Gewalt , die ihm über die Gewaltige gegeben war . Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken , sein schwankender Wille von ihrem festen mächtig angezogen . Im Bewußtsein ihrer unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke , er fühlte sich durch ihre Hingebung gehoben und verklärt . Schützend umhüllte sie ihn , ohne ihn je gedemütigt zu haben , denn immer war sie bereit , sich ihm zu unterwerfen , und alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm . Ein Wort , und die Unbezwingliche lag zu seinen Füßen , die größere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit , denn kraft ihrer Liebe war er ihr Herr . Bozena hatte den Arm sinken lassen , der Jäger schlang den seinen um ihren Hals und preßte seine Lippen auf die ihren . Ihr Zorn zerschmolz unter seinen Küssen . Heiße Tränen traten ihr ins Auge , und sie sprach wehmütig : » Ich werde niemals deine Frau ! Du wirst dich niemals zu mir bekennen . Schweig ! « fiel sie ihm ins Wort , da er widersprechen wollte . » Dazu hast du nie den Mut ! ... Ich bin nur eine arme Magd , und du willst höher hinaus - wir sind nicht füreinander ... « » Ich will dich « , beteuerte Bernhard mit Ungestüm , » keine andere , weil sich keine mit dir vergleichen kann . Meinst du , ich bin blind und seh das nicht ? ... Hab Geduld ! ... Wirf mir nichts vor ... Wir kommen doch zusammen , aber jetzt will ich nichts wissen , nichts hören , nichts fragen als nur : Hast mich lieb ? « Bozena legte die gerungenen Hände in ihren Schoß und seufzte schmerzlich auf : » Fragst nicht auch , ob Gott im Himmel lebt ? ... O Jesus , ob ich ihn liebhabe ? Ich wollt , ich könnte sagen nein , oder ich wollt , ich könnte sagen warum ! « Trotzig richtete sie sich auf und sprach , als trachte sie sich selbst zu beruhigen über die Natur ihrer Liebe : » In dein hübsches Gesicht hab ich mich nicht vergafft ! « Der Jäger lachte und küßte sie , und Bozena erduldete seine Liebkosungen , aber sie erwiderte sie nicht . » So bist du heute « , grollte sie , » und morgen ist alles wieder wie früher , und morgen trittst du mir wieder aufs Herz . Oh , könnt ich frei sein ! ... könnt ich mich losmachen von dir ! « Er erschrak über die Verzweiflung , die aus ihrer Stimme klang ; zum ersten Male tauchte die Möglichkeit , sie zu verlieren , vor ihm auf und erfüllte ihn mit tiefster Besorgnis , mit bitterstem Weh . » Dich losmachen von mir ? « fragte er vorwurfsvoll , » das möchtest du ? « » Wohl möcht ich ' s ! « antwortete sie , » aber was hilft mir das ? ... Bin ich nicht wie verfangen im Dorngestrüpp , es zerfleischt mich - und läßt mich nicht los ... Bernhard ! Bernhard ! « Sie beugte sich vor , mit beiden Händen griff sie in sein Haar , zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen , die sich bittend und voll heißer Zärtlichkeit zu ihr erhoben . » Bist mir denn treu ? « schrie sie plötzlich auf . Das rief wieder die alte Bozena ! das war wieder die echte alte Leidenschaft ! - Sie zitterte um ihn , er hatte sie wieder ! Der funkelnde Blick des Jägers ruhte fest in dem ihren , und seine Seele frohlockte . Übermütig strich er mit Daumen und Zeigefinger den Schnurrbart in die Höhe und sprach schmollend wie ein berechnender , kluger , vollendeter Don Juan : » Bist du denn mein ? « » Schäm dich ! « erwiderte sie und barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte laut . Er aber flehte , tröstete , beteuerte . Kein Liebesschwur , den er nicht tat , kein Schmeichelwort , das er nicht sagte . Und Bozena lauschte seiner süßen Rede , von neuem überwunden , von neuem überzeugt . Er wolle ein Ende machen ! das gelobte er , und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade ! Von der Bozena läßt er nicht , er kennt ihren Wert , ihr gehört er an in Glück und Not , im Leben und im Tode . Nur sie vermag - - da fährt er zusammen , hält inne ... hinter den Büschen des Zauns hat sich ' s geregt . Der Teufel ! haben seine Worte einen Zeugen gehabt ? War ein Lauscher da ? Bernhard springt empor und auf die Stelle los , von der aus das Geräusch gekommen . Er ruft laut : » Wer da ? « - keine Antwort , und ringsum niemand zu erblicken . Sie sind allein . Etwas verlegen über die Bestürzung , die er unwillkürlich hatte erblicken lassen , kehrt der Jäger zurück . In einen andern Menschen verwandelt , gleichgültig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte : » Es ist spät - ich muß fort . « Sie biß die Zähne übereinander und maß ihn mit verachtungsvollen Blicken . » O du ! « rief sie , » wenn einer dort gestanden hätt , und wär ' s der Stallbub gewesen aus eurem Hause ... Und hätte der gespaßt : Unser Jäger geht mit der Magd des Weinhändlers - vor dem Stallbuben hättest du mich verleugnet ! Jetzt hättest du ' s getan ! ... Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand nach mir fragt , wirst du antworten : Ich kenne sie nicht ! Gelt ? « schrie Bozena mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm , der mit finsterem Gesichte zur Erde starrte und - schwieg . » Ich Narr ! Ich Narr ! « stöhnte sie und wandte sich und rannte davon . Sie schaute nicht - er rief sie nicht zurück , und dennoch hemmte sie bald die Raschheit ihrer Schritte . Sie blieb stehen - sie lauschte - sie wartete und setzte dann immer langsamer ihren Weg fort . Wie oft hatten sie sich schon so getrennt , aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser . Hatte sie doch nie so harte Worte zu ihm gesprochen , war ihm doch niemals so weh durch sie geschehen . Wird er ihr je verzeihen ? - Schon denkt sie nichts andres mehr als : Wird er mir je verzeihen ? ... Das macht : sie ist gefangen , ein Spielball in eines Knaben Hand - die große Bozena ! 5 Während Bozena in so schweren Herzenskämpfen rang , wurde auch ihr Schützling von seinem Schicksal ereilt . Zugleich glücklicher und unglücklicher als ihre Getreue , hatte Rosa eine Neigung eingeflößt , die sich nicht verbarg , die nur allzu eifrig zur Schau getragen wurde , die aber so gut wie keine Hoffnung bot , zu ihrem Ziele , dem Frieden einer erwünschten Ehe , zu gelangen . Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment einquartiert , dessen hübschester Leutnant den großen , sehr mittelmäßig gepflasterten Platz des Städtchens für den geeignetsten Ort zu halten schien , wo seinen Pferden die letzte , höchste Dressur beizubringen wäre . Er kam heut auf dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun ; er umkreiste den steinernen Brunnen im Jagdgalopp , im spanischen Schritt , im kurzen und im langen Trabe . Er jagte , die Hand am Schirme seines Käppchens , im Fluge wie ein Kosak , oder er ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan an dem alten Hause vorüber . Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lächelte ihm zu . Seit dem Augenblicke , da sie ihn zum ersten Male gesehen , hatte ein neues Leben für sie begonnen . Seltsam , seltsam war ihr ' s damals ergangen . So , meinte sie , so rasch , so plötzlich und unwiederbringlich hätte noch keine ihr Herz verloren , nein , verschenkt - gern , glückselig verschenkt . Mit klingendem Spiele und flatternden Fähnlein war das Regiment auf einem Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten . Und Rosa , von dem Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt , hatte sich ergötzt an dem bunten Schauspiel zu ihren Füßen ; Zug um Zug marschierte vorüber , und manches Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mädchen , das so übermütig auf die staubbedeckten Reiter herabsah , als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum Spaße da vorbei . Endlich kam er herangeritten , nachlässig , mit schlaffen Zügeln , und träumte vor sich hin . Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen . Wie ein verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkömmlinge nahm es sich mit seinen etwas abgebröckelten Stukkaturen , seinen schweren Strebepfeilern und tiefen Fensterbogen aus neben den blanken , charakterlosen Nachbarn . Der Offizier sah an dem grauen Gemäuer empor , wie überrascht von seiner altertümlichen Schönheit . Als wecke es in ihm eine wehmütige Erinnerung , betrachtete er es ernsthaft , ja traurig und doch fast liebevoll . Und jetzt begegnete sein Blick dem der Rose am Fenster , dieser holden , trotzigen Rose , so schön , so frisch in ihrer düsteren Umrahmung . Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem Erstaunen , mit selbstvergessenem Entzücken . Und das alte , ewig neue Wunder vollzog sich ; in zwei von Schmerz und Glück noch unberührten Seelen erwachte die Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs , die sie bestimmt waren einander zu bereiten , die Ahnung des großen Lebensgeheimnisses , das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein . Unwillkürlich hielt der Jüngling sein Pferd an und stand regungslos mit emporgewandtem Haupte , mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem Gesichte . Eine Hand , die sich auf seine Schulter legte , eine Stimme , die ihn anrief : » Schläfst du , Fehse ? « weckte ihn aus seiner Versunkenheit . Er errötete über und über und setzte sich wieder in Bewegung . Der Kamerad aber war der Richtung , welche die Augen des Freundes genommen , mit den seinen gefolgt , er lächelte und machte eine Bewegung , als wollte er sagen : Ja so - jetzt verstehe ich ! Und Rosa , bestürzt , beschämt , eilte vom Fenster hinweg mit dem Gefühl einer ertappten Sünderin . Wie peinlich war der Augenblick ! Und doch - sie hätte ihn nicht tauschen mögen gegen alle frohen Stunden , die sie bisher erlebt . Das kindische Pärchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge Vögel in das Feuer . Damals hatte ein österreichischer Offizier alle mögliche Zeit , seine Privatangelegenheiten zu besorgen . Wenn er , wie Fehse es tat , auch täglich drei Meilen weit ritt , um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlämpchens zu erblicken , der Dienst , der ihm oblag , brauchte nicht darunter zu leiden . Später wurde der Leutnant in ein dem Städtchen näher gelegenes Dorf versetzt , und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze , die sehr bald Rosas Freude ausmachten und Herrn Heißenstein ein Ärgernis gaben . Frau Nannette nahm von alldem keine Notiz . Eine Sache , von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte , indem man aus dem Fenster sah , fand sie für angemessen zu ignorieren . Sie predigte nicht etwa mit Worten allein , sie predigte durch ihr Beispiel . Sie pflegte zu unterlassen , was Regula bleibenlassen sollte . Jawohl , bleibenlassen ! Oder hat man jemals gehört , daß ein wohlerzogenes Mädchen Lust und Zeit hätte , aus dem Fenster zu sehen ? Wenn dies der Fall , dann muß Frau Nannette sich schämen und ihre Unwissenheit bekennen . Denn wahrlich , ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen . Einen stillen , aber heißen Bewunderer fanden die equestrischen Übungen des Leutnants an Mansuet Weberlein . Von seinem Kasten aus , in dem er hockte wie der Frosch im Wetterglase , begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen , Fräulein Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken , mit seinen innigsten Sympathien . Er war ein so begeisterter Anhänger des Militärs , daß er jedem Unternehmen , gleichviel ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das Werk gesetzt wurde , das beste Gedeihen wünschte . Wie es kam , daß sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen entwickelten , ist unerklärt geblieben . Er stammte aus einem friedfertigen Geschlechte . Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschäfte Heißenstein gedient , solange dasselbe überhaupt bestand , und sein Vater hatte ihn auferzogen in der Furcht Gottes und der Militärpflicht . Und trotzdem ! Als er achtzehn Jahre alt und noch nicht viel über drei Schuh in der vertikalen , aber schon bedenklich in der schrägen Richtung gewachsen war , da kamen Werber aus Ungarn herüber in die Stadt . Mansuet entlief seinem väterlichen Hause und stellte sich . Er wurde ausgelacht und heimgeschickt . Aber von diesem Tage an galt er in seiner Familie für einen Haudegen und fühlte sich in einem gewissen Grade mit dem Soldatenwesen verbunden . In gemütlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten : » Sehen Sie , jetzt wäre ich Hauptmann , wenn ich nämlich gedient , ich wäre sogar Major , wenn man mich nämlich dazu gemacht hätte . « Er wußte den Militärschematismus auswendig und avancierte mit seinen eingebildeten Kameraden in seinem eingebildeten Range . Wenn der hübsche Leutnant Fehse am Hause vorüberritt , da verfehlte Mansuet niemals , dem zweiten Kommis zuzuflüstern : » Sehen Sie , der wäre jetzt mein Subordinierter , wenn ich nämlich gedient hätte , bei den Ulanen nämlich , und zwar im zweiten Regimente . « Die unschwer zu erratenden Absichten seines » Subordinierten « aus allen seinen Kräften zu fördern , empfand Weberlein den lebhaftesten Drang . Und eines schönen Morgens , als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte , bemerkte sein stiller Gönner , mit einer Hand auf den Schützling deutend und mit der andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend : » Ansprechendes Exterieur , das des Herrn Leutnants . Scheinen hier einen Punkt der Anziehung gefunden zu haben . « Und als Heißenstein schwieg , fuhr der Kommis mit einem diplomatischen Lächeln fort : » So frei gewesen , über den Herrn Leutnant Erkundigungen einzuziehen . Bei Großhändler Heller . Sind dort täglicher Gast . Gute Referenzen . Sehr ästimiert im Regimente , höchst anständig . « » Kümmert das Sie ? « fragte Herr Heißenstein in wegwerfendem Tone und schob dem Kommis den unterzeichneten Brief hin . Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte : » Sehr viel . Die Anständigkeit des Nebenmenschen kümmert mich immer sehr viel . « » Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen « , bemerkte der Prinzipal spöttisch . Weberlein war einmal entschlossen , kühn zu sein ; er ließ sich nicht irremachen durch die majestätische Ironie Heißensteins . Er dachte : Wetter ! man muß etwas tun für seine Freunde . Ein gutes Wort kann Wunder wirken ; es kann Möglichkeiten ins Auge fassen lassen , die sonst nicht erwogen worden wären . Und so sprach er : » In Verbindung - ich ? - Nur insofern , als ich vermöchte , eine Verbindung mit andern Personen zu vermitteln , die ihm wahrscheinlich erwünschter wäre . « Während dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf das Blatt in seiner Hand gerichtet . Jetzt wandte er sie seinem Chef zu . Der saß kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene , daß Mansuet sich von ihrem Anblick durch und durch erkältet fühlte und hüstelnd , als fröre ihn , seinen Rock zuknöpfte . Heißenstein sah den Kommis von der Seite an , und jede Falte auf seinem Gesichte , jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien zu sagen : Dieser Mensch wird mich niemals verstehen ! Der Tag verging . Herr Heißenstein kam auffallend früh und in auffallend schlechter Laune zum Abendessen . Die letztere wurde noch vermehrt , als er Rosas Platz am Tische unbesetzt fand . Ein unerquickliches Gespräch entspann sich zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause . » Wo ist Rosa ? « » Wie allabendlich bei Heller . « » Wer gab ihr die Erlaubnis ... « » Die nimmt sie wohl selbst . Wer hätte der etwas zu erlauben ? « » Ich ! « schrie Heißenstein . » Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt « , meinte Frau Nannette . » Von nun an hab ich dagegen einzuwenden « , war des Hausvaters kategorische Antwort , und Bozena erhielt den Befehl , Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu bringen . Die Magd gehorchte , und Regel , die inzwischen ihre Suppe ausgelöffelt und ohne das leiseste Geräusch geschleckt hatte , küßte ihren Eltern die Hände , verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verließ das Zimmer . Das Ehepaar war allein . Er hatte die » Brünner Zeitung « , sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen . Vor ihm stand eine Flasche Weines , vor ihr ein kleiner Arbeitskorb , in dem das Knäuelchen infolge der unglaublichen Geschwindigkeit , mit der sie strickte , ruhelos umherhüpfte . Die Bewegung dieses Knäuelchens schien Herrn Heißenstein unangenehm zu sein , denn er sah es manchmal über die Zeitung hinweg grimmig an . Eine Atmosphäre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute , und Frau Nannette bemühte sich vergeblich , sie zu zerstreuen . Sie lächelte , nickte mit dem Kopfe , sagte von Zeit zu Zeit : » Ja , ja « , und : » Du lieber Gott , schon ein Viertel nach neun ! « oder : » Wie doch ein Tag so rasch vergeht ! « Sie versuchte sogar durch ein kleines , gemütliches Gähnen die gezwungene Stimmung in eine bequeme zu verwandeln . Alles umsonst ! Endlich hielt sie im Stricken inne , und indem sie mit der Nadel einige Brotkrümchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob , teilte sie ihrem Manne mit , als besänne sie sich dessen plötzlich - daß sich ihr heute vormittags auf der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen . Herr Heißenstein äußerte den Anteil , den er an dieser Nachricht nahm , dadurch , daß er halblaut zu lesen begann : » Versteigerung der kärntnerischen Kammerfondsherrschaft Friesach samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz ... « Frau Nannette fuhr fort : » Ein sehr gebildeter , sehr wohlerzogener junger Mann ... « » An Gebäuden , an Grundstücken , an Untertanen , an Zehenten « , murmelte Heißenstein . » Du hörst nicht , Lieber « , sprach seine Gemahlin und setzte mit größerem Nachdrucke hinzu : » Von altem Adel , aus Hannover . « In einem Tone , der deutlich sagte : Ich will auch nicht hören , und mit , wie es schien , gesteigertem Interesse an seiner Zeitung las Heißenstein : » An Untertansgiebigkeit , an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23 3 / 4 Kreuzer ... « » Die Fehse sind so alt wie die Montmorency « , rief nun Frau Nannette etwas gereizt dazwischen und vergaß in der Aufregung , ihrer Rede die logische Gliederung zu geben , die sie ihr sonst so gern verlieh . - » So alt wie die Montmorency , und er spricht das schönste Deutsch , das ich jemals hörte . « » An Kleinrechten « , las Heißenstein weiter , » ein Paar Filzstiefel , ein Stück Hechten , siebenundzwanzig Hendeln , zwei Faschingshühner - - einhundertundfünf Pfund Harreisten ... « Jetzt riß der Faden von Frau Nannettens Geduld . Mühsam , mit großer Selbstüberwindung knüpfte sie ihn wieder zusammen . Sie beugte sich vor , tippte mit der Stricknadel auf den Ärmel ihres Mannes und sprach : » Es wäre mir angenehm , wenn meine Regula öfters Gelegenheit hätte , dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hören . Das Kind ist so bildungsfähig ! Man sollte es nicht glauben , aber heute vormittags wechselte Herr von Fehse einige Worte mit ihr , und schon nachmittags überraschte sie mich mit der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs und mit einer weichen Aussprache der Zischlaute , die mich entzückte . Gestatte demnach , lieber Mann ... « Die Stricknadel fuhr schmeichelnd über den Rockärmel , und bittende Augen ruhten auf dem hartnäckigen Leser . Dieser erhob den Kopf und lächelte seine Ehehälfte an , spöttisch , geringschätzig , herausfordernd . Frau Nannette fühlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren Hals sich zusammenschnüren . Sie dachte , nicht ohne einen kleinen Schauder , daß es möglich sei , einen Menschen inständigst zu hassen durch ein ganzes Leben hindurch wegen eines einzigen Lächelns , wenn es soviel Verachtung , soviel Hohn ausdrücke wie dieses . » Du wünschest also « , sprach Herr Heißenstein , » wenn ich recht verstehe , einen Montmorency « - Gott , wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus ! - » als Sprachlehrer für unsere Regel . Ich zweifle , ob diese Art in solcher Eigenschaft zu fungieren pflegt , bei Weinhändlerstöchtern . « Jetzt wurde die Türe des Vorzimmers geöffnet ; die Stimme Rosas ließ sich vernehmen . Herr Leopold stand auf . » Genug gescherzt ! « rief er , während seine Tochter eintrat . Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone die Worte zu : » Herr Leutnant von Fehse wird mein Haus niemals betreten ! « Das Mädchen erbleichte und fragte ganz verwirrt über diesen sonderbaren Empfang : » Warum , Vater ? - Warum ? - Was hast du gegen ihn ? « » Nichts gegen ihn , nichts für ihn « , erwiderte Heißenstein , » und dabei soll ' s sein Bewenden haben . « » Warum ? « wiederholte sie , » er ist brav und gut , alle Welt liebt ihn . « » Du wohl auch ? « fuhr er sie mit grausamem Spotte an . » Ja ! « antwortete Rosa hochaufatmend . Er sah sie an , und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde lebendig in seiner Seele . Streng , aber ohne Härte sprach er : » Schlag dir die Löffelei aus dem Kopfe ! Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse . Du hast gehört , mein Haus betritt er nie . « » Doch , Vater ! « war die kühne Antwort des Mädchens , » er kommt morgen . Er will bei dir um mich werben . « » Werben ? ! « schrie Heißenstein in aufloderndem Zorne . » Werben ? ! « Mit flammendem Gesichte schritt er auf seine Tochter zu ... Frau Nannette lief es kalt über den Rücken , und mit einem kleinen Schrei sprang sie auf , floh in die Fensterecke und wünschte zu sein , was ihr Mann sie einst genannt : eine Maus - um sich verkriechen zu können . Anders empfand die Tochter , die Schuldige , auf deren Haupt das Ungewitter sich zu entladen drohte , das die funkelnden Augen des Vaters , seine zuckenden Lippen , sein röchelnder Atem verkündeten . Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah ihn mit trotziger Entschlossenheit an . Sie war schön , und Bozena hatte doch recht : sie glich ihrer Mutter . Selbst jetzt noch , in ihrem Zorne mahnte sie an die sanfte Frau . - Jene hätte das Haupt gebeugt , sie erhob ' s - jene hätte den Kampf vermieden , sie nahm ihn auf - und dennoch ! und dennoch ! ... Mitten in seiner Wut , in seiner Empörung über den Widerstand , den sie zu leisten wagte , kam es ihm : Ich hab das Mädel lieb ! - Und wie Ekel an all der Kriecherei und Heuchlerei um ihn her erfaßte es ihn und zog ihn mit Macht zu der einzigen , die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte . Es war totenstill im Zimmer . Frau Nannette zitterte unhörbar , und Vater und Tochter standen einander lautlos gegenüber . Endlich sprach Heißenstein : » Er will kommen ? Gut denn . « » Vater ! « rief Rosa , jubelnd über diese unerwartete Antwort . Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen . Er entzog sie ihr mit den Worten : » Mache dir keine Hoffnung , du Törin . « Heißenstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller möglichen Steifheit . Als der Offizier , von Bozena geleitet , eintrat , erhob sich der Herr des Hauses , ging ihm aber nicht entgegen . Er ließ ihn herankommen , erwiderte seinen militärischen Gruß mit einem Kopfnicken , und als Fehse sich nannte , wies er ihm schweigend einen großen Lehnstuhl an , der neben dem Schreibtische stand . Er selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel . Gerade aufgerichtet vor seinem Gaste , die Hände auf die Knie gelegt , jede einleitende Phrase verschmähend , erklärte er dem jungen Manne , er wisse , welch einen ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei , und bedauere lebhaft , daß die obwaltenden Verhältnisse ihn zwängen , denselben abzulehnen . Fehse wurde abwechselnd blaß und rot , richtete seine sanften blauen Augen voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklärte seinerseits , daß er Fräulein Rosa innigst liebe . Herr Heißenstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben , und der Offizier fühlte seine Hoffnung , daß der Vater seiner Geliebten nicht unerbittlich sein könne , wachsen . Er rief , er sei zwar noch sehr jung , bekleide noch keine hohe Charge , habe kein Vermögen , aber er stamme aus einer geachteten Familie , trage einen ehrenwerten Namen , besitze leidliche Fähigkeiten und hoffe Karriere zu machen . Über seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden möge Heißenstein Erkundigungen einziehen , sein Oberst sei bereit , sie zu erteilen . Während er sprach , beobachtete der Geschäftsmann ihn scharf . - Eines großen Geistes Kind bist du nicht , dachte er , aber ein hübscher , anständiger Bursche . Fehses offenes Wesen machte einen günstigen Eindruck auf den mißtrauischen und zurückhaltenden Kaufherrn , und der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinbarung flog ihm durch den Sinn . Aus Liebe hat schon mancher größere Opfer gebracht , als das wäre , das der junge Edelmann um Rosas willen bringen müßte , sagte sich Heißenstein . Er begann umständlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzählen , seit wie vielen Generationen das Geschäft , an dessen Spitze er stehe , sich in seiner Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe . Ihm hätte der Himmel seinen Sohn genommen , aber seine ehrenwerte Firma müsse doch fortbestehen , und so sei es denn sein unabänderlicher Entschluß , die Hand seiner älteren Tochter nur demjenigen Manne zu gewähren , der sich herbeiließe , den Namen Heißenstein anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzuführen . Das Gesicht Fehses verfinsterte sich , und als Heißenstein mit den Worten schloß : » Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen ? « antwortete er bebend vor Entrüstung : » Was berechtigt Sie zu glauben , daß ich meinen Namen weniger hochhalte als Sie den Ihren ? ... Ich bin übrigens Soldat mit Leib und Seele und will es bleiben mein Leben lang . « Herr Heißenstein zollte der klaren und männlichen Sprache des Offiziers , die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ und ihre Unterredung beendete , seine Anerkennung . Er fügte , sich erhebend , hinzu , daß er von einem Manne von so korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte . Er äußerte seine aus seiner Hochachtung für Herrn von Fehse entspringende Überzeugung , daß dieser künftighin jede Gelegenheit , Rosa zu begegnen , meiden werde und unter der soeben ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf ihre Neigung verstehe . » Keine von beiden ! « entgegnete der junge Offizier flammend und glühend . » Ich liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt , ich werde alles daransetzen , sie zu erringen ! « Und gleich darauf , seine Heftigkeit bereuend , flehte er : » Machen Sie uns nicht unglücklich ! « » Verlieren Sie keine Worte « , sprach Heißenstein . » Es dürfte Sie später verdrießen , wenn Sie sich erinnern würden , Herr Leutnant von Fehse , daß Sie sich vor einem Weinhändler umsonst gedemütigt haben . « Er machte einige Schritte gegen die Tür . » Ich werde « , rief Fehse außer sich , » nie von Ihrer Tochter lassen ! - und seien Sie überzeugt : sie auch nicht von mir ! ... Sie sollen bereuen , was Sie heute tun . Merken Sie wohl : Ich habe Ihnen nichts versprochen . Ich habe kein Wort zu halten als das Wort , das ich Ihrer Tochter gab ! « Heißenstein stand eine Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach . Dann setzte er sich an den Schreibtisch und verfaßte einen langen Brief , den er noch am selben Tage eigenhändig der Post übergab . Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten . Zwei traurige Monate hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen und außer in Gegenwart Frau Nannettens keinen Besuch empfangen . Dennoch gelang es Fehse einmal , ihr Nachricht zu geben , und Bozena , die im Zimmer neben dem ihren schlief und der es war , als habe sie ihren Liebling schluchzen gehört , fand Rosa , als sie an ihr Bett trat , im Schlafe weinend , wie sie es als Kind so oft getan . Und dabei hielt