blasses Gesicht wurde rot , und Gordon sah deutlich , daß es sie peinlich berührte , den Schwächezustand ihres Körpers mit solchem Lokaldetail behandelt zu sehen . Sie begriff St. Arnaud nicht , er war sonst so diskret . Aber sich bezwingend , sagte sie : » Nur nicht getragen werden , Pierre ; das ist für Sterbende . Gott sei Dank , ich habe mich erholt und empfinde , mit jeder Stunde mehr , den wohltätigen Einfluß dieser Luft ... Ich glaube Sie beruhigen zu können « , setzte sie lächelnd gegen Gordon gewandt hinzu . So brach man denn auf und erreichte zunächst die Roßtrappe , die berühmte Felsenpartie , wo ganze Gruppen von Personen , aber auch einzelne , vor einer Erfrischungsbude standen und unter Lachen und Plaudern das Echo weckten - die meisten ein Seidel , andere , die dem Selbstbräu mißtrauten , einen Cognac in der Hand . Unter diesen waren auch unsere Berliner , die sich , als sich ihnen erst St. Arnaud mit der Malerin und dann Gordon mit der gnädigen Frau von der Seite her genähert hatten , anscheinend respektvoll zurückzogen , aber nur um gleich danach ihrem Herzen in desto ungenierterer Weise Luft zu machen . » Sieh die Große « , sagte der ältere . » Pompöse Figur . « » Ja ; bißchen zu sehr Caroline Plättbrett . « » Tut mir nichts . « » Mir aber . Übrigens darum keine Feindschaft nich . Chacun à son goût . Und nun sage mir , wen lassen wir leben , den Stöpsel oder die Stricknadel ? « » Ich denke Berlin . « » Das is recht . « Und erfreut über das Aufsehen , das sie durch ihre vorgeschrittene Heiterkeit machten , stießen sie mit den Cognacgläschen zusammen . Siebentes Kapitel Gordon bot Cécile den Arm und führte sie so geschickt bergab , daß die gefürchtete » Schurre « nicht nur ohne Beschwerde , sondern sogar unter Scherz und Lachen passiert wurde , wobei die schöne Frau mehr als einmal durch einen Anflug kleinen Übermuts überraschte . » St. Arnaud , müssen Sie wissen , macht sich gelegentlich interessant mit meinen Nerven , was er besser mir selber überließe . Das ist Frauensache . Gleichviel indes , ich werd ihn in Erstaunen setzen . « Und wirklich , ehe noch das Hotel erreicht war , war auch schon eine von St. Arnaud gutgeheißene Verabredung getroffen , die Malerin am folgenden Tage nach Quedlinburg begleiten zu wollen . Cécile selbst hatte den Vorschlag dazu gemacht . Ja , die nervenkranke Frau , die von ihrer Krankheit , und vor allem von einer Spezialisierung derselben , deren St. Arnaud sich schuldig gemacht hatte , nicht hören wollte , hatte sich tapfer gehalten ; nichtsdestoweniger rächte sich , als sie wieder auf ihrem Zimmer war , das Maß von Überanstrengung , und ihren Hut beiseite werfend , streckte sie sich auf eine Chaiselongue , nicht schlaf- , aber ruhebedürftig . Als sie sich wieder erhob , fragte St. Arnaud » ob man das Souper auf dem großen Balkon nehmen wolle ? « Cécile war aber dagegen und sprach den Wunsch aus , daß man allein bleibe . Der Kellner brachte denn auch eine Viertelstunde später das Teezeug und schob den Tisch an das offene Fenster , vor dem , weit drüben und zu Häupten der Berge , die Mondsichel leuchtete . Hier saßen sie schweigend eine Weile . Dann sagte Cécile : » Was war das mit dem Spottnamen , dessen das Fräulein heute nachmittag erwähnte ? « » Du hast nie von Rosa Bonheur gehört ? « » Nein . « St. Arnaud lächelte vor sich hin . » Ist es etwas , das man wissen muß ? « » Je nachdem . Meinem persönlichen Geschmacke nach brauchen Damen überhaupt nichts zu wissen . Und jedenfalls lieber zuwenig als zuviel . Aber die Welt ist nun mal , wie sie ist , auch in diesem Stück , und verlangt , daß man dies und jenes wenigstens dem Namen nach kenne . « » Du weißt ... « » Ich weiß alles . Und wenn ich dich so vor mir sehe , so gehörst du zu denen , die sich ' s schenken können ... Bitte , noch eine halbe Tasse ... Dich zu sehen ist eine Freude . Ja , lache nur ; ich hab es gern , wenn du lachst ... Also lassen wir das dumme Wissen . Und doch wär es gut , du könntest dich etwas mehr kümmern um diese Dinge , vor allem mehr sehen , mehr lesen . « » Ich lese viel . « » Aber nicht das Rechte . Da hab ich neulich einen Blick auf deinen Bücherschrank geworfen und war halb erschrocken über das , was ich da vorfand . Erst ein gelber französischer Roman . Nun , das möchte gehen . Aber daneben lag : Ehrenström , ein Lebensbild , oder die separatistische Bewegung in der Uckermark . Was soll das ? Es ist zum Lachen und bare Traktätchenliteratur . Die bringt dich nicht weiter . Ob deine Seele Fortschritte dabei macht , weiß ich nicht ; nehmen wir an ja , so fraglich es mir ist . Aber was hast du gesellschaftlich von Ehrenström ? Ehrenström mag ein ausgezeichneter Mann gewesen sein , ich glaub es sogar aufrichtig und gönn ihm seinen Platz in Abrahams Schoß , aber für die Kreise , darin wir leben oder doch wenigstens leben sollten , für die Kreise bedeutet Ehrenström nichts , Rosa Bonheur aber sehr viel . « Sie nickte zustimmend und abgespannt , wie fast immer , wenn irgend etwas , das nicht direkt mit ihrer Person oder ihren Neigungen zusammenhing , eingehender besprochen wurde . Sie wechselte deshalb rasch den Gesprächsgegenstand und sagte : » Gewiß , gewiß , es wird so sein . Fräulein Rosa scheint übrigens ein gutes Kind und dabei heiter . Vielleicht ein wenig mit Absicht . Denn die Männer lieben Heiterkeit , und Herr von Gordon wird alles , nur keine Ausnahme sein . Es schien mir vielmehr , als ob er sich für das plauderhafte Fräulein interessiere . « » Nein , es schien mir umgekehrt , als ob er sich für die Dame interessiere , die wenig sprach und viel schwieg , wenigstens solange wir oben auf der Roßtrappe waren . Und ich kenne wen , dem es auch so schien und der es noch besser weiß als ich . « » Glaubst du ? « sagte Cécile , deren Züge sich plötzlich belebten , denn sie hatte nun gehört , was sie hören wollte . » Wie spät mag es sein ? Ich bin angegriffen . Aber bringe noch ein Kissen , eine Rolle , daß wir noch einen Augenblick auf das Gebirge sehen und auf das Rauschen der Bode hören . Ist es nicht die Bode ? « » Freilich . Wir kamen ja durch das Bodetal . Alles Wasser hier herum ist die Bode . « » Wohl , ich entsinne mich . Und wie klar die Sichel da vor uns steht . Das bedeutet schönes Wetter für unsre Partie . Herr von Gordon ist ein vorzüglicher Reisemarschall . Er spricht nur zuviel über Dinge , die nicht jeden interessieren , über Steppenwolf und Steppengeier und , was noch schlimmer ist , über Bilder von unbekannten Meistern . Ich kann Bildergespräche nicht leiden . « » Ah , Cécile « , lachte St. Arnaud , » wie du dich verrätst ! Ich glaube gar , du verlangst , er soll , als ob er noch in Indien wäre , den Säulenheiligen spielen und zehn Jahre lang nichts als deinen Namen sprechen . Es erheitert mich . Eifersüchtig . Und eifersüchtig auf wen ? « Und nun kam der andre Tag . Es war eine Früh- oder doch Vormittagspartie , darauf hatte Gordon bestanden , und ehe noch der nach Quedlinburg abdampfende Zug über die letzten Dorf-Villen und die schöne Blutbuche des am andern Flußufer gelegenen Baron Bucheschen Parkes hinaus war , sagte Cécile , während sie die kleinen Füße gegen den Rücksitz stemmte : » Jetzt aber das Programm , Herr von Gordon . Versteht sich , nicht zu lang , nicht zu viel ! Nicht wahr , Fräulein Rosa ? « Diese stimmte zu , freilich mehr aus Artigkeit als aus Überzeugung , weil sie , nach Art aller Berlinerinnen , am Lerntrieb litt und nie genug hören oder sehen konnte . Gordon gab übrigens die Versichrung , es gnädig machen zu wollen . Es seien vier Dinge da , darum sich ' s lediglich handeln könne : das Rathaus , die Kirche , dann das Schloß und endlich der Brühl . » Der Brühl ? « sagte Rosa . » Was soll uns der ? Das ist ja die Straße , worin die Pelzhändler wohnen . Wenigstens in Leipzig . « » Aber nicht in Quedlinburg , meine Gnädigste . Der Quedlinburger Brühl gibt sich ästhetischer und ist ein Tiergarten oder ein Bois de Boulogne mit schönen Bäumen und allerlei Bild- und Bauwerken . Carl Ritter , der berühmte Geograph , hat ein gußeisernes Denkmal darin und Klopstock ein Tempelchen mit Büste . Beide waren nämlich geborne Quedlinburger . « » Also nach dem Brühl « , seufzte Cécile , die nicht den geringsten Sinn für Tempelchen und gußeiserne Monumente hatte . » Nach dem Brühl . Ist es weit von der Stadt ? « » Nein , meine gnädigste Frau , nicht weit . Aber weit oder nicht , wir können ihn fallenlassen , ich meine den Brühl , und auch das Rathaus , trotz seines steinernen Rolands und seines aus Brettern zusammengeschlagenen großen Kastens mit Vorlegeschloß , darin der Regensteiner , natürlich ein Buschklepper oder dergleichen , eine hübsche Weile gefangensaß . « » Mit Vorlegeschloß « , wiederholte Cécile neugierig , die sich für den Regensteiner augenscheinlich mehr als für Klopstock interessierte . » Mit Vorlegeschloß . War es ein großer Kasten , darin man ihn einsperrte ? « » Nicht viel größer als eine Apfelkiste , weshalb mir auch , bei seinem Anblick , diese bevorzugten Versteckplätze meiner Jugend wieder in Erinnerung kamen , mit ihrem Glück und ihrem Grusel . Besonders mit ihrem Grusel . Denn wenn die Krampe zufiel und eingriff , so saß ich allemal voll Todesangst in dem stickigen Kasten , um kein Haarbreit besser als der Regensteiner . Aber der wirkliche Regensteiner ( der übrigens kein Asthmatikus gewesen sein kann ) ließ sich ' s , trotz Stickigkeit und Enge , nicht anfechten und steckte zwanzig Monate lang in dem Loch , ohne mehr Luft als die , die durch die spärlichen Ritzen eindrang . Und nur dann und wann kamen die Quedlinburger und wohl auch die Quedlinburgerinnen und sahen hinein und grinsten ihn an . « » Und pikten ihn mit ihren Sonnenschirmen . « » Ganz unzweifelhaft , meine gnädigste Frau . Zum mindesten sehr wahrscheinlich . Die Bourgeoisie , die nie tief aus dem Becher der Humanität trank , war gerade damals von einer besondren Abstinenz , und die liberale Geschichtsschreibung , verzeihen Sie diesen Exkurs , meine Gnädigste - greift in nichts so fehl als darin , daß sie den Bürger immer als Lamm und den Edelmann immer als Wolf schildert . Die Nürnberger henken keinen nich , sie hätten ihn denn zuvor , und dieser Milde huldigten auch die Quedlinburger . Aber wenn sie den zu Henkenden hatten , henkten sie ihn auch gewiß , und zwar mit allen Schikanen . « St. Arnaud , dem jedes Wort aus der Seele gesprochen war , nickte beifällig und wollte den ihm sympathischen Gegenstand eben mit einigen Bemerkungen seinerseits begleiten , als der Zug hielt und ein paar Coupétüren geöffnet wurden . » Ist dies Quedlinburg ? « fragte Cécile . » Nein , meine gnädigste Frau , dies ist Neinstedt , eine kleine Zwischenstation . Hier ist der Lindenhof , und was dasselbe sagen will , hier wohnen die Nathusiusse . « » Die Nathusiusse ? Wer sind die ? « fragten a tempo beide Damen . » Eine Frage « , lachte Gordon , » die die betreffende Familie sehr übel vermerken würde . Die gnädige Frau , deren Protestantismus mir , Pardon , einigen kleinen Anzeichen nach einigermaßen zweifelhaft erscheint , hat Absolution . Aber Fräulein Rosa , Berlinerin , ah , ah ... « » Keine Reprimande , keine Spöttereien . Einfach Antwort : wer sind die Nathusiusse ? « » Nun denn , die Nathusiusse sind viel und vielerlei ; sie sind , ohne die Frage damit erschöpfen zu wollen , fromme Leute , literarische Leute , landwirtschaftliche Leute , politische Leute . Bücher , Kreuz-Zeitung , Rambouillet-Zucht , alles kommt in der Familie vor , und selbst die Geschichte von der aufgenommenen Stecknadel , die dann schließlich den Aufnehmer zum Millionär umschuf , ist dem Ahnherrn der Nathusiusse nicht erspart geblieben . Aber das bedeutet nichts , das ist eine alte Geschichte , denn in wenigstens sechs großen Städten , in denen ich gelebt habe , kam der Reichtum der Reichsten immer von einer Stecknadel her . Überhaupt sind die besten Geschichten uralt und überall zu Haus , also Welteigentum , und ich habe manche , von denen wir glaubten , daß sie zwischen Havel und Spree das Licht der Welt erblickten oder ohne die Gebrüder Grimm gar nicht existieren würden , in Tibet und am Himalaja wiedergefunden . « Rosa wollte davon nichts wissen und stritt hartnäckig hin und her , bis das abermalige Halten des Zuges allem Streiten ein Ende machte . » Quedlinburg , Quedlinburg ! « Und unsre Reisenden entstiegen ihrem Waggon und sahen dem Zuge nach , der sich , eine Minute später , rasch wieder in Bewegung setzte . Achtes Kapitel Die Sonne brannte heiß auf den Perron nieder , und Cécile , die , nach Art aller Nervösen , sehr empfindlich gegen extreme Temperaturverhältnisse war , suchte nach einer schattigen Stelle , bis Gordon endlich vorschlug , in die große Flurhalle des Bahnhofgebäudes eintreten und hier in aller Ruhe den in der Schwebe gebliebenen Schlachtplan feststellen zu wollen . Das geschah denn auch , und nachdem man , ebenso wie den Brühl , auch noch das Rathaus ohne lange Bedenken gestrichen hatte , kam man überein , sich an Schloß und Kirche genügen zu lassen . Beide , so versicherte Gordon , lägen dicht nebeneinander , und der Weg dahin , wenn man am Außenrande der Stadt bleibe , werde der gnädigen Frau nicht allzu beschwerlich fallen . All das war rasch akzeptiert worden , die Damen nahmen noch ein Himbeerwasser , und eine Minute später schritt man bereits , nach Passierung eines von einer wahren Tropensonne beschienenen Vorplatzes , an der die Stadt in einem Halbbogen umfließenden und an beiden Ufern von prächtig alten Bäumen überschatteten Bode hin . Das Wasser plätscherte neben ihnen , die Lichter hüpften und tanzten um sie her , und mit Hülfe kleiner Brückenstege machte man sich das Vergnügen , die Flußseite zu wechseln , je nachdem hüben oder drüben der kühlere Schatten lag . Es war sehr entzückend , am entzückendsten aber da , wo die bis dicht an die Bode herantretenden Gärten einen Blick auf endlos scheinende Blumenbeete gestatteten , ähnlich jenen draußen vor der Stadt , die schon , während der Eisenbahnfahrt von Berlin bis Thale , Cécile bezaubert hatten . Auch heute wieder konnte sie sich nicht satt sehen an der oft ganze Muster bildenden Blumen- und Farbenpracht und fand es , gegen ihre Gewohnheit , sogar interessant , als Gordon , in allerhand Einzelheiten eingehend , von den zwei großen Gartenfirmen der Stadt sprach , die , mit ihren um die ganze Welt gehenden Quedlinburger Blumensamenpaketen , ein Vermögen erworben und sich den Zucker-Millionären in der Umgegend mindestens gleichgestellt hätten . » Ei , das freut mich . Zucker-Millionäre ! Wie hübsch das klingt . « Und dabei blieb sie stehen und sah , durch ein goldbronziertes Gitter , einen der breiten Gartenstege hinauf . » Das lila Beet da , das sind Levkojen , nicht wahr ? « » Und das rote « , fragte Rosa , » was ist das ? « » Das ist Brennende Liebe . « » Mein Gott , so viel . « » Und doch immer noch unter der Nachfrage . Muß ich Ihnen sagen , meine Gnädigste , wie stark der Konsum ist ? « » Ah « , sagte Cécile mit etwas plötzlich Aufleuchtendem in ihrem Auge , das dem sie scharf beobachtenden Gordon nicht entging und ihn , mehr als all seine bisherigen Wahrnehmungen , über ihre ganz auf Huldigung und Pikanterie gestellte Natur aufklärte . Der Eindruck , den er von diesem fein-sinnlichen Wesen hatte , war aber ein angenehmer , ihm überaus sympathischer , und eine lebhafte Teilnahme , darin sich etwas von Wehmut mischte , regte sich plötzlich in seinem Herzen . Von der Stelle , wo man stand , bis zu dem hochgelegenen Stadtteile , der mit Schloß und Kirche das ihm zu Füßen liegende Quedlinburg beherrscht , war nur noch ein kurzer Weg , und ehe man hundert Schritte gemacht hatte , begann bereits die Steigung . Diese selbst war beschwerlich , die malerisch-mittelalterlichen Häuser aber , die , nesterartig , zu beiden Seiten der zur Höhe hinaufführenden Straße klebten , erhielten Cécile bei Mut , und als sie bald danach auf einen von stattlichen Häusern gebildeten und zu weitrer Verschönerung auch noch von alten Nußbäumen überschatteten Platz hinaustrat , kam ihr zu dem Mut auch alle Kraft und gute Laune wieder , die sie gleich zu Beginn des Spazierganges an der Bode hin gehabt hatte . » Das ist das Klopstock-Haus « , sagte Gordon und zeigte , seine Führerrolle wieder aufnehmend , auf ein etwas zur Seite gelegenes und beinah grasgrün getünchtes Haus mit Säulenvorbau . » Das Klopstock-Haus ? « wiederholte Cécile . » Sagten Sie nicht , es stände ... Wie hieß es doch ? « » Im Brühl . Ja , meine gnädigste Frau . Aber da läuft eine kleine Verwechslung mit unter . Was im Brühl steht , das ist das Klopstock-Tempelchen mit der Klopstock-Büste . Dies hier ist das eigentliche Klopstock-Haus , das Haus , darin er geboren wurde . Wie gefällt es Ihnen ? « » Es ist so grün . « Rosa lachte lauter und herzlicher , als die Schicklichkeit gestattete , sofort aber wahrnehmend , daß Cécile sich verfärbte , lenkte sie wieder ein und sagte : » Pardon , aber Sie haben mir so ganz aus der Seele gesprochen , meine gnädigste Frau . Wirklich , es ist zu grün . Und nun excelsior ! Immer höher hinauf . Sind es noch viele Stufen ? « Unter solchem Gespräch erstiegen alle das noch verbleibende Stück Weges , eine gepflasterte Treppe , deren Seitenwände dicht genug standen , um gegen die Sonne Schutz zu geben . Und nun war man oben und freute sich , aufatmend , der Brise , die ging . Der Platz , den man erreicht hatte , war ein mäßig breiter , Schloß und Abteikirche voneinander scheidender Hof , der , außer den auf ihm lagernden Schatten und Lichtern , nichts als zwei Männer zeigte , die , wie Besuch erwartende Gastwirte , vor ihren zwei Lokalen standen . Wirklich , es waren Kastellan und Küster , die zwar nicht mit haßentstellten , aber doch immerhin mit unruhigen Gesichtern abwarteten , nach welcher Seite hin die Schale sich neigen würde , worüber in der Tat selbst bei denen , die die Entscheidung hatten , immer noch ein Zweifel waltete . Besichtigung von Schloß und Kirche , so lautete das Programm , das stand fest , und daran war nicht zu rütteln . Aber was noch schwebte , war die Prioritätsfrage . Gordon und St. Arnaud sahen sich also fragend an . Endlich entschied der Oberst mit einem Anfluge von Ironie dahin , daß Herrendienst vor Gottesdienst gehe , welchem Entscheide Gordon in gleichem Tone hinzusetzte : » Preußen-Moral ! Aber wir sind ja Preußen . « Und so wandte man sich denn rasch entschlossen dem Kastellan zu , freilich nicht ohne sein Vis-à-vis , den nach links hin stehenden Küster , mit einem hoffnunggebenden Gruße gestreift zu haben . Er verneigte sich denn auch in Erwiderung darauf verbindlich lächelnd und schien alles in allem nicht unzufrieden über diesen Gang der Dinge . Denn unten in der Stadtkirche läuteten eben die Mittagsglocken , und etwas Bratwurstartiges , das von der Küche her durch die Luft zog , ließ das » In die zweite Linie gestellt werden « fast als einen Vorzug erscheinen . Unter diesen Vorgängen , die nur von Rosa scharf beobachtet und mit Künstlerauge gewürdigt worden waren , waren alle vier in den Schloßflur eingetreten , an dem respektvoll die Honneurs machenden Kastellan vorüber . Dieser , ein freundlicher und angenehmer Mann , nahm durch seine Freundlichkeit sofort für sich ein , fiel aber andererseits durch ein unsichres und fast ein schlechtes Gewissen verratendes Auftreten einigermaßen auf , ganz wie jemand , der Lotterielose feilbietet , von denen er weiß , daß es Nieten sind . Und wirklich , sein Schloß konnte , durch alle Räume hin , als eine wahre Musterniete gelten . Was es vordem an Kostbarkeiten besessen hatte , war längst fort , und so lag ihm , dem Hüter ehemaliger Herrlichkeit , nur ob , über Dinge zu sprechen , die nicht mehr da waren . Eine nicht leichte Pflicht . Er unterzog sich derselben aber mit vielem Geschick , indem er den herkömmlichen , an vorhandene Sehenswürdigkeiten anknüpfenden Kastellans-Vortrag in einen umgekehrt sich mit dem Verschwundenen beschäftigenden Geschichts-Vortrag umwandelte . Voll richtigen Instinkts ersah er hierbei den Wert der historischen Anekdote , die denn auch beständig aus der Verlegenheit helfen mußte . Rosa , deren Wißbegier auf ganze Säle voll Rubens ' und Snyders ' , voll Wouvermans und Potters rechnete , hielt sich selbstverständlich unausgesetzt in der Nähe des Kastellans und mühte sich , durch allerlei klug gestellte Fragen seine besondre Teilnahme zu wecken . » Und in diesen Räumen also haben die Quedlinburger Äbtissinnen residiert ? « begann sie mit erheucheltem Interesse , denn es lag ihr ungleich mehr an Bärenhatz und Sechzehnendern als an Porträts mit Pompadourfrisuren . » In diesen Räumen also ... « » Ja , meine gnädigste Frau « , antwortete der Kastellan , der unsre Freundin um ihres muntern Wesens und vielleicht auch um ihres Embonpoints willen für eine glücklich verheiratete Dame nahm . » Ja , meine gnädigste Frau , wirklich residiert , das heißt mit Hofstaat und Krone . Denn die Quedlinburger Äbtissinnen waren nicht gewöhnliche Kloster-Äbtissinnen , sondern Fürst-Abbatissinnen und saßen von Mechtildis , Schwester Ottos des Großen , an bei den Reichsversammlungen auf der Fürstenbank . Und hier im Schlosse war auch der Thronsaal . Es ist der Saal nebenan , in welchem ich die gnädige Frau vorweg bitten möchte , die roten Damasttapeten beachten zu wollen . Es ist Damast von Arras . « Und damit traten alle , von einem kleinen , bis dahin besichtigten Vorzimmer her , in den großen Thronsaal ein , in welchem , neben der so ruhmvoll erwähnten Damasttapete , nur noch der getäfelte Fußboden an die frühere Herrlichkeit erinnerte . Rosa sah sich verlegen um , was dem Führer nicht entging , weshalb er seinen Vortrag rasch wieder aufnahm , um durch Erzählungskunst den absoluten Mangel an Sehenswürdigkeiten auszugleichen . » Also , der Thronsaal , gnädige Frau « , hob er an . » Und hier , wo die Tapete fehlt , genau hier stand der Thron selbst , der Thron der Fürst-Abbatissinnen , ebenfalls rot , aber von rotem Samt und mit Hermelin verbrämt . Und mit dem zuständigen Wappen : Zwei Kelche mit einem Pokal . « » Ah « , sagte Rosa , » mit zwei Kelchen und einem Pokal ... Sehr interessant . « » Und hier « , fuhr der Kastellan , während er auf einen großen , aber leeren Goldrahmen zeigte , mit einer immer volltönender und beinah feierlich werdenden Stimme fort , » hier in diesem Goldrahmen befand sich die Hauptsehenswürdigkeit des Schlosses : der Spiegel aus Bergkristall . Der Spiegel aus Bergkristall , sag ich , der sich zurzeit in den skandinavischen Reichen , und zwar in dem Königreiche Schweden , befindet . « » In Schweden ? « wiederholte St. Arnaud . » Aber wie kam er dahin ? « » Auf Umwegen und durch allerlei seltsame Schicksale « , nahm der Kastellan seinen historischen Vortrag wieder auf . » Unsre letzte Fürst-Abbatissin war nämlich eine Prinzessin von Schweden , Josephine Albertine , Tochter der Königin Ulrike , Schwester Friedrichs des Großen . Über zwanzig Jahre hatte Josephine Albertine hier glänzend und segensreich residiert und sich an dem Kristallspiegel , der ihr Stolz und ihr Lieblingsstück war , erfreut , als diese Gegenden eines Tages westfälisch wurden und unter König Jerome kamen . Da mußte sie sich trennen von ihrem Schloß , samt allem , was darinnen war , und natürlich auch von ihrem Spiegel . Denn es ward ihr kaum Zeit gelassen zum Notwendigsten , geschweige zum Einpacken und Mitnehmen dessen , was das Nebensächliche , wenn auch freilich für sie das Liebste war . « » Und was wurde ? « » Nun , König Jerome , der , wegen dem ewigen Morgen wieder lustik sein , sehr viel Geld brauchte , stand alsbald vor der Notwendigkeit , das ganze Schloßinventar unter den Hammer zu bringen , und eines Tages hieß es in allen Zeitungen , deutschen und fremden , daß , neben den anderen Schätzen des Schlosses , auch der berühmte Kristallspiegel versteigert werden solle . Das war der Moment , auf den Prinzessin Josephine Albertine , die mittlerweile nach Schweden zurückgekehrt war , denn die Bernadottesche Zeit war noch nicht da , gewartet hatte , weshalb sie nunmehr strikten Befehl gab , auf den Spiegel zu fahnden und jeden Preis zu zahlen , zu dem er angesetzt oder am Auktionstage selbst hinaufgetrieben werden würde . Wie hoch er kam , weiß ich nicht ; nur das eine weiß ich , daß es ein Vermögen gewesen sein soll . Ich habe von einer Tonne Goldes sprechen hören . Unter allen Umständen aber kam der Spiegel nach Schweden , nach Stockholm , woselbst er sich bis diesen Tag befindet und im Ridderholm-Museum gezeigt wird . « » Allerliebst « , sagte St. Arnaud . » Im ganzen genommen ist mir die Geschichte lieber als der Spiegel « , eine Meinung , die von Gordon und Rosa vollkommen , keineswegs aber von Cécile geteilt wurde . Diese hätte sich gern in dem Kristallspiegel gesehen und war während der zweiten Hälfte der ihr viel zu weit ausgesponnenen Erzählung an ein offenstehendes Balkonfenster getreten , das nicht nur einen Blick auf das Gebirge , sondern auch auf die weiten Gartenanlagen hatte , die sich , im Halbkreis , um die Schloßfundamente herumzogen . In diesen Gartenanlagen wechselten Strauchwerk und Blumenterrassen ; was aber das Auge Céciles bald ausschließlich in Anspruch nahm , war ein Sandsteinobelisk von mäßiger Höhe , der , halb in dem Schloßunterbau drinsteckend , hautreliefartig aus einer alten Mauerwand vorsprang . Der Sockel war mit Girlanden ornamentiert und schien auch eine Inschrift zu haben . » Was ist das ? « fragte Cécile . » Ein Grabstein . « » Von einer Äbtissin ? « » Nein , von einem Schoßhündchen , das Anna Sophie , Pfalzgräfin von bei Rhein und vorletzte Fürst-Abbatissin , an dieser Stelle beisetzen ließ . « » Sonderbar . Und mit einer Inschrift ? « » Zu dienen « , antwortete der Kastellan . Und den Damen ein Opernglas überreichend , das er zu diesem Behufe stets mit sich führte , las Cécile : » Jedes Geschöpf hat eine Bestimmung . Auch der Hund . Dieser Hund erfüllte die seine , denn er war treu bis in den Tod . « Gordon lachte herzlich . » Denkmal für Hundetreue ! Brillant . Wie sähe die Welt aus , wenn jedem treuen Hunde ein Obelisk errichtet würde . Ganz im Stil einer Barockprinzessin . « Rosa stimmte zu , während Cécile verwirrt vom Fenster zurücktrat und mechanisch und ohne zu wissen , was sie tat , an die Wandstelle klopfte , wo der Kristallspiegel seinen Platz gehabt hatte . » Was haben wir noch zu gewärtigen ? « fragte Gordon . » Die Zimmer Friedrich Wilhelms IV. « » Friedrich Wilhelms IV. ? Wie kam der hierher ? « » In den ersten Jahren seiner Regierung erschien er jeden Herbst , um von hier aus die großen Harzjagden abzuhalten . Als aber Anno 48 die Jagdfreiheit aufkam und Stadt und Bürgerschaft ihm die Jagd verweigerten , wurd er so verstimmt , daß er nicht wiederkam . « » Was ich nur in der Ordnung finde . Bourgeoismanieren . Aber nun die Zimmer . « Und damit traten sie , vom Thronsaal her , in ein paar niedrige , mit kleinen Mahagonimöbeln ausgestattete Räume , deren Spießbürgerlichkeit nur noch von ihrer Langweil übertroffen wurde . Rosa sah ihre Hoffnung auf große Tierstücke mehr und mehr hinschwinden , hielt aber eine darauf gerichtete Frage immer noch für zulässig . Freilich erfolglos . » Tierstücke « , antwortete der Kastellan in einem Tone , darin unsere Künstlerin eine kleine Spitze zu hören glaubte , » Tierstücke haben wir in diesem Schlosse nicht . Wir haben nur Fürst-Abbatissinnen . Aber diese haben wir auch vollständig . Und außerdem die Quedlinburger Geistlichen lutherischer Konfession ( ebenfalls beinah vollständig ) , deren einer , altem Herkommen gemäß , allsonntäglich hier oben predigte , so daß er neben seinem Stadtdienst auch noch Hofdienst hatte . Nach der Predigt blieb er dann