wachsen , der Frühling kommt heran ... Ja , der kommt , man darf auf ihn zählen , der kommt . Wer aber ausbleibt « , schloß der alte Mann seine Betrachtungen , » das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen , und auch heute - seine Stunde ist vorbei - er kommt nicht mehr . « » Um so besser ! « rief Gottfried , » ich wollte , wir wären für immer von ihm befreit . « » Befreit ! - Ist das dein Ernst ? ... « » Leider ja « , versetzte Lotti , und ein tiefer Groll sprach aus ihrer erregten Stimme . Gottfried erhob den Kopf : » Was sagst du ? « » Daß du ungerecht bist , zum erstenmal in deinem Leben ; ungerecht und grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und tut ihm weh - gerade von dir - denn du bist es já ... « ihre Lippen zitterten , der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr Gesicht , » der ihm der Liebste ist von uns allen ... « Sie hielt tief atmend inne , Gottfried murmelte ein zorniges Wort , und der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern . In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter Hoffnungen , eines nahenden Unglücks auf . Eh er sich ' s versah , bevor ihm zu einer Befürchtung Zeit geblieben , war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus den Herzen seiner Kinder ... In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt , bald darauf durcheilten leichte Schritte das Vorgemach . » Da ist er doch « , sagte Feßler . Halwig erschien auf der Schwelle , er schwenkte seinen Hut und sah so glücklich aus , als ob er eben eine Welt erobert hätte . 6 » Vater Feßler « , rief er , » da ist es , da haben Sie ' s , mein Büchlein , mein erstgebornes ! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurroten mit Gold geputzten Kleidchen ? ... Lesen Sie , was hier steht , auf der ersten Seite : Johannes Feßler , meinem Lehrer , meinem Vorbild , meinem Freund ... Es ist Ihnen gewidmet , Ihr Eigentum , ich bringe , was aus meinem Herzen floß und Ihnen gehört , und lege es Ihnen zu Füßen . « Er machte Miene , das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler hinzulegen ; der aber hinderte ihn daran . » Geben Sie es mir in die Hand , das ist Ehre genug « , sprach er und lächelte seinem Liebling zu , bei dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war , der eben noch die Stirn des alten Mannes umdüstert hatte . Er ließ sich erzählen , wie der Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt , wie er jede freie Minute auf dem Postbüro zugebracht und durch die Ausbrüche seiner Ungeduld den Ärger eines Expeditors und das Mitleid zweier Briefträger erregt habe . Jetzt aber sei alles gut , meinte er und flehte , die Familie möge ihm diesen Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen . Er stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werkstätte und trug vier Sessel herbei . Lotti sollte ihm gegenübersitzen , Feßler und Gottfried neben ihm . » Auf diese Stunde « , sagte er , als alle Platz genommen hatten , » habe ich mich gefreut von dem Momente an , in welchem mir der erste Gedanke meines Gedichts aufgegangen , bis zu dem , in welchem ich am letzten Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit , umgaben Sie mich immerwährend im Geist , Sie geliebten drei ! « Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen Auditorium , dann öffnete er das Buch und begann zu lesen . Was er las , war nur eine einfache Herzensgeschichte - ähnliche sind wohl tausendmal berichtet , millionenmal erlebt worden . Abgedroschen ! wollte Gottfried schon ausrufen , aber er unterdrückte das Wort . Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an seiner Fabel zu wirken gesucht ; was da fesselte und bezwang , das war der Schönheitszauber , der in dem schlichten Bilde webte , das war die Wahrheit und die Leidenschaft , die es atmete , und wen man darin am liebsten gewann , das war der Dichter selbst . Absichtslos , ja wider seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend . Er war von Begeisterung durchglüht , von Talent getragen ; eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele . Für Ernst und Scherz , für Zorn und Wehmut , Haß und Liebe , für jede Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag das Verständnis in seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen . Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung , kein Mißtrauen in seine Kraft lähmte ihn , er hatte sie , er wußte es , er war ihrer Wirkung gewiß und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht , die dem Erfolg vorangeht , die ihn oft erzwingt . Und so fragte er denn auch , als er geendet , voll freudiger Unbefangenheit : » Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen ? « » Vollkommen « , erwiderte Feßler , » es klopft ein Herz darin . « » Nicht wahr ? ... Und Sie , Gottfried - Ihre Meinung ? « Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen , den Ellbogen auf den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt . Jetzt lehnte er sich in seinem Sessel zurück und sprach , ohne Halwig anzusehen : » Es ist schön , ganz schön . « » Ich danke , Freund ! Ein solches Lob von Ihnen , das tut wohl ... Aber Sie - Fräulein Lotti ... Sie schweigen - Sie sagen mir nichts ... « In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf : » Ich kann nicht - Sie sehen ... « stammelte sie , ein schmerzliches , vergeblich unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme . » Lotti ! ... Ist es mir gelungen , Sie zu rühren , zu ergreifen ? ... Soll mein schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen ? « Er sprang auf und eilte jubelnd auf sie zu . Lotti streckte abwehrend die Hände aus ; sie weinte , nicht sanft befreiende Tränen - Tränen qualvoller Beschämung und Empörung über sich selbst . Halwig trat bestürzt zurück . Einen Augenblick stand er zweifelnd vor ihr , plötzlich aber leuchtete das Bewußtsein des Sieges , den er über diese Seele errungen , mit süßem Triumphe aus seinen Augen , und er rief in einem Tone , aus dem Rührung , Entzücken und ein letztes Zagen zugleich herausklangen : » Sie zürnen mir ? soll ich dafür büßen , daß mein Gedicht Sie bewegte ? « » Zürnen ? Wie können Sie glauben ? ... Eine neue Welt hat sich vor mir aufgetan ... Ich weiß nicht , ich kann nicht sagen , was ich am meisten bewundere - ich sehe nur , wie groß , wie herrlich und wie fern ... « Ihre Stimme brach , sie erhob einen raschen hilflosen Blick zu ihm , den er einsog wie himmlischen Tau . » Nicht fern « , rief er , » o nein ! Ihnen ist sie es nicht , sie lebt von Ihrem Leben , ist von Ihrem Atem durchhaucht ... Schöpferin meiner Welt , haben Sie sich in ihr nicht erkannt ? « Und schon lag er vor Lotti auf den Knien , bedeckte ihre Hände mit seinen Küssen , nannte sie seinen Engel , seine Geliebte , seine Braut . Er pries die Stunde , in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war , und die noch schönere , ewig gebenedeite , in welcher er ' s zum erstenmal empfunden , daß sie ihn liebe . Das war nicht heute , war nicht vor kurzem , das war sehr bald , nachdem sie einander kennengelernt - er wollte gar nicht gestehen , wie bald ... um nicht allzu vermessen zu erscheinen , so vermessen wie man eben wird , wenn man sich geliebt weiß von dem edelsten und reinsten Herzen . » Jetzt aber sprich ! « bestürmte er sie , » bestätige mir mein Glück vor diesen teuren Zeugen ... deinem Vater , deinem Bruder , den meinen von nun an - ein Wort , Geliebteste ! « » Was soll ich sagen - du weißt alles « , war ihre Antwort , und jauchzend faßte er sie in seine Arme . - - Es war keine stumme Seligkeit , die seine ; unwiderstehlich brauste der Feuerstrom der Worte , die er ihr lieh , dahin und vermochte die Einwendungen Feßlers zu übertäuben und vermochte Gottfried , sich ein Wort der Fürsprache für denjenigen abzuringen , dem Lotti ihr Herz geschenkt . Freimütig erzählte Halwig die Geschichte seines Lebens , sprach von dem Leichtsinn , mit dem er das Erbe seiner Eltern zersplittert , gestand , daß er im Begriffe gewesen , auf schlechte Wege zu geraten , als sein schützender Stern ihn in das Haus Feßlers geführt . Von dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden . Er beschwor Feßler und Gottfried , Erkundigungen über ihn einzuholen . Seine Vorgesetzten im Amte , seine Freunde und Bekannten sollten entscheiden , ob er verdiene , hoffnungslos verworfen zu werden . » Davon ist nicht die Rede « , sagte Feßler und Halwig rief : » So lasset denn die Geliebte das Erlösungswerk vollenden , das sie an mir begonnen hat . « Sie wurde seine Braut ; und der Mann , der ihr wie ein höheres Wesen erschien , machte sie zur Herrin seines Schicksals . Er unterordnete sich ihr , er wollte ihr alles danken , was er besaß , er wollte alles , was er war , nur durch sie geworden sein . Sein junges Haupt , das schon von der Morgenröte des Ruhmes umglänzt wurde , beugte sich vor ihr , schmiegte sich demütig an ihre Knie . » Das heißt verwöhnen « , sagte Vater Feßler , aber Gottfrieds Meinung war : » Bete sie nur an , sie verdient ' s. « Einige Monate vergingen , da fiel der erste Schatten auf die bisher ungetrübte Seligkeit der Verlobten . Halwig hatte plötzlich den Staatsdienst aufgegeben , um sich ganz und gar seinem dichterischen Berufe widmen zu können , der ihm täglich neue Erfolge brachte . Ein zweites Büchlein war dem ersten gefolgt . Es erfüllte reichlich die schönen Erwartungen , die jenes erregt hatte . Die kleine Gemeinde von Bewunderern , die sich um den Dichter zu sammeln begann , wußte seines Lobes kein Ende und begrüßte auch sein drittes Werk mit unbegrenztem Entzücken . Und gerade dieses , das er , um eine übernommene Verpflichtung zu erfüllen , in fieberhafter Hast begonnen und beendet , war ihm vor allen andern ans Herz gewachsen . Er hatte daran erprobt , daß er zu jeder Zeit Herr seiner Stimmung , seiner Phantasie , aller seiner Gaben war , daß sein Talent ihm leiste und gewähre , was immer er von ihm verlangte . Er wußte jetzt , daß sein Wollen unumschränkt über sein Können gebiete . Ganz erfüllt von dem Gefühl eines so vollkommenen Gelingens , erschien er bei seiner Braut , und Lotti schwelgte im Anblick seiner stolzen Glückseligkeit . Als es jedoch hieß , ihre Meinung über die Arbeit auszusprechen , welche Hermann seine beste und reifste nannte , zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zögern , daß ihr alles gefalle , was von ihm ersonnen sei . » Dieses « , rief er , » müßte dir auch gefallen , wenn ein anderer es ersonnen hätte . « » Vielleicht - gewiß ... « erwiderte Lotti , erschrocken über den Ausdruck von Enttäuschung , der sich in seinen Zügen malte . Er fuhr erregt fort : » Du mußt lernen , ganz von mir abzusehen bei der Beurteilung meiner Arbeiten . Daß Schönes geschaffen werde , daran liegt alles ; ob ich es geschaffen , ob Hinz oder Kunz , daran liegt nichts ... Der Standpunkt ist der einzig richtige - der soll der deine sein . - Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern . Du mußt wissen , warum du bewunderst - mußt Gründe haben , für dein Lob . Aufrichtigkeit verlange ich von dir und will hoffen , daß du mich ihrer würdig hältst . « » Hermann - wie könnt ich anders ? « fragte sie mit einem ängstlichen Lächeln . » Ich sage dir , was ich denke , aber das hat ja keinen Wert ... Mein Urteil zu begründen , muß ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht imstande , dir zu sagen , warum ich dir dieses Mal nicht so leicht - nicht mit so voller - wie soll ich ' s nennen ? - so voller Hingerissenheit folgen konnte wie früher , wie besonders bei deinem ersten , allerschönsten Gedicht ... « Nun brauste er auf . Er fragte , ob sie denn immer auf seine Anfänge zurückkommen wollte , ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge . » Wenn du bei dem Punkte stehenbleibst , von dem ich ausging , indes ich vorwärts jage , werden wir bald auseinandergekommen sein ! « rief er , war nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne . Freilich war er am nächsten Tage wieder da , demütigte sich vor ihr und weinte vor Reue , als sie ihn , womöglich noch liebreicher als sonst , empfing und ihm versicherte , nicht zu wissen , was sie ihm verzeihen solle . Er war so beschämt und in seiner Beschämung so ausbündig und unwiderstehlich liebenswürdig , daß Lotti ihn bat , sich nur recht bald wieder einzubilden , er habe ihr weh getan . Diese Bitte wurde erfüllt , aber in anderem Sinne , als sie gestellt war . Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen , ein gegen sie begangenes Unrecht gutmachen zu müssen , aber dieselbe zu benützen , verstand er bald nicht mehr . Ein leiser Zweifel , eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust zu entfesseln , und Lotti erkannte mit Entsetzen , daß es Augenblicke gab , in denen er sie haßte . Da legte er den Ausbrüchen seines Zornes keinen Zügel an . Er litt und fand es natürlich und gerecht , daß diejenige , die ihn liebte , mit ihm leide . Wenn er sich von ihr mißverstanden oder im stillen getadelt glaubte , warf er ihr ihre untergeordnete Tätigkeit , ihren beschränkten Wirkungskreis vor . » Von dem , was ich anstrebe , steht freilich nichts im Le Paute ! « rief er eines Tages , und Gottfried , der bisher männlich an sich gehalten , fuhr empor : » Noch ein solches Wort , und ich schlage dir den Schädel ein ! « Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern , der darauf folgte , wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht ; aber von nun an begann Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben . » Du bist ein ungebärdiges Kind « , sagte er zu Halwig , » du wärst imstande , das Liebste , das du hast , in einem Anfall übler Laune zu zerstören ; ich will strenge Wache über dich halten . « Halwig drückte ihm die Hand , er begab sich gern unter den Schutz seines besten Freundes . » Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler ! « rief er , ganz beseelt von den edelsten Vorsätzen , » wenn du mir treulich hilfst , will ich ihrer schon Herr werden ! « Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden , sie wußte , daß Hermann die Selbstbeherrschung , die es ihm auferlegte , ebensowenig zu bewahren vermochte , wie er die Aufrichtigkeit vertrug , nach welcher er immer verlangte . Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang , die leiseste Mißbilligung fraß ihm am Herzen , erbitterte ihn , machte ihn unglücklich und überzeugte ihn nie . Was ihn stählte , was alle seine Kräfte entfaltete , das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung und der Genuß überschwenglichen Lobes und verhimmelnder Liebe . » Ich kann nur im Lichte gedeihen , und ihr lebt im Halbdunkel « , rief er einmal nach einer langen Kontroverse mit Gottfried und verließ das Zimmer ohne Abschiedsgruß . Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach . Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen herübertönen , manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes Flehen . Dann wurde die Haustür zugeschlagen , und eine lange Zeit verfloß , bevor Lotti , noch bleich und zitternd , in die Werkstatt zurückkehrte . Am Abend sprach Feßler zu Gottfried : » Was ich dir sagen wollte : Gib dein Erziehungswerk auf . Den Halwig änderst du nicht . Laß ihn . Ihr ist er ja recht , wie er ist . « » Aber Vater , er mißhandelt sie . « Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe . » Seine Mißhandlungen sind ihr lieber als die Liebkosungen eines andern . Das ist so Weiberart . « Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen , wie sie gingen . Die Besuche Halwigs wurden immer seltener , und wenn er kam , war er entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und erzwungenen Lustigkeit , die unter allen seinen wechselnden Stimmungen Lotti am peinlichsten berührte . In eine solche geriet er einmal , als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier sprach , und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater , die Vermählung müsse hinausgeschoben werden . » Hat er den Vorschlag gemacht ? « rief Gottfried . » Ich wünsche es ! « entgegnete sie rasch . » Warum ... Mißtraust du ihm ? « » Vielleicht nur mir « , war ihre Antwort . Scheinbar völlig ruhig begab sie sich an die Arbeit . Kurze Zeit , nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt , schien Hermann ganz zu ihr zurückzukehren . Er hatte eine große Täuschung erlitten , er fand Trost bei ihr , die seinen Schmerz tiefer empfand als er selbst . Sein gesunkener Mut wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben , und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein . Die Huldigungen , die ihm dargebracht wurden , wollten bezahlt werden , sie forderten ihren Lohn , machten Ansprüche auf die Persönlichkeit , auf die Zeit des Dichters . Verwandte , die sich vor Jahren von ihm losgesagt hatten , erinnerten sich plötzlich , und erinnerten ihn , daß er zu ihnen gehöre . Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers sprach , hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an , die gescheite Leute für Künstlerlaunen besitzen . Halwig begann sich einzubilden , daß er seine Braut nur um den Preis schwerer Opfer , harter Kämpfe werde heimführen können . Er ersparte und verschwieg ihr nichts ; kein noch so herbes Urteil , das Menschen über sie fällten , die sie nie gesehen , kein Bedenken derjenigen , denen er früher aus dem Wege gegangen und die er jetzt » die Seinen « nannte . Er schrieb diese grausame Offenheit dem unbegrenzten Vertrauen zu , das er für Lotti empfand , und die bestärkte ihn darin . Sie wußte , daß sie seine Liebe verloren hatte , aber den Schatten derselben , dieses Vertrauen , das ihr sein Herz öffnete , sie seine geheimsten Gedanken kennen ließ , an dem hielt sie fest , das hütete sie wie das heilige Feuer , wie ihr Lebenslicht . Als ob ihre Liebe in dem Maße wüchse , in dem die seine abnahm ; als ob er sie durch Qual fester an sich ketten würde , wachte sie über dem kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld . Ein Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr , was der Mutter ein Lächeln ihres sterbenden Kindes ist . Endlich kam die Stunde , in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte , in welcher ihr glühender Entsagungsmut sie verließ . Nach jahrelangem Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden . Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele dessen erkaufen , den sie so sehr geliebt hatte . Sie tat es an einem Tage , an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich , so warm , so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt wie in der Frühlingszeit ihrer Liebe . Er war länger verweilt , als er beabsichtigte , und sprang erschrocken auf , als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen . » Ich sollte längst fort sein ! « rief er , » aber gleichviel ... ... Bei dir versäume ich nichts , ich gehe immer reicher , besser , als ich gekommen bin ... Ich bin ein Narr , so selten zu kommen . « Sie traten beide an das geöffnete Fenster , durch welches die sanft bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinflutete . Die Sonne hatte sich hinter einer schweren Wolke verborgen , aber ihr Widerschein säumte den Horizont mit Purpurstreifen . Breite , goldige Lichter lagen auf den Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen Dünste , die von den Bergen herzogen und den östlichen Teil der Stadt schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten . Drüben am Kai jagte Wagen an Wagen vorbei , drängte und tummelte sich das Menschengewühl , indes der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte . » Die Aussicht hab ich lieb « , sprach Halwig , » ich sehe gern das Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat recht , seine hohe , alte Warte nicht zu verlassen , wenn es ihm auch manchmal schwerfallen mag , sie zu erklimmen ... Leb wohl - das heißt auf Wiedersehen ! « » Nein , nein « , sagte Lotti hastig , » es heißt leb wohl ... « Eine brennende Röte bedeckte ihre Wangen , und sie umspannte mit beiden Händen die Hand , die er ihr gereicht . » Wir wollen scheiden , wir müssen ... als gute Freunde , aber für immer . Gib mir mein Wort zurück , wie ich dir das deine zurückgebe , Hermann ... « » Was ficht dich an ? « fragte er . Sein Ton klang vorwurfsvoll , allein ein Blitz feuriger Überraschung , kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre , hatte während ihrer vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet . » Ich kann deine Frau nicht werden « , fuhr sie fort , rascher jetzt und mit fliegendem Atem : » Schon lange wollte ich dir das sagen ... Ich ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht trennen , kann auch die Lebensweise nicht aufgeben , an die ich gewöhnt bin von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ... « » Ich meinte dir noch viel lieber zu sein ! « rief er und setzte in unaussprechlicher Verwunderung hinzu : » Du gibst mich auf ? ! ... Du - mich ? ! « » Du wirst dich darein fügen - nicht wahr ? ... Sage nicht , daß es dir unmöglich ist ! « Sie richtete die Augen fest auf ihn , und die seinen senkten sich . Es flog ihm durch den Sinn , daß sie ihm untreu geworden , daß sie einen andern liebe , aber sogleich mußte er lächeln über diesen Verdacht . Er fragte sich , ob sie ihn auf die Probe stellen wollte , fragte sich auch , ob sie nicht vielleicht seinem Glück , seiner Zukunft ein ungeheures Opfer bringe ? Die ruhige Haltung , in der sie vor ihm stand , machte ihn aber auch an dieser Vermutung irre . Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten Schmerzes : » Und wir sollen uns niemals wiedersehen ? « » Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind . « » Du bist es schon jetzt ! « entgegnete er voll Bitterkeit . » Und du wirst es werden - wirst mir danken ... Laß mir deine Hand ! wende dich nicht ab ... Du hast keinen Grund , mir zu grollen . Ich befreie dich von einer traurigen Braut , bei der keine Freude zu holen ist - « sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln . Er unterbrach sie , er wollte nicht weiter hören ; er erklärte , daß er ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme , und wenn es sein Unglück wäre ... » Wenn es aber auch das meine ist ? « fragte sie , und er rief halb zornig , halb verlegen : » Wie du mich mißverstehst ! ... Wie du nur glauben , es nur für möglich halten kannst , daß ich dich aufgeben werde , ohne Grund ... Weißt du denn einen ? ... Daß ich mich von dir trennen werde - so plötzlich ... « Sie erhob das Haupt . » Wir sind längst getrennt « , sprach sie . » Es ist aus . Frage dich selbst , ob du recht hättest , mich mitzuschleppen durchs ganze Leben , weil du einmal geglaubt hast , mich zu lieben . « » Geglaubt ? ... Ich habe dich unaussprechlich geliebt - meine Liebe zu dir war ... « » Sie war ! « fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins Wort , der die Qual ihres Innern verriet . » Täusche dich nicht ... Wir wollen die Kraft haben einzugestehen , daß eine Empfindung , die wir für ewig hielten - erloschen ist . Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf die erloschene bauen , nicht erwarten , daß ein Glück aus ihr erblühen könne ... « Er starrte sie an und schwieg . Sein Verstand gab ihr recht , sein Herz stimmte ihr bei . Was sich in ihm noch regte und sträubte , das war ein leiser Gewissensvorwurf . Allein auch den vermochte Lotti zu beschwichtigen , indem sie sagte : » Nur die Geliebte scheidet sich von dir - die Freundin bleibt . Die wirst du immer finden . Komm zu ihr , wenn du ein Leid zu klagen hast , wenn du verdrossen bist und schlimmen Mutes . Bedrückte Seelen warten - das verstehe ich , das ist die Kunst , die ich ausübe , das ist meine Virtuosität ... « » Lotti ! « rief er überwältigt und zog sie an seine Brust . Plötzlich jedoch ließ er sie aus seinen Armen , warf sich in einen Sessel nieder und brach in heftiges Schluchzen aus . Sie trat zu ihm , beugte sich , ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos , mit geschlossenen Augen , empfing er ihren schwesterlichen Kuß , und ihm war , als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in seine kämpfende Seele . Als er aufblickte , fand er sich allein ; Lotti war in ihr Zimmer geeilt , und er hörte sie den Riegel vorschieben . Er sprang auf , er rannte zur Tür und pochte und rüttelte daran wie ein Verzweifelter . Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen . Endlich mußte er sich ergeben - mußte sich fassen . » Ich komme wieder , hörst du mich ? Ich komme wieder ! « sprach er und schritt nach einem letzten Zögern , einem letzten vergeblichen Erwarten , langsam aus dem Gemach . 7 Allein sooft er wiederkam , so ungestüm er nach ihr fragte - Lotti ließ sich nicht sehen . Er schrieb an sie , er bat sie um eine Unterredung , und sie entgegnete , sie wolle dieselbe gern gewähren , wenn er zuvor verspreche , ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu erwähnen . Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen , das erklärte er offen in einem zweiten Briefe , der unbeantwortet blieb . Damit war zwischen ihnen alles zu Ende . Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen , senkte Lotti die Augen , und Halwig wandte die seinen ab . Später vermieden sie es nicht mehr , einen raschen Blick zu wechseln . Hast du mir nichts zu sagen ? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes Lächeln , eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert . Nach solchen flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und brennender Stirn , und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und geröteten Augen von einer durchweinten Nacht . Aber auch diese letzte , törichte Schwäche ward überwunden . Lotti gewöhnte sich , an dem einst Geliebten vorbeizugehen wie an einem Fremden ; sie errötete nicht mehr , wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde ; sie las auch seine Bücher nicht mehr . Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt . Es gab sich darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund , ein Streben , gemeine Neugier zu wecken , eine Vorliebe , das Krasse , oft sogar das Widerliche zu schildern , die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte erschienen , den Halwig selbst sie verehren gelehrt : am Gotte des Schönen . Jahre vergingen . Feßler starb - kurze Zeit nachdem ihm angekündigt worden , daß er seine » hohe Warte « verlassen müsse , weil das Haus zum Umbau bestimmt sei . Lotti bezog ihre jetzige Wohnung . Gottfried mietete sich bei dem Uhrmacher ein , für den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete . Des erlittenen Verlustes immer eingedenk , führten beide