Himmel hinauf . « » Das Wetter hat so viel Schaden getan ? « sagte ich . » Das seht Ihr , « versetzte er . » Und weiter draußen , da hat ' s kaum getropft . « » Das glaube ich . ' s ist allemal nur uns Winkelstegern vermeint . Vom heutigen Tag an darf sich eins den ganzen Sommer über wieder nicht satt essen , wollen wir für den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hängen . « So antwortete er . Das Dorf bestand aus drei oder vier größeren hölzernen Häusern , einigen Hütten , rauchenden Kohlstätten und dem Kirchlein . Vor einem der größeren Häuser , an dessen Tür ein breiter , von vielen Tritten zerschleifter Antrittstein lag , blieb mein Begleiter stehen und sagte : » Kehrt der Herr bei mir ein ? Ich bin der Winkelwirt . « Er deutete bei diesen Worten auf das Haus , als ob das sein Ichselbst wäre . Bald hernach war ich in der Stube . Die Wirtin nahm mir gar behende die Reisetasche und den feuchten Überrock ab und brachte mir ein paar Strohschuhe herbei . » Nur gleich das nasse Leder und die Schliefschuhe anstecken ; nur fein gleich , fein gleich , ein nasser Schuh auf dem Fuß läuft zum Bader ! « Nicht lange , so saß ich trocken und bequem an dem großen Tische unter dem Hausaltar und unter Wandleisten , auf welchen der Reihe hin buntbemaltes Ton- und Porzellangeschirr lehnte . Auf dem Gläsergestelle war eine Unzahl von Kelchfläschchen umgestülpt und der Wirt fragte mich gleich , ob ich Branntwein begehre . Ich verlangte Wein . » Ist wohl kein Tröpfel im Keller gewesen , so lang ' das Haus steht , « sagte der Wirt unmutig , » aber Holzapfelmost hätt ' ich einen rechtschaffenen guten . « Das war mir schon recht ; doch als er in den Keller gehen wollte , trippelte sein Weib herbei , nahm ihm hastig den Schlüssel aus der Hand : » Geh , Lazarus , schneuz ' dem Herrn das Licht ; sein geschwind , Lazarus , wirst schon dein Tröpfel noch kriegen . « Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurück , reinigte den Docht der Unschlittkerze , sah mich eine Weile so an und fragte endlich : » Der Herr ist zuletzt gar unser neuer Schulmeister ? - Nicht ? So , auf den grauen Zahn hinauf geht die Wander ? Wird morgen wohl nicht gehen . Ist auch diesen Sommer noch kein Mensch hinaufgestiegen . Das muß einer im Frühherbst tun ; zur andern Zeit ist kein Verlaß auf das Wetter . - Nu , wie man halt schon so nachgrübelt ; ich hab ' gemeint , der Herr dürft ' der neue Schulmeister sein . Es versteigt sich sonst wunderselten einer da herein , der nicht herein gehört . Auf den neuen Schulmeister warten wir schon alle Tag . Der alte ist uns durchgegangen ; - hat der Herr nichts gehört ? « » So , Lazarus , tu schön fein plaudern mit dem Herrn , « sagte die Wirtin im zärtlichen Tone zu ihrem Manne , als sie mir den Most und zugleich auch die Abendsuppe vorsetzte . Das Weib war nicht mehr zu jung , aber es war das , was die Wäldler » kugelrund « nennen . Sie hatte ein zweifaches und unter demselben , um den vollen Hals , eine Silberkette . Ihre Äuglein guckten klug und mild hervor , wenn sie sprach , und wenn sie , mit jedem Winkel und Nagel des ganzen Hauses bekannt und verwachsen , lustig in allen Ecken und Enden herumregierte . Wie im Scherze regelte sie alles und redete mit dem Gast und lachte mit dem Gesinde in der Küche und im Vorhause . Daß jetzt der Schauer wieder alles zerschlagen , sei freilich nicht gar lustig , meinte sie , aber besser sei es allerwege , das Eis falle vom Himmel auf die Erde , als wenn es von der Erde auf den Himmel fiele und da oben auch noch alles in Scherben schlüge . Da hätt ' eins schon gar nichts mehr zu hoffen . Und wie sie so die Sache auslegte , sprudelte die Fröhlichkeit ordentlich aus ihr hervor , und der ganze Kreis um sie war heiter ; und jedes schien sich so gehen zu lassen in dem , was es tat , empfand und sagte ; aber es ging doch alles nach der Schnur . » Ihr habt eine treffliche Wirtin , « sagte ich zum Wirt . » Das wohl , das wohl , « bestätigte er leise und lebhaft , » brav ist sie , meine Juliana , aber halt - aber halt - « Das Wort blieb ihm im Halse stecken , oder vielmehr , er zerbiß es , drückte und preßte es hinab ; auf sprang er und die Hände am Rücken geballt schritt er über die Stube und wieder zurück und goß sich ein Glas Wasser in die Gurgel . Dann setzte er sich auf die Bank und war ruhig . Aber es war noch nicht ganz gut , er hatte die Fäuste geschlossen und starrte auf den Tisch . - Ich habe einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber gesehen , eine mächtig hohe Gestalt , knochig , hager , rauh und lederbraun , schwarz und vollbärtig , glutäugig , mit langer , scharf gebogener Nase , schneeweißen Zähnen , mit dichten Brauen und einem weichen , wollartigen Haarfilze - völlig so sah der Mann aus , der jetzt schier unheimlich vor mir brütete . » s gibt kein Weibel mehr , so herzensgut und getreu , « murmelte er plötzlich ; weitere Worte zermalmte er zwischen den Zähnen . Ich sah , der Mann war in einer peinlichen Stimmung ; ich suchte ihn aus derselben zu erlösen . » Also durchgegangen , sagt Ihr , ist der alte Schulmeister ? « Da hob der Wirt seinen Kopf : » Man kann just nicht sagen , daß er durchgegangen ist ; es hat ihm nichts weh getan bei uns . Ich denk ' , wer fünfzig Jahr in Winkelsteg Schullehrer , oder was weiß ich , alles ist , der läuft im einundfünfzigsten nicht davon wie ein Roßdieb . « » Fünfzig Jahre dahier Schullehrer ! « rief ich . » Schullehrer und Arzt und Amtmann und eine Weil ' auch Pfarrer ist er gewesen . « » Und ein Halbnarr ist er auch gewesen ! « schrie einer vom Nebentische her , wo sich mehrere schwarze Gesellen , etwa Holzer und Kohlenbrenner , bei Schnapsgläsern niedergelassen hatten . » Ja freilich , « rief die Stimme , » da draußen bei der Wacholderstauden ist er die längste Zeit gehockt und hat mit dem Wisch geschwätzt , und ich vermein ' , den Gimpeln hat er das Singen lehren wollen nach Noten . Hat er wo einen scheckigen Falter erspäht , so ist er ihm nachgeholpert den ganzen halben Tag ; - ein Halterbübl könnt ' nicht kindischer sein . Hat ihn ' leicht gar so ein Tier fortgelockt , hat der Alte nimmer heimgefunden , ist liegen blieben im Wald . « » Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum , Josel , « sagte der Wirt halb berichtigend , halb verweisend , » und daß er in der Christnacht ist in Verlust geraten , das wirst wissen . « » Der Teufel hat ihn geholt , den alten Sakermenter ! « gröhlte eine andere Stimme in dem finsteren Winkel der Stube am großen Kachelofen . Als ich hinblickte , sah ich in der Dunkelheit die Funken eines Feuersteines sprühen . » Mußt nit , Schorschl , mußt nit so reden ! « sagte einer der Köhler , » mußt bedenken , der alte Mann hat schneeweißes Haar gehabt ! « » Ja , und Hörner unter demselben , « rief ' s vom Ofen her , » ' leicht hat ihn keiner so gekannt , den alten Schleicher , wie der Schorschl ! Meint Ihr , er hätt ' s nit abgemacht gehabt mit den großen Herren , daß wir keine was haben gewonnen beim Lotterg ' spiel ( Lotterie ) ! Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der zweiten Woch ' , da der Schulmeister ist weggewesen , einen Terno gemacht ? Der bucklig ' Duckmauser selber hat freilich Geld gehabt ; hat ' s vergraben , auf daß , was er selber nit braucht , die armen Leut ' auch nit brauchen sollen . O - ' leicht könnt ' einer andere Geschichten erzählen , wären nicht so gewisse Leut ' in der Stuben . « Die Stimme schwieg ; man hörte nur das Pauffen der rauchsaugenden Lippen und das Zuklappen eines Pfeifendeckels . Der Wirt stand auf , warf seinen Lodenwams weg und ging in flatternden Hemdsärmeln einige Schritte gegen den Ofen . Mitten der Stube stand er still » So , gewisse Leut ' sind in der Stuben , « sagte er gedämpft , » Schorschl , dasselb ' deucht mich selber ; aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor aller Leut ' Augen ; im stockfinsteren Winkel ducken sie sich , wie nichtsnutzige Schelm ' , - « Er brach ab , man merkte es , wie er sich Gewalt antat , gelassen zu bleiben ; er zog sich schier krampfhaft zusammen , aber er bleib stehen mitten in der Stube . » Freilich , freilich , die Branntweinbrenner haben den Alten nicht leiden mögen , « sagte einer der Köhler . Dann zu mir gewendet : » Bester Herr , der hat ' s gut gemeint ! Gott tröst ' seine arme Seel ' ! - Hat noch die Orgel gespielt in der heiligen Nacht , aber in der Christtagsfrüh ist kein Gebetläuten gewesen . Den Reiter Peter - das ist halt unser Musikant - hatt ' er in der Nacht noch angeredet , daß der sollt ' die Musik für den Christtag übernehmen ; das ist sein letztes Wort gewesen , und weg ist der Schulmeister . - Du heiliger Antoni , was haben wir den Mann nicht gesucht ! Spüren hat man ihn nicht können , der Schnee ist weit und breit , und gar im Wald drin , steinhart gewesen ; hat jeden tragen , so weit er hat wollen gehen . Ganz Winkelsteg ist auf gewesen , ist alle Wälder abgegangen und alle Straßen draußen im Land . « Der Mann schwieg ; ein Achselzucken und eine Handbewegung deuteten an , sie hätten den Schulmeister nicht gefunden . » Und so haben wir Winkelsteger keinen Schulmeister , « sagte der Wirt . » Ich für mich brauch ' keinen ; ich hab ' nichts gelernt und werd ' nichts mehr lernen - ich leb ' so . Aber einsehen tu ' ich ' s wohl , ein Schulmeister muß sein . Und so sind wir Gemeindebauern und Holzleute halt zusammengestanden , daß wir einen neuen - « Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas an den Mund gesetzt , um den Rest des frischenden Trankes zu schlürfen . Und das war , als hätte es dem Manne die Sprache verschlagen . Er starrte nun auf das leere Glas , wollte dann sein Gespräch wieder fortsetzen , schien aber kaum mehr zu wissen , wovon geredet . » Ich denk ' mir meinen Teil , « versetzte einer der Kohlenbrenner , » und ich sag ' dasselb ' , just und gerade dasselb ' was der Wurzentoni sagt . Der alte Schulmeister , sagt er , hat ein Stückel mehr verstanden , als Birnsieden , ein gut Stückel mehr . Der Wurzentoni - nicht einmal , zehn- und hundertmal hat er den Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Büchlein beten , und sind alles so Sprüchel drin gewesen und Zauber- und Hexenzeichen , lauter Hexenzeichen . Wär ' der Schulmeister im Wald wo gestorben , sagt der Wurzentoni , so hätt ' man den Toten finden müssen , und hätt ' ihn der Teufel geholt , so wär ' das Gewand zurückgeblieben , denn das Gewand , sagt der Wurzentoni , ist unschuldig , über das hat der Teufel keine Gewalt , hat keine ! - Ganz was anders ist geschehen , meine Leut ' ! Der Schulmeister - verzaubert hat er sich , und so steigt er unsichtbar Tag und Nacht in Winkelsteg herum - Tag und Nacht , zu jeder Stund ' . Das ist , weil er will wissen , was die Leut ' , in der Heimlichkeit tun und über ihn reden , und weil - - . Ich sag ' nichts Schlechtes über den Schulmeister , ich nicht . Wüßt auch nicht was , bei meiner Treu , wüßt nicht was ! « » Ei , tät der Teufel nicht mehr wissen , wie der schwarz ' Kohlenbrenner , « hüstelte die Stimme hinter dem Ofen , » noch heut ' tät der alt ' Grauschädel die Winkelsteger bei der Nasen herumführen ! « Ein gereizter Löwe könnte nicht wütender aufspringen , als es jetzt der derbe , finstere Wirt tat . Ordentlich stöhnend vor Begier , stürzte er hin in den Ofenwinkel , und dort war ein angstvolles Aufkreischen . Da eilte die Wirtin » Geh , Lazarus , wirst dich scheren mit diesem dummen Schorschel da ! Ist nicht der Müh ' wert , daß du desweg einen Finger krumm tust . Geh , sei fein gescheit , Lazarus ; schau , jetzt hab ' ich dir dort dein Tröpfel hingestellt . « Lazarus ließ nach ; der Schorschl huschte wie ein Pudel zur Tür hinaus . Lazarus hatte Haarlocken in der Faust . Knurrend schritt er gegen den Kasten , auf welchem ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte . Fast lechzend , zitternd griff er nach dem Glase , führte es zum Mund und tat einen langen Zug . Dann hielt er starren Auges ein wenig inne , dann setze er wieder an und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen . Das mußte ein fürchterlicher Durst gewesen sein . Langsam sank die Hand mit dem leeren Gefäß nieder ; tief aufatmend glotzte der Wirt vor sich hin . So verging die Zeit , bis die Wirtin zu mir kam und sagte : » Wir haben ein gutes Bett , da oben auf dem Boden ; aber sag ' s dem Herrn fein g ' rad heraus , der Wind hat heut ' ein paar Dachschindeln davongetragen und da tut ' s ein klein wenig durchtröpfeln . Im Schulhaus oben wär ' wohl ein rechtschaffen bequemes Stübel , weil es für den neuen Lehrer schon eingerichtet ist ; und fein zum Heizen wär ' s auch , und wir haben den Schlüssel , weil mein Alter Richter ist und auf das Schulhaus zu schauen hat . Jetzt , wenn sonst der Herr nicht gerade ungern im Schulhaus schläft , so tät ich schon dazu raten . Ei beileib ' , es nicht unheimlich , gar nicht ; es ist fein still und fein sauber . Mich däucht , das ganze Jahr wollt ' ich darin wohnen . « So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor . Und nicht lange nachher geleitete mich ein Küchenmädchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere , regnerische Nacht , den Hütten entlang , an der Kirche hin über den Friedhof , an dessen Rande das Schulhaus stand . Das Rasseln des Schlüssels an der Tür widerhallte im Innern . Im Vorhause war es öde und die Schatten der Laternsäulchen zuckten wie gehetzt an den Wänden hin und her . Da traten wir in ein kleines Zimmer , in dessen Tonofen helle Glut knisterte . Meine Begleiterin stellte ein Licht auf den Tisch , schlug die braune Decke des Bettes über und zog aus dem Wandkasten eine Lade hervor , damit ich meine Sachen dort unterbringe . Da rief sie auf einmal : » Nein , das ist richtig , daß wir uns alle miteinander schämen müssen , jetzt liegen diese Fetzen noch da herum ! « Sofort faßte sie einen Armvoll Papierblätter , wie sie in der Lade wirr herumlagen : Will euch gleich helfen , ihr verzwickelten Wische , in den Ofen steckt ' ich euch ! « » Mußt nicht , mußt nicht , « kam ich dazwischen , » vielleicht sind Dinge dabei , die der neue Lehrer noch brauchen kann . « Verdrießlich warf sie die Blätter wieder in die Lade . Es wäre ihr in ihrer Aufräumungswut sicher eine große Lust gewesen , sie zu verbrennen , wie ja unwissende Leute häufig das Verlangen haben , alles , was ihnen nutzlos dünkt , sogleich zu vernichten . » Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen , « sagte das Mädchen hernach etwas schelmisch und legte eine blaugestreifte Zipfelmütze auf das Kopfkissen des Bettes . Dann gab es mir noch einige Ratschläge wegen der Türschlüssel , sagte : » So , in Gottesnamen , jetzt geh ' ich ! « - und sie ging . Die äußere Tür sperrte sie ab , an der inneren drehte ich den Schlüssel um , und nun war ich allein in der Wohnung des in Verlust geratenen Schulmeisters . Was war das für ein sonderbares Geschick mit diesem Manne , und was waren das für sonderbare Nachreden der Leute ? Und wie verschieden waren diese Nachreden ! Ein guter , vortrefflicher Mann , ein Narr , und gar einer , den zuletzt der Teufel holt ! - Ich sah mich in der Stube um . Da war ein wurmstichiger Tisch und ein brauner Kasten . Da hing eine alte , schwarze Pendeluhr mit völlig erblindetem Zifferblatte , vor welchem der kurze Pendel so emsig hin und her hüpfte , als wollte er nur hastig , hastig aus banger Zeit in eine bessere Zukunft eilen . - Und meint ihr , ich hätte von draußen herein nicht auch die Unruh der Kirchturmuhr gehört ? Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit übermäßig langen Rohren ; ferner eine Geige und eine alter Zither mit drei Saiten . Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräte , vom Stiefelzieher unter der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand . Der Kalender war von vorhergegangenem Jahre . Die Fenster waren bedeutend größer , als sie sonst bei hölzernen Häusern zu sein pflegen , und mit gepflochtenen Gittern versehen . In diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige . Da ich einen der blauen Vorhänge beiseite geschoben hatte , blickte ich hinaus ins Freie . Es war finster , nur von einer Ecke des Kirchhofes her schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes . Das war wohl das Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes . Der Regen rieselte ; es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich nach Hagelgewittern . Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten Tag aufgegeben . Ich beschloß , entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten , oder mittels eines Kohlenwagens wieder davonzufahren . Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft wochenlang die feuchten Nebel , während draußen im Vorlande der helle Sonnenschein liegt . Ehe ich mich ins Bett legte , wühlte ich noch ein wenig in den alten Papieren der Schublade herum . Da waren Musiknoten , Schreibübungen , Aufmerkblätter und allerhand so Geschreibe auf grobem , grauem Papier . Es war teils mit Bleistift , teils mit gelblichblasser Tinte , bald flüchtig , bald mit Fleiß geschrieben . Und da lagen zwischen Blättern gepreßte Pflanzen , entstaubte Schmetterlinge und eine Menge Tier- und Landschaftszeichnungen , auch eine Karte von Winkelsteg , zumeist gar recht unbeholfen gemacht . Aber ein Bild fiel mir doch auf , ein mit bunten Farben bemaltes , komisches Bild . Es stellte einen alten Mann dar . Der kauerte auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife . Auf dem Haupte , dessen Haare nach rückwärts gekämmt warn , hatte er eine plattgedrückte , schwarze Kappe mit einem breiten , wagrecht hinausstehenden Schilde . Aber ein Künstler war es doch , der das Bild gemacht ; im Ausdruck des Angesichts war er zu spüren . Aus dem einen Auge , das ganz offen stand , blickte eine ernste und doch milde Seele heraus ; aus dem andern , das halb geschlossen nur so blinzelte , sah ein wenig Schalkheit hervor . In einem Hause , aus dessen Fenstern lugen , ist ' s nicht gar sonderlich arm und öde . Über den , vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu rosig gehaltenen Wangen war es aber fast , als ob seinerzeit Wildbäche Furchen gerissen hätten . Völlig spaßhaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten Gesichte der lange weiße Spitzbart aus ; er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen . Um den Hals war ein hellrotes Tuch mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft . Dann kam der Wall des Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst , ein Frack mit niederstrebenden Taschen , aus deren einer der launige Künstler gar ein Zipfelchen hervorlugen ließ . Der Rock war eng zugeknöpft bis hinauf unter dem Eiszapfen . Die Hofe war grau , eng und sehr kurz ; die Stiefel waren auch grau , aber weit und sehr lang . - So kauerte das Männchen da und hielt mit beiden Händen genußselig das lange Pfeifenrohr , und schmauchte . Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch .... Der das Bild gemacht , ist ein großer Kauz gewesen ; nach dem es gemacht , der ist noch ein größerer gewesen . Einer oder der andere war sicher der alte Schulmeister , der auf unerklärliche Weise verschwunden , nachdem er fünfzig Jahre im Orte Lehrer gewesen . - » Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum , Tag und Nacht - zu jeder Stund ' ! « Ich stieg ins Bett und lag und sann . Ich ahnte freilich nicht , wer es gewesen war , der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht . Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben . Draußen rieselte der Regen , und doch lag eine Stille über allem , so daß mir war , als hörte ich das Atemholen der Nacht . - Ich war im Einschlummern ; da erhob sich plötzlich ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen , und mehrmals hintereinander laut und lustig klang der Wachtelschlag . Ganz täuschend ähnlich waren die Laute dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde . Die alte Uhr war es gewesen , die mir so seltsam die elfte Stunde verkündet hatte . Und der süße Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Träumen entführt hinaus auf das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen , zu den blau leuchtenden Blumenaugen , zu den gaukelnden Schmetterlingen - und so war ich eingeschlafen an demselben Abende , im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg . Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte , so weckte mich der Wachtelschlag wieder auf . Es war des Morgens zur sechsten Stunde . Im Stübchen atmete noch die weiche Wärme des Ofens ; an den Wänden und auf der Decke lag es blaß wie Mondlicht . Und es mußte die Sonne schon am Himmel stehen ; es war im Juli . Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge zurück . Die großen Scheiben waren grau angelaufen ; nur hie und da löste sich eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzähligen Bläschen und Tröpfchen , hinter sich einen schmalen ziehend , durch welchen das Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte . Ich öffnete das Fenster ; frostige Luft ergoß sich in das Zimmer . Der Regen hatte aufgehört ; an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter Eiskörner , mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln gemischt . An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches ; die Fenster der Kirche waren mit Brettern geschützt . Einige Eschen standen am Platze , da tropfte es nieder von den wenigen Blättern , die der Hagel verschont hatte . Noch ragte dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges ; was weiter hin war , das deckte der Nebel . Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr hervorgeholt . Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten Schwarzwälderuhr , welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplättchen den schmetternden Schlag der Wachtel so täuschend gab . Hernach wühlte ich , da es mir zum Frühstück noch zu zeitig war , eine Weile in den Papieren der Lade herum . Ich bemerkte , daß außer den Zeichnungen , Rechnungen und jenen Bogen , die zu Pflanzenmappen dienten , alle beschriebenen Blätter eine gleiche Größe hatten und mit roten Seitenzahlen versehen waren . Ich versuchte die Blätter zu ordnen und warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt . Es waren tagebuchartige Aufzeichnungen , die sich auf Winkelsteg bezogen . Die Schriften waren aber so voll von eigenartigen Ausdrücken und regellos geformten Sätzen , daß Studium und eine Art Übersetzung nötig schien , um sie der Verständlichkeit zuzuführen . Die Mühe däuchte mir gleich anfangs nicht abschreckend , denn ich hoffte hier Urkunden des so entlegenen Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben des verschwundenen Schulmeisters zu finden . Indem ich emsig weiter ordnete und mit dieser Arbeit schon völlig zur Rüste kam , entdeckte ich plötzlich ein dickes graues Blatt , auf welchem mit großen roten Buchstaben geschrieben stand : Die Schriften des Waldschulmeisters . So hatte ich nun gewissermaßen ein Buch zusammengestellt ; und das Blatt mit den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan , als des Buches Überschrift . Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkündet und auf dem Kirchturme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe . Der Pfarrer , ein schlanker Mann mit blassem Angesichte , schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe heran zur Kirche . Einige Männer und Weiber zogen ihm nach , entblößten noch weit vor der Tür ihr Haupt , oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten sich andächtig am Weihwasserkessel des Einganges . Ich ging zur Tür hinaus und über den hügeligen Sandboden hin . Und ich ging , weil die Orgel gar so freundlich klang , zur Kirche hinein . Da war es auf den ersten Blick , wie es in jeder Dorfkirche ist - und doch ganz anders . Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist , je mehr Silber und Gold sieht man an ihm funkeln ; alle Leuchter und Gefäße sind von Silber , alle Verzierungen und Heiligenröcke und Engelsflügel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold . Aber es ist nur Schein . Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben , der , als er in der Kirche einmal Meßnerdienste verrichten mußte und dabei in nähere Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen , ausrief : » Wie unsere Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind , so meint man , was der tausend wir für Himmelsmänner haben , und wenn man sie in der Nähe anschaut , ist alles Holz . « In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders . Freilich war auch da alles aus Holz und größtenteils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz , aber es war nicht geschminkt mit Goldglanz , schreienden Farben , Geflunker und Gebänder und was sonst solchen Zierat gibt ; es war , wie es war , und wollte nicht anders sein . Die Kirchenwände standen in mattem Grau und waren fast leer . In einer Ecke des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester , deren Bewohner heute auch bei dem Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das » Sanctus « sangen . Den Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betstühle - man sah es wohl - hatten heimische Zimmerleute ausgeführt . Der Taufstein hatte auch sein Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen . Aber es war Geschmack und Zweckmäßigkeit in allem . Der Altar war ein würdevoll dastehender Tisch , zu welchem drei breite Stufen emporführten . Er war bedeckt mit einfachen weißen Linnen , und in einem Gezelte aus weißer Seide , zwischen sechs schlanken , aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum . Was mir aber am meisten auffiel , was mich rührte , fast erschreckte , das war ein nacktes großes Kreuz aus Holz , welches über dem Zelte ragte . Dieses Kreuz mochte nicht immer da oben gestanden haben ; es war wettergrau , der Regen hatte die Fasern hervorgewaschen , die Sonne hatte Spalten gezogen . - Das war der Winkelsteger Altarbild . Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen gehört , als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare . Dann fiel mir noch ein Zweites auf , was fast abstach von der Armut und Einfachheit , so in diesem Gotteshause herrschte , was aber die Stimmung und Ruhe nur noch erhöhte . An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster mit Glasmalereien . Sie tauten ein rosiges Dämmerlicht über den Altar . Der Priester verrichtete die Handlung ; die wenigen Anwesenden knieten in den Stühlen und beteten still ; und die mild tönende , wie in Ehrfurcht leise zitternde Orgel betete mit , war wie eine flehende Fürsprache vor Gott für die arme Gemeinde , die seit gestern , da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet , neuen Kummer trug . Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben , bekreuzten , die Kniebeugung machten und davongingen , stieg ein hübscher junger Mann die Chorstiege herab . Ich fragte ihn vor der Kirchtür , ob er es sei , der die Orgel gespielt habe . Er neigte den Kopf . Er schritt gegen das Dörfchen hinab ; ich ging mit ihm und suchte ein Gespräch anzufangen . Er sah mir mehrmals treuherzig ins Gesicht , aber er sagte kein Wort ; und er