unsern Freuden , die Geliebte , die Sonne des Himmels ; doch ists nicht möglich , ihrer allein zu denken ! Der Aether , der uns umfängt , ist er nicht das Ebenbild unsers Geistes , der reine , unsterbliche ? und der Geist des Wassers , wenn er unsern Jünglingen in der heiligen Woge begegnet , spielt er nicht die Melodie ihres Herzens ? Er ist ja wohl eines Festes wert , der selige Friede mit allem , was da ist ! - Den Einen , dem wir huldigen , nennen wir nicht ; ob er gleich uns nah ist , wie wir uns selbst sind , wir sprechen ihn nicht aus . Ihn feiert kein Tag ; kein Tempel ist ihm angemessen ; der Einklang unserer Geister , und ihr unendlich Wachstum feiert ihn allein . Es ist mir unmöglich , die Begeisterung des heiligen Mädchens nachzusprechen . O schone dich , Diotima , schone dich und mich , rief ich endlich , da sie mit so grenzenloser Liebe sich in ihre bessere Welt verlor , wer will es aushalten , nach solchen Stunden , in der Armseligkeit , in die man zurückmuß ? Aber du bist glücklich , du fühlst die Gegenwart nur selten , hast sie nie gefühlt , wie ich es mußte - Ach ! sie sind doch Menschen , fuhr Diotima fort , die Armen , die sich vor uns müde ringen , und abkümmern , ohne daß sie wissen worüber ; weil ihnen das Eine , was not ist , nicht erscheint , da möchte man so gerne helfen - Wie gerne , rief ich , möcht ich es ihnen gönnen , daß sie lebten , wie du ! - Guter Hyperion ! unterbrach sie mich mit ihrer stillen Herzlichkeit , und ihr großes Auge glänzte von freundlichen Tränen . Mir ging ein Himmel auf in diesen Worten . Es war mir ohnedies schon lange eine Qual gewesen , so ruhig vor ihr zu bleiben . O Schwester meines Herzens ! rief ich , mir hast du den Frieden gegeben ! erhalt ihn mir , um dieser Stunde willen ! ich lebe dein Leben durch dich - o deinen Himmel , Diotima , fuhr ich fort , da sie mich unterbrechen wollte , ich hab ihn umsonst gesucht auf dem dürren Felde des Lebens , ich war so lange ohne Heimat ; ach ! es war die Nacht vor dem erfreulichen Tage ; ich seh es nun , wir sterben nur , um neu zu leben , ich war hingewelkt vor der Zeit , nun kömmt mir ein ewiger Frühling , ich fühl es , hier ist unsterbliche Jugend , hier , wo du bist ! - Stille , stille , jugendlicher Geist ! rief Diotima . Ich war , indes sie es sprach , selbst über mich erschrocken . Es schwebte mir noch manches warme Wort auf der Zunge ; ich verschwieg es , aber bei jedem ward ich bestürzter . Ich war stille , aber ich fühlte nur um so brennender , wie ich an ihr hing . Sonst war ich ruhiger von ihr gegangen als heute . Ich wollte noch an demselben Abend zurück , aus mancherlei Gründen , die ich mir einredete , aber ich hatte kaum drei Schritte gewagt , so verwies ich es mir . Mit quälender Ungeduld erwartet ich den andern Tag . Tausend Dinge wollt ich ihr sagen . Ich stand im Geiste vor ihr , faßte ihre Hände zum ersten Male , und drückte sie so mit Zittern an meine Stirne . Wenn Diotima nicht wäre , dacht ich , und es war mir , als fühlt ich Zernichtung . Ich erschrak über diese Heftigkeit ; ich hielt mir die schönen Tage vor , wo ich freier und stiller um Diotima lebte , ich suchte , ihre zarten Melodien in mein Herz zurückzurufen , aber die Unruhe blieb , und ich ward nur um so verwirrter , je mehr ich mein unbändiges Herz mit Vorstellungen plagte . - Es war mir unerklärlich , daß ich gerade heute so sein sollte . Ich wußte mir nicht zu helfen , wie ich des andern Tages vor sie trat . Sie schien mir so fremd , so unbekümmert um mich . Sie war auch meist abwesend mit der Mutter , bei häuslichen Geschäften . Sie wollten mit Diotima die Insel ein wenig durchwandern , sagte mir die Mutter , es würde dem lieben Mädchen doch Freude machen , das schöne Land zu sehn , und so hätte sie jetzt noch manches zu besorgen , weil sie einige Tage ausbleiben würden . Es war gut , daß sie meine Antwort nicht abwartete , und wieder hinauseilte . So schnell hätt ich ihr nichts darauf zu sagen gewußt . Und morgen schon wird die Reise vor sich gehn ? fragt ich die Mutter , als sie wieder hereintrat , wohl auch sehr frühe ? Vor Tagesanbruch ! versetzte sie ; wir wollen möglichst in der Kühle reisen . - Die Seeluft mildert zwar die Hitze ziemlich , erwidert ich , doch ist der Morgen freilich lieblicher . Und wann werdet ihr zurückkommen ? In sechs Tagen würden die Ältesten gewählt , versetzte sie , da möchte sie doch wieder in San-Nicolo sein . Es wäre schön , wenn ich entgegenkäme . Wie doch das unerfahrne Herz so klug ist , wenn es liebt ! Beredsamkeit war sicher meine Tugend nie gewesen , und heut am wenigsten . Jetzt , da Diotima wieder gegenwärtig war , konnt ich gar kein Ende finden in meinen Schilderungen von dem Wege , den sie zu machen gedachte . In meinem Leben malt ich nie lebendiger . Nicht eine der lieblichen und großen Stellen ließ ich unbemerkt , die sie unterweges finden würde . Alles Erfreuliche , was ihr begegnen konnte , sucht ich an mich anzuknüpfen . Bei jedem Reize der herrlichen Insel sollte Diotima mein gedenken . - Ich hatte keine Ruhe die Nacht über . Die Sterne leuchteten noch am Himmel , als ich hinausging . Ich lagerte mich unter dunkeln Platanen an einem Hügel , der nicht sehr ferne von der Straße lag . Mancherlei bewegte sich mir in der Seele . Auch meine trüben Tage , ehe ich Diotima gefunden hatte , erschienen mir wieder . Der Mensch kann manches tragen , dacht ich . Die Freude gehet über ihm auf und unter . Aber er wandert doch auch in der Nacht seinen Weg so hin . Ist er nur einmal vertraut damit geworden , so wird ihm auch das Unerträgliche leidlich . Nur muß er nicht zurücksehn , auf das , was er verlor . Ein Tropfe aus der Schale der Vergessenheit , das ist alles , was er bedarf ! Ich hatte einige Tage zuvor einen alten Schiffer gesprochen , der im Gefechte mit den Korsaren den rechten Arm verloren hatte , auch sonst zur Fahrt zu schwach geworden war . Der hatte mir erzählt , wie er anfangs jedesmal hinausgegangen sei an den Hafen , wenn ein Schiff ausgelaufen sei , oder wiedergekommen , wie er sich immer da der alten Zeiten erinnert habe , wo ihm der Vater noch seinen Segen mitgegeben hätte auf die Fahrt , und wie er dann mit klopfendem Herzen hinausgewandert wäre aufs herrliche Meer , wie ihm ein frischer Trunk vom Brunnen das Herz erfreuet hätte bei einer Landung , oder der blaue Himmel nach einer stürmischen Nacht , und dann bei glücklicher Rückkunft der Gruß seines Alten - das wär ihm immer eingefallen , wenn er draußen am Hafen hätte Schiffe gehn und kommen gesehn , und ihm hätte oft vor Sehnsucht das Herz geblutet , und er hätte oft geweint in seinen alten Tagen , wie ein Kind , wenn er wieder in seine Hütte geschlichen wäre mit seinem Einen Arme , aber seitdem ihn seine Füße nicht mehr tragen wollten , und er nicht mehr ans Meer hinaus käme , und nicht mehr so oft seiner Jugend gedächte , trag er sein Schicksal geduldiger . So ist der Mensch , dacht ich , ist nur erst die Freude recht ferne , so hält er dem Kummer stille , und hilft sich , so gut er kann . Der erwachende Morgen weckte mich aus meinen Gedanken . Es schien mir sonderbar , daß ich darauf gekommen war . Jetzt sah ich unten auf der Straße die lieben Reisenden herankommen . Ich raffte schnell mich auf , und wollte hinab . Aber ich dachte , es möchte doch wohl auffallen , und so blieb ich . Ich hörte , wie sie sangen . Siehst du , wie entbehrlich du bei ihrer Freude bist , sagt ich mir , und mir war es doch , als könnt ich eher die Luft , die ich atmete , vermissen , als Diotima . Nun war mir der Gesang allmählich verhallt , auch die dunkeln Gestalten , die mein Auge , solang es konnte , verschlang , waren verschwunden . Ich lauschte noch eine Weile , und blickte da hinaus , wo ich sie verloren hatte ; aber ich hörte nur das tropfende Wasser in den Ritzen des Hügels ; kein menschliches Geschöpf zeigte sich in der ganzen Strecke , wohin ich sah . Lebe wohl , Diotima ! Herrliche ! Gute ! rief ich endlich und kehrte nach Hause . Ich geleitete sie im Geiste ; ich belauschte ihr Auge , wie es hinaussah in die schöne Welt ; jetzt ist sie wohl in dem Tale , dacht ich , wo die lieblichen Gruppen von Ulmen und Pappeln stehn , wovon du ihr sagtest ; da denkt sie vielleicht , du hättest nicht uneben geweissagt , und sagt den andern , sie möchte dir wohl gönnen , daß du auch da wärst , und deine Freude hättest . - Aber entbehren kann sie dich doch gar leicht ! du sahst es ja ! Das dacht ich auch , doch zürnt ich mir dabei , und schlug mirs aus dem Sinne , weil es klein und eigennützig wäre , daß ich wünschen könnte , sie sollte nicht fröhlich sein , wann ich gerade mich nicht freuen könnte . Mit meiner ganzen Liebe hing ich an der Stunde , wo ich sie wiedersehen sollte . Es war ein fröhliches Gewebe von Hoffnungen , womit ich das Herz mir schweigte , und war ich damit zu Ende , so löst ichs wieder auf , es lieblicher zu erneuern . Mit süßem Zauber wehten mir , wie Boten der Holdin , die Lüfte des Himmels vom Tal entgegen , wo ich ihrer wartete . Blütenflocken umtanzten mich , und Nachtigallen schlugen unter den Rosen am Wege . Sonst war es stille ringsumher ; ich konnte jeden Laut vernehmen , der von ferne kam . Itzt wanderte mir ein freundlicher Pilger vorüber . Ob er nicht auf seinem Wege Reisenden begegnet wäre , fragt ich ihn . Er hätte Reisende gesehn in einem Haine , erwiderte der Pilger , sie hätten dort sich vor dem Mittagsstrahle unter die Ulmen geflüchtet ; ein holdes Mädchen hätte Namen in die Bäume geschnitten . Ich wünscht ihm herzlich für seine frohen Worte frohe Wandertage und eilte fort . Jetzt , wo das Tal sich öffnete , sah ich hinaus ; da kamen sie ! Diotima warf den Schleier zurück , und nickt ' und lächelte mir entgegen , und ich flog hinan . Da bot sie traulich mir die Hand ; ich mußt ihr geschwind erzählen , wie ich jeden Tag indes gelebt ; ich sagt ihr , daß ich früh am Tage , wo sie abgereist , den Hügel bei San-Nicolo besucht , und sie von da gesehen hätt und gehört , daß ich indes ihre Harfe gestimmt , und den Gesang gelernt , den sie am Abend , da ich sie zum ersten Male begrüßte , gesungen hätte , daß ich oft nach ihren liebsten Blumen in Notaras Garten gesehn , und ihrer gepflegt ; auch hätt ich aus dem seltnen Buche , das ein Fremder mir geliehn , die Blätter für sie abgeschrieben , die am meisten sie vergnügten - so warst du ja recht fleißig , sagte Diotima , fuhr dann fort , wie sie meinen Sinn geahndet hätte in jeder Stelle der Insel , die ich ihr beschrieben , wie man so ganz zusammentreffen könne in einem Urteil , einer Freude , gerade da , wo die andern so selten einig wären ; man hätt auch einmal von Delos gesprochen , da hätte sie den Knaben Hyperion vor sich gesehn , wie er mit ihrem Vater so fromm umhergegangen wäre unter den heiligen Ruinen , wie er staunend oben auf dem Cynthus gestanden , und schweigend mit dem Auge nur gefragt ; sie hätte dann so herzlich gewünscht , daß sie damals auch mit uns umhergewandert wäre ; sie wäre zwar ein unverständig Kind gewesen , doch hätte sie gewiß auch etwas geahndet , weil der Vater so ernst gewesen wäre , und der kleine Gespiele - so und anders dacht ich mir Diotimas Empfang , und war selig in meinen kindischen Träumen . ------------- Sechstes Kapitel Es wäre gut , wenn die Hoffnung etwas seltner wäre im Gemüte des Menschen . Er waffnete sich dann zu rechter Zeit gegen die Zukunft . Der Abend war nun wirklich da , wo ich sie wiedersehen sollte . Ich war auch kaum hinausgegangen , so ward ich die Reisenden in einiger Entfernung gewahr . Diotima grüßte mich auch freundlich , aber die Diotima , von der ich geträumt hatte , war sie doch nicht . Ihr reiner immertätiger Geist äußerte sich gegen mich , wie zuvor ; aber es ward mir schwerer , als sonst , auf sie zu merken ; ich war zerstreut , und hört oft Augenblicke lang kein Wort von allem , was sie sprach , und wenn ich lauschte , so war es , weil das arme Wesen trachtete , für seine sterblichen Wünsche ein erfreulich Wörtchen zu erhaschen . Oft , wenn sie während ihrer Rede meinen Namen nannte , war ich plötzlich mit meiner ganzen Seele gegenwärtig ; aber mit Schmerzen fühlt ich bald , daß ihr Geist nur einen Augenblick mir nahe gewesen war . Ich ahndete nun allmählich trübe Tage . Es war jetzt oft , als warnte mich etwas , als ging ' ich nicht auf rechtem Wege . Sie war das einzige , woran mein Leben sich erhielt , mein Herz hatte sich nach und nach so gewöhnt , daß auch nicht der Schatte in mir war von einer Hoffnung , die ohne sie bestanden wäre , und sie schien sich doch mit jedem Tage mehr von mir zu entfernen . Ich fühlte den sterbenden Frühling meines Herzens . Der milde Himmel , der es umfangen hatte , und genährt , die stille Seligkeit , die ich gefunden hatte im sorglosen Anschaun der Grazie und Hoheit dieses seltnen Wesens , verschwand mit jedem Tage merklicher . Mit Todesangst konnt ich itzt jede Miene und jeden Laut von ihr befragen , ob sie mich verlassen würde ; ihr Auge mochte gen Himmel sich wenden , oder zur Erde , ich folgt ihm , als wollte mir mein Leben entfliehn . Ich muß es nur geradezu sagen , ich war oft ärgerlich über alles Gute und Wahre , wovon sie sprach , weil sie mich darüber zu vergessen schien . O es ist mir sehr begreiflich geworden , wie der Mensch dahin geraten kann , daß er das beste , was wir haben , das edle freie Leben des Geistes zu morden strebt in dem Wesen , woran sein Herz hängt . Es geht mir durch die Seele , wenn ich mir die guten Kinder denke , die sich das Mein ! und Dein ! so unbedingt , mit solcher Entzückung sagen . Der Mißverstand ist so leicht . Und weh ihnen , wenn sie sich mißverstehn ! Solang ich bei ihr war , und ihr begeisterndes Wesen mich emporhub über alle Armut der Menschen , vergaß ich oft auch die Sorgen und Wünsche meines dürftigen Herzens . Aber das dauerte nicht lange . Sowie ich zu mir selbst kam , begann auch wieder meine Not , und je höher und heller ihr Geist über mir leuchtete , um so brennender fühlt ich meinen Jammer . Aber tief in mein Innerstes begrub ich ihn . Es ging mir , wie den Menschen , denen die Flamme ihre Kammern verzehrt , und die nicht um Hülfe rufen mögen , aus Scham und Scheue vor andern . Keine Stelle war mir sicher genug , um mich der Klage meines Herzens zu entlasten . Ich erinnere mich nicht eines Worts , das ich über meinen Gram gesprochen hätte . Ich sah auch nicht , was es mir fruchten könnte , irgend ein Wesen um Hülfe anzusprechen ; ich hatte ja schon einmal Trost in der Welt gesucht , und war ärmer zurückgekommen . Ich verzehrte mich in verworrenem gewaltsamem Ringen nach ihr , und mein Wesen mattete sich um so schröcklicher ab , je mehr ich meine glühenden Wünsche verbarg . So kam ich eines Tags zu Diotima . Ich war nicht lange da , so fing sie an : es hätte jemand einen Dank von ihr zu fordern , es wär ihr gestern eingefallen , daß sie ihrer Harfe so ganz vergäße , sie hätte sie hervorgeholt , ihren Mißklang , so gut sie könnte , zu mildern , und sie ganz wohllautend gefunden . Der Himmel weiß , wie viel ich mir unter dem versprochenen Danke dachte . Ich hätte sie gestimmt , rief ich , und wußte mir kaum zu helfen in meiner Freude , ich hätte nichts Besseres zu tun gewußt für meine Freundin , solange sie verreist gewesen wäre . Auch fiele mir eben ein , daß ich damals einiges für sie abgeschrieben hätte ; ich wüßte nicht , wie es gekommen wäre , daß ich nicht eher daran gedacht hätte - ich lief sogleich fort , die Papiere zu holen ; ich konnte kaum sie finden in meiner freudigen Eile ; o einen Dank von dir , herrliches Wesen ! rief ich , und segnete mit Tränen meine Schmerzenstage , um meiner neuen Hoffnung willen ! Sie bat mich , wie ich zurück war , ihr das Geschriebne vorzulesen , freute sich innig über die goldnen Stellen , und sprach darüber ungewöhnlich heiter und lebendig . Anfangs , solange noch die süße Erwartung sich in mir regte , stimmt ich mit allem Feuer des seligen Herzens in ihre frohen Töne ein , doch wie sie endlich so lange mit dem Danke zögerte , da verstummt ich freilich ; es war etwas in meiner Betrübnis , wovon bisher keine Spur in mir erschienen war ; ich möchte fast sagen , es sei Bitterkeit gewesen . Mit einer sonderbaren Gelassenheit schied ich , als ich endlich zu gehen genötigt war . Ich hörte kaum darauf , als sie mir noch nachrief , ich danke dir , Hyperion ! Ich kam nun immer seltner hin ; blieb endlich ganz weg . Eine Totenstille , die ich kaum an mir begreife , war allmählich über mich gekommen . Ich lebte so hin , mit halbem Bewußtsein , ich suchte nichts mehr , ich half mir fort von einem Tage zum andern , so gut ich konnte ; ich achtete nichts , war mir selbst nichts mehr , trachtete auch nicht , andern etwas zu sein . Um diese Zeit begegnete mir , da ich so in meiner Finsternis draußen herumirrte , Notara mit seiner Mutter und einigen andern . Er beschwerte sich über meine Eingezogenheit ; ich sagt ihm , daß ich sein Haus nicht hätte mit der bösen Laune plagen mögen , die mich seit einiger Zeit heimgesucht hätte , und wagt es , zu fragen , wo dann Diotima wäre ? - Sie sei zu Hause , rief die Mutter , die fromme Tochter schreibe an ihren Vater . Es war traurig , wie die unschuldigen Worte mich aus meiner Dumpfheit weckten . Jetzt mußt du hin ! rief es augenblicklich in mir , und Feuer und Schrecken wechselten in meinem verwilderten Herzen . Zitternd , gedankenlos ging ich vorüber an ihrem Fenster - nein ! nein ! du gehest nicht hinauf , dacht ich , und taumelte fort nach Hause , und schloß die Türe ab . Aber wo ich hinsah , war ihr Bild , und alle die freundlichen Worte , die ich einst gehört hatte von ihr , umtönten mich . - Was willst du von mir ? rief ich vor mich hin ; was störst du meine Ruhe ? - Ich war , wie ein zürnender Geist , den die Stimme des Beschwörers aus seinem Grabe zwang . Verzeih es mir die Gute ! ich fluchte der Stunde , wo ich sie fand , und rast ' im Geiste gegen das himmlische Geschöpf , daß es mich nur darum ins Leben geweckt hätte , um mich wieder niederzudrücken mit seinem Stolze . Wie eine lange entsetzliche Wüste lag die Vergangenheit da vor mir , und wütend vertilgt ich jeden Rest von dem , was einst mein Herz gelabt hatte und erhoben . Ich muß dir danken , dacht ich , ich bettelte vor deiner Türe , und du nährtest mich mit Brosamen . Wer will es dir verargen , daß du das Beste für dich behieltst ? Was solltest du auch dich an ein Geschöpf verschwenden , das kaum des Rettens wert war ? Nein ! du hast keine Schuld auf dir . Ich war ja zertrümmert , zertreten von den andern , eh ich zu dir kam . Da war nichts mehr zu verderben , nichts mehr gut zu machen ! - Aber es ist doch wahrlich auch ein grausames Erbarmen , das Wesen , das der langen Ruhe schon nah ist , mit einer Balsamtropfe zu wecken , daß es zwiefach stirbt ! - Ich danke nun dafür ; ich wollte , du hättest dich nie bemüht . Nein ! sie hat nicht gut an mir gehandelt . Sie ist , wie alle . Die andern begannen , und sie hats vollendet - meisterlich ! - Ich erschrak endlich doch über meine Lästerungen . Die reinen Melodien ihres Herzens , die sie mir oft auf Augenblicke mitgeteilt hatte durch Red und Miene , daß mirs ward , als wandelt ich wieder im verlassenen Paradiese der Kindheit , ihre fromme Scheue , nichts zu entweihen durch übermütigen Scherz oder Ernst , wenn es nur ferne verwandt war mit Schönem und Gutem , ihre absichtlose Güte , ihr Geist mit seinen hohen Idealen , woran ihre stille Liebe so einzig hing , daß sie nichts suchte , und nichts fürchtete in der Welt , alle die lieben seelenvollen Abende , die ich zugebracht hatte mit ihr , jeder Reiz ihrer Bewegung , die , wo sie stand und ging , nur sie - das edle , unbefangne , stille Gemüt - bezeichnete , das alles und mehr , ihr ganzes himmlisches Wesen , ging wieder auf mir , wie der Boge des Friedens nach Gewittern . - Und dieser Einzigen zürnst du ? sagt ich mir ; und warum ? weil sie nicht verarmt ist , wie du , weil sie den Himmel noch im Herzen trägt , nicht eines andern Wesens , nicht fremden Reichtums bedarf , um die verödete Stelle auszufüllen , weil sie nicht unterzugehen fürchten kann , wie du , um sich mit dieser Todesangst an ein andres zu hängen ; ach ! gerade das Göttlichste an ihr , diese Ruhe , diese himmlische Genügsamkeit hast du gelästert , die Unschuld hast du um ihr Paradies beneidet ; und mit einem so zerrütteten Geschöpfe sollte sie sich befassen ? muß sie dich nicht fliehen ? o warnt , ihr guten Geister ! warnt sie vor diesem Gefallenen ! - Ich hätte nun gerne alle Last des Lebens über mich genommen , um mein Unrecht gut zu machen . Nun war es mir nicht mehr um mich zu tun . Ich hätte nun keinen Dank begehrt , für die Tugend eines Halbgotts ! Ich wollte nun ganz werden , wie sie , um ihretwillen ! um ihr mit tausendfacher Freude zu vergüten , was ich ihr zu Leide getan ! Ich wollte mich überhaupt einmal herausarbeiten aus meiner Nichtigkeit . Ich sah mit Begeisterung hinaus auf mein künftig Leben . Es war mir , als hätte schon itzt ein heilig Feuer mich geläutert , und meine Schlacken weggetilgt auf ewig . O Diotima ! Diotima ! rief ich , wenn ich einst vor dir stehe , wie ein neuer Mensch , im Siegsgefühle , wenn es da ist , was ich einst als Knabe träumte - und es muß kommen , es muß , so wahr ein göttlich Wesen des Menschen Brust bewegt ! - wenn du dann in deiner reinen Freude mich begrüßest , und denkst , es hätte doch ein guter Funke geschlummert in dem ärmlichen Geschöpfe - dann will ich dir ganz bekennen , wie klein , wie arm ich war , und du wirst nicht zürnen , daß der Schmerz zum Manne mich schmiedete . Ich glaubte , nun endlich auf dem rechten Wege zu sein . Ich war es nicht . Indes brachte mich doch dieser neue Stoß wieder ins Leben . Ich war doch aus der trägen Resignation heraus , wo man nichts mehr will , und nichts mehr achtet , aus der Totenruhe , die bei allem Scheine von Weisheit , womit sie von den Feigen geprediget wird , gewiß das Nichtswürdigste ist , worein der Mensch geraten kann . Entschuldige sich keiner , ihn habe die Welt gemordet ! Er selbst ists , der sich mordete ! in jedem Falle ! - Nun erst fiel mir Diotimas Vater wieder ein . Ich schrieb ihm : Du hast meiner gedacht , edler Geist ! ich denke deiner , jetzt ,