zu schreien an . » Dino ! Nero ! « rief eine feine Kinderstimme von der Haustür her , und die beiden Unholde jagten , ein freudiges Geheul ausstoßend , sofort auf die Richtung der Stimme los . Ein kleines Mädchen , kleiner noch als Paul , in einem rosageblümten Röckchen , um das eine Art schottischer Schärpe geschlungen war , erschien auf dem Vorplatz . Sie hatte lange , goldgelbe Locken , die mit einem halbkreisförmigen Kamme aus der Stirn zurückgestrichen waren , und ein feines , schmales Näschen , das sie etwas hoch trug . » Wünschen Sie Mama zu sprechen ? « fragte sie mit einer zarten , weichen Stimme und lächelte dazu . » Heißt du Elsbeth , mein Kind ? « fragte die Mutter zurück . » Ja , ich heiße Elsbeth . « Die Mutter machte eine Bewegung , wie um das fremde Kind in ihre Arme zu schließen , aber sie bezwang sich und sagte : » Willst du uns zu deiner Mutter führen ? « » Mama ist im Garten - sie trinkt eben Kaffee - , « sagte die Kleine wichtig - » ich möchte Sie um den Giebel herumführen , denn wenn wir auf der Sonnenseite die Stubentür aufmachen , kommen gleich so viel Fliegen herein . « Die Mutter lächelte . Paul wunderte sich , daß ihm das zu Hause noch niemals eingefallen war . » Sie ist viel klüger als du , « dachte er . Nun traten sie in den Garten . Er war weit schöner und größer als der auf Mussainen , aber von der Sonnenuhr war nirgends etwas zu entdecken . Paul hatte eine unbestimmte Vorstellung davon , wie von einem großen goldenen Turme , auf dem eine runde , funkelnde Sonnenscheibe das Zifferblatt bildete . » Wo ist denn die Sonnenuhr , Mama ? « fragte er . » Die werd ' ich dir hernach zeigen , « sagte das kleine Mädchen eifrig . Aus der Laube trat eine hohe , schlanke Dame mit einem blassen kränklichen Gesicht , auf dem der Schimmer eines unsagbar milden Lächelns ruhte . Die Mutter stieß einen Schrei aus und warf sich laut aufweinend an ihre Brust . » Gott sei Dank , daß ich Sie einmal bei mir habe , « sagte die fremde Dame und küßte die Mutter auf Stirn und Wangen . » Glauben Sie , jetzt wird alles gut werden , Sie werden mir sagen , was Sie drückt , und es müßte seltsam zugehen , wenn ich nicht Rat wüßte . « Die Mutter wischte sich die Augen und lächelte . » O , es ist ja nur die Freude , « sagte sie , » ich fühle mich schon so frei , so leicht , da ich in Ihrer Nähe bin - ich habe mich so sehr nach Ihnen gebangt . « » Und Sie konnten wirklich nicht kommen ? « Die Mutter schüttelte traurig den Kopf . » Arme Frau ! « sagte die Dame , und beide sahen sich mit einem langen Blick in die Augen . » Und dies ist am Ende gar mein Patenkind ? « rief die Dame , auf Paul hinweisend , der sich an das Kleid der Mutter klammerte und dabei an seinem Daumen sog. » Pfui , nimm den Finger aus dem Munde , « sagte die Mutter , und die schöne , freundliche Frau hob ihn auf ihren Schoß , gab ihm einen Teelöffel voll Honig - » als Vorschmack , « sagte sie - und fragte ihn nach den kleinen Geschwistern , nach der Schule und allerhand sonstigen Sachen , auf die zu antworten gar nicht schwer war , so daß er sich schließlich auf ihrem Schoße beinahe behaglich fühlte . » Und was kannst du denn schon alles , du kleiner Mann ? « fragte sie zu guter Letzt . » Ich kann pfeifen ! « erwiderte er stolz . Die freundliche Frau lachte ganz laut und sagte : » Nun , dann pfeif uns einmal eins ! « Er spitzte die Lippen und versuchte zu pfeifen , aber es ging nicht - er hatte es wieder verlernt . Da lachten sie alle , die freundliche Frau , das kleine Mädchen und selbst die Mutter ; ihm aber stiegen vor Scham die Tränen in die Augen , er schlug mit Händen und Füßen um sich , so daß die Dame ihn von ihrem Schoß gleiten ließ , und die Mutter sagte verweisend : » Du bist ungezogen , Paul ! « Er aber ging hinter die Laube und weinte , bis das kleine Mädchen an ihn herantrat und zu ihm sagte : » Ach geh , das mußt du nicht tun . - Unartige Kinder mag der liebe Gott nicht leiden . « Da schämte er sich wieder und rieb sich die Augen mit den Händen trocken . » Und jetzt will ich dir auch die Sonnenuhr zeigen , « fuhr das Kind fort . » Ach ja , und die Glaskugeln , « sagte er . » Die sind schon lange zerbrochen , « erwiderte sie , » in die eine ist mir im vorigen Frühling ein Stein hineingeflogen , und die andere hat der Sturm ' runtergeschmissen . « Und dann zeigte sie ihm die Plätze , auf denen sie gestanden hatten . » Und dies ist die Sonnenuhr , « fuhr sie fort . » Wo ? « fragte er , sich erstaunt umsehend . Sie standen vor einem grauen , unscheinbaren Pfahl , auf dem eine Art von Holztafel angebracht war . Das Kind lachte und sagte , das wäre sie ja . » Ach , pfui doch ! « erwiderte er unwillig , » du machst mich zum Narren . « » Warum soll ich dich zum Narren machen ? « fragte sie , » du hast mir ja nichts zuleide getan . « Und dann behauptete sie noch einmal , das wäre die Sonnenuhr und nichts anderes ; und sie wies ihm auch den Zeiger , ein armseliges , verrostetes Stück Blech , das aus der Mitte der Tafel hervorragte und seinen Schatten gerade auf die Zahl sechs warf , die mit anderen zusammen darauf angebracht war . » Ach , das ist zu dumm , « sagte er und wandte sich ab . Die Sonnenuhr im Garten des » weißen Hauses « war die erste große Enttäuschung seines Lebens . - - - Als er mit seiner neuen Freundin zur Laube zurückkehrte , traf er dort noch einen großen , breitschultrigen Herrn mit zwei mächtigen Bartzipfeln , der einen graugrünen Jägerrock trug und aus dessen Augen Funken zu sprühen schienen . » Wer ist das ? « fragte Paul , sich furchtsam hinter seiner Freundin verbergend . Sie lachte und sagte : » Das ist mein Papa ; du , vor dem brauchst du keine Angst zu haben . « Und sie sprang hell aufjubelnd dem fremden Manne auf den Schoß . Da dachte er bei sich , ob er wohl jemals wagen würde , seinem Papa auf den Schoß zu springen , und schloß daraus , daß nicht alle Väter sich glichen . Der Mann im Jägerrock aber streichelte sein Kind , küßte es auf beide Wangen und ließ es auf seinen Knien reiten . » Sieh - Elsbeth hat einen Gespielen bekommen , « sagte die fremde , freundliche Dame , und wies nach Paul hinüber , der , im Laubwerk verborgen , scheu in die Laube hineinschielte . » Immer ' ran , mein Junge ! « rief der Mann fröhlich und schnalzte mit den Fingern . » Komm - hier auf dem anderen ist noch Platz für dich , « rief das Kind , und als er mit einem fragenden Blick nach der Mutter sich furchtsam näher schlich , ergriff ihn der fremde Mann , setzte ihn auf das andere Knie , und dann gab ' s ein keckes Wettreiten . Er hatte nun alle Furcht verloren , und als frischgebackene Plinsen auf den Tisch gesetzt wurden , hieb er wacker ein . Die Mutter streichelte sein Haar und hieß ihn sich nicht den Magen verderben . Sie sprach sehr leise und sah immer vor sich nieder auf die Erde . Und dann durften die beiden Kinder in die Sträucher gehen und sich Stachelbeeren pflücken . » Heißt du wirklich Elsbeth ? « fragte er seine Freundin , und als diese bejahte , sprach er seine Verwunderung aus , daß sie denselben Namen habe wie seine Mutter . » Ich bin doch nach ihr getauft , « sagte das Kind , » sie ist ja meine Patin . « » Warum hat sie dich denn nicht geküßt ? « fragte er . » Ich weiß nicht , « sagte Elsbeth traurig , » vielleicht mag sie mich nicht . « Aber , daß sie den Mut nicht gehabt hatte , daran dachte keines von beiden . - - - Es fing schon an , dunkel zu werden , als die Kinder zurückgerufen wurden . » Wir müssen nach Hause , « sagte die Mutter . Er wurde sehr betrübt , denn jetzt fing es ihm gerade zu gefallen an . Die Mutter rückte ihm den Kragen zurecht und sagte : » So , nun küß die Hand und bedank dich . « Er tat , wie ihm befohlen , die freundliche Frau küßte ihn auf die Stirne , und der Mann im Jägerrock hob ihn hoch in die Luft , so daß er glaubte , er könne fliegen . Und nun nahm die Mutter Elsbeth in den Arm , küßte sie mehrere Male auf Mund und Wangen und sagte : » Möge der Himmel einst an dir vergelten , mein Kind , was deine Eltern an deiner Patin getan haben . « Eine schwere Last schien von ihrer Seele abgewälzt ; sie atmete freier , und ihr Auge leuchtete . Elsbeth und ihre Eltern begleiteten sie beide bis an das Hoftor ; als die Mutter dort noch einmal Abschied nahm und dabei allerhand von Vergeltung und himmlischem Segen stammelte , fiel ihr der Mann lachend ins Wort und sagte , die Geschichte wäre nicht der Rede wert , und es lohnte sich nicht der Mühe des Dankes . Und die freundliche Frau küßte sie herzlich und bat sie , recht bald wiederzukommen oder wenigstens die Kinder zu schicken . Die Mutter lächelte wehmütig und schwieg . Elsbeth durfte noch ein paar Schritt weiter mitkommen , dann verabschiedete sie sich mit einem Knickse . Paul wurde es schwer ums Herz , er fühlte , daß er ihr noch etwas zu sagen habe , daher lief er ihr nach , und als er sie eingeholt hatte , raunte er ihr ins Ohr : » Du - und ich kann doch pfeifen . « - - - Als Mutter und Sohn den Wald betraten , brach die Nacht gerade herein . Es war pechrabenschwarz ringsum , aber er fürchtete sich nicht im mindesten . Wäre jetzt ein Wolf des Weges gekommen , er würde ihm schon gezeigt haben , was ' ne Harke ist . Die Mutter sprach kein Wort ; die Hand , die die seine umklammert hielt , brannte , und der Atem kam laut , wie ein Seufzer , aus ihrer Brust . Und als sie beide auf die Heide hinaustraten , stieg der Mond bleich und groß am Horizont empor . Ein bläulicher Schleier lag über der Ferne . Thymian und Wacholder dufteten . Hie und da zirpte ein Vögelchen am Boden . Die Mutter setzte sich auf den Grabenrand und schaute nach dem traurigen Heimwesen hinüber , dem all ihre Sorge galt . Dunkel ragten die Umrisse der Gebäude in den Nachthimmel empor . Aus der Küche schimmerte einsam ein Licht . Plötzlich breitete sie die Arme aus und rief in die stille Heide hinein : » Ach , ich bin glücklich ! « Paul schmiegte sich fast ängstlich an ihre Seite , denn nimmer noch hatte er einen ähnlichen Ruf von ihr vernommen . Er war so sehr an ihre Tränen und ihren Kummer gewöhnt , daß ihm dieser Jubel ganz unheimlich erschien . Und dabei fiel ihm ein : Was wird der Vater sagen , wenn er von diesem Gang erfährt ? Wird er die Mutter nicht schelten und böse mit ihr sein , mehr noch als sonst ? Ein dumpfer Trotz bemächtigte sich seiner , er biß die Zähne zusammen , dann streichelte er tröstend der Mutter Hände und küßte sie und murmelte : » Er darf dir nichts tun ! « » Wer ? « fragte sie zusammenschauernd . » Der Vater , « sagte er leise und zögernd . Sie seufzte tief auf , erwiderte aber nichts , und schweigend und kummervoll gingen sie weiter . Die graue Frau war über ihren Weg gehuscht und hatte den Augenblick der Freude verdorben . Und es war der einzige , den das Schicksal Frau Elsbeth noch schenkte ... - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am andern Tage gab es eine böse Stunde zwischen ihr und ihrem Gatten . Er schalt sie ehr- und pflichtvergessen . Sie hätte durch ihr Betteln zur Armut auch noch die Schande gefügt . Aber das Geld nahm er . 5 Die Jahre vergingen . Paul wurde ein stiller , anspruchsloser Knabe mit schüchternem Blick und schwerfälligem Gebaren . Er war meistens allein für sich , und dieweil er auf die Zwillinge acht gab , konnte er stundenlang mit irgendeiner Holzschnitzerei beschäftigt dasitzen , ohne einen Laut von sich zu geben . Er war , was man in seiner Heimat » kniwlig « nennt , ein für das Kleine beanlagter , peinlich sorgsamer , still in sich hineingrübelnder Geist . Mit keinem seiner Altersgenossen hatte er Umgang , selbst in der Schule nicht . Nicht , daß er sie absichtlich gemieden hätte , im Gegenteil , er half ihnen gern , und mehr wie einer pflegte morgens vor dem Gebete die Rechnungen oder den deutschen Aufsatz von ihm abzuschreiben , aber ihre Interessen waren nicht die seinen , und darum konnte er sich nicht mit ihnen befreunden . Auch Prügel erntete er in Fülle . Da waren insbesondere die Brüder Erdmann , zwei kecke , wildäugige Burschen , als die Stärksten und Mutigsten geliebt und gefürchtet , von denen er viel zu leiden hatte . Sie waren unerschöpflich im Ersinnen neuer Streiche , die ihm das Leben verbitterten . Sie warfen seine Schulhefte auf den Ofen , stopften ihm Sand in den Tornister und ließen seine Mütze mit einem als Mast hineingesteckten Stocke wie eine Barke den Fluß hinabschwimmen . Die meiste Unbill ertrug er geduldig , nur ein- oder zweimal überfiel ihn eine blinde Wut . Da biß und kratzte er um sich wie ein Toller , so daß selbst seine weit stärkeren Genossen sich wohlweislich aus dem Staube machten . Das erstemal hatte einer der Jungen seinen Vater einen » Saufaus « genannt , und das anderemal wollte man ihn zusammen mit einem kleinen Mädchen in einen dunklen Kuhstall sperren . Hinterher schämte er sich und kam aus freien Stücken abbitten . Da lachte man ihn erst recht aus , und der kaum errungene Respekt war aufs neue verloren . Das Lernen ging ihm sehr schwer von statten . Das Pensum , zu welchem die Kameraden kaum fünfzehn Minuten gebrauchten , brachte er erst in ein bis zwei Stunden fertig . Dafür war seine Handschrift auch wie gestochen , und in seinen Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler . Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug , und gar oft überraschte ihn seine Mutter , wie er nachts heimlich aufstand , weil er fürchtete , das Auswendiggelernte wäre seinem Gedächtnis entfallen . Daß er gleich den Brüdern eine höhere Schule besuchen würde , daran war nicht zu denken . Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan , ihn den Älteren folgen zu lassen , sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben würden , denn es tat ihrem Mutterherzen weh , daß dieser eine den anderen nachstehen sollte , aber schließlich fügte sie sich . Und es war wohl auch am besten so . - Paul selber hatte es nie anders erwartet . Er hielt sich für ein durchaus untergeordnetes Wesen den Brüdern gegenüber und hatte es schon längst aufgegeben , ihnen jemals zu gleichen . Wenn sie zu den Ferien heimkamen , Samtmützen auf den wallenden Haaren , bunte Bänder quer über die Brust gespannt - denn sie gehörten einer verbotenen Schülerverbindung an - so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus höheren Welten . Begierig lauschte er , wenn sie untereinander über Sallust und Cicero und die Dramen des Äschylus zu sprechen begannen - und sie sprachen gern davon , schon allein , um ihm zu imponieren . Der Gegenstand seiner allerhöchsten Bewunderung aber war das dicke Buch , auf dessen vorderster Seite das Wort » Logarithmentafel « geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten Seite nichts enthielt als Zahlen . Zahlen in langen , dichten Reihen , bei deren Anschauen ihm schon schwindlig wurde . Wie gelehrt muß der sein , der das alles im Kopfe hat ? sagte er zu sich , den Deckel des Buches streichelnd , denn er dachte nicht anders , als daß man alle diese Zahlen auswendig lernte . Die Brüder waren ungemein freundlich und herablassend zu ihm ; wenn sie in der Wirtschaft irgendwelche Wünsche hatten , wenn sie ein gesatteltes Pferd oder ein extra starkes Glas Grog begehrten , so wandten sie sich vertrauensvoll an ihn , und er fühlte sich hochgeehrt , ihnen Hilfe leisten zu dürfen . In der Wirtschaft wußte er ja Bescheid , wie wenn er der Hausherr selber gewesen wäre ; an ihr hing all sein Streben und Bangen . Was war es gewesen , das ihn so frühzeitig hatte reifen lassen ? Ob die Hilfsbedürftigkeit der einsamen Mutter , die ihn so bald in all ihre Kümmernisse eingeweiht hatte ? Ob der grübelnde , strebende , in die Zukunft hinausschauende Geist , der ihm eigen war ? Gar oft , wenn er sinnend dasaß , die Ellbogen auf den Tisch gestützt - auch in seinen Gebärden war er wie ein Erwachsener - strich die Mutter ihm mit ihrer harten , ausgearbeiteten Hand über Stirn und Wangen und sagte : » Mach ein freundliches Gesicht , mein Junge - sei froh , daß du noch keine Sorgen hast ! « O , er hatte deren genug ! Die Sorgen gehörten zu ihm wie sein Fleisch und Blut ! - Ob das Huhn , das heute abhanden gekommen , sich morgen wiederfinden , wie dem Falben die Spatsalbe bekommen werde , die der Vater gestern aus der Stadt mitgebracht hatte ? Ob das Heu auch schon trocken genug gewesen sei , ehe es umgewendet wurde , und wie die Stare unter dem Dachfirst ihre Jungen großziehen würden , ohne daß die Katze dazu käme ? Über alles machte er sich Gedanken . Das Sorgen war ihm angeboren , nur für sich selber sorgte er nie . Je älter und verständiger er wurde , desto tiefer wurde auch sein Einblick in die Mißwirtschaft , die sein Vater hatte einreißen lassen , und wiederum rang sich gar oft der Seufzer aus seiner Brust : » O , wär ' ich erst groß ! « Die Furcht vor des Vaters Zornausbrüchen ließ , wie natürlich , seine Bedenken nicht laut werden , und wenn er jemals wagte , sie der Mutter gegenüber auszusprechen , so schaute sie sich mit verängstigten Augen im Zimmer um und rief beklommen : » Schweig still ! « Und dennoch merkte der Vater gar wohl , wohin der Sinn seines Sohnes gerichtet war . Er hatte ihm den Spitznamen » Topfgucker « gegeben und foppte ihn damit , sobald er ihn zu Gesicht bekam . In seinen guten Stunden , wie sich von selber versteht : in seinen bösen - prügelte er ihn , mit der Elle , mit dem Peitschenstiel , mit dem Geschirrriemen - was er gerade in die Hand bekam . Am meisten Furcht aber hatte Paul vor dieser Hand selber , deren Schläge weher taten als alle Stöcke der Welt . Der Vater hatte eine eigentümliche Manier zu ohrfeigen . Er schlenkerte die Hand ins Gesicht mit den Knebeln nach außen , so daß Nägel und Gelenke blutunterlaufene Male auf den Wangen zurückließen . Diese Art Ohrfeigen nannte er seine » Backentröster , « und wenn er die Absicht hatte , Paul zu prügeln , so rief er ihm in freundlichstem Tone entgegen : » Komm her , mein Sohn , ich will dich trösten . « Hatte dieser seine Schläge empfangen , so pflegte er zitternd vor Scham und Schmerz auf die Heide hinaus zu laufen , und während er , um die Tränen zu verbeißen , Gesichter schnitt und mit den Fäusten trommelte , pfiff er sich eins . Im Pfeifen tat er , wie all seine Sehnsucht , sein kindliches Träumen , auch seinen Zorn , seine Entrüstung kund . Die Empfindungen , für die sein ungelenker Geist keinen Ausdruck fand , für die ihm Worte , selbst Gedanken fehlten , die ließ er im Pfeifen kühn und unaufhaltsam in die Einsamkeit hinausströmen . So wußte seine gedrückte , schüchterne Seele sich Luft zu machen . Ganze Symphonien führte er auf - schrill und schreiend zum Beginn , sanfter und sanfter werdend und endlich dahinschmelzend in Wehmut und Entsagung . Niemand ahnte , welche Kunst er einsam pflegte und wieviel Trost und Erhebung er ihr zu danken hatte , selbst die Mutter nicht . Seit er sie einmal an einem Winterabend , als er , ohne ihrer zu achten , leise vor sich hinpfiff , hatte in Tränen ausbrechen sehen , seitdem unterließ er es , sobald sie in der Nähe war . Er glaubte , es täte ihr wehe ; welche Macht ihm in diesen Tönen gegeben war , davon ahnte er nichts . Nur stolz war er bisweilen , wenn er nach dem » weißen Hause « hinüberschaute , daß er das Pfeifen doch noch gelernt habe , und wenn ihm irgendeine Phantasie insbesondere gelungen schien , so dachte er bei sich : » Wer weiß , ob ihr mich auslachtet , wenn ihr das hören würdet ! « Aber nie wieder war er einem von ihnen begegnet . 6 Seit einiger Zeit trug sich Herr Meyhöfer mit großen Plänen . Er hatte entdeckt , daß das Torfmoor , welches das Heidegehöft in weitem Bogen umspannte , einen sicheren Verdienst zu geben imstande war . Schon zwei- oder dreimal , wenn ihm das Messer an der Kehle gesessen , hatte er als äußersten Notbehelf Torf stechen lassen und je fünf einspännige Fuhren nach der Stadt geschickt . Heimlich , ganz heimlich - denn er war zu stolz , um für einen » ganz gewöhnlichen Torfbauern « gehalten zu werden . Seine Leute hatten dann jedesmal zwanzig bis fünfundzwanzig Mark Barerlös heimgebracht und erzählt , daß noch weit mehr auf diese Art zu gewinnen wäre , weil schwarzer , fester Torf auf dem Markte ein sehr begehrter Artikel sei . Doch Meyhöfer war nicht zu bewegen , das Moor in dieser Weise auszunutzen . » Ich hab ' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben , « sagte er , » ich will lieber im Großen zu Grunde gehen als im Kleinen gewinnen « - und dabei warf er sich in die Brust wie ein Held . Aber das Moor ließ ihm keine Ruhe . - Es war im September nach einer ausnahmsweise günstigen Ernte , als Löb Levy , der gefällige Freund aller verschuldeten Gutsbesitzer , wöchentlich zwei- , dreimal auf dem Hofe erschien und viel mit dem Herrn zu unterhandeln hatte . Frau Elsbeth zitterte vor Angst , sobald der Jude in seinem schmierigen Kaftan vor dem Hoftor auftauchte ; sie setzte sich ans Fenster und folgte unablässig allen Bewegungen der Unterhandelnden . Wenn sie ihren Mann ein nachdenkliches Gesicht machen sah , lief es ihr eiskalt den Nacken hinunter , und erst , wenn er wieder lächelte , wagte auch sie erleichtert aufzuatmen . Ihr ahnte nichts Gutes , doch traute sie sich nicht , ihren Gatten nach der Art von Geschäften zu fragen , die er mit dem Halsabschneider abzuwickeln hatte . Sie sollte alsbald im klaren sein . Eines Nachmittags bemerkte Paul , wie auf dem Wege von der Stadt ein seltsames Gefährt dahergehumpelt kam , das in der Ferne aussah wie ein ungeheurer schwarzer Waschkessel auf Rädern . Etwas , das ein Schornstein schien , ragte darüber hinaus und neigte sich , wie ein höflich grüßender Mann , nach rechts und nach links , wenn die Räder auf dem ungleichen Boden schwankten . Er starrte das Wunder eine Weile an und lief dann zur Mutter , die er eiligst am Rockschoß vor die Türe zog . Sie legte die Hand über die Augen und spähte auf den Weg hinaus . » Das ist eine Lokomobile , « sagte sie dann . Paul war nun so klug wie zuvor . » Was ist das - Lokomobile ? « fragte er . » Das ist eine Dampfmaschine , die überall hingefahren werden kann und die die großen Gutsbesitzer brauchen , um ihre Dreschmaschinen zu treiben - auch eggen und pflügen kann man damit , denn so ein Ding hat mehr Kraft als zehn Pferde . « » Aber warum läßt es sich dann von Pferden ziehen ? « fragte er . » Weil es sich selber nirgends hinbewegen kann , « war die Antwort . Das verstand er nicht ; » jedenfalls aber , « dachte er , » muß es ein großes Glück sein , solch ein Ding mit dem fremden Namen zu besitzen - und wenn wir einmal reich sein werden - « In diesem Augenblick kam der Vater in großer Aufregung aus dem Hause gestürzt ; er trug auf dem einen Fuß einen Schlafschuh , auf dem andern einen Stiefel und hatte die Halsbinde im Nacken sitzen . » Sie kommen , sie kommen ! « rief er , die Hände zusammenschlagend , und dann umfaßte er die Mutter und tanzte mit ihr mitten auf der Landstraße herum . Sie sah ihn mit einem großen , verängstigten Blick an , als wollte sie sagen : » Welch neue Torheit hast du angerichtet ? « Er aber wollte sie nicht loslassen , und erst als die Zwillinge in ihren rosa Waschkleidchen und dunklen Zwickelzöpfchen aus dem Garten dahergesprungen kamen , machte er sich an diese , nahm sie auf seine Arme , ließ sie auf seinen Schultern tanzen und wollte sie über den Graben werfen , so daß die Mutter seinem tollen Treiben nur mit flehentlichen Bitten Einhalt tun konnte . » So , ihr Gesindel , « rief er , » jetzt jubelt und tanzt , jetzt hat alle Not ein Ende - nächsten Frühling messen wir das Geld mit Dreischeffelsäcken . « Die Mutter sah ihn von der Seite an , sagte aber nichts . Das Ungetüm kam näher und näher . Paul stand regungslos da , in Schauen versunken . Dann guckte er zur Mutter empor , die ein gar sorgenschweres Gesicht machte , und eine ungewisse Furcht wandelte ihn an , als ob jetzt der Teufel ins Haus gezogen käme , aber dann erinnerte er sich , wie nun sein Wunsch von vorhin in Erfüllung ginge , und er beschloß , dem schwarzen Gaste mit Vertrauen entgegenzukommen . Inzwischen waren auch die Knechte und die Mägde aus dem Stalle und der Küche herzugeeilt . Die ganze Bewohnerschaft des Heidegehöfts stand längs dem Zaune aufgereiht und schaute dem nahenden Wunder entgegen . » Aber sag , was willst du damit ? « fragte Frau Elsbeth endlich ihren Gatten . Dieser maß sie mit einem mitleidigen Blick , dann lachte er kurz auf und rief : » Spazieren fahren . « Frau Elsbeth fragte nicht weiter . Zu dem Großknechte gewandt , legte ihr Mann nun seine Pläne dar ; er werde das Torfstechen jetzt im großen beginnen , auch eine Schneide- und Preßmaschine seien schon unterwegs , und morgen in der Frühe könne die Arbeit losgehen . Dann gab er ihm den Auftrag , sich nach dem Dorfe zu begeben und die nötigen Arbeitskräfte anzuwerben . Zehn Mann würden für den Anfang genügen , aber er hoffte , es alsbald auf zwanzig und dreißig zu bringen . Frau Elsbeth schüttelte stumm den Kopf und ging ins Haus - gerade , als die Lokomobile vor dem Hoftor ankam . - Paul konnte nicht satt werden , zu schauen und zu bewundern . Hinter den gelben Schrauben und Kurbeln schien eine Welt von Geheimnissen zu liegen , die Feuerung mit dem Rost und dem Aschenkasten darunter schien wie der Eingang zu jenen feurigen Ofen , in dem die bekannten drei Männer einst ihren Lobgesang angestimmt hatten - und nun der Schornstein erst , drohend emporgerichtet , mit seinem Kranze von Kienruß und dem Schlunde , der ins Schwarze , Bodenlose hinabzuführen schien - - ! Paul achtete nicht auf das kleine Korbwägelchen , das hinter dem Ungetüm daherrollte und in dem Löb Levy saß mit seinem rotblonden Zottelbart und seinen lustig zwinkernden Äuglein - er achtete nicht auf das Schreien der Fuhrleute und den Jubel der beiden kleinen Schwestern , die wie besessen rings um die Räder tanzten . Starr vor Staunen stand er da , als begriffe er noch immer nicht , was um ihn vorging . Als er später ins große Zimmer trat , fand er die Mutter in eine Sofaecke gedrückt - weinend . Er schlang die Arme um ihren Hals ; sie aber wehrte ihn sanft von sich