das ist auch romantisch und führt auf die Kohleninsel , eine sehr poetische Gegend . « » Da mag ich nicht hin , « fiel jetzt wieder die blonbe Nanni ein ; » da drüben ist ' s auch nicht geheuer , und die Gendarmen haben bereits ein Auge auf uns geworfen - dort stehen sie immer noch und passen . Ich fürcht ' mich . Mit der Polizei mag ich nichts zu thun haben . « » So bleibt uns nichts übrig , als in die Isar hinabzuspringen und schwimmend ein sicheres Ufer zu suchen , « bemerkte der Rheinländer ungeduldig . » Schwimmen ? Ja , Schnecken . Da dank ' ich . Das ist wirklich stark . Am Ende macht ' s Ihnen noch Spaß , uns in ' s Wasser zu werfen ! In der Isar sind schon so viele Mädchen umgekommen . Verliebte Mannsbilder mit lauter Redensarten , das sind mir die Rechten ! Die sind zu allem fähig ! « Mali machte sich vom Arm ihres großen Unbekannten los : » Ich glaube wirklich , die Herren halten uns zum Besten ? Prosit Mahlzeit , suchen Sie sich andere dazu aus . Komm , Nanni ! « » Ja , wohin denn ? « rief der Rheinländer verdutzt . » Na , das ist komisch . « Die Mädchen aber schritten tapfer fürbaß , ohne sich umzublicken , an den Gendarmen vorüber , gegen die Au zu . Die Studenten blickten eine Weile den Flüchtigen betroffen nach , dann brachen sie in ein Gelächter aus , aus welchem ebensoviel Enttäuschung wie ärgerliche Spaßhaftigkeit schallte . Nur einer fand das Wort für die Situation , Schlichting : » Es geschieht uns recht . « » Der gute Mensch ! Uns sagt er - und er hat wahrhaftig von der ganzen Geschichte am wenigsten gehabt , « meinte der Rheinländer treuherzig . » Aber was jetzt thun , Kuglmeier , rechte Hand des Zufalls ? « » Jacta est alea . « » Ein klassisches Wort . Das stimmt . Aber es hilft uns nichts . Wir können doch nicht so heimtrollen , ohne etwas für die Unsterblichkeit und unser Vergnügen gethan zu haben ? « » Über lauter Narretei habt Ihr vergessen , einen Blick in diese wunderbare nächtliche Flußlandschaft zu thun , « nahm jetzt der stille Schlichting wieder das Wort , über die Ballustrade gelehnt , während die Kameraden heftig vor ihm auf und ab marschierten zwischen zwei Laternenpfählen und beratschlagten , was ferner zu unternehmen sei . » Die Kneipe ? Nein , das ist mir zu öde , « sagte der Rheinländer . » Eine solche milde Frühlingsnacht in der dumpfen Stube ? « » Ich wette , sie erwarten uns da drüben , in einem grünen Versteck der Anlagen . Es war nur eine Finte , der Gendarmen wegen . Wir sollten uns die Geschichte nicht so entschlüpfen lassen . « » Donnerwetter , es waren doch ein paar patente Mädels mit einer pikanten Nüance ins Verdrehte , Phantastische . « » Eigentlich that einem die Wahl weh ; ich konnte mich gar nicht schlüssig machen , welcher von beiden ich meine spezielle Neigung zuwenden sollte , « behauptete Kupfer mit Wärme . Der Rheinländer biß sich bei diesen Worten leicht auf die Zunge . » Na , höre ! « » Hast Du das Strumpfband noch ? « » Habe gehabt . Nicht einmal diese bescheidene Trophäe haben wir gerettet . Es ist zu dumm . « » Eigentlich sind wir die Genarrten . Männer der frischen , fröhlichen That hätten ganz anders gehandelt . Die Mädchen müssen uns für rechte Gimpel halten . « » Wir haben die schöne Gelegenheit verschwatzt . « » Was hält uns denn ab , das Versäumte wieder gut zu machen ? « rief Kuglmeier ganz erregt und leckte sich die Lippen . » Die Selbstachtung ! « rief Schlichting herüber im Tone kühler Überlegenheit . » Wieso , die Selbstachtung ? « fragte der Medizinmann zurück . » Weil ich es für eine zweifelhafte Auszeichnung halte , jeder Schürze nachzurennen . Übrigens thut , was Ihr wollt . « » Das werden wir auch , Herr Schlichting . « Und für sich brummte Stich noch hinzu : » Eine saftlose Seele , ohne elementare Leidenschaft . « Schlichting warf ruhig den Kopf zurück , sog die milde , wasserduftige Nachtluft ein und lauschte dem Gemurmel der dunklen Flut , die bis zur nächsten Brücke in schnurgeradem , gleichmäßigem Bette mit hastigem Wellenspiel dahinglitt , die Spiegelung der Lichter des Himmels und die Reflexe der Gasflammen auf den Brücken und an den Ufern zitternd zurücklassend . Neben dem kanalartig für die Zwecke der Flößerei regulierten Hauptbett breitete sich wild und regellos , mit niedrigem Buschwerk bewachsen , aus welchem geschlängelte Sandwege und Kiesbänke weiß herausglänzten , das vom Hochwasser alljährlich überflutete Feld aus , eine Art flaches Reservebett , wohl viermal so breit als das Hauptbett , um den Überschwall gefahrlos aufzunehmen und durch Wehre und Kanäle und Seitenbäche abzuleiten . Die rücksichtslosen Launen einer gigantischen Naturgewalt spotten hier der kleinlichen Ökonomie der Menschen und zwingen sie , weite Strecken Landes ungenutzt der Sicherheit der Stadt vor Überschwemmungsgefahr zu opfern . Was jetzt im Dämmer der Nacht wie eine verwahrloste , träumerische Haidelandschaft neben dem geregelten Flußlauf da unten liegt und am Tage von zahlreichen Kinderscharen aufgesucht wird zu fröhlichen Spiel- und Jagdzügen : das verwandelt sich zur Zeit des Hochwassers im Frühjahr und Herbst in einen brausenden , gurgelnden , gelb schäumenden See , gepeitscht vom Föhnsturm und umrauscht von den gewaltigen , vielhundertjährigen hochwipfeligen Weidenbäumen und Pappeln und Buchen und Eichen , welche sich außerhalb der Stadt zu dichten Wäldern zusammenschließen und der Isar vom Fuße des Hochgebirgs bis zur Mündung in die Donau folgen , wie eine grüne lebendige Mauer . Eine herbe , epische Melancholie liegt über dieser nächtlichen Flußlandschaft ausgebreitet , eine heroische Trauer-Stimmung . Schlichtings Blicke aber schweifen jetzt südwärts , wo seine Seele durch die Wolken und die Düsternis der Ferne die Konturen der Alpen erschaut in lichter Pracht , und darüber wölbt sich aus reinem Äter der ewige Himmel . Und über das Gebirge hinweg schwingt sich seine Seele , bis an das blaue thyrrenische Meer , bis zum Gestade der Sirenen am leuchtenden Golf der klassischen Wunderstadt Parthenope . Ja , dort weilt sie jetzt , in den glücklichen Gefilden Kampaniens , im Duft und Glanz einer wonnigen , lachenden , mit sich selbst zufriedenen Natur . O , wie sich sein junges Herz nach ihr sehnt ! Wie er dieses stumme Liebes-Schicksal nur erträgt un dieser dumpfen Werkeltäglichkeit bajuwarischer Bierversumpfung ... Daß der König diese , Stadt meidet , wie innig begreift er ' s jetzt .... Eine chaotische Häusermasse , liegt sie hier zu seiner Linken ; eine dicke , träge , blaugraue Wolke schwebt über ihr gleich einem dummen , boshaften Dämon . Was ist das ? Aus der häßlichen Wolke löst sich plötzlich eine faustgroße Feuerkugel , in wunderbarem grünen Licht beschreibt sie einen Bogen gegen den östlichen Horizont , erleuchtet magisch wie ein langsamer Blitz die schwarze Gegend - das Maximilianeum am Isarufer auf der Gasteig-Höhe glüht auf wie ein Geisterschloß - und die Erscheinung verlöscht ohne Geflacker , bevor sie den Horizont erreicht . » Flora , ich denke Dein ! « rief Schlichting in überquellender Empfindung und hielt die Hand über das geblendete Auge . » Aber Schlichting , wo bleibst Du denn ? « hörte er plötzlich wie durch eine Wand Kuglmeiers Stimme . » Die Andern sind ja längst voraus , den Mädels nach . « » Die Andern ? « fragte Schlichting verwundert aus seinem Traum , erwachend ; » ach so ! Geg ' nur Hans . Ich finde den besseren Weg allein heim . Mich begleitet Flora ... « Der kleine Kuglmeier war verschwunden . » Wie wenig er seiner Schwester gleicht ! - Daß sie zehn Jahre älter ist - älter ist ? - zehn Jahre mehr zählt als ich , das macht sie nur reifer und tüchtiger und begehrenswerter , mehr älter ... Begreiflich , daß die Raßlerischen Kinder für eine solche Erzieherin schwärmen und sie nicht vergessen können . Besonders der Hermann . Ich werde ihn anstiften , ihr wieder zu schreiben und dann werde ich einiges Persönliche von mir hineinkorrigieren - das ist unauffällig und verträgt sich ganz gut mit meinen Verpflichtungen als Nachhilfs-Lehrer in klassischen Sprachen . Und selbst wenn Frau Raßler dahinterkäme - ein so herzensgutes Weib , resolut , und dabei lustig und versteht einen Spaß - lachen würde sie , weiter nichts ... « Schlichting fühlte sich so wohl und frei bei diesem Selbstgespräch und sein Alleinsein kam ihm jetzt vor wie die Befreiung aus einer Haft . Seine Brust hob sich in unendlichem Kraftgefühl , und elastischen Schrittes verließ er die Brücke . Plötzlich hielt er an : links führt der Weg durch eine schmale Anlage über das Muffatwehr , rechts in die Lindenallee mit dem kleinen Park vor der Frühlingsstraße - geradeaus in die Vorstadt Au . Wohin also ? Daß er den abenteuernden Kameraden nicht noch einmal in die Hände läuft ! Die überütigen Bursche hatten ihn überdies heute schon zu Unziemlichkeiten und Geschmacklosigkeiten verleitet . Ein Scherz mit leichtfertigen Mädchen , die dazu noch sauber und anmutig sind , ist zwar kein Verbrechen , allein es ist sicherer , man geht dem verliebten , beutelustigen Gesindel aus dem Weg . Also links , über das Muffatwehr , das ist der kürzeste , einsamste und sicherste Weg - und der abwechslungsreichste zwischen den beiden Isarläufen , frischeste und lustigste obendrein . In zehn Minuten ist man an der Maximiliansbrücke . Vom Thurm der Auer Mariahilfskirche schlug eben die elfte Stunde in kräftigen , sonoren Schlägen , so schmetternd , als ob auch die Glocken in ihrer Höhe vom nahenden Frühling wüßten und von der neuen Kraft und Schönheit , die er über die sehnende Kreatur ergießt . Der Einsame zählte halblaut und bog links ab . » Schon elf ! Links , nicht wahr , Flora ? Der Nachtschwärmer soll sich sputen , daß er in die Federn kommt , damit er in fröhlicher Herrgottsfrühe ... « Was ist denn heute auf Weg und Steg Verrücktes los ? Schlichting blieb in seinem Selbstgespräche stecken , als er des seltsamen Bildes ansichtig wurde . Hart am Ufer stand ein riesig hoher , mannsdicker Weidenbaum mit weitausladendem , gegen den Fluß überhängendem Astwerk . Eine Wurzel , dick wie ein Mannsschenkel , war vom Stamm frei in die Höhe gewachsen mit einer länglichrunden Schlinge nach auswärts , die einen natürlichen Sitzplatz bot , jedoch nur hochgewachsenen Leuten erreichbar . Auf dem Wurzelsitz hockte ein Mann mit herniederbaumelnden nackten Füßen , angethan mit einem weiten , weißgrauen Talar , das Haupt unbedeckt , Haare und Bart ungeschoren . Neben ihm kauerte ein Weib , in schwarze Tücher und Fetzen regellos gehüllt ; die Gestalt war mehr zu erraten , als deutlich zu sehen . Sie hatte die Beine an den Leib gezogen ; Kopf und Brust lagen im Schooß des Mannes , die Arme hingen schlaff herab . Es war Zufall , daß Schlichtings Blick die Gruppe auf dem Wurzelsitz gewahrte . Vom Wege aus war sie nicht leicht zu bemerken ; die Schattenwirkung war an dieser Stelle der Anlage so stark , daß nur ein gewitzigtes Auge durch die weißgraue Talarsilhouette angeleitet werden konnte , hier menschliche Gestalten zu suchen . Zudem hielten sich die Umrißlinien fast unbeweglich : nur der herabhängende Arm machte ab und zu eine pendelnde Bewegung , gleich einer Geste , die ein Wort begleitet , und der ruhende Frauenkopf hob sich zuweilen zu einer seitlichen Drehung , um dem Manne ins Antlitz zu sehen , mit dessen Bart- und Haupthaar-Gelock die Nachtluft spielte . Wie der Jäger sich an ein edles Wild heranpirscht , so schritt Schlichting , nachdem er zuerst überrascht zurückgewichen , auf den Zehenspitzen in weitem Kreise , von Buschwerk und Baumstämmen gedeckt , auf den Weidenbaum zu , um möglichst nahe an das seltsame Menschenpaar heranzukommen , dessen Gebahren und Gespräche zu belauschen , ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken . Das gelang . Schlichting hatte endlich seinen Standpunkt hinter dem dicken Weidenstamm selbst gefunden , so daß er jedes geflüsterte Wort vernehmen konnte . Zuerst war er so erregt , über diese heimliche Annäherung und so wenig dieser indiskreten Lauscherrolle mächtig , daß er sein Herz laut pochen und seine Ohren sausen hörte . Das Weib fragte fast immer , aber mit merkwürdiger Betonung , und dann kam wieder ein Tonfall , der wie ein bewußtloses Traumreden klang , und hernach wieder ein leidenschaftliches Wort , dem ein totmüdes folgte . Der Mann sprach ganz ruhig , ganz gleichmäßig , fast schläferig , doch lag eine wundersame Ueberzeugungskraft in seinen Worten und dazu eine Milde und Herzlichkeit , wie wenn eine Mutter zu einem kranken Kinde spricht . Er antwortete nicht auf jede Frage und nicht in der gestellten Reihenfolge ; dann wieder brachte er etwas außer allem Zusammenhang vor , das vielleicht eine gedachte Frage beantworten oder von anderen Fragen ablenken sollte . Zuweilen wurde der Eindruck , als ob der Mann hier nur als Seelenarzt zu einer Verirrten und Geistes- und Gemütsgestörten spreche , doch wieder beeinträchtigt durch Anreden allerintimster Empfindung von ihr zu ihm . Ungelöst blieben dem Lauscher als ebensoviele schwere Rätsel die seltsame Tracht der Beiden , der seltsame Ort , die seltsame Art und Bedeutung der Gespräche . Er kniff sich in die Nase , um sich zu überzeugen , daß er nicht das Opfer einer Halluzination , einer Vision oder dergleichen sei , sondern alles leibhaftig mit zurechnungsfähigen Sinnen erlebe . Und ächzten nicht die Zweige hoch über seinem Haupte im Nachtwind und tauschte nicht die Isar wehmütig leise herüber ? Und war es nicht wie der belebende , drängende und süß erregende Atem des erwachenden Frühlings , was ringsum wehte und webte in geheimnisvoller Nacht ? Nein , es ist kein Geisterspuk . Jetzt aber galt es , alle Kritik zurückzudrängen und von dem Gehörten und Geschauten so viel als möglich und so genau als möglich dem Gedächtnisse einzuprägen . Als sie nach einigem Stillesein wieder zu fragen anhob , unterschied Schlichting ganz deutlich , daß die Stimme des Weibes älter klang , als die des Mannes . Sollte es die Mutter sein , die zu ihrem Sohne spricht ? Nein , diese Annahme hat gegen sich , daß der Mann sie stets bei dem Namen Magdalena nennt . Oder wäre es ein verheimlichtes , oder dem einen oder andern Teile unbewußtes Kindesverhältnis ? Rätsel über Rätsel ! Hieroglyphen vielleicht eines Familiendramas ? ... » War ' s nicht zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche , da das Ungeheure geschah ? Wie kann eine Gleiche bestehen , wenn Missethat nicht gerochen wird ? Hat Gott seinen Arm erhoben mit dem Schwerte des Rächers ? Wird es Frühling und Gott ist nicht nahe ? Schreitet er als der Strafende durch die Welt und schlägt die Bösewichte nieder , die seinen Frühling schänden ? Wie kommt der Ewige zu uns ? ... « » Als der Allerbarmer ist er uns nahe , wenn wir dem neuen Leben unser Herz erschließen und alles auskehren , was unrein und verdorben . « » Hast Du ein Zeichen für seine Erscheinung ? Wer gibt uns Zeugnis ? « » Gedenke des Propheten Elias ; als er von seinem Volke verstoßen war , da ging er in eine Höhle des Berges Horeb , in der Einsamkeit sein Herz zu läutern . So bin auch ich in die Einöd gezogen , in den Steinbruch ... Aber dem Propheten ward der Befehl , auf den Berg zu steigen und vor Gott zu treten . Und siehe , der Herr ging vorüber . Ein großer , starker Wind , der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach , ging vor dem Herrn her - aber der Herr war nicht im Winde . Nach dem Winde kam ein Erdbeben , aber der Herr war nicht im Erdbeben . Und nach dem Erdbeben kam ein verzehrend Feuer , aber der Herr war nicht im Feuer . Und nach dem Feuer kam ein stilles , sanftes Sausen ... « » O , ich höre es ... « , hauchte das Weib . » Und da Elias es hörte , verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel , denn Gott , der Allmächtige , war in dem stillen , sanften Sausen . « » Später aber , als der Prophet der Welt entrückt wurde für immer , nahm ihn Gott hinweg in Sturm und Feuer . Ist ' s nicht so ? « fragte sie . » Er war nicht der Prophet der Liebe und der Hoffnung ; er war der Prophet der Buße und der schrecklichen Vergeltung . « » Wann wird uns Vergeltung für alles Leid und ihnen Vergeltung für alle Bosheit ? Sag ' an , warum fliehen sie vor mir , daß ich sie nicht treffen kann mit meinem Fluch ? Warum weichen sie aus , wenn ich nahe mit meiner Liebe ? Ich habe nach Jahren ihr Haus gesucht , warum fand ich ' s nicht ? « - Und die Stimme des Mannes darauf : » Ihr altes Haus ist zerstört und der Garten verwüstet , und wo sie nun wohnen , da ist nicht ihr Haus . Je näher sie den Menschen der großen Stadt gerückt und mit ihnen gemeinsam leben , desto weiter sind sie in die Fremde gekommen und trauriger ist ihr Herz geworden . « » Einst habe ich meine Füße blutig gelaufen auf ihren Pfaden , da ich den Zorn und den Haß brachte ; jetzt , da ich Liebe zu ihnen trage , warum verhüllen sie mir ihre Pfade ? Und würde ich noch elender auf den neuen Wegen , was ginge sie ' s an ? Hat sie mein erstes Leid gerührt ? « » Darum kehre wieder zu mir zurück in meinen Steinbruch , dessen Felsen die Hölle verriegeln . Wer will Dich dort anfechten ? « » Die Dich anfechten , sagen sie nicht , Du seiest ein verlorener Mann , und dem Untergang bleibe geweiht , wer sich an Dich hält , an Deine Lehre und Dein Leben ? « Sie hob fragend den Kopf . » Ich fürchte nichts , so lang ' ich mir selbst Treue halte . Glaube mir , Magdalena . « » O Dein Leben , ist ' s nicht schauerlich ? Und triebest Du das seligste Werk , nimmer wirst Du Deinen Lohn finden . Du bist anders als die Andern , das ist Dein Verbrechen in ihren Augen . Anderssein ist Schuld . Ist nicht alles verdorben von Anfang an ? « » Ich bin getröstet , wenn Du bei mir bleibst . Dein gutes Schicksal will ich sein . Säume nicht länger , folge mir ! « » Du leidest Hunger und Durst im Steinbruch und Dein Leib friert , wie soll Dein Beispiel der Menge fruchten , die nach Wohlleben lüstet , die kein Laster und Verbrechen scheut , Wohlleben zu erreichen ? Armer Mann , Du treibst ein traurig Handwerk ! Und die Welt geht an Dir vorüber , zuckt die Achseln und verachtet Dich . « » Ich gehe an der Welt vorüber und weihe ihr mein Mitleid , « klang des Mannes Stimme . » Spricht sie nicht , Du seist ein Überflüssiger und Dein Mitleid Thorheit ? « » Die Welt ist , so lange ich sie will , sie ist nicht mehr , werfe ich den Willen von mir . « » Hörst Du die Isar rauschen ? Begrabe Deinen Willen in ihrer Flut und Du hast Ruhe . Alles fließt und zerfließt und sammelt sich wieder . Rauscht die Isar nicht auch an Deinem Steinbruch vorüber ? « Das Weib richtete sich auf . » Sie rauscht vorüber , aber ich höre sie nicht . Ich höre nur Dein Herz an dem meinigen schlagen und fühle Dein Elend . Komm ' wieder zu mir , daß ich Deine Last tragen helfe . Es ist Zeit , folge mir ! « Weich , bittend sprach ' s der Mann . » Geh ' an der Zeit vorüber . Es ist nichts . « » Du zitterst . Deine Hände sind kalt . Feucht fühle ich Deine Haare . Mitternacht naht und verscheucht die Wachenden . Ich trage Dich in meinen Armen davon . Dulde , daß meine Liebe Gewalt braucht ... Das Frührot findet uns geborgen im Steinbruch , Dich und mich ... « Ein Herabgleiten , ein Wanken , ein Mühen , auf die Beine zu kommen . Endlich war das rätselhafte Paar müden Schritts auf dunklem Waldwege verschwuden . - Mit sanftem Blinken schlüpfte die Sichel des abnehmenden Mondes aus dem Gewölke und umhüllte Isarlandschaft mit zartem bläulichen Schein . - - 3. Brigitta rieb sich wiederholt die Nase . Das that sie gewöhnlich , wenn sie voll innerer Unruhe war . » Meine Nase juckt so , da erfahr ' ich heute gewiß noch was Neues . « Sie brachte diese Redensart in einem Ton heraus , der einem aufmerksamen Ohre sofort verraten hätte , daß die Alte mit einer obenhin gesprochenen Phrase nur vor der Kundgebung ihrer eigenen quälenden Gedanken sich flüchten , oder durch Gleichgültiges viel Wichtigeres , das in ihrer Empfindung bohrte und nach Aussprache rang , zerstreuen und ablenken wollte . Allein Max v. Drillinger besaß in diesem Augenblick die Feinheit eines aufmerksamen Hörers durchaus nicht . » Schließ das Fenster , Brigitta , ich bitte Dich ; ich bin ja in Hemdärmeln ! Die Luft ist mir zu frisch , kaum fünfzehn Grad . Und das Rauschen der Isar ist mir heute so zuwider ; das ewige Gesumme , Gesause und Geplätscher , Geklatsche und Gegurgel - schließ zu , schließ zu ! Es geht mir auf die Nerven . - So recht , mein Hausmütterchen . Danke ! « Brigitta hatte die Nase wieder hereingezogen und den halbgeöffneten Fensterflügel mit zitternder Hand zugelehnt . Nun fuhr sie tastend an dem Rahmen hinauf , drückte und klopfte , daß die Scheiben leise klirrten und die Angeln knarrten . » Ach , diese neumodischen Verschlüsse ! « seufzte sie ; » es ist jedesmal eine ordentliche Arbeit , bis man so ein hohes , schwankendes Fenster wieder zubringt . Die alten Reiber in unserem Gartenhäuschen da droben waren so einfach und hielten so gut . Es ist nichts mit dem neuen Zeug . Überhaupt - , ach , das war dort doch ein ganz anderes Wohnen , so zwischen Wiesen und Feldern und Gärten , und die Isar-Auen vor der Thür und die Stadt weit fort im Rücken und doch nah genug , wenn man sie brauchte . Das Glockengeläute hat man immer so schön in unsere Einsamkeit hereingehört . Einmal , an Ostern oder Charfreitag - - ich hör ' ihn noch , diesen tiefen , bebenden , von fern hallenden Ton , er schwebte her wie aus dem Himmel . - - Und die Isar rauschte wie Auferstehungslieder ... « So schwatzend , trippelte sie vom Tisch zur Komode , Kleinigkeiten ordnend . » Da hast Du wohl recht , Brigitta ; es ist nichts mit dem neumodischen Zeug . Aber erst das Allerneueste ! Da wirst Du was erleben , wenn wir hier wieder ausziehen müssen aus unserem stillen Winkel und weiter hinaufgedrückt werden in die Wasserstraße oder Quaistraße . So eine wachsende Großstadt - wie ein Riesenungeheuer sperrt sie den höllischen Rachen auf und frißt sich weiter und weiter in die stille , geduldige Natur hinein , und Felder und Wälder und Dörfer ringsum werden von ihr verschlungen und verschluckt wie kleine Kaninchen von der Klapperschlange . Und wir werden mitverschluckt , Brigitta . Die Klapperschlange Großstadt frißt uns auf ... Es ist keine Rettung mehr . Hinaus können wir nicht mehr ... Hier lassen sie uns gewiß auch nicht mehr lang in Ruhe , die verfluchten Stadterweiterer und Bauspekulanten . Dann sind wir verdammt , in einem allerneuesten Massen-Miets-Palast billigen Unterschlupf zu suchen ; die Zeit des eigenen , freien Gartenhauses ist ewig dahin ... Lauter architektonische Fabrikware . Sicht großartig aus und ist doch nur stilvolles Gelump , mit Wohnungen , eng wie Häftlings-Zellen . Ist das Fenster wirklich zu ? Ich spüre immer noch einen leichten Luftzug . Geh ' mir , die Isar ist doch ein rechtes Zugloch . Ich pfeife auf die ganze Wasser-Poesie , wenn man nichts als Schnupfen und Rheumatismus und Ärger davon hat . Ist das Fenster wirklich dicht geschlossen ? Brigitta ? Antworte , Hausmütterchen ! Träumst Du denn schon wieder ? Vom nächsten Umzug vielleicht und unserem Zukunftspalast ? Sei ohne Sorge , das kommt nicht über Nacht und an der Isar bleiben wir doch immer - gibt ja in der ganzen Welt nichts Schöneres als unsere frische , grüne , wilde Isar zwischen - sagen wir einmal : Großhesselohe und Brunnthal . Na , Hausmütterchen ? « Die alte Wirtschafterin hatte inzwischen ein ganz anderes Gedankenfädchen weiter gesponnen und von den abgerissen gesprochenen Sätzen Max v. Drillingers nichts als den musikalischen Klang einer nervösen Bariton-Stimme vernommen . Indem sie mit den magern , blutleeren , vom Alter und von der Gicht gekrümmten Fingern die weiße , dünne Haarlocke , welche der Morgenwind unter dem schwarzen Wollhäubchen hervorgezaust hatte , zurückstrich , tappte sie nach dem ledernen Lehnstuhl und ließ sich auf dem alten , durch ein aufgelegtes Federkissen verbesserten Sitz nieder . Dann sprach sie , ohne Übergang und Anrede , halblaut vor sich hin : » Es ist komisch mit der Luft . Wenn ich so am Morgen einen Mund voll am offenen Fenster einschnaufe , erinnert sie mich immer an etwas . Ja , es ist wahr , es liegt etwas in der Luft . Sie ist gewiß nicht bloß zum Schnaufen da . Und sie ist oft so anders . Heute ist sie gerade so wie damals , als Ihr Herr Bruder abgereist ist nach Amerika . Sie riecht so , und kitzelt so . Man wird so unruhig davon , ganz ängstlich . Es geht auch wieder der nämliche Wind . Das seh ' ich an der großen Wetterfahne da drüben über der Isar auf dem Steigerturm der Feuerwehr . Die ist gerade so gestanden , als Ihr Herr Bruder in dieser Stube heimlich Abschied von mir genommen hat . Damals waren wir kaum hier eingezogen . Ach Gott , es hat schlimm angefangen im neuen Haus - - Jetzt ist draußen wohl alles verwüstet , das Häuschen mit seiner Holzaltane und den Epheuranken , und der Garten . - Eine Fabrik haben sie hingebaut ? Etwas so Garstiges . Und uns haben sie verjagt , und die vielen Vögel , die werden von selbst davon sein - und die wilden Tauben mögen den Rauch und Dampf auch nicht . Der schöne Duft im Garten - - « » Ja , Du hast noch eine ausgezeichnete Nase und vortreffliche Augen , Brigitta , « bemerkte Max v. Drillinger . Er stand vor dem Pfeilerspiegel ; die eine Hälfte des Gesichts noch dicht mit weißem Seifenschaum bedeckt , hantierte er jetzt mit dem Rasiermesser an einer schwierigen Stelle der linken Wange . Er drückte das linke Auge zu und zog , die halbe Unterlippe schief nach rechts . Das Licht war heute selbst in der Wohnstube , wohin er seit dem Winter der besseren Beleuchtung wegen einen Teil seiner Toilette-Besorgung verlegt hatte , wirklich recht unzulänglich . So große Mühe hatte ihm das leidige Rasieren schon lange nicht mehr verursacht . Aber er konnte sich nicht entschließen , in seinem Gesicht eine fremde , von Schweiß und Seife duftende Hand herumfahren zu lassen . Das wäre ihm zu ekelhaft . » Für mein hohes Alter freilich , « fiel Brigitta langsam ein . » Aber ich spüre doch , wie ' s mit den Kräften abwärts geht . « Drillinger machte noch eine Grimasse , dann setzte er das Messer ab , um das Schabicht von der feinen Klinge abzustreifen und diese wiederholt auf dem Streichriemen zu schärfen . Dabei wandte er den Kopf gegen Brigitta und bemerkte lächelnd : » Geh ' Du mir doch mit Deinem Alter . Siebzig Jahre - die schönste Jugend ! Die ganze Weltgeschichte wird heute von lauter so jungen Leuten in Deinem Alter gemacht : der Kaiser , der Papst , der Bismarck , der Moltke , der Grévy in Paris , der Gladstone in London - das sind ja lauter historische Wunderkinder zwischen siebzig und hundert Jahren . Wer unter fünfzig oder sechzig ist , der ist ein Grünschnabel , der in der Weltgeschichte gar nichts mitzureden hat . Und den Windthorst nicht zu vergessen - was macht der noch für jünglinghaften Spektakel in der großen und kleinen Politik ! Und Dein Liebling Döllinger ! Und Du sprichst von der Abnahme der Kräfte mit Siebzig - heute , wo die Greisenhaftigkeit das Monopol hat , so kräftiglich die Welt zu regieren ! Brigitta , versündige Dich nicht an Deinen Zeitgenossen ! Ich habe mir auch einen runden Hunderter vorgenommen . Kein einigermaßen anständiger und gebildeter Mensch thut ' s mehr unter hundert . Es ist taktlos , früher die Platte zu putzen . Erst der steinalte Mensch ist der wahre , der moderne und zeitgemäße Mensch . Methusalem - das ist das hohe Vorbild , dem wir nacheifern müssen . Dann blüht vielleicht auch uns noch die Möglichkeit , es zu etwas zu bringen . Hörst Du ? « Aber diese halb spaßhafte , halb ironisch ärgerliche Rede war für die gute Alte doch zu lang . Ihr siebzigjähriges Fassungsvermögen mochte so ausgedehnten Vorträgen nicht mehr