) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat , ist der Haupttreffer des Unglücks ... Das erste Mal , als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen - ich war eben seit vier Tagen ohne Nachricht - und sah , daß der Name » Arno Dotzky « nicht darunter war , da faltete ich die Hände und sprach mit lauter Stimme : » Mein Gott , ich danke Dir ! « Kaum aber waren die Worte geäußert , so klang es mir wie ein schriller Mißton daraus nach . Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete zum zweitenmal die Namenreihe . Also weil Adolf Schmidt und Karl Müller und viele andere - aber nicht Arno Dotzky - geblieben waren , hatte ich Gott gedankt ? Derselbe Dank wäre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel aufgestiegen , welche für Schmidt und Müller zittern , wenn sie statt dieser Namen » Dotzky « gelesen hätten ? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer sein als jener ? Ja - das war der schrille Mißton meines Stoßgebetes gewesen : die Anmaßung und die Selbstsucht , die darin lag , zu glauben , Dotzky sei mir zu lieb verschont geblieben , und Gott zu danken , daß nicht ich , sondern nur Schmidts Mutter und Müllers Braut und fünfzig andere über dieser Liste weinend zusammenbrechen ... Am selben Tag erhielt ich wieder von Arno einen Brief : » Gestern gab ' s einen tüchtigen Kampf . Leider - leider eine Niederlage . Aber tröste Dich , meine geliebte Martha , die nächste Schlacht bringt uns den Sieg . Es war dies meine erste große Affaire . Ich stand mitten in dichtem Kugelregen - ein eigenes Gefühl ... das erzähle ich mündlich - es ist doch furchtbar : die armen Kerle , die da um einen herum fallen und die man liegen lassen muß , trotz ihres kläglichen Wimmerns . - c ' est la guerre ! Auf baldiges Wiedersehen , mein Herz . Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen diktieren , dann kommst Du mir nachgereist . Tante Marie wird indessen so gut sein , über unsern kleinen , Korporal zu wachen . « Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab - die schwärzesten Schatten desselben waren meine Nächte . Wenn ich da aus selig vergessendem Traum erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer entsetzlichen Möglichkeit vor das Bewußtsein trat , so erfaßte mich schier unerträgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen . Die Idee war nicht loszuwerden , daß Arno in diesem Augenblick vielleicht stöhnend und sterbend in einem Graben lag - nach einem Tropfen Wasser lechzend - sehnsüchtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmählich beruhigen , daß ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rückkunft vor die Einbildung rief . Die war ja ebenso wahrscheinlich - sogar viel wahrscheinlicher , als das verlassene Sterben - und da malte ich mir denn aus , wie er ins Zimmer hereinstürmte und ich an sein Herz flöge - wie ich ihn dann zu Rurus Wiege führte und wie glücklich und froh wir dann wieder sein könnten .... Mein Vater war sehr niedergeschlagen . Es kam eine schlimme Nachricht nach der anderen . Zuerst Montebello , dann Magenta . Nicht er allein - ganz Wien war niedergeschlagen . Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft , daß ununterbrochene Siegesbotschaften Anlaß zu Häuserbeflaggung und Te deum Absingen geben würden ; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in Turin .... Dort hieß es jetzt : » Herr Gott , wir loben Dich , daß Du uns geholfen hast , die bösen Tedeschi zu schlagen . « » Meinst Du nicht , Papa , « frug ich , » daß , wenn noch eine Niederlage für uns käme , dann Frieden geschlossen würde ? In diesem Falle könnte ich wünschen , daß - « » Schämst Du Dich nicht , so etwas zu sagen ? « Lieber soll es ein siebenjähriger - soll es ein dreißigjähriger Krieg werden , nur sollen schließlich unsere Waffen siegen und wir die Friedensbedingungen diktieren . Wozu geht man denn in den Krieg , doch nicht dazu , daß er baldmöglichst aus sei - sonst könnte man von vorherein zu Hause bleiben . « » Das wäre wohl das beste , « seufzte ich . » Was ihr Weibervolk doch feige seid ! Selbst Du - die Du so gute Grundsätze von Vaterlandsliebe und Ehrgefühl erhalten - bist jetzt ganz verzagt und schätzest Deine persönliche Ruhe höher als die Wohlfahrt und den Ruhm des Landes . « » Ja - wenn ich meinen Arno nicht gar so lieb hätte ! « ... » Gattenliebe - Familienliebe - das ist alles recht schön ... aber es soll erst in zweiter Linie kommen . « » Soll es ? « ... Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht , die ich persönlich gekannt hatte . Unter anderen des Sohnes - des einzigen - einer alten Dame , für die ich eine große Verehrung empfand . An jenem Tage wollte ich die Ärmste aufsuchen . Es war mir ein peinlicher , schwerer Gang . Trösten konnte ich sie doch nicht - höchstens mitweinen . Aber es war eine Liebespflicht - und so machte ich mich denn auf den Weg . Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt , zögerte ich lange , ehe ich die Glocke zog . Das letzte Mal , daß ich hierher gekommen , war es zu einer lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen . Die liebenswürdige alte Hausfrau war damals selber voller Lustigkeit . » Martha , « hatte sie mir im Laufe des Abends gesagt , » wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens : Du hast den hübschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn . « - Und heute ? Da besaß ich wohl noch meinen Mann ... Wer weiß ? Die Bomben und Granaten flogen ja dort unablässig ; die letzte Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich fing vor der Thür zu weinen an . - Das war die richtige Verfassung für solch traurigen Besuch . Ich klingelte . Niemand kam . Ich klingelte ein zweites Mal . Wieder nichts . Da streckte jemand bei einer anderen Flurthür den Kopf heraus : » Sie läuten umsonst , Fräul ' n - die Wohnung ist leer . « » Wie ? ist Frau v. Ullsmann fortgezogen ? « » Vor drei Tagen in die Irrenanstalt überführt worden . « Und der Kopf war hinter der zufallenden Thür wieder verschwunden . Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab , die hier stattgefunden haben mochten . Bis zu welchem Grade mußte die arme Frau gelitten haben , bis daß ihr Schmerz in Wahnsinn ausbrach ! » Und da wollte mein Vater , daß der Krieg dreißig Jahre währte - für das Wohl des Landes ... wie viele solcher Mütter mußten da noch im Lande verzweifeln ? « Aufs tiefste erschüttert ging ich die Treppe herab . Ich beschloß , noch einen anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten , deren Gatte gleich dem meinen auf dem Kriegsschauplatz war . Mein Weg führte mich durch die Herrengasse an dem Gebäude - das sogenannte Landhaus - vorbei , wo der » patriotische Hilfsverein « seine Büreaus untergebracht hatte . Damals gab es noch keine Genfer Konvention , kein » Rotes Kreuz « , und als Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet , dessen Aufgabe es war , allerlei Spenden in Geld , Wäsche , Charpie , Verbandszeug u.s.w. für die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem Kriegsschauplatz zu befördern . Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich geflossen ; ganze Magazine mußten zur Aufnahme derselben dienen ; und kaum waren die verschiedenen Vorräte verpackt und fortgeschickt , da türmten sich wieder neue auf . Ich trat ein ; es drängte mich , die Summe , die ich in meiner Geldbörse trug , dem Komitee zu überreichen . Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten Hilfe und Rettung bringen - und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren . Ich kannte den Präsidenten . » Ist Fürst C. anwesend ? « fragte ich den Portier . » Im Augenblick nicht . Nur der Vizepräsident Baron S. ist oben . « Er zeigte mir den Weg nach dem Lokale , wo die Geldspenden abgegeben wurden . Ich mußte durch mehrere Säle gehen , wo auf langen Tischen die Pakete an einander gereiht lagen . Stöße von Wäschestücken , Cigarren , Tabak - und namentlich Berge von Charpie ... Mir schauderte . Wie viel Wunden mußten da bluten , um mit so viel gezupfter Leinwand bedeckt zu werden ? » Und da wollte mein Vater , « dachte ich wieder , » daß zum Wohle des Landes der Krieg noch dreißig Jahre dauere ? Wie viel Söhne des Landes müßten da noch ihren Wunden erliegen ? « Baron S. nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine verschiedenen Fragen über die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft . Es war erfreulich und tröstlich zu hören , wie viel des Guten da geschah . Soeben kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete , daß zwei Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien . Ich setze mich auf ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa , um das Hereintragen der Pakete abzuwarten . Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben . Jetzt trat ein sehr alter Herr herein , dem man an der Haltung den einstigen Militär ansah . » Erlauben Sie , Herr Baron , « sagte er , indem er seine Brieftasche hervorzog und sich auf einen neben dem Tische stehenden Sessel niederließ , » erlauben Sie , daß auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schönen Werke beitrage . « Er reichte eine Hundertgulden-Note hin . » Ich betrachte Sie alle , die Sie das organisiert haben , als wahre Engel ... Sehen Sie , ich bin selber ein alter Soldat ( Feldmarschall-Lieutenant X. schaltete er , sich vorstellend , ein ) und kann es beurteilen , was für eine enorme Wohlthat den armen Kerlen geschieht , die sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzüge von anno 9 und anno 13 mitgemacht - da hat ' s noch keine » patriotischen Hilfsvereine « gegeben ; da hat man den Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt . - Wie viele mußten da , wenn die Vorräte der Feldscherer erschöpft waren , jämmerlich verbluten , die durch eine Sendung , wie diese hier , hätten gerettet werden können ! Das ist eine segensreiche Arbeit , die Eure - Ihr guten , edlen Menschen - Ihr wißt gar nicht , Ihr wißt gar nicht , wie viel Gutes Ihr da thut ! « Und dem alten Manne fielen zwei große Thränen auf den weißen Schnurrbart herab . Draußen erhob sich ein Lärm von Schritten und Stimmen . Beide Flügel der Eingangsthüre wurden aufgerissen und ein Gardist meldete : » Ihre Majestät die Kaiserin . « Der Vizepräsident eilte zur Thür hinaus , um die hohe Besucherin , wie geziemend , am Fuße der Treppe zu empfangen , doch sie war schon im Nebensaal angelangt . Ich schaute von meinem verborgenen Plätzchen mit Bewunderung nach der jugendlichen Monarchin , die mir im einfachen Straßenkleide beinahe noch lieblicher erschien , als in den Prunkroben der Hoffeste . » Ich bin gekommen , « sagte sie zu Baron S. , » weil ich heute früh einen Brief des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe , worin er mir schreibt , wie nützlich und willkommen die Gaben des patriotischen Hilfsvereins sich erweisen - und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung des Kaisers in Kenntnis setzen . « Hierauf ließ sie sich von allen Einzelheiten der Vereinsthätigkeit unterrichten und betrachtete eingehend die verschiedenen aufgestapelten Gegenstände . » Sehen Sie nur , Gräfin , « sagte sie zu der sie begleitenden Obersthofmeisterin , indem sie ein Wäschestück zur Hand nahm , » wie gut diese Leinwand ist - und wie hübsch genäht . « Dann bat sie den Vizepräsidenten , sie noch in die anderen Räume zu geleiten und verließ an seiner Seite den Saal . Sie sprach mit sichtlicher Zufriedenheit zu ihm und ich hörte sie noch sagen : » Es ist ein schönes , patriotisches Unternehmen , welches den armen Soldaten - « Den Rest verstand ich nicht mehr . » Arme Soldaten - « das Wort klang mir noch lange nach , sie hatte es so mitleidsvoll betont . Ja wohl , arm ; und je mehr man that , ihnen Trost und Hilfe zu senden , desto besser . Aber wie - flog es mir durch den Kopf - wenn man sie gar nicht hinschicken würde in all den Jammer , die armen Leute : wäre das nicht noch viel besser ? « » Ich verscheuchte diesen Gedanken ... es muß ja sein - es muß ja sein . Andere Entschuldigung gibt es für das Greuel des Kriegführens keine , als die das Wörtlein » muß « enthält . Nun ging ich wieder meiner Wege . Die Freundin , die ich besuchen wollte , wohnte ganz nahe vom » Landhaus « - auf dem Kohlmarkt . Im Vorübergehen trat ich in eine Buch- und Kunsthandlung , um eine neue Karte Oberitaliens zu kaufen ; die unsere war von den fähnchengekrönten Stecknadeln schon ganz durchlöchert . Außer mir waren noch mehrere Kunden anwesend . Alle verlangten nach Karten , Schematismen und dergleichen . Nun kam die Reihe an mich . » Auch ein Kriegsschauplatz gefällig ? « fragte der Buchhändler . » Sie haben es erraten . « » Das ist nicht schwer . Es wird ja beinahe nichts anderes gekauft . « Er holte das Gewünschte herbei , und während er die Rolle für mich in ein Papier schlug , sagte er zu einem neben mir stehenden Herrn : » Sehen Sie , Herr Professor , jetzt geht es jenen schlecht , welche belletristische oder wissenschaftliche Werke schreiben , oder verlegen - es fragt kein Mensch darnach . So lange der Krieg währt , interessiert sich niemand für das geistige Leben . Das ist für Schriftsteller und Buchhändler eine schlimme Zeit . « » Und eine schlimme Zeit für die Nation , « entgegnete der Professor , » bei welcher solche Interesselosigkeit natürlich geistigen Niedergang zur Folge hat . « Und da wollte mein Vater - dachte ich zum drittenmale - daß zum Wohle des Landes dreißig Jahre lang ... » So gehen Ihre Geschäfte schlecht ? « mischte ich mich jetzt laut in die Unterhaltung . » Nur meine ? Alle , fast alle , meine Gnädige , « antwortete der Buchhändler . » Mit Ausnahme der Armeelieferanten gibt es keinen Geschäftsmann , dem der Krieg nicht unberechenbaren Schaden brächte . Alles stockt : die Arbeit in den Fabriken , die Arbeit auf den Feldern , unzählige Menschen werden verdienst- und brodlos . Die Papiere fallen , das Agio steigt , alle Unternehmungslust versiegt , zahlreiche Firmen müssen Bankerott erklären - kurz , es ist ein Elend - ein Elend ! « » Und da wollte mein Vater - « wiederholte ich im Stillen , während ich den Laden verließ . Meine Freundin fand ich zu Hause . Gräfin Lori Griesbach war in mehr als einer Hinsicht meine Schicksalsgenossin . Generalstochter , wie ich , kurze Zeit an einen Offizier verheiratet , wie ich , und - wie ich - Strohwitwe . In einem übertrumpfte sie mich : sie hatte nicht nur ihren Mann , sondern auch noch zwei Brüder im Krieg . Aber Lori war keine ängstliche Natur ; sie war vollkommen überzeugt , daß ihre Lieben unter dem besonderen Schutze eines von ihr sehr verehrten Heiligen standen , und sie rechnete zuversichtlich auf deren Wiederkehr . Sie empfing mich mit offenen Armen . » Ach , grüß ' Dich Gott , Martha - das ist wunderhübsch von Dir , daß Du mich aufsuchst . - Aber Du siehst gar so bleich und gedrückt aus ... doch keine schlimme Nachricht vom Kriegsschauplatze ? « » Nein , Gott sei Dank . Aber das Ganze ist doch so traurig - « » Ja so - Du meinst die Niederlage ? Da mußt Du Dir nichts daraus machen , die nächsten Berichte können einen Sieg vermelden . « » Siegen oder besiegt werden - der Krieg an und für sich ist schon schrecklich ... Wäre es nicht besser , wenn es gar keinen solchen gäbe ? « » Wozu wäre denn da das Militär da ? « » Ja , wozu ? « Ich sann nach . » Dann gäb ' es keins . « » Was Du für Unsinn sprichst ! Das wäre eine schöne Existenz - lauter Civilisten - mir schaudert ! Das ist zum Glück unmöglich . « » Unmöglich ? Du mußt recht haben . Ich will es glauben - sonst könnte ich nicht fassen , daß es nicht schon längst geschehen . « » Was geschehen ? « » Die Abschaffung des Krieges . Doch nein : ebensogut könnte ich sagen , man solle das Erdbeben abschaffen ... « » Ich weiß nicht , was Du meinst . Was mich anbelangt , so bin ich froh , daß dieser Krieg ausgebrochen , weil ich hoffe , daß sich mein Ludwig auszeichnen wird . Auch für meine Brüder ist es eine gute Sache . Das Avancement ging schon so langsam von starten , jetzt haben sie doch eine Chance - « » Hast Du kürzlich Nachricht erhalten , « unterbrach ich . » Sind die Deinen alle heil ? « » Eigentlich schon ziemlich lange nicht . Aber Du weißt , wie der Postverkehr oft unterbrochen ist , und wenn man von einem heißen Marsch- oder Schlachttag so recht müde geworden , hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben . Ich bin ganz ruhig . Sowohl Ludwig als meine Brüder tragen geweihte Amulette - Mama hat sie ihnen selber umgehängt « ... » Wie stellst Du Dir denn einen Krieg vor , Lori , wo in beiden Heeren jeder Mann ein Amulett trüge ? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen , werden sie sich harmlos in die Wolken zurückziehen ? « » Ich versteh ' Dich nicht . Du bist so lau im Glauben . Das klagt mir öfters Deine Tante Marie . « » Warum beantwortest Du meine Frage nicht ? « » Weil in ihr ein Spott auf eine Sache liegt , die mir heilig ist . « » Spott ? Nicht doch ... Einfach eine vernünftige Erwägung . « » Du weißt doch , daß es Sünde ist , der eigenen Vernunft die Kraft zuzutrauen , in Dingen urteilen zu wollen , die über sie erhaben sind . « » Ich schweige schon , Lori . Du kannst recht haben : das Nachdenken und Grübeln taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen ältesten Überzeugungen auf , und ich empfinde dabei nur Qual . Wenn ich die Überzeugung verlöre , daß es unbedingt notwendig und gut war , diesen Krieg zu beginnen , so könnte ich jenen nicht verzeihen , welche - « » Du meinst Louis Napoleon ? Das ist freilich ein Intrigant . « » Ob dieser oder andere - ich wollte unerschüttert glauben , daß es überhaupt keine Menschen waren , die den Krieg veranlaßt haben , sondern , daß er von selber » ausgebrochen « - ausgebrochen wie das Nervenfieber , wie das Vesuvfeuer - « » Wie Du exaltiert bist , mein Schatz . Laß uns doch vernünftig reden . Also hör ' mich an . In kurzem wird die Campagne ein Ende haben und unsere beiden Männer kommen als Rittmeister zurück ... Ich werde den meinen dann zu bewegen trachten , daß er einen vier- oder sechswöchentlichen Urlaub nehme , um mit mir ins Bad zu reisen . Es wird ihm gut thun nach seinen ausgestandenen Strapazen und auch mir , nach der ausgestandenen Hitze , Langeweile und Bangigkeit . Denn Du mußt nicht glauben , daß ich gar keine Angst habe ... Es könnte doch Gottes Wille sein , daß einer meiner Lieben den Soldatentod finde - und wenn es auch ein schöner , beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... für Kaiser und Vaterland - « » Du sprichst ja wie der erste beste Armeebefehl . « » Es wäre doch schrecklich ... die arme Mama , wenn Gustav oder Karl etwas zustoßen würde ... Reden wir nicht davon ! Also , um uns von all dem Schreck zu erholen , gilt es , eine amüsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in Karlsbad - dort bin ich einmal als Mädchen gewesen und habe mich göttlich unterhalten . « » Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber warum sitzen wir so müßig da ? Hast Du nicht etwas Leinwand zur Hand , daß wir Charpie zupfen ? Ich war heute im patriotischen Hilfsverein und da kam - rate wer ? « Hier wurden wir unterbrochen . Ein Diener brachte einen Brief herein . » Von Gustav ! « rief Lori freudig , indem sie das Siegel brach . Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen , stieß sie einen Schrei aus ; das Blatt entfiel ihren Händen und sie warf sich an meinen Hals . » Lori - mein armes Herz , was ist ' s ? « fragte ich , tief ergriffen - » Dein Mann ? ... « » O Gott , o Gott , « stöhnte sie . » Lies selber ... « Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen . Ich kann den Wortlaut genau wiedergeben , denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir erbeten , um dessen Inhalt in mein Tagebuch zu übertragen . » Lies laut , « bat sie - » ich habe nicht zu Ende kommen können . « Ich that nach ihrem Wunsche ; » Liebste Schwester ! Gestern hatten wir eine heiße Schlacht - das wird eine große Verlustliste geben . Damit Du - damit unsere arme Mutter nicht aus dieser das Unglück erfährt und damit Du sie langsam vorbereiten könnest ( sag ' , er sei schwer verwundet ) schreibe ich Dir lieber gleich , daß zu den für das Vaterland gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zählt . « Ich unterbrach mich , um die Freundin zu umarmen . » Bis dahin war ich gekommen , « sagte sie leise . Mit thränenerstickter Stimme las ich weiter . » Dein Mann ist unversehrt und so auch ich . Hätte die feindliche Kugel doch lieber mich getroffen : ich beneide Karl um seinen Heldentod - er fiel zu Anfang der Schlacht , und weiß nicht , daß diese wieder - verloren ist . Das ist gar zu bitter . Ich habe ihn fallen gesehen , denn wir ritten nebeneinander . Ich sprang gleich ab , um ihn aufzuheben - nur noch einen Blick und er war tod . Die Kugel muß ihm durch Herz oder Lunge gedrungen sein ! es war ein schnelles , schmerzloses Ende . Wie viele andere mußten stundenlang leiden und mitten im toben der Schlacht hilflos daliegen , bis sie der Tod erlöste . Das war ein mörderischer Tag - mehr als tausend Leichen - Freund und Feind - bedeckten die Wahlstatt . Ich habe unter den Toten so manches liebe , bekannte Gesicht erkannt - das ist unter anderen auch der arme - ( hier mußte die Seite umgewendet werden ) der arme Arno Dotzky - « Ich fiel ohnmächtig zu Boden . » Jetzt ist alles aus , Martha ! Solferino hat entschieden : wir sind geschlagen . « Mit diesen Worten kam mein Vater eines Morgens auf das Gartenplätzchen geeilt , wo ich unter den Schatten einer Lindengruppe saß . Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mädchenheim zurückgekehrt . Acht Tage nach dem großen Schlage , der mich getroffen , übersiedelte meine Familie nach Grumitz , unserem Landsitz in Niederösterreich , und ich mit ihr . Allein hätte ich ja verzweifeln müssen . Jetzt waren sie wieder alle um mich , wie vor meiner Verheiratung : mein Vater , Tante Marie , mein kleiner Bruder und meine zwei aufblühenden Schwestern . Sie alle thaten , was sie nur konnten , meinen Kummer zu lindern , und behandelten mich mit einer Art Hochachtung , die mir wohlthat . In meinem traurigen Schicksal lag für sie offenbar eine gewisse Weihe , etwas , was mich über meine Umgebung erhob - selbst eine Gattung Verdienst . Neben dem Blute , das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergießen , bilden ja die am selben Altar vergossenen Thränen der beraubten Soldatenmütter , Frauen und Bräute die nächste heilige Libation . So war es auch ein leises Stolzgefühl - ein Bewußtsein , daß es sozusagen eine militärische Würde vorstellt , einen geliebten Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben , welches mir meinen Schmerz am besten tragen half . Und ich war ja nicht die einzige . Wie Viele , Viele im ganzen Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben ... Nähere Einzelheiten über Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden ; man hat ihn tot aufgefunden , agnosziert , begraben , das war alles , was ich wußte . Sein letzter Gedanke war gewiß zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen , und sein Trost im letzten Augenblick muß das Bewußtsein gewesen sein : Ich habe meine Pflicht - mehr als meine Pflicht gethan . » Wir sind geschlagen , « wiederholte mein Vater , düster , indem er sich neben mich auf die Gartenbank setzte . » Also wurden die Geopferten umsonst geopfert , « seufzte ich . » Die Geopferten sind zu beneiden , weil sie von der Schmach nichts wissen , die uns getroffen hat . Aber wir werden uns schon noch aufraffen , wenn auch jetzt - wie es heißt - Friede geschlossen werden soll - « » Ah , Gott geb ' s ! « unterbrach ich . » Für mich Arme freilich zu spät ... aber so werden doch tausend andere verschont . « » Du denkst immer nur an Dich und an die einzelnen Menschen . Aber in dieser Frage handelt es sich um Österreich . « » Und besteht dieses nicht aus lauter einzelnen Menschen ? « » Mein Kind , ein Reich , ein Staat lebt ein längeres und wichtigeres Leben , als die Individuen . Diese schwinden , Generation um Generation , und das Reich entfaltet sich weiter ; wächst zu Ruhm , Größe und Macht , oder sinkt und schrumpft zusammen und verschwindet , wenn es sich von anderen Reichen besiegen läßt . Darum ist das Wichtigste und Höchste , was jeder Einzelne erstreben muß und wofür er jederzeit gern sterben soll , die Existenz , die Größe , die Wohlfahrt des Reiches . « Diese Worte prägte ich mir ein , um sie am selben Tag in den roten Heften zu notieren . Sie schienen mir so kräftig und bündig dasjenige auszudrücken , was ich in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbüchern herausgefühlt hatte , und was mir in der letzten Zeit - seit Arnos Abmarsch - durch Angst und Mitleid aus dem Bewußtsein verdrängt worden war . Daran wollte ich mich wieder so fest wie möglich klammern , um in der Idee Trost und Erhebung zu finden , daß mein Liebster um einer großer Sache willen gefallen , daß mein Unglück selber ein Bestandteil dieser großen Sache war . Tante Marie hatte wieder andere Trostgründe zur Hand . » Weine nicht , liebes Kind , « pflegte sie zu sagen , wenn sie mich in Trauer versunken fand . » Sei nicht so selbstsüchtig , denjenigen zu beklagen , dem es jetzt so wohl geht . Er ist unter den Seligen und sieht segnend auf Dich herab . Noch ein paar schnell verflossene Erdenjahre und Du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie Für die , welche auf dem Schlachtfeld bleiben , bereitet der Himmel seine schönsten Wohnungen ... Glücklich solche , die in dem Augenblicke abberufen werden , wo sie eine heilige Pflicht erfüllen . Dem sterbenden Märtyrer steht der sterbende Soldat an Verdienst am nächsten . « » Ich soll mich also freuen , daß Arno - « » Freuen : nein - das wäre zu viel verlangt . Aber Dein Schicksal mit demütiger Ergebung tragen . Es ist eine Prüfung , die Dir der Himmel schickt und aus der Du geläutert und im Glauben gestärkt hervorgehen wirst . « » Also damit ich geprüft und geläutert werde , mußte Arno - « » Nicht deshalb - doch wer kann , wer darf die verschlungenen Wege der Vorsehung ergründen wollen ? Ich sicher nicht . « Obwohl mir gegen Tante Mariens Tröstungen immer derlei Einwendungen entschlüpften , so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen Auffassung hin , daß mein Verklärter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes genießt , und daß sein Andenken unter den Menschen mit der unvergänglichen Glorie der Heldenhaftigkeit geschmückt ist . Wie erhebend - wenngleich schmerzlich - hatte die große Trauerceremonie auf mich gewirkt , welcher ich , am Tage vor unsrer Abreise , im Stefansdom beigewohnt . Es war ein De profundis für unsere auf fremder Erde gefallenen und dort begrabenen Krieger . In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt , von hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militärischen Emblemen - Fahnen , Waffen - geschmückt . Vom Chor herab klang das rührend gesungene Requiem ,