will aus allem Orakulosen und Mirakulosen heraus und will in die Trompete blasen , daß ihr aus eurer Dämmerung und meinetwegen auch aus eurer Götterdämmrung erwachen sollt , als ob die Feuerwehr vorüberführe . « » Ah « , sagte Melanie , die jetzt auch ihrerseits alle Ruhe zu verlieren begann . » Also da hinaus soll es . « » Ja , süßer Engel , da hinaus . Da . Ihr stellt euch stolz und gemütlich auf die Höhen aller Kunst und zieht als reine Casta diva am Himmel entlang , als ob ihr von Ozon und Keuschheit leben wolltet . Und wer ist euer Abgott ? Der Ritter von Bayreuth , ein Behexer , wie es nur je einen gegeben hat . Und an diesen Tannhäuser und Venusberg-Mann setzt ihr , als ob ihr wenigstens die Voggenhuber wäret , eurer Seelen Seligkeit und singt und spielt ihn morgens , mittags und abends . Oder dreimal täglich , wie auf euren Pillenschachteln steht . Und euer Elimar immer mit . Und sein ewiger Samtrock wird ihn auch nicht retten . Nicht ihn und nicht euch . Oder wollt ihr mir das alles als himmlischen Zauber kredenzen ? Ich sag euch , fauler Zauber . Und das ist es , was ich zweierlei Maß genannt habe . Den Murillo-Zauber möchtet ihr zu Hexerei stempeln , und die Wagner-Hexerei möchtet ihr in Zauber verwandeln . Ich aber sag euch , es liegt umgekehrt , und wenn es nicht umgekehrt liegt , so sollt ihr mir wenigstens keinen Unterschied machen . Denn es ist schließlich alles ganz egal und , mit Permission zu sagen , alles Jacke ... « Der aus der vergleichendsten Kleidersprache genommene Berolinismus , mit dem er seinen Satz abzuschließen gedachte , wurd auch wirklich gesprochen , aber er verklang in einem Getöse , das der Major durch einen geschickt kombinierten Angriff von Gläserklopfen und Stuhlrücken in Szene zu setzen gewußt hatte . Zugleich begann er : » Meine verehrten Freunde , das Wort Hexenmeister ist gefallen . Ein vorzügliches Wort ! So lassen wir sie denn leben , alle diese Tannhäuser , wobei sich jeder das Seine denken mag . Ich trinke auf das Wohl der Hexenmeister . Denn alle Kunst ist Hexerei . Rechten wir nicht mit dem Wort . Was sind Worte ? Schall und Rauch . Stoßen wir an . Hoch , hoch . « Und mit einer wohlgemeinten Kraftanstrengung , in der jetzt jeder zitternde Ton fehlte , wurde zugestimmt , namentlich auch von seiten der beiden Maler , und kaum einer war da , der nicht an eine glücklich beseitigte Gefahr geglaubt hätte . Aber mit Unrecht . Van der Straaten , absolut unerzogen , konnte , vielleicht weil er dies Manko fühlte , nichts so wenig ertragen , als auf Unerzogenheiten aufmerksam gemacht zu werden : er vergaß sich dann ganz und gar , und der Dünkel des reichen Mannes , der gewohnt war zu helfen , nach allen Seiten hin zu helfen , stieg ihm dann zu Kopf und schlug in Wellen über ihm zusammen . Und so auch jetzt . Er erhob sich und sagte : » Kupierungen sind etwas Wundervolles . Keine Frage . Ich beispielsweise kupiere Kupons . Ein inferiores Geschäft , das unter Umständen nichtsdestoweniger einen Anspruch darauf gibt , gegen Wort und Redekupierungen gesichert zu sein , namentlich gegen solche , die reprimandieren und erziehen wollen . Ich bin erzogen . « Er hatte mit vor Erregung zitternder Stimme gesprochen , aber mit zugekniffenem Auge fest zu dem Major hinübergesehen . Dieser , ein vollkommener Weltmann , lächelte vor sich hin und blinkte nur leise den beiden Damen zu , daß sie sich beruhigen möchten . Dann ergriff er sein Glas ein zweites Mal , gab seinen Zügen , ohne sich sonderlich anzustrengen , einen freundlichen Ausdruck und sagte zu van der Straaten : » Es ist soviel von Kupieren gesprochen worden ; kupieren wir auch das . Ich lebe der festen Überzeugung ... « In eben diesem Augenblicke sprang der Pfropfen von einer der im Weinkühler stehenden Flaschen , und Gryczinski , rasch den Vorteil erspähend , den er aus diesem Zwischenfalle ziehen konnte , brach inmitten des Satzes ab und sagte nur , während er , unter leiser Verbeugung , seines Schwagers Glas füllte : » Friede sei ihr erst Geläute ! « Solchem Appell zu widerstehen war van der Straaten der letzte . » Mein lieber Gryczinski « , hob er in plötzlich erwachter Sentimentalität an , » wir verstehen uns , wir haben uns immer verstanden . Gib mir deine Hand . Lacrimae Christi , Friedrich ! Rasch . Das Beste daran ist freilich der Name . Aber er hat ihn nun mal . Jeder hat nun mal das Seine , der eine dies , der andre das . « » Allerdings « , lachte Gabler . » Ach Arnold , du überschätzt das . Glaube mir , der Selige hatte recht . Gold ist nur Chimäre . Und Elimar würd es mir bestätigen , wenn es nicht ein Satz aus einer überwundenen Oper wäre . Ich muß sagen , leider überwunden . Denn ich liebe Nonnen , die tanzen . Aber da kommt die Flasche . Laß nur Staub und Spinnweb . Sie muß in ihrer ganzen unabgeputzten Heiligkeit verbleiben . Lacrimae Christi . Wie das klingt ! « Und die frühere Heiterkeit kehrte wieder oder schien wenigstens wiederzukehren , und als van der Straaten fortfuhr , in wahren Ungeheuerlichkeiten über Christustränen , Erlöserblut und Versöhnungswein zu sprechen , durfte Melanie schließlich die Bemerkung wagen : » Du vergißt , Ezel , daß der Polizeirat katholisch ist . « » Ich bitte recht sehr « , sagte Reiff , als ob er auf etwas Unerlaubtem ertappt worden wäre . Van der Straaten aber verschwor sich hoch und teuer , daß ein vierzig Jahre lang treu geleisteter Sicherheitsdienst über alles konfessionelle Plus oder Minus hinaus entscheidend sein und vor dem Richterstuhle der Ewigkeit angerechnet werden müsse . Und als bald darauf die Gläser abermals gefüllt und geleert worden waren , rückte Melanie den Stuhl , und man erhob sich , um im Nebenzimmer den Kaffee zu nehmen . Sechstes Kapitel Auf dem Heimwege Die Kaffeestunde verlief ohne Zwischenfall , und es war bereits gegen zehn , als der Diener meldete , daß der Wagen vorgefahren sei . Diese Meldung galt dem Gryczinskischen Paare , das , an den Diner-Tagen , seine Heimfahrt in der ihm bei dieser Gelegenheit ein für allemal zur Verfügung gestellten kommerzienrätlichen Equipage zu machen pflegte . Mäntel und Hüte wurden gebracht , und die schöne Jacobine , Hals und Kopf in ein weißes Filettuch gehüllt , stand alsbald in der Mitte des Kreises und wartete lachend und geduldig auf die beiden Maler , denen Gryczinski noch im letzten Augenblicke die Mitfahrt angeboten hatte . Das Parlamentieren darüber wollte kein Ende nehmen , und erst als man unten am Wagenschlage stand , entschied sich ' s , und Gabler placierte sich nun - mehr ohne weiteres auf den Rücksitz , während Elimar mit einem kräftigen Turnerschwunge seinen Platz auf dem Bocke nahm , angeblich aus Rücksicht gegen die Wageninsassen , in Wahrheit aus eigener Bequemlichkeit und Neugier . Er sehnte sich nämlich nach einem Gespräche mit dem Kutscher . Dieser , auch noch ein Erbstück aus des alten van der Straaten Zeiten her , führte den unkutscherlichen Namen Emil , der jedoch seit lange seinen Verhältnissen angepaßt und in ein plattdeutsches » Ehm « abgekürzt worden war . Mit um so größerem Recht , als er wirklich in Fritz Reuterschen Gegenden das Licht der Welt erblickt und sich bis diesen Tag , neben seinem Berliner Jargon , einen Rest heimatlicher Sprache konserviert hatte . Elimar , einer seiner Bevorzugten , nahm gleich im ersten Momente des Zurechtrückens ein mehrklappiges Lederfutteral heraus , steckte dem Alten eine der obenauf liegenden Zigarren zu und sagte vertraulich : » Für ' n Rückweg , Ehm . « Dieser fuhr mit der Rechten dankend an seinen Kutscherhut , und damit waren die Präliminarien geschlossen . Als sie bald darauf bei der Normaluhr auf dem Spittelmarkte vorüberkamen und in eine der schlechtgepflasterten Seitenstraßen einbogen , hielt Elimar den ersehnten Zeitpunkt für gekommen und sagte : » Ist denn der neue Herr schon da ? « » Der Frankfurtsche ? Nee , noch nich , Herr Schulze . « » Na , dann muß er aber doch bald ... « » I , woll . Bald muß er . Ich denke , so nächste Woche . Un de Stuben sind ooch all tapziert . Jott , se duhn ja , wie wenn ' t en Prinz wär , erst der Herr un nu ooch de Jnädge . Un Christel meent , he sall man en Jüdscher sinn . « » Aber reich . Und Offizier . Das heißt bei der Landwehr oder so . « » Is et möglich ? « » Und er soll auch singen . « » Ja , singen wird er woll . « Elimar war eitel genug , an dieser letzteren Äußerung Anstoß zu nehmen , und da sich ' s gerade traf , daß in eben diesem Augenblicke der Wagen aus dem Wallstraßen-Portal auf den abendlich-stillen Opernplatz einbog , so gab er das Gespräch um so lieber auf , als er nicht wollte , daß dasselbe von den Insassen des Wagens verstanden würde . Von seiten dieser war bis dahin kein Wort gewechselt worden , nicht aus Verstimmung , sondern nur aus Rücksicht gegen die junge Frau , die , herzlich froh über den zur Hälfte frei gebliebenen Rücksitz , ihre kleinen Füße gegen das Polsterkissen gestemmt und sich bequem in den Fond des Wagens zurückgelehnt hatte . Sie war gleich beim Einsteigen ersichtlich müde gewesen , hatte , wie zur Entschuldigung , etwas von Champagner und Kopfweh gesprochen , das Filettuch dabei höher gezogen und ihre Augen geschlossen . Erst als sie zwischen dem Palais und dem Friedrichsmonumente hinfuhren , richtete sie sich wieder auf , weil sie jenen Allerloyalsten zugehörte , die sich schon beglückt fühlen , einen bloßen Schattenriß an dem herabgelassenen Vorhange des Eckfensters gesehn zu haben . Und wirklich , sie sah ihn und gab , in ihrer reizenden , halb kindlich , halb koketten Weise , der Freude darüber Ausdruck . Ihr Geplauder hatte noch nicht geendet , als der Wagen am Brandenburger Tore hielt . Im Nu waren beide Maler , deren Weg hier abzweigte , von ihren Plätzen herunter und empfahlen sich dankend dem liebenswürdigen Paare , das nun seinerseits durch die breite Schrägallee auf das Siegesdenkmal und die dahinter gelegene Alsenstraße zufuhr . Als sie mitten auf dem von bunten Lichtern überstrahlten Platze waren , schmiegte sich die schöne junge Frau zärtlich an ihren Gatten und sagte » War das ein Tag , Otto . Ich habe dich bewundert . « » Es wurde mir leichter , als du denkst . Ich spiele mit ihm . Er ist ein altes Kind . « » Und Melanie ... ! Glaube mir , sie fühlt es . Und sie tut mir leid . Du lächelst so . Dir nicht ? « » Ja und nein , ma chère . Man hat eben nichts umsonst in der Welt . Sie hat eine Villa und eine Bildergalerie ... « » Aus der sie sich nichts macht . Du weißt ja , wie wenig sie daran hängt ... « » Und hat zwei reizende Kinder ... « » Um die ich sie fast beneide . « » Nun , siehst du « , lachte der Major . » Ein jeder hat die Kunst zu lernen , sich zu bescheiden und einzuschränken . Wär ich mein Schwager , so würd ich sagen ... « Aber sie schloß ihm den Mund mit einem Kuß , und im nächsten Augenblicke hielt der Wagen . Die beiden Räte , der Legations- und der Polizeirat , waren an der Ecke des Petriplatzes in eine Droschke gestiegen , um bis an das Potsdamer Tor zu fahren . Von hier aus wollten sie den Rest des Weges , um der frischen Abendluft willen , zu Fuß machen . In Wahrheit aber hielten sie bloß zu dem Satze , » daß man im kleinen sparen müsse , um sich im großen legitimieren zu können « , wobei leider nur zu bedauern blieb , daß ihnen die » großen Gelegenheiten « entweder nie gekommen oder regelmäßig von ihnen versäumt worden waren . Unterwegs , solange die Fahrt dauerte , war kein Wort gewechselt worden , und erst beim Aussteigen hatte , bei der nun nötig werdenden Division von 2 in 6 , ein Gespräch begonnen , das alle Parteien zufriedengestellt zu haben schien . Nur nicht den Kutscher . Beide Räte hüteten sich deshalb auch , sich nach dem letzteren umzusehen , vor allem Duquede , der , außerdem noch ein abgeschworener Feind aller Platzübergänge mit Eisenbahnschienen und Pferdebahngeklingel , überhaupt erst wieder in Ruhe kam , als er die schon frisch in Knospen stehende Bellevuestraße glücklich erreicht hatte . Reiff folgte , schob sich artig und respektvoll an die linke Seite des Legationsrates und sagte plötzlich und unvermittelt : » Es war doch wieder eine recht peinliche Geschichte heute . Finden Sie nicht ? Und ehrlich gestanden , ich begreif ihn nicht . Er ist doch nun Fünfzig und drüber und sollte sich die Hörner abgelaufen haben . Aber er ist und bleibt ein Durchgänger . « » Ja « , sagte Duquede , der einen Augenblick stillstand , um Atem zu schöpfen , » etwas Durchgängerisches hat er . Aber , lieber Freund , warum soll er es nicht haben ? Ich taxier ihn auf eine Million , seine Bilder ungerechnet , und ich sehe nicht ein , warum einer in seinem eigenen Haus und an seinem eigenen Tisch nicht sprechen soll , wie ihm der Schnabel gewachsen ist . Ich bekenn Ihnen offen , Reiff , ich freue mich immer , wenn er mal so zwischenfährt . Der Alte war auch so , nur viel schlimmer , und es hieß schon damals , vor vierzig Jahren : Es sei doch ein sonderbares Haus und man könne eigentlich nicht hingehen . Aber uneigentlich ging alles hin . Und so war es , und so ist es geblieben . « » Es fehlt ihm aber doch wirklich an Bildung und Erziehung . « » Ach , ich bitte Sie , Reiff , gehen Sie mir mit Bildung und Erziehung . Das sind so zwei ganz moderne Wörter , die der Große Mann aufgebracht haben könnte , so sehr haß ich sie . Bildung und Erziehung . Erstlich ist es in der Regel nicht viel damit , und wenn es mal was ist , dann ist es auch noch nichts . Glauben Sie mir , es wird überschätzt . Und kommt auch nur bei uns vor . Und warum ? Weil wir nichts Besseres haben . Wer gar nichts hat , der ist gebildet . Wer aber soviel hat wie van der Straaten , der braucht all die Dummheiten nicht . Er hat einen guten Verstand und einen guten Witz und , was noch mehr sagen will , einen guten Kredit . Bildung , Bildung . Es ist zum Lachen . « » Ich weiß doch nicht , ob Sie recht haben , Duquede . Ja , wenn es geblieben wäre wie früher . Junggesellenwirtschaft . Aber nun hat er die junge Frau geheiratet , jung und schön und klug ... « » Nu , nu , Reiff . Nur nicht extravagant . Es ist damit nicht so weit her , wie Sie glauben ; sie ist ' ne Fremde , französische Schweiz , und an allem Fremden verkucken sich die Berliner . Das ist wie Amen in der Kirche . Sie hat so ein bißchen Genfer Chic . Aber was will das am Ende sagen ? Alles , was die Genfer haben , ist doch auch bloß aus zweiter Hand . Und nun gar klug . Ich bitte Sie , was heißt klug ? Er ist viel klüger . Oder glauben Sie , daß es auf ' ne französische Vokabel ankommt ? oder auf den Erlkönig ? Ich gebe zu , sie hat ein paar niedliche Manierchen und weiß sich unter Umständen ein Air zu geben . Aber es ist nicht viel dahinter , alles Firlefanz , und wird kolossal überschätzt . « » Ich weiß doch nicht , ob Sie recht haben « , wiederholte der Polizeirat . » Und dann ist sie doch schließlich von Familie . « Duquede lachte . » Nein , Reiff , das ist sie nun schließlich nicht . Und ich sag Ihnen , da haben wir den Punkt , auf den ich keinen Spaß verstehe . Caparoux . Es klingt nach was . Zugestanden . Aber was heißt es denn am Ende ? Rotkapp oder Rotkäppchen . Das ist ein Märchenname , aber kein Adelsname . Ich habe mich darum gekümmert und nachgeschlagen . Und im Vertrauen , Reiff , es gibt gar keine de Caparoux . « » Aber bedenken Sie doch den Major ! Er hat alle Sorten Stolz und wird sich doch schwerlich eine Mesalliance nachsagen lassen wollen . « » Ich kenn ihn besser . Er ist ein Streber . Oder sagen wir einfach , er ist ein Generalstäbler . Ich hasse die ganze Gesellschaft , und glauben Sie mir , Reiff , ich weiß , warum . Unsre Generalstäbler werden überschätzt , kolossal überschätzt . « » Ich weiß doch nicht , ob Sie recht haben « , ließ sich der Polizeirat ein drittes Mal vernehmen . » Bedenken Sie bloß , was Stoffel gesagt hat . Und nachher kam es auch so . Aber ich will nur von Gryczinski sprechen . Wie liebenswürdig benahm er sich heute wieder ! Wie liebenswürdig und wie vornehm . « » Ah , bah , vornehm . Ich bilde mir auch ein , zu wissen , was vornehm ist . Und ich sag Ihnen , Reiff , Vornehmheit ist anders . Vornehm ! Ein Schlaukopf ist er und weiter nichts . Oder glauben Sie , daß er die kleine Rotblondine mit den ewigen Schmachtaugen geheiratet hat , weil sie Caparoux hieß oder meinetwegen auch de Caparoux ? Er hat sie geheiratet , weil sie die Schwester ihrer Schwester ist . Du himmlischer Vater , daß ich einem Polizeirat solche Lektion halten muß . « Der Polizeirat , dessen Schwachheiten nach der erotischen Seite hin lagen , las aus diesen andeutenden Worten ein Liebesverhältnis zwischen dem Major und Melanie heraus und sah den langen hagren Duquede von der Seite her betroffen an . Dieser aber lachte und sagte : » Nicht so , Reiff , nicht so ! Carrièremacher sind immer nur Courmacher . Nichts weiter . Es gibt heutzutage Personen ( und auch das verdanken wir unsrem großen Reichsbaumeister , der die soliden Werkleute fallen läßt oder beiseite schiebt ) , es gibt , sag ich , heutzutage Personen , denen alles bloß Mittel zum Zweck ist . Auch die Liebe . Und zu diesen Personen gehört auch unser Freund , der Major . Ich hätte nicht sagen sollen , er hat die Kleine geheiratet , weil sie die Schwester ihrer Schwester ist , sondern weil sie die Schwägerin ihres Schwagers ist . Er braucht diesen Schwager , und ich sag Ihnen , Reiff , denn ich kenne den Ton und die Strömung oben , es gibt weniges , was nach oben hin so empfiehlt wie das . Ein Schwager-Kommerzienrat ist nicht viel weniger wert als ein Schwiegervater-Kommerzienrat und rangiert wenigstens gleich dahinter . Unter allen Umständen aber sind Kommerzienräte wie konsolidierte Fonds , auf die jeden Augenblick gezogen werden kann . Es ist immer Deckung da . « » Sie wollen also sagen ... « » Ich will gar nichts sagen , Reiff ... Ich meine nur so . « Und damit waren sie bis an die Bendlerstraße gekommen , wo beide sich trennten . Reiff ging auf die Von-der-Heydt-Brücke zu , während Duquede seinen Weg in gerader Richtung fortsetzte . Er wohnte dicht an der Hofjäger-Allee , sehr hoch , aber in einem sehr vornehmen Hause . Siebentes Kapitel Ebenezer Rubehn Wenige Tage später hatte Melanie das Stadthaus verlassen und die Tiergarten-Villa bezogen . Van der Straaten selbst machte diesen Umzug nicht mit und war , sosehr er die Villa liebte , doch immer erst vom September ab andauernd draußen . Und auch das nur , weil er ein noch leidenschaftlicherer Obstzüchter als Bildersammler war . Bis dahin erschien er nur jeden dritten Tag als Gast und versicherte dabei jedem , der es hören wollte , daß dies die stundenweis ihm nachgezahlten Flitterwochen seiner Ehe seien . Melanie hütete sich wohl zu widersprechen , war vielmehr die Liebenswürdigkeit selbst und genoß in den zwischenliegenden Tagen das Glück ihrer Freiheit . Und dieses Glück war um vieles größer , als man , ihrer Stellung nach , die so dominierend und so frei schien , hätte glauben sollen . Denn sie dominierte nur , weil sie sich zu zwingen verstand ; aber dieses Zwanges los und ledig zu sein blieb doch ihr Wunsch , ihr beständiges , stilles Verlangen . Und das erfüllten ihr die Sommertage . Da hatte sie Ruhe vor seinen Liebesbeweisen und seinen Ungeniertheiten , nicht immer , aber doch meist , und das Bewußtsein davon gab ihr ein unendliches Wohlgefühl . Und dieses Wohlgefühl steigerte sich noch in dem entzückenden und beinah ungestörten Stilleben , dessen sie draußen genoß . Wohl liebte sie Stadt und Gesellschaft und den Ton der großen Welt , aber wenn die Schwalben wieder zwitscherten und der Flieder wieder zu knospen begann , da zog sie ' s doch in die Parkeinsamkeit hinaus , die wiederum kaum eine Einsamkeit war , denn neben der Natur , deren Sprache sie wohl verstand , hatte sie Bücher und Musik und - die Kinder . Die Kinder , die sie während der Saison oft tagelang nicht sah und an deren Aufwachsen und Lernen sie draußen in der Villa den regsten Anteil nahm . Ja , sie half selber nach , in den Sprachen , vor allem im Französischen , und durchblätterte mit ihnen Atlas und historische Bilderbücher . Und an alles knüpfte sie Geschichten , die sie dem Gedächtnis der Kinder einzuprägen wußte . Denn sie war gescheit und hatte die Gabe , von allem , worüber sie sprach , ein klares und anschauliches Bild zu geben . Es waren glückliche stille Tage . Möglich dennoch , daß es zu stille Tage gewesen wären , wenn das tiefste Bedürfnis der Frauennatur : das Plauderbedürfnis , unbefriedigt geblieben wäre . Aber dafür war gesorgt . Wie fast alle reichen Häuser hatten auch die van der Straatens einen Anhang ganz- und halb-alter Damen , die zu Weihnachten beschenkt und im Laufe des Jahres zu Kaffees und Landpartien eingeladen wurden . Es waren ihrer sieben oder acht , unter denen jedoch zwei durch eine besonders intime Stellung hervorragten , und zwar das kleine verwachsene Fräulein Friederike von Sawatzki und das stattlich hochaufgeschossene Klavier- und Singefräulein Anastasia Schmidt . Ihrer apart bevorzugten Stellung entsprach es denn auch , daß sie jeden zweiten Osterfeiertag durch van der Straaten in Person befragt wurden , ob sie sich entschließen könnten , seiner Frau während der Sommermonate draußen in der Villa Gesellschaft zu leisten , eine Frage , die jedesmal mit einer Verbeugung und einem freundlichen » Ja « beantwortet wurde . Aber doch nicht zu freundlich , denn man wollte nicht verraten , daß die Frage erwartet war . Und beide Damen waren auch in diesem Jahre , wie herkömmlich , als Dames d ' honneur installiert worden , hatten den Umzug mitgemacht und erschienen jeden Morgen auf der Veranda , um gegen neun Uhr mit den Kindern das erste und um zwölf mit Melanie das zweite Frühstück zu nehmen . Auch heute wieder . Es mochte schon gegen eins sein , und das Frühstück war beendet . Aber der Tisch noch nicht abgedeckt . Ein leiser Luftzug , der ging und sich verstärkte , weil alle Türen und Fenster offenstanden , bewegte das rotgemusterte Tischtuch , und von dem am andern Ende des Korridors gelegenen Musikzimmer her hörte man ein Stück der Cramerschen Klavierschule , dessen mangelhaften Takt in Ordnung zu bringen Fräulein Anastasia Schmidt sich anstrengte . » Eins , zwei ; eins , zwei . « Aber niemand achtete dieser Anstrengungen , am wenigsten Melanie , die neben Fräulein Riekchen , wie man sie gewöhnlich hieß , in einem Gartenstuhle saß und dann und wann von ihrer Handarbeit aufsah , um das reizende Parkbild unmittelbar um sie her , trotzdem sie jeden kleinsten Zug darin kannte , auf sich wirken zu lassen . Es war selbstverständlich die schönste Stelle der ganzen Anlage . Denn von hundert Gästen , die kamen , begnügten sich neunundneunzig damit , den Park von hier aus zu betrachten und zu beurteilen . Am Ende des Hauptganges , zwischen den eben ergrünenden Bäumen hin , sah man das Zittern und Flimmern des vorüberziehenden Stromes , aus der Mitte der überall eingestreuten Rasenflächen aber erhoben sich Aloen und Bosquets und Glaskugeln und Bassins . Eines der kleineren plätscherte , während auf der Einfassung des großen ein Pfauhahn saß und die Mittagssonne mit seinem Gefieder einzusaugen schien . Tauben und Perlhühner waren bis in unmittelbare Nähe der Veranda gekommen , von der aus Riekchen ihnen eben Krumen streute . » Du gewöhnst sie zu sehr an diesen Platz « , sagte Melanie . » Und wir werden einen Krieg mit van der Straaten haben . « » Ich fecht ihn schon aus « , entgegnete die Kleine . » Ja , du darfst es dir wenigstens zutrauen . Und wirklich , Riekchen , ich könnte jaloux werden , so sehr bevorzugt er dich . Ich glaube , du bist der einzige Mensch , der ihm alles sagen darf , und soviel ich weiß , ist er noch nie heftig gegen dich geworden . Ob ihm dein alter Adel imponiert ? Sage mir deinen vollen Namen und Titel . Ich hör es so gern und vergeß es immer wieder . « » Aloysia Friederike Sawat von Sawatzki , genannt Sattler von der Hölle , Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark . « » Wunderschön « , sagte Melanie . » Wenn ich doch so heißen könnte ! Und du kannst es glauben , Riekchen , das ist es , was einen Eindruck auf ihn macht . « Alles das war in herzlicher Heiterkeit gesagt und von Riekchen auch so beantwortet worden . Jetzt aber rückte diese den Stuhl näher an Melanie heran , nahm die Hand der jungen Frau und sagte : » Eigentlich sollt ich böse sein , daß du deinen Spott mit mir hast . Aber wer könnte dir böse sein ! « » Ich spotte nicht « , entgegnete Melanie . » Du mußt doch selber finden , daß er dich artiger und rücksichtsvoller behandelt als jeden andren Menschen . « » Ja « , sagte jetzt das arme Fräulein , und ihre Stimme zitterte vor Bewegung . » Er behandelt mich gut , weil er ein gutes Herz hat , ein viel besseres , als mancher denkt , und vielleicht auch , als du selber denkst . Und er ist auch gar nicht so rücksichtslos . Er kann nur nicht leiden , daß man ihn stört oder herausfordert , ich meine solche , die ' s eigentlich nicht sollten oder dürften . Sieh , Kind , dann beherrscht er sich nicht länger , aber nicht , weil er ' s nicht könnte , nein , weil er nicht will . Und er braucht es auch nicht zu wollen . Und wenn man gerecht sein will , er kann es auch nicht wollen . Denn er ist reich , und alle reichen Leute lernen die Menschen von ihrer schlechtesten Seite kennen . Alles überstürzt sich , erst in Dienstfertigkeit und hinterher in Undank . Und Undank ernten ist eine schlechte Schule für Zartheit und Liebe . Und deshalb glauben die Reichen an nichts Edles und Aufrichtiges in der Welt . Aber das sag ich dir und muß ich dir immer wieder sagen , dein van der Straaten ist besser , als mancher denkt und als du selber denkst . « Es entstand eine kleine Pause , nicht ganz ohne Verlegenheit , dann nickte Melanie freundlich dem alten Fräulein zu und sagte : » Sprich nur weiter . Ich höre dich gerne so . « » Und ich will auch « , sagte diese . » Sieh , ich habe dir schon gesagt , er behandelt mich gut , weil er ein gutes Herz hat . Aber das ist es noch nicht alles . Er ist auch so freundlich gegen mich , weil er mitleidig ist . Und mitleidig sein ist noch viel mehr als bloß gütig sein und ist eigentlich das Beste , was die Menschen haben . Er lacht auch immer , wenn er meinen langen Namen hört , geradeso wie du , aber ich hab es gern , ihn so lachen zu hören , denn ich höre wohl heraus , was er dabei denkt und fühlt . « » Und was fühlt er denn ? « » Er fühlt den Gegensatz zwischen dem Anspruch meines Namens und dem , was ich bin : arm und alt und einsam und ein bloßes Figürchen . Und wenn ich sage Figürchen , so beschönige ich noch und schmeichle noch mir selbst . « Melanie hatte das Batisttuch ans Auge gedrückt und sagte : » Du hast recht . Du hast immer recht . Aber wo nur Anastasia bleibt , die Stunde nimmt ja gar kein Ende . Sie quält mir die Liddi viel zu sehr , und das Ende