einem Kind und in der Angst , die mich allmählich vor dem jungen Herrn erfaßte , der mehr und mehr den Kopf verlor und im Begriff schien , sich aus einem girrenden in einen sehr kecken Ritter zu verwandeln . Doch war ich viel zu hoffärtig , um etwas von meiner Unruhe zu verraten , und schritt ganz langsam der Tür zu , die sich auf der andern Seite des Hauses befand . Graf Stephan folgte mir Schritt für Schritt . Er sprach nur noch von Liebe und Seligkeit oder Verzweiflung und Tod . Endlich bogen wir um die Ecke , und der Anblick der offenstehenden Tür der Einsiedelei , in der ich Anka vermutete , erfüllte mich mit all der Unverzagtheit , die ich bisher nur geheuchelt . Mein Verfolger hatte mich vergeblich um ein Wort , ein einziges Wort beschworen , jetzt sprach ich deren mehrere , und ich glaube , lieber als diese war ihm mein früheres Schweigen . Wenigstens stockte der Strom seiner Beredsamkeit plötzlich , und als ich nun wagte , ihm ins Gesicht zu sehen , erblickte ich darin den Ausdruck der peinlichsten Überraschung und Beschämung . Ich eilte vorwärts , ich war am Ziel , setzte den Fuß auf die Schwelle und - prallte erschrocken zurück ... Die Gräfin trat mir entgegen ... Liebe Freundin , ich war damals neunzehn Jahre alt und heute bin ich siebzig , aber ich brauche nur zu wollen und ... « die Hofrätin streckte den Arm aus und blickte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin - » da steht sie ! deutlich wie in jener Stunde . Da steht sie , schrecklich und wunderschön in ihrem weißen Sommerkleide und der griechischen Frisur , die so gut zu ihrem klassischen Profil paßt und die edle Form des kleinen Kopfes und des schlanken Nackens so herrlich zur Geltung bringt . Ja , wunderschön , aber nicht wie eine Lebendige , sondern wie eine Tote , der man vergessen hat , die Augen zu schließen . So starrt sie mit unbeweglichem und glanzlosem Blick den an , der bei ihrem unerwarteten Erscheinen in voller Fassungslosigkeit aufgeschrien hat , der sich aber jetzt mit aller Gewalt zusammennimmt und sein Entsetzen hinter erzwungenem Lachen und kläglichem Gestotter zu verbergen sucht . Sie antwortete ihm nicht ; sie fuhr fort , ihn mit diesem grauenhaften Blick anzusehen , und schritt aufrecht und stolz an mir vorüber aus der Hütte . Stephan faltete mit stummer Beschwörung die Hände gegen mich und folgte der Gräfin gesenkten Hauptes langsam nach . Sie waren kaum fort , als ein vortrefflich nachgeahmter Wachtelschlag sich im Gebüsch hinter den Ulmen hören ließ und Anka herbeisprang . Als ihr Onkel auf mich zugekommen war , hatte sie sich versteckt , war Zeuge von allem gewesen , was hier geschah , mußte gehört haben , was gesprochen wurde , und - verlor auch nicht ein Wort darüber . Machte sie sich keine Gedanken oder mehr , als sie gestehen wollte ? Ich wußte es nicht und erfuhr es damals auch nicht . So verschlossen war mir der Einblick in dieses Kindergemüt , daß ich von allem , was darin vorging , nur das kannte - und das ist ja bei einem Kinde das wenigste - , wonach sich fragen läßt . Es war so gar kein Verständnis zwischen uns , so gar keine Spur davon ! Und wenn es aufs Erraten ankam , da erriet Anka viel eher mich als ich sie . Am Abend desselben Tages war Ball im Schlosse , und Anka hatte die Erlaubnis , dem Tanze zuzusehen . Wir erhielten unsern Platz auf der Galerie des Saales ; der Doktor geleitete uns hinauf und leistete uns Gesellschaft . Die Gräfin und ihr Vetter eröffneten das Fest . Ich bemerkte , wie die besorgten Blicke des Grafen seiner Frau folgten . Sie war kaum imstande , sich zu schleppen , aber sie tanzte leidenschaftlich , mit Raserei . Es war ein unbeschreiblich qualvoller Anblick , der auch das Kind mit Schrecken erfüllte . Es preßte sich an mich und flüsterte : Sehen Sie doch Mama ... Ich werde gewiß von ihr träumen ! Der Graf suchte uns auf unter dem Vorwand , seiner Tochter gute Nacht zu sagen ; den wahren Grund seines Kommens aber verriet bald die Bitte , die er an den Arzt stellte . Lieber Doktor , meine Frau scheint leidend , Sie sollten ihr heute das Tanzen verbieten . Das Tanzen ist Ihrer Erlaucht schon vor zwei Jahren , seitdem öfters und niemals nachdrücklicher als am heutigen Morgen verboten worden , erwiderte der Doktor in trockenem Ton , und der Graf schwieg . Er mochte wissen , wie lange , wie hartnäckig die Warnungen des Alten mißachtet und als Schwarzseherei verspottet worden waren . Sobald der Graf uns verlassen hatte , verlangte Anka hinweg . Sie hielt meine Hand fest , während wir durch die hell erleuchteten Gänge nach unsern Zimmern zurückkehrten . Bleiben Sie da , bleiben Sie neben mir , wiederholte sie beständig , als sie schon im Bett lag . Sie müssen die ganze Nacht neben mir sitzenbleiben . Sie zitterte , ihre Zähne schlugen aneinander , ihre Stirn und ihre Lippen glühten . Sie schien von einem plötzlichen Fieberanfall ergriffen . Mir war bang , ich läutete , ich wollte um den Arzt schicken , aber niemand kam , keiner war da von der ganzen zahlreichen Dienerschaft . Die einen hielt ihr Dienst , die andern ihre Neugier und Schaulust in der Nähe des Festes . Fehlt Ihnen etwas , haben Sie Schmerzen , Anka ? fragte ich . Nein , ihr fehlte nichts , und es tat ihr nichts weh als nur das Gellen der Geigen , der Lärm der Musik . Nun herrschte aber tiefste Stille um uns , auch nicht ein Laut drang von dem entfernten Teile des Schlosses herüber , in dem getanzt wurde , und ich sagte zu der Kleinen , sie träume schon . Da begann sie zu klagen und zu wimmern , sie träume nicht und wolle nicht träumen , wolle lieber nie mehr schlafen . Auf jede meiner Einwendungen hatte sie ein Dutzend Antworten . Endlich wurde sie ruhiger und schloß sogar die Augen . Doch schreckte sie bei meiner geringsten Bewegung auf und rief : Bleiben Sie bei mir ! Mitternacht war längst vorüber , da traten unsre Frauen alle zugleich in das Nebenzimmer . Durch die nur angelehnte Tür drang das Geflüster ihrer Stimmen , ein hastiges , verworrenes Durcheinander , aus dem kein deutliches Wort zu entnehmen war . Anka legte den Finger an den Mund und lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit ; als jedoch der Kopf Francines an der Tür erschien , stellte das Kind sich sogleich schlafend und erreichte auch seinen Zweck . Trotz meiner abwinkenden Zeichen , die sie nur der Sorge zuschrieb , Anka könne geweckt werden , raunte die Bonne mir zu : Der Ball ist aus . Die Gräfin stirbt . Anka stieß einen fürchterlichen Schrei aus und warf sich mir um den Hals . Ihr kleiner Körper zuckte und wand sich in einem Ausbruch wahnsinniger Angst . Sie war schon tot , sie war schon den ganzen Abend tot und hat noch getanzt und wird jetzt gleich hereintanzen ! rief sie und drückte sich zitternd und bebend an mich . Francines alberne Versuche , sie zu beruhigen , regten sie nur noch mehr auf . Du lügst ! schrie sie und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht , als die Bonne nun plötzlich zu behaupten begann , Mama habe nur eine kleine Ohnmacht gehabt , eine unbedeutende kleine Ohnmacht , und werde morgen gesund sein . Wir wachten die ganze Nacht hindurch . Jetzt ging es wirklich sehr lärmend um uns zu . Die Wagen der abfahrenden Gäste rollten unter unsern Fenstern vorüber , auf den Treppen , den Gängen war es laut von auf und ab eilenden Schritten , im Hofe wieherten die Pferde der Estafetten und Kuriere , die nach dem nächsten Städtchen und von dort aus auf Postpferden weiterreiten sollten , um Ärzte aus der Residenz herbeizuholen . Am Morgen kam der Doktor und brachte Nachricht von der Gräfin . Sie war auf dem Balle plötzlich umgesunken , konnte lange nicht zu sich gebracht werden . Eine Lungenentzündung stand zu befürchten . Anka hörte ihm halb ungläubig , halb befriedigt zu und wiederholte mehrmals leise , als ob sie sich selbst Trost zusprechen wollte : Meine Mutter ist nur krank , nur krank ... Dann schlief sie ein und schlief bis zum Abend . Mit der Dunkelheit kehrten all ihre Schrecken und Bangigkeiten wieder ; wir durchwachten diese wie die vorige Nacht , und bei Tag wurde wieder geschlafen . So ging es fort , eine Woche lang , am Morgen des achten Tages verschied die Gräfin . Der Graf hatte während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite weichen dürfen . Sie klammert sich an ihn wie die Reue an die Barmherzigkeit , sagte Francine , die sich mit ihrer zudringlichen Dienstfertigkeit den Eintritt ins Krankenzimmer erzwang . Anka zu sehen hatte die Gräfin nur einmal verlangt , und als man ihr sagte , sie schliefe , sich damit zufrieden gegeben und nicht wieder nach ihr gefragt . Graf Stephan irrte im Schlosse umher wie ein Verzweifelter . Er wußte nicht , wohin sich flüchten . Wenn er schwer gesündigt hatte , in diesen Tagen hat er schwer gebüßt . Auf Wunsch des Grafen mußte er alle Berichte über das Befinden der Kranken an die Verwandten , namentlich an die Mutter der Gräfin , schreiben . Ratlos kam er , um meinen Beistand zu erbitten . Die Feder führen war nicht seine Sache , und er gestand es ohne Beschämung ein . Es versteht sich von selbst , daß ich ihm hilfreiche Hand bot , und er war so gequält , so zerknirscht und so dankbar , daß ich beinah Mitleid mit ihm hätte haben können . Damals begegnete ihm , was ihm wohl nie vorher begegnet war , er vergaß , an sich und an den Eindruck zu denken , den er hervorbrachte , er wußte nichts , als daß er ein geschlagener Mensch war . Das Leben , das er gedankenlos und leichtfertig als Freudenjagd behandelt , hatte plötzlich mit stummer und gewaltiger Beredsamkeit zu ihm gesprochen und sein Gewissen geweckt . Er sah um zehn Jahre gealtert aus , als er am Todestage der Gräfin Anka holte , um sie zu ihrem Vater zu führen . Sie sträubte sich , man mußte ihr beteuern , um sie fortzubringen , daß sie gewiß nicht in die Nähe der Verstorbenen kommen würde . Als sie eine halbe Stunde später zurückkehrte , sprach sie nicht ein Wort von ihrem Vater ; sie fing gleich an , mit ihren Puppen zu spielen , führte eine ganze Komödie auf und unterbrach sich auf einmal , um zu sagen : Ich habe immer gehört , daß ein Kind traurig ist , wenn seine Mutter stirbt . Warum bin denn ich nicht traurig , Fräulein ? ... Ja , die war merkwürdig , diese Kleine ! Ich kam mir bei ihren Fragen , auf die ich gar oft keine Antwort wußte , ganz kläglich vor . Den Herrn Grafen sah ich erst am dritten Tage nach dem Tode der Gräfin bei den Trauerfeierlichkeiten wieder . Er erschien ehrfurchtgebietend in seinem großen , stolz getragenen Schmerz . Ich wagte kaum ihn anzusehen , und als er zu mir trat und sagte : Ich empfehle Ihnen Anka , hätte ich die Hand , die er mir reichte , küssen mögen . Nach der Einsegnung , die am frühen Morgen stattgefunden hatte , wurde die Leiche der Gräfin zur Beisetzung in die Familiengruft nach dem Stammsitze des Hauses gebracht . Einige Stunden später begaben wir uns dahin . Den Grafen begleiteten Graf Stephan und die beiden Brüder der Gräfin , die sich eingefunden hatten , um ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen . Anka und ich folgten . Ein Teil der Dienerschaft war vorausgeschickt worden , um alle Vorbereitungen zum Empfang der toten Herrin und ihres Geleites zu treffen . Das war eine andere als die erste Reise ! Unser Zug richtete sich durch eine rauhe , unwirtliche Gegend nach dem Norden des Landes . Langsam , trotz der häufig gewechselten Pferde , fuhren wir über schlechte Wald- und Gebirgswege in den trüben Herbsttag hinein , im Gefolge einer Leiche . 5 Mitternacht war vorüber , als wir uns dem Ziel unsrer Wanderung näherten . Anka schlief längst , den Kopf auf meinem Schoß . Zuletzt ging es noch eine Stunde lang steil aufwärts durch den Wald unter der Eskorte einer Schar von Leuten , die man mit Windlichtern versehen und uns entgegengeschickt hatte . Wir erreichten endlich die Platte eines stumpfen Bergkegels und rollten im raschen Trabe einer dunklen Masse zu , deren Umrisse in den wallenden Nebeln verschwammen . Nur ein schlanker Turm löste sich scharf und deutlich vom Hintergrund des Horizontes ab , den der verschleierte Mond mit fahlem Schimmer erhellte . Plötzlich ging ein Riß durch die Nebel , in dem Düster vor uns flammte es auf , und wie riesige rote Feuerzungen erglänzten die Fenster der Kapelle , in der die letzte Nachtwache am Sarge der Gräfin gehalten wurde . Nun rasselten unsre Wagen über eine hölzerne Brücke und durch eine Einfahrt , des wildesten Raubschlosses würdig : hoch , düster und ganz mittelalterlich , von Fackeln erleuchtet , die in eisernen Ringen an den schwarzen Mauern staken . Die Herren wurden von der männlichen Dienerschaft über die Treppe geleitet , Anka und mich nahmen die Frauen in Empfang . Francine half mir , das Kind , das nicht zu erwecken war , nach den für uns vorbereiteten Zimmern tragen . Sie lagen im Hochparterre , und wir gelangten zu ihnen nach einer Wanderung durch öde Gänge , die mir endlos schienen . An der Schwelle begrüßte uns Peterl taumelnd , mit Augen , die vor Schläfrigkeit ganz schief standen , und lallte die Meldung , das Abendessen sei aufgetragen . Wir traten ein . Nicht ein paar Zimmer , eine lange Reihe von Zimmern hatte man für uns zurechtgemacht , alle geräumig , unregelmäßig und , soviel sich bei dem schwachen Scheine der Wachskerzen , die auf den Tischen flackerten , erkennen ließ , mit großem , wenn auch längst überlebtem Luxus eingerichtet . Es herrschte darin der seltsame Duft , der gutgehaltenen , aber unbewohnten Gemächern alter Schlösser eigentümlich ist , eine Mischung von Kampfer- , Moschus-und Staubgeruch - parfümierter Moder dünkt mich die beste Bezeichnung dafür . Anka wurde zu Bett gebracht , Francine und die Stubenmädchen empfahlen sich , und meine Wenigkeit stand vor dem Lager , das man ihr angewiesen hatte , und betrachtete es mit fröstelnder Scheu . Lange konnte ich mich nicht entschließen , die Stufen zu ersteigen , die , mit verschossenem rotem Sammet überzogen , zu der feierlichen Schlafstelle emporführten . Mit ihrem reichen , zum Teil vergoldeten Schnitzwerk , ihren schweren Säulen und dem Himmel aus Damast , der all die Herrlichkeiten überwölbte , war sie ebenso prachtvoll wie unheimlich . Wenn sich von den hochaufgespeicherten Kissen die Ahnfrau des Hauses erhoben und mich mit erloschenen Augen angestarrt hätte - ich würde mich gefürchtet , aber nicht gewundert haben . Mehr als einmal wanderte ich zu Anka zurück , um mir Ermutigung zu holen aus dem Anblick ihres friedlichen Schlummers , bevor ich mich endlich entschloß , meinerseits Ruhe zu suchen . Ich fand keine , ich wagte nicht das Licht zu löschen , erwartete jeden Augenblick die Kleine aus ihren Träumen aufschrecken und nach mir rufen zu hören . Erst als die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen durch die Fenster warf , übermannte mich die Müdigkeit , und ich sank in tiefen Schlaf . Anka weckte mich mit gewohntem Ungestüm schon nach ein paar Stunden . Sie wollte sich in ihrem schwarzen Staat bewundern lassen und mir auch sagen , sie fühle schon einige Traurigkeit kommen , seitdem man ihr Trauerkleider angezogen hätte . Am Nachmittag fand die Beerdigung der Gräfin statt . Man hatte vergeblich auf das Eintreffen ihrer Mutter gewartet , sie erschien nicht und sandte auch keine Kunde ; erst am folgenden Morgen brachte ein reitender Bote , der sich unterwegs verspätet hatte , die Absage . Die Gräfin fühlte sich zu angegriffen , um die Fahrt von ihrem zwei Tagereisen entfernten Gute wagen zu dürfen . Sie hatte bis zum letzten Augenblick an den Ernst der Krankheit ihrer Tochter nicht glauben wollen , sie mußte von der Todeskunde wie von einem Blitzstrahl getroffen worden sein . Ich fand ihr Ausbleiben sehr begreiflich und tadelte Francine , die ihre Glossen darüber machte . Die Bonne hatte mehrere Jahre hindurch das , wie ich glaube , nicht besonders anstrengende Amt einer Vorleserin bei der Gräfin versehen und behauptete , sie zu kennen wie niemand . Wegen dieser Vertrautheit mit den Lebensgewohnheiten ihrer einstigen Gebieterin hatte Francine den Auftrag erhalten , die Vorbereitungen zum Empfang der alten Dame zu überwachen . Allein sie war mit gekreuzten Armen müßig dabeigestanden , immer nur wiederholend : Oh , Madame la Douairière kommt nicht dahin , wo man weint . Als ihre Vorhersagung bestätigt wurde , triumphierte sie . Sie hatte es gewußt , sie war wie von ihrem Dasein überzeugt , die Gräfin denke vorderhand nur daran , sich zu zerstreuen . Ihre lebendige Tochter war von ihr geliebt worden , o gewiß ! die tote möchte sie aus dem Gedächtnis streichen können . Francine schwatzte so viel , daß ich mir fast abgewöhnt hatte , ihr zuzuhören . Diese Worte jedoch fielen mir unwillkürlich wieder ein , als ich die Gräfin kennenlernte ... aber halt ! Das kommt erst später , ich mag nicht wieder nachzuholen haben . Was jetzt kam , war eine Reihe von gleichförmig stillen und trüben Tagen . Unendlicher Regen fiel vom Himmel , wir konnten nicht ins Freie . Anka , die mit einer großen Dosis Rastlosigkeit gesegnet war , machte sich Bewegung auf den Gängen . Ihr größtes Vergnügen fand sie darin , die unbewohnten Räume des Schlosses zu durchwandern . Oh , Fräulein ! Erlauben Sie , daß ich die antiken Zimmer aufsperren lasse , die antiken ! die antiken ! rief sie mit ihrer dünnen Fistelstimme und stieß das i so gellend heraus , daß es mir wie eine Nadel ins Ohr drang . Ach , was hatte ich oft zu tun , um die Ungeduld zu bemeistern , in die mich dieses Kind zu versetzen wußte ! Die Frau des Kastellans wurde geholt , erschien mit ihrer taubstummen Tochter und mit ihrem Schlüsselbunde und öffnete vor uns lange Galerien und weite Säle und kleine , winklige Stübchen , alles eingerichtet , alles angefüllt mit Möbeln , Geräten und Kunstwerken aus entschwundenen Jahrhunderten . Dieses Schloß , von außen so häßlich und kahl , ein viereckiger Kasten auf hohem Unterbau von zyklopischem Mauerwerk , mit plumpen Türmen , mit kleinen , unregelmäßigen Fenstern , barg in seinem Innern einen Reichtum an köstlichen Altertümern , der heutzutage den Stolz jedes Museums ausmachen würde . Damals legte man auf die Reliquien der Vorfahren geringen Wert ; man ließ sie an ihrer Stelle stehen , weil sie seit undenklichen Zeiten dastanden und niemand genierten . Liebe für diese Sachen besaß nur die Kastellansfamilie , in der sich die mit ihnen verknüpften Traditionen von Kind auf Kindeskind vererbt hatten . Unsere Führerin offenbarte jedoch höchst widerwillig ihre Kenntnis der Geschichte des gräflichen Hauses . Jede Auskunft , nach der man verlangte , mußte ihr abgerungen werden . Es hieß , sie habe zwischen ihrem verstorbenen Mann , der ein Schwätzer gewesen , und ihrer stummen Tochter das Sprechen verlernt . Auf meine Fragen antwortete sie gewöhnlich nur mit einem Nicken , auf die Ankas mit Ja oder Nein . Und dabei neigte ihre große , schattenhafte Gestalt sich ehrfurchtsvoll und feierlich , ihre blassen Lippen zitterten leise , und sie schien in Demut zu erstreben vor ihrer jungen Gebieterin , dem Sprößling so vieler Generationen , deren tote Schätze zu hüten ihre Lebensaufgabe war . Diese Huldigungen hatten etwas Unheimliches , wie das Weib , das sie spendete , und wie die Umgebung , in der wir uns befanden ; ich freute mich immer , wenn Anka sich endlich müde gegangen und geschaut hatte und wir in unsere doch auch nichts weniger als heitere Wohnung zurückkehrten . Am liebsten hätte ich aber wieder einmal frische Waldluft geatmet , und ich empfand es wie ein Gnadengeschenk des Himmels , als wir eines Morgens bei hellem Sonnenschein erwachten . Es war gerade der für die Abreise der Schloßgäste bestimmte Tag . Den jungen Herren brannte schon , wie ich durch Anka hörte , der Boden unter den Füßen . Sie wissen ja , in welcher Zeit wir damals lebten . Österreich bereitete sich zu neuem Kriege gegen Napoleon vor . Man hat ihn später den Koalitionskrieg genannt ; warum weiß ich nicht , da wir ihn doch ganz allein ausfechten mußten . Eine Kampfbegeisterung ohnegleichen war im ganzen Lande entbrannt , alle Provinzen rüsteten . Was jung war oder sich so fühlte , arm und reich , niedrig- und hochgeboren lief zu den Fahnen , die jüngsten Knaben wünschten Männer zu sein , um zu den Waffen greifen zu können gegen den Zwingherrn der Welt . Am wütendsten gehaßt in unserm Hause wurde dieser von der legitimistisch gesinnten Francine . Sie blies ihre Gefühle auch der kleinen Anka ein , die nur noch von der Vernichtung des Emporkömmlings träumte , zu der ihre drei jungen Oheime das meiste beitragen sollten . Die Brüder der seligen Gräfin waren im Begriff , sich in Wien für die Dauer des Feldzugs anwerben zu lassen , Graf Stephan begab sich zu seinem Regiment . Die Stunde der Abreise kam , die Wagen fuhren vor , und Anka wurde zum Grafen gerufen , um Abschied von ihren Verwandten zu nehmen . Sie hatte unser Zimmer kaum verlassen , als ich im Vorgemach die Stimme des Grafen Stephan hörte , der eine Frage an die Kammerfrau richtete , ohne die Antwort abzuwarten vorwärts eilte und plötzlich vor mir stand . Wo ist Anka ? Ich möchte ihr Lebewohl sagen , sprach er , und als ich erwidert hatte , sie sei bei ihrem Vater , stieß er mühsam das Bekenntnis hervor , das habe er gewußt und eben deshalb sei er gekommen . Er wolle nicht mehr lügen , er sei fertig mit der Lüge für alle Zeit . Er wisse , wie schlecht meine Meinung von ihm sei , und würde sie gern verbessert haben , nicht durch Worte , sondern durch seine Lebensführung . Dazu brauche es aber Zeit , und so wolle er jetzt dennoch sprechen . Ich bin nicht so verworfen , wie Sie denken . Mein ganzes Unrecht war , daß ich nicht den Mut hatte , einer - glauben Sie mir ! - unschuldigen Jugendschwärmerei ein Ende zu machen , zu sagen : Es ist aus ! ... Die Ehre eines andern habe ich nie verletzt . Glauben Sie mir ! ... Ich stehe vielleicht bald vor Gott . Glauben Sie mir auch , daß ich einen Ekel an meinem Treiben empfand von der Stunde an , in der ich Sie kennengelernt habe . Leben Sie wohl , Fräulein Helene . Wenn ich wiederkomme , werde ich ein Besserer geworden sein . Erlauben Sie mir , Ihnen dann in Ehrfurcht zu nahen . Wenn ich nicht wiederkomme , wenn Sie hören , daß ich tot bin , beten Sie ein Vaterunser für mich . Er schwieg und bot mir die Hand . Unwillkürlich zog ich die meine zurück ... Ich sah ihn erbleichen , und bevor ich mich besann , bevor ich ein Wort des Abschieds sprechen konnte , hatte er das Zimmer verlassen . « » Das wird Ihnen doch leid gewesen sein « , fiel ich der Hofrätin ins Wort , » denn der bleibt , der arme , junge Mensch , das sieht man voraus , der bleibt bei Eckmühl oder Regensburg . « » Leid ? « wiederholte die Hofrätin und strickte emsig fort . » Ich will Ihnen aufrichtig gestehen - nein . Im ersten Augenblick empfand ich nichts als die Wohltat , von einem Menschen , dessen Nähe mich beängstigte , befreit zu sein . Es gibt nichts so Hartherziges wie ein junges Mädchen dem Manne gegenüber , den es gerichtet hat ; und gerichtet hatte ich ihn . Was wußte ich damals von einem Verrat , der dem Nächsten an die Ehre geht oder nicht geht . Verrat ist ' s einmal , und ich litt für den , an dem er verübt , dem das Herz seiner Frau entwendet worden war . So wenig ich diese Frau begreifen konnte , so unverzeihlich ihr Vergehen in meinen Augen war , bedauerte ich sie doch . Sie hatte gewiß viel gelitten und wenige Tage vor ihrem Ende noch die demütigende Eifersucht auf ein untergeordnetes Wesen kennenlernen müssen , vielleicht sogar geahnt , daß Stephan mit ihr nur gespielt hatte . All dies war nicht geeignet , Mitleid für den Scheidenden in mir aufkommen zu lassen , und ich befand mich , nachdem er gegangen , keineswegs in weicher Stimmung . Dennoch berührte es mich peinlich , als Anka bald darauf hereinlief und mit übermütiger Lustigkeit auf die Melodie des Pulverstofferl die selbsterfundenen Worte sang : Sie fahren fort , sie fahren fort , sie fahren in den Krieg . « » Was machte sie denn gar so lustig ? « warf ich ein . » Ich glaube , nur der Ernst , den sie auf allen Gesichtern sah . Ja , sie war ein merkwürdiges Kind und ist doch eine so wenig merkwürdige Frau geworden ... Ich sagte Ihnen , daß die Antwort , die sie mir einst in bezug auf ihre Puppe gab , prophetisch gewesen ist . In der Tat hat meine Anka auch später nie etwas anderes geliebt als ihren Vater und einen Popanz . Der zweite freilich war lebendig , war ihr Gemahl ; er wurde von ihr unter einer Schar von Bewerbern , die der Majoratskomtesse nicht fehlten , auserkoren . Ihr Vater widersetzte sich ihrer Verbindung mit dem schönen , aber ganz hohlen , fischblütigen Menschen . Anka bestand auf ihrem Willen , und er geschah . Ob sie unglücklich geworden ist , weiß ich nicht , aber daß sie unglücklich gemacht hat , davon hatte ich Gelegenheit mich zu überzeugen . Ihr Tod war eine Erlösung für ihre Kinder und ist als solche von ihnen empfunden worden , obwohl diese Kinder brave und warmherzige Menschen sind . Ja , warmherzig ! die Kinder Ankas und ihres fürstlichen Clovek des Zweiten . Die Gelehrten erklären uns , wieso in gewissen Fällen Licht zu Licht gefügt Dunkelheit erzeugt ; vielleicht vermögen sie auch Auskunft darüber zu geben , wieso aus der Verbindung von Kälte und Kälte - Wärme entspringen kann . Jetzt aber den Kaffee « , sagte die Hofrätin und zog den Glockenstrang : » Fortsetzung folgt . « 6 Es war später geworden , als wir beide gedacht hatten , und die Hofrätin mußte die Erfüllung ihres Versprechens auf einen andern freien Abend verschieben . Zu meiner Freude fand sich ein solcher bald . » Nach der Abreise der jungen Herren « , fuhr sie in ihrer Erzählung fort , » kam der Graf auf unser Zimmer und teilte mir seine Absicht mit , den ganzen Winter in ... - den Namen dürfen Sie nicht wissen - zuzubringen . Der Doktor sei zwar dagegen , finde den Aufenthalt zu einsam , die Entfernung von der nächsten Stadt zu groß , allein der Graf wünschte dennoch zu bleiben , vorausgesetzt , daß es seiner Umgebung , namentlich mir , nicht allzu schrecklich sei . Natürlich erwiderte ich , meine Meinung käme hier nicht in Betracht , da er sie aber zu hören verlange , könne ich nur sagen , ich sei überall gern , wohin die Pflicht mich stelle . Ja , meine liebe Freundin , wir waren damals ganz anders erzogen als die Damen , die heutzutage erziehen . So gern ich auch fort wollte aus dem alten Eulenneste und nach unserm früheren schönen Aufenthalt zurück , als mein Herr und Gebieter so gnädig war , Notiz von meinem Willen zu nehmen , da hatte ich keinen mehr . Er dankte mir mit einigen gütigen Worten , beugte sich zu Anka nieder , nahm sie in seine Arme , küßte sie zärtlich und sprach : Wir werden hierbleiben bei der armen Mama , wir werden sie oft besuchen in ihrer Gruft und ihr Blumen bringen . Und während er das sagte , hatte sein männliches Gesicht den Ausdruck eines so tief brennenden und dabei so kraftvoll und edel getragenen Schmerzes , daß ich mich abwenden mußte , denn mir traten Tränen in die Augen . Wir winterten uns ein auf dem Schlosse . Der Graf verließ die gegen Norden gelegenen Prunkgemächer und bezog im ersten Stock dieselben Zimmer , die wir im Erdgeschoß innehatten . Es waren die freundlichsten des ganzen Hauses . Sie empfingen die Strahlen der Morgensonne und sahen auf einen mit efeuumrankten Mauern eingefaßten Vorhof , den ein paar magere Rasenplätze und einige Gruppen Monatsrosen zierten . Durch ein steinernes Tor gelangte man ins Freie , auf den Bergrücken ; die Glatze wurde er im Volksmunde genannt . Basaltblöcke bedeckten den Boden , zwischen zerbröckeltem Gestein sproß niederes Gesträuch und eine spärliche Vegetation von würzigen Kräutern und wunderbar mannigfaltig gebildeten Moosen . Von dieser Seite glitt die Gebirgslehne in sanften Wellenlinien ins Tal herunter . Nach kurzer Wanderung gelangte man in den Wald und durch diesen auf einem gut gehaltenen Wege