, und alle drei bewohnten ein halbes Parterre , das nach der Rückseite hin einen einfachen Garten mit Kaiserkronen und Feuerlilien , in Front aber eine durch Glasfenster und Leinwandwände geschützte Veranda hatte . Schräg gegenüber von ihnen befand sich ein großes , mit Oleanderbäumen umstelltes Hotel , und zwischen hüben und drüben lief ein chaussierter Straßendamm , auf dem , die heißen Mittagsstunden abgerechnet , ein beständiges Fahren war . Denn der Ort war nicht nur Eisenbahnstation , sondern von alter Zeit her auch Knotenpunkt vieler Straßen , die von hier aus strahlenförmig in die steirischen Vorberge hineinführten , ein entzückendes Hügelland , über das hinweg , sobald die Sonne zu sinken begann , das Hochgebirg in blauem Dämmer aufragte . Heute jedoch war der Abend noch fern , und beide Freundinnen saßen frühnachmittags in der Veranda , deren Glasfenster man ausgehoben hatte , weil es nach einer kurzen Regenzeit in den letzten Tagen wieder sehr warm geworden war . Auf einem hart an der Brüstung stehenden Tische lagen Muster , Decken und Wollknäuel umher , und die Tapisserienadel beider Damen , welche letzteren an einer großen Stickerei beschäftigt schienen , ging hurtig hin und her . Dabei war eine rechte Nachmittagsstille , nichts wach , und nur aus dem Garten kamen ein paar gelbe Schmetterlinge , haschten sich und flogen dann weiter die Straße hinunter . Franziska sah ihnen nach , bis sie schließlich über die Dächer hin verschwanden , und war noch in ihrem Sehen und Sinnen verloren , als vom Flur her ein reizender Blondkopf erschien , ein etwa zehnjähriges Mädchen , das an ihnen vorüber in Hast und Sturm auf die Straße zulief , einen Tonnenreifen vor sich , den es mit dem Handgriff eines allem Anscheine nach sehr eleganten Fächers schlug . An dem Reifen selbst waren kleine Blechstücke befestigt , und bei jedem Schlage gab es einen Klang , als ob ein Tambourin oder Kinderjanitschar geschüttelt würde . » Lysinka « , rief die Tragödin und lachte . » Sieh nur , Franziska , sie hat meinen besten Fächer genommen , ein Geschenk von Graf Pejevics von der letzten Redoute her . Ein wahres Prachtstück , ich meine den Fächer . Und nun hantiert der Unhold damit , als ob es ein Trommelstock wäre ... Lysinka ! « Aber die Kleine hörte nicht mehr , sondern jagte schon die chaussierte Straße weiter hinauf und auf das große , mit Oleanderbäumen umstellte Hotel zu , vor dem eben ein paar gelbe Reisewagen mit zurückgeschlagenem Verdeck hielten . Man sah ordentlich , wie das schwarze Leder in der Sonne brannte , während ein paar Hühner , die sich vom Hofe her eingefunden hatten , die Körner aufpickten , die zerstreut umherlagen . Hier machte Lysinka halt , sah sich inmitten der pickenden Hühner einen Augenblick um und jagte dann in geschickter Biegung , und die Veranda , wo Phemi und Franziska saßen , aufs neue passierend , nach der andern Seite hin die Straße hinunter . » Ein reizendes Kind ! « sagte Franziska . » Du mußt es sehr lieben . Tust du ? « » Gewiß tu ich ' s. Oder glaubst du , daß der hohe Stil der Tragödie dergleichen ausschließt ? Auch Medea ... « » Nichts von der . Ich will von Medea nichts wissen . Ich will nur wissen ... « » Ein Geheimnis . « » Unter Schauspielerinnen gibt es keine Geheimnisse . Das solltest du wissen , Phemi . Zudem hab ich dir alles aus meinem Leben erzählt , Abenteuer und Nichtabenteuer . « » Nun gut ; so rate . « » Gräflich ? Hocharistokratie ? « » Höher . « » Ah , ich seh schon , du willst dich auf einen Erzherzog hin ausspielen . Aber ehe ich dir das glaube ... « Hannahs Erscheinen machte hier dem Gespräch ein Ende . Sie kam mit einem großen Tablett , das sie vorläufig auf die rechtwinklige Brüstung der Veranda setzte , legte dann sorglich ein Tuch und arrangierte den Kaffeetisch . » Und nun , Hannah , Juwel unserer Krone « , hob Phemi wieder an , » schaff uns auch etwas Krausgebackenes oder einen Napfkuchen oder , um auch in Öslau gut wienerisch zu bleiben , einen Gugelhupf . Denn du mußt wissen , ich habe heute den Lammbraten vorübergehen lassen - er hat immer so etwas Ungeborenes - , und so klingt es denn in den Tiefen meiner Seele : Was du vom Lamm zu Mittag ausgeschlagen , bringt nur der Gugelhupf zurück . Oh , ein himmlisches Wort , bei dem ich ordentlich fühle , wie ' s hier mithupft . Und nun geh , Hanning , geh ; ich habe ein drittes Haus von hier etwas appetitlich Braunes im Schaufenster stehen sehen , heute früh , als wir von der Promenade kamen , und die leere Straße sieht mir nicht darnach aus , als ob sich Öslau mittlerweile daran vergriffen haben könnte ... Hier mein letzter Fünfguldenschein ! « » Ach , Fräulein Phemi , wenn Sie nur nicht immer vergessen wollten , daß wir Krachzeiten haben . « » Unsereins hat nie Krach , Hannah . Übrigens wecke keine traurigen Gedanken in mir , denn schließlich und auf einem Umwege bin ich doch daran beteiligt . Und nun geh , ehe es zu spät ist . Wir leben zwar in einer gedankenarmen Zeit , aber die Not einer Öslauer Kaffeestunde macht auch den Ärmsten erfinderisch . Also vite , vite . « Hannah ging . Als sie fort war , beugte sich Franziska vor und sagte : » Du kannst dir gratulieren und stolz sein , Phemi , bei Hannah in solcher Gunst zu stehen . Eigentlich hält sie nicht viel von uns . Ihr Vater war Totengräber , und davon ist ihr was geblieben . Und am meisten wundert es mich , daß sie mit dem Blondkopf so gut steht , mit der Lysinka . Sie hat ordentlich einen Narren an dem Kind und erklärt es rundheraus für einen Engel . Und das geht doch schlechterdings nicht , oder das ganze Kapitel von der Erbsünde ... « » Nichts davon ! Um darüber zu sprechen , muß man so studiert sein wie du . Das alles ist nicht mein Sach . Aber wenn du dich über die Hannah wunderst , weil sie trotz all ihrer Tugend an dem Kinde hängt und dem Kinde nicht die Mutter und der Mutter nicht das Kind anrechnet , so zeigst du nur , wie wenig du die Menschen kennst . Und bist doch an die Vierundzwanzig . « » Eben gewesen « , lachte Franziska . » Nun , siehst du ! Freilich , ich könnte deine Mutter sein oder wenn nicht geradezu deine Mutter , so doch deine Stiefmutter ... « » Dazu bist du wieder zu gut und verwöhnst mich zu sehr . « » Also deine Mutter . Und nun höre . Was ich dir hinsichtlich deiner Hannah und ganz speziell hinsichtlich ihrer Liebe zu dem Kinde zu sagen habe , das heißt einfach ... « » Nun ? « » Das heißt einfach : es lebt sich am besten mit der Tugend . « » Das hat einen Doppelsinn . « » Ich wollt ihm den Doppelsinn nicht geben , und stünde mir auch schlecht an . Es soll nur heißen : es lebt sich am leichtesten und am bequemsten mit guten und unschuldigen Leuten . An Tadel oder Vorwurf ihrerseits ist nie zu denken . Im Prinzipe sind sie streng und streng auch gegen sich selbst . Aber was von anders Geartetem an sie herantritt , dagegen sind sie mild , und es ist fast , als freuten sie sich , eine Bekanntschaft damit zu machen . Es soll sich ja , wie die Katholiken sagen , das Heilige durch Handauflegen fortpflanzen etwa nach Art eines elektrischen Stroms , und so strömt auch vielleicht ein kleiner , prickelnder Strom des Unheiligen von unsereinem aus . Jeder nach seinen Mitteln und Kräften . « » Ach , Phemi , wie du nur redest ! Du bist ja gar nicht so . « » Man kann sich nicht unheilig genug machen . Eine durchgängerische Demut ist das letzte Mittel , sich wenigstens einen Schimmer aus der ewigen Strahlenkrone zu retten ... Aber ums Himmels willen , Fränzl , sieh dich um , da kommt ja Graf Egon . « Franziska hatte sich vorgebeugt und erkannte nun auch ihrerseits den Grafen , der eben drüben aus dem Hotel getreten war und noch einmal zurücksah , um nach einem Balkon hinauf zu grüßen , der am ganzen ersten Stock entlanglief und durch Holzpfeiler getragen wurde . Sein Gruß selbst aber galt einer alten Dame , der Gräfin . Egon war allein , nur von einer Ulmer Dogge begleitet , einem prächtigen Tier , das augenscheinlich ungeduldig seinem Herrn auf der chaussierten Straße bis an die Veranda hin vorauflief . Einen Augenblick später aber war auch der junge Graf heran und gewahrte die beiden Damen , die sich anscheinend in ihre Tapisserie vertieft hatten . Er fuhr ganz ersichtlich zusammen , als ob ihm die Begegnung mit ihnen mehr ein Schreck als eine Freude gewesen wäre , fand sich aber rasch wieder zurecht und trat an die Brüstung heran , um beide mit aller Courtoisie zu begrüßen . Phemi hatte sich zum Gegengruß erhoben und überstürzte den Grafen sofort mit einer Frageflut , die keine Dämme kennen zu wollen schien , am wenigsten aber den der Diskretion . Endlich schwieg sie . » Meine Gnädigste « , lächelte Graf Egon , » alles zu beantworten , müßt ich den letzten Zug abwarten können , was mir leider versagt ist . Aber ein Anfang ließe sich wenigstens machen , immer vorausgesetzt , daß Sie geneigt sind , mir einen Platz an Ihrem Kaffeetische zu gönnen . « Er voltigierte , während er dies sagte , leicht über die Brüstung hin und setzte sich in einen Gartenstuhl , den er selber aus einer Ecke herangeschoben . » Ehe ich aber beginne « , fuhr er fort , » denn Fragen sind einer Gegenfrage wert , bitte ich , mir sagen zu wollen , was Sie nach diesem Erdenwinkel geführt hat ? « » Ich war krank « , antwortete Franziska , » viele Wochen lang , und die stillen Tage hier sollen mich wieder gesund machen . « All dies war in einem durchaus ruhigen Tone gesprochen , und doch klang ungewollt und ungewußt etwas wie Vorwurf darin . Egon geriet denn auch in eine leise Verwirrung , an der die Sprecherin erst erkannte , welche Bedeutung er ihren Worten gegeben hatte . Sie fuhr daher rasch und mit soviel Unbefangenheit wie möglich fort : » Es ist erquicklich , die reine Luft hier zu genießen , am erquicklichsten aber ist doch die geistige , darin ich lebe . Wenn ich nicht irre , hat irgendein alter oder neuer Philosoph ausgesprochen , es mache nichts so gesund wie Heiterkeit , und die Wahrheit dieses Satzes hab ich hier an mir selbst erfahren . Denn Sie müssen wissen , Graf Egon , es gibt nichts Heitereres und Vergnügteres als eine Tragödin . Nicht wahr , Phemi ? « Diese patschelte die Hand , die Franziska , während sie so sprach , ihr gegeben hatte , zugleich aber nahm sie selber das Wort und sagte : » Was das für Anwandlungen sind ! Ich bitte dich , ich soll mich nicht auf das Archidukale hin ausspielen , und du spielst dich auf das Sentimentale hin aus . Und nun wirst du schließlich noch rot und scheinst als Naive nicht einmal zu wissen , daß mit Hilfe solcher Anspielungen nie und nimmer das geringste verraten wird . Und wenn Graf Egon auch raten wollte bis an den Jüngsten Tag , er erriete doch nicht , um was es sich hier handelt . « » Ich fürchte wirklich , nein . « » Nun , siehst du . Zudem soll man an den kleinen Freuden des Lebens nicht ohne Not vorübergehen , das verübeln einem die Schicksalsmächte , von denen ich schon von Metier wegen zu reden weiß . Und zu diesen kleinen Freuden des Lebens gehört es auch , in Geheimnissen und Anspielungen zu sprechen . Einige sagen freilich , es sei ein schlechter Ton und nicht artig . Aber was ist artig ? Eine Beschäftigung für arme Leute . « » Gut , es mag so sein , aber du hast umgekehrt eine zu stark ausgeprägte Neigung , dich unter Ignorierung der armen Leute mit deinen Königinnen zu verwechseln . Ist es nicht so , Graf Egon ? « » Im Gegenteil , meine Gnädigste . Bedaure , widersprechen zu müssen . Ich meinerseits bin immer nur überrascht , unsere Freundin in so genialer Weise die Rollengebiete wechseln und aus der Sprache der Königinnen in die der echtesten Weiblichkeit übergehen zu sehen . « » Eine Genialität « , lachte Phemi , » die Sie mutmaßlich überschätzen . Immer , mit Ausnahme der Pastoren , ist es einem jeden ein liebes und leichtes , aus dem Aufgesteiften in das Natürliche zu verfallen . Erinnern Sie sich der mythologischen Gottheiten , und wie begierig dieselben allezeit waren , aus ihrer Göttlichkeit herauszutreten . Und nun gar erst die Götter und Göttinnen dieser Welt ! Als Hofmann sollten Sie wissen und wissen es auch , wie schwer arme junge Königinnen an ihrem Hermelin zu tragen haben . Da haben wir beispielsweise die Königin Anna von England , allerdings nur in einem historisch angekränkelten Stück . Aber gleichviel , die Figur soll echt sein . Und nun beobachten Sie , woran hängt sich dieser Königin Anna königliches Herz ? An einen Fähnrich . Dabei verwechselt sie die zwölf Millionen Staatsschulden mit den Toten bei Malplaquet . Zwölf Millionen Tote ! Viel , sehr viel ; aber am Ende warum nicht ? Ihr Fähnrich blieb ihr ja , und so rollt ihr die Zahl so gemütlich von der Lippe , wie wenn ' s eine Bagatelle wäre . Da haben Sie Königinnen ! So sehen wirkliche Königinnen aus , und einer armen Sklavin gleich mir , die nur die Königinnen spielt , sollt es schwer werden , aus der Zepter-und-Kronen-Sprache herauszufallen ? Und noch dazu hier , hier in Öslau . Hier bin ich Mensch , hier will ich menschlich fühlen , ja , Graf , auch dann noch , wenn Sie samt Franziska superior über mich lächeln , weil ich mutmaßlich wieder einmal falsch zitiert habe , was aber Ihre gerechte Strafe dafür sein mag , daß wir immer noch nicht wissen , um was sich ' s handelt und um was Sie hier waren . Und nun dring ich allen Ernstes auf eine Generalbeichte . « » Die wir sicherlich längst hätten , Phemi , wenn du dem Grafen nur einen Zollbreit Raum zum Niederknien gegönnt hättest . « Egon verneigte sich zustimmend und erzählte nun in Kürze , daß die Tante seit etwa acht Tagen hier in Öslau sei , drüben im Hotel . Er sei gekommen , ihr Briefe zu bringen , darunter auch Briefe von Graf Adam . » Und wie geht es dem Grafen ? « fragte Franziska . » Gut . So nehm ich wenigstens an . Es geht ihm überall gut , wo sich eine große Oper und eine Opéra comique verfindet . Freilich fehlt ihm das Napoleonische Regiment , und die Regierung im schwarzen Frack ist nicht gerade sein Ideal . Er liebt das Bunte , darin ganz Ungar , aber zuletzt bleibt doch Paris Paris und spottet jeder Kleiderfrage . Mit der Viardot hat er die Freundschaft erneuert und mit der Sarah Bernhardt diniert , ein Diner , von dem sich mindestens eine Woche lang in enthusiastischer Erinnerung zehren läßt . Mitte Juni will er nach Trouville , wenn nicht nach Biarritz , er ist aber unberechenbar und hält eigentlich jeden Tag für verloren , den er , etwa Schloß Arpa abgerechnet , außerhalb Wien zubringt . « In diesem Augenblick hörte man aus der Ferne her den Pfiff einer Lokomotive . » Das ist mein Zug , meine Damen , und ich muß eilen . « » Oh , Sie haben noch sieben Minuten . « Und er setzte sich wirklich wieder . Aber die Dogge , die sich all die Zeit über vor die kleine Verandatür gelagert und den Kopf zwischen die Pfoten gesteckt hatte , gab jetzt so sichtliche Zeichen von Ungeduld und schlechter Laune , daß ihr Herr unter scherzhaftem Hinweis auf den malkontenten Begleiter sich wieder erhob . » Ein schönes Tier ! « sagte Phemi . » Fast zu schade ... « » Für sein Coupé ? « ergänzte lachend der Graf . » Gewiß . Und würd es auch sehr übelnehmen , sich darin untergebracht zu sehen , denn er steckt ganz und gar in Standesvorurteilen . Ich muß es eben mit dem Schaffner versuchen . Mißglückt es , so macht er die vier Meilen zu Fuß . Apropos , ich darf doch der Tante von Ihrem Hiersein melden ? Au revoir . « Und er ging rasch die Straße hinunter , an deren nahem Ausgange das Bahnhofsgebäude gelegen war . Eben fuhr der Zug ein . Eine Minute darnach aber gab die Glocke schon wieder das Abfahrtszeichen , und beide Damen sahen nur noch die weiße Dampfwolke , die , sich verflüchtigend , über die letzten Häuser hinzog . Weder Phemi noch Franziska sprach . Jede hing ihren Gedanken nach . Sechstes Kapitel Graf Egon hielt Wort , und schon den zweiten Tag darnach , als beide Freundinnen von einem Mittagsspaziergang zurückkehrten , fanden sie zwei Karten vor , die von einem Lohndiener abgegeben waren , während die Gräfin selber in einem zurückgeschlagenen Wagen vor der Veranda gehalten hatte . Phemi drehte die für sie bestimmte Karte hin und her und las mit Betonung jeder einzelnen Silbe : » Reichsgräfin Judith von Gundolskirchen , geborene Gräfin Petöfy . Wundervoll , und kommt in der Schale , wenn ich erst wieder in Wien bin , obenauf . An Grafen ist kein Mangel bei mir , aber Gräfinnen sind desto seltener . Glaube mir , Fränzl , dergleichen ist nicht nur hübsch , sondern auch nützlich , und man muß jede gute Brise benützen ... Und in einem Wagen , sagtest du , Hannah ? « » Ja , in einem Wagen « , bestätigte Hannah . » Und es war eigentlich nur der Hotelwagen von drüben , aber alles herrschaftlich zurechtgemacht und der Kutscher mit Handschuhen . Er sah so feierlich aus , daß mir das Lachen ankam . Und dazu der lange Sepp als Lohndiener und einen Frack an . Und alles bloß für uns , Fräulein Phemi , wirklich bloß für uns . Denn an der nächsten Ecke sah ich sie kehrtmachen , und ehe ich noch bis hundert zählen konnte , hielten sie schon wieder vor dem König von Ungarn . « Franziska war mehr bestürzt als erfreut . Allerdings waren ihr die Winterabende bei der Gräfin in durchaus freundlicher Erinnerung , aber die Beziehungen von damals wieder aufgenommen zu sehen entsprach wenig ihren Wünschen . Am andern Tage gaben beide Damen in Abwesenheit der Gräfin ihre Gegenkarten ab , und Franziska lebte der Hoffnung , daß es dabei sein Bewenden haben werde . Darin irrte sie jedoch , und schon derselbe Tag war dazu bestimmt , eine persönliche Begegnung herbeizuführen . Es kam dies so : Zu den kleinen Zerstreuungen Franziskas und Phemis gehörte namentlich auch der Bahnhofsbesuch , wo sie zu promenieren und das bunte Treiben der ankommenden und abgehenden Züge zu beobachten pflegten . Auch heute hatten sie sich eingefunden und bogen eben aus den Anlagen in den parallel mit der Bahn laufenden Kiesweg ein , als Franziska der Gräfin ansichtig wurde , die , von ihrer Kammerjungfer gefolgt , auf dem Perron auf und ab ging und ebenfalls den von Wien kommenden Vieruhrzug abzuwarten schien . Es fehlten nur noch einige Minuten . Ein Sichvermeidenwollen wäre wenig schicklich , außerdem auch undurchführbar gewesen , und so trat denn Franziska an die Gräfin heran und bat nach den ersten Begrüßungsworten , ihr ihre Freundin Euphemia La Grange vorstellen zu dürfen . Die Gräfin reichte dem Fräulein die Hand und sprach ihr Bedauern aus , den ihr zugedachten Besuch der beiden Damen verfehlt zu haben , zugleich Franziska versichernd , wie sehr sie sich freue , die so plötzlich unterbrochene Winterbekanntschaft in diesen schönen Maitagen erneuern zu können . » Ich habe von Ihrer andauernden Krankheit gehört « , fuhr sie fort , » und muß mich anklagen , mich dabei so säumig und anscheinend teilnahmlos gezeigt zu haben . Aber ich war gut unterrichtet , erst durch meinen Bruder und später durch meinen Neffen , Grafen Egon . Und nun bitt ich die Damen , einen Platz für mich suchen oder wenigstens die Promenade wieder aufnehmen zu wollen , denn meine Füße versagen mir im Stehen den Dienst und mahnen mich an die lange Reihe meiner Jahre . « Dabei schritt sie den Damen vorauf auf ein Tempelchen zu , das auf einem künstlich aufgeworfenen Hügel inmitten der Anlagen errichtet war . Ehe sie jedoch die Stufen desselben erreichen konnte , hörte sie schon das Herannahen des Zuges und entschuldigte sich nun , das eben erst begonnene Gespräch auch schon wieder abbrechen zu müssen , aber sie sei hier , um einen lieben Freund zu begrüßen , den sein Weg von Wien aus nach Wiener Neustadt führe . » Sie kennen ihn ja , mein liebes Fräulein « , setzte sie hinzu , » Pater Feßler , ein eifriger Verehrer von Ihnen und als solcher oft der Gegenstand unserer Neckereien . So Sie mir gestatten , bring ich ihm Grüße von Ihnen . « Und damit empfahl sie sich und ging , von ihrer Jungfer gefolgt , auf den Perron zurück . Euphemia sah ihr nach und sagte : » Charmante alte Dame , jeder Zoll eine Gräfin . Ich glaube zwar , trotz aller Liebenswürdigkeit , sehr stolz . Aber es ist mit dem Stolz wie mit der Tugend , worüber ich dir erst neulich einen kleinen Vortrag gehalten habe ; weißt du noch ? Und sieh , alles , was ich dir damals von der Tugend und den Tugendhaften sagte , das paßt auch auf die Stolzen . Ich leg ihre Karte noch mehr obenauf ... Aber wer ist nur der Pater Feßler ? « » Überzeuge dich selbst ; eben ist er ausgestiegen und spricht mit der Gräfin . « » Ein schöner Mann . « » Und sehr angenehm im Umgang . « » Er wird dich am Ende noch bekehren . « » Zweifle . « » Wer weiß ? Eine geborene Predigerstochter und gewordene Liebhaberin und Soubrette , nimm mir ' s nicht übel , Fränzl , aus solchen Zutaten kann alles werden . « Seit dieser Begegnung hatte sich ein Verkehr zwischen hüben und drüben entwickelt , der sich indessen auf bloße Begrüßungen beschränken zu wollen schien . Jeden Morgen , wenn beide jungen Damen auf ihrer Veranda saßen und Phemi die Zeitung studierte - denn sie war eine Politikerin , ungemein für Freiheit und noch mehr für Aristokratie - , erschien die Gräfin auf ihrem Balkon , anscheinend um nach dem Wetter , in Wahrheit aber , um nach den jungen Damen zu suchen , und wenn dann diese sich erhoben , um ihren Respekt zu bezeugen , so nickte sie beiden ihren Morgengruß zu , bevor sie sich wieder in ihre Zimmer oder am liebsten auf einen nach hinten zu gelegenen Gartenbalkon zurückzog . Aber dabei blieb es . » Es wird nicht viel « , sagte Phemi , die sich über dies Halbverhältnis ärgerte . » Wir kommen nicht von der Stelle mit ihr , und am Ende wär es besser gewesen , wenigstens für mich , Graf Egon hätte mir dies Öslauer Idyll und die Ruhe meiner Seele nicht gestört . Ach , es war so still hier , Franziska , so konflikt- und tragödienlos , und wenn ich vielleicht doch noch Medea war , so war es Medea während der Freundschaftsschließung mit Kreusa , die Zeit vor der Eifersucht und den unliebsamen Gefühlen überhaupt . Wirklich , ich war wie Fridolin in der Ballade so sanft und rein und natürlich auch glücklich , aber seitdem dieser Maledetto von Egon hier war , ist eine totale Gemütsveränderung mit mir vorgegangen . Ich habe meine Fridolinrolle vertauscht und könnte mich jeden Augenblick ans Spinnrad setzen . Meine Ruh ist hin , mein Herz ist schwer . Wirklich , Schatz , ich werde täglich nervöser , und wenn nicht bald etwas geschieht , so reis ich ab . « » Ich weiß , du wirst bleiben , Phemi ; du hast ein Zeugnis auf Molkenkur und mußt nun aushalten . Alles straft sich und am meisten das Lügen ... Aber da kommt ja der lange Sepp von drüben , und wenn ich sein Zwinkern und seine Wichtigkeit recht verstehe , so bringt er uns eine Botschaft . « Und wirklich , er kam von der Gräfin und übergab ein an Franziska gerichtetes Billet . Es lautete : » Vielleicht ist es den Damen genehm , an einer Partie teilzunehmen , die wir heute nachmittag in die Berge machen wollen . Mein Neffe Egon und mit ihm der junge Graf Pejevics , der Fräulein Phemi zu kennen vorgibt , sind mit dem letzten Bahnzuge hier angekommen und rechnen auf ein Ja der beiden Damen . Am meisten aber Ihre Judith v. G. « Eine kurze Nachschrift , in der es hieß : » Nicht später als drei « , war hinzugefügt , und der Bote brachte die Nachricht zurück , daß sich beide Damen zu festgesetzter Stunde die Ehre geben würden . Und wirklich um Punkt drei schritten sie dem » König von Ungarn « zu , vor dessen Freitreppe der heute jeder Galavorrichtung entkleidete Hotelwagen bereits hielt . Auch die Gräfin war schon da , stellte die Herren und Damen einander vor , trotzdem diese sich von kurz oder lang her bereits kannten , und bat , als sie dessen gewahr wurde , ihrer Zerstreutheit halber um Entschuldigung . Endlich aber wandte man sich der wichtigen Frage zu , wie hinsichtlich des Gehens und Fahrens die Rollen zu verteilen seien , und entschied sich nach längerer Debatte dahin , daß die Gräfin und Graf Egon in der Serpentine den Berg hinauffahren , die beiden Damen aber in Begleitung von Graf Pejevics einen näheren Fußweg einschlagen sollten . Oben auf dem Berge werde man sich dann ziemlich a tempo treffen . Und nun trennte man sich , und die wenigstens auf Augenblicke noch zurückbleibende Jugend sah dem mit Egon und der alten Gräfin langsam dahinfahrenden Wagen nach . » Ich sollte nun wohl Ihren Führer machen « , hob Graf Pejevics an , » aber obschon Generalstäbler , erkenn ich mich doch unfähig dazu . Sie müssen helfen , meine Damen , und mir die nötigen Direktiven geben . Ein ganz besonderes Vertrauen aber hab ich zu der Strategie von Fräulein Phemi La Grange . « Phemi war es zufrieden und schlug vor , einen etwas abseits gelegenen Zickzackweg zu benützen , einmal , weil es dabei was Tüchtiges zu steigen und zu klettern gebe , was doch immer die Hauptsache bleibe , vor allem aber , weil man vorher einen großen Wiesengrund , einen vollkommenen Wurstelprater , zu passieren habe , bei dessen Anblick man sich mal wieder wienerisch fühlen , ja vielleicht sogar ein paar Kolleginnen in ihren Geheimnissen der Kunst und des Lebens belauschen könne . Niemand widersprach , und so traten sie denn aus einem bloß aus Remisen und Stallgebäuden bestehenden Gäßchen , das sich dicht hinter dem Hotel hinzog , auf einen ansteigenden Ackerstreifen hinaus und wurden hier alsbald einer querlaufenden Senkung gewahr , in der sich ein Schützenplatz etabliert hatte . Die Schützen ihrerseits waren auch schon fleißig am Werk , aber das anderweite Fest- und Jahrmarkttreiben ruhte noch oder befand sich doch höchstens in einer verschwiegenen Vorbereitung für den Abend . Selbst der Mann in der Würfelbude nickte , denn niemand in der heißen Nachmittagsstunde war da , der sein Glück hätte versuchen mögen . So war das Budentreiben , das in diesem Augenblick eigentlich kein Treiben war . Aber der von Phemi beliebte Weg lief auch nur eine kurze Strecke lang in Front dieser Buden hin und bog vielmehr nach fünfzig Schritten schon an einem mehrstöckigen Carrousel vorbei , dessen Fahnen jetzt schlaff in der Luft herabhingen , in einen hinter der Budenreihe hinlaufenden Seitenweg ein . » Ah , hier fängt es an « , sagte Phemi , während sie sich voll augenscheinlicher Befriedigung umblickte . » Hier sind wir hinter den Kulissen . « Und wirklich , es war , wie sie sagte . Der den langen Degen verschluckende Spanier , der magere Feuerkönig , der Herkules , der sich den Amboß auf die Brust packen , und der Pyramidenmann , der sich seine drei Kinder auf die Schultern stellen läßt - alle traten einem hier in schöner Menschlichkeit entgegen , am menschlichsten aber , wie selbstverständlich , die Frauen , die sich , während sie wuschen und plätteten oder ein Kleidungsstück mit einem neuen Flitter besetzten , zu gleicher Zeit ihren zum Teil weitgehendsten Mutterpflichten unterzogen . Es war nichts Schlimmes , was dabei zutage trat ; da man indes nicht wissen konnte , was vielleicht noch komme , so waren beide Damen , und sogar Phemi , doch schließlich froh , als sie die » Wohnungswagen « hinter sich und statt ihrer die nun beginnende Reihe der Gepäckwagen zur Seite hatten . Es fehlte hier an all und jedem Beängstigenden , und an Stelle davon traten Genrebilder von