Abendmilch wurde mir eiskalt gereicht , und wenn ich aus dem ersten Schlaf auffuhr , da war ich mutterseelenallein in dem weiten , unheimlichen Zimmer . Ich fürchtete mich und schrie auf , und dann kam Fräulein Streit in ihrem weißen Kleide wie ein Gespenst hereingeflogen , schalt mich , steckte mir ein Bonbon in den Mund , deckte mich zu bis über die Nase und schlüpfte wieder hinaus . Außerdem berührten mich die » himmlischen Erinnerungen « meiner Erzieherin sehr wenig ; ich schlief meist darüber ein und erwachte erst wieder , wenn ich unbarmherzig an den Haaren gezogen wurde . Mit derselben Konsequenz , wie die graublonden Löckchen , wurden auch meine langen , schwarzen Haare allabendlich aufgewickelt , und dann mußte ich für meinen fernen Vater beten , auf dessen Gesicht ich mich bei aller Anstrengung nicht besinnen konnte . So vergingen einige Jahre und Fräulein Streit wurde von Tag zu Tag unruhiger und weinte immer herzbrechender . Sie stand auch wohl draußen im Baumhof , breitete ihre Arme weit aus und rief mit zärtlich dünner Stimme gen Himmel : » Eilende Wolken ! Segler der Lüfte ! Wer mit euch wanderte , mit euch schiffte ! « - und als ihr eines Tages ein Zahn ausfiel - er polterte bei Tische auf ihren Teller nieder und war zu meiner starren Verwunderung kein leibhaftiger , sondern ein eingesetzter Zahn - da wusch sie ihre Hände und packte schleunigst den Koffer . » Ich bin es mir selbst schuldig , gute Ilse - man hat hier so gar keine Aussichten ! « verabschiedete sie sich von Ilse , während Thränenströme ihr ältliches Gesicht überrieselten . Gar keine Aussicht in der weiten , weiten Heide ! Ich war wie versteinert bei dieser Anschuldigung meiner vergötterten Heimat . Heinz fuhr den Koffer bis ins nächste Dorf , und ich ging auch ein Stück Weges mit . Nach dem Abschied blieb ich stehen und sah der Fortziehenden nach , bis ihr wehendes Kleid weit , weit drüben im Walde verschwand . Nun nahm ich den Hut vom Kopfe und warf ihn hoch in die blaue Luft , dann streifte ich das enge , drückende Jäckchen ab , ohne welches Fräulein Streit mich nie ins Freie entlassen hatte ... Ei , wie wonnig der laue Wind über Nacken und Arme hinstrich ! ... So kam ich heim . Da hatte Ilse schon das gepolsterte Sofa in die anstoßende Kammer geschoben und der Schonung wegen mit Decken überhangen , und die blau und weiß gestreiften Vorhänge faltete sie eben fein säuberlich zusammen , um sie im Kasten aufzuheben . » Ilse , abschneiden ! « sagte ich und hielt meine langen unbequemen Locken hin . Und sie schnitt hindurch mit kreischender Schere , daß es eine Lust war . Die Lockenwickel flogen ins Feuer , das Jäckchen paradierte im Schranke , und ich ging von da an in Rock und Mieder wie Ilse . Das glitt mir alles durch die Seele , während ich unter der Föhre stand und unverwandten Auges die drei forteilenden Gestalten verfolgte . Es dämmerte bereits , ich konnte sie kaum noch von dem dunklen Buschwerk unterscheiden ; auch waren sie schon so weit entfernt , daß ich ihr Weiterschreiten nicht mehr bemerkte ; aber ich wußte ja , daß sie sich ebenso sputeten , wie einst Fräulein Streit , die mißachtete Heide möglichst schnell im Rücken zu haben ... Was hätte der junge Herr wohl gesagt der Thatsache gegenüber , daß die alte Frau mit dem roten Gesicht auf dem Dierkhof einst eine volkreiche Stadt verlassen hatte und in die Heide gegangen war , um nie wieder zurückzukehren ! Fräulein Streit meinte freilich immer , meine Großmutter sei tiefsinnig , und fürchtete sich unsäglich vor ihrem scheuen Blick ; für mich aber war das wunderliche Wesen der alten Frau bis zu diesem Augenblick unzertrennlich von ihrer ganzen Erscheinung gewesen , und wenn es sich später verschärft und verstärkt hatte , so war es ebenso leise und allmählich geschehen , wie ich in die Höhe wuchs - ich hatte immer gemeint , so seien eben alle Großmütter . Wie kam es doch , daß ich jetzt nachdenklich wurde über Dinge , die mir bisher als selbstverständlich gegolten hatten ? Das maßlose Erstaunen der Fremden über die » seltsame alte Frau , die kein Geld im Hause litt « , hatte mich aufmerksam gemacht ... Und war es nicht auch seltsam , daß meine Großmutter im Lauf der Jahre völlig verstummte ? Daß sie jeder Begegnung mit ihren Hausgenossen auswich und mir einen furchtbar strafenden Blick zuwarf , wenn ich ja einmal ihren Weg kreuzte ? Daß sie nie auch nur einen Bissen aus fremder Hand aß ? ... Die Eier , von denen sie hauptsächlich lebte , nahm sie eigenhändig aus den Nestern ; sie molk die Kuh selbst , damit keine andere Hand das Milchgefäß berühre , kein fremder Atem über den Trank hinstreiche , den sie genoß , und Fleisch und Brot rührte sie nie an ... Nur im ersten Jahr hatte sie mich hier und da geliebkost - später schien sie ganz vergessen zu haben , wer ich sei . Mein Vater schickte keine neue Erzieherin , für meine Großmutter existierte ich nicht , und der weit abseits wohnende Dorfschullehrer war kein Hexenmeister . Das sei zu schlimm für mich , meinte Ilse . - Sie schickte mich nicht in die Schule und setzte sich abends selbst auf den Lehrstuhl - es wurde ihr sauer genug . Sie las mir meist einzelne Kapitel aus der Bibel vor , aber stets mit gedämpfter Stimme , und es entging mir nicht , daß sie sich öfter jäh unterbrach und ängstlich gespannt nach dem Zimmer meiner Großmutter hinhorchte . Ich wurde auch vom alten Pfarrer des Kirchspiels konfirmiert ; denn ich hatte bei Ilse entsetzlich viel auswendig gelernt ; damals stahl sie sich förmlich mit mir aus dem Dierkhof , während Heinz daheim Wache hielt , und ich kniete in einer kleinen Dorfkirche und legte mein Glaubensbekenntnis ab , ohne daß meine Großmutter eine Ahnung davon hatte . So war ich aufgewachsen , wild und lustig wie die unberührten Weiden drüben am Fluß , und wie ich so dastand unter der Föhre , barfüßig , im kurzen groben Rock , und der Abendwind blies in mein flatterndes Haar , da lachte ich , lachte laut über den jungen Herrn , der so sorgsam den weichen Rasenweg für seine feinen Sohlen aussuchte und schützendes Leder über die weißen Hände zog - und das war meine Rache . Mochten sie doch diese unabsehbaren , flachen Strecken eine furchtbare Einöde nennen ; für mich waren sie beseelt vom Geiste der Heimat und von einer ganzen Armee luftiger Gestalten , als da sind Feen , Wasser- und Luftgeister , aber auch - Gespenster ; ja Gespenster ! Ich war schon ein wenig zusammengefahren bei meinem eigenen Lachen - hatte es doch so wunderlich über die dämmernde Heide hingeklungen , so fremd , als sei es gar nicht von mir selbst , sondern von der einfachen Mondsichel hergekommen , die sich am unermeßlichen Gewölbe droben ebenso verlor , wie meine kleinwinzige Person inmitten der ungeheuren , schweigenden Ebene . Schwarz stand der Wald am Horizont , er trennte mit einem scharfen Strich unerbittlich Himmel und Heide ; und im Osten , da , wo am Tage ein feiner , grüner Streifen verlockend leuchtete , ballten sich weißliche Dünste . Dort lag der Torfsumpf voll tiefer Wasserlachen und bestanden mit Binsen und sprödem Riedgras ; die kleinen stehenden Gewässer tief drinnen aber umsäumte Schilf , und die weiße Seerose lag bleich auf dem dunklen Spiegel - ich meinte immer , das seien keine Blumen , sondern traurige Menschengesichter . Jetzt schwebten sie aufwärts , und die weißen Schleier und Gewänder quollen nach und blähten sich und flossen herein auf das trockene Heideland , über das einst , in uralten Zeiten , grüne , rauschende Meereswogen hingerollt waren , wie heute der gute , alte gelehrte Herr mit der Blechbüchse auf dem Rücken gesagt hatte . Vor den wehklagenden , in den Sumpf zurückgedrängten Wassergeistern fürchtete ich mich nicht - aber da unten zu meinen Füßen war heute Menschenasche verschüttet worden ; frevelnde Hände hatten den Grabhügel aufgebrochen und die Ruhe der Toten gestört ... An der anderen Seite neben dem Föhrenstamm lag das Knöchelchen eingescharrt - wie , hob es sich nicht schon als Finger aus der Erde , wieder fest eingefügt in die weiße Hand ? Wuchs es nicht immer höher , da dicht neben mir , bis er dastand , der Phönizier , finster und dräuend , mit der breiten , weißen Stirn Karls des Großen und der Goldkrone in dem zurückbäumenden kastanienfarbenen Haar ? ... Kalte Schauer überliefen mich , mit stockendem Atem stand ich starr und steif und sah nicht rechts , noch links ; ich hatte nicht einmal den Mut , den Arm vom Föhrenstamm zu lösen , und doch erwartete ich jeden Augenblick mit leise gesträubtem Haar , den kalten Finger auf dem nackten , warmen Fleisch zu fühlen - und da legte sich plötzlich eine Hand schwer auf meine Schulter . Ich stieß einen gellenden Schrei aus . » Leonore , was machst du für Streiche ! « schalt Ilse . Sie stand hinter mir und hielt mich mit festen Armen - ich glaube , ich wäre sonst wie leblos den Hügel hinabgerollt . » Ach , Ilse , der Phönizier « - stammelte ich . » Was ? « fragte sie gedehnt . Sie schob mich von sich und sah mir mißtrauisch besorgt in die Augen - sie hatte ja heute schon einmal gefragt , ob ich toll geworden sei . Ihr Gesichtsausdruck brachte mich sofort zu mir selbst - ich mußte laut auflachen und warf mich an ihre Brust ; da war ich geborgen vor allen Gespenstern und auch vor dem fremden Gesicht , das , obschon längst in der Dämmerung verschwunden , sich doch sogar dem Geist des Phöniziers aufgedrängt hatte . » Hat ' s wieder einmal gespukt ? « fragte Ilse . » Und nun gar unter Gottes freiem Himmel ! ... Ja , du und Heinz , ihr seid mir ein Paar Helden ! « Die gute Ilse - unter dem dunklen Dach des uralten Dierkhofes war auch sie nicht sicher vor allerlei unheimlichen Begegnungen , und wenn sie auch mutig und beherzt auf alles losging , so wußte sie doch der haarsträubenden , verbrieften und womöglich amtlich bestätigten Dinge genug , vor denen der Verstand der Verständigen absolut still sein mußte . Sie nahm meine Rechte in ihre harte kühle Hand und führte mich den Hügel hinab . 4 Der Raum , der im niedersächsischen Hause sich zwischen der Tenne und den Wohnräumen hinzieht , und in welchem sich der Küchenherd befindet , heißt der Fleet . Auf dem Dierkhof erhob er sich noch nach uralter Sitte um einige Zoll über den lehmgestampften Boden der Tenne , sonst aber trennte ihn weder eine Wand , noch ein niedriger Bretterverschlag von der letzteren ; man konnte somit von dieser Stelle aus die lange Dreschdiele bis zum Hausthor und die sich zu beiden Seiten hinziehenden Viehstände bequem übersehen . Auf den Fleet mündeten ein Fenster und zwei Thüren der Wohnräume ; er war mit kleinen Steinplatten sauber belegt , hatte , wie schon erwähnt , zu beiden Seiten Thüren , die ins Freie führten , und war für mich der gemütlichste Platz im ganzen Hause . Dort stand auch , nicht weit vom Herde , zur Sommerzeit der Eßtisch . Als ich mit Ilse eintrat , brannte schon die Lampe auf dem Tische , sie verlor sich in dem weiten , dunkel angerauchten Raum wie ein kleiner Funken . Durch das offene Hausthor fiel noch das fahle Dämmerlicht von draußen auf die vorderen Viehstände ; sie waren leer , auf dem Dierkhofe wurde nur so viel Oekonomie betrieben , als zu unserem eigenen Lebensbedarf nötig . Nahe dem Fleet aber , mit der Stirne nach der Tenne zu , lag Mieke wiederkäuend und hielt mir die Hörner hin - zur Nachttoilette schien ihr die baumelnde Guirlande doch nicht wünschenswert . Ilse warf einen Blick auf das » feierlich geputzte « Tier , dann wandte sie den Kopf weg und schlug mich leicht auf die Schulter - ich durfte ja beileibe nicht wissen , daß sie über meinen » ewigen Unsinn « gar auch noch lache . Man hatte bereits ohne mich Abendtafel gehalten . An einem mächtigen Berg von Kartoffelschalen sah ich , wo Heinz gehaust hatte . Ilse schob diesmal ohne Strafpredigt die kalt gewordenen Kartoffeln von meinem Teller und legte mir dafür ein paar heiße , weichgekochte Eier hin . Draußen im Baumhof hörte ich Heinz hantieren , und Ilse lief auch emsig auf und ab ; sie hatte noch » alle Hände voll zu thun « . Das war nun freilich nicht der günstigste Moment ; trotz alledem fuhr mir die Frage heraus , die mir auf den Lippen geschwebt hatte : » Ilse , wie heißt das Haus , wo mein Vater jetzt wohnt ? « Sie wollte gerade an mir vorüber in den Baumhof gehen . » Willst du ihm schreiben ? « fragte sie , überrascht stehen bleibend . Ich lachte laut auf . » Ich ? Einen Brief schreiben ? Ach , Ilse , wie lächerlich das klingt ! ... Nein , nein , ich will nur wissen , wie die Leute heißen , bei denen mein Vater wohnt ! « » Muß es auf der Stelle sein ? « Ich wagte nicht » ja « zu sagen ; aber vielleicht las Ilse die brennende Ungeduld auf meinem Gesicht . Sie ging schweigend in die Wohnstube und schob mir gleich darauf ein Kästchen hin . » Da , suche dir die Adresse selber - ich hab ' sie nicht im Kopfe . Aber verliere mir nichts und stöbere nicht zu viel herum ! « Sie ging hinaus . Wie sauber und pünktlich geordnet lag die spärliche schriftliche Verbindung zwischen dem Dierkhof und der Außenwelt in dem kleinen Viereck ! ... Da war das dünne , verschwindend kleine Päckchen , das die Briefe meines Vaters umschloß : sie trugen samt und sonders Ilses Adresse , enthielten stets nur wenige höfliche Zeilen , einen Gruß an die Großmutter und an mich , und eine bestimmt verneinende Antwort auf Ilses hier und da wiederkehrende Bitten , mich , der Schule wegen , vom Dierkhof hinwegzunehmen . Was an Schriftstücken von draußen herkam , ging durch Ilses Hand und wurde von ihr unter Seufzen und großen Mühen mit steifen Schriftzügen und lakonischer Kürze erledigt . Ich kümmerte mich nie darum ; denn so flink ich im Lesen war , und so heißhungrig ich immer wieder die mir von Fräulein Streit massenhaft hinterlassenen Kinderbücher auch jetzt noch verschlang , so blutsauer wurde mir das Schreiben , und so verhaßt war es mir . Unter dem Päckchen mit meines Vaters Briefen lag auch ein Schreiben , von welchem ich wußte , daß es ganz vor kurzem eingelaufen war . » An Frau Rätin von Sassen . Hannover « stand in schlanker , graziöser Schrift auf dem Kouvert ; eine andere plumpe Hand hatte den Namen des dem Dierkhof zunächst gelegenen Dorfes hinzugefügt . Der Brief war an meine Großmutter - der einzige , der , solange ich denken konnte , unter dieser Adresse in unser Haus gekommen war . Als Heinz ihn vor einigen Wochen mitbrachte und Ilse übergab , da glitten meine Augen flüchtig über die Aufschrift , und ich ging gleichgültig hinweg , ohne den Inhalt wissen zu wollen : die Welt außerhalb der Heide , und was von ihr herüberkam , hatte für mich nicht die geringste Anziehungskraft . Heute war das plötzlich anders ; das aufgebrochene Siegel reizte mich , einen Blick auf das Blatt drinnen zu werfen ; allein ich wagte es doch nicht ohne Ilses Erlaubnis und legte den Brief einstweilen auf die Tischecke . Die gewünschte Adresse meines Vaters war schnell gefunden . Als ich sein letztes Schreiben mit hastiger Hand auseinanderschlug , da stand dicht unter seinem Namen : » Firma Claudius Nr. 64 in K. « Ein jäher Stich durchfuhr mich , und ich fühlte , wie es mir flammenheiß über das Gesicht hinlief , als ich den Namen schwarz auf weiß vor mir sah , den der Professor heute wiederholt ausgesprochen hatte . Wie prächtig verstand ich auf einmal die flüchtigen , kraus durcheinander wimmelnden Schriftzüge meines Vaters zu lesen . Der Name sprang mir förmlich in die Augen ... Ich kannte den Inhalt des Briefes , Ilse hatte ihn mir mitgeteilt , und doch fing ich jetzt an , die Zeilen noch einmal zu studieren . Ach , da war wieder einmal die ganze Oede und Trockenheit , welche die Briefe meines Vaters kennzeichnete ! Er fragte nicht : » Was macht mein Kind ? Ist es gesund und denkt es an mich ? « ... In diesem Augenblick fühlte ich zum erstenmal , wenn auch noch dunkel , daß mein Vater ein schweres Unrecht an mir begehe . Die nichtssagenden Zeilen schlossen mit dem Satze : » Der Brief aus Neapel wird nicht beantwortet , und daß er meiner Mutter nie zu Gesicht kommen darf , versteht sich von selbst . « Damit war offenbar das Schreiben gemeint , das neben mir auf dem Tisch lag ; es trug das Postzeichen Neapel und war mir nun doppelt interessant . Das dünne Blättchen in meiner Hand aber faltete ich mißmutig und enttäuscht zusammen - nichts über den neuen Aufenthaltsort meines Vaters , kein Wort über seine Beziehungen zu denen , die Claudius hießen - ich sprang auf und warf den Brief in den Kasten . Ei , was kümmerten mich die fremden Leute ! Da sann und grübelte ich über Menschen und Verhältnisse , die mich nichts , aber auch ganz und gar nichts angingen , und draußen brach die Nacht herein , und Heinz polterte und rumorte immer noch im Hofe herum . Sonst , wenn er über Feierabend noch einmal zu hantieren anfing , da klopfte ich ihn auf die Finger , hing mich an seinen Arm und schleppte ihn herein auf den Fleet , auf den massiven ungepolsterten Holzstuhl , seinen unbestrittenen Platz . Dann reichte ich ihm einen brennenden Kienspan , und gleich darauf wirbelten die Rauchwolken um sein selig schmunzelndes Gesicht . Ilse brachte ihr Nähzeug , ich aber las mit unvermindertem Enthusiasmus immer wieder die Erzählungen vor , die ich halb auswendig wußte . War es kühl oder gar stürmisch , regnerisch draußen , dann wurde das Feuer im Herd neu geschürt , und Ilse goß einen heißen Thee auf . Wonnig war es dann auf dem geschützten Fleet , unter dem Dach zu sitzen , auf das der plätschernde Regen unermüdlich niedertrommelte ; dazu der Glutschein vom Herde her und die trauliche Stille in dem weiten , von langen Streifen der Tabakswolken durchzogenen Raum der dämmernden Tenne . Dann und wann klirrte leise die Kette an Miekes Hals , hoch oben auf den Querstangen rührte sich schlaftrunken eines der Hühner , oder Spitz dehnte sich behaglich seufzend vor dem warmen Herde - alles , was ich liebte , geborgen inmitten der festen vier Wände ! Da war es still in meiner Seele ; ich hatte keinen Wunsch , kein Verlangen ! Mein junges Herz war nur voll von Zärtlichkeit für die beiden , zwischen denen ich saß ... Nun drängten sich auf einmal fremde Gesichter von draußen herein , und ich errötete heiß vor mir selber , indem ich daran dachte , was heute unter ihrem plötzlichen Einflusse aus mir geworden war . Da half kein Leugnen - statt zu dem alten Freunde zu halten , den der vornehme junge Herr mit so verächtlichen Blicken gemessen , hatte ich mich feigerweise seiner geschämt ; ich war maßlos heftig geworden , hatte mit dem Fuße gestampft ihm gegenüber , der mir allezeit mit der grenzenlosesten Geduld und Nachsicht begegnete , und ihn einfältig dafür gescholten , daß er seinen einfachen Kopf anstrengte , um genau nach meinem Wunsch und Willen zu antworten ... Und warum that ich das ? Weil mir auf einmal der glorreiche Einfall kam , mit meinem berühmten Vater prunken zu wollen , mit dem Vater , für den ich nicht existierte , während ich auf Heinzens Armen groß geworden war . Ich mußte abbitten , reumütig abbitten , und zwar auf der Stelle , und der Entschluß wurde mir leicht gemacht , denn in demselben Augenblick ging die Thür nach dem Baumhof auf , und Heinz trat , gefolgt von Spitz , auf den Fleet . Ich flog auf ihn zu und legte meine Hände auf seine breite Brust - höher kam ich nicht . » Heinz , du bist furchtbar böse auf mich , gelt ? « » Ei , beileibe , davon müßte ich doch auch was wissen , Prinzeßchen ! « brummte er neben der Pfeife heraus . Er stand verlegen und unbeholfen wie eine Mauer vor mir und rührte kein Glied . » Du weißt es auch , Heinz , « sagte ich . » Geh , zanke mich tüchtig aus ... Ich bin bodenlos ungezogen gewesen ! ... Gelt , das hättest du nie von mir gedacht ? - mit dem Fuße zu stampfen - « » Ach , das war ja nur ein Späßchen - « » Ein Späßchen ? Glaub doch das nicht ! Es war Ernst , nichtswürdiger Ernst ! ... Sei du nur nicht so gut mit mir , Heinz - ich verdiene es nicht , und Strafe muß sein ... Kindisch bin ich und heftig und ein erbärmliches , undankbares Ding - « » Ei ja - und was nicht noch alles ! « » Ein Hasenfuß , Heinz ! ... Ja , siehst du , das war ' s eben , was mich so außer Rand und Band brachte . Da stand ich wie hingeschneit am Hügel , und alle die Köpfe wären doch ganz gewiß nach mir herumgefahren , wenn du gesagt hättest - « » Hab ' nichts gesagt ! Hä , hä , hä ! Nicht ein Wörtchen ! « - Er stippte bedeutsam den Zeigefinger gegen die Stirn . - » Ja , so schlau ist man auch - die hätten lange fragen können ! « - Mit einer schwerfälligen Bewegung griff er in die Brusttasche seines Rockes . » Aber das unmenschlich viele Geld , das da nur so auf den Boden hinkollerte , das haben die Leute nicht wieder genommen , durchaus nicht ! ... Ich hab ' s auflesen müssen - und da ist ' s , Prinzeßchen ! « Er zählte die blanken Thaler in langer Reihe auf seine Rechte . Seine kleinen Augen glitzerten und funkelten und huschten liebäugelnd darüber hin . Fünf Silberstücke - für jede Perle eins ! So war es gemeint gewesen . Das » Hier , mein Kind ! « des alten Herrn hatte so selbstverständlich geklungen , als seien die Dinger da von mir verlangt worden , und ich hatte die Perlen doch hinschenken wollen . Das verdroß mich jetzt erst über die Maßen . » Ich will sie nicht , Heinz ! « grollte ich und stieß nach seiner Hand . Das Geld rollte abermals hinab ... Was war das für ein entsetzliches Geräusch , als die schweren Metallstücke klingend und klirrend auf das harte Steinpflaster niederschmetterten ! ... Ich hatte es noch nie , und der Dierkhof wohl seit vielen Jahren nicht mehr gehört . Unwillkürlich fuhr ich herum , und mein Blick zuckte scheu über das Fenster , das nach dem Fleet mündete . Hinter den halbblinden Scheiben hing ein dicker , farbenbunter Plüschteppich , den , solange ich denken konnte , nie eine Hand von drinnen gehoben hatte - jetzt wurde er zurückgeschleudert , und die Augen meiner Großmutter funkelten heraus . Das war ein Anblick , der dem Beherztesten Grauen einflößen konnte . Zitternd bückte ich mich , um das Geld zu sammeln ; aber da flog auch schon die neben dem Fenster befindliche Thür auf - wie ein Windstoß brauste es heran - ich wurde an der Schulter gepackt und auf die Tenne hinabgestoßen . » Nicht anrühren ! « gellte es mir in die Ohren . Welch einen erschütternden Klang hatte doch die Stimme , die seit langen Jahren für mich verstummt war ! Ich schlug entsetzt die Augen auf . Da stand die gewaltige Frau und schüttelte grimmig die Faust nach Heinz hin . » Du « - zischte es drohend von ihren Lippen . » Gut sein , gnädige Frau , gut sein ! « stotterte er bittend . » Ich trage ja gleich , jetzt auf der Stelle , das ganze dumme Lumpenzeug ' nüber in den Fluß ! « Er zitterte wie Espenlaub - ich sah zum erstenmal , daß diese unverwüstlich frische Gesichtsfarbe bis in die Lippen erbleichen konnte . Sie wandte ihm mit einer heftigen Bewegung den Rücken . Die langen grauen Flechten peitschten ihre Hüften , und ich erwartete unter stockenden Pulsen , daß sie sich wieder auf mich stürzen werde . Da stieß ihr Fuß an eines der Geldstücke ; sie fuhr zurück , als habe sie auf eine Schlange getreten . - Nun kam ein Schauspiel , das ich nie , nie vergessen kann . Kichernd schleuderte sie das Geldstück mit der Fußspitze fort , daß es weithin flog und rasselnd auf die Steine niederschlug , dann ein zweites , ein drittes , und so schritt sie auf dem Fleet hin und her - ich mußte an das grausame Spiel der Katze mit der Maus denken ... Und wie grauenhaft wechselte das Mienenspiel auf dem rot überflammten Gesicht ! Man sah , sie stieß das Geld voll Ingrimm und Abscheu von sich , und doch , sobald es wirbelnd niederfiel , lauschte sie vorgestreckten Halses mit unverkennbarer Lust , ja mit einer Art von Begierde , dem hellen Silberklang , bis die letzte leiseste Schwingung erloschen war . Ich rührte mich nicht von der Stelle und wagte kaum zu atmen ; Spitz , der sonst so rauflustige Spitz , schlich mit eingeklemmtem Schwanz vom Herde weg und drückte sich dicht neben Heinz , der regungslos , wie festgemauert auf seinem Platze verharrte , nur seine todesängstlichen Augen huschten einigemal nach mir herüber ... Ach ! Ilse - wo blieb sie nur ? ... Sie war die einzige , die Macht über meine Großmutter hatte . Hörte sie denn den Lärm gar nicht , der so unheimlich und nervenerschütternd gegen die alten Balken des Dierkhofes schlug ? Das Klingen und Springen der Silberstücke dauerte fort . Die alte Frau schien nicht mehr zu wissen , daß zwei Menschen wie Bildsäulen in ihrer Nähe standen . Sie rannte immer leidenschaftlicher auf und ab und flüsterte und gestikulierte nach etwas Unsichtbarem hin ... Da auf einmal fuhr es wie ein Ruck durch ihre Glieder ; sie kam eben am Eßtisch vorüber und blieb förmlich versteinert stehen , während die Augen minutenlang seitwärts auf die Tischdecke niederstierten - da lag der unglückselige Brief , der nach dem ausdrücklichen Befehl meines Vaters ihr nie zu Gesicht kommen sollte . » An Frau Rätin von Sassen ! « unterbrach sie endlich das tödliche Schweigen und strich sich tiefaufseufzend mit der Hand über die Stirne . » Frau Rätin von Sassen ! Das war ich - ich ! « Ich kämpfte mit mir selber , ob ich hinzuspringen und ihr den Brief entreißen solle , auf den sie eben die Hand legte . Aber was war ich schwaches , zerbrechliches Geschöpf unter den Händen dieser Frau ! Sie hätte mich ohne weiteres zurückgeschleudert und den Besitz des verhängnisvollen Papieres erst recht behauptet . Ich machte Heinz die beredtesten Zeichen - er sah mich völlig verständnislos an , und da geschah auch schon das Gefürchtete - meine Großmutter zog den Brief aus dem Kouvert . » Laß mal sehen ! « sagte sie , indem sie langsam das Blatt entfaltete . Sie las nicht , ihr Blick fiel nur auf die Unterschrift - - was mußte es wohl für ein Name sein , der eine solche Wirkung haben konnte ? ... Mit einem Wutgeschrei zermalmte die alte Frau sofort den Brief zwischen den Fingern . » Deine Christine ! « lachte sie gellend auf , schleuderte den gestaltlosen Papierklumpen weit in die Tenne hinein und lief mit einer wildabwehrenden Bewegung in ihr Zimmer zurück - gleich darauf kreischte drinnen der vorgeschobene Riegel . Ilse , die eben mit einem Korb voll Torfstücken aus dem Hofe kam , blieb erstaunt auf der Schwelle stehen . » War das nicht die Großmutter ? « fragte sie halb erschrocken , halb ungläubig . Die Thür , die da eben krachend zuschlug , wurde ja nie benutzt - Schloß und Riegel mußten längst eingerostet sein . Mir schlugen die Zähne wie im Fieber zusammen ; aber ich fühlte mich doch gleichsam erlöst und erzählte ihr flüsternd und atemlos den Vorgang . Ich sah wohl , wie sie zusammenschrak und sich verfärbte ; aber Ilse hätte nicht Ilse sein müssen - sie sagte kein Wort , stellte den Korb neben den Herd und fing an , die Torfstücke auszupacken und symmetrisch aufeinander zu legen ; nur als Heinz herantrat , hob sie den Kopf - sein heiliger Respekt vor den scharfen Augen war sehr begründet , sie hefteten sich vernichtend auf sein schreckerfülltes Gesicht . » Bist ja ein Mordkerl , Heinz ! « sagte sie . » Hab ' jahrelang gesorgt , daß nicht einmal Groschengeld auf den Dierkhof gekommen ist , und jetzt macht solch ein Politikus das nette Kunststückchen und wirft mir eine ganze Hand voll Silberthaler auf die Steine ! ... Ei je , die Vierzig auf dem Rücken