schrecklich , daß ich doch hoffe , der liebe Gott werde mir das nicht auch noch aufladen zu so vielem anderen . « » Gewiß nicht , liebe Mutter ! Er will dir nur wieder einmal eine rechte Freude machen und hat es drum gefügt , daß endlich dein Lieblingswunsch in Erfüllung geht . Heimkommen aber werde ich nun freilich seltener , wenn ich auch immer nahe bleibe . Ich komme am Dienstag als Knecht auf den Stighof . « Jos begann nun zu erzählen , aber gar nicht so regelmäßig wie sonst . Der guten Mutter sollte die Freude nicht noch dadurch getrübt werden , daß sie erfuhr , wie weh er und der Krämer sich in den letzten Tagen bei jeder Gelegenheit getan . Es war wohl das erstemal , daß er der Mutter etwas ihr Wichtiges verschweigen wollte . Es war ihm aber doch nicht recht wohl dabei , und mit eigener Hast kam er bald auf andere Dorfneuigkeiten , und besonders breit wurde sein Bericht , als er von dem in der Krone vorgelesenen Brief , zu erzählen begann . » Das ist für den Josef Anton noch viel zu früh , wenn der Hansjörg schon wieder heimkommen sollte . Er ist ja noch kaum drei Jahre fort . « Diese Rede war der Schnepfauerin nur so entronnen . Sonst pflegte sie ihren Bruder wie andere nur den Krämer zu heißen , und dem Jos war es von Kindheit an streng verboten , ihn Vetter zu nennen . Dieses Verbot wurde ihm auch nie schwer . Dafür hatte der Krämer durch sein Betragen von je her gesorgt . Nur wenn der Schneider einmal einen rechten Zorn auf ihn hatte , nannte er ihn Vetter Josef Anton - der Krämer meinte , um ihn mit der Erinnerung an die ihm so lästige Verwandtschaft zu ärgern . Vielleicht aber geschah das nur , weil Jos von dem Bruder seiner Mutter jede Unbill doppelt schmerzlich empfand . Heute horchte er erstaunt auf . In so eigener Weise hätte die Mutter nicht geredet , wenn zwischen dem Hansjörg und dem Krämer alles ganz eben gewesen wäre . » Aber « , sagte Jos sinnend , » Hansjörg ist doch mit dem Krämer immer gut ausgekommen . Ich war schon damals dort , ich wüßte mich jedoch nicht zu erinnern , daß er selbst mit der Zusel jemals ein böses Wort gewechselt hätte . « » Ja « , lächelte die Mutter wehmütig , » die zwei sind nur zu gut einig gewesen , sonst hätte wohl Hansjörg nie zu den Kaiserlichen gehen müssen . « » Richtig « , fuhr Jos auf , » das gleicht wieder ganz dem starren , knochigen , felsenköpfigen , grauäugigen alten Sünder . Dem hab ' ich ' s aber heute gesagt , er sehe mit seinen Spitzbubenaugen alle Menschen bloß für Tiere an . Solang er an ihnen herummelken könne , seien sie ihm recht , der beste wie der schlechteste , hernach aber ziehe er allen , und selbst den nächsten Verwandten , die Haut über die Ohren . « » Hast du das sagen dürfen ? « » Warum nicht « , fragte Jos zurück und erzählte nun in seinem Eifer auch das , was er der Mutter zu verschweigen beabsichtigte . Endlich kam diese wieder zu Worte . Doch hörte man es dem Ton ihrer Stimme sowohl als dem Ernst ihrer Worte an , wie ihr die Freude darüber , daß das Jösle nun zu Stighansen kommen sollte , durch dessen letzte Mitteilung bedeutend verdorben ward . » So wie du da « , sprach sie , » dürfen unserlei Leute sich nie erbrechen . Die Reichen wollen nichts geschenkt , und das Böse zahlen sie gewöhnlich am reichlichsten wieder zurück . Gewiß , Bürschlein , dein so aufbrausendes Wesen schadet dir mehr als deine Armut . Du magst oft recht haben , aber zum Strafen ist Gott da , wenn er will , und zum Predigen der Pfarrer . So abhängigen Leutlein wie uns schadet es weniger , wenn man alles ißt , was man hat , als wenn man alles sagt , was man wüßte . « » Ach , Mutter , du glaubst nicht , wie weh mir dieses Zusprechen immer tut « , rief Jos und begann , ihre bisher festgehaltene Hand fallen lassend , hastig in der Stube auf und ab zu schreiten . » Kriechen kann ich nicht , und die Wahrheit müßte heraus , wenn ich von so einem Feinde derselben viel abhängiger wäre , als ich wirklich es bin . « Die Mutter sah den Erregten traurig an . Oh , er kannte die Welt , die böse , böse Welt noch nicht . Er war viel zu leichtsinnig , überließ sich zu sehr dem Augenblicke , wie früher auch sie . Auch sie war durch Leichtsinn so unglücklich geworden und hatte aus der zwar armen , aber doch so warmen Heimat fliehen müssen wie eine Verbrecherin . Sie war das Kind ordentlicher Leute . Ihr Haus und ihr Anwesen in Schnepfau hatte sie und ihre Geschwister ernährt . Ihre Mutter war eine arbeitsame Frau , die der Vater als Mädchen im Vorderwalde kennen lernte . Ihre drei Kinder hatten viel von ihrer Lebhaftigkeit und Unternehmungslust . Elisabeth , das jüngste , erlebte die ersten bösen Tage , als ihr Vater , ein gutmütiger , nicht gerade besonders pfiffiger Bauer , bedeutend erkrankte . Schon am dritten Tage sagte man vom Sterben und davon , daß es höchste Zeit sei , mit allem Zeitlichen die letzte Rechnung zu machen . Der gute Mann meinte , unredlich erworbenes Gut besitze er nicht , Schätze hab ' er auch keine vergraben , und was durch seinen Fleiß zusammengekommen , sei wohl am schnellsten geteilt und am redlichsten , wenn er alles ohne Testament seinen Kindern zufallen lasse . Es stehe denen dann frei , ob sie noch länger gemeinsam wirtschaften oder gleich alles in Frieden teilen wollten . Der Pfarrer jedoch war ganz anderer Meinung und tat alles mögliche , um seine Kenntnis des Rechtes zur Geltung zu bringen . Den Kindern wurde kalt und heiß , als der fromme Mann dem kranken Vater des langen und breiten ausmalte , wie schlimm der Mutter gehen könnte , wenn man sie der Gnade ihrer Kinder überließe , und daß es daher Pflicht sei , das Vermögen jetzt ihr fast ganz zu verschreiben und das Anwesen um ein billiges an den ältesten Sohn zu verkaufen , daß der dann der Schuldner der Mutter und von ihr abhängig werde . Der Bauer wehrte sich , so gut sich ein strenggläubiger Bauer in einer Krankheit , die er für seine letzte hält , seinem geistlichen Rat , dem Seelenhirten , gegenüber zu wehren imstande ist , und gab dann endlich mit dem peinlichen Gefühl , von der Väter Sitte abweichend , Neid und Unfrieden unter die Seinen zu streuen , in Gottes Namen und der ewigen Seligkeit zulieb ' seufzend nach . Des Vaters Zustand begann sich wenige Tage , nachdem er seinen » freien letzten Willen « mit einem Kreuz unterzeichnet hatte , wieder zu bessern . Er wurde noch einmal eine Zeitlang ziemlich gut , aber in seinem Hause war viel , alles anders geworden . Wohl hatten seine Kinder nicht etwa nur mit Taglöhnersinn wie recht eigennützige Erben auf dem einst ihnen zufallenden Erbe gearbeitet . Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in allen so warm , daß Fleiß und Frieden ihre schönsten Blüten treiben und zur Reife bringen konnten . Nun aber , da sie sich auseinandergerissen , ja sich gegenübergestellt fühlten , fiel das schöne Gebäude zusammen wie ein Haus , unter dem jeder Arbeiter den von ihm gezimmerten Tragbalken wieder wegreißt . Die beiden Brüder besonders gerieten so oft in heftigsten Streit , daß das friedliebende Mädchen nicht mehr mit ihnen unter einem Dache leben mochte und sich in das besuchteste Wirtshaus des Dorfes als Magd verdingte . Josef Anton fing einen Hausierhandel an , da er auch nicht mehr für den bevorzugten Bruder umsonst arbeiten mochte . So stand denn nur noch eines seiner Kinder am Bette des unglücklichen Vaters , als dieser ein Jahr später am Kummer über den von ihm angerichteten Hauskrieg starb . Der Erbe des Anwesens verheiratete sich nun mit einem wohlhabenden Mädchen . Seinem Bruder aber schien der Himmel den Verlust des väterlichen Erbes reichlich ersetzen zu wollen . Josef Antons anfangs kleiner Handel gewann immer mehr an Umfang und Bedeutung , wie das kaum anders sein konnte zu einer Zeit , wo noch ganze Dörfer nur von Hausierern bedient wurden , die man überall als Hausfreunde , lebendige Wochenblätter und Ratgeber sehr hoch schätzte . Seine Schwester verlebte unterdessen auf einem Platze , wo manche es gar nicht aushalten zu können meinte , so frohe Tage , wie sie außer dem Vaterhause nimmer zu erleben hoffte . Eben weil sie , ein mittelloses , verlassenes Mädchen , auf der Welt kaum noch etwas Gutes erwartete , wurde es ihr leichter , einen so strengen Dienst zu versehen und selbst die vielen Launen der mit ihrem Manne im dreißigjährigen Kriege lebenden geldstolzen Wirtin - wenn auch nicht immer geduldig - zu ertragen . Da sie aber keinen besseren Platz wußte und nicht heim wollte , ließ sie alles über sich ergehen und blieb . Das war ganz leicht erklärlich , aber daß sie später , da auch andere Leute sie kennen und schätzen gelernt hatten , gar manchen viel besseren Dienst ausschlug , konnte niemand begreifen , weil eben niemand wußte , wie innig sie sich hier gefesselt fühlte . Der Fuhrknecht des Wirtes , ein junger , lustiger Bursche , war der erste Mensch , der ihr kein eigennütziges Kind dieser bösen Welt zu sein schien . Er konnte wirklich so wenig bei jeder Gelegenheit nur seinen Vorteil berechnen als sie . Oft und oft hätte ihn sein Eifer , das Mädchen der Wirtin gegenüber entschieden zu verteidigen , den Dienst gekostet , wenn das Geschäft des tüchtigen Burschen hätte entbehren können . Dem unter rohen , selbstsüchtigen Menschen aufgewachsenen Mädchen wurde ganz eigentümlich , wenn es den armen Burschen mit allem , was er hatte , für sie einstehen sah gegenüber einem Weibe , welches in drei Gemeinden gefürchtet wurde . Hoch klopfte das Herz , wenn es den schönen Burschen vor der polternden Frau stehen sah , der er in schönem Zorne die Meinung sagte , wie es selbst ihr Mann - der arme Schlucker , den die reiche Witwe nur aus Gnade geheiratet haben wollte - noch selten wagte . Ja oft traten dem Mädchen die hellen Tränen in die Augen , wenn ihr Lob von den Lippen des guten Burschen floß . Er wurde dann immer wärmer , und zuweilen klang das , was er sprach , fast wie ein Lied , und auch ihm sah man die Augen erfeuchten , bis er zuletzt kaum noch reden konnte . Und warum tat er das , warum vergaß er nie , ihr ein kleines Geschenk , wenn auch zuweilen nur eine Blume , ein Bildchen mit einem schönen Vers , mit heimzubringen ? Einzig nur , weil er der Gutherzigste , der Beste war auf der Welt , antwortete sich anfangs das Mädchen , in dem eine Neigung erwacht war , wie man sie nur denjenigen zu schildern vermöchte , die sich einst auch so ganz verlassen fühlten . Ja später fragte und antwortete sich das Lisabethle gar nicht mehr . Es las jetzt freudig erschrocken die schönen Verslein auf den Bildern , die er von Bregenz brachte , und fand alles natürlich , alles in der Ordnung . Schon redeten sie ernstlich vom Heiraten , sobald sie noch einige Jahreslöhne beisammen hätten , und noch hatte kein Mensch etwas von einem ernstlicheren Verhältnisse gemerkt , was wohl nur dadurch zu erklären ist , daß man sich in diesem Hause nicht viel darum kümmerte , wie und wo das Gesinde - hier Gesindel genannt - sich die seltenen freien Stunden vertrieb . So verlebten denn die beiden schöne Tage , bis Jos zur Rekrutenaushebung berufen wurde . Es war im Frühling , und das Lisabethle sank ohnmächtig auf das von ihm eben sorgfältig gejätete Gartenbeet , als zwei Vorübergehende sich das Ergebnis der Losung berichteten . Hier fand sie Jos , der , da er keinen Ersatzmann zu zahlen vermochte , schon dem Kaiser den Eid hatte schwören müssen . Weinend stürzten die beiden sich in die Arme . Lange jammerten sie , dann vergaßen sie noch einmal das Künftige , die ganze Welt und alles . Beim Grauen des anderen Morgens sah das Lisabethle seinen Jos zum letztenmal . Er hatte die Zeit der Rückkehr in seine Heimat nicht mehr erlebt . Zuerst nach der Abreise des Jos war das Mädchen noch stiller und geduldiger als vorher , nur an der Arbeit schien es keine rechte Lust mehr zu haben . Ja einmal , mitten im Heuen , lief es von aller Arbeit weg und sagte nur , es müsse nach Au , um mit dem Doktor zu reden wegen seinem Kopfweh . So etwas war der Wirtin noch nie vorgekommen , wie viele Mägde sie auch schon gehabt hatte . Je öfter sie nachmittags davon redete , desto zorniger wurde sie und desto fester ihr Entschluß , der liederlichen Person noch heute den Abschied zu geben . Dazu aber war es zu spät . Abends erschien statt der erwarteten Magd eine Base von ihr , die sich vor Jahren in Au , der Nachbargemeinde , verheiratet hatte , um Lisabethles Kleider und den Lohn zu holen , da dieses plötzlich ein wenig erkrankt sei und kein Mensch wissen könne , wann es wieder besser werde . Das arme Mädchen wagte nämlich nicht , bei seiner Mutter eine Zuflucht zu suchen . Die jetzt schrecklich fromme Frau , die keinen Hauskrieg fürchtete , wenn sie , der Aufforderung des Pfarrers folgend , wieder eine fromme Stiftung machte , hätte gewiß für das arme gefallene Mädchen kein Herz , sondern nichts als die bittersten Vorwürfe gehabt . Drum blieb es denn beim armen , kinderlosen Vetter in Au in einem Nebenstübchen , wo es sich mit Sticken und Nähen kümmerlich durchbringen mußte , bis der kleine Jos kam und nun manche Stunde des Tages in Anspruch nahm . Auch jetzt noch ging sie nicht in ihr Heimatsdorf zurück , ja jetzt erst recht gar nicht , denn schon der Gedanke an das , was sie in der Kirche , wo sie getauft wurde und die erste Kommunion empfing , erleben müßte , machte sie erbeben und gab ihr auch Kraft zu jeder Anstrengung , jeder Entsagung , daß sie doch keinen Menschen in Au belästigen und dadurch Veranlassung zu ihrer Ausweisung geben müsse . Noch aus frühester Kindheit her konnte sie sich schrecklich lebhaft vorstellen , was ein verführtes Mädchen hatte ausstehen müssen , als es zum erstenmal am Osterfeste , das strenge Kirchengebot erfüllend , den Gottesdienst mit der ihm von dem Gemeindediener angehängten alten Geige zu besuchen wagte . Der Pfarrer ließ die Übung dieses alten Landesbrauchs zu , wenn dabei der Gottesdienst auch durch die rohesten Späße entweiht wurde . Das gab der Dorfjugend den Mut , sich nach der Messe , die kein Mensch auch nur mit einiger Andacht angehört hatte , wie früher ihre Urgroßväter in zwei Reihen vor der Kirche aufzustellen und die schutz- , ehr- und rechtlos gewordene schöne Sünderin , die zwischen ihnen hindurch mußte , mit Kot zu werfen und auf die roheste Weise zu mißhandeln . Freilich war seitdem manches Jahr vergangen . Niemand hatte mehr von der Sache geredet , und vielleicht war endlich dieser alte Brauch vergessen . Vielleicht aber auch nicht . Unbarmherzige Eiferer und rohe Leute gab es ja noch genug , sagte sich das Lisabethle und wagte selbst am Begräbnistag der Mutter nicht mehr die Pfarrkirche zu besuchen . Es war ihr dabei ein großer Trost , daß sie sich in Au überall ohne Erröten sehen lassen durfte . Ihr Unglück und ihr Fleiß hatten ihr hier manches Herz gewonnen . Man betrachtete sie um so eher als zur Gemeinde gehörend , da man es beinahe als Ehrensache empfand , die nicht zu verstoßen , solange sie durch ihr Betragen keine Veranlassung gab , die hier eine Zufluchtsstätte gesucht hatte . Nicht einmal ein Heimatschein wurde ihr abgefordert , und viele freuten sich darüber , daß es ihr gelang , mit dem , was sie vom älteren Bruder als Erbe erhielt , und mit dem , was der verstorbene Soldat ihr zukommen ließ , das Häuschen in Argenau zu kaufen , welches sie noch vor dem Tode ihrer Verwandten bezog und in dem wir sie auch jetzt noch finden . Da , unter eigenem Dache , schlief sie nun wieder viel besser , und auch die Wochen vergingen etwas schneller . Schon viermal hatte sie den Erdäpfelwinkel im engen , niedrigen Keller geleert und ebenso oft die Knollenfrüchte vom Acker heimgebracht auf dem kleinen Handwägelein , in welchem man sonst den etwas verwöhnten Stighans im Dorfe herumzuführen pflegte . Der kleine Jos sprang fröhlich hinten nach , doch sah man es seinen ersten Höschen ganz deutlich an , daß er auf den Knien auflas , was die Mutter herausgegraben hatte . Es war ein flinkes , talentvolles Bürschchen , über das hinweg nun die Mutter wieder zuweilen in die Zukunft zu blicken wagte . Früher hatte sie als Büßerin alles ruhig über sich kommen lassen , was nach ihrer Ansicht der erzürnte Himmelvater schickte , ohne sich zu rühren und zu regen , ja ohne nur einmal zu denken , daß es anders sein könnte oder sollte . Erst die Mutterliebe vermochte sie aus dieser Starrheit zu bringen , das Schreien des hungrigen Kindes sie aus einem schlummerähnlichen Zustande zu wecken und sie von manchem düstern Traume zu befreien . Mit den neuen Pflichten kam auch Selbstvertrauen und Kraft , manches Widerwärtige von dem schuldlosen Kinde abzuwehren , ihm die Mutter gesund zu erhalten und als solche gleichsam ein neues Leben zu beginnen . Das tat sie denn auch mit Anstrengung aller Kräfte und lebte dabei so abgeschlossen und still , daß wohl kein Mensch sich hätte einbilden können , die Wahl eines neuen Gemeindevorstehers könnte für sie und ihren geringen Verkehr mit der Nachbarschaft irgendwie ein wichtiges Ereignis sein . Und doch war es so . Der neue Vorsteher sah beim Durchgehen der ihm übergebenen Schriften , daß das Lisabethle noch keinen Heimatschein beigebracht hatte , und glaubte nun , von der Vorstehung in Schnepfau einen solchen , wenn auch nur der Form wegen , fordern zu müssen . Die Antwort von Schnepfau aber verwies kurz und nicht ohne Beimischung von Spott auf das Gesetz , nach dem jeder Fremde der Gemeinde gehört und zur Last fällt , in der ihm vier Jahre ohne Heimatschein sich aufzuhalten gestattet wurde . Jetzt hatte alle Milde und Gutmütigkeit auf einmal ein Ende . Bisher hatte man die stille , fleißige Stickerin als eine Unglückliche beschützt und geliebt , keinem Menschen war sie groß in den Augen gewesen ; nun aber war sie eine der Gemeinde aufgedrungene Last , gleichsam das lebendige Denkmal einer von der Regierung des Dorfes gemachten Dummheit . Sie hieß nun die Schnepfauerin , und schon in diesem Namen lag etwas , das sich als Mißton fast in jedes mit einer Nachbarin beim Brunnen geführte Gespräch mischte . Die so aus der Heimat Verstoßene wurde immer argwöhnisch beobachtet , niemand traute ihr recht , und sogar der kleine Jos mußte dafür büßen , indem die Stigerin , der die Geschichte wie ein großer Klecks in dem Zeugnis ihres Vetters , des Altvorstehers , erschien , ihrem Hans den Umgang mit dem Jungen einer aus der Heimat verstoßenen Person verbieten wollte . Das war jedoch nur der erste , leider bei weitem nicht der einzige Fall dieser Art. Die meisten Bauern dachten wie die Stigerin und lehrten auch ihre Kinder so denken , während die Ortsarmen durch sie schon im Genusse der Armenkasse verkürzt zu werden fürchteten . Man fuhr wie gewöhnlich mit dem nun einmal aufgelesenen Ärger dort hinaus , wo der Hag am niedrigsten , am schwächsten war , und die arme Schnepfauerin mit ihrem Jösle mußte alles entgelten . Und doch hätte die Unglückliche an diesem Schnepfauer Streich auch ohne die ihr daraus erwachsenden äußeren Plagereien schon genug Herzleid empfunden . Bitterlicher als jetzt oft hatte sie selbst damals nicht geweint , als ihre Scham sie aus der Gemeinde trieb , die nun sie und ihr unschuldiges Kind aufs schmählichste für immer verstieß . Oh , vieles hätte sie tun mögen , um sich Achtung und Liebe zu verdienen . Oft , wenn sie in langen Winternächten arbeitete , bis das allzu sehr angestrengte Auge den auf die Stickerei fallenden hellen Schein der neben das Licht gestellten Glaskugel rötlich und bläulich aufflammen zu sehen glaubte , sann sie nach , ob man sie und ihren guten Willen denn gar nirgends brauche in diesem ewigen Einerlei . Zuweilen wünschte sie , ihr Leben für andere wagen zu können ! Aber wenn sie dann das ruhige Atmen des neben ihr entschlummerten Kindes hörte , fuhr sie freudig erschrocken aus ihren Träumen auf und brachte den Liebling mit doppelter Zärtlichkeit ins Bettlein , wie wenn sie ihn wegen dem bösen Gedanken , der sie von ihm abzog , um Verzeihung hätte bitten wollen . Erst das Jösle war vielleicht einmal imstande , sich und ihr wieder Boden zu gewinnen , daß dann auch der alte Vorsteher seine Nachlässigkeit nicht mehr bereuen mußte . Von jetzt an durfte es nicht mehr so schlecht gekleidet herumgehen wie bisher , wenn sie sich darum auch halb blind hätte arbeiten müssen . Sie brachte überhaupt dem Scheine viel eher ein Opfer als früher , wo sie sich noch ganz unbeobachtet glaubte . Man sollte sie nicht für zurückgekommen halten und den Namen Schnepfauerin , der nun einmal nicht mehr wegzubringen war , wieder aussprechen lernen , ohne dabei den Mund zu verziehen . Es galt ja das Wohl , die Zukunft des Kindes , dem sie den Vater ersetzen sollte . Dieser Gedanke gab ihr eine bewunderungswürdige Kraft und Ausdauer , aber niemand war , sie zu bewundern . Sie galt für ein leichtsinniges Geschöpf , und doch war wohl kaum ein Mensch im Dorfe , der innerlich und äußerlich so viel durchzukämpfen hatte wie sie , ohne daß etwas anderes sie belohnte als - der freundliche Blick des seligen Geliebten , den sie in trüben und frohen Stunden immer vor sich zu sehen glaubte . Er war der einzige , mit dem sie sich besprach über die Zukunft ihres Josef , der seine traurige Lage so spät als möglich ganz kennenlernen sollte und daher auch nie merken durfte , was alles sie für ihn tat , litt und entbehrte . Nur daß er arm , daher von Wohlhabenden abhängig sei , sollte er wissen , um deren Launen etwas geduldiger zu ertragen und sich nicht überall schon zu Hause zu wähnen . Ja , in diesem Stück konnte die sonst so zärtliche Mutter recht hart sein . Jösles Klagen über die Ungezogenheit reicher Kinder , ihre Härte und Bosheit , suchte sie , wenn auch mit blutendem Herzen , wegzuscherzen . Da tadelte sie seinen Trotz , wie recht sie ihm auch innerlich geben mochte , und hatte dafür die Freude , zu sehen , daß der Stighans immer noch den Umgang mit ihrem Jösle suchte , wie strenge das ihm auch von der Mutter verboten wurde . Das Schneiderlein hatte ganz recht , wenn es einen alten Lieblingswunsch der Mutter erfüllt glaubte , da es nun als Knecht auf den Stighof kommen sollte . Schon vor vielen Jahren hatte sie daran gedacht , und erst als sie aus dem vertrauten Umgange der beiden Knaben für ihre Zukunft nichts erwachsen zu sehen meinte , konnte sie sich entschließen , den Jos zuerst ins sogenannte Schwabenland zu verdingen und dann , da er dort nicht blieb , bei dem unterdessen wohlhabend gewordenen Bruder Josef Anton , dem Krämer , ein Handwerk lernen zu lassen . Das war die einzige Bitte gewesen , die sie noch an den Bruder richtete , und er hatte sie erfüllt , obwohl er es früher hoch und teuer verschwor , er werde weder sie , die ihm überall im Wege stehe , deren Schande die ganze Verwandtschaft niederdrücke , noch den Jungen jemals unter sein Dach kommen lassen . Es schien ihm endlich gelungen , den Jos wie einen ganz Fremden anzusehen , und diesem fiel es nie ein , ihn durch das Wort Vetter an die nahe Verwandtschaft zu erinnern , wenn er es nicht gerade dem harten Manne zum Possen tat wie heute . Die Schnepfauerin dankte Gott von Herzen , daß der längst gefürchtete Wortwechsel der beiden für Jos noch so gute Folgen hatte . Als echte Bregenzerwälderin sah sie die Aufnahme eines Dienstboten als einen Akt des Vertrauens und großer Hochachtung an . Der nun in Aussicht stehende höhere Lohn freute sie nicht halb so wie der Umstand , daß Jos nun in ein rechtes Haus , mitten in die wichtigste Arbeit hineinkam , gleichsam auf einen besonders erhöhten Posten in der Gemeinde , auf dem nun viele Menschen ihn sehen und hoffentlich auch schätzen lernen konnten . Es gab noch so viel zu besprechen , daß man erst spät in der Nacht ans Schlafen dachte . Die Mutter , besorgt um den leidenschaftlichen , immer etwas raschen , leichtsinnigen Jos und erfreut über seinen Bericht , hätte gleich wieder zu arbeiten anfangen mögen , wenn sie dadurch nicht das hohe Osterfest zu entheiligen gefürchtet hätte . Jos dachte beim Einschlafen noch an seine Eierschalen , die er vor der Mutter sorgfältig verborgen hatte . Sie sollte da nichts zu sorgen bekommen . Im Traum sah er des Krämers Haus mit der großen , buntbemalten Türe , vor der die Eierschalen lagen . Als dann statt der Zusel Stighansens Magd herauskam , erschrak er so , daß er darüber erwachte . Viertes Kapitel Was Zusel am Ostersonntag erlebt » Wie das Wetter am Ostertag ist , so wird es jeden Sommersonntag sein . « Diese Bauernregel entstand wohl auch weit weniger durch langjährige Beobachtung als aus den Eindrücken schöner und trüber Ostertage auf Menschen , die sich Kirche , Haus und Feld , Göttliches und Weltliches nur als eines oder doch bloß als gegenseitig sich bindend und tragend zu denken vermochten . Verständige Kinder unserer verständigen , alles teilenden und trennenden Zeit zucken freilich über solche Wetterregeln mitleidig die Achseln und meinen , mit den Festen der Kirche würden Sonne und Nebel nicht viel zu tun haben . Als ob man das nicht schon lange gewußt und allenfalls von Jahr zu Jahr erfahren hätte ! Wo fiel es wohl je einem ein , wegen Ostern am Weißen Sonntag ernstlich schönes oder trübes Wetter zu erwarten ? Dieser poetische Glaube jedoch hat sich stets vom Vater auf den Sohn vererbt und wird sich vererben , solange Ostern das Auferstehungsfest bleibt , an dem alle Stämme und Stengel sich füllen mit frischem Lebenssaft und um die mit dem Karsamstagswasser geweihten Bächlein die ersten Blumen und Gräser sich wieder herauswagen . Die ernste Karwoche schließt den Winter nicht nur für Mietsleute und Dienstboten , sondern auch für den Bauern , der sich am Ostertag , in dem er das Bild des Frühlings sieht , schon so in die mildere Jahreszeit hineindenkt , daß er , der Himmel und die Erde mögen aussehen , wie sie wollen , nun wieder zum erstenmal im leichten , buntfärbigen Sommerkleide zur Kirche geht . Das müßte ein armes , recht unglückliches Menschenkind sein , das am lieben heiligen Osterfeste gar nichts Funkelnagelneues anzuziehen und gleichsam einzuweihen hätte . Es sehen daher nicht nur ernste Bauern , denen ein trüber Tag die erste und reinste Frühlingsfreude verderben würde , schon früh am Morgen besorgt zum Himmel auf , sondern auch junge , sonst sorglos lebende Mädchen , die denn doch ihren Festschmuck nicht gerne verderben möchten , beobachten ängstlich jedes Wölkchen droben am Himmel und finden es heute fast so unangenehm wie einen Schmutzfleck im neuen Festtagskleide . Schon in der wie gewichst glänzenden engfaltigen Juppe prangend , holen sie endlich auch die allerweißesten Strümpfe aus dem Kasten und öffnen die von Rosmarin duftende Schachtel , in der , von unzähligen Papierstreifen umwickelt , der neue goldgestickte Brustfleck mit dem von Glasperlen gefaßten Namenszuge liegt . Endlich schimmert alles an seinem Orte , der glanzlederne Gürtel mit den drei silbernen Schnallen umfängt die schöne Gestalt und sucht ihre vollen Formen unter der etwas starren Juppe zu verbergen . Nun wär ' s doch wirklich jammerschade , wenn es regnen würde . Aber wer nichts wagt , gewinnt nichts . Ostern ist ' s nur einmal im Jahr , und übrigens kann man ja auch einen Regenschirm mitnehmen , der dann im schlimmsten Falle alles ein wenig schützt und doch - nicht alles verbirgt . Noch ein Blick in den verstohlen gekauften kleinen Spiegel hinter den Kleidern im Kasten oder in das gegen die Wand geöffnete Kammerfenster , das weniger Verwöhnten als Spiegel schon manchmal dienen mußte ; dann fort zur Nachbarin , um doch auch noch geschwind zu sehen , was die heute wieder Neues hat . Die überall beneidete , getadelte und bewunderte Susanna , des reichen Krämers verzogenes Töchterlein , hatte schon etliche Jahre hintereinander den Dorfbewohnerinnen am Osterfeste gezeigt , was für den kommenden Sommer Mode sein werde ; doch einen so schönen Ostermorgen wie den heutigen hatte selbst sie noch niemals erlebt . Nicht einmal wecken mußte man sie heute . Die Magd hatte noch kaum ein Feuer , als sie schon zu ihr in die