linken Flügel des Schlosses , und wir haben von unsern Fenstern aus eine recht schöne Aussicht auf den Platz . Bei Sonnenschein und Regen sehen wir die Wachtparade aufziehen und schwärmen für die türkischen Becken , den Schellenbaum , die große Pauke und den jüngsten Leutnant . Die Posten wandeln auf und ab , unsere zeisiggrünen Portiers und krebsroten Lakaien bringen den Glanz unseres Daseins dem gaffenden Marktvolk zum Bewußtsein ; eine Familienkarte zur Besichtigung des Schlosses kostet zwei Taler , eine Einzelkarte nur einen Taler , wie ich von meinem Freunde , dem Kastellan , weiß ; Seine Exzellenz der Herr Hofmarschall und der Herr Marquis von Carabas in allen Abstufungen fahren vor und ab , wir fahren spazieren und kommen zurück , und die Wache trommelt , und eine Abwechslung ist ' s nur , wenn der wachthabende Offizier sich verspätet und mit verkehrt aufgesetztem Tschako hervorstürzt . Eine Abwechslung ist ' s auch , wenn die Atmosphäre infolge einer Spannung mit dem rechten Flügel des Palais um einige Grade schwüler wird . Es gibt so manche gefährliche und leicht verwischte Grenzlinien , und dazu repräsentieren wir auf der Linken gar noch den Rationalismus und erbauen uns an Zschokkes Stunden der Andacht gleich der Kusine zu Windsor . Drüben auf der Rechten und im Mittelbau gehören sie zu den ausgewählteren Gefäßen und sind uns auf dem Wege zur Gnade wenigstens um zehn Postmeilen voraus . Kennen Sie Zschokkes Stunden der Andacht , Herr Hagebucher ? Nicht ? Nur eine dumpfe Erinnerung ? Ich habe mehr davon ; ich habe sie vorzulesen , ich kenne verschiedene Stücke auswendig ; darf ich Ihnen eines oder das andere rezitieren ? Nein ? ! Es wäre aber eine große Gefälligkeit von mir ! O Herr Hagebucher , auch Abu Telfan hat Reize , nach welchen ein Bruchteil der Menschheit sich sehnen kann . Ein sehr hübsches eisernes Gitter mit vergoldeten Spitzen trennt , wie Sie vielleicht noch wissen , unsern Schloßplatz von der Hauptstraße der Stadt . Da es verboten ist , mit Paketen oder Körben am Arme , einer Zigarre im Munde , einem Kinde oder einem Hunde den geheiligten Bezirk zu durchwandeln , so bleibt die gewöhnliche Welt hübsch draußen . Wir betrachten und beobachten sie nur durch unser Gitter und achten uns viel zu hoch , um uns nicht bescheiden zu können , und können letzteres um so mehr , als uns die Vorsehung für alles , was wir entbehren müssen oder zuviel haben , so unaussprechlich reichlich entschädigt hat . Unsere Galatage heben uns hoch über das Gallaland hinaus , mit unsern hohen Geburtstagen kann keine Herrlichkeit an der Gold- und Pfefferküste konkurrieren , und die noch höheren Besuche aus allen himmlischen Reichen wären imstande , das innerste Afrika vor Neid nach außen zu kehren , wenn es nur die geringste Ahnung von ihrer Importance hätte . O Gott , und haben wir nicht die Adjutanten , die Kammerherren und die verschiedenen Leibärzte der verschiedenen Herrschaften ? O Gott , o Gott , und man sieht es Frühling werden , Sommer und Winter , und man wird immer älter - immer älter und immer sublimer und zarter , und das ganze Universum wird immer mehr zu einem ehrfurchtsvollen Geflüster . Und die Menage , die Naturalverpflegung , wie mein kleiner Vetter Bumsdorf es nennt , bleibt immer tadellos ; ein Ballkleid oder ein neues Armband fällt auch von Zeit zu Zeit für uns ab , und die Etikette sorgt mit unleidlichem Nachdruck dafür , daß wir auf unsern Redouten nicht als Immobilien die Wände zieren . Und immer wird ' s wieder Frühjahr und immer wieder Sommer und immer wieder Winter ; aber kein Herr van der Mook will an unserm Horizonte aufgehen , um uns von diesem sanften , mit Sammet ausgeschlagenen Elend zu befreien ! Was glauben Sie , Herr Afrikaner , was aus mir werden würde ohne meine schwachen Nerven und den guten Onkel Bumsdorf auf Bumsdorf ? « Ehe Herr Leonhard Hagebucher dieser plötzlichen Frage gerecht werden konnte , kam atemlos sein Schwesterchen , welches sich mit den beiden andern Mädchen dem Dorfe zu hinter den Hecken verloren hatte , zurückgelaufen . » Leonhard , Leonhard , du mußt schnell heimkommen , die Tante Schnödler ist da ! « Der Afrikaner sprach einige , vielleicht nicht sehr freundliche Worte in der Sprache von Dar-Fur ; doch er befand sich noch zu kurze Zeit wieder in der Heimat , um nicht allen ihren Rufen Folge zu leisten . Auch Fräulein Nikola von Einstein sprang lachend in die Höhe . » So geht es mir doch immer - jedesmal , wenn ich im besten Zuge bin , mein Herz auszuschütten ! Nun wissen Sie doch noch nicht das allergeringste von mir , mein Herr , und es steht dahin , ob Sie in aller Ewigkeit mehr erfahren werden . Die gute Stunde ist vorübergegangen , und die Tante Schnödler ist angekommen , und der große Familienrat über Herrn Leonhard Hagebucher beginnt - gehen wir heim und unterwerfen wir uns den Dingen , Verhältnissen und Verhängnissen , da wir doch nicht um unsern Willen gefragt werden . « Leonhard wollte ihr die Hand bieten , um sie den etwas steilen Abhang hinunterzuführen : sie aber wies seine Hülfe lachend von sich . » Nein , nein ! Bei besserer Überlegung werde ich doch lieber bleiben , wo ich bin , und meinen Kranz vollenden . Ich ziehe den Wald allen Familienräten vor ; denn ich habe auch unter den letzteren gelitten und weiß davon zu singen und zu sagen . « Fünftes Kapitel Das helle Lachen des Hoffräuleins verklang hinter der Waldecke , und mit gesenktem Kopfe schritt Leonhard Hagebucher auf dem Pfade , welcher die Wiese entlang dem nahen Dorfe zu führte , weitbeinig fort . Das Schwesterchen hatte sich an seinen Arm gehängt und trippelte atemlos an seiner Seite und blickte von Zeit zu Zeit stumm , aber liebevoll-ängstlich zu dem ernsten fast finstern Gesichte des Bruders in die Höhe . Es waren am heutigen Tage grade drei Wochen seit dem Wiederkommen des afrikanischen Gefangenen verflossen , und wie kein Kind im Dorfe Bumsdorf den geheimnisvollen , staunenden Schrecken vor dem großen , braunen Mann , der mit den Menschenfressern aus einer Schüssel gegessen hatte , vollständig überwunden hatte , so war auch für Fräulein Lina Hagebucher dieser Bruder immer noch ein hohes , unsägliches Wunder und Mysterium und konnte für noch längere Zeit nicht in seiner ganzen Fülle und Bedeutung ausgedacht werden . Was Nippenburg und Bumsdorf aber im ganzen und großen anbetraf , so nahmen sie , obgleich ein Mann , der aus dem unbekannten innersten Afrika heimgekehrt , jedenfalls etwas Ungewöhnlicheres war als der abenteuerlichste Amerikafahrer , das Ding bereits viel kühler und gelassener , und die liebe weitere Verwandtschaft , die sich heute im Hause des Steuerinspektors versammeln sollte , nahm es sogar sehr kühl und sehr gelassen . Dem Manne aus dem Tumurkielande wuchsen mit den Haaren auf dem à la Tumurkie geschorenen Schädel auch die unangenehmeren europäischen Gefühle wieder , und wir müssen ihm die volle Berechtigung zugestehen , auf manchem Wege und auch auf diesem durch das Dorf Bumsdorf den Kopf hängen zu lassen . Er hatte viel geduldet bis zu seiner Befreiung durch den Herrn Kornelius van der Mook : dann war er in dem Hause seiner Eltern erwacht und hatte jene seltene Minute des vollen , sichern Glückes gekostet . Aber schnell wie immer war dieser Augenblick vorübergegangen - ein Morgenschlummer , ein sonniger Tag in der Geißblattlaube , am Abend ein Gang durch die Wiesen und Kornfelder nach dem Walde ! Schon das nächste Erwachen brachte wieder das erste leise Anspülen bitterer Fluten , und nach acht Tagen war Leonhard Hagebucher vollständig daheim , das heißt , er wußte Bescheid , und Bescheid zu wissen gehört und stimmt gewöhnlich nicht im geringsten zu und mit dem Glück . Wohl saß er noch in der Geißblattlaube an der Landstraße und freute sich der Sonne des Vaterlandes , der Stimmen und Schritte der alten Eltern , des lieblichen Lachens der kleinen hübschen Schwester , wohl suchte und fand er in Stadt und Dorf hundert und aber hundert freundliche Jugenderinnerungen ; man kam ihm immer noch an den meisten Orten mit Gruß und Handschlag herzlich entgegen , und es gab immer noch viele Leute , welche seiner Odyssee mit Herzklopfen lauschten und dankbar für alles waren , was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte ; aber - aber dem Unbehagen wuchsen doch täglich mehr züngelnde , saugende Polypenarme , mit welchen es die Seele des müden Wanderers fester und immer fester umschlang . Nun wußte die Welt bereits , daß der Sohn des Steuerinspektors Hagebucher als ein armer Mann aus der Fremde heimgekehrt sei , und die wundervollen Illusionen , welche sich Nippenburg gemacht hatte , waren schnell in ihr Gegenteil umgeschlagen , und man teilte einander unter bedächtigem Kopfschütteln mit , daß ein Vagabond in alle Ewigkeit ein Vagabond bleiben werde und daß es vielleicht um vieles besser gewesen wäre , wenn die Mohren dahinten am Äquator den unnützen Menschen bei sich behalten hätten . In der Kiste , welche dem armen Leonhard auf einem Schubkarren gen Bumsdorf nachgefahren worden war , befanden sich keine Säcke voll Diamanten und Perlen , keine Schachteln voll Goldstaub , sondern höchstens einige afrikanische Merkwürdigkeiten zum Andenken für die näheren Freunde und Verwandten . Herr Leonhard Hagebucher konnte aus dem Inhalt dieses Reisekastens keine Villa bauen und nicht nunmehr im Schatten seines Parkes , an seinem eigenen Herde und in der Gesellschaft eines liebenden Weibes aus den bessern Ständen seine Tage verbringen . Keine Nippenburger Mutter hätte einem solchen in der Luft stehenden Individuum ihre Tochter zur Ehe gegeben , und das war noch das allerwenigste : Leonhard Hagebucher hatte während seiner Gefangenschaft im Tumurkielande so ziemlich alles vergessen , was dem Menschen in unsern zivilisierten Zuständen zu seinem Fortkommen verhilft , ja ihn nur notdürftig auf der Stelle aufrecht erhält . Jede Wissenschaft , jede Kunst , jede Technik war über ihn hinausgeschritten ; wo sonst die hohen Wasser sich umgetrieben hatten , da war jetzt öder Sand oder fruchtbares Ackerland , und wo vordem Sand und Wiesen gewesen waren , da jagten sich jetzt die Wellen . In Abu Telfan im Tumurkielande hatte den armen Gefangenen nichts gestört als die physische rohe Gewalt und die Sehnsucht nach der Freiheit , das Heimweh nach dem Vaterlande ; jetzt in der Heimat fing alles an , ihn zu stören und zu beunruhigen ; er war fremd geworden in der Zivilisation , in Europa , in Deutschland , in Nippenburg und Bumsdorf ; eine unendliche und in jeder Weise begründete Angst vor den Dingen und vor sich selber mußte sich seiner bemächtigen - ein Schritt weiter , und er konnte sich nach dem Tumurkielande leise zurücksehnen : die Würde und Freiheit , die Bildung und Sitte des europäischen Menschen imponierten ihm viel zu mächtig . Lassen wir ihn übrigens jetzt vorerst seinen Weg zum Dorfe fortsetzen , und sehen wir derweilen , wer von der Freundschaft und Verwandtschaft zum großen Rat und Kaffee im Hause seiner Eltern ankam oder schon angekommen war . Angekommen war in ihrer gelben Kutsche die Tante Schnödler , zu welcher eigentlich auch ein Onkel Schnödler gehörte , der jedoch , da die Tante das Geld hatte und er - der Onkel - dieses weder durch Talente , Energie noch die geringste männliche Grobheit ausglich , nicht mitgerechnet wurde . Sie , die Tante Schnödler , die Kusine der Mutter Leonhards , saß bereits , jede Situation beherrschend , in dem Paradezimmer des Hauses Hagebucher auf dem Kanapee und fand es , wie Ludwig der Vierzehnte , sehr provozierend , daß man sie sowohl auf den Kaffee als auch auf den Neffen aus dem » Kaffernlande « warten ließ . In Sicht auf der Landstraße war der Onkel , Kaufmann und Stadtverordnete von Nippenburg , der Herr Stadtrat Hagebucher , ein Mann von körperlichem und geistigem Gewicht , der drei Töchter in seinem Ehestande erzeugt hatte und im Gänsemarsch mit denselben gen Bumsdorf zog : heiterer als im vorigen Jahre , wo noch seine Selige stets den Zug anführte und er ihn nur beschloß . Es kamen zwei jüngere Vettern , welche jedoch auch bereits Haare auf ihrer Beamtenlaufbahn gelassen hatten und welche , obgleich der Staat ihnen ihren Gehalt quartaliter mit einem gewissen Hohn , mit zweifelloser Ironie auszahlte , sich den idealsten wie den materiellsten Mächten , den Schwärmern für die Republik Deutschland wie der reichsten Bankiers- oder Fabrikantentochter gewachsen glaubten . Eine solche wohlhabende Fabrikantentochter und Kusine , Fräulein Leonore Sackermann , langte aus entgegengesetzter Weltgegend unter den Fittichen ihrer einen sehr guten Kartoffelspiritus produzierenden Eltern vor dem Hause des Steuerinspektors an . Hoch zu Roß kam der Wegebauinspektor Wassertreter , ein dreiundsechzig Jahre alter , verächtlicher Junggesell , welcher sich von Amts und Wetters wegen dem Trunke ergeben hatte und es besser hätte haben können , wie die Base , Fräulein Klementine Mauser , die ebenfalls allein , aber zu Fuße anlangte , zur unbehaglichen Zeit der Äquinoktialstürme ihrem jungfräulichen Kopfkissen ärgerlich anvertraute . Wer kam noch ? Schließen wir die Liste , nachdem wir sie kaum begonnen haben ! Es versammelte sich so ziemlich der ganze Vetter Michel , und Herr Leonhard Hagebucher trat in den geweihten Kreis und bot ihm , wenn nicht den bekannten deutschen » guten Abend « , so doch das arabische Selam aleikum , das Heil sei mit euch , worauf die Tante Schnödler erwiderte : » Wir danken dir , Herr Neffe , und freuen uns , dich anständig und christlich in Rock , Hose und Weste wieder unter uns zu haben . Du bist einst zwar ohne Abschied weggegangen , aber hier sind wir , wie es sich geziemen will , und heißen dich in verwandtschaftlicher Kompanie willkommen in Nippenburg und sind uns vermuten , daß du nun wohl endlich genug von der Vagabondage und Unreellität und sonstigen Phantasterei haben wirst . Sag ' n Wort , Schnödler . « » So ist es , Minette « , sprach der Onkel Schnödler , und mehr wurde nicht von ihm verlangt , würde im Gegenteil sehr übel aufgenommen worden sein ; Leonhard aber fühlte sich lebhaft an jene Audienzen erinnert , welche ihm vor kurzem noch Madam Kulla Gulla , die Schwiegermutter seines Besitzers im Tumurkielande , so häufig erteilte und welche stets damit endigten , daß ihm fünfundzwanzig auf die Fußsohlen zudiktiert wurden . Es war ein großer Tag ! Wenn auch die jungen Kusinen , gleich den Kindern von Bumsdorf , noch immer mit einer aus Schrecken und Mitleiden gemischten Verwunderung auf den Vetter blickten , so hatte doch die ältere Verwandtschaft jegliche mysteriöse Scheu gründlich abgeworfen und zog ihren autochthonen Lebensanschauungen und Gefühlen alle Schleusen . Das germanische Spießbürgertum fühlte sich dieser fabelhaften , zerfahrenen , aus Rand und Band gekommenen , dieser entgleisten , entwurzelten , quer über den Weg geworfenen Existenz gegenüber in seiner ganzen Staats- und Kommunalsteuer zahlenden , Kirchstuhl gemietet habenden , von der Polizei bewachten und von sämtlichen fürstlichen Behörden überwachten , gloriosen Sicherheit und sprach sich demgemäß aus , und der Papa Hagebucher wäre der letzte gewesen , welcher für seinen Afrikaner das Wort ergriffen hätte . Es war ja der Tag des Papa Hagebucher . Er hatte diese Versammlung berufen , um sich von ihr in seinen innersten Anschauungen recht geben zu lassen . Er mochte den Verlust des Sohnes noch so sehr bedauert , ja betrauert haben : die plötzliche und so gänzlich anormale Rückkehr mußte ihm naturgemäß doch noch fataler werden . Die frohe Überraschung ging allmählich in eine mürrische , grübelnde Verstimmung über ; - berechnen ließ sich hier nichts mehr , denn sämtliche Ziffern waren ausgelöscht , nur ein Fazit stand zuletzt klar da : » Der Bursche lief fort , weil er einsah , daß man ihn hier nicht gebrauchen könne ; man hat ihn auch dort nicht gebrauchen können , er ist heimgekommen , und ich habe ihn wieder auf dem Halse ! « Klar war die Rechnung , doch nicht tröstlich , und es war jedenfalls wünschenswert , daß die liebe Freundschaft und Verwandtschaft ihre Unterschriften oder drei Kreuze zu dem Wahrspruch hergebe . Man hatte sich denn doch zu rechtfertigen vor der Welt , und das konnte nicht besser bewerkstelligt werden , als wenn man sie von Anfang an mitverantwortlich machte . Es war auch keine Kleinigkeit , wenn man sich hinter der grünen Gardine des Ehebetts auf das Urteil der Tante Schnödler , die Meinung des Bruder Stadtrats oder des Vetter Sackermanns berufen konnte - man trug die Verantwortlichkeit jedenfalls nicht gern allein . Es war ein sehr großer Tag , und Lina Hagebucher hielt zuletzt ganz ängstlich die Faust ihres Bruders , denn sie konnte viel schärfer als die Mutter für ihn fühlen und beobachtete mit Zittern , wie seine Stirn von Augenblick zu Augenblick dunkler wurde und es immer grimmiger aus seinen Augen wetterleuchtete . Jeder hatte seinen Rat zu geben und gab ihn gern und ausführlich . Es war gar nicht so schwer , sich anständig durchs Leben zu bringen , wenn nur der gute Wille dazu vorhanden war ; verschiedene Wege führten noch aus der Nichtsnutzigkeit hinüber in die wünschenswerteste Respektabilität , und ein jeder stellte sich mit Vergnügen als Wegweiser auf den Kreuzweg , vorzüglich die Tante Schnödler , welche sich räusperte und sprach : » Es ist nicht genug , daß der Mensch den Schneider kommen und sich ein neu Habit anmessen lasse ; es gehört noch mehr dazu , um wieder ein anständiger großherzoglicher Staatsbürger und Untertan zu werden . Da könnte jeder Lumpazi kommen , der sein alt zerlumpt Wams am Grabenrand zum öffentlichen Ekel abgetan und das gestohlene neue angezogen hat ! Der Mensch und wilde Indianer muß auch geistlich nach dem Balbierer schicken und keine Gesichter schneiden , wenn Leute zu ihm reden , die im Lande geblieben sind und sich in Gottesfurcht fünfundzwanzig Jahre redlich genährt haben , was ich übrigens nur beiläufig und zum Besten von der fernern guten Freundschaftlichkeit gesagt haben will . Was ich nun dem Leonhard raten will , das ist , er tut alles hochmütige und ausländische Wesen ab und fängt da wieder an , wo er aufgehört hat , das heißt , da es mit einem Pastor nunmehr wohl nimmermehr was werden wird , so geht er zum Vetter Stadtrat , läßt sich von neuem in die Schreiberei einschießen und kann ' s mit der Zeit und der Nachhülfe von der Verwandtschaft wieder zu einem nützlichen Mitgliede vons Gemeinwesen und bis zum Ratsskribenten bringen . « » Als wozu der Herr Neffe wenig Lust zu haben scheinen , wenn man nach seiner Miene urteilen dürfte « , sprach der Onkel Hagebucher mit einem wenig freundlichen Seitenblick auf den Verwandten aus Abu Telfan . » Sprich ' n Wort , Schnödler ! Sage deine Meinung , Leonhard ! Lasset euch aus , Steuerinspektor und Kusine Hagebucher ! Sagen Sie item , was nötig ist , Vetter Sackermann ! « rief die Tante Schnödler , » Ich aber sage , daß wir hier in Nippenburg nicht im afrikanischen Mohrenlande leben und daß kein Mensch es prätendieren kann , daß wir uns in die Mohren schicken : sondern die Mohren werden sich in uns schicken müssen , wenn sie mit uns hausen wollen . Ratsschreiber zu Nippenburg - hundertundfünfundsechzig Taler jährlich bar , achtzig Taler Sporteln und zwei Klafter Holz - und solch ein Gesicht ! Sind wir vielleicht ein regierender König im Mohrenlande gewesen ? Wenn das ist , so haben wir freilich nichts mehr zu sagen , und es handelt sich freilich nur um ein Retourbillett auf dem Postwagen und der Eisenbahn nach Afrika , und ich empfehle mich dem Herrn Potentaten ganz gehorsamst und sage nichts mehr . « Die süße Heimat fing an , einen seltsamen indianischen Kriegestanz um den armen Leonhard aufzuführen . Die Mutter hielt das Taschentuch vor die Augen ; der Vater sog mürrisch an der erloschenen Pfeife ; Lina drückte sich immer fester an den Bruder ; die beiden jüngern Vettern , welche noch mit dem Afrikaner die Universität besucht hatten , lachten : die Familie Sackermann blickte gläsern im Kreise umher ; die Tante Klementine nahm verstohlen eine Prise , und der unbenannte Verwandtenchorus beschäftigte sich unter leisem Gemurmel mit den Kaffeetassen und dem festlichen Gebäck des großen Tages ; der Onkel Wassertreter würde das Wort ergriffen haben , wenn Leonhard es nicht vorher genommen hätte . Er - der Mann aus Tumurkie - er , welcher so vielen Gefahren zu Wasser und zu Lande kaltblütig getrotzt hatte , er , welcher das Leben eines Elfenbeinhändlers auf dem Weißen Nil mit allen seinen Schrecknissen kennengelernt hatte , er , welcher den großen Signor Luca Mollo , genannt Semibecco , im Glück und Unglück und zuletzt auf dem Pfahle der Baggaraneger beobachten , studieren durfte : er fühlte sich der jetzigen Stunde nicht gewachsen . Es schwamm ihm vor den Augen , im Kreise drehte sich die Verwandtschaft , die Tante Schnödler wuchs bedenklich über Madam Kulla Gulla hinaus , und ihre rötlich angehauchte Nasenspitze erschien nicht weniger bedrohlich als die mit Henna rotgefärbten scharfnägeligen Krallen der Tumurkierin : die Atmosphäre des Vaterhauses wurde beängstigender als die heiße Luft der Lehmhütten zu Abu Telfan . Mit Stottern sprach Leonhard Hagebucher gleich einem , welcher sich mühsam in einer fremden , ungewohnten Sprache auszudrücken hat : » Ach , teure Verwandte und Angehörige , könntet ihr doch in meiner Seele lesen ! Jeder Blutstropfen , den ich heimgebracht habe , gehört dem Vaterlande . Iblis möge es nehmen ! Aber bedenket , welch ein großes Kind euch wieder auf die Arme gefallen ist . O könnte doch jeder von euch eine Viertelstunde in meiner Haut zubringen , es würde ihm dann gewiß begreiflicher erscheinen , daß man nicht heute Ratsschreiber zu Nippenburg sein kann , wenn man gestern aus der Gefangenschaft im innersten Afrika zurückkam . Wenn ich nicht sehr irre , so habe ich sogar das Schreiben verlernt , und was ich dafür in der Fremde vielleicht gelernt habe , nämlich allerlei Anfechtungen mit Geduld zu tragen , das honoriert sich selber , wird aber von keinem Gemeinwesen mit einem Jahresgehalt von hundertundfünfundsechzig Talern und zwei Klaftern Brennholz bezahlt . Verehrte Angehörige , wer länger als zehn Jahre mit den Fingern in die Schüssel greifen mußte , der wird sich nur allmählich wieder an den Gebrauch von Messer und Gabel gewöhnen , und wenn man ihm dazu nicht Zeit lassen kann , so wird ihm der beste Bissen im Halse steckenbleiben , und er muß jämmerlich daran erwürgen . Wenn ich wüßte , was noch aus mir werden kann , so würde ich es auf der Stelle sagen : aber ich weiß es nicht - « » Und damit ist alles gesagt , mein Junge « , rief der Vetter Wassertreter , » und jetzt laß mich ans Wort . Betrachte dir meine Nase und behalte deine Meinung darüber für dich ; denn ich werde das Nötige darüber selber von mir geben , sobald das verwandtschaftliche Gesumse und die Aufregung der Base Schnödler sich gelegt haben werden . « Das Familienkonklave summte und erhob sich freilich , und die Tante Schnödler war in der Tat aufgeregt und suchte hinter ihrem Taschentuche die gewohnte Fassung ; aber der Vetter Wassertreter legte den Zeigefinger an das Glied , auf welches er den Afrikaner aufmerksam gemacht hatte , und wartete mit schlauem , schändlichem Lächeln auf die Wiederherstellung der Ruhe , um sodann in seiner Rede fortzufahren : » Achte auf diese Nase , mein Sohn , sie bringt dich aus dem Sumpfe - in hoc signo vinces , wie die Lateiner sagen ; unter diesem Panier wirst du den Sieg gewinnen . Unsereiner , welcher den ganzen Tag auf der Landstraße herumzuliegen hat , denn der Wegebau hat seine Mucken gradesogut wie das Wetter , ein solcher , sage ich , der hat Zeit und Gelegenheit , den Lauf der Welt zu studieren , und kann bei passenden Umständen seine Meinung kommunizieren , wenn man ihn noch so schief und verdächtig ansieht . Es passiert allerlei über herzogliche Chaussee , und das Getränke ist auch nicht unter allen Schenkenzeichen dasselbe , und dann zottelt man auf seinem alten Gaule in die Kreuz und Quere , und es kommen einem Philosophien , von denen sich andere Leute nichts träumen lassen , und von der Kusine Mauser , dem Vetter Sackermann oder dem Vetter Stadtrat gerät man auf den Kaiser Louis Napoleon , und von der Tante Schnödler kommt man auf den Heiligen Vater , das Patrimonium Petri oder die Hohe Pforte , und von den Steinklopfern am Graben , welche die Kappen herunterziehen und Guten Morgen , Herr Inspektor sagen , auf sich selber . Da steht einem der Verstand still , was der Mensch erlebt , wenn er Achtung auf sich gibt ; da lernt man seinen Schöpfer kennen , o du grundgütiger Himmel ! Siehe , mein Söhnchen , als sie mich im Jahre achtzehnhunderteinundzwanzig mit einem Tritt in Gnaden von der Wartburg hinunterschickten , da kam ich gradso heim wie du aus dem hintersten Afrika , und die Karlsbader Beschlüsse hatten ihr Werk gradsogut an mir verrichtet , wie die Peitsche im Tumurkielande es an dir tat . Wir waren Anno siebenzehn am achtzehnten Oktober als frische und wackere Bursche hinaufgezogen ; aber was hat die hündische Niederträchtigkeit , was haben die feigen Halunken , die über uns zu Gericht saßen , uns aus unserm blauen Himmel , aus unserm deutschen Herrgott , aus allem , was in uns und über uns war , gemacht ! Zu Hause schlugen uns die Alten natürlich auch die Tür vor der Nase zu oder setzten uns wenigstens an den Katzentisch : wir hatten es ja nicht besser haben gewollt , und was von meiner Jurisprudenz noch übrig war , das konnte ich dreist dem Herrn von Kamptz mit in die Rapuse geben , ohne viel daran zu verlieren . Da lag ich auf dem Bauche und ließ mir die Sonne auf den Rücken scheinen , und ganz Nippenburg verzog das Maul über den Lumpen . Die Tante Schnödler dort war dermalen ein recht sauber Mädel , aber um die Essig- und Vitriolfabrikation hat sie auch Anno Tobak schon recht leidlich Bescheid gewußt . Der Vetter Stadtrat war immer zu was Großem geboren und wußte es einem gut zu geben : ich sage dir , Leonhard , es ist nichts Neues unter der Sonnen , daß die angenehme Verwandtschaft ein Konzil über einen aus dem Geleis geratenen armen Tropf ausschreibt und sich weiser dünket als der liebe Gott am siebenten Schöpfungstage ; und wenn kein Consilium abeundi daraus wird , so ist die Verwandtschaft niemalen daran schuld . Ach , Kusine Mauser , es ist immerdar eine böse Welt gewesen , deswegen sollen die empfindsamen und zärtlichen Seelen zusammenhalten ; aber - Sie bringen mich doch immer aus dem Konzept , sobald ich Sie nur ansehe , Klementine ! - wo war ich stehengeblieben ? Richtig , ich hab ' s ! wie gewöhnlich bei der argen , hinterlistigen , nichtsnutzigen Welt und ihren Nücken und Tücken , und was ich sagen wollte , ist folgendes , Leonhard : Hier sitze ich , und Nippenburg sagt , ich saufe . Dem ist aber nicht so , sondern es ist nur ein langer Weg von der Wartburg im Lande Thüringen zu hiesigem hochlöblichem Wegebauamt , auch ein intrikater Weg , welchen man nur mit Philosophie und Geduld findet und nicht ohne geistige Stärkungsmittel wandelt , wenn man ihn gefunden hat . Innere Beschaulichkeit ist meine Force , und in ihrem Namen heiße ich dich , Leonhard Hagebucher , im warmen Schoße der Mutter Germania willkommen und sage dir und allhier gegenwärtiger hochachtbarer Verwandtschaft meine Meinung , weil wir doch deshalb von der Einladung des Vetter Steuerinspektors Gebrauch gemacht haben : Ich bin ein alter Mann , und meine Reputation ist nicht die beste ; Geld und Gut habe ich nicht , aber Philosophie ist meine Freude , und die will ich mit dir teilen , du afrikanischer Taugenichts . Komm zu mir , Leonhard Hagebucher , wenn die andern dich nicht wollen . Für ein paar Jahre , hoff ich , reicht der Lebensmut noch aus ; ein alter Bursch verläßt den andern nicht , und - Germania sei ' s Panier ! Ratsschreiber zu Nippenburg ! Haben sie mich nicht auch dazu gemacht , Anno fünfundzwanzig , als ich noch einige Grade weiter herunter war als du , mein Junge ? Gehe mit mir auf die Landstraße , Leonhard - holla , wohin will die Base Schnödler ? « » Mein Teil Anzüglichkeiten und Grobheiten habe ich mit Geduld angehört : jetzt aber hab ich mein voll gerüttelt und geschüttelt Maß . Sieh nach dem Wagen , Schnödler ; - Base Hagebucher und Herr Vetter , ich bitte , es nicht für ungut zu nehmen , wenn mein Rat und meine Meinung in eurem Hause Ombrage und Ärgernis erregt haben , sie waren gut gemeint ; aber allzuviel laß ich mir auch nicht bieten . Sieh nach den Pferden , Schnödler , und empfiehl dich den Herrschaften , und was den Herrn Afrikaner betrifft , so mag er tun und lassen , was er will , und was den Herrn Wegebauinspektor Wassertreter angeht , so sage ich nichts , als daß ich seine gehorsamste Dienerin bin , aber meine Ansicht über ihn nur aus christlicher Barmherzigkeit bei mir behalte . Guten Abend . « Guten Abend kann jeder sagen ; aber die Tante Schnödler konnte den freundlichen Wunsch auf eine ganz besondere Art ausdrücken - siehe , es war gleich einem Habichtschrei über einem Hühnerhofe , gleich einem Steinwurf