging . Ich glaub , ich habe mir wieder was geholt , hier links unterm Schulterblatt . Aber wenn wir uns noch einen Kaffee machen und ein Glas Rum eintun , ich habe noch welchen ... ja , Lehnert , ein paar Tropfen muß man doch immer haben ... dann vergeht es wieder . Und ein Katzenfell ist auch gut . « Während sie noch so sprach , hatte sie vom Schapp her ein Messer geholt und begann den Napfkuchen in große Scheiben zu schneiden . » Iß , Lehnert ; frisch schmeckt er doch am besten ! « Und dabei griff sie nach dem größten Stücke . » Begräbniskuchen mag ich nicht . Aber Hochzeitskuchen , den mag ich ; der schmeckt und bekommt einem alten Menschen . Und warum bekommt er einem ? Weil man nicht an Tod und Sterben zu denken braucht und alles mit Appetit ißt . Un auf den Appetit kommt es an und auf den Hunger . Das heißt , wenn er nicht zu groß ist und nicht weh tut und wenn man was hat , daß er aufhört . « Lehnert schwieg noch immer . » Iß doch , Jung ! « » Ich mag nicht , Mutter ... Und wie das alles wieder aussieht , wie ' n Bettelsack . Haben sie dir ' s denn gegeben ? « » Gewiß . Ich werde mir doch nichts wegstibitzen und abziehn wie die Katze vom Taubenschlag . « » Ach , das mein ich ja nicht , Mutter . Ich meine bloß , ob sie dir ' s aus freien Stücken gegeben haben oder ob du darum gebeten hast ? « » Versteht sich , hab ich drum gebeten . Alle haben ... « » Opitz auch ? « » Nu , der wohl nich . Der is ja was Vornehmes . Und Siebenhaar auch nich . « » Siebenhaar ? War denn Siebenhaar auch da ? « » Gewiß war er da . Der von Wang hat freilich getraut , aber Siebenhaar kam auch noch und kam justement , als alles zu Tisch ging , und war großer Jubel , als er kam , und saß gerade der Braut gegenüber und hat auch eine Rede gehalten . Und als sie die Tische wegtrugen und das Tanzen anfangen sollte , da nahm Siebenhaar Opitzen am Arm und gingen beide , wohl an die vier- oder fünfmal , um die Wiese rum . Und immer , wenn sie wieder an dem Staketzaun vorüberkamen , hab ich gehorcht . « » Das glaub ich . Du horchst immer . Aber der Horcher an der Wand ... « » Diesmal nicht , Lehnert . Es war bloß Gutes , und daß es von dir war , ist sicher ; ich habe deinen Namen gehört . Und Opitz , der wieder etwas fißlig war , er hielt sich aber und ließ sich nichts merken . Opitz nickte . Das hab ich mit diesen meinen Augen gesehen . Und einmal hört ich ganz deutlich , daß er sagte : Nu , ja , ja . Jeder ist ein Mensch , und jeder hat seine Menschlichkeiten und seine Fehler . Und ich auch . Siebenhaar hat ihm also ins Gewissen geredet . Und du sollst sehn , Lehnert , es wird noch alles gut , und du kommst mit ihm auf Freundschaft und du und du . Und dann guckt er uns durch die Finger , und wir haben gute Tage . « » Ja , ja « , sagte Lehnert , » durch die Finger gucken , das kenn ich . Is ja das alte Lied . Na