Schwelle . » Da habt Ihr Euren Dezem , das Weib ist tot ! « brüllt er mit der Stimme eines Wütigen und stürmt , wie er gekommen , aus dem Hause . Die drei im Zimmer starren ihm nach , regungslos , sprachlos eine lange Weile . » Das Weib ist tot ! « haucht kaum hörbar endlich der Pfarrer . » Tot ! « schluchzt die Pastorin . » Tot ! « bestätigt der Kantor mit Stentorstimme . Frau Hanna faßt sich . Vor ihren Augen ist es klar geworden ; sie nimmt das Bündel von ihres Gatten Schoß , um , dicht an das Fenster tretend , es zu enthüllen . In einen zerfetzten Frauenrock ist etwas Festes eingewickelt : Frau Hannas Hände zittern . Ein Kind ! Ein Kind , nackt und bloß , wie es aus dem Mutterleibe gekommen , aus dem erstarrten Mutterleibe ! Ein Knabe - der zehnte Sohn ! Die Tränen eines Vaters und einer Mutter träufeln auf den Leib der Waise . Während dieser Untersuchung hatte Kantor Beyfuß die Erläuterung des unerhörten Geschehnisses vorgebracht ; weit ausholend , umständlich , so , als gäbe der einzige Augenzeuge eines kriminalistischen Falles den Tatbestand zu Protokoll . Freilich vor einem Gerichtshof mit tauben Ohren . Der Kettenhund in der Schenke hat seit ein paar Tagen die Laune . Bei dieser Johannisglut die Laune ! Da schwant dem Wirt nichts Gutes . Am besten ein Ende mit dem alten Vieh . Mein Klaus , nicht faul , würgt es ab . Der Wirt mag mit dem Salär nicht geknausert haben , denn des Klausen Schädel raucht sozusagen , als Kantor Beyfuß , der just in seiner Eigenschaft als Küster , das heißt Adlatus des Herrn Pastors , seinen Termingang hält , ihn vor sich her taumeln sieht . Nicht weit vom Hirtenhause holt er ihn ein und bringt das Dezemhuhn in Erinnerung . Der Klaus schlägt eine wiehernde Lache auf und rennt in das Haus . Der Kantor steht im Hofe auf der Lauer , denn ein Gewieher ist keine Replik , und Recht bleibt Recht . Kaum drei Minuten , und der Klaus stürzt wieder heraus , vergleichbar nicht einem Menschen , nicht einmal einem trunkenen Menschen , sondern einem rasenden Bullen . Die Wehmutter hinter ihm drein . Sie will ihm ein Pack entreißen , das er mit beiden Fäusten umklammert hält ; sie ringt mit ihm ; er macht sich los . » Das Kind , das Kind ! « schreit die Wehmutter , » er wills ersäufen ! « Der Wüterich rennt voran , der Kantor hinterdrein ; ein paar Nachbarn , die just vom Heuen kommen , sind auch nicht faul . Keiner hält mit dem Riesen Schritt . Immer vorwärts , das Paket im Arm : nach der Wasserseite etwa ? Gott bewahre ! Die Schlucht hinan , am Schlosse vorbei , durch das Dorf , in die Pfarre und - » bums , da liegts ! « Lange bevor die Erzählung ihr Ende erreichte , hatte Frau Hanna das Neugeborene in ihre Kinderstube getragen , es auf ihr Bett gelegt und Licht gezündet . Es war ein wohlgebildeter Knabe , so kräftig , wie zehnte Kinder wohl nur selten geboren werden . » Die letzten Blutstropfen deiner Mutter sind dir zugute gekommen , mein armes Lamm , « flüsterte Frau Hanna mit einem weheleidigen Blick auf ihr eigenes Lämmchen ; dann aber faltete sie die Hände zum Dank , daß diesem schwächlichen Wesen die pflegende Mutterhand erhalten worden sei , und was sie in der Stille des Herzens sich gelobte , das wird in der Geschichte eines Glücklichen zu erlesen sein . Ein sonniges Lächeln breitete sich über ihr gutes Gesicht ; sie badete den Kleinen in ihres Töchterchens Wanne , kleidete ihn - nicht aus dem Inhalt des blaugewürfelten Bündels - , sondern aus ihres Töchterchens Garderobe , reichte ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust und bettete dann den zehnten Sohn zu der siebenten Tochter unter dem Wiegenhimmel . Sie lagen nebeneinander wie ein Zwillingspärchen und schlummerten unbekümmert um Lebens Leid und Lust . Währenddessen war der Pfarrer , die Hände auf dem Rücken , die Blicke am Boden , ohne einen Laut zu äußern , das geistliche Gemach auf und ab geschritten . Tief im Herzgrunde lag das Problem gelöst ; aber welche schwere Gedankenrätsel hatte es aufgewirbelt ! War es ein heimliches Ahnen und Mahnen gewesen , das ihn zur Zeit der Katastrophe im Hirtenhause so unwiderstehlich in die Betrachtung des Zehentopfers bannte ? War es ein unbewußtes Regen des Vaterherzens gewesen , das den trunkenen Mann im Rasen der Verzweiflung zu einer rettenden Liebestat entflammte ? Der Pfarrer hatte in seinem Sinnen nicht ein Wort vernommen von den philosophischen Bemerkungen über die menschliche Niedertracht im allgemeinen und die des Klausen Frey im besonderen , welche sein Adlatus dem Bericht über die Vorgänge im Hirtenhause angereiht hatte . Als die Pastorin sich unbemerkt der Tür wieder näherte , hörte sie den Philosophen sagen : » Ich stehe noch immer starr und steif , Herr Pastor . Ist so ein Malefiz auf dieser Erdenwelt schon dagewesen ! Seinen leiblichen Wurm splinterfasernackig , wie ihn Gott geschaffen hat , aus dem Hause zu tragen , - ins Wasser etwa ? Nun freilich , es wäre eine Mordtat gewesen , aber in der Rage - nach Gelegenheit - sozusagen verzeihlich . Ja , prosit die Mahlzeit ! Hinauf in die Pfarre schleppt er ihn , sozusagen in Abrahams Schoß schleppt er ihn ! Herr Pastor , Herr Pastor ! dieses menschliche Individuum ist hundert Prozent boshaftiger , aber tausend Prozent weniger dumm , als es das Aussehn hat . Mich soll nur wundern , wie der Kujon die Leiche unter die Erde schwindeln wird . « Das Wort » Leiche « schlug an des Pfarrers Ohr wie der erste Hahnenschrei an das eines Träumenden . Gescheucht aus seinem metaphysischen Ideengange , gemahnt an seinen nüchternen Arbeitstag , richtete er den Kopf in die Höhe und sprach : » Beyfuß , ich halte der edlen Gertrud - ich meine der Hanne Frey - einen Sermon . « Der Kantor prallte drei Schritte zurück . » Einen Sermon , Herr Pastor ? Einen Taler vier gute Groschen , Herr Pastor ! Und ich habe mir im stillen schon den Kopf zerbrochen , wie ich nur den halben Gulden für den Segen auftreiben will ! « » Beyfuß , « wiederholte der Pfarrer mit Nachdruck , » ich halte der Hanne Frey einen Sermon . War sie darum weniger unsere Schwester , weil sie ein Lumpenkleid trug ? Und kann ein Weib mehr für die menschliche Familie tun , als wenn es ihrem Verbande zehn kräftige Glieder einreiht ? « » Liebliche Rangen ! « murmelte der Kantor . Aber sein geistlicher Oberherr ließ sich nicht dadurch beirren . » Angenommen - die Statistik soll es leider lehren , und Sie sind ein Rechenmeister , Beyfuß , angenommen also , daß von vier Kindern des Volks im Durchschnitt eines leiblich oder sittlich Schaden leidet , daß demnach von den zehnen der Hanne Frey ungefähr zwei - - « » Zwei und ein halbes , Herr Pastor ! « » Abzuzählen wären , so bleiben immer noch ihrer acht zum Segen der Welt . Und sind wir nicht Staatsbürger , Beyfuß ? Kann ein Weib mehr für das Vaterland tun , als wenn es zehn , oder sagen wir nur acht kraftvollen Verteidigern das Leben gibt , ja das des jüngsten sogar mit ihrem eigenen Leben erkauft ? Das Wochenbett ist das Schlachtfeld der Frauen ! Zwei von ihren Söhnen tragen bereits des Königs Rock , die anderen werden ihn tragen - - « » Jawohl , im Zuchthause , Herr Pastor , wie ihr sauberer Erzeuger , wenn er das Leben behält . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm . « » Klaus Frey war von Haus aus keine unedle Natur , Beyfuß , und Söhne schlagen im Temperament gewöhnlich nach der Mutter . Diese Mutter aber war eine gottgefällige Frau in all ihrer tiefen Not . Sie hätte einen Lebenslauf am Altar und eine Predigt von der Kanzel verdient - - « » Einen Taler fünfundzwanzig Silbergroschen , Herr Pastor ! « » Aber die Welt liegt im argen . Der Mann ist tiefer herabgekommen als jemals ein ansässiges Gemeindeglied ; die Frau in ihren Lumpen und ihrem Plack hat sich nicht regelmäßig zum Gotteshause halten können ; eine Andacht innerhalb der Kirche würde als unziemlich aufgenommen werden , darum - - « » Stimme ich allenfalls für eine Rede im Hof , mit Ehren zu melden , eine Mistrede , für sechzehn gute Groschen , Herr Pastor ! « » Der beschränkte Raum verbietet sie hier , Beyfuß , und der letzte Segensakt ist allemal am weihevollsten dort , wo wir den geöffneten Erdenschoß unter uns und den ewigen Himmelsschoß über uns sehen . Es bleibt bei dem Grabsermon , alter Freund ! « » Und was soll aus dem armen , nackten Johannisküchlein werden , Konstantin ? « fragte vortretend jetzt die Frau Pfarrerin . » Ei nun , mein Hannchen , « versetzte der Pfarrer lächelnd , » da es nun einmal als gebührender Dezem uns in das Haus getragen worden ist , wirst du es wohl bis auf weiteres in deinem Hühnerkorbe heranziehen müssen . « Frau Hanna lachte froh auf ; ihr Freund Beyfuß jedoch blickte erbarmungsvoll zu ihr hinüber . » Ein zweites Wickelkind zu dem ersten . Eine schwere Last in Ihren Jahren , wertgeschätzte Frau Pastorin . « » Ein Splitter von unseres Heilands Kreuz , « entgegnete Konstantin Blümel mit aller Würde der Liebe ; » für den Seelenschatz eine segenbringendere Reliquie , als die in irgendeinem Heiligenschrein angebetet wird . Beyfuß , es bleibt bei dem Sermon ! « Frau Hanna küßte ihrem Konstantin heute zum zweiten Male die Hand , und Kantor Beyfuß empfahl sich mit dem Wunsche einer geruhsamen Nacht . Sein Wunsch ging in Erfüllung ; die Mutter hatte seit zwei Wochen die erste ruhsame Nacht , denn ihr kleines Schreihälschen tat neben dem schlummernden Wiegenbruder nicht Zuck und Muck . Am anderen Tage erhandelte die Pastorin durch die Vermittlung Kantor Beyfußens , für gewisse Verrichtungen auch ihres Adlatus , von dem Witwer Frey die Ziege , für welche seine Frau das Futter abgesichelt hatte mit ihrer letzten Kraft und Liebessorge ; denn sie hegte ihre » Heppe « für das Kind , das ohne Mutterbrust gedeihen sollte . Und es war eine brave , erkenntliche Ziege ; sie tat ihre Schuldigkeit nicht nur an der Waise ihrer ersten Futterfrau , sondern auch an dem Nesthäkchen der zweiten , dem ihr Überfluß zugute kam . Der murrende kleine Spärling ründete , rötete , beschwichtigte sich von Tag zu Tage . Ob die Johannissonne das Gedeihen bewirkt hat , ob die Ziege , oder die Nachbarschaft des stämmigen Wiegenbrüderchens - ? Wer wills entscheiden ? Wider alle Siebenschläferregel lachte am Bestattungsnachmittag der Hutmannsfrau der Himmel blau und goldig , wie bestellt für einen Sermon am offenen Grabe . Das Gefolge war so bescheiden wie die Frönerhütte , aus der es sich bewegte ; auch Kantor Beyfußens männliche Schuljugend , welche dem vorangetragenen Kreuze nachtrabte , nur schwach vertreten . Auf dem Gottesacker jedoch drängte es sich Kopf bei Kopf . Selber eine Armenleiche ist ein Schauspiel , das auf dem Lande ungern versäumt wird ; heute aber hatten die Ehren einer Mittelleiche , welche der elenden Tagelöhnerin erwiesen werden sollten , auf die Beine gebracht , was sich irgend von der Heuernte abzumüßigen vermochte ; und niemals hatte Pastor Blümel an einem offenen Grabe wärmer und , was die Hauptehre war , länger gesprochen . Hätte den schweizerischen Seelenfreund das Leidwesen getroffen , seiner Gertrud den letzten Nachruf halten zu müssen , er würde nicht rühmlicher gelautet haben als der der armen Hanne Frey . Nein , weniger rühmlich ! Denn auf das Helden-und Martertum von zehn der Welt geschenkten Söhnen konnte , bei aller Trefflichkeit , das Weib des Lienhard vor Gott und Welt sich doch nicht berufen . Wie aber die Heldin des Lebenslaufs sich nach dem Liebesmaße des Seelenfreundes gemodelt hatte , so war dessen Schatzkästlein auch das Textwort entlehnt , das neben dem vom seligen Leidtragen dem Sermon zugrunde gelegt worden war : » Die Freude über unsere Kinder ist die herrlichste Erdenfreude . Sie macht das Herz der Eltern fromm und gut ; sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater im Himmel . Darum segnet der Herr die Tränen solcher Freude und lohnt den Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern . « In den mannigfaltigsten Modulationen , wie in einer fuga libera seines Bach , durchzog diese Melodie Pastor Blümels oratorisches Meisterstück . Wenn Pastor Blümel indessen die Hoffnung gehegt , durch diese Melodie die Vatertreue in dem Herzen des Witwers Frey aufzuwecken , so hatte er seine Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht . Klaus Frey war durch den Erlös seiner Ziege für ein paar Tage zum Krösus geworden und während dieser Tage nicht ein einziges Mal in dem Hause eingekehrt , aus welchem die Gegenwart der Leiche den sonst so furchtlosen Mann mit spukhaftem Grauen scheuchte . Er hatte sich von Schenke zu Schenke in der Gegend umhergetrieben , die Nächte in einem Totenschlafe auf irgendeinem Heuschober hingebracht und selber zu dem letzten Geleit von dem Wirte mit Gewalt getrieben werden müssen . Nun heulte und schrie er freilich , zerraufte sein Haar und würde in die offene Grube getaumelt sein , hätte die Leichenfrau ihn nicht am Rockzipfel festgehalten . Aber es waren Schenkentränen , die er vergoß , und ein Schenkentaumel , der seine Füße schwanken machte ; das beseligende Leidtragen und die Vatertreue , die empor zum Himmel hebt , hatten an sein Ohr geschlagen als eitel Schall . Auch die fünf , welche von den Söhnen am Grabe standen , starrten nur stumpf und dumpf auf das letzte schwarze Bretterbett der Mutter . Die beiden Soldaten wußten um ihre Verwaisung noch nicht einmal , und die beiden halbwüchsigen , die auf sie folgten , wußten wohl darum , denn sie dienten auf Nachbardörfern , hatten aber des Heuens wegen nicht zur Leiche kommen können . So waren es nur die fünfjüngsten , welche der Mutter die letzte Ehre erwiesen , und diese fünf erfüllte das Behagen , von der gutmütigen Amtmannsfrau für die Trauerfeier gründlich satt gemacht und nach Möglichkeit herausstaffiert worden zu sein . Der kleine Christel zupfte an dem schwarzen Flor , der an seiner Pudelmütze flatterte , und Hannes , der allerkleinste , nagte an einem Wurstzipfel , den er bei Wege in den Mund geschoben hatte ; die drei größeren aber hatten genug zu tun , die Leichenfrau beim Festhalten des Vaters zu unterstützen . Das beseligende Leidtragen schlug an das Ohr der Kinder , die nie etwas von heiliger Vaterfreude gespürt , erst recht als ein Schall . Was nun aber die zuhörende Gemeinde anbelangt , so machte die erhebende Grabrede geradezu böses Blut . Wenn solche Ehre dem Weibe eines Taugenichtses widerfuhr , was blieb dann für die reputierlichen Leute , die Spesen und Dezem nicht hinter die Esse schreiben ? Ist es eine Tugend , zehn Kinder zu kriegen ? Eine Sünde und eine Schande ists , wenn sie statt des Zinshahns dem Pastor in den Schoß geworfen werden müssen , und wo der Mann zum Schelmen und Säufer wird , wird es mit der Frau auch allemal einen Haken haben . So und noch weit ärgerlicher gingen Gemunkel und Gemurmel von Mund zu Mund ; insonderheit die wohlgestellten Familienmütter fühlten sich in ihren Ehrenrechten gekränkt . Doch auch die Väter schüttelten bedenklich die Köpfe . Gut meinte er es ja , ihr » neuer « Pastor ; wer wollte etwas dawider haben ? Aber diese preußischen Raupen ! » Landsmann bleibt Landsmann , Nachbar ! « sagte der Schulze Thränhard zu dem alten Walbe . In ein Herz jedoch drang die Rede von der heiligendsten Erdenfreude wie ein Erlebnis , und aus zwei Augen rannen warme , beseligende Muttertränen . Das waren die Augen und das Herz der guten Pfarrersfrau , die , auf dem einen Arm das eigene Kind und auf dem anderen das verwaiste , unter der Pforte stand , welche aus ihrem Garten in den Friedhof führte . Die Johanniskränze auf den Gräbern waren noch nicht völlig abgewelkt , der Jasmin am Zaune blühte , es duftete wie Weihrauch in dem engen Gehege , und die hohe Junisonne leuchtete gleich einem Gottesblick . Als aber der letzte Segen gesprochen war , Hand um Hand , und dann Schaufel um Schaufel die harten Erdbrocken auf ein letztes Menschenbett rollten und die Pfarrersfrau in ihren Garten zurücktrat , da nickte sie dem fremden Kinde , das seine Augen aufgeschlagen hatte , zu und flüsterte : » Die Liebe einer Mutter kann ich dir freilich nicht ersetzen , du armes Lamm ; aber einen guten Hirten hast du gegen den schlimmen , den du Vater nennen müßtest , eingetauscht , und darum bist du dennoch ein Segenskind , ein echtes , rechtes Johanniskind , mein kleiner Dezem . « Und ihre Lippen lächelten bei den Worten , während in den Wimpern noch die Tropfen hingen . Es war eine traurige Ernüchterung , welche heute , wie schon manches Mal vordem , der verklärenden Wärme des Pfarrherrn folgte . Solange sein Blick zwischen dem offenen Erdenschoß und dem ewigen Himmelsschoß geschwebt , da hatte er nur die Mutter aus dem Volk gesehen in ihrem Heldenkampfe für das Leben , das sie gab und nährte bis zu der Stunde ihres Sieges im Tode . Nach dem Amen aber , als der Blick auf der je mehr und mehr sich füllenden Grube ruhte und auf dem gleichgültigen Gedränge um sie her , da erkannte er , wie aus einem Traume erwachend , die Verworfenheit und Verwahrlosung , die Mißgunst und Herzenshärtigkeit , gegen welche er als Streiter in seinem Amt berufen war , und gegen welche sein Rüstzeug sich wieder einmal als falsch gewählt und stumpf erwiesen hatte . Seine Streiche waren in die Luft geführt worden . Er stand nicht als ein Hirt , aber als ein Fremdling unter seiner Herde . Wohl dann dem edlen Mann , daß er in solchen Stunden des Verzagens seine Blumen , seine Kinder und ein Weib wie seine Hanna hatte ! Als er von seinem leidvollen Gange heimkehrte , stand in der Laube der Kaffeetisch gedeckt ; die beiden Neugeborenen schlummerten unter dem Wiegenhimmel , die drei , welche im Hause noch Kinder hießen , spielten zwischen ihren Blumenschwestern ; Lorchen reichte dem Vater den herzaufmunternden Trank , Dorchen - heute ausnahmsweise zwischen Blumen und Kindern - das lange Rohr mit dem kopfaufräumenden Kraut ; und dann krüllten sie die ersten Sommererbsen aus , die Luischen inzwischen gepflückt , plauderten , neckten sich , lachten nach glücklicher junger Mädchen Art. Der Vater aber blieb in sich gekehrt , und die Mutter , die schäffternd ab und zu ging , ließ ihn still sich austrauern . Erst als gegen Abend das junge Volk samt Wiege und Kaffeezeug sich in das Haus verzogen hatte , setzte sie sich mit dem Vorsatze der Ausdauer an seine Seite . Es galt eine Abmachung zwischen ihnen , für welche , obgleich der Plan fix und fertig vor ihr lag , sie ihm klüglich das erste Wort vergönnte . Da Vater Klaus neben allen übrigen Elternpflichten sich auch der ersten begeben zu haben schien , fiel die Sorge für die Aufnahme seines Sohnes in den heiligen Christenbund des Kindes Pflegern anheim . Die Vereinigung der Feier mit der des eigenen Töchterchens lag aus gemütlichen Gründen beiden Gatten nahe , empfahl sich aber auch aus praktischen Gründen . Der Mutter ersparte sie ein zweimaliges Kuchenbacken , dem Vater eine zweimalige Taufrede . Denn Stegreifsreden , frei aus dem Herzen heraus , hätte Pastor Blümel ohne Anstrengung wohl Tag für Tag halten mögen ; für sakramentale Amtshandlungen arbeitete er aber die Vorträge gewissenhaft aus und memorierte sie bis auf das Tz ; von allen Seelenkräften aber war Pastor Blümel , nächst dem Rechensinn , mit dem Gedächtnissinn am kürzesten gekommen . So wurde denn ohne Einwände festgestellt , daß der zehnte Hirtensohn und das siebente Pfarrtöchterchen am Evangelientage von der brüderlichen Versöhnung gleichzeitig durch das Taufbad für ihr Erdenwallen zum Himmel gereinigt werden sollten . Auch bei der Patenwahl stieß man nur auf einen einzigen Haken . Schwester Luischen würde selbstverständlich für zwei junge Christen noch viel lieber als für einen dem Teufel und seinen Werken entsagt haben ; von dem Amtsbruder Kurze in Bielitz durfte man sich eines Gleichen versehen , zumal wenn für den Ärmling ausdrücklich auf das Eingebinde verzichtet wurde ; auch die gute Freundin Mehlborn hätte zu der doppelten Pflichtenübernahme sicherlich lächelnd mit dem Kopfe genickt , wenn nur durch Kirchenordnung wie Sitte für einen Knaben nicht mindestens zwei männliche Zeugen geheischt worden wären . Wer sollte nun dieser zweite männliche Zeuge sein ? Der Amtmann wäre der nächste und beste , meinte die Pastorin . Das gab der Pastor zu ; aber der Amtmann stand nun einmal nur bei Honoratioren Gevatter . Das gab wiederum die Pastorin zu , um so mehr als sie mit der Schachtarbeit für den Frey vor der Hand leider ihren letzten Trumpf gegen den Hochmutsnarren ausgespielt hatte . Nach einer nachdenklichen Pause hob sie , wie von einem Einfall durchzuckt , von neuem an : » Es ist nicht lange her , Konstantin , da rühmtest du mir als eine echte Königssitte , daß Seine Majestät die Patenschaft bei jedem siebenten Sohne , und wäre es der des ärmsten Schächers , übernähme . « » Übernahm , Hanna , « versetzte Pastor Blümel , der seine kleinmütige Stimmung noch nicht überwunden hatte . » Übernahm , als unser Staat arm an Männern geworden war und Kindersegen für einen Landessegen galt . Wohl möglich , daß nach unserem Wachstum und einer Reihe gedeihlicher Friedensjahre eine veränderte volkswirtschaftliche Anschauung den patriarchalischen Brauch verdrängt hat . Sieben Kinder sind heutzutage keine Seltenheit , Hannchen . « » Aber zehn Söhne sind es , Konstantin . Wags , bitte den König zu Gevatter , Freund . « Pastor Blümel schüttelte den Kopf . » Kannst du dir eine Vorstellung machen , Hanna , in welchem Maße unser gütiger , hoher Herr mit Bittschriften jeglicher Gattung und nicht bloß aus niedrigem Stande behelligt wird ? « fragte er ; worauf seine Hanna lachend erwiderte : » Ob ich mir eine Vorstellung davon machen kann ? Habe ich etwa nicht in vornehmen Häusern konditioniert ? Gnadengesuche heißt bei denen , die es nicht bedürfen , was bei denen , die es bedürfen , Bettelbriefe heißt ; just so wie den Armen kleine Notschulden schänden , aber den Reichen große Luxusschulden nicht . So steht es nun einmal geschrieben im Kodex der großen Welt . Aber was haben wir damit zu schaffen , lieber Konstantin ? Bittest du denn für dich oder eines der Deinen ? « » Gott verhüte das Elend , das mich zu diesem Äußersten treiben könnte ! « » Als Diener des Amtes bittest du den hohen Patron deiner Kirche für die hülfloseste Waise deiner Gemeinde ; als Ritter des Eisernen Kreuzes rufst du deines Kriegsherrn Protektorat an für den jüngsten Sprossen eines Geschlechtes , das bereits durch zwei kräftige Söhne unter des Königs Fahne vertreten ist und dermaleinst , wills Gott ! durch noch acht ebenso kräftige Söhne vertreten sein wird . Wer weiß , ob du durch diesen Patenbrief dem armen kleinen Jungen späterhin nicht eine Stelle im Militärwaisenhause erwirbst ! Konstantin , Herzenskonstantin , glaube mir , es gelingt ! Und selber , wenn infolge irgendeiner neumodischen Staatsmaxime die hohe Patenschaft abgelehnt werden sollte , für ein eigenhändiges Antwortschreiben Seiner Majestät an den freiwilligen Jäger von 1813 stehe ich dir ein , und diese Erinnerung an eine beabsichtigte Guttat würde dich bis an dein Lebensende erquicken . « Die Augen des freiwilligen Jägers leuchteten ; er entwarf in Gedanken bereits den allerhöchsten Patenbrief . Seine Gattin fuhr in voreiliger Siegesfreude fort : » Und du kannst ja auch einfließen lassen , Konstantin , daß es auf einen Geldbettel keineswegs abgesehen ist . Nur um die Ehre . Friedrich Wilhelm von Preußen deckt den Tagedieb Klaus Frey . Vor der Hand ist gesorgt . Wo sieben Kinder satt werden , wird es ein achtes auch . Und in einem Falle der Not muß der Amtmann dran . Ja , Konstantin , er muß ! Ei , wäre es nicht um den Narren Mehlborn , wir würden unsern lieben , alten königlichen Herrn ja herzlich gern in Frieden lassen . Aber warte nur , warte , du mein zugeknöpfter hochwohlgeborener Herr Rittergutsbesitzer und Baron in spe : alle zehn Finger sollst du danach lecken , und schöne Batzen sollst du dafür zahlen , als Stellvertreter Seiner Majestät von Preußen am Tauftische des armen Hirtensohnes stehen zu dürfen . « Frau Hanna lachte vor Herzenslust hell auf , während ihr Konstantin , die Brauen bis unter die Haarwurzeln in die Höhe gezogen , ihr starr in die blitzenden blauen Augen blickte und mit drohend erhobenem Zeigefinger , so wie er es bei einer großen Gebotsmahnung von der Kanzel zu tun pflegte , sich also vernehmen ließ : » Mit einem über die Welt verbreiteten Schibboleth , Hanna , bezichtigen wir als ihre ärgsten Feinde die , welche für einen guten Zweck des ungute Mittel nicht verwerflich finden , und nicht zum ersten Male , Hanna , entdecke ich dich auf so unchristlichen Schlangenwegen . Soll auch die Mutterliebe ihre Jesuiten haben ? Mit einem Komödienspiel auf die Schwächen seiner Nebenmenschen spekulieren , durch Hochmut Großmut erwecken - « » Mitleiden durch ein saures Gesicht , « fiel Frau Hanna ein , indem sie ihm zärtlich die Wangen strich . » Ich will es nicht wieder tun , Konstantin ; aber sage mir doch : hast du im großen Weltwesen wie im bescheidensten Einzelnleben jemals einen guten Zweck ohne Jesuitenkünste , wie du es nennst , erreichen sehen ? « » Hast du mich jemals auf Schlangenwegen entdeckt ? « fragte schier entrüstet ihr Konstantin dagegen . » Niemals ! « antwortete sie mit dem reinsten Klang der Aufrichtigkeit . » Aber - aber « - , sie stockte , und nur in Gedanken setzte sie hinzu : » Wie häufig hast du auch , redliches Herz , deine besten Zwecke verfehlt ! « » Aber - warum stockst du , Hanna ? « fragte der Pfarrer . » Aber was sehen wir denn in der Natur , Konstantin , auf die du uns so oft als eine Lehrmeisterin verweist : Übles aus Gutem entstehen , oder Gutes aus dem Übel ? « » Beides , « antwortete er , » beides , Hanna . Allein Moral und Natur decken sich nicht wie - wie - « » Friedrich Wilhelm den Exhirten Klaus , « ergänzte sie mit einem Lächeln ; worauf ihr Konstantin dann fortfuhr : » Die Pflanze saugt erstickende Dünste ein und haucht Lebensluft aus ; ein tödlicher Giftstoff wird zur heilsamen Arznei , - wir wollen diesen großen Gegenstand zu gelegener Stunde gründlich miteinander besprechen , Hanna , « unterbrach er sich selbst . Ihn drängte der Patenbrief an seinen königlichen Herrn . Und an stilistischem wie kalligraphischem Schwung ein Meisterstück , würdig eines allerhöchsten Gevattersmannes , war es , welches in der Mitternachtsstunde dieses Siebenschläfers Konstantin Blümel , evangelischer Pfarrer zu Ober- und Unterwerben , freiwilliger Jäger von 1813 , Ritter des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse , unterzeichnete , an Seine Majestät den König Friedrich Wilhelm III. , zurzeit in Bad Teplitz , adressierte und , nachdem er den teuren Namen mit seinem Atem trocken gehaucht hatte , über Nacht zwischen den Blättern seiner Erbbibel verwahrte . Früh am andern Tage trug er das Schreiben persönlich nach dem städtischen Postbureau , empfahl es , wennschon bereits » Rekommandiert « darauf stand , dem Beamten zu gewissenhafter Beförderung und verbrachte darauf sechs Tage in einer patriotischen Spannung , wie er sie , seitdem er in den Friedensstand zurückgetreten war , nicht wieder empfunden hatte . Beide Gatten hatten sich bis zur Entscheidung unverbrüchliches Schweigen gelobt . Und endlich , endlich am siebenten Tage , da traf es ein , das heißersehnte blaue Kuvert , dessen Inhalt sogar Frau Hannas verwegenste Hoffnungen überbot . Denn den eigenhändigen vier Zeilen , in welchen der » wohlaffektionierte König « die Taufzeugenschaft bei dem zehnten Sohne des Klaus Tobias Frey in Oberwerben huldvollst akzeptierte , war ein Patengeschenk von zehn Zehntalerscheinen beigefügt . Die zehn Zehntalerscheine hat die Frau Pastorin bei ihrem nächsten Stadtgange als Heckepfennig für den armen Hutmannssohn in die Kreissparkasse getragen ; das allerhöchste Handschreiben aber ist von ihr , als Seitenstück zu dem Aufruf » An mein Volk « , dem schwarzweißen Bande des Eisernen Kreuzes angeheftet worden . Und so hatte der Segen des Täufertages sich an der armen Mutterwaise schon im ersten Naturzustande , bevor sie noch ein Christ geworden war , in doppelter Art bewährt . Der zehnte Hirtensohn war ein Kapitalist geworden und hatte seinem Wohltäter eine unvergängliche Herzensfreude eingetragen . Nachdem Pastor Blümel mit feuchten Augen und fliegender Hand sein alleruntertänigstes Dankesschreiben abgefaßt hatte , rüstete er sich zu dem Gange nach dem Pächterhause , um gleichzeitig die Frau Amtmännin Mehlborn als Zeugin für sein Töchterchen und den Herrn Amtmann Mehlborn als stellvertretenden Königszeugen bei dem Sohne des Exschäfers Frey zu Gevattern zu bitten . Die Rittergüter unserer Gegend sind keine Latifundien und die Edelhöfe , wenngleich sie häufig Schlösser heißen , weder mittelalterliche Burgen , noch moderne Prachtpaläste ; so war auch das Hauptgut von Werben nur mäßigen Umfangs