saß gerade aufrecht neben ihm . » Nun , was gibt es , Lewin , was bringst du ? « » Vielleicht eine Neuigkeit . Morgen werden unsere Blätter das Bulletin bringen , das die Vernichtung des Heeres zugesteht . Ladalinskis hatten den französischen Text ; Kathinka las uns die Hauptstellen vor . Es hat mich erschüttert . « » Auch mich , aber noch mehr hat es mich erhoben . « » So kennst du schon den Inhalt ? und ich komme wieder zu spät . « » Tante Amelie empfing den Zeitungsausschnitt schon gestern ; du kennst ihre alten Beziehungen . Graf Drosselstein , der gestern bei ihr war , erbot sich , mir persönlich die Nachricht zu bringen . Wir haben wohl eine Stunde geplaudert . Und glaube mir , das Bulletin sagt nicht die Hälfte . Wir haben Briefe aus Minsk und Bialystock ; sie sind total vernichtet . « » Welch ein Gericht ! « » Ja , Lewin , du sprichst das Wort . Die große Hand , die beim Gastmahl des Belsazar war , hat wieder ihre Zeichen geschrieben und diesmal keine Rätselzeichen . Jeder kann sie lesen : Gezählt , gewogen und hinweggetan . Ein Gottesgericht hat ihn verworfen . Und doch fürchte ich , Lewin , wir haben Neunmalweise am Ruder , die dem zornigen Gott in den Arm fallen wollen . Sie dürfen es nicht . Wagen sie es , so sind sie verloren , sie und wir . - Wie ist die Stimmung ? « » Gut . Es ist mir , als wäre eine Wandlung über die Gemüter gekommen . Das ganze Fühlen ist ein höheres ; wo noch Niedrigkeit der Gesinnung ist , da wagt sie sich nicht hervor . Was fehlt , ist eins : ein leitender Wille , ein entschlußkräftiges Wort . « » Das Wort muß gesprochen werden , so oder so . Wenn die Menschen stumm sind , so schreien es die Steine . Gott will es , daß wir seine Zeichen verstehen . Lewin , wir alle sind hier entschlossen . Wir alle stehen hier des Wortes gewärtig ; wird es nicht gesprochen , so folgen wir dem lauten Wort , das in uns klingt . Es begräbt sich leicht im Schnee . Nur kein feiges Mitleid . Jetzt oder nie . Nicht viele werden den Njemen überschreiten , über die Oder darf keiner . « Lewin schwieg eine Weile ; er mied es , dem Blick des Vaters zu begegnen . Dann sprach er halb vor sich hin : » Wir sind die Verbündeten des Kaisers . Wir wollen das Bündnis lösen , Gott gebe es , aber - « » So mißbilligst du , was wir vorhaben ? « » Ich kann nicht anders . Das , was du vorhast und was Tausende der Besten wollen , es ist gegen meine Natur . Ich habe kein Herz für das , was sie jetzt mit Stolz und Bewunderung die spanische Kriegsführung nennen . Alles , was von hintenher sein Opfer faßt , ist mir verhaßt . Ich bin für offenen Kampf , bei hellem Sonnenschein und schmetternden Trompeten . Wie oft habe ich in Entzücken geweint , wenn ich auf der Fußbank neben Mama saß und sie von ihrem Vater erzählte , wie er , kaum achtzehnjährig , in die russischen Vierecke einbrach und wie dann Rittmeister von Wakenitz vor der Schwadron ihn küßte und ihm zurief : Junker von Dumoulin , lassen Sie uns die Degen tauschen . Ja , ich will Krieg führen , aber deutsch , nicht spanisch , auch nicht slawisch . Du weißt , Papa , ich bin meiner Mutter Sohn . « » Das bist du , und ein Glück , daß du es bist . Über deiner Mutter Kindheit haben helle Sterne gestanden , und ich bitte Gott , daß der Segen ihres Hauses über dir und über Renaten sei . « Lewin sah wieder vor sich hin . Berndt von Vitzewitz aber fuhr fort : » Ich weiß , was eine Natur zu bedeuten hat ; alles An- und Eingeborene , das nicht gegen die Gebote Gottes streitet , ist mir heilig ; gehe deinen Weg , Lewin , ich zwinge dich in nichts . Aber ich , in stillen Nächten habe ich mir ' s geschworen , ich will den meinen gehen ! « Eine kurze Pause folgte , während welcher Berndt in dem schmalen Zimmer auf und nieder schritt . Dann , ohne des Schweigens zu achten , in dem Lewin verharrte , sprach er weiter : » Ihr in den Städten , und du bist ein Stadtkind geworden , Lewin , ihr wißt es nicht , ihr habt es nicht recht erlebt . Unter den Augen der Machthaber nahm die Unterdrückung Maß und das Ungesetzliche gesetzliche Formen an . Sie rühmen sich dessen sogar und glauben es beinahe selbst , daß sie unsere Ketten gebrochen haben . Aber wir auf dem Lande , wir wissen es besser , und ich sage dir , Lewin , die rote Hand , die Feuer an die Scheunen legte , die die Goldringe von den Fingern unserer Toten zog , sie ist unvergessen hierherum , und eine rötere Hand wird ihr die Antwort geben . « Lewin wollte dem Vater antworten ; aber dieser , die Heftigkeit seiner Rede plötzlich umstimmend , fuhr mit ersichtlicher Bewegung fort : » Du warst noch ein Knabe , als der böse Feind ins Land kam : der Glanz seiner Taten ging vor ihm her . Was er damals im Übermut seines Glückes unsere Königin zu fragen sich erdreistete : Wie mochten Sie ' s nur wagen , den Kampf gegen mich aufzunehmen ? , diese Frage ist seitdem von tausend Schwachen und Elenden im Lande selber nachgesprochen worden , als ob sie das A und das O aller Weisheit wäre . Und in dieser Vorstellung unserer Ohnmacht bist du herangewachsen , du und Renate . Ihr habt nichts gesehen als unsere Kleinheit , und ihr habt nichts gehört als die Größe unseres Siegers . Aber , Lewin , es war einst anders , und wir Alten , die wir noch das Auge des großen Königs gesehen haben , wir schmecken bitter den Kelch der Niedrigkeit , der jetzt täglich an unseren Lippen ist . « » Und ich bin es sicher « , fiel jetzt Lewin ein , » er wird von uns genommen werden . Wir werden einen frohen , einen heiligen Krieg haben . Aber zunächst sind wir unseres Feindes Freund , wir haben mit und neben ihm in Waffen gestanden ; er rechnet auf uns , er schleppt sich unserer Türe zu , hoffnungsvoll wie der Schwelle seines eigenen Hauses ; das Licht , das er schimmern sieht , bedeutet ihm Rettung , Leben , und an der Schwelle eben dieses Hauses faßt ihn unsere Hand und würgt den Wehrlosen . « In diesem Augenblick begannen die Glocken zu klingen , die von dem alten Hohen-Vietzer Turm her zur Kirche riefen . Sie klangen laut und voll in dem klaren Wetter , Berndt horchte auf ; dann mit der Hand nach Osten deutend , von wo die Klänge herüberhallten , fuhr er seinerseits fort : » Ich weiß , daß geschrieben steht , die Rache ist mein , und in menschlicher Gebrechlichkeit , das weiß der , der in die Herzen sieht , bin ich allezeit seinem Wort gefolgt . Ich fürchte nicht , daß ich lästere , wenn ich ausspreche : Es gibt auch eine heilige Rache . So war es , als Simson die Tempelpfosten faßte und sich und seine Feinde unter Trümmern begrub . Vielleicht , daß auch unsere Rache nichts anderes wird als ein gemeinschaftliches Grab . Sei ' s drum ; ich habe abgeschlossen ; ich setze mein Leben daran , und , Gott sei Dank , ich darf es . Diese Hand , wenn ich sie aufhebe , so erhebe ich sie nicht , um persönliche Unbill zu rächen , nein , ich erhebe sie gegen den bösen Feind aller Menschheit , und weil ich ihn selber nicht treffen kann , so zerbreche ich seine Waffe , wo ich sie finde . Der große Schuldige reißt viel Unschuldige mit in sein Verhängnis ; wir können nicht sichten und sondern . Das Netz ist ausgespannt , und je mehr sich darin verfangen , desto besser . Wir sprechen weiter davon , Lewin . Jetzt ist Kirchzeit . Laß uns Gottes Wort nicht versäumen . Wir bedürfen seiner . « So trennten sie sich , als die Glocken zum zweiten Mal ihr Geläut begannen . Fünftes Kapitel In der Kirche Das Summen der Glocken war noch in der Luft , als Berndt von Vitzewitz , Renaten am Arm , aus einem in den Schnee gefegten Fußsteig in die große Nußbaumallee einbog , die , leise ansteigend , von der Einfahrt des Herrenhauses her in gerader Linie zur Hügelkirche hinaufführte . Dem voraufschreitenden Paare folgten Lewin und Tante Schorlemmer . Alle waren winterlich gekleidet ; die Hände der Damen steckten in schneeweißen Grönlandsmuffen ; nur Lewin , alles Pelzwerk verschmähend , trug einen hellgrauen Mantel mit weitem Überfallkragen . Die mehrgenannte Hügelkirche , der sie zuschritten , war ein alter Feldsteinbau aus der ersten christlichen Zeit , aus den Kolonisationstagen der Zisterzienser her ; dafür sprachen die sauber behauenen Steine , die Chornische und vor allem die kleinen hochgelegenen Rundbogenfenster , die dieser Kirche , wie allen vorgotischen Gotteshäusern der Mark , den Charakter einer Burg gaben . Wenig hatten die Jahrhunderte daran geändert . Einige Fenster waren verbreitert , ein paar Seiteneingänge für den Geistlichen und die Gutsherrschaft hergerichtet worden ; sonst , mit Ausnahme des Turmes und eines neuen Gruftanbaues der nördlichen Langwand , stand alles , wie es zu den Mönchszeiten gestanden hatte . War nun aber das Äußere der Kirche so gut wie unverändert geblieben , so hatte das Innere derselben alle Wandlungen eines halben Jahrtausends durchgemacht . Von den Tagen an , wo die Askanier hier ihre regelmäßig wiederkehrenden Fehden mit den Pommerherzögen ausfochten , bis auf die Tage herab , wo der große König an eben dieser Stelle , bei Zorndorf und Kunersdorf , seine blutigsten Schlachten schlug , war an der Hohen-Vietzer Kirche kein Jahrhundert vorübergegangen , das ihr nicht in ihrer inneren Erscheinung Abbruch oder Vorschub geleistet , ihr nicht das eine oder andere gegeben oder genommen hätte . Ein Gleiches , was hier eingeschaltet werden mag , gilt von der Mehrzahl aller alten märkischen Dorfkirchen , die dadurch ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit empfangen . Besonders im Gegensatz zu den weltlichen oder Profanbauten unseres Landes . Überblickt man diese , so nimmt man alsbald wahr , daß die eine Gruppe zwar die Jahre , aber keine Geschichte , die andere Gruppe zwar die Geschichte , aber keine Jahre hat . Burg Soltwedel ist uralt , aber schweigt . Schloß Sanssouci spricht , aber ist jung wie ein Parvenü . Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns vielfach als die Träger unserer ganzen Geschichte dar , und die Berührung der Jahrhunderte untereinander zur Erscheinung bringend , besitzen und äußern sie den Zauber historischer Kontinuität . Die Hohen-Vietzer Kirche hatte drei Eingänge , der erste für die Gemeinde von Westen her . Der Turm , durch den dieser Eingang ging , war aus Feldstein roh zusammengemörtelt ; es fehlte die Sauberkeit , die den älteren Bau auszeichnete . Von der Decke herab hing ein Seil , an dem die Betglocke geläutet wurde . Rechts an der Wand hin stand ein Grabscheit , eine Totenbahre ; auf ihr lagen Leinentücher , um die Särge hinabzulassen . An der Wand gegenüber waren wurmstichige Holzpuppen , Überreste eines Schnitzaltars aus der katholischen Zeit her , zusammengefegt ; daneben aufgeschichtetes Knubbenholz , wahrscheinlich um die Sakristei zu heizen . Das eigentliche Schaustück dieser Vorhalle war aber die » Türkenglocke « , berühmt wegen ihres Tones und ihrer Größe , die , nachdem sie lange oben im Turm gehangen und die Oder hinauf und hinabgeklungen hatte , jetzt gesprungen aus ihrer Höhe herabgelassen war . Sie war - so wenigstens ging die Sage - aus Geschützen gegossen , die Isaschar von Vitzewitz ( des alten Matthias Sohn ) aus dem Türkenkriege mit heimgebracht hatte . Inschriften bedeckten den Rand ; eine lautete : Ruf ich , öffne deinen Sinn , Gott zu dienen ist Gewinn . Der schwere Eisenklöppel stand in einer Ecke daneben . Aus dem Turm trat man in den Mittelgang der Kirche ; dicht an der Schwelle lag ein granitner Taufstein , ohne Fuß oder Träger , mitten durchgebrochen , noch aus der Zeit der Zisterzienser her . Weiter links , in der Ecke , wo Turm und Kirchenschiff zusammenstießen , war eine Nische in die nördliche Längswand gehauen : an einem Eisenstab hing eine Maria ( das Christkind war ihrem Arm entfallen ) , und ihr zu Häupten stand einfach die Jahreszahl 1431 . Das war das Hussitenjahr . Kein Zweifel , daß die Vitzewitze diesen Votivaltar nach Abzug des Feindes gestiftet hatten . Rechts und links vom Mittelgange , bis über die Hälfte der Kirche , liefen die Kirchenstühle hin , alle sauber und verschlossen ; nur die Tür des vordersten stand halb offen und hing in den Angeln . Dieser hieß der » Majorsstuhl « seit den Tagen , die der Kunersdorfer Schlacht unmittelbar gefolgt waren . Bis hierher , durch Flucht und Graus , hatten Grenadiere vom Regiment Itzenplitz ihren verwundeten Major getragen , auf diese Bank hatten sie ihn niedergelegt , hier hatte er sich aufgerichtet und die Binden abgerissen . » Kinder , ich will sterben . « Die Bank hatte einen Blutfleck seitdem , und jeder mied die Stelle . Einen Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildeten ihre Grabsteine . Einst hatten sie vom Altar an bis mitten in das Kirchenschiff hinein gelegen ; seitdem aber das alte Gewölbe zugeschüttet und die neue Gruft , deren wir schon erwähnten , angebaut worden war , standen sie aufrecht an der Nordwand der Kirche hin . Es waren meist einfache Steine , je nach der Sitte der Zeit mit langen oder kurzen Inschriften versehen , die von Malplaquet und Mollwitz erzählten oder auch von stilleren Tagen , in Hohen-Vietz begonnen und beendet . An zwei dieser Steine knüpfte die Sage an . Neben der Mariennische stand einer , größer als die andern und dicht beschrieben . Wer die Inschrift las , der wußte , daß Katharina von Gollmitz , eine Freundin des Hauses , einst unter diesem Steine gelegen hatte . Grete von Vitzewitz , der Verstorbenen in besonderer Liebe zugetan , hatte ihr , als sie während eines Besuches in Hohen-Vietz erkrankte und starb , einen Ehrenplatz in der Kirche angewiesen ; aber die Freundin im Grabe hatte kein Gefühl für diese Auszeichnung und sehnte sich nach Haus . Immer wenn Grete Vitzewitz über den Grabstein hinschritt , hörte sie eine Stimme : » Grete , mach auf ! « Da machten sie endlich auf und brachten den Sarg nach Jargelin , wo Katharina von Gollmitz ihre Heimat hatte . Nun wurde es still . Den Grabstein aber mauerten sie in die Wand . Ein anderer Stein , dessen Inschrift längst weggetreten war , lag noch dicht vor dem Altar . Er war der einzige , den man an alter Stelle belassen hatte , vielleicht weil er zerbrochen war . Er weigerte sich hartnäckig , mit den neben ihm liegenden Fliesen gleiche Linie zu halten , und bildete nach und nach eine Mulde . Wie oft auch seine zwei Hälften aufgenommen und Sand und Gerölle in die Vertiefung hineingestampft wurden , der Stein sank immer wieder . Das Volk sagte : » Da liegt der alte Matthias ; der geht immer tiefer . « Dies war nun freilich ein Irrtum , der alte Matthias lag an anderer Stelle , wohl aber gehörte ihm das große Grabmonument an , das , nach der künstlerischen Seite hin , den Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildete . Es war ein Marmordenkmal , überladen , rokokohaft , dabei jedoch von großer Meisterschaft der Arbeit . Dem Gegenstande nach zeigte es eine gewisse Verwandtschaft mit dem Altarbilde des Saalanbaues . Matthias von Vitzewitz und seine Gemahlin kniend , dabei voll Andacht zu einer Kreuzigung Christi emporblickend . Alles Basrelief , nur die Knienden fast in losgelöster Figur . Darunter ihre Namen und die Daten ihres Lebens und Sterbens . Ein niederländischer Meister hatte das Werk gefertigt und es persönlich zu Schiff bis in die Oder hinauf gebracht . Als die Bewohner des Herrenhauses die Kirche betraten , begann eben der Gesang der Gemeinde . Eine schmale Treppe , an einem der kleinen Seiteneingänge ausmündend , führte zu dem herrschaftlichen Stuhle hinauf . Dieser , ein auf Pfeilern ruhender , sehr einfacher Holzbau , war ursprünglich durch hohe Schiebefenster geschlossen gewesen , längst aber waren diese beseitigt , und nur noch zwei schmale Bretter , die von der Brüstung bis zur vollen Höhe der Decke aufstiegen , teilten den Raum in drei große Rahmen ab . Vorn an der Wandung war das Vitzewitzsche Wappen angebracht , ein Andreaskreuz , weiß auf rotem Grunde . In Front dieses herrschaftlichen Stuhles , hart an der Brüstung hin , nahmen die Eintretenden geräuschlos Platz : erst Berndt von Vitzewitz , links neben ihm Renate , dann Tante Schorlemmer . Lewin stellte seinen Stuhl in die zweite Reihe . So vernachlässigt alles war , so war es doch nicht ohne einen gewissen Reiz . Gleich zur Rechten Altar und Kanzel ; in Front des Altars das Taufbecken , eine silberne , mit allegorischen Figuren und unentzifferbaren Inschriften reich ausgeschmückte Schüssel , die nur mit großer Mühe vor den Händen des Feindes gerettet worden war . An der Wand gegenüber das vorerwähnte Marmordenkmal des alten Matthias und seiner Gemahlin . Das Beste aber , was dieser unscheinbaren Stelle eigen war , war doch das große , fast einen Halbkreis bildende Fenster , das einen Blick auf den Kirchhof und weiter hügelabwärts auf einzelne zerstreute , wie Vorposten ausgestellte Hütten und Häuser des Dorfes gestattete . Neben diesem Fenster , hart an der Kirchwand , stand ein Eibenbaum , der von der Seite her die längsten seiner Zweige vorschob und regelmäßig an die Scheiben klopfte , wenn Pastor Seidentopf seine dreigeteilte Predigt den Hohen-Vietzern ans Herz legte . Lewin setzte sich immer so , daß er einen Blick auf das Fenster frei hatte . Er stand wohl fest auf dem Catechismo Lutheri , wie alle Vitzewitze , seitdem die gereinigte Lehre ins Land gekommen war , aber da war doch ein anderes in ihm , das ihn von Zeit zu Zeit trieb , mehr auf den Eibenbaum draußen als auf die Stimme von der Kanzel her zu achten , wäre diese Stimme auch mächtiger gewesen als die seines alten Lehrers und Freundes , dem die sonntägliche Erbauung oblag . Die Sonne schien hell , und ein einfallendes Streiflicht erleuchtete in plötzlichem Glanz die halbe Nordwand , vor allem das große Grabdenkmal dem herrschaftlichen Chorstuhl gegenüber . Die lebensgroßen Figuren waren wie von rosigem Leben angehaucht . Lewin hatte die Schönheit dieses Bildwerkes nie so voll empfunden ; er las die langen Inschriften , wie er sich gestand , zum ersten Mal . Der Gesang schwieg ; schon während des letzten Verses war Prediger Seidentopf auf die Kanzel getreten , ein Sechziger , mit spärlichem weißen Haar , von würdiger Haltung und mild im Ausdruck seiner Züge . Lewin hing an der wohltuenden Erscheinung , senkte dann den Blick und folgte in andächtiger Betrachtung dem stillen Gebet . Die Gemeinde tat ein Gleiches , neigte sich und schaute voll herzlichem Verlangen zu ihrem Geistlichen auf , als dieser sein Gebet beendet und sein Haupt wiederum erhoben hatte . Denn die Gemüter waren damals offen für Trost und Zuspruch von der Kanzel her und rechneten nicht nach , ob die Worte lutherisch oder kalvinistisch klangen , so sie nur aus einem preußischen Herzen kamen . Das wußte Seidentopf , der in gewöhnlichen Zeiten manche Widersacher unter den strenggläubigen Konventiklern seines Dorfes zu bekämpfen hatte , und ein heller Glanz , wie ihn ihm die innere Freude gab , umleuchtete seine Stirn , als er nach Lesung des Evangeliums die Textesworte zu erklären begann . Er sprach von dem Engel des Herrn , der den Hirten erschien , um ihnen die Geburt eines neuen Heiles zu verkünden . Solche Engel , so fuhr er fort , sende Gott zu allen Zeiten , vor allem dann , wenn die Nacht der Trübsal auf den Völkern läge . Und eine Nacht der Trübsal sei auch über dem Vaterlande ; aber ehe wir es dächten , würde inmitten unseres Bangens der Engel erscheinen und uns zurufen : » Fürchtet euch nicht , siehe , ich verkündige euch große Freude . « Denn das Gericht des Herrn habe unsere Feinde getroffen , und wie damals die Wasser zusammenschlugen und » bedeckten Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao , daß nicht einer aus ihnen übrigblieb « , so sei es wiederum geschehen . An dieser Stelle , auf das Weihnachtsevangelium kurz zurückgreifend , hätte Pastor Seidentopf schließen sollen ; aber unter der Wucht der Vorstellung , daß eine richtige Predigt auch eine richtige Länge haben müsse , begann er jetzt , den Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Pharao bis in die kleinsten Züge hinein durchzuführen . Und dieser Aufgabe war er nicht gewachsen . Dazu gebrach es ihm an Schwung der Phantasie , an Kraft des Ausdrucks und Charakters . Schemenhaft zogen die Ägypterscharen vorüber . Die Aufmerksamkeit der Gemeinde wich einem toten Horchen , und Lewin , der bis dahin kein Wort verloren hatte , sah von der Kanzel fort und begann seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuzuwenden , vor dem jetzt ein Rotkehlchen auf der beschneiten Eibe saß und in leichtem Schaukeln den Zweig des Baumes bewegte . Nur Berndt folgte in Frische und Freudigkeit der Rede seines Pastors . Seine eigene Energie half nach ; wo die Konturen nicht ausreichten , zog er seine scharfen Linien in die unsicher schwankenden hinein . Was als Schatten kam , wurde zu Leben und Gestalt . Er sah die Ägypter . Bataillone mit goldenen Adlern , Reitergeschwader , über deren weiße Mäntel die schwarzen Roßschweife fielen , so stiegen sie in endlos langem Zuge vor ihm auf , und über all ihrer Herrlichkeit schlossen sich die Wellen des Meeres . Nur über einem schlossen sie sich nicht ; er gewann das Ufer , ein nördliches Eisgestade , und siehe da , über glitzernde Felder hin flog jetzt ein Schlitten , und zwei dunkle , tiefliegende Augen starrten in den aufstäubenden Schnee . Pastor Seidentopf hatte keinen besseren Zuhörer als den Patron seiner Kirche , der - und nicht heute bloß - die freundlich schöne Kunst des Ergänzens zu üben verstand . Aus der Skizze schuf er ein Bild und glaubte doch dies Bild von außen her , aus der Hand seines Freundes , empfangen zu haben . Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen , die Predigt selbst geschlossen . Da trat der Pastor noch einmal an den Rand der Kanzel , und mit eindringlicher Stimme , der sofort alle Herzen wieder zufielen , hob er an : » Mit Christi Geburt , die wir heute feiern , beginnt das christliche neue Jahr . Ein neues Jahr ; was wird es uns bringen ? Es wissen zu wollen wäre Torheit ; aber zu hoffen ist unserem Herzen erlaubt . Gott hat ein Zeichen gegeben ; mögen wir es zum Rechten deuten , wenn wir es deuten : er will uns wieder aufrichten , unsere Buße ist angenommen , unsere Gebete sind erhört . Die Geißel , die nach seinem Willen sechs lange Jahre über uns war , er hat sie zerbrochen ; er hat sich unserer Knechtschaft erbarmt , und die Weihnachtssonne , die uns umscheint , sie will uns verkündigen , daß wieder hellere Tage unserer harren . Ob sie kommen werden mit Palmen oder ob sie kommen werden mit Schwerterklang , wer sagt es ? Wohl mischt sich ein Bangen in unsere Hoffnung , daß der Sieg nicht einziehen wird ohne letzte Opfer an Gut und Blut . Und so laßt uns denn beten , meine Freunde , und die Gnade des Herrn noch einmal anrufen , daß er uns die rechte Kraft leihen möge in der Stunde der Entscheidung . Das Wort des Judas Makkabäus sei unser Wort : Das sei ferne , daß wir fliehen sollten . Ist unsere Zeit kommen , so wollen wir ritterlich sterben um unserer Brüder willen und unsere Ehre nicht lassen zuschanden werden . Gott will kein Weltenvolk , Gott will keinen Babelturm , der in den Himmel ragt , und wir stehen ein für seine ewigen Ordnungen , wenn wir einstehen für uns selbst . Unser Herd , unser Land sind Heiligtümer nach dem Willen Gottes . Und seine Treue wird uns nicht lassen , wenn wir getreu sind bis in den Tod . Handeln wir , wenn die Stunde da ist , aber bis dahin harren wir in Geduld . « Er neigte sich jetzt , um in Stille das Vaterunser zu sprechen ; die Orgel fiel mit feierlichen Klängen ein ; die Gemeinde , sichtlich erbaut durch die Schlußworte , verließ langsam die Kirche . Auf den verschiedenen Schlängelwegen , die von der Kirche ins Dorf herniederführten , schritten die Bauern und Halbbauern ihren halbverschneiten Höfen zu . Die Frauen und Mädchen folgten . Wer von der Dorfstraße aus diesem Herabsteigen zusah , dem erschloß sich ein anmutiges Bild : der Schnee , die wendischen Trachten und die funkelnde Sonne darüber . Die Gutsherrschaft nahm wieder ihren Weg durch die Nußbaumallee . Als sie , einbiegend , an die Hoftür kamen , stand Krist an der untersten Steinstufe und zog seinen Hut . Die silberne Borte daran war längst schwarz , die Kokarde verbogen . Berndt , als er seines Kutschers ansichtig wurde , trat an ihn heran und sagte kurz : » Fünf Uhr vorfahren ! Den kleinen Wagen . « » Die Braunen , gnädiger Herr ? « » Nein , die Ponies . « » Zu Befehl ! « Mit diesen Worten traten unsere Freunde ins Haus zurück . Sechstes Kapitel Am Kamin Punkt fünf Uhr war Krist vorgefahren ; Berndt liebte nicht zu warten . Von den Kindern hatte er kurzen Abschied genommen , um seiner Schwester auf Schloß Guse , oder der » Tante Amelie « , wie sie im Hohen-Vietzer Hause hieß , einen nachbarlichen Besuch zu machen . Daß er noch am selben Abend zurückkehren werde , war nicht anzunehmen ; er hatte vielmehr angedeutet , daß aus der kurzen Ausfahrt eine Reise nach der Hauptstadt werden könne . Die Unruhe seiner Empfindung trieb ihn hinaus . Den Weihnachtsaufbau , wie seit Jahren , hatte er sich auch heute nicht nehmen lassen wollen , aber kaum frei , im Gefühl erfüllter Pflicht , schlugen seine Gedanken die alte Richtung ein . Es drängte ihn nach Aktion oder doch nach Einblick in die Welthändel ; ein Bedürfnis , das ihm die Enge seines Hauses nicht befriedigen konnte . In der Unterhaltung , das hatte Lewin bei Tische empfunden , tat er sich Zwang an , und das Gefühl davon nahm auch dem Gespräch der Kinder jede freie Bewegung . Eine gewisse Befangenheit griff Platz . So kam es , daß man die Abwesenheit des Vaters , bei aufrichtigster Liebe zu ihm , fast wie eine Befreiung empfand ; Herz und Zunge konnten ihren Weg gehen , wie sie wollten . Unsere Hohen-Vietzer Geschwister empfanden übrigens , wie kaum erst versichert zu werden braucht , nicht kleiner oder selbstsüchtiger als andere im Lande ; sie wollten nur nicht gezwungen sein , über den » Bösesten der Menschen « immer wieder und wieder zu sprechen , als wäre nichts Sprechenswertes in der Welt als dieser eine . Sie hatten sich samt Tante Schorlemmer im Wohnzimmer eingefunden und saßen jetzt , es mochte die siebente Stunde sein , um den hohen altmodischen Kamin . Mit ihnen war Marie , die Freundin Renatens , des reichen Kniehase dunkeläugige Tochter , deren Besuch für diesen Abend angekündigt war . Jede der drei Damen war nach ihrer Weise beschäftigt . Renate , dem Kamin zunächst sitzend , hielt einen Palmenfächer in der Rechten , mit dem sie die Flamme bald anzufachen , bald sich gegen dieselbe zu schützen suchte ; Tante Schorlemmer strickte mit vier großen Holznadeln an einem Shawl , der wie ein Vlies neben ihrem Lehnstuhl niederfiel ; Marie blätterte neugierig in einer grönländischen Reisebeschreibung , die ihr Tante Schorlemmer zum Heiligen Christ beschert und mit einem Widmungsverse aus Zinzendorf ausgestattet hatte . Zwischen Marie und Lewin , aber keineswegs als eine Scheidewand , stand der Weihnachtsbaum , den Jeetze von der Halle her hereingetragen hatte . Das Plündern , das Sache Lewins war , nahm eben seinen Anfang . Jede goldene Nuß , die er pflückte , warf er in hohem Bogen über die Spitze des Baumes fort , an dessen entgegengesetzter Seite Marie mit glücklicher Handbewegung danach haschte . Im Werfen und Fangen jedes gleich geschickt . Lewin freute sich dieses Spieles ; zudem war er von alters her nie besserer Laune , als wenn er sich den Süßigkeiten des Weihnachtsbaumes gegenübersah . Das Naschen war sonst nicht seine Sache , aber die Pfennigreiter , die Nonnen , die Fische machten ihn kritiklos und ließen ihn einmal über das andere versichern , » daß in dem plattgedrücktesten Pfefferkuchenbild immer noch ein Tropfen vom himmlischen Manna sei « . Die gute Laune Lewins steigerte sich bald bis zu Neckerei , unter der niemand mehr zu leiden hatte als Tante Schorlemmer . » Du sollst den Feiertag heiligen « , rief er ihr zu und