, und er suchte nicht wie sonst ihr zu entfliehen ... Eine holdselige Gestalt stieg vor ihm auf : die Liebe seiner Jugend , seine schwer errungene Frau ... Für eine der Töchter des Hauses , welchem sie entstammte , war Graf Wolfsberg kein ebenbürtiger Freier ; sie gingen fürstliche Verbindungen ein oder blieben unvermählt . Und dennoch hatte er sie heimgeführt , dem Vorurteil zum Trotze , weil er ihr heißes Herz zu gewinnen verstanden , weil sie , zur Entsagung gezwungen , gestorben wäre und weil ihre Eltern , die schwachen , törichten , sie nicht sterben lassen wollten ... Hätten sie es doch getan - welch einen süßen und schönen Tod hätte sie damals gehabt ! Sie hätte aus dem Dasein scheiden können , unenttäuscht , im frommen Glauben an den Geliebten . Aber das wurde ihr nicht vergönnt . Sie sollte das Ärgste kennenlernen , bevor sie scheiden durfte , den Zweifel an ihm , an seiner Ehrlichkeit , Wahrhaftigkeit und Treue , an allem , was den Wert des Mannes begründet . Eine gräßliche Empfindung , die sie für Verachtung hielt und die Eifersucht war , bemächtigte sich ihrer . Sie heuchelte nun selbst , spielte die Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast , seine Mitschuldige und sein Opfer , die kleine Schlange Alma , die eben erst aus der Kinderstube in ihre - freilich trostlose -Ehe getreten war , forschte und beobachtete und hatte nur noch einen Wunsch , einen Gedanken , ein Ziel , die Schuldigen zu entlarven , ihnen die Worte ins Gesicht zu schleudern : Feiglinge und Verräter ! Da erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den Türen , da horchte , da erhorchte sie , was ihr den Verstand raubte - - Ihre rast- und trostlosen Wanderungen begannen , ihre leichten Schritte glitten durch das stille Haus und weckten mit ihrem kaum hörbaren Schall einen nagenden , nie ruhenden Vorwurf . Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch zum Bewußtsein , und wenn auch nicht eben Reue , so erweckte er doch nicht mehr die Empörung von einst . Im Zimmer nebenan ließen Stimmen sich vernehmen . Maria wechselte einige Worte mit dem Kammerdiener , der sich ' s nicht hatte versagen können , heute mit ganz besonderer Dienstbeflissenheit die Türen vor ihr aufzureißen . Sie trat ein und ging langsam auf ihren Vater zu : » Du hast mich rufen lassen , es war überflüssig , ich wäre ohnehin gekommen , ich habe dir noch viel zu sagen . « Er lächelte : » Ganz mein Fall dir gegenüber . - Setz dich . « Maria rückte einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches und nahm Platz . Der Graf streifte sie mit einem Blicke ; dann sah er hartnäckig an ihr vorbei ins Leere . - Das Ebenbild ihrer Mutter , dachte er , aber ihr Schicksal wird ein anderes sein . In dieser schönen Hülle wohnt eine stärkere Seele , ein kräftigerer Geist . Sie ist mein Kind ... mein liebes Kind , das ich jetzt hingebe ... Eine plötzliche Wehmut erfaßte ihn , eine Art Mitleid mit sich selbst , das er verspottete . Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental ? ... Er nahm sich zusammen , er richtete sich gerade auf : » Morgen also - « » Morgen also , Vater « - ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt , sie beugte sich , und seines abwehrenden Winkes nicht achtend , fiel sie vor ihm auf die Knie nieder und schlang die Arme um seinen Hals . » Einmal laß mich dir danken « , sprach sie mit erstickter Stimme , » einmal nur dir sagen : Ich danke dir für alles . « Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust . Er preßte sie an sich , daß ihr der Atem verging , er drückte seine Lippen auf ihre Haare , auf ihre Stirn und zog sie immer und immer wieder an sein Herz . Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem Gespräche auf und ab . Mitternacht war vorbei , als der Graf seine Tochter mit einem kurzen : » Gute Nacht , Maria « , fortschickte . Sie stand schon auf der Schwelle , da rief er sie zurück . Es drängte ihn , ihr ein letztes Geschenk , eine Erinnerung an diese Stunde mitzugeben . Suchend sah er im Zimmer umher ; sein Blick blieb auf einer kostbaren , goldtauschierten Kassette haften , die auf einem Schranke stand : » Nimm das , es ist längst dein Eigentum , es gehörte deiner armen Mutter . « 5 Bei der Vermählung am nächsten Tage war alles mustergültig , das Arrangement des Ganzen , die Haltung des Brautpaares , die Toilette der Braut , die Auffahrt vor der Kirche , die Trauung , das Diner und die Equipage Dornachs , in der die jungen Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe fuhren . Sie hatten einen langsamen Zug gewählt , um nicht allzu früh am Morgen im Schlosse einzutreffen , wo ein feierlicher Empfang ihrer wartete . Maria drückte sich in eine Ecke des Waggons . Ein Schauer der Angst hatte sie durchrieselt , als die Tür zugeschlagen worden . Da war sie nun allein mit dem Manne , der sie liebte und Herrenrechte auf sie besaß . Gestern noch fühlte sie sich stärker als er ; wie hatte sich das so plötzlich geändert - nun zitterte sie vor ihm . Er bemerkte es wohl , und sein Herz schwoll vor Stolz und Glück . - Fürchte dich nicht , hätte er ihr zurufen mögen , du bist mir so heilig , wie du mir teuer bist ... Nicht dein Vater , nicht der Priester konnten dich mir schenken , das kannst nur du allein , und um dieses höchste Gut will ich ringen und werben . Aber er dachte : Nein , nicht Worte machen , beweisen ! Und dann sprach er allerlei , und zwar nichts Geistreiches . Vom Wetter , das morgen hoffentlich ebenso wunderschön sein werde , wie es - unglaubliche Beständigkeit für den April ! - die ganze Woche hindurch gewesen . Wie ihn das freute , weil Dornach sich zum ersten Male vor seiner Gebieterin im Sonnenglanze zeigen werde , dessen es sehr bedürfe , um nicht einen gar zu düsteren Eindruck hervorzubringen . Er legte Kissen und Plaids zurecht und bat Maria , sich ' s bequem zu machen und einige Stunden zu ruhen ; sie müsse müde sein , und morgen gebe es wieder einen angestrengten Tag . Maria kam seiner Aufforderung gern nach , sie wollte wenigstens tun , als ob sie schliefe , wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefühl , das sie erfüllte in der Nähe dieses Mannes - ihres Mannes . Von Zeit zu Zeit öffnete sie die Augen ein wenig und sah zu ihm hinüber , und immer begegnete sie seinem unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick . Es war ein Ausdruck darin , der sie allmählich sicher machte : ihre Bangigkeit verschwand , ihre Lider wurden schwer und schlossen sich . Was sie für unmöglich gehalten hatte , geschah : sie fiel in tiefen , festen Schlaf . Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen , als Maria erwachte und auffuhr . Hermann stand am Fenster und begrüßte sie mit einem fröhlichen : » Guten Morgen « , den sie ungemein verlegen erwiderte . Ihre Augen glänzten wie die eines erwachenden Kindes , ihre Wangen waren gerötet - wie gut vertrugen sich das junge Tageslicht und ihre junge Schönheit ! Hermann nahm sie bei der Hand und führte sie ans Fenster . » Siehst du die blaue Bergkette dort ? « sprach er ; » ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden Farben des Horizonts . Vor ihnen , recht in ihrem Schutze , liegt eine Hügelreihe . Siehst du sie ? « » Ja , ja , und der Gegensatz ist hübsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund und den freundlichen Hügeln . « » Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemäuer , das ist Schloß Dornach ... Es hat mir sonst ausbündig gefallen , aber neulich , bei meinem letzten Besuche , da ich es mir als deine zukünftige Behausung dachte , fand ich ' s deiner ganz unwert , das alte Eulennest . « Maria protestierte nicht nur aus Höflichkeit ; der Anblick des Schlosses , den eine Krümmung des Weges ihr jetzt wieder entzog , war ihr herrlich erschienen . Sie rollten zwischen Wiesengeländen am Ufer eines wasserreichen Flüßchens der Station entgegen , auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde . Zu Wagen ging es weiter bis zum ersten Forsthause auf Dornachschem Gebiet , wo Maria ungestört Rast halten und nur von ihren vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden sollte . Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt und durch ihre menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht . Seit einigen Wochen befand sie sich im Schlosse , um der Einrichtung von Marias Gemächern vorzustehen . Und nun war sie hierhergekommen , denn sie mußte doch die erste sein , die das arme , ihrer Obhut entrissene Kind begrüßte . Sie tat es wie nach jahrelanger Trennung unter Tränenströmen und Ausbrüchen des Bedauerns ; Hermann gegenüber jedoch hüllte sie sich in gehässiges Schweigen . Er verbiß ein Lachen , bot seiner Frau den Arm und führte sie , die sich sanft von ihrer Anbeterin und Tyrannin losmachte , in das Haus . Lisette stürzte nach und erlebte eine neue Enttäuschung . Die Herrin sprach beim Umkleiden nicht ein Wort der Klage noch der Anklage . Und darauf hatte Lisette gerechnet , um dem seit gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit und Unverschämtheit der frisch gebackenen Ehemänner die Schleusen zu öffnen . Sie nahm es recht übel , daß ihr keine Gelegenheit zu dieser Erleichterung geboten wurde . Maria war heiter und blieb es während der ganzen Fahrt , die auf ihren Wunsch bald fortgesetzt wurde . Der vierspännigen Herrschaftsequipage zunächst folgten Lisette und die Kammerfrau . Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen , setzte die Brille auf und studierte , soviel es nur möglich war , die Miene ihres Abgottes . Ihr schien der ungeratene förmlich begeistert dreinzuschauen , als man an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und die Bevölkerung der neuen Mitbürgerin einen feierlichen Empfang bereitete . Dem Programme nach kein anderer denn alle feierlichen Empfänge im guten Lande Mähren : Triumphbogen , Ansprachen , Geschenke an Brot und Salz , Eiern , Hühnern , Enten , Gänsen und einem riesigen Säugling aus Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube , Böllerschüsse und Vivatrufe . Ungewöhnlich war nur die echte Herzlichkeit , welche diese Kundgebungen beseelte , das Unbeholfene veredelte und dem Herkömmlichen das Gepräge des Neuen und Außerordentlichen gab . » Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt « , sagte Maria zu Hermann . » Weil ich sie liebe « , erwiderte er vergnügt . » Wenn uns auf Erden etwas mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt wird , so ist es unsere Menschenliebe . Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als Mißgeschick , es ist Schuld . « Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche . Unter dem Portal stand der alte Dechant mit seinen Kaplänen und den Weihrauchfässer schwingenden Chorknaben . Als der Graf und die Gräfin den Wagen verließen , um in das Gotteshaus einzutreten , verstummte das Jubelgeschrei der Menge ; die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und begleiteten mit ihrem Schalle den Segen , den der greise Priester auf die Häupter der jungen Eheleute vom Himmel herabrief . Sie traten aus der Kirche , sie stiegen die breite Treppe langsam hinab . Alle Blicke waren auf Maria gerichtet , mit plumper Neugier , mit Schüchternheit , mit staunender Bewunderung - in manchem Jünglingsauge glühte offenbare Verzückung ... Ob jung , ob alt indessen , ob weiblich oder männlich , auf all diesen Gesichtern , die sich ihr zuwandten , las Maria den Ausdruck eines geheimnisvollen , eines ererbten Leids . Und in ihr erwachte der Gedanke : Was dich da anruft mit stummer und unbewußter Klage , das ist die nach Erlösung ringende ewige Dienstbarkeit . Wir die Herren , sie die Knechte . Darbend an Leib und Seele , verdienen sie - unser Brot , mühen sich , zur Erde gebeugt , jahrein , jahraus , damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen könne bis an die Grenzen des Erkennens . Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe für uns , kein Genuß , nicht Kunst , nicht Wissenschaft ... Am Fuße der Treppe angelangt , hemmte sie plötzlich den Schritt und griff , wie unwillkürlich schutzsuchend , nach dem Arme Hermanns . Er umschlang und hob sie in den Wagen , voll Besorgnis nach dem Grund ihres plötzlichen Schreckens fragend . » Es ist nichts « , versicherte sie , » gar nichts . « Und es war ja nichts - eine Sinnestäuschung , ein seltsamer Streich , den ihr Gedächtnis ihr gespielt . Sie hatte gemeint , mitten in dem Gewühl einen höhnisch Lachenden zu sehen , der sie anstarrte , frech wie damals in jener Winternacht . Züge , deshalb so widerlich , weil sie die eines verehrten Antlitzes entstellt widerspiegelten . - Unsinn , sagte sie zu sich selbst . Wie käme der Mensch hierher ? Der peinliche Eindruck war entschwunden , verdrängt durch manchen schönen und lieblichen und durch eine kräftige Lebensfreudigkeit , die ihr ganzes Wesen durchströmte , als sie dahinflog im raschen Trabe der feurigen , schäumenden Pferde , auf sammetweicher , bergansteigender Straße zwischen majestätischen Buchen . Jedem Blick in die Gegend , den zu tun die tief niederhängenden Äste gestatteten , bot sich ein anmutiges Bild . Die Landschaft mit ihren im ersten Frühlingsgrün prangenden Wiesen und Baumgruppen , mit ihren Weihern und fleißig rauschenden Bächlein glich einem wohlgehaltenen Parke . Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach , reich verzierte Schornsteine und Giebel emporragen . Endlich war auch die Avenue erreicht , und da stand Schloß Dornach , altersgrau und prächtig . Es war um die Zeit Pierre Nepveus - die Sage wollte wissen , von ihm selbst - im Mischstile von Gotik und Renaissance erbaut ; ein stolzes Denkmal einst begründeter und durch die Jahrhunderte behaupteter Macht . Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau ; ihr künstlerischer Schönheitssinn schwelgte in höchster Befriedigung . So umgeben sein ist ein Glück , ein Glück von jeder Stunde ... Wie oft hatte sie als junges Mädchen die Ruine im Walde zu Wolfsberg , die ihr Vater verfallen ließ , in Gedanken wiederaufgerichtet und geschmückt mit Türmen und Bildwerken und zierlichen Erkern , daß die Schöpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die Wirklichkeit , die ihr jetzt vor Augen stand . » Mein Traum « , rief sie aus , » mein in Erfüllung gegangener , noch überbotener Traum ! « Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden . » Der letzte Anprall « , sprach Hermann , » die Beamten und das Forstpersonal . « » Schon recht « , erwiderte sie . » Sage nur , wem gebührt der erste Händedruck ? Dem Hünen mit der lichtblonden Mähne an der Spitze des Heeres - nicht wahr ? « Sie deutete auf einen großen , breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und hellen Haaren in zu engem Frack und zu weiter Krawatte . Zu seiner Rechten hielt sich eine stattliche schwarzäugige Dame , zu seiner Linken waren lebendige Orgelpfeifen aufgestellt , acht Knaben , von denen der älteste ihm etwas über den Ellbogen , der jüngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weiße Köpfe hatten wie er . Hermann winkte ihm von weitem zu : » Dem gebührt der erste Händedruck , jawohl , dem , meinem vortrefflichen Vetter Wilhelm . « Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das bärbeißigste , dasselbe zu tun , und seine Gattin tat es ungeheißen . Glückstrahlend , Hand in Hand mit Maria , trat jetzt Hermann vor die Gruppe . » Da ist sie « , rief er , » da bringe ich sie ... « und zu der übrigen Versammlung gewendet : » Da ist sie , eure Gebieterin und die meine . « Gott im Himmel , was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser überstürzten Vorstellung ! Nicht mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion hineingebracht in die so wohl vorbereitete , so beharrlich einstudierte Begrüßungsfeierlichkeit . Einzelne Hochrufe ertönten , in die viel zu wenig Stimmen einfielen . » Sie hätten losgehen sollen « , fuhr der Kommandant der Feuerwehr den Kommandanten der Veteranen an . » Wie denn ich ? Wenn der Wagen steht , hat ' s geheißen . Ist er gestanden ? Die Herrschaften sind ja noch beim Fahren herausgesprungen . Aber alles eins : Feuer ! Feuer ! sag ich - Sapperlot ! « Eine Salve wurde abgegeben , Fahnen wurden geschwenkt . » An Euer gräflichen Gnaden « , flüsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm zu . » An Sie « , sprach der Herr Verwalter . » An Ihnen « , verbesserte der Herr Kanzleirat . - Aber Vetter Wilhelm , erschüttert in tiefster Mannesseele , wußte kein Wort mehr von der schwungvollen Anrede , die der Herr Schullehrer für ihn verfaßt und ihm eingeprägt hatte , so gut , so fest , daß er eben noch voll Stolz gesagt : » Du , Helmi , Sie , Herr Lehrer , das sitzt da drinnen , das sitzt wie Eisen . « Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen . Umsonst die höllische Arbeit des Auswendiglernens , umsonst der Aufwand an Todesängsten und berauschenden Hoffnungen , den der arme Autor gemacht , zerstört die Freude der guten Gräfin , in bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe ihres Eheherrn beizuwohnen , wie er ihn erst neulich gefeiert , daheim auf der Schießstätte . - In diesem allerwichtigsten Moment jedoch zuckte es nur unter seinem dichten Schnurrbart und über seine runden , glattrasierten Wangen , und seine Augen , die eher klein als groß waren und dennoch ein Meer umfaßten , ein dunkelblaues Meer von Liebe , wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu Hermann . Auf einmal rief er aus : » Hermann , alter Mensch ! ... Gnädigste Gräfin , hochverehrte Base - herzlichst willkommen . - Tusch ! « fuhr er den Lehrer an , der sich genähert hatte , um ihm einzusagen , und die Dorfkapelle fiel ein , trompetend , geigend und paukend . Hermann schloß den Vetter in die Arme , küßte die Hand Gräfin Helmis und gab den Buben einen Wink , die Blumensträuße zu überreichen , die sie in Bereitschaft hielten für die neue Tante . Alle stürzten auf sie los und hatten alle , vom Vier- bis zum Vierzehnjährigen , dasselbe Gesicht und waren einer so unbefangen und zutraulich wie der andere . Warum denn nicht ? Konnten sie sich nicht sehen lassen , waren sie nicht schön in ihren neuen , von der Mutter genähten Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute mit Zahnpulver geputzten Zähnen ? Maria war gegen die ganze Familie so freundlich , wie eine vollkommen elegante junge Dame es dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenüber nur irgend sein kann . Sie entzückte das Ehepaar , sie entzückte jeden , der ihr vorgestellt wurde und mit dem sie einige Worte wechselte . Ihre einfache und taktvolle Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympathie und besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhäupter , die dem zu erwartenden neuen Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten . Die » alten Spitzen « , wie die höheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin genannt wurden , kehrten spät abends nach dem Souper im Schlosse in durch und durch angenehmer Stimmung heim . Herren und Damen waren darüber einig , daß die junge Gräfin unbeschreiblich liebenswürdig und halt - eine Dame sei . » Jeder Zoll eine Dame ! « rief der gebildete Kanzleirat . » Und - eine Würde , eine Höhe ... Sie verstehen mich , Frau Verwalterin . « Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann : » Wann kommt ihr wieder ? - morgen ? « Wie wenn ihm ein schnödes Unrecht zugemutet worden wäre , fuhr Wilhelm zurück : » Was fällt dir ein ... in acht Tagen frühestens . Nicht wahr , Helmi ? « » Um keinen Preis früher « , versetzte diese , » es ist ohnehin indiskret genug . « » Heut in acht Tagen also , es bleibt dabei . « » Bleibt dabei , wir kommen , natürlich ohne die Rangen ... Wirst du schweigen ? « wetterte er seinen Erstgeborenen an , der sich erlaubt hatte , gegen diesen väterlichen Beschluß zu murren . » Die Rangen bleiben zu Haus , die Rangen müssen lernen , müssen alles das lernen , was ich nicht gelernt habe , und das ist viel . « Er nahm Hansel , den Kleinsten , der längst auf einem Kanapee eingeschlafen war , auf den Arm und schritt so seiner Frau , die der Hausherr zum Wagen führte , und seinen anderen voranmarschierenden Söhnen nach . An der Tür , bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte , blieb er stehen , sah ihr in die Augen , und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend , sprach er : » Der achte ! ' s ist eine Nummer - ich genier mich manchmal - ich genier mich eigentlich immer nachträglich und im voraus , denn - wer weiß - und wer kann wissen , was noch nachkommt ? - Aber « , und jetzt ging ihm , zum wievielten Male an diesem Abend hat er nicht gezählt , das Herz über , » wenn auch doppelt so viele nachkämen , als schon da sind , in jedem von ihnen wird ein braver Mensch heranwachsen und ein treuer Freund Ihrer , das heißt deiner zukünftigen Söhne , Frau Base , deren erstes Exemplar du uns ehebaldigst bescheren mögest . « 6 » Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben « , schrieb Maria an ihren Vater in ihrem ersten Briefe aus Dornach . Das Wort » Glück « kam nicht ein einzigesmal vor , aber aus jeder Zeile sprach Zufriedenheit . Maria hatte sehr bald begriffen , daß sie als die Frau Hermanns eine Aufgabe zu lösen haben werde , die ihrem ernsten Sinn entsprach . Anders als in Wolfsberg gestalteten sich in Dornach die Beziehungen zwischen dem Großgrundbesitzer und seinen kleinen Nachbaren . - Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens , offene gegenseitige Feindschaft ; eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von seiten der Schwachen , Starrsinn und unerbittliche Strenge von Seite des Starken . » Ich will nur mein Recht « , sagte der Graf und ging schonungslos vor in der Erreichung dieses Rechtes . » Das Recht ? « sagte Hermann . » Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff des Rechtes von Leuten , die sich immer nur der Gewalt beugen mußten ? « Maria stimmte ihm bei . Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit , das Gefühl der Unerträglichkeit fremden Leids , fremder Not und ein heißer Drang zu helfen hatte auch sie oft ergriffen . Nun lag die Macht , ihm Genüge zu tun , in ihrer Hand . Sie empfand eine innige Dankbarkeit für den , der sie ihr gegeben , unter dessen Leitung sie dieselbe ausübte . » Heute Dienstag und Familiendiner « , sprach Hermann eines Morgens , in das Frühstückszimmer tretend . » Hast du nicht vergessen ? « Sie gestand es ein : » Jawohl , völlig vergessen . - So wäre seit unserer Ankunft eine Woche vergangen ? « » Eine volle Woche . Mir ist sie entschwunden wie ein glücklicher Augenblick ... Und dir , Maria ? Nicht allzu langsam ? « » Nein , nein « , sagte sie leise . Er umfaßte sie mit beiden Armen . » Wenn es so fortgeht , werden wir plötzlich ein Paar alte Leute sein . Unvermutet wird uns einst das Alter überraschen ; aber ich fürchte es nicht und auch nicht den Tod . Es ist schön zu sterben nach einem schön erfüllten Leben , in dem man nie irre geworden ist an seinem teuersten und höchsten Menschen , wie ich es an dir nie werden kann . « » Was verstehst du darunter ? Was ist der Inbegriff von allem , was du von mir verlangst ? « fragte sie . Hermann sah ihr mit einem langen , verständnissuchenden Blick in die Augen . » Du weißt es ja , vorläufig nur - einen Tausch . Für meine grenzenlose Liebe - dein grenzenloses Vertrauen . Espérant mieux , wie das Motto Antoine Latours gelautet . « Maria senkte den Kopf . » Du bist so gut , du hast die Geduld mit mir , um die ich dich gebeten habe « , flüsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg plötzlich ihr Gesicht an seiner Schulter . » Die Pferde ! Deine Pferde aus Wolfsberg « , ließ jetzt die laute Stimme Lisettens sich im Nebenzimmer vernehmen , und sie selbst schlich herein , lächelnd und bissig , untertänig und grollerfüllt wie immer in Hermanns Gegenwart , welcher in ihren Augen nichts war als der mit einem Privilegium versehene Räuber » des Kindes « . Sie hatte jede trübe Stunde vergessen , die sie in Marias Geburtsort verlebt , und gab Wolfsberg hier im Hause für das Gelobte Land aus . Jeder Brief , jede Sendung , die von dort kam , wurde von ihr empfangen wie ein Gruß aus dem Aufenthalt der Seligen . » Und der Georg hat sie gebracht , deine lieben Pferde , der alte Georg , der ' s nicht erwarten kann , dir die Hand zu küssen , Frau Gräfin , mein Kind « , setzte sie in schmelzendem Tone hinzu . - Dieselben Pferde , die sie ingrimmig gehaßt als immerwährende Gefahrbringer für das Leben und die geraden Glieder Marias , derselbe Georg , den sie verabscheut , weil er diese Pferde gesattelt hatte , standen jetzt in Lisettens höchster Gunst . Sie sah aus dem Fenster » dem Kinde « nach , das voll Freude über das bevorstehende Wiedersehen seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns über den Hof eilte . » Ohne Hut , ohne Handschuhe , freilich , freilich « , brummte Lisette und überließ sich ihrer Gewohnheit , halblaut mit sich selbst zu sprechen , sobald sie allein war : » Wer schaut hier auf dich , du Vogel du , der verliebte Graf gewiß nicht , der denkt an nichts , sieht nichts , ist dumm und blind vor lauter Verliebtheit . « Sie begab sich in das Schreibzimmer , schellte und befahl dem Stubenmädchen , der Frau Gräfin das Vergessene nachzutragen . Dann fuhr sie in ihrer eine Weile hindurch unterbrochenen Beschäftigung fort . Diese bestand in dem Ausräumen eines Rokokoschreibtisches aus Rosenholz mit Bronzeverzierungen und eingelegten Vieux-saxe-Platten . Lisette wickelte unzählige , sehr wertvolle Sachen und Sächelchen , Bonbonnieren , Dosen , Elfenbeinschnitzereien , Siegel , Flakons aus ihren Papier- und Wattehüllen und legte alles auf einem Tisch in der Nähe des zierlichen Glasschränkchens zurecht , das an der Wand hing und bestimmt war , die kleinen Kostbarkeiten aufzunehmen . Fast jeder dieser Gegenstände weckte in der Alten eine wehmütige Erinnerung an dessen frühere Besitzerin , an Marias Mutter . Es waren sämtlich Geschenke des Grafen . Er hatte sie dereinst aus Paris , wo er kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung gestanden , nach Hause geschickt als Zeichen treuen täglichen Gedenkens . Und wie beglückten und beseligten sie ! Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem flüchtig bekritzelten Zettelchen , das diese Sendungen meist begleitete . Meist - nicht immer ... und dann , war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben , dann fehlte dem Schönen der Reiz , und die Gräfin beugte sich traurig über ihr Kindlein : » Er hat uns heute nicht geschrieben , Maria ... « Sie hat ihn zu liebgehabt . Freilich , freilich . - Lisette sann nach , ihre Lippen verzogen sich zu einem tückischen Lächeln : » Das wirst du ihr nicht nachmachen , mein Vogerl « , murmelte sie , » du hast eine andere Natur . Wenn in deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert , wird ' s der andere sein , nicht du . « » Worüber lachst du ? « fragte Maria eintretend . » Ach was , nur so - - über den spaßigen Heiligen da . « » Was ist das für ein Heiliger ? « Sie reichte der Gebieterin eine Dose , die mit einem Emailbildchen von Petitot , einen jungen , weinlaubumkränzten Faun darstellend , geschmückt war . Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam ; sie war keine Freundin der Kunst im Kleinen und hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse geschenkt . Nun aber bewunderte sie eingehend die feine Arbeit des französischen Meisters , und wie sie dabei das Kästchen hin und her wandte , sprang bei einem Druck ihres Fingers der Deckel auf . Die Dose barg einen goldenen , in Seidenläppchen gewickelten Schlüssel ; Marien schien , die Zeichnung der Arabesken seines durchbrochenen Griffes habe Ähnlichkeit mit der Tauschierung der Kassette , die sie am Abend vor ihrer Vermählung von ihrem Vater erhalten und an welcher der Schlüssel fehlte . - Doch hatte sie nicht Zeit , sich der Zusammengehörigkeit der beiden gleich zu versichern , denn die Ankunft ihrer Gäste , die um ein Uhr , eine Stunde vor dem