in eine Schneiderwerkstatt umgewandelt ; der tiefe Höllenwinkel - des Mannes erster Blick ! - , er ist mit dem riesigen Kachelofen verschwunden . Auf dem Platze in der Kammer , wo damals der Sarg des Majors gestanden , steht heute eine Wiege . Angstvolle Gebärden und zornige Scheltworte begrüßen den Eindringling , den man für einen Betrunkenen oder Tollen hält . Indessen waren auch die Nachbarn , die vor den Türen Dämmerstunde feierten , auf des Fremden seltsames Gebaren aufmerksam geworden ! Der Lärm lockte spielende Kinder , Mägde vom Brunnen herbei , eine dichte Gruppe bildete sich vor dem Tore . Die Frauen näherten sich dem abgezehrten Mädchen , das sich ermattet neben demselben niedergekauert hatte . - » Wie heißt du , Kleine ? « fragte eine Nachbarin . - » Hardine , « lispelte das Kind mit schwacher Stimme . - » Ist der Mann dein Vater ? « - Das Kind nickte . - » Wie heißt er ? « - Das Kind schüttelte das Köpfchen . - » Was will er ? « » Wen sucht er in diesem Hause ? « - » Fräulein Hardine ! « » Fräulein Hardine ! « Die Nachbarn steckten bei dem Namen die Köpfe zusammen . Als aber nun auch der Vater , gefolgt von der Schneiderfamilie , von Gesellen und Lehrlingen , aus dem Hause zurückkehrte und immer den nämlichen Namen wiederholte , da entstand ein Rumor , ein Gewirr von Kreuz- und Querfragen , das endlich in der Kürze zu folgendem Abschluß führte : Die älteren unter den Bürgern des Städtchens hatten in der Tat ein Fräulein , das Hardine hieß , gekannt , das einzige , das jemals unter ihnen diesen Namen getragen . Fräulein Hardine war in diesem Hause geboren und erzogen ; die Leiche ihres Vaters , der als Major in dem Gefechte bei Saalfeld geblieben , war auf dem städtischen Kirchhofe begraben , und die Tochter hatte ihm ein Monument errichten lassen , das die Stadt zu ihren vornehmsten Sehenswürdigkeiten zählte . Der Name Fräulein Hardines hatte überhaupt einen stolzen Klang in ihrer Vaterstadt . Der Magistrat ging damit um , ihr einen Ehrenbürgerbrief zu votieren , für welche Auszeichnung man sich denn ganz unverhohlen auf ein testamentarisches Legat zugunsten einer städtischen Stiftung Rechnung machte , denn die vielgepriesene Dame , die reichste Grundbesitzerin der Provinz , ermangelte jeglichen berechtigten Erbens und stand in den Jahren , wo man sein Haus zu bestellen pflegt . Daß hingegen Fräulein Hardine jemals ein fremdes Kind - von einem eigenen war natürlich nicht die Rede - in einem Waisenhause versorgt haben sollte , wollte zu den von ihr gang und gäben Erinnerungen und Vorstellungen nicht im entferntesten passen . Fräulein Hardine stand in dem Rufe einer großen und klugen Dame , aber nicht in dem einer Samariterin . August Müllers Erinnerungen sprachen indessen allzu deutlich für einen immerhin möglichen Fall , auch empfahlen die kriegerischen Narben und Dekorationen den ehemaligen Schützling ihrer Landsmännin , und so war man denn allseitig bereit , ihm eine gastliche Herberge in ihrer Vaterstadt zu gewähren . Die kleine Hardine , reichlich beköstigt und reinlich ausstaffiert , schlief so sanft wie noch nie auf der ganzen Reise in dem Bettchen , das ihr die Schneidersfrau neben der Wiege in der Kammer aufgeschlagen hatte . Vater Müller aber dacht gar nicht an ein Bett ; er durchzechte die kurze Sommernacht an der Tafel des Schloßkellerwirts nebenan und belohnte das freihaltende Publikum mit dem köstlichen Humor seiner spanischen Erinnerungen und der Erwartungen seines Türkenzuges . Ein so tapferer Landsmann , der sich so weit in der Welt umhergetrieben hatte und noch ferner umherzutreiben gedachte , ein Krüppel , der , seinem Elend zum Trotz , so lustig zu erzählen verstand , er durfte aber nicht ohne einen anständigen Zehrpfennig in das Gebiet der auserkorenen Ehrenbürgerin entlassen werden . Und so endete der Rasttag in Fräulein Hardines Vaterstadt als ein Freuden- und Erntetag für den ehemaligen Waisenknaben , der dieses Fräuleins Schutz genossen hatte . Den Himmel voller Geigen und mit reichlich gefüllter Tasche holte er am andern Morgen sein kleines Mädchen aus dem Nachbarhause ab , drückte den vor den Türen harrenden Bürgern zu Dank und Abschied die Hand und - besann sich erst jetzt , daß er vergessen hatte , nach Namen und Wohnort der Dame zu fragen , deren Wohltat er genossen haben und von neuem beanspruchen wollte ! Möglich , daß er beide gestern in seinem Freudenrausche überhörte ; so oder so jedoch gleichviel ! Er kannte den Namen » von Reckenburg « nicht , er wußte kein Wort von dem Stammsitze der Familie , der reichsten Herrschaft , dem Stolze der Provinz ! Wer vermöchte das verdrießliche Staunen unserer freigebigen Bürger zu beschreiben ! War der Mann mit dem ehrlichen Soldatengesicht , mit seinen Orden und Narben , seinen Fahrten und Schwänken , mit der Berufung auf Fräulein Hardine ein tollköpfiger Abenteurer , ein Betrüger , der ihre Leichtgläubigkeit benutzt hatte , um seinen Säckel zu füllen ? Es währte Wochen , bevor unsere Bürgerschaft über den ärgerlichen Streich zur Ruhe kam ; nur aber um von einem Erstaunen in das andere zu fallen und ihr Ehrendiplom vorderhand zu sistieren . Währenddessen wanderte der Wachtmeister Müller wohlgemut seines Weges . Sie hieß das Fräulein von Reckenburg , sie wohnte kaum zwölf Meilen fern auf Schloß Reckenburg , und jedes Kind wußte ihm den Weg nach Schloß Reckenburg anzugeben . Er konnte auf diesem Wege seine Zehrung bezahlen ; er hatte Weile , zechend zu rasten , wo ihm beliebte , und ihm beliebte , mancherorten zechend zu rasten . So währte es denn eine Woche , ehe er den Strom erreichte , an dessen jenseitigem Ufer das Reckenburger Gebiet beginnen sollte . Je näher er nun aber seinem Ziele rückte , um so anziehender wurde die Auskunft , die er über die Schloßdame von Reckenburg erhielt . Es waren natürlich nur kleine Leute , die er in den Herbergen oder als gelegentliche Weggenossen befragen konnte : Pächter , Förster , Viehhändler und dergleichen , einmütig aber sprachen sie von dem Fräulein mit dem tiefsten Respekt . Und zwar sprachen sie von ihr nicht nur wie von einer steinreichen Frau , sondern wie von dem klügsten und resolutesten Manne , dessen landwirtschaftliche Einrichtungen weit und breit der Gegend zum Muster dienten . Ebenso einstimmig waren aber auch die Bedenklichkeiten über die Zukunft der großen Besitzung nach dem Tode der Dame . Manche bedauerten die alleinstehende Matrone , andere beneideten im voraus die lachenden Erben . Unser Invalid , des Landes wie des Landbaues unkundig , verstand natürlich nichts von den Einzelheiten dieser Mitteilungen . Aber seltsam ! Je länger er von der Fülle des Reckenburgischen Erbes reden hörte , desto tiefer schmeichelten sich Hoffnungen und Wünsche in sein Gemüt , die ihm bis dahin völlig ferngelegen hatten . In Armut und Heimatlosigkeit waren die Mutmaßungen erst der alten Klosterklatsche , später seiner eigenen Frau von ihm verlacht worden . Jetzt auf der Wanderung in einer friedlichen , gedeihlichen Landschaft , ein paar Taler in der Tasche , jederzeit etwas Warmes im Magen und den Krug gefüllt für seinen Durst , kurz und gut , in einem behaglichen Zustande , wie er ihn kaum jemals gekannt , jetzt überließ er sich willig dem Zweifel , ob die beiden Weiber , ob namentlich seine kluge Lisette in der Hellsicht des Sterbebetts sein Verhältnis zu Fräulein Hardine doch am Ende nicht richtiger erkannt haben möchten als einst der einfältige Knabe und später der leichtsinnige Mann . Er überlas jetzt zu wiederholten Malen seine aufgeschriebenen Erinnerungen , er ließ auch wohl Fremde einen Einblick tun , ohne zu bedenken , welches Keimkorn von Verdächtigungen er damit ausstreue . Allerdings glaubte er auch heute noch nicht mit Zuversicht an sein Sohnesrecht , aber er begehrte nach diesem Recht , und vom Begehren bis zum Beanspruchen , man weiß es ja , ist ein Katzensprung . Die Freistatt für sein Kind und selber die Equipage für seinen Türkenzug genügten ihm schon nicht mehr ; vor allem aber genügte ihm nicht mehr , dieselben als eine Wohltat zu erbetteln . Mit jeder zurückgelegten Meile wuchs sein luftiges Prinzenschloß in die Höhe , und wenn seine Kleine müde ward , entschlüpfte ihm mehr als einmal der Zuruf : » Bald sind wir bei deiner Großmutter , Hardine ! « Es war an einem heiteren Augustmorgen , als er den ersten Grenzpfahl mit der Aufschrift : » Flur Reckenburg « erreichte . Die Landschaft unterschied sich in keiner Weise von der , welche er seit mehreren Tagen durchschritten hatte ; auch gehörte unser erwartungsvoller Fremdling nichts weniger als zu den die Kultur beobachtenden Wandersleuten . Trotzdem kam es ihm vor , als wandle er in einem neuen Land . War es der Schimmer der Heimat , der ihn blendete ? Oder standen die Wiesen wirklich so viel saftiger , die Felder so viel reicher bebaut ? Wuchsen die Waldbäume so viel geradstämmiger ? Trugen die Obstbäume so viel üppigere Frucht ? Wie ebenmäßig waren alle Kreuz- und Querwege chaussiert , wie zweckmäßig geführt und bezeichnet ! » Auf denen stockte keine Kanone und strömte es wie bei Quatrebras ! « rief der alte Soldat . Wie mußte er des hirsch- und holzgerechten Weidmannes , seines Lehrherrn , gedenken , als er die stattlichen Damböcke , das kräftige Edelwild in den uralten Tannenforsten , über die Umhegungen lugen sah , während hier und dort um den Trinkquell die Tiere lagerten und die Kälber sie lustig umsprangen . » Ja , hier ist gut sein ! « rief der arme Landstreicher aus . » Schau dich doch um , dummes Kind . Alles das gehört deiner Großmutter Hardine ! « Weniger ansprechend indessen als das Land dünkten ihm die Leute in der Reckenburger Flur . Es war Erntezeit und ein reges Leben auf den Feldern . Da sah er denn einen Menschenschlag , nicht groß und stattlich , wie Prinz Gustel in seiner eigenen Erinnerung stand , aber gesund und hartsehnig , knapp und reinlich gekleidet , scharf bei der Arbeit und karg im Genuß . Das war ein Schaffen ohne Rast ; jeder für sich und dabei doch einer fördernd in des andern Hand . Dabei kein Wort , kein umschweifender Blick , kein Lachen und Schäkern zwischen Burschen und Dirnen , während die Mahden geschnitten , die Garben gebunden und verladen wurden . In einem Ameisenhaufen konnte es nicht stummer und emsiger vor sich gehen . Selber die , welche Mittag haltend am Straßengraben saßen , verzehrten die schwarzen Brotschnitte und leerten ihren Krug Dünnbiers schweigend und hastiger , als anderwärts Bauern es zu tun pflegen . Keiner lud den wandernden Krüppel und sein müdes Kind zu Rast und Labe , kaum daß sie seinen Gruß erwiderten ; als er aber gar nach Schloß Reckenburg und nach Fräulein Hardine fragte , da starrten sie , ohne Auskunft zu geben , das armselige Paar mit schier verächtlichen Blicken an , als wollten sie sagen : » Was wollt ihr faules , verlaufenes Gesindel in der fleißigen , gesegneten Reckenburger Flur und bei unserem reichen , stolzen Fräulein Hardine ? « Der » Nach Schloß Reckenburg « bezeichnete Weg hatte die Wanderer in mannigfaltigem Wechsel stundenlang durch Wald , Wiesen , Feld und endlich wieder in ein Forstrevier geführt mit noch stattlicherem Bestande und mit parkartiger verschlungenen Pfaden als die früheren . Auch hier herrschte ein geschäftiges Treiben . Viel kleinere Kinder als die kleine Hardine sammelten die letzten blauen und die ersten roten Heidelbeeren des Sommers , alte Mütterchen kamen und gingen mit Kräuter- oder Reisigbündeln , mit Körben duftender Pilze . Von der Wiege bis zum Grabe schien alles im Reckenburgischen zu arbeiten . Aber die Kinder arbeiteten stumm , wie vorhin die Erwachsenen , und die Greise ebenfalls stumm , wie neben ihnen die Kinder ; auch sie starrten verblüfft dem fußwandernden Paare nach , während eine gleichzeitige militärische Kavalkade und mehrere vornehme Equipagen , welche in rascher Folge an ihnen vorübersausten , ihre Aufmerksamkeit nicht bemerkbar erregten . Vergeblich fragte der Invalid , was diese glänzende Auffahrt geputzter Damen und Herren zu bedeuten habe ? Sie zuckten schweigend die Achseln und bückten sich , um emsig weiterzusammeln . » Ein kurioses Völkchen , meine Reckenburger ! « sagte August Müller , » aber ich werde ihm Mores lehren ! « Der tiefschattige Waldweg öffnete sich eben wieder nach dem freien Felde , als der Wanderer durch eine Gruppe uralter Weimutskiefern gefesselt ward . Er blickte lange die schlanken Schäfte bis in die schwarzgrünen Wipfel hinan , die wie eine Laube ineinander verwachsen waren . » Bah ! Bäume sind Bäume ! « sagte er endlich , indem er sich mit Gewalt losriß und ins Freie hinaustrat . Er hatte bisher noch kein Dorf wahrgenommen , nur in der Ferne zerstreut einzelne Gehöfte , die er für Meiereien , Mühlen oder Ziegelscheunen hielt . Ihn plagte der Durst . Irgendwo mußte doch eine Schenke zu finden sein . So hielt er denn Umschau am Ausgang vor dem Waldesrande . Zur Linken desselben setzte die Straße nach dem Schlosse in einer breiten Lindenallee sich fort ; geradeaus streckte sich ein Flucht von Gemüsefeldern . Jetzt wendete er sich zur Rechten und stand wie vom Blitze getroffen , als er hart vor dem Kieferndickicht ein kleines Haus von altväterischer Bauart gewahr wurde . Er starrt hinauf zu dem Giebel , an welchem ein gräflich gekrönter Doggenkopf in Steinarbeit prangt , atemlos umgeht er das Häuschen nach den drei freiliegenden Seiten , schlägt sich mit der geballten Faust vor die Stirn und stürzt endlich mit dem Schrei : » Muhme , Muhme Justine ! « durch die geöffnete Tür . Aber es war nicht die alte Muhme , es war eine junge Familie , die er in dem netten Zimmer zur Mittagsmahlzeit versammelt fand . Der Tisch stand blitzblank gedeckt , obgleich nur mit Buttermilch und einem Grützbrei besetzt . Herr August hätte keinen Appetit auf die Kost verspürt , wenn man ihn zum Niedersetzen eingeladen hätte . Indessen man lud ihn nicht ein ; im Gegenteil , man erhob sich und drängte ihn ganz unmerklich wieder zur Tür hinaus . Sichtlich mit Widerwillen gab man den Bescheid , daß das vormalige gräfliche Meutewärterhaus jetzt die Wohnung des Schäfereiaufsehers sei . Mit mißtrauischen Blicken wurde dann die Tür abgeschlossen und der Weg nach der Schäferei , einem neuen Anbau , von der gesamten Familie angetreten . Nur ein eisgrauer Großvater war zurückgeblieben , um im Sonnenschein auf der Bank vor der Tür die steifen Glieder zu wärmen . Bei ihm verhielt sich unser Invalid , noch einmal Aufschluß über Muhme Justine und Fräulein Hardine erbittend . Und sei es nun , daß zu des Alten Zeit in Reckenburg weniger gearbeitet und mehr geschwätzt worden war , sei es , nach Greisenart , daß der Aufruf einer in jungen Tagen gekannten Gestalt des Alten Gedächtnis und seine Zunge löste , von ihm erhielt August Müller eine Mitteilung , welche gleichsam den Kettenschluß seiner Erinnerungen und Hoffnungen bilden sollte . Frau Müller , oder vertraulicherweise Muhme Justine , war in Begleitung des blutjungen Fräuleins Hardine , dessen Amme oder Kindsmagd sie gewesen , nach Reckenburg gekommen und dort von der alten schwarzen Gräfin zurückgehalten worden ; die einzige in der Gemeinde , welche die Gräfin jemals in ihrem Goldturme mit Augen gesehen hat . Für gewöhnlich aber hat sie in dem leerstehenden » Hundehaus « gewohnt und das Geschäft einer Wehmutter im Dorfe betrieben . Als die Muhme vor vielen , vielen Jahren gestorben ist , hat das Fräulein ein Kreuz über ihr Grab setzen lassen , worauf mit goldenen Lettern die Inschrift : » Der treuesten Dienerin « zu lesen steht . Ob Muhme Justine jemals ein Ziehkind gehalten habe , dessen wußte sich der alte Mann allerdings nicht zu erinnern , vielleicht , daß es während seiner Soldatenzeit in der Rheinkampagne geschehen war . Aber Muhme Justine hatte ein solches Kind gehalten ; August Müller wußte sich dessen nur allzu wohl zu erinnern , und das Kirchenregister mußte darüber Auskunft geben , wo , wann und von wem das Kind geboren worden war . Mit großen Schritten , seiner Tochter halbwegs voran , eilte er nach der Pfarre . Das Pfarrhaus , neuen stattlichen Ansehens , lag zu Füßen der Kirche , die auf leiser Anhöhe das Dorf überragte . Rückwärts , auf dem östlichen Abhange des Kirchhügels , senkte sich der Friedhof ab , während die Schule der Pfarrwohnung gegenüber am Eingang der Dorfstraße errichtet war : neu , reinlich und räumlich wie die gesamte Anlage . Dem atemlosen Manne , der jetzt von der Waldseite daherrannte , fehlte freilich jeder teilnehmende Blick für alles , was ihm solchergestalt segenverkündend entgegentrat . Er war im Begriffe , die Tür zu öffnen , als ein halbwüchsiger Knabe im bunten Gymnasiastenkäppchen ihm aus derselben entgegenkam . Zum erstenmal auf Reckenburger Grund ein offenes , fröhliches Gesicht , das auf den ersten Blick das Herz des Wanderers gewann . Sein Vater , so antwortete der Schüler auf August Müllers Frage nach dem Herrn Pfarrer , befinde sich auf dem Schlosse , wo heute , am 3. August , der Geburtstag des Königs von dem Fräulein durch ein Festmahl gefeiert werde . Er - der Schüler - sei gleichfalls auf dem Wege dorthin . Nicht als Gast - wie er lachend hinzufügte - , denn solche Ehre widerfahre ihm noch nicht - nur um sich die schönen Wagen und Pferde der Schloßgäste ein wenig anzusehen . Habe das Anliegen Eile , sei er bereit , seinen Vater herbeizurufen . Der Invalide brachte nunmehr in polternder Hast das Begehren nach seinem Taufschein zu Gehör , indem er zu seiner Empfehlung sich auf das Zeugnis der beiden Klosterpröpste berief , das er schon auf dem Wege aus seiner Brieftasche genommen hatte . » Ludwig Nordheim , « sagte der Schüler , nachdem er das Blatt überblickt hatte . - » Der Name und die Handschrift meines Großvaters ! « » Ihres Großvaters ! « - rief August Müller auf das angenehmste überrascht . » Junger Herr - Sie heißen - « » Ich heiße Ludwig Nordheim , wie er , « antwortete treuherzig der Knabe . - » Die Nordheims sind ein ständiges Geschlecht in der Pfarre von Reckenburg . Erst mein Großvater , des Fräuleins alter Freund , dann mein Vater , auch wieder ihr Freund , und ginge es nach dessen Willen , würde ich einmal der dritte . Mir aber , « so plauderte er fröhlich weiter , » mir ist die Kanzel zu eng . Ich möchte Landwirt werden , wie unser Fräulein Hardine . Vorher freilich , sagt sie , soll ich studieren . « Ein Wirbel war während dieser Rede in des Invaliden Kopfe aufgestiegen . Er stand einen Augenblick wie geblendet von dem Lichte dieser neuen Aufklärung . » Verstand ich Sie recht , « sagte er darauf , des Knaben Hand ergreifend und heftig drückend , » verstand ich Sie recht , junger Herr , so war Ihr Großvater , ehe er Klosterpropst ward , Pfarrer hier , hier in Reckenburg . Können Sie mir sagen , in welchen Jahren ? « » Nicht genau , wann er eingetreten ist , aber eine lange , lange Zeit , bevor er gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in das Kloster berufen wurde . « » Jedenfalls also Anfang der neunziger Jahre , in denen ich geboren sein muß . Er , er hat mich ohne Zweifel getauft , seine Hand meinen Namen in das Kirchenregister eingetragen . Darum , darum hat er mich vor allen anderen liebgehabt . Lassen Sie Ihren Vater in Frieden auf dem Schlosse , mein lieber junger Herr . Ein rascher Blick in das Kirchenbuch , und die Sache ist abgemacht . « » Es tut mir leid , diesen Wunsch , selber wenn ich dürfte , nicht erfüllen zu können , « versetzte der Gymnasiast . » Es existieren keine Register aus jener Zeit . Die Bücher sind mit abgebrannt , als Anno 97 , glaub ich , der Blitz in die Sakristei geschlagen und auch die alte Kirche zum großen Teil zerstört hat . Die Sie hier oben sehen , ist neu errichtet durch Fräulein Hardine , wie denn alles in unserem Reckenburg neu geworden ist durch sie : die Flur , das Dorf und selber das Menschengeschlecht . Das himmlische Feuer aber mußte vom Himmel kommen , sagt mein Vater , daß auch in den Registern keiner mehr an die alte , böse , zuchtlose Zeit erinnert werde . Aber wissen Sie was , guter Mann , « fuhr er nach einigem Besinnen fort , » warten Sie , bis gegen Abend die Gäste das Schloß verlassen haben werden , und fragen Sie dann nach bei Fräulein Hardine selbst . Sie ist in den neunziger Jahren schon häufig als Gast bei der alten Gräfin gewesen , und sie , die nichts vergißt , erinnert sich gewiß noch jedes Kindes , das in dieser Zeit im Dorfe geboren worden ist , zumal wenn Ihre alte Muhme dasselbe aufgezogen hat . « Nach diesen Worten sprang der Knabe munter voran , da er eben ein elegantes Viergespann in die Dorfstraße einbiegen sah . August Müller folgte ihm mit stolzen Schritten und gehobenen Hauptes . Die Enthüllungen im Wald- und Pfarrhause hatten das , was vor einer Stunde nur noch Verlangen gewesen , zur Gewißheit gesteigert . Was bedurfte er eines Zeugnisses schwarz auf weiß , wo der Zusammenhang so untrüglich mit Händen zu greifen war ? In einem abgelegenen Waldhause wird ein Knabe geboren . Er wird aufgezogen von der Gemeindepflegerin , welche dieses Haus bewohnt und welche die treueste Dienerin seiner Mutter gewesen ist . Der Ortspfarrer , der Mutter vertrauter Freund , tauft den Knaben und trägt ihn unter dem Namen der Dienerin in das Kirchenregister ein . Ohne Zweifel ist er es auch gewesen , der vorher schon die Ehe der Dame heimlich eingesegnet hat , die Ehe mit irgendeinem , gleichviel , ob zu hoch oder zu niedrig stehenden beliebigen Quidam . Unter den Schutz dieses bewährten geistlichen Freundes , der indessen an die Spitze einer anständigen Versorgungsanstalt aufgerückt ist , stellt später die Mutter ihren Knaben . Sie führt ihn persönlich ihm zu , ganz im geheimen . Noch ist sie arm und abhängig , sie darf ihn nicht öffentlich anerkennen ; aber sie überwacht ihn im stillen , sie sorgt für ihn , straft ihn , sie sucht einen tapferen Soldatensinn in ihm zu erwecken ; sie bringt ihn in einem selbstgewählten Berufe unter , und als sie endlich , zu Fülle und Freiheit gelangt , ihn vor der Welt anerkennen darf - ist der Knabe spurlos verschwunden , verschollen sein Name viele , viele Jahre lang . Die Mutter aber bleibt einsam zurück , sie harrt seiner Heimkehr , sie hält ihm das Erbe offen , das ihm rechtmäßig zusteht , erweitert es zu einem fürstlichen Besitz . Und er , er ist dieser glückliche Knabe , er der Sohn der letzten Reckenburgerin , er der Erbe der reichen Reckenburg ! So der Roman , welchen unser heißblütiger Kumpan sich im Fluge auferbaute . Die Daten , die etwa mit seiner Rechnung nicht stimmen mochten , die mancherlei Lücken , die Widersprüche in dem Charakter der mütterlichen Heldin , die problematische Rolle des beliebigen Quidam , mit alledem beunruhigte er seine Phantasie nicht . Wenngleich noch nüchtern , fühlte er sich wie berauscht . Hätte er eine wohlkonditionierte Uniform auf seinem Leibe gewußt , würde er spornstreichs nach dem Schlosse aufgebrochen und ohne Scheu vor Fräulein Hardine und ihre vornehme Tafelrunde getreten sein . » Mutter ! « würde er ihr zugerufen haben , » Mutter , dein Sohn ist heimgekehrt , und sieh , dies Kind hier ist seine Tochter , die dir zur Erinnerung den Namen Hardine trägt ! « Aber leider in ihrem gegenwärtigen Aufzuge konnten die Erben der Reckenburg sich nicht im Kreise ihrer künftigen Standesgenossen präsentieren . Man mußte ein Wirtshaus suchen und die abendliche Einsamkeit erwarten . So nahm denn unser Glücklicher die Kleine , die ihm ermattet nachgeschlichen kam , wieder an die Hand und schritt forschend die breite , lange Dorfstraße entlang . Aber seltsam ! wie die Gehöfte ihm hüben und drüben entgegentraten , alle neu , schweigsam , sauber und so nüchtern solide , da deuchte ihm , als ob aus jeglichem Fenster die Augen der gestrengen Hardine auf ihn niederschauten , so wie sie einst den unbändigen Waisenknaben angeschaut ; es summte wie » Wildling ! « vor seinem Ohr und er fuhr mit der Hand nach seiner glühenden Backe , wie damals , als er ihren züchtigenden Streich auf derselben gefühlt hatte . Ihn überkam eine Anwandlung zweifelnder Schwäche ; ohne eine herzstärkende Labe hätte er jetzt nicht vor der handfesten Dame erscheinen mögen . Und hinwiederum seltsam ! in dem langgereihten Dorfe schien nirgends eine Stätte für solche Labe aufzufinden . » Haben denn die Leute unter Fräulein Hardines Regiment keinen Durst ? « fragte er verdrießlich . » Oder saufen sie nur Wasser wie das liebe Vieh ? « Endlich im allerletzten Hause , da fand er , was er suchte , wenn auch durch kein Schild oder Schenkenzeichen , keine Kegelbahn , Laube oder Tanzlinde einladend angekündigt . Nein , das war nicht der Platz , wo ein Zögling des Biwaks das wandernde Marketenderzelt vergißt , wo Karten und Würfel fallen und der Schoppen unter zechenden Kumpanen kreist . Ebensowenig war es eine Herberge , die dem müden Bettler , dem irrenden Landstreicher Labsal und Obdach bot . Es war ein ruhiges , nüchternes Gehöft wie alle anderen des Dorfes , nur die Equipagen der Schloßgäste und eine betreßte Dienerschaft vor dem Tore deutete an , daß wohlbestelltes Volk und Getier gegen sofortige Bezahlung hier gelegentlich eine Raststunde halten durften . So wenig anheimelnd der Platz , unser Veteran warf sich in die Brust , setzte sich auf eine Bank vor der Tür und forderte Wein . Aber die Zornesader auf seiner narbigen Stirne schwoll , als der Wirt , ohne sich von der Stelle zu rühren , ihn von oben bis unten mit einem nichts weniger als bewillkommnenden Blicke maß . Was Wunder , wenn in dem Bruder Habenichts heute Prinz Gustels splendide Soldatennatur wieder aufgewacht war ! Er wiederholte barsch seine Forderung , indem er mit der Miene eines Krösus sein letztes Talerstück auf den Tisch warf . Vergebliche Herausforderung ! Ein Achselzucken des Wirts war die einzige Antwort ; das goldhelle Wörtchen Wein schien ein fremdartiger Klang in der Schenke von Reckenburg . Indessen hatte die auswärtige Dienerschaft den seltsamen Wandersmann , der in Lumpen ging und mit Talern um sich warf , aufs Korn genommen . Man näherte sich , man gab gefällig Bescheid , und hatte unser Freund vor einer Stunde sich dreist an die Magnatentafel des Grafenschlosses geträumt , so saß er jetzt wohlgemut im Kreise ihres galonierten Lakaientums . Kümmel und Gerstensaft lösten die Zunge so gut wie der versagte Rebensaft . Er plauderte von alten kriegerischen Erinnerungen , aber er plauderte noch lebhafter von den älteren friedlichen Erinnerungen , welche die Wanderung durch die Reckenburger Flur in ihm wachgerufen hatte , und er fühlte sich ermutigt , als auch andere kluge Leute einen Vers daraus zu bilden wußten , der auf den seinen reimte . Halb im Ernst , halb im Spott wurde sein Angriffsplan unterstützt ; die Krüge klappten zusammen in einem Frischauf zu glücklichem Erfolg . Hin und wieder ging auch ein Einheimischer , der zu Hause Mittag gehalten hatte , an dem Schenkenplatze vorüber ; volle Erntewagen schwankten in das Dorf und kehrten leer wieder nach den Feldern zurück . So seltene Gäste die Bauern und Knechte von Reckenburg an diesem Platze sein mochten , die Musterung der fremden Gespanne war wohl ausnahmsweise einen Krug Dünnbiers wert , und es verbreitete sich daher auch unter ihnen die wunderbare Mär von dem Reckenburger Kinde , das plötzlich als Herrenerbe eingesprungen war . Kopfschüttelnd und schweigend , wie sie der Mär gelauscht , entfernten sich die Einheimischen ; einer nach dem anderen ; auch die betreßte Tafelrunde brach auf , um die Geschirre für die Heimfahrt zu rüsten ; ehe aber der Abend sich senkte , war das lang bewahrte Geheimnis Fräulein Hardines weit über die Reckenburger Flur in das Land hinausgestreut . Der sich am spätesten erhob , war der jetzt doppelt berauschte Erbe . Er bezahlte das letzte Glas mit seinem letzten Groschen , riß seine Kleine , die in einem sonnigen Winkel eingeschlummert war , in die Höhe und rief barsch : » Wach auf , Schlafmütze ! Jetzt gehts zu deiner Großmutter Hardine ! « » Zu meiner Großmutter Hardine ! « lallte das Kind wie in einem fortgesetzten Traum . So wanderten sie Hand in Hand voran . Die Füße des Invaliden schwankten und seine Brust keuchte beklemmt . Warum eigentlich ? Ohne eine merkliche Spur hatte er häufig das Doppelte zu sich genommen . Freilich der Tag war heiß gewesen , die Wanderung weit und die Aufregung gewaltig . Es währte eine Weile , bevor er das Gittertor erreichte , auf welchem ein vergoldetes Doppelwappen im letzten Sonnenschein funkelte . Im Hintergrund einer langen breiten Rüsterallee präsentierte sich das Schloß auf erhöhter Terrasse ; zu beiden Seiten der Avenue dehnte sich bis zum Waldessaume der Garten , linealgerecht durch hohe Buchenhecken abgeteilt . Goldgelbe Pfade schlängelten sich zwischen den vielgestaltigen Schnörkelbeeten , auf denen hinter einem Einfaß von Buchs und bunten Perlenringeln zwar keine Blumen , aber kunstvoll dressierte Baumfiguren in die Höhe wuchsen . Weiße Marmorbilder , deren Struktur sich gar nicht übel mit den Pflanzungen dieses Ziergartens vertrug , ragten längs der Heckenwände ,