Ist er dort oben daheim ? O wie schön so hoch oben ! Warum schreit er so ? « fragte Heidi weiter . » Weil er muß « , erklärte Peter . » Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen , wo er daheim ist « , schlug Heidi vor . » O ! o ! o ! « brach der Peter aus , jeden Ausruf mit verstärkter Mißbilligung hervorstoßend ; » wenn keine Geiß mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat , du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen . « Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen , daß Heidi gar nicht wußte , was begegnen sollte ; aber die Geißen mußten die Töne verstehen , denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen , und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt , die einen fortnagend an den würzigen Halmen , die anderen hin-und herrennend und die dritten ein wenig gegeneinanderstoßend mit ihren Hömem zum Zeirvertreib . Heidi war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geißen umher , denn das war ihm ein neuer , unbeschreiblich vergnüglicher Anblick , wie die Tierlein durcheinandersprangen und sich lustig machten , und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft , denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Manieren . Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke , die drin waren , schön auf den Boden hingelegt in ein Viereck , die großen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin , denn er wußte genau , wie er sie erhalten hatte . Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne , frische Milch hinein vom Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck . Dann rief er Heidi herbei , mußte aber länger rufen , als nach den Geißen , denn das Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden , daß es nichts sah und nichts hörte außer diesen . Aber Peter wußte sich verständlich zu machen , er rief , daß es bis in die Felsen hinaufdröhnte , und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus , daß es um sie herumhüpfte vor Wohlgefallen . » Hör auf zu hopsen , es ist Zeit zum Essen « , sagte Peter , » jetzt sitz und fang an . « Heidi setzte sich hin . » Ist die Milch mein ? « fragte es , nochmals das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend . » Ja « , erwiderte Peter , » und die zwei großen Stücke zum Essen sind auch dein , und wenn du ausgetrunken hast , bekommst du noch ein Schüsselchen vom Schwänli und dann komm ' ich . « » Und von wem bekommst du die Milch ? « wollte Heidi wissen . » Von meiner Geiß , von der Schnecke . Fang einmal zu essen an « , mahnte Peter wieder . Heidi fing bei seiner Milch an , und so wie es sein leeres Schüsselchen hinstellte , stand Peter auf und holte ein zweites herbei . Dazu brach Heidi ein Stück von seinem Brot ab , und das ganze übrige Stück , das immer noch größer war , als Peters eigenes Stück gewesen , das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war , reichte es diesem hinüber mit dem ganzen großen Brocken Käse und sagte : » Das kannst du haben , ich habe nun genug . « Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an , denn noch nie in seinem Leben hätte er so sagen und etwas weggeben können . Er zögerte noch ein wenig , denn er konnte nicht recht glauben , daß es dem Heidi Ernst sei ; aber dieses hielt erst fest seine Stücke hin , und da Peter nicht zugriff , legte sie es ihm aufs Knie . Nun sah er , daß es ernst gemeint sei ; er erfaßte sein Geschenk , nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl , wie noch nie in seinem Leben als Geißbub . Heidi schaute derweilen nach den Geißen aus . » Wie heißen sie alle , Peter ? « fragte es . Das wußte dieser nun ganz genau und konnte es um so besser in seinem Kopf behalten , da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte . Er fing also an und nannte ohne Anstoß eine nach der anderen , immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend . Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu , und es währte gar nicht lange , so konnte es sie alle von einander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen , denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten , die einem gleich im Sinne bleiben mußten ; man mußte nur allem genau zusehen , und das tat Heidi . Da war der große Türk mit den starken Hörnern , der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stoßen , und die meisten liefen davon , wenn er kam , und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen . Nur der kecke Distelfink , das schlanke , behende Geißchen , wich ihm nicht aus , sondern rannte von sich aus manchmal drei- , viermal hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an , daß der große Türk öfters ganz erstaunt da stand und nicht mehr angriff , denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen . Da war das kleine , weiße Schneehöppli , das immer so eindringlich und flehentlich meckerte , daß Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröstend beim Kopf genommen hatte . Auch jetzt sprang das Kind wieder hin , denn die junge , jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen . Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geißleins und fragte ganz teilnehmend : » Was hast du , Schneehöppli ? Warum rufst du so um Hilfe ? « Das Geißlein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still . Peter rief von seinem Sitz aus , mit einigen Unterbrechungen , denn er hatte immer noch zu beißen und zu schlucken : » Es tut so , weil die Alte nicht mehr mitkommt , sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern , nun kommt sie nicht mehr auf die Alm . « » Wer ist die Alte ? « fragte Heidi zurück . » Pah , seine Mutter « , war die Antwort . » Wo ist die Großmutter ? « rief Heidi wieder . » Hat keine . « » Und der Großvater ? « » Hat keinen . « » Du armes Schneehöppli du « , sagte Heidi und drückte das Tierlein zärtlich an sich . » Aber jammere jetzt nur nicht mehr so ; siehst du , ich komme nun jeden Tag mit dir , dann bist du nicht mehr so verlassen , und wenn dir etwas fehlt , kannst du nur zu mir kommen . « Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an Heidis Schulter und meckerte nicht mehr kläglich . Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran , das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte . Weitaus die zwei schönsten und saubersten Geißen der ganzen Schar waren Schwänli und Bärli , die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen , meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk abweisend und verächtlich begegneten . - Die Tierchen hatten nun wieder begonnen , nach den Büschen hinaufzuklettern , und jedes hatte seine eigene Weise dabei , die einen leichtfertig über alles weghüpfend , die anderen bedächtlich die guten Kräutlein suchend unterwegs , der Türk hier und da seine Angriffe probierend . Schwänli und Bärli kletterten hübsch und leicht hinan und fanden oben sogleich die schönsten Büsche , stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab . Heidi stand mit den Händen auf dem Rücken und schaute dem allen mit der größten Aufmerksamkeit zu . » Peter « , bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden Liegenden , » die schönsten von allen sind das Schwänli und das Bärli . « » Weiß schon « , war die Antwort . » Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und gibt ihnen Salz und hat den schönsten Stall . « Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in großen Sprüngen den Geißen nach , und das Heidi lief hinterdrein ; da mußte etwas begegnet sein , es konnte da nicht zurückbleiben . Der Peter sprang durch den Geißenrudel durch der Seite der Alm zu , wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geißlein , wenn es dorthin ging , leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen konnte . Er hatte gesehen , wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehüpft war , und kam noch gerade recht , denn eben sprang das Geißlein dem Rande des Abgrundes zu . Peter wollte es eben packen , da stürzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten . Der Distelfink meckerte voller Zorn und Überraschung , daß er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzuges gehindert war , und strebte eigensinnig vorwärts . Der Peter schrie nach Heidi , daß es ihm beistehe , denn er konnte nicht aufstehen und riß dem Distelfink fast das Bein aus . Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden . Es riß schnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begütigend : » Komm , komm , Distelfink , du mußt auch vernünftig sein ! Sieh , da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen , das tut dir furchtbar weh . « Das Geißlein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefressen . Derweilen war der Peter auf seine Füße gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfaßt , an welcher sein Glöckchen um den Hals gebunden war , und Heidi erfaßte diese von der anderen Seite und so führten die beiden den Ausreißer zu der friedlich weidenden Herde zurück . Als ihn aber Peter hier in Sicherheit hatte , erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe tüchtig durchprügeln , und der Distelfink wich scheu zurück , denn er merkte , was begegnen sollte . Aber Heidi schrie laut auf : » Nein , Peter , nein , du mußt ihn nicht schlagen , sieh , wie er sich fürchtet ! « » Er verdient ' s « , schnurrte Peter und wollte zuschlagen . Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüstet : » Du darfst ihm nichts tun , es tut ihm weh , laß ihn los ! « Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi , dessen schwarze Augen ihn so anfunkelten , daß er unwillkürlich seine Rute niederhielt . » So kann er gehen , wenn du mir morgen wieder von deinem Käse gibst « , sagte dann der Peter nachgebend , denn eine Entschädigung wollte er haben für den Schrecken . » Allen kannst du haben , das ganze Stück morgen und alle Tage , ich brauche ihn gar nicht « , sagte Heidi zustimmend , » und Brot gebe ich dir auch ganz viel , wie heute ; aber dann darfst du den Distelfink nie , gar nie schlagen und auch das Schneehöppli nie und gar keine Geiß . « » Es ist mir gleich « , bemerkte Peter , und das war bei ihm so viel als eine Zusage . Jetzt ließ er den Schuldigen los , und der fröhliche Distelfink sprang in hohen Sprüngen auf und davon in die Herde hinein . - So war unvermerkt der Tag vergangen , und schon war die Sonne im Begriff , weit drüben hinter den Bergen hinabzugehen . Heidi saß wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blauglöckchen und die Cystusröschen , die im goldenen Abendschein leuchteten , und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen an zu schimmern und zu funkeln , und auf einmal sprang Heidi auf und schrie : » Peter ! Peter ! es brennt ! es brennt ! alle Berge brennen und der große Schnee drüben brennt und der Himmel . O sieh ! sieh ! der hohe Felsenberg ist ganz glühend ! O der schöne , feurige Schnee ! Peter , sieh auf , sieh , das Feuer ist auch beim Raubvogel ! sieh doch die Felsen ! sieh die Tannen ! alles , alles ist im Feuer ! « » Es war immer so « , sagte jetzt der Peter gemütlich und schälte an seiner Rute fort , » aber es ist kein Feuer . « » Was ist es denn ? « rief Heidi und sprang hierhin und dorthin , daß es überall hin sehe , denn es konnte gar nicht genug bekommen , so schön war ' s auf allen Seiten . » Was ist es , Peter , was ist es ? « rief Heidi wieder . » Es kommt von selbst so « , erklärte Peter . » O sieh , sieh « , rief Heidi in großer Aufregung , » auf einmal werden sie rosenrot ! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen , spitzigen Felsen ! Wie heißen sie , Peter ? « » Berge heißen nicht « , erwiderte dieser . » O wie schön , sieh den rosenroten Schnee ! O , und an den Felsen oben sind viele , viele Rosen ! O , nun werden sie grau ! O ! O ! Nun ist alles ausgelöscht ! Nun ist alles aus , Peter ! « Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstört aus , als ginge wirklich alles zu Ende . » Es ist morgen wieder so « , erklärte Peter . » Steh auf , nun müssen wir heim . « Die Geißen wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt angetreten . » Ist ' s alle Tage wieder so , alle Tage , wenn wir auf der Weide sind ? « fragte Heidi , begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend , als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg . » Meistens « , gab dieser zur Antwort . » Aber gewiß morgen wieder ? « wollte es noch wissen . » Ja , ja , morgen schon ! « versicherte Peter . Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrücke in sich aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum , daß es nun ganz stillschwieg , bis es bei der Almhütte ankam und den Großvater unter den Tannen sitzen sah , wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend seine Geißen erwartete , die von dieser Seite herunterkamen . Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwänli und Bärli hinter ihm drein , denn die Geißen kannten ihren Herrn und ihren Stall . Der Peter rief dem Heidi nach : » Komm dann morgen wieder ! Gute Nacht ! « Denn es war ihm sehr daran gelegen , daß das Heidi wiederkomme . Da rannte das Heidi schnell wieder zurück und gab dem Peter die Hand und versicherte ihm , daß es wieder mitkomme , und dann sprang es mitten in die davonziehende Herde hinein und faßte noch einmal das Schneehöppli um den Hals und sagte vertraulich : » Schlaf wohl , Schneehöppli , und denk dran , daß ich morgen wiederkomme und daß du nie mehr so jämmerlich meckern mußt . « Das Schneehöppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und sprang dann fröhlich der Herde nach . Heidi kam unter die Tannen zurück . » O Großvater , das war so schön ! « rief es , noch bevor es bei ihm war . » Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen , und sieh , was ich hier bringe ! « Und damit schüttete Heidi seinen ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schürzchen vor den Großvater hin . Aber wie sahen die armen Blümchen aus ! Heidi erkannte sie nicht mehr . Es war alles wie Heu , und kein einziges Kelchlein stand mehr offen . » O Großvater , was haben sie ? « rief Heidi ganz erschrocken aus . » So waren sie nicht , warum sehen sie so aus ? « » Die wollen draußen stehen in der Sonne und nicht ins Schürzchen hinein « , sagte der Großvater . » Dann will ich gar keine mehr mitnehmen . Aber , Großvater , warum hat der Raubvogel so gekrächzt ? « fragte Heidi nun angelegentlich . » Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch , und nachher kommen wir hinein zusammen in die Hütte und essen zu Nacht , dann sag ' ich dir ' s. « So wurde getan , und wie nun später Heidi auf seinem hohen Stuhl saß vor seinem Milchschüsselchen und der Großvater neben ihm , da kam das Kind gleich wieder mit seiner Frage : » Warum krächzt der Raubvogel so und schreit immer so herunter , Großvater ? « » Der höhnt die Leute aus dort unten , daß sie so viele zusammensitzen in den Dörfern und einander bös machen . Da höhnt er hinunter : Würdet ihr auseinandergehen und jedes seinen Weg und auf eine Höhe steigen , wie ich , so wär ' s euch wohler ! « Der Großvater sagte diese Worte fast wild , so daß dem Heidi das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch eindrücklicher wurde in der Erinnerung . » Warum haben die Berge keinen Namen , Großvater ? « fragte Heidi wieder . » Die haben Namen « , erwiderte dieser , » und wenn du mir einen so beschreiben kannst , daß ich ihn kenne , so sage ich dir , wie er heißt . « Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Türmen genau so , wie es ihn gesehen hatte , und der Großvater sagte wohlgefällig : » Recht so , den kenn ' ich , der heißt Falknis . Hast du noch einen gesehen ? « Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld , auf dem der ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand . » Den erkenn ' ich auch « , sagte der Großvater , » das ist die Schesaplana ; so hat es dir gefallen auf der Weide ? « Nun erzählte Heidi alles vom ganzen Tage , wie schön es gewesen , und besonders von dem Feuer am Abend , und nun sollte der Großvater auch sagen , woher es gekommen war , denn der Peter hätte nichts davon gewußt . » Siehst du « , erklärte der Großvater , » das macht die Sonne , wenn sie den Bergen gute Nacht sagt , dann wirft sie ihnen noch ihre schönsten Strahlen zu , daß sie sie nicht vergessen , bis sie am Morgen wiederkommt . « Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten , daß wieder ein Tag komme , da es hinauf konnte auf die Weide und wieder sehen , wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte . Aber erst mußte es nun schlafen gehen , und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager und träumte von lauter schimmernden Bergen und roten Rosen darauf und mitten drin das Schneehöppli in fröhlichen Sprüngen . Bei der Großmutter Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne , und dann kam der Peter und die Geißen , und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide hinauf , und so ging es Tag für Tag , und Heidi wurde bei diesem Weideleben ganz gebräunt und so kräftig und gesund , daß ihm gar nie etwas fehlte , und so froh und glücklich lebte Heidi von einem Tag zum anderen , wie nur die lustigen Vögelein leben auf allen Bäumen im grünen Wald . Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu sausen anfing über die Berge hin , dann sagte etwa der Großvater : » Heut ' bleibst du da , Heidi ; ein Kleines , wie du bist , kann der Wind mit einem Ruck über alle Felsen ins Tal hinabwehen . « Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm , sah er sehr unglücklich aus , denn er sah lauter Mißgeschick vor sich : einmal wußte er vor Langeweile nun gar nicht mehr was anfangen , wenn Heidi nicht bei ihm war ; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl , und dann waren die Geißen so störrig an diesen Tagen , daß er die doppelte Mühe mit ihnen hatte ; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft gewöhnt , daß sie nicht vorwärts wollten , wenn es nicht dabei war , und auf alle Seiten rannten . Heidi wurde niemals unglücklich , denn es sah immer irgend etwas Erfreuliches vor sich . Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geißen auf die Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf , wo so mannigfaltige Dinge zu erleben waren mit all den verschieden gearteten Geißen ; aber auch das Hämmern und Sägen und Zimmern des Großvaters war sehr unterhaltend für Heidi ; und traf es sich , daß er gerade die schönen runden Geißkäschen zubereitete , wenn es daheimbleiben mußte , so war das ein ganz besonderes Vergnügen , dieser merkwürdigen Tätigkeit zuzuschauen , wobei der Großvater beide Arme bloß machte und damit in dem großen Kessel herumrührte . Aber vor allem anziehend war für das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Hütte . Da mußte es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg , was es auch sein mochte , denn so schön und wunderbar war gar nichts , wie dieses tiefe , geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben ; da stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen , zu sehen und zu hören , wie das wehte und wogte und rauschte in den Bäumen mit großer Macht . Jetzt gab die Sonne nicht mehr heiß wie im Sommer , und Heidi suchte seine Strümpfe und Schuhe hervor und auch den Rock , denn nun wurde es immer frischer , und wenn das Heidi unter den Tannen stand , wurde es durchblasen wie ein dünnes Blättlein , aber es lief doch immer wieder hin und konnte nicht in der Hütte bleiben , wenn es das Windeswehen vernahm . Dann wurde es kalt , und der Peter hauchte in die Hände , wenn er früh am Morgen heraufkam , aber nicht lange ; denn auf einmal fiel über Nacht ein tiefer Schnee , und am Morgen war die ganze Alm schneeweiß und kein einziges grünes Blättlein mehr zu sehen ringsum und um . Da kam der Geißenpeter nicht mehr mit seiner Herde , und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster , denn nun fing es wieder zu schneien an , und die dicken Flocken fielen fort und fort , bis der Schnee so hoch wurde , daß er bis ans Fenster hinaufreichte , und dann noch höher , daß man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Häuschen . Das kam dem Heidi so lustig vor , daß es immer von einem Fenster zum anderen rannte , um zu sehen , wie es denn noch werden wollte und ob der Schnee noch die ganze Hütte zudecken wollte , daß man müßte ein Licht anzünden am hellen Tag . Es kam aber nicht so weit , und am anderen Tag ging der Großvater hinaus - denn nun schneite es nicht mehr- und schaufelte ums ganze Haus herum und warf große , große Schneehaufen auf einander , daß es war wie hier ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Hütte herum ; aber nun waren die Fenster wieder frei und auch die Tür , und das war gut , denn als am Nachmittag Heidi und der Großvater am Feuer saßen , jedes auf seinem Dreifuß - denn der Großvater hatte längst auch einen für das Kind gezimmert - , da polterte auf einmal etwas heran und schlug immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tür auf . Es war der Geißenpeter ; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tür gepoltert , sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen , die hoch hinauf davon bedeckt waren ; eigentlich der ganze Peter war von Schnee bedeckt , denn er hatte sich durch die hohen Schichten so durchkämpfen müssen , daß ganze Massen an ihm hängen geblieben und auf ihm festgefroren waren , denn es war sehr kalt . Aber er hatte nicht nachgegeben , denn er wollte zu Heidi hinauf , er hatte es jetzt acht Tage lang nicht gesehen . » Guten Abend « , sagte er im Eintreten , stellte sich gleich so nah als möglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr ; aber sein ganzes Gesicht lachte vor Vergnügen , daß er da war . Heidi schaute ihn sehr verwundert an , denn nun er so nah am Feuer war , fing es überall an ihm zu tauen an , so daß der ganze Peter anzusehen war wie ein gelinder Wasserfall . » Nun , General , wie steht ' s ? « sagte jetzt der Großvater . » Nun bist du ohne Armee und mußt am Griffel nagen . « » Warum muß er am Griffel nagen , Großvater ? « fragte Heidi sogleich mit Wißbegierde . » Im Winter muß er in die Schule gehen « , erklärte der Großvater ; » da lernt man lesen und schreiben , und das geht manchmal schwer , da hilft ' s ein wenig nach , wenn man am Griffel nagt ; ist ' s nicht wahr , General ? « » Ja , ' s ist wahr « , bestätigte Peter . Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte sehr viele Fragen über die Schule und alles , was da begegnete und zu hören und zu sehen war , an den Peter zu richten , und da immer viel Zeit verfloß über einer Unterhaltung , an der Peter teilnehmen mußte , so konnte er derweilen schön trocknen von oben bis unten . Es war immer eine große Anstrengung für ihn , seine Vorstellungen in die Worte zu bringen , die bedeuteten , was er meinte ; aber diesmal hatte er ' s besonders streng , denn kaum hatte er eine Antwort zustande gebracht , so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche , die einen ganzen Satz als Antwort erforderten . Der Großvater hatte sich ganz still verhalten während dieser Unterhaltung , aber es hatte ihm öfter ganz lustig um die Mundwinkel gezuckt , was ein Zeichen war , daß er zuhörte . » So , General , nun warst du im Feuer und brauchst Stärkung , komm , halt mit ! « Damit stand der Großvater auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor , und Heidi rückte die Stühle zum Tisch . Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom Großvater ; nun er nicht mehr allein war , hatte er da und dort allerlei Sitze zu zweien eingerichtet , denn Heidi hatte die Art , daß es sich überall nah zum Großvater hielt , wo er ging und stand und saß . So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz weit auf , als er sah , welch ein mächtiges Stück von dem schönen getrockneten Fleisch der Alm-Öhi ihm auf seine dicke Brotschnitte legte . So gut hatte es der Peter lange nicht gehabt . Als nun das vergnügte Mahl zu Ende war , fing es an zu dunkeln , und Peter schickte sich zur Heimkehr an . Als er nun » Gute Nacht « und » Dank Euch Gott « gesagt hatte und schon unter der Tür war , kehrte er sich noch einmal um und sagte : » Am Sonntag komm ' ich wieder , heut ' über acht Tag ' , und du solltest auch einmal zur Großmutter kommen , hat sie gesagt . « Das war ein ganz neuer Gedanke für Heidi , daß es zu jemandem gehen sollte , aber er faßte auf der Stelle Boden bei ihm , und gleich am folgenden Morgen war sein erstes , daß es erklärte : » Großvater , jetzt muß ich gewiß zu der Großmutter hinunter , sie erwartet mich . « » Es hat zu viel Schnee « , erwiderte der Großvater abwehrend . Aber das Vorhaben saß fest in Heidis Sinn , denn die Großmutter hatte es ja sagen lassen ; so mußte es sein . So verging kein Tag mehr , an dem das Kind nicht fünf- und sechsmal sagte : » Großvater , jetzt muß ich gewiß gehen , die Großmutter wartet ja immer auf mich . « Am vierten Tag , als es draußen knisterte und knarrte vor Kälte bei jedem Schritt und die ganze große Schneedecke ringsum hart gefroren war , aber eine schöne Sonne ins Fenster guckte , gerade auf Heidis hohen Stuhl hin , wo es am Mittagsmahl saß , da begann es wieder sein Sprüchlein : » Heut ' muß ich aber gewiß zur Großmutter gehen , es währt ihr sonst zu lange .