es mit der Brautschau nicht . Man mußte sich vorsehn . Nicht sonderlich befriedigt , küßte Krastinik zum Abschied die Hand , was auf sie als nicht-englisch zwar etwas befremdlich , aber nicht unangenehm wirkte - ( diese continentalen Sitten bewahren noch so etwas Romantisches ! ) - erhielt aber die Erlaubniß , sie so oft als möglich , während er London mit seinem Aufenthalt beehre , zu besuchen . Dies mit vielsagendem Augenaufschlag . Krastinik trieb sich Wochen lang im Londoner Vergnügungsleben umher . Er speiste viel im Criterion Restaurant , nahm seinen Abendpunsch im Café Monico , schlenderte in Canterbury Hall und Cremorne Gardens umher , besichtigte Foot-Ball Races im Windsor Park , bestand kleine Abenteuer im nächtlichen Haymarket , ließ sich im Krystallpalast von deutschem Orchester Händel ' sche Oratorien vorblasen-und singen , schloß auch die vielen Museen und sonstigen Wissensanstalten und Sammlungen Londons nicht von seiner Aufmerksamkeit aus . Zu Mrs. O ' Donnogan kam er mittlerweile in ein freundschaftliches Verhältniß und schnitt ihr gewaltig die Cour . So las er ihr bald ein neues Impromptu vor , das er auf sie verfaßt . Ach , da ist schon Numero 70 ! Ach , vor ihrer Thüre bin ich ! Sie , in die mein Herz verliebt sich , Ist so grausam und so minnig . Nennt sich selbst Bohemienne . Sagt , da Musiker und Grafen Sie als echte » Böhmen « kenne , Daß drei Böhmen hier sich trafen ! Bei Vorlesung dieser gutgemeinten Reime unterfing er sich jedoch , in aller Ehrfurcht ihr die Thatsache zu unterbreiten , daß der Böhmer-Graf in Wahrheit einem der ältesten Adelsgeschlechter Oesterreichs angehöre , welches manche feldherrliche Heerestrommel ( von der man nur hört , wenn sie geschlagen wird ) in den Geschichtsannalen zu den Seinen zähle . Uebrigens sei er kein Böhme , sondern ein ritterlicher Magyar . Das wirkte denn doch erheblich auf die kleine Frau und dämpfte die beiläufige Geringschätzung , mit welcher man in England auf continentale Grafen herabzusehen pflegt . V. Man hatte eine Landparthie zu Wasser nach Richmond gemacht - Krastinik , Dorringtons , die O ' Donnogan , Alice Egremont . Maud hatte sich entschuldigen lassen : sie räumte vorsichtig ihrer Schwester das Feld . Die Sonne tauchte wie eine schwefelgelbe runde Glocke in die Themse und schien dann zu versinken , wie ein umgestürzter Goldkelch , der seinen güldenen Strahlenwein langsam verrinnen läßt . Zwischen den schwarzgrünen Taxushecken von Richmond Park blitzte noch hier und da eine grellrothe Centifolie auf ; die Fenster des Schlosses von Twikenham glänzten wie Rubinen . Als man an Pope ' s Villa vorüber kam , rief Dorrington neckisch : » Nun , spring ' aus Land , Dichter Xaver , wie Wilhelm der Eroberer , und küß ' den Uferrasen ! « » Warum ? « gab Xaver etwas erröthend zurück . » Um die ganze englische Muttererde der Dichtung Dein Eigen zu nennen . « Mrs. O ' Donnogan und Miß Alice lachten verstohlen . Das Dichterthum des gräflichen Rittmeisters , welches durch Dorringtons wohlwollende Späße nun schon lange bekannt geworden , amüsirte sie . Die lebhafte Irin hänselte ihn ein wenig . Bei Miß Alice aber mischte sich der Neugierde eine gewisse Verachtung . Wie vulgär ! Wozu Verse schmieden ! Damit macht man sich nur lächerlich und verräth eine selbstüber , hebende Einbildung . In deutschen Büchern ( Alice cultivirte letzthin das Deutsche besonders eifrig , was ja auch ohnehin bei der englischen Gesellschaft in Mode kommt ) fand sie dafür die Bezeichnung » Größenwahn « . Kein Zweifel , der gute Graf litt etwas an Größenwahn . Nach dem Ausflug kam man in einer kleinen Villa in Chelsea am Themse-Embankment zusammen , welche Dorringtons gehörte , die sie aber nur selten bewohnten , und nahm dort auf dem Balkon den Thee ein . Alice hatte ihren Diener , die O ' Donnogan ihren Wagen dorthin bestellt , um sie abzuholen . Der Abend , der mit purpurnen Fittichen umherfächelte , übergoß alle Wiesen und Bäume mit verschwenderischer Pracht . » Eine rothe Weihrauchkerze auf dem Tabernakel der Schöpfung ! « Krastinik freute sich seiner Gleichnißfindigkeit , eitel wie ein Poet von zwei Semestern . Der wohlwollende Lordunterließ nicht , die Damen auf den Tiefsinn der Krastinikschen Phrase aufmerksam zu machen , worauf auch Milady eine gehörige Erläuterung hinzufügte . Die sogenannte Poesie sollte als Mitgift-Kupplerin herhalten . Eine eigenthümlich schwermüthige Stimmung bemächtigte sich der kleinen Gesellschaft . Selbst Mrs. O ' Donnogan blickte ernst vor sich nieder . » Wenn man bedenkt , daß auf solchen Abend und auf jede Sonne die Nacht folgt ! « sagte sie plötzlich . » Ganz was ich eben dachte ! « hauchte Miß Alice . » Pah , wer weiß , ob die Nacht nicht der gesunde Schatten des Lichtes ist , « warf Lord Dorrington hin . » So wie etwa der Tod den Schatten des Lebens bildet . « » Oder auch umgekehrt , « seufzte die Lady halblaut . » Sehr richtig , gnädige Tante , « meinte Krastinik . » Vielleicht ist das Leben grade der leuchtende Schatten , den der Tod wirft . Denn der Tod ist ja doch das eigentliche Sein , zu dem Alles zurückkehrt . Unser Leben - mein Gott , was bedeutet denn das ! Eine Art Traumbild zwischen Schlaf und Schlaf , ein kurzes Nachtwachen . « Niemand antwortete . Nach einer Pause hob der alte Lord an , mit leicht zitternder Stimme : » Ja , das sagst Du wohl so , lieber Xaver . Aber Du bist eigentlich noch zu jung , um recht zu fühlen , wie wahr das ist , was Du sagst . Blickt man so auf sein Leben zurück - well , wir säen und werden doch wohl nimmer ernten . Dies ewige Säen bekommt man satt . Da dreht man sich ewig im selbstumgrenzten Kreis gemeiner Freuden und gemeiner Leiden . Und diese ganze Erde , die so strahlend vor uns liegt - nichts als der Spielball einer unbekannten Gewalt , durch den Abgrund der Ewigkeit hingeschleudert . « Wieder antwortete Niemand . Nur Miß Egremont hob nach einer Weile ihre ernsthaften Augen zu dem greisen Sprecher auf und lispelte : » Aber das Jenseits , Mylord ! « Dies Wort rief gleichsam eine automatische Geistesschwingung in der galanten Irländerin wach und sie schmollte betrübt : » Ach gehn Sie , Sie Skeptiker ! So muß man nicht denken , so soll man nicht denken . « Dorrington zuckte ungeduldig die Achseln und starrte in die scheidende Sonne . Plötzlich sprach seine Gattin : » Und das Alles , ist noch nicht das Schlimmste . Aber auch wir Menschen verstehn ja einander nicht . Mir ist , als ob keine Seele der anderen lehren könnte , was ihr gelehrt ward , als ob kein Mensch den andern sähe wie er wirklich ist , als ob kein Herz dem andern Herzen ganz bekannt wäre . « Und die beiden alten Leute seufzten , verloren in allerlei Erinnerungen . » Ja , man kann sich nie aussprechen , « Miß Alice sah den Grafen mit ihrem ruhigem Lächeln an . » Der Gedanke ist so viel tiefer als die Sprache . « » Und das Gefühl so viel tiefer als der Gedanke , « hauchte die Irin . » Meinen Sie nicht auch , Graf ? « Die Abendsonne umspielte die schmalen Aeste und über den Stamm selbst lief der röthliche Schimmer fort , so daß sein blasses Braun eine fast zimmetähnliche Färbung erhielt . Das sah gespenstig aus inmitten des goldig durchrispelten grünen Laubwerks , durch das der Lichtball schläfrig blinzelte . Wie das Schuppengewand einer Boa , schillerte die Themse in ihren Windungen . Dann hob sich ein frischer Luftzug im Osten , der die grünen Epheuranken , welche vom Gärtchen her den Balkon umspannen , spielend blähte . » Ja , ich meine das auch , « erwiderte Krastinik ernst auf die bedeutungsvolle Frage . » Ein schattenhafter Vorhang liegt gleichsam zwischen uns und der übrigen Welt . Und unser tiefstes Vertrauen kann den Vorhang nicht entfernen . « » So und doch streben wir alle nach Sympathie für einander ? « warf Alice schüchtern ein . Krastinik hatte sich erhoben und blickte fest auf die Sprecherin nieder , ohne eine Antwort zu finden . Ueber das Antlitz des alten Lord glitt ein sanftes wohlwollendes Lächeln : » Nun ja , wir sind wie Säulentrümmer eines zerstörten Tempels , der einst vereint war . Hoffen wir also , daß wir in unsern späten Nachkommen uns vielleicht einst wieder zusammenfügen werden . Aber wer weiß wo , wie und wann ? « Krastinik küßte seiner Tante die Hand und empfahl sich . - » Wir sind heut alle so fabelhaft geistreich gewesen , « lachte die lustige Irin beim Abschiednehmen auf . » Ich bin ganz melancholisch . - Trifft man Sie nächste Woche auf dem Ball beim Unterstaatssecretär , Herr Graf ? « Sie hatte schon ihr Füßchen auf das Trittbrett ihres Wagens gestellt , der auf sie wartete . Miß Egremonts Diener holte sie gleichfalls pünktlich ab . » Wohl kaum . Ich habe keine Einladung dazu . « » O ! Soll ich - ich bin dort gut bekannt - « » Zu gütig , « wehrte Jener kühl ab . » Ich dürste gar nicht darnach , mir jeden Abend die Beine in den Leib zu stehen - pardon ! Ihre englischen Routs sind doch gar zu ungemüthlich . « Mrs. O ' Donnogan grüßte etwas pikirt , und biß mit erzwungenen Lachen in den sauren Apfel des Refüs . Er hätte doch den Hochgenuß , sie dort zu finden , würdigen sollen ! So sind die Männer . Graf Xaver beschloß , den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen , und schritt rüstig aus , indem er vor sich hinpfiff : » Ach , ich hab ' - sie ja nur - auf die Schu - lter gekü - ßt . « Der Mond rollte durch das dunkelblaue Himmelsgewölbe und versilberte den jungfräulichen Schnee der Wolkengebirge . Die Sterne tauchten in verschiedenen Gruppen auf und Nebelschlangen stiegen von der Stromseite her wie aus geheimnißvollen Abgründen empor , als hätten sie sich nur vor dem Auge des Tages versteckt gehalten . Indem er den balsamischen Hauch der Nacht in tiefen Zügen einsog , fühlte Krastinik den Nerv der Erinnerung zuckend berührt . Er fühlte sich über Meer und Land fortgerissen in die heimathlichen Karpathen , wo ihn so oft noch reinerer Nächte Odem erfrischt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Er dachte an das Panorama der amphitheatralischen Waldberge , mit den röthlichen Felsblöcken und dem Ahorngebüsch , röther bemalt vom Abendroth ; mit den gelben Rinnen , welche reißende Wasser zurückgelassen , auf den dunkelblauen schluchtzerrissnen Bergzinnen . Die Silberfäden der Bergbäche verweben sich zu einem Schleier mit den bläulichen Dunstwölkchen um des Berges Kuppe - gemahnend an den Schleier um Jehovas Haupt , so er mit Erdgeborenen auf seinem Sinai redet . O dort an rauhem Abend die Pässe zu durchstreifen , bis der Nachtfrost , von der Aluta aufqualmend , die Mähne des Rosses erstarren macht ! Und nun , wie von inneren Ampeln erleuchtet , röthet sich der Berge Dom . Schon hat der Sonnengott um die goldne Rüstung sein Purpurgewand geschlungen und der Goldzaum der Sonnenrosse , deren freurige Strahlenmähne den Himmel durchwogte und deren Nüster die Mittagsgluth versendete , ist lässig seiner Hand entfallen . Jetzt faltet er die Scharlachbanner seines goldfransigen Zeltes ein und die Lichtpfeile , die er vom Bogen des Horizontes nach allen Richtungen versendet , kehren von selbst , wie des Indianers Wurfgeschoß , in seine Hand zurück , die den Köcher der Dämmerung bereit hält . Jetzt erröthet die Braut seines Bogens , die lächende Erde , unter seinem flammenden Abschiedskuß . Sein leuchtender Fuß gleitet , einen schmalen Lichtstreifen hinfurchend , über den Kamm der Höhen , um jählings in den Schluchten zu verschwinden , deren strömedurstigen Schlund das greise Berghaupt wie einen Pokal an den kalten Schneemund setzt . - - Welch ein Gemälde ! Ueberm düstern Buchenberg starrt die schroffe Spitze des Schuller , wie von Geisterhänden aus gefrorenem Schnee geballt . In hundertgrätiger Zerklüftung dehnt sich der furchtbare Königsstein . In der Mitte aber baut sich in gewaltiger Herrlichkeit das Riesengestein des Butschetsch empor , über weiten Geviertraum seine steinernen Wurzeln breitend und zum ungeheuren Gebirgsstock sich thürmend in breiter Masse . Mit seinen tiefen Schneerinnen im dunkeln Gneis der Gebirgsschicht und mit der rundgewölbten Firn , scheint er ein Zauberdom mit silberner Kuppel und silbernen Säulenthoren , aus schwarzem Marmorrumpfe gefügt . In der weiteren Ferne aber zieht sich in erhabenem Umriß die Kette der Fogarascher Alpen , über denen erst rosig und glühendroth , dann schwefelgelb und violett die Sonne allmählich verglimmt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ja , dort oben in der Stille einsamer Berge fällt alles Kleinliche , Unfreie von der Seele ab , wie morsche Lumpen . Verjüngt und neugeboren , steht der Mensch dem All gegenüber . - Was sollte er hier , in dem Parfüm-Brodem des High Life ? Eine reiche Parthie ergattern ? Seine hochmüthig vornehme Natur empfand plötzlich einen Ekel an diesem ganzen nichtigen Treiben . Ein Dichter wollte er werden . Nun , das konnte ihm nur gelingen , wenn er sich rein badete von allem Wust und Schmutz des Alltäglichen - nicht hier , eingeklemmt im Pferch der Heerde . Wo hatten die großen englischen Dichter des Jahrhunderts , Scott und Byron , ihre Poesie gefunden ? Droben auf den schottischen Haiden , wo Burns und Ossian erstanden . Dorthin zog es ihn wie mit magischer Gewalt . Ihm war , als ob ein Stern über seinem Haupte stehe , der ihn zu dem Betlehem der Dichtung geleiten wolle . Als er die Treppe seiner Wohnung hinanstieg , hatte er bereits seinen Entschluß gefaßt . Solche plötzlichen unvorhergesehenen Entschließungen waren ihm von Jugend an eigenthümlich , fast ein Bedürfniß gewesen . Schon am andern Morgen packte er , ging zu dem Tiket Office der Dampferlinie nach Granton-Leith , erfuhr , daß gerade diesen Abend ein Steamer abfahre , und löste ein Retourbillet mit vierwöchentlicher Gültigkeit . Dann schrieb er an Lord Dorrington , um seinen plötzlichen Aufbruch zu entschuldigen , und bat , ihn besonders den Damen empfehlen zu wollen . Leichten Herzens warf er sich endlich in ein Cab und gelangte rechtzeitig nach St. Katharine Docks zu seinem Schiff . Das weiße Hospital von Greenwich und die grüne Marschfläche von Gravesend , die in der Ferne fast den Wasserspiegel gleich einer schwimmenden Seekrautinsel zu berühren scheint , wichen hinter ihm eher zurück , als er sich seines kühnen Scenenwechsels recht bewußt schien . Zweites Buch . Berlin ! Das Leben wogte vielgestaltig mit Ebbe und Fluth . Aber die Stadtbahn überbrückte und übertönte die Brandung mit ihren donnernden Flügen . Die Rauchwolken , bald senkrecht aufsteigend , bald sich kräuselnd , schienen vom elektrischen Licht der Plätze durchschimmert . Es war , als ob der Dämon des elektrotechnischen Dampf-Jahrhunderts mit lüsternem Fauchen die ihm geweihte Stätte fieberhafter Geld-und Genußgier als Schirmgeist umkreise ; als ob die Schlachtmusik seiner ehernen Lokomotivräder aufmuntere zu rüstigem Fortwürgen im Daseinskrieg , der in der Reichsweltstadt seine entscheidende Hauptschlacht schlägt . Von den unruhigen Athemzügen der Lokomotiven erschüttert , flackerten die Lichtreflexe der Gasflammen wie unstete Irrlichter über den schwarzen Tiefenflächen der Kanäle . Ein eigenthümlicher silberiger Schein zittert kegelförmig über den Trottoirs oder über den Sandwegen der » Linden « , wo elektrische Strahlencentren wirken . Wo ist das Gewimmel , wo der Lärm am ärgsten ? Am Alexanderplatz , wo aus den Hallen und Bogengängen des Sedanpanorama-Restaurants es huscht und drängt ? Am Potsdamerthor , wo die grünen , rothgrünen und gelben Lichter der Tramway-Wagen sich kreuzen ? In der Passage , durch deren gelbe Steinmassen sich das elegante Bummelleben der Linden dem burschikosen oder geschäftlichen Treiben der Friedrichstraße entgegenwälzt ? Das weißgelb-röthlich schillernde Uhr-Auge des Rathhausthurms - stier und allsehend wie immer , als könne vor ihm das Verborgenste nicht in dunkle Schlupfwinkel sich bergen - blinkt einsam über die mählich entschlummernde Weltstadt hin . Nur die Wiener Cafés und wenige röthliche Laternen zweifelhafter Spelunken glitzern noch . Letztere erlöschen bald ; alle Vorhänge Berlins werden geschlossen . Alles so still . Das Museum und das Schloß in majestätischen Schatten getaucht , von dem schwarzen faltigen Mantel der Nacht umwallt , dessen sternbestickter Hermelinsaum über den mondscheinhellen Lustgarten hinschleift . Die ganze breite Front - rechts von der Schloßbrücke , wo der Große Kurfürst in eherner Ruhe als Schutzgenius über Altberlin hinschaut , und links vom Dom über den Schloßplatz hin - eine schnurgerade Linie von Laternen . Sie laufen direkt am Palais des greisen Kaisers vorüber auf die Reiterstatue Friedrichs des Großen zu , als ob sie Rauch von Schlüter grüßen wollten . Sie pflanzen sich ununterbrochen fort bis zum Brandenburger Thor , wo die Siegesgöttin droben Parade abzuhalten scheint über diese Licht-Gardisten , die steif und stramm zwischen den Menschen- und Wagenknäueln Spalier bilden . Sinnbilder des Preußenthums , so gut wie die Blücher , Scharnhorst und Yorks an der Hauptwache . I. Eduard Rother befand sich in einer räthselhaften Stimmung , als er von München abfuhr . Mehrere Monate lang war er dort stillvergnügt durch die Bierkneipen umhergebummelt , vom Hofbräu ins Löwenbräu , vom Achaz in die Scholastika , vom Orlando di Lasso in den Rathskeller . Seine Collegen von der edlen Malerzunft hatten wenig Weltschmerz an ihm bemerken können ; nur ab und zu war ein Ausdruck mißvergnügter Unruhe über seine Züge gehuscht . Dann zuckte seine Lippe , seine Augen zwinkerten und er hob unbewußt die Hand nach der Schläfe , wie um etwas fortzuscheuchen , das ihn mit grauen Fledermausflügeln umflatterte . Auch wollten ihm Verschiedene angesehen haben , wenn ein Seufzer es unwillkürlich verrieth , daß er irgend eine unglückliche Liebe oder eine verrückte Leidenschaft mit sich herumschleppe . Denn Gewissensbisse konnte man doch kaum vermuthen . Ein großer Genremaler erinnerte sich noch , daß Rother nervös und verlegen geworden sei , als man ihn gefragt habe , woher der famose Studienkopf stamme , den ein Illustrirtes Blatt kürzlich von ihm veröffentlichte ; ob dies Prachtexemplar des weiblichen Kraftadels , » Motiv aus Karl Stielers Hochlandsliedern « einem lebenden Modell abgelauscht sei . Einem andern Collegen , mit welchem er an den Ufern des Starnberger Sees entlang gepirscht und weiterhin zu einer Sennhütte emporgeklommen war , hatte er einmal , als sie so hoch über allem Thälerqualm im Angesicht der Felskuppen und der Abendröthe den Wein ihrer Feldflaschen schlürften , in weinerlicher Wehmuth zugerufen : » Sollte man nicht denken , daß hier Alles , Alles unter Einem bergtief versunken wäre , was an kleinlichen Begierden und dummen Sentimentalitäten uns in der ungesunden Hitze und Hetze der Großstädte gequält hat ! Aber nein - da ! Das quält mich noch hier ! « Damit hielt er seinem erstaunten Freunde eine Photographie unter die Nase , welche eine weibliche Gestalt in einfachem dunkelm Gewande darstellte . » Sakra ! Ist die aber hübsch ! Gratulire zu Deinem Geschmack ! « Da Rother aber in seiner gewöhnlichen süffisanten Manier jeder hübschen Larve die Cour geschnitten und den Schwerenöther gespielt hatte , so war Niemandem auch nur der Gedanke gekommen , daß diesen lebenseifrigen burschikosen Kunstjüngling bei seinen altbairischen Volksstudien zu seinem neuen Bilde » Die Sendlinger Schlacht « ein innerer Ahasver begleite , der ihn nimmer losließ und all seine Gedanken nur einem einzigen Drehpunkte zuschob . Nur sein intimster Münchener Freund , der geniale Landschaftsmaler Knorrer , war in einer vertrauten Stunde dem Modellgeheimniß des weiblichen Studienkopfes nahegerückt . Und so hatte er ihm denn noch beim Abschied auf dem Bahnhof nachgerufen : » Du ! Daß Du mir Deine Berliner Kaltblütigkeit behältst ! Manchmal muß man rücksichtslos gegen Andere sein - sei ' s diesmal gegen Dich selbst ! Willst ? Daß Du mir Dein Motiv nicht wieder aufsuchst ! Ich rath ' s Dir ! Such ' ein andres Modell ! Schäme Dich ! Ein solcher Kerl und dies ewige Selbstgequäle ! Laß fahren dahin ! Sie war die erste nicht - und Du bist nicht der erste . « - - Berlin ! Das mächtige Räderwerk der heimathlichen Weltstadt sanfte und surrte wieder verwirrend um ihn her . Das unverdauliche Kümmelbrot , mit Schmalz beschmiert und mit Schinken belegt , das er eilig als Frühstück hinunterschlang , in der Kutscherkneipe des Anhalter Bahnhofs , die ihm am nächsten lag , weil seine Droschke dort grade hielt - muthete ihn so heimathlich berlinisch an ! Billig und schlecht und nur märkischen Mägen verdaubar . Kaum in seinem Atelier wieder eingebürgert - er bewohnte eine behaglich eingerichtete Junggesellen-Wohnung am Lützowplatz , wenn auch nur aus Atelier und Schlafzimmer bestehend , natürlich dritte Etage - , fühlte Rother den dämonischen Zwang , unverzüglich seiner Schwäche nachzugeben und erröthend den Spuren seiner Liebe zu folgen . Ja , er mußte sich vor sich selber schämen , er war sich seiner Thorheit bewußt , und doch ! Von Erfolgen begünstigt , in äußerlich befriedigenden Verhältnissen , fühlte er sich rastlos von der rasenden Leidenschaft verzehrt , die in ihm gährte und gegen die er vergeblich anzukämpfen suchte . Er mußte sie wiedersehn . Ja , sie , das Modell seines neuen Bildes . Oh dies neue Bild ! Er musterte es nochmals . In München auf der Reise war es vollendet . Halb scheu , halb entzückt betrachtete er jetzt sein Werk , als er die Leinwand aus der Verkappung enthülst und auf die Staffelei gestellt hatte . Es stellte eine Baierische Bäuerin im halben Naturzustande vor ; soeben hat sie ihr Mieder abgeworfen und blickt schwerathmend zum halboffenen Fenster hinaus , als ob sie etwas erwarte . Und sieh ' , dort ragt auch schon ein männlicher Kopf über das Fensterbrett empor - gleich wird ihr Liebster nächtlicherweile in ihre Arme fliegen . Dieser männliche Kopf trug die Züge Rothers selbst . Die Bäuerin aber , ein üppigschönes junges Weib mit klassischen Zügen - - er verglich jene Photographie mit ihr , die er stets auf dem Herzen mit sich trug : Ja , sie war erschreckend ähnlich ! Aus dem bairischen Hochland auf der Reise hatte er an sie geschrieben und ihr versichert : Wenn die ganze Welt sie verleumde und ihr ' was nachsage , er glaube fest an sie . Darauf hatte sie ihm sofort in einem reizenden Brief geantwortet , aus welchen er ihr unverzüglich nochmals geschrieben und ihr seine Münchener Adresse angegeben . Kaum dort angelangt , fand er bereits einen neuen Brief von ihr vor . Sie hatte also ihren Maler nicht vergessen , der sie zuerst als Modell aufgespürt , als sie , eben nach Berlin gelangt , einige Wochen als Buffetière eines Wiener Cafés fungirt hatte . Zuerst hatte sie diesen neuen Beruf mit Eifer erfaßt . Freilich » saß « sie nur zu Kopf und Händen . Gegen alle und jede » Aktstudien « wehrte sie sich energisch . Und endlich erklärte sie , daß das Modellstehen zwar einträglich , aber nicht anständig sei , weil sie ewig von den Herrn Malern , ob jung ob alt , mit zudringlichen Anträgen bestürmt werde . Da ziehe sie es denn doch vor , wieder als Zahlkellnerin in einem Wiener Café ihr Brot zu verdienen , wo sie vor derlei sicher sei . Kurz vor Rothers Abreise hatte sie diesen Vorsatz auch ausgeführt und in einem belebten Lokal dieser Art in der Nähe des Alexanderplatzes ihre neue Stelle angetreten , wo sich auch alsbald ihre auffallende Schönheit als eine Zugkraft bewies . Rother , ihr platonischer Anbeter - angeblich besaß sie keine andern - war also mit der Wunde im Herzen abgedampft . Und nun quälte ihn der Gedanke , was sie wohl von seinem compromittirenden Bilde sagen werde , da sie doch niemals Alt gestanden und ihr Körper von ihm gleichwohl mit so realistischer Deutlichkeit gezeichnet schien , - so daß , was bei ihm verliebte Inspiration , als Indiscretion aufgefaßt werden konnte . Sie hatte ihn nach München benachrichtigt , daß sie nach Treptow den Sommer hinausgekommen sei , da ihr Wirth dort eine Filiale für die dortigen Sommerfrischler übernommen habe , wobei aber nur die Lieferung des Kaffees u.s.w. ihm oblag , während der dortige Wirth Garten und Lokal als Besitzer weiterführte . - - Es vergingen keine achtundvierzig Stunden , daß nicht Rother plötzlich in dem alten Café wieder auftauchte . Der Wirth empfing ihn sehr höflich und fragte , ob » Herr Professor « wisse , daß Kathi in Treptow sei . Rother stellte sich unwissend , merkte aber , daß der Wirth recht wohl wußte , daß Kathi mit ihm correspondirt hatte . Am andern Vormittag ging ' s also nach Treptow . Er suchte und fand das Lokal . Als er eintrat - es ging durch einen offenen gallerieartigen Vorbau in den geräumigen Garten hinaus - und sich rasch umblickte , sah er Kathi in schwarzem Kleid mit einem Kellner an einem Tisch sitzen . Er blickte sie blitzschnell an - und über sie weg und schritt rasch in den Garten hinaus . Sie war feuerroth geworden und stierte ihn sprachlos an , als sei er eine Geistererscheinung . Es war auch ein überraschender Ueberfall , wahrhaftig . - Er placirte sich an einem Tisch und befahl eine Zeitung , ohne nach ihr hinzuschielen . Sie ließ sich jedoch nicht blicken . Endlich riß ihm die Geduld und er kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt Papier , sie möge mal herauskommen . Der Kellner , dem er die Besorgung aufgetragen , sagte ihm , Frl . Kreutzner sei in ihre Stube gegangen . Da dürfe er nicht hinein , wenn sie sich umziehe . Doch werde er ihr das Schreiben übergeben . Rother überlegte etwas , dann empfahl er sich , nachdem er noch rasch gespeist , mit dem Bemerken , er werde in ein paar Stunden wiederkommen , und pilgerte lange Zeit im nahen Park umher . Ihm war trotz alledem wohl zu Muth , da die Aufregung sein Blut schneller rollen ließ und er auf das Wiedersehen gespannt war . Alle Vögel zwitscherten von brünstiger Sehnsucht , der heiße duftige Sommernachmittag ließ alle Fibern seines Innern wollüstig erzittern . - - » Ja , die ist soeben nach Berlin gefahren , « meldete der Oberkellner trocken . » Was ? « Eduard wurde bleich vor Zorn . » Nach dem Arzt , wie sie sagte . Sie ist krank . Den Zettel habe ich ihr aber gegeben . « Eduard verkannte nicht , daß sie bei ihrer Kränklichkeit , von der sie ja stets gemunkelt hatte - auch der Kellner versicherte ernsthaft , sie sei schon lange leidend und erst eben von Bettlägerigkeit aufgestanden - - wohl des Arztes bedürfen mochte . Gleichwohl schien es doch auffallend , daß sie so gleichsam vor ihm davon rannte . Er verlangte Schreibzeug und schrieb einen langen Brief , welchen er dann nicht dem Kellner , sondern dem Postkasten anvertraute . Dieser war sehr energisch und bestimmt gehalten : sie möge ihm sagen , was dies Benehmen zu bedeuten habe . Sie solle nun erklären , ob sie wirklich Interesse für ihn habe , wie man nach ihren Briefen vermuthen mußte . Und dergleichen mehr . Er erwarte von ihr binnen wenigen Tagen Antwort . Eduard wartete . Aber die Antwort kam nicht . So entschloß er sich denn , nach vier Tagen nochmals dorthin zu schreiben . Er werde drei Tage darauf um zwölf Uhr am Eingang des Parkes auf sie warten . Wenn sie dann nicht komme , seien sie für immer geschieden . In heftiger Aufregung erschien er zur festgesetzten Zeit an jenem Orte . Es war sengend heiß . In jeder Vorübergehenden glaubte er sie nahen zu sehn . Aber sie kam nicht . Endlich wähnte er , sie habe einen andern Eingang gewählt , und rannte im Parke hin und her . Er fand junge Backfische der Sommerwohnungs-Hautevolée , die sich in einen Leihbibliothekschmöker vertieften und auf den vorübereilenden eleganten Fremden schmachtende Blicke warfen . Aber sie , die er suchte , fand er nicht . Es wurde spät und später . Endlich , nachdem er nochmals den halben Park von einem Eingang zum andern durchkreist , gab er es auf und eilte in den nächsten Biergarten . Dort schrieb er einen Zettel , worin er in barschem Tone anfragte , ob sie verhindert gewesen sei , und sandte den Kegeljungen damit in das Lokal . Nach einer Weile kam derselbe mit der Botschaft zurück : Die sei gar nicht mehr da ! Eduard war zu Muthe , als ob die Erde unter ihm einstürze . Nicht mehr da ! So peinlich es ihm war , er mußte sich vergewissern , ging also selbst hinüber . Der Oberkellner , ihn mit zweifelhaften Blicken messend , bekräftigte trocken , daß » Kathi « seit vorigen Dienstag - also seit genau acht Tagen - » ausgerückt « sei und sich ihre Sachen habe nachschicken lassen . Ein gewisses Mißtrauen sprach sich in Worten und Blicken aus und Eduard fühlte , daß man sein damaliges meteorgleiches Auftauchen mit Kathis Verschwinden in Verbindung setzte . Seine Blässe und Bestürzung trotz seiner scheinbaren Ruhe schien Jenen jedoch auf andre Gedanken zu bringen , und es wurde ihm durch den herzugeeilten Koch sogar die Wohnung » Fräulein Kreutzners « angegeben :