nicht zum Neid . Oben auf der Höhe von Düsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue ; der Blick beherrscht von hier aus die Bucht , die Fortifikationen und weit draußen das Meer . Hier saßen die Frauen , und wie Fanny es gewünscht hatte , stahl sich durch die Krone der Linde , unter welcher sie speisten , ein Sonnenstrahl in ihr bernsteinfarbiges Glas , darin Moselwein perlte . Fanny hatte in den Pausen zwischen den Schüsseln Arnolds Brief gelesen und reichte ihn jetzt der jungen Frau zurück . » Das ist ein Mann , « sagte sie aufatmend , » ja , Du kannst glücklich sein . « Voll Widerspruchsgeist bemerkte Adrienne mit einem herben Zug im Gesicht : » Von Liebe steht nicht viel darin . « Fanny ließ die Gabel sinken , die sie eben zum Munde führen wollte , und sah ihr Gegenüber ebenso erstaunt als traurig an . » O , « sagte sie schmerzlich , » das verstehst Du nicht herauszulesen ? Du fühlst nicht , wie Du und die Sorge um Dich ihn ganz beschäftigen ? Armer Arnold ! « Bei diesem Bedauern regte sich in Adriennens Brust ein Gefühl von heftigem Zorn gegen ihren Gatten . Und Fanny , die das auf dem zarten Gesicht kommen und gehen sah wie Wolkenschatten über ein sonniges Blachfeld , Fanny bereute ihre Aeußerung . Sie war zu klug , um nicht zu wissen , daß sie nicht offen auf Arnolds Seite stehen dürfe , wenn sie das ungesunde Gemüt dieser Frau sich erschließen und heilen wollte . » Nun wollen wir aber sehen , was Dein Schwager schreibt ! « sagte sie ablenkend ; » Du siehst , ich bin neugierig wie ein Kind . Darf ich auch lesen ? « » Nur zu ! « sprach Adrienne gleichgiltig ; » Du wirst die Beschreibung einiger Festlichkeiten finden , die auf jenem Gut in ununterbrochener Reihenfolge vor sich zu gehen scheinen , und dann wird Dir der Name Elly zehnmal begegnen - so heißt die Tochter des Hauses - und schließlich wird eine Ermahnung darin stehen , heiter zu sein und Arnold oft zu schreiben . « » Was soll so ein junger Mensch denn auch anderes schreiben , « lachte Fanny gutmütig ; » die soziale Frage kann er nicht mit Dir lösen . Also da ist eine Elly , deren Namen wir auf jeder Seite finden ? Schau , schau ! « » Er ist immer verliebt , « bemerkte Adrienne , eine Mandel zerbrechend . » Liebe Schwägerin , « las Fanny halblaut , » seit meinem letzten Brief - unglaublich eigentlich , daß es erst acht Tage sind - hat sich sehr viel ereignet . Das Wichtigste sei gleich gesagt : Fräulein Elly hat sich verlobt mit einem unausstehlichen Krautjunker , welcher Ellys Papa das Gut abkauft . Natürlich hört damit meine Stellung als Volontär auf , die mir auch ohne den Gutsverkauf sehr verleidet ist . Fräulein Elly sieht nicht sehr glücklich aus . Arme Kleine ! Joachim Herebrecht ist aber ein armer Schlucker , er konnte dir nicht helfen . Nun , liebe Adrienne , gilt es , eine neue Stellung suchen , und zwar endlich eine , wo ich verdiene . Getrost könnte ich auf Grund meiner Kenntnisse die Bewirtschaftung eines großen Gutes selbständig übernehmen ; es fragt sich nur , ob ich einen unserer Standesherren bereit finde , mir eine solche Stellung anzuvertrauen . Mache Dir aber keine Sorgen , schreibe auch Arnold nichts . Ich kann hier bleiben , bis ich etwas anderes habe . Du hast mir lange nicht geschrieben ; laß mich wissen , wie es Dir und dem Kleinen geht und ob Du kürzlich Nachrichten von Arnold hattest . Mit den innigsten Grüßen , Dein Joachim . Frage doch ' mal bei Fanny Förster an , vielleicht weiß die eine Vakanz , wo ich einrücken könnte . « Fanny lachte . » Weshalb lachst Du ? « fragte Adrienne ; » ich finde es nicht sehr heiter , daß Joachim ohne Stelle ist . Arnold hätte ihn nicht Landwirt werden lassen dürfen ; es ist so aussichtslos . « » Ich lache , « sagte Fanny belustigt , » weil ich mir aus diesem herzlich unbedeutenden Brief doch den ganzen guten , liebenswürdigen und vielleicht ein bisserl leichtsinnigen Jungen zusammenkonstruire . Dieser Zwischenruf arme Kleine ! ist köstlich . Und dann lache ich , weil ihm im Postskriptum Fanny Förster einfällt und weil diese eminent praktische Frau natürlich Rat weiß . « » Wie , Du wüßtest eine Stelle ? « » Ich schaffe ihm eine . Meine beiden Güter Mittelbach und Driesa habe ich bislang von Mittelbach aus selbst verwaltet , mit Hilfe meines alten Freundes , des Baron Lanzenau . Mancherlei Umstände , von denen Du schon in Mittelbach Kenntnis erhalten wirst , machen es wünschenswert , daß Lanzenau nach Driesa übersiedelt und sich so wenig wie möglich um Mittelbach kümmert . Weshalb soll ich mir nicht die Bequemlichkeit gönnen , einen Verwalter zu nehmen ? Ich werde an Joachim schreiben . Er kennt mich zwar nicht , aber da Arnold eine gute Meinung von mir hat , hoffe ich , Kredit bei Joachim zu besitzen . Zugleich hast Du ihn , Deinen nächsten Verwandten , dann um Dich , « setzte Fanny voll Eifer auseinander . » Jedes Geschäftsverhältnis zwischen Familienmitgliedern trägt den Keim von Unfrieden in sich , « sagte Adrienne zweifelnd . » O , « sprach Fanny , den Kopf schüttelnd , » ich bin ganz rücksichtslos , immer und überall , denn das ist am bequemsten für andere und mich . « » Daß Du für Joachim erst eine Stellung schaffst , gibt der Sache den Stempel einer Wohlthat , « grollte Adrienne . » Keineswegs , « versicherte Fanny , der alsbald nach dem schnellen Entschluß schon hunderterlei Vorteile der neuen Ordnung einfielen . » Meine Wirtschafterin geht ohnedies , ich nehme keine neue , und anstatt wie bisher immer in den Feldern umherzureiten , finde ich im Hause neue Aufgaben . Ich glaube auch , es wird sparsamer für mein Budget sein . « Fanny verstummte plötzlich , und man sah es ihr unschwer an , daß ihr geschäftiger Geist mit Plänen , Zahlen , Einteilungen eifrig arbeitete . » Wie kann eine Frau , « dachte Adrienne voll Staunen , » die vermöge ihres Reichtums und ihrer Schönheit in der Welt glänzen könnte , sich in einem Leben gefallen , das nicht mehr und nicht weniger ist , als ein Krautjunkertum ins Weibliche übersetzt . « Und sie stand nicht an , mit dem lehrhaften Unfehlbarkeitsgeist , der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte , etwas hochmütig auf Fanny herabzublicken . Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage aus ihren Grübeleien auf , mitten hinein in die überhebenden Gedanken der Schwägerin . » Treibt Joachim irgend eine Kunst ? « » Ich weiß nicht . Ich glaube , er singt , aber weit her wird es wohl nicht sein . Warum ? « » Nun , ich liebe Menschen , die ihre Mußestunden schön auszufüllen verstehen . Ich mag , wenn das Reitkleid und die Wirtschaftsschürze ausgezogen sind , nichts mehr von Rübsaatpreisen und Wollkonjekturen hören . Lanzenau ist musikalisch , ich male etwas , der Pastor und seine Frau haben literarische Interessen , jeder sucht teil an den Freuden des andern zu nehmen . « » So werde ich mich nicht bei Dir langweilen , « sagte Adrienne , eine kleine Beschämung niederkämpfend . » Ich hoffe , nein . Doch das liegt durchaus in und an Dir selbst . Die Fähigkeit zur Langeweile ist Naturanlage : mit Menschen , wie immer sie auch sein mögen , langweile ich mich sehr selten , in der Natur nie ; nur wenn ich im Zimmer lange auf mich ganz allein angewiesen bin ; und das ist auch , glaube ich , mehr Ungeduld zur Bethätigung meines Seins , als gerade Langeweile . Du findest nur Durchschnittsmenschen , aber diese in leidlich harmonischem Seelenleben . « » Wann reisen wir ? « fragte Adrienne glücklich . All ihr inneres Widerstreben war schon in der Sekunde erstorben , als Fannys stolze Gestalt heiter über ihre Schwelle trat . » Morgen , « sagte Fanny , » mit dem ersten Zug , dann sind wir mit Einbruch der Nacht in Mittelbach . « Die beiden Frauen stießen fröhlich zusammen an . Und am späten Abend saß Fanny , deren Nerven offenbar keine Ermüdung kannten , noch im Gasthofzimmer am Tisch , um einen ihrer bündigen Briefe zu schreiben . » Mein lieber Kapitän , « schrieb sie , » ich bin in Kiel , um Ihre Frau nach Mittelbach zu holen . An was Adrienne krankt , ist nicht schwer zu sagen . Sie hat in ihrem Leben nur die Arbeit , den Ernst , die Tugend kennen gelernt und sie ist neugierig auf die Kehrseite der Medaille ; sie will den Genuß , den Jugendübermut , die Sünde kennen . Allmutter Eva wird in ihr wach , aber das wird sie in jeder Frau einmal . Ihr Weib ist bei mir , Sie können ruhig sein . Geht solche Krisis gesund aus , kann der Mann nur dabei gewinnen . Ihre Fanny Förster . « Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen genügend , um sie über das Weltmeer zu senden . Jede andere Frau hätte hier acht und mehr Seiten voll geschrieben . Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefühl zu Bett , sich vollständig ausgesprochen zu haben . Drittes Kapitel Auf der Strecke , die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltäglich mehrmals durchrast , jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei . Diese , wie Lazarus am Tisch des Reichen , fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf , und nur die Lokal- und Bummelzüge schleppen Menschen und Güter den Knotenpunkten zu , wo sich die Linien der eisernen Erdstraßen kunstvoll verknüpfen . Hier schüttet ein Zug seinen Inhalt in den andern aus ; hier zerstiebt in alle Windrichtungen , was meilenlang von einem pustenden Dampfroß gemeinsam vorwärts gezogen wurde ; hier rennen Menschen wie Flüchtlinge auseinander , die eben stundenlang eifrig und angenehm zusammen plauderten , sich die Fahrt verkürzend ; hier schlingen ausgehungerte und verdurstete Männer und Frauen heiße , fettig riechende Bahnhofskost , brühheißen Kaffee , schäumendes , überlaufendes Bier hinein ; hier ist ein Rufen , Läuten , Schreien sondergleichen , das Geld klappert auf dem blechernen Wechselbrett der Buffetière ; Qualmgewölk ballt sich unter dem Schutzdach des Perrons . Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des fertigen Zugs durch die Luft klagt , setzt alles sich erschöpft und befriedigt in seine Coupéecken fest , der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach , die mit ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet , bis sie sich draußen , fern vom Bahnhof , in schwindelnde Eile setzt - dann ist eine Weile Ruhe , bis von der andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron schiebt . So lärmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefährt durch die Lande . Aber die kleinen Stationen stehen an den großen Bahnen wie verschüchtert neugierige Kinder . Von ihnen aus schauen noch sehnsüchtige oder bange Augen auf die Fenster der vorüberfliegenden Eilzugwaggons . Da ist jeder Ankommende oder Abreisende noch ein Ereignis , das in Ursache und Wirkung besprochen wird , und der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet , wo einige Käsebrote unter einer Glasglocke trocknen , ersetzt den Bewohnern des nahen Städtchens , Fleckens oder Dorfes das Café und die Börse der Großstädter . Die Ankunft eines Zuges zu erwarten , ist Ziel für manchen Erholungsspaziergang . Auf dem Perron einer solchen kleinen Station , die auf sonniger Fläche inmitten märkischen Sandes lag , wanderte ein junges Mädchen hin und her . Die Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten , den sonst das rote Backsteingebäude warf , bis zu einem schmalen Strich . In diesem Schattenstrich an der Mauer saß der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete eben den innern Rand seiner roten Mütze aus . Die Glasthür , die in den Wartesaal führte , war innen mit einer Filetgardine geschmückt ; zwischen ihr und dem Glas surrten große Brummer auf und ab . Rechts und links vom Gebäude befanden sich in jungen Gebüschanpflanzungen die zum Bahnhof gehörenden Nebenräumlichkeiten ; zwischen diesem Gebüsch und der Mauer des Haupthauses führten die Wege nach hinten , wo die Landstraße zu vermuten war . Wenn das auf und ab wandelnde Mädchen vorbeikam , sah sie immer da hinaus , wo wie im Ausschnitt das Bruchstück einer Equipage zu sehen war . Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus , die Hinterräder des Wagens das Gebüsch ; man sah den auf seinem Bock schlummernden Kutscher und die Pferdeschweife , die zuweilen aufschlugen , um Fliegen zu verjagen , und hinter dem allem eine endlose Fläche und einen zitternden Dunst unter grell blauem Himmel . Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitöniges Glockensignal . Der Inspektor sprang auf ; um die Hausecke kam , krummbuckelig , mit müden Knieen , der Perrondiener ; die Wartesaalthür öffnete sich , und die Restaurationsfrau erschien in derselben , auf dem Arm ihr Kind , dem sie gerade das Näschen schneuzte . » Ob die gnädige Frau heute wohl kommt ? « fragte der Inspektor , auf das junge Mädchen zutretend . » Sie sind nun schon zum drittenmal hier , Fräulein , und ich fürchte , wieder vergebens , denn eine Depesche haben wir bislang nicht befördert , und Sie wissen doch , wenn Frau Förster von Reisen heimkehrt , telegraphirt sie stets vorher an den Baron Lanzenau . « Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war somit genau über den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet . Das Mädchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton : » Nun , das Unglück , die Fahrt einigemale vergebens zu machen , ist ja nicht so groß . « Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort , deutlichst zeigend , daß ihr keinerlei Unterhaltung erwünscht sei . Der Inspektor wechselte darauf einen Blick mit der Frau in der Thür , einen Blick , mit dem sie sich darüber verständigten , daß man ein so unhöfliches Benehmen von Fräulein Severina eben gewöhnt sei . Diese ging an das äußerste Ende des Perrons und starrte vor sich hin . Sie sah auf die im Sonnenschein gleißenden Schienen , auf den gelben , grobkörnigen Kies , der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte , und dachte , mit welchen Worten sie Fanny Förster am leichtesten sagen könne , was doch gesagt werden mußte . Severina war ein Mädchen , das niemals durch ihre Schönheit , aber immer durch ihre Gestalt auffallen konnte , die , von mittlerer Größe , Linien von vollendetem Ebenmaß aufwies . Ein reizender Fuß zeigte sich unter dem kurzen Kleid , eine schöne Hand hielt herabhängend ein Paar Handschuhe . Das Gesicht zeigte die Negerlippen eines breiten Mundes . Darüber stand ein aufgestülptes Näschen . Unter der niedrigen weißen Stirn leuchtete ein dunkles , großes Augenpaar ; dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet ; die starken Backenknochen , die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas Tierisches . Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen , der jetzt endlich in großer Kurve sich dem Perron näherte . Richtig , da beugte sich ein Kopf aus einem Coupé , und gleich darauf streckte sich eine Hand heraus und winkte mit dem weißen Taschentuch . Severina lief neben dem Coupé her , bis der Zug endlich stand , gerade am andern Ende des Perrons . Dabei wurde sie seltsam blaß . » So warte doch , so warte doch , « rief Fanny Förster aus dem Fenster . Der Inspektor eilte auch herbei und riß die Thür auf , der Fanny nun rasch entstieg . » Wir haben die gnädige Frau schon gestern abend erwartet , « bemerkte der Inspektor . » Ja , « lachte Fanny , » meine Schwägerin hat nicht meine Nerven . Wir mußten in Hamburg Aufenthalt nehmen . - Gib mir erst das Kind heraus , Adrienne . - Guten Tag , Very . Nun , wo kommst Du denn her ? Ist der Baron gestern abend hier gewesen ? Wie sieht ' s in Mittelbach aus , Mädchen ? Deine Eltern wohl ? « Dabei ergriff sie mit der Rechten das Bündel von Tüchern und Schleiern , in welchem der kleine Joachim stak , preßte es gegen sich und reichte die Linke Adrienne hinauf . Diese , überaus blaß und von Hitze ermattet , kletterte herab , die Magd mit sehr vielem Handgepäck folgte , und mit dumpfem Krach flog die Coupéthür wieder zu . Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein , Adrienne verzagt über die flache , schattenlose Gegend , Fanny ungeduldig , neue Nachrichten von ihrem Heim zu hören , das sie seit fünf Tagen verlassen . » Hier ist Severina , die Pflegetochter unserer Pastorsleute . - Meine Schwägerin , Frau von Herebrecht . Aber nun sage , Very , wie kommt es , daß Du mich abholst ? « » Meine Eltern haben Ihre Rückkunft mit großer Sehnsucht erwartet , « sagte Severina , mit ihren dunklen Augen einen so flehenden , bedeutungsvollen Blick auf Fanny richtend , daß diese augenblicklich fühlte , es sei etwas geschehen , wobei man ihrer bedürfe . Sie drückte Severina stark die Hand . » Gestern abend , « fuhr Severina fort , » fuhr ich mit Ihrem Wagen her ; Sie kamen nicht . Auch der Baron war vergebens hier . Er beschloß , eine Depesche abzuwarten , aber ich bin , Ihre Verzeihung voraussetzend , heute wieder mit Ihrem Wagen gekommen . « » Und das ist ein Glück , « meinte Fanny freundlich , » da wir nun gleich heimfahren können und keinen Wagen aus Mühlen brauchen . Die arme Adrienne hätte auch vielleicht geglaubt , ihre letzte Stunde sei gekommen , wenn sie auf einem Mühlener Bauernwagen durchschüttelt worden wäre . « Mühlen war ein zu Fannys Gütern gehöriges Dörfchen , welches in unmittelbarer Nähe der Station lag . » Komm , « sprach Fanny , den Arm des jungen Mädchens ergreifend , » meine kleine Kalenderheilige muß erst beichten . - Wir nennen Very manchmal so , weil sie einen so furchtbar nach Weihrauch duftenden Namen hat , « erklärte sie Adrienne . » Besteige Du einstweilen den Wagen und installire Dich mit Baby . - Guten Tag , Christian , « grüßte sie den Kutscher . Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zögern einherschritt , so fragte Fanny mit einigem Nachdruck : » Nun ? Was ist geschehen ? « » Magnus ... « » Hat Dummheiten gemacht ! « setzte Fanny bestimmt dem von der andern zögernd ausgesprochenen Namen hinzu . » Leider gleich zwei auf einmal , « sagte Severina finster , » und Mama und Papa geben nun einander schuld ; Jedes behauptet , der andere habe ihn falsch erzogen . « » Nun , « meinte Fanny , » in dieser Behauptung ist das Recht auf Seite des Vaters . Aber was hat denn unser Doktor Magnus Hesselbarth angestiftet ? « » Er hat - gespielt und dann , es mag in der Leidenschaft des Verlierens oder des Weinrausches gewesen sein , dann hat er ein Duell provozirt und ausgefochten , welches seinem Gegner eine Stirnwunde und ihm einen Schuß im linken Arm einbrachte . Nun ist er heimgekommen wie ein Flüchtling . Die Wunde will die Pflege der Mutter schon ausheilen , aber die Spielschuld kann die Cassa des Vaters nicht decken , « berichtete das Mädchen . » O weh , « rief Fanny , » das mag stürmische Zeit bei euch gegeben haben ! « » Ich bin ja da , alles auszubaden , « sagte Severina mit großer Bitterkeit . » Pfui , Very ! « schalt Fanny , über deren Gesicht sich die Schatten sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten , » in solchen Tagen sucht der Sorgende sich eben gern einen Blitzableiter für die üble Laune . Das ist menschlich , das solltest Du verzeihen . « » So ? « fragte das Mädchen . » Diese Menschlichkeit passirt doch nicht allen Menschen . Als im vorigen Frühling die Elbe austrat und Ihnen die mühsam kultivirten Fichtenschonungen verschlammte und versandete , Ihnen die Mühe und Kosten von Jahren zerstörend , da hat kein Mensch ein ungeduldiges Wort von Ihnen gehört . Aber freilich , meine Pflegemutter ist auch eine fromme Christin , sie muß in jedem Unglück das Strafgericht Gottes oder die Versuchung Satans beklagen . « » Was die Natur uns zufügt , zwingt uns unsere Ohnmacht , mit Geduld zu tragen . Geduld mit Menschen haben , ist tausendmal schwerer , « sprach Fanny milde . » Aber nun komm , mein Kind , laß meine Schwägerin nichts von irgendwelcher Verstimmung merken . Sie bedarf der Heiterkeit und soll nicht gleich herausfinden , daß wir in Mittelbach so wenig gegen Sorge und Leid versichert sind wie die Menschen anderswo . « Sie schritten beide auf den Wagen zu , in dessen einer Ecke Adrienne schon lag , den aufgespannten Sonnenschirm über sich , die müden Augen auf den fernen Horizont gerichtet , zu dessen blauender Waldlinie eine endlose , pappeleingefaßte Chaussee lief . » Müssen wir bis dahin fahren ? « fragte sie . » Gewiß , meine Welt liegt , wie die Königreiche im Märchen , hinterm Wald . Diese Roggen- und Hafergefilde , welche Dir ohne Zweifel sehr eintönig vorkommen , sind Driesaer Grund und Boden , die Gruppe von Häusern und Baumkronen da rechts am Ende der Sehweite ist Dorf und Schloß Driesa . Mein Mittelbach fängt hinter dem Wald an und geht bis an die Elbeufer . Mein Reich ist nicht klein . Joachim wird zu thun bekommen . « Der Wagen setzte sich in Bewegung ; Adrienne war zu erschöpft , Severina nicht gewohnt zu sprechen ; die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen und wiegte dabei das Kind im Arm . Lautlos gingen die Räder im Sande ; Lerchen stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Höhe . Fanny , die lange still nachdachte , fuhr plötzlich wie erwachend empor , sah Severina an , nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gespräch , welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte . Eine Fahrt von zwei Stunden , davon die letzte halbe Stunde sie durch einen schönen Eichenwald führte , brachte sie nach Mittelbach . Adrienne war noch nie auf dem Lande gewesen , sonst würde ihr die Sauberkeit und Behäbigkeit aufgefallen sein , welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben . Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche , die aus einem von blühendem Hollunder und breitkronigen Linden überschatteten Kirchhof aufragte . Nahe dem Kirchhof befand sich im bunt blühenden Garten das Pastorenhaus . Nur ein weißer Spitz stand hinter der hölzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den vorüberfahrenden Wagen an . Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen . Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der Dorfstraße ab und führte geradewegs in fünf Minuten auf das Schloß zu . Das Schloß verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen keineswegs . Es war ein großes , breites Haus , das über dem Parterre ein Stockwerk und einen zweifensterigen Erker trug . Vor der grün angestrichenen Hausthür befanden sich ein Beischlag , dessen Bänke je von einer Linde überschattet waren , die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getünchten Hausmauer standen . » Schön ist er nicht , der alte Kasten , « sagte Fanny mit einem Seufzer , » und ich liebe so die Schönheit . Aber um das Idealschlößchen herzubauen , von welchem ich träume , fehlt mir immer das Geld . « Adrienne lächelte ; sie glaubte nicht anders , als daß dieser Seufzer ein gewisses Kokettiren mit Sparsamkeit sei , denn daß eine reiche Frau wie Fanny ihren Wünschen Grenzen ziehen müsse , schien ihr undenkbar . » Da ist die ganze Gesellschaft , « sprach Severina . Auf den Bänken im Beischlag saßen drei Männer und eine Frau . Sie sprangen auf , als der Wagen hielt , und wollten alle zugleich den Schlag öffnen . Der großen , übermäßig mageren Frau gelang es , die erste zu sein . Sie ergriff mit ihren starkknochigen Händen Fannys Rechte und sagte : » Nein , so konnte Gott uns auch nicht strafen , er durfte Sie nicht länger fernhalten ! « » Liebe Frau Pastorin , « sprach Fanny , ihr die mageren Wangen streichelnd , die aus einer unter dem Kinn geschlossenen schwarzen Tüllhaube hervorsahen , » liebe Frau Pastorin , ich bin zum Glück ja noch zur rechten Zeit gekommen , Ihnen Ihre Sorgen abzunehmen . - Grüß Gott , Herr Pastor . Ah , da ist ja auch unser junger Doktor Magnus . - Und Sie , Lanzenau , Sie sagen gar nichts ? « » Kann ich denn dazu kommen , die liebe Hand zu küssen ? « fragte der Baron Lanzenau lächelnd . Adrienne saß unterdessen ruhig im Wagen und beobachtete diese Menschen , mit denen sie nun leben sollte . Vor allem fiel ihr der Baron Lanzenau ins Auge , ein Mann , der seine Hünengestalt in ein enges Tricotjaquet und ganz enge Beinkleider gesteckt hatte . Um seinen auffallend hohen und blendend weißen Halskragen schlang sich eine blauweiß getupfte Krawatte , die in breiten Flatterenden über dem dunklen Jaquet herabhing . Sein Diplomatengesicht trug die Zier eines spitz gedrehten Schnurrbartes , sein dunkles Haar war äußerst glatt und auf jene altmodische Art frisirt , welche in die Schläfen gesichtwärts je eine Haarlocke vorschiebt . » Das ist also der Mann , welcher seit meines Bruders Tod Fannys rechte Hand war ? Merkwürdig , er scheint doch noch in den Jahren , wo eine Heirat mit Fanny ihm natürlich sein mußte ! « dachte Adrienne . Die hagere Pastorin mit den Leichenbittermienen und dem tragischen Blick , der rundliche , weißhaarige Pastor mit dem rosigen Gesicht , schienen Adrienne nicht sehr bemerkenswert , wohl aber blieb ihr Auge auf dem jungen Doktor Magnus Hesselbarth , dem Pastorensohn , haften . Dieser hielt sich sehr im Hintergrund und schaute sich seinerseits Adrienne neugierig an . Er hatte die Figur und Züge seiner mageren dunklen Mutter ; was jedoch bei ihr grob erschien , wurde bei ihm zur männlichen Schönheit . Vor seinen dunklen Augen saß ein Kneifer ohne Band , sein schwarzes Haar war kurz geschoren und stand wie eine Bürste über der Stirn auf , in welche es in einer Schneppe hineinwuchs . Erst als Fanny alle begrüßt hatte , machte sie Adrienne mit ihren Freunden bekannt . Jeder sagte ihr ein Wort des Willkommens . » Ich freue mich , daß Fanny endlich einmal die Nähe eines Familienmitgliedes genießt , und hoffe , Sie werden sich lieb haben , « sagte Lanzenau . » Der Herr war mit Ihnen , als Sie den Entschluß faßten , den Versuchungen der Welt zu entfliehen und hieher zu kommen . Denn einer geht umher wie ein brüllender Löwe und suchet , wen er verschlinge , « sprach die Pastorin mit einem Seitenblick auf ihren Sohn . Dieser Sohn begnügte sich , Adrienne die Hand zu küssen , sich zu verneigen und zu versichern : » Sehr erfreut , gnädige Frau ! « Der alte Pastor aber drückte ihr fest die Hand und sprach : » Willkommen , herzlich willkommen ! « » Ach , « rief Fanny , » wie ist das Heimkehren schön , und dabei habe ich nicht einmal Mann noch Kind ! Was muß Arnold empfinden , wenn er von der Stunde seiner Heimkehr träumt ? « Adrienne fühlte sich immer unangenehm berührt , wenn ihr Gatte von Fanny erwähnt wurde . Sie sah stets eine Mahnung , einen Vorwurf darin . Und der Ausdruck von Verstimmung , der deswegen über ihre Züge kam , entging in diesem Augenblick dem jungen Doktor nicht , der die bleiche Frau fest im Auge behalten hatte . » Deine Zimmer sind bereit , ich werde Dich hinbringen ; aber ehe ich dann die meinigen aufsuche , möchte ich mit Ihnen , Pastor , und Ihrer Frau sprechen , « sagte Fanny , erst zu ihrer Schwägerin und dann zu dem Ehepaar gewandt . » Alle Verhandlungen werden bis nach Tisch verschoben , « bestimmte Lanzenau ; » wir wünschen vorerst die Festtafel gewürdigt zu sehen , die wir vorbereiteten . Wenn die Damen Toilette machen wollen , finden Sie uns nachher im Speisesaal . « » Fügen wir uns , « sagte Fanny heiter und nahm die junge Frau bei der Hand , um sie in ihr Haus zu führen . » Die Freude , Dich wieder zu haben , leuchtet selbst von den Gesichtern Deiner Dienstboten , « bemerkte Adrienne , als sie an Fannys Arm die Treppe hinauf und den langen Korridor entlang schritt ; » wie hast Du es angefangen , so geliebt zu werden , und wie glücklich mußt Du in dieser Liebe sein ! « » Stille ! « gebot Fanny hastig ; » wie ich es anfing und ob ich glücklich darin bin , das ist die Geschichte meines Daseins , und das bespricht sich nicht zwischen Thür und Angel . Hier ist Dein Reich . Lebe zufrieden darin , das ist mein einziger Wunsch . « Die Frauen umarmten einander voll Herzlichkeit . Eine scheinbar grundlose Rührung übermannte beide . » Und Du , kleiner Schelm