allem Glanze des Reichtums umgeben . Massiv silberne Handhaben schimmerten am Totenschreine , und das Haupt des Heimgegangenen ruhte auf einem weißen Atlaskissen . - Schrecklicher Kontrast ! Neben dem eingefallenen Totengesichte dufteten frisch abgeschnittene Blumen , junges , unschuldiges Leben , bestimmt , vor der Zeit zu sterben , zur Ehre des Toten ! Viele Leute kamen und gingen , flüsternd und geräuschlos . Der da lag , war ein reicher , angesehener und sehr freigebiger Mann gewesen , aber nun war er ja tot . Fast aller Augen huschten scheu und rasch über die bleichen , zerstörten Züge und konnten sich nicht satt sehen an dem Prunke , dem letzten Aufflackern irdischer Herrlichkeit . Felicitas kauerte in einer dunklen Ecke , hinter den Kübeln mehrerer Oleander und Orangenbäume . Zwei Tage hatte sie den Onkel nicht sehen dürfen , das Sterbezimmer war fest verschlossen gewesen , und nun kniete sie da auf den kalten Steinfliesen und starrte hinüber auf dies völlig fremde Haupt , dem der Tod selbst das Gepräge unbegrenzter Gutmütigkeit weggewischt hatte ... Was hatte das Kind vom Sterben gewußt ! Sie war in seinen letzten Augenblicken bei ihm gewesen und hatte doch nicht verstanden , daß mit dem Blutstrome , der über seine Lippen geflossen , plötzlich alles enden müsse . Er hatte die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke auf sie geheftet , als sie aus dem Zimmer geschickt worden . Draußen in der Straße war sie tief besorgt und zornig vor den weit offenen Fenstern des Krankenzimmers auf und ab gelaufen - sie wußte ja , er hütete sich ängstlich vor jedem Zuglüftchen , und nun waren sie so rücksichtslos da drinnen . Sie hatte sich gewundert , daß abends kein Feuer im Kamin gemacht werde , und auf ihre endliche Bitte , dem Onkel die Lampe und den Thee hineintragen zu dürfen , hatte Friederike ärgerlich gerufen : » Ja , Kind , ist ' s denn nicht richtig bei dir , oder verstehst du kein Deutsch ? Er ist ja tot , tot ! « Nun sah sie ihn wieder , bis zur Unkenntlichkeit entstellt , und jetzt fing das Kind an , zu begreifen , was Tod sei . Sobald ein frischer Strom Neugieriger die Hausflur füllte , kam Friederike aus der Küche , hielt den Schürzenzipfel vor die Augen und pries die Tugenden des Mannes , den sie zu ärgern gesucht hatte , wo sie konnte . » Da seh ' einer das Mädchen an ! « unterbrach sie sich zornig , als sie Felicitas ' blasses Gesichtchen mit den heißen , trockenen Augen zwischen den Orangenbäumen entdeckte . » Ob sie auch nur eine einzige Thräne vergießt ! ... Undankbares Ding ! Sie muß doch auch keinen Funken von Liebe in sich haben ! « » Du hast ihn nie lieb gehabt und weinst , Friederike ! « entgegnete die Kleine schlagend , aber mit völlig tonloser Stimme , und zog sich tiefer in ihre Ecke zurück . Die Hausflur leerte sich allmählich . Statt der Schaulustigen aus den niederen Ständen , die sich jetzt draußen auf dem Markte postierten , um den Leichenzug mit anzusehen , erschienen vornehme , schwarzbefrackte Herren ; sie gingen , nach kurzem Aufenthalte am Sarge , in das Wohnzimmer , um der Witwe ihr Beileid auszusprechen . In der großen , hochgewölbten Flur herrschte augenblickliche Stille , sie hätte eine feierliche genannt werden können , wäre sie nicht hier und da durch das Stimmengesurr drin im Zimmer unterbrochen worden . Da fuhr die kleine Felicitas jäh aus ihrem tiefen Sinnen auf und starrte erschrocken nach der Glasthür , die in den Hofraum führte . Dort hinter den Scheiben erschien ein merkwürdiges Gesicht - er lag doch hier mit den tief eingesunkenen Augen und den unbekannten Zügen um den festgeschlossenen Mund , und dort blickte er forschend in die menschenleere Flur , wiedererstanden mit dem gütevollen Ausdruck des Gesichts , wenn auch der Kopf in fremdartiger Weise umhüllt erschien ... War es doch fast gespenstig , als das Thürschloß sich leise bewegte , und gleich darauf die Thür geräuschlos aufging ... Die seltsame Erscheinung trat auf die Schwelle . Ja , es waren Hellwigs Züge in frappanter Aehnlichkeit , aber sie gehörten einem weiblichen Wesen , einer kleinen alten Dame , die in wunderlicher , dem Reiche der Mode längst entrückter Tracht langsam auf den Sarg zuschritt . Ein sogenanntes Zwickelkleid von schwerem schwarzen Seidenstoffe , vollkommen faltenlos , spannte sich förmlich über sehr eckige , magere Formen ; es war kurz und ließ ein Paar wunderkleiner Füßchen sehen , die jedoch ziemlich unsicher auftraten . Ueber der Stirn kräuselte sich eine Fülle schöngeordneter , schneeweißer Locken , und darüber lag ein klar durchsichtiges , schwarzes Spitzentuch , das unter dem Kinne gebunden war . Die alte Dame bemerkte das Kind nicht , das unbeweglich und atemlos zu ihre aufsah , und trat an den Sarg heran . Sie fuhr bei Erblicken des Totenantlitzes sichtlich entsetzt zurück , und ihre linke Hand ließ wie unbewußt ein Bouquet köstlicher Blumen auf die Brust der Leiche fallen . Einen Augenblick verbarg sie ihre Augen im Taschentuche , dann aber legte sie die Rechte , tief erschüttert , in feierlich beschwörender Weise auf die kalte Stirn des Toten . » Weißt du nun , wie alles zusammenhing , Fritz ? « flüsterte sie . » Ja , du weißt es - du weißt es , wie ja auch längst dein Vater und deine Mutter es wissen ! ... Ich habe dir verziehen , Fritz - du wußtest ja nicht , daß du unrecht thatest ! ... Schlaf wohl - schlaf wohl ! « Sie nahm die wachsbleiche Hand des Verstorbenen noch einmal zärtlich zwischen ihre beiden Hände ; dann trat sie vom Sarge zurück und wollte sich ebenso geräuschlos entfernen , wie sie gekommen war . In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür des Wohnzimmers , und Frau Hellwig trat heraus . Ihr Gesicht erschien unter der schwarzen Krepphaube weißer als Marmor , aber die Unbeweglichkeit ihrer Züge trat auch schärfer hervor denn je - man suchte vergebens nach der leisesten Spur vergossener Thränen an diesen Augen . Sie hielt einen plumpen Kranz von Dahlien in den Händen , offenbar , um ihn als letzte » Liebesgabe « auf den Sarg zu legen . Ihr überraschter Blick begegnete dem der alten Dame . Beide blieben einen Moment wie angewurzelt stehen , aber in den Augen der Witwe begann es unheimlich zu glühen , ihre Oberlippe hob sich ein wenig und ließ einen der weißen Vorderzähne sehen - es lag etwas wie von unauslöschlicher Rachsucht in diesem Ausdrucke ... Auch die Züge der alten Dame verrieten eine tiefe Erregung , sie schien mit einem unsäglichen Widerwillen zu kämpfen , aber sie überwand ihn , und mit einem sanften , feuchten Blicke auf den Verstorbenen hielt sie Frau Hellwig die Rechte hin . » Was wollen Sie hier , Tante ? « fragte die Witwe kurz , indem sie die Bewegung der kleinen Dame völlig ignorierte . » Ihn segnen ! « lautete die milde Antwort . » Der Segen einer Ungläubigen hat keine Macht . « » Gott hört ihn - Seine ewige Weisheit und Liebe wägt nicht zwischen der armseligen Form - wenn er aus treuem Herzen kommt - « » Und aus schuldbeladener Seele ! « ergänzte Frau Hellwig in beißendem Hohne . Die alte Dame richtete sich hoch auf . » Richtet nicht , « begann sie und hob feierlich drohend den Zeigefinger - » doch nein , « unterbrach sie sich mit unbeschreiblicher Milde und blickte auf den Toten , » auch nicht ein Wort mehr soll deinen heiligen Frieden stören ... Leb wohl , Fritz ! « Sie ging langsamen Schrittes zurück in den Hofraum und verschwand hinter einer Thür , die Felicitas bis dahin stets verschlossen gefunden hatte . » Nun , das war doch stark von der alten Mamsell ! « zischelte Friederike , die von der Küchenthür aus den Vorgang beobachtet hatte . Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und legte den Kranz zu Füßen der Leiche . Noch war sie nicht Herr ihrer inneren Erregung . So ungeübt die Züge dieser Frau im Ausdrucke weiblicher Milde und Sanftmut waren , so unbeweglich und wandellos sie auch in ihrer eisernen Strenge erschienen , in Haß und Verachtung wurden sie unheimlich lebendig - wer einmal das schlimme Lächeln gesehen hatte , das in solchen Momenten ihre Mundwinkel tief herabzog , der traute der Ruhe dieses Gesichts nicht mehr . Sie bog sich über den Verstorbenen , anscheinend , um etwas an dem Arrangement zu ändern ; ihre Hand stieß dabei an das Bouquet der alten Dame - es rollte über den Rand des Sarges und fiel zu Felicitas ' Füßen nieder . Draußen schlug es drei . Mehrere Geistliche im Ornate traten in die Hausflur ; auch die Herren kamen aus dem Wohnzimmer , und ihnen folgte Nathanael neben einer hochaufgeschossenen , schmächtigen Jünglingsgestalt . Die Witwe hatte ihrem Sohne Johannes die Todesnachricht telegraphisch mitgeteilt , und heute morgen war er gekommen , um der Begräbnisfeierlichkeit beizuwohnen . Die kleine Felicitas vergaß für einen Augenblick ihre Leid und sah mit der ganzen Neugier des neunjährigen Kindes zu ihm empor , welcher der Liebling des Vaters gewesen war ... Weinte er wohl hinter der schmalen , mageren aber wohlgepflegten Hand , die er beim Anblicke des Dahingeschiedenen über seine Augen gelegt hatte ? ... Nein , es rollte keine Thräne herab , und ein ungeübtes Auge , wie das des Kindes , konnte außer einer ungewöhnlichen Blässe auch sonst kein Merkmal der Erschütterung an dem ernsten Gesichte bemerken . Nathanael stand neben ihm . Er vergoß viele Thränen , aber sein Kummer hinderte ihn nicht , den Bruder leise flüsternd anzustoßen , als er Felicitas in ihrem Schlupfwinkel entdeckte . Johannes ' Blick folgte der Richtung des brüderlichen Zeigefingers . Zum ersten Male hefteten sich diese Augen auf das Gesicht des Kindes - es waren schreckliche Augen , ernst , finster , ohne das Licht des Wohlwollens und der inneren Wärme . In der Bibel war ein Bild des Evangelisten , des Lieblingsschülers Jesu , ein sanftes , schönes Gesicht mit fast weiblich weichen Linien - » das ist der Johannes am Rhein « , hatte sie stets behauptet , und der Onkel hatte lächelnd dazu genickt ... Sie hatten nichts miteinander gemein , jene lieblichen , von hellem Gelock umrahmten Züge und dieser Kopf mit den schlichten , kurzgeschnittenen Haaren und dem tiefernsten , blassen , unregelmäßigen Profil . » Geh fort , Kind , du bist hier im Wege ! « gebot er streng , als er sah , daß man Anstalten machte , den Sarg zu schließen . Felicitas verließ beschämt und erschrocken , als habe sie Strafe verdient , den Winkel und schlich , ungesehen von den anderen , in ihres Pflegevaters ehemaliges Zimmer . Jetzt weinte sie bitterlich ... Ihm war sie nicht im Wege gewesen ! Sie fühlte seine fieberhafte Hand wieder auf ihrem Scheitel und hörte seine gute , schwache Stimme , wie in den letzten Tagen , heiser flüstern : » Komm , Fee , mein Kind , ich hab ' es so gern , wenn du bei mir bist ... ! « Horch , was war das für ein Hämmern draußen ? Es scholl mißtönig durch den hochgewölbten Raum , wo doch die vielen Menschen kaum zu flüstern wagten . Felicitas hob verstohlen den grünen Vorhang und sah hinaus in die Flur ... Schrecklich ! die Gestalt des Onkels war verschwunden ; dort der schwarze Deckel lag auf seinem lieben Gesichte und hielt ihn für immer unerbittlich fest in der ausgestreckten Stellung . Wenn er nur ein wenig die Hand hob , stieß sie überall an harte , fest zusammengefügte Bretter ... und dort klopfte der Mann abermals und rüttelte an dem Deckel , ob er auch fest säße , ob ihn nicht die Hand da drin zurückstoßen könne , - da drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens , da drin , wo man nicht atmen konnte , wo man so furchtbar allein war ... Die Kleine schrie laut auf vor Entsetzen . Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster , aber Felicitas sah nur die großen , grauen , deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte . Er blickte strafend herüber ; sie verließ das Fenster und flüchtete sich hinter den großen , dunklen Vorhang , der das Zimmer in zwei Hälften teilte . Dort kauerte sie sich nieder und blickte furchtsam nach der Thür , wo er gewiß eintreten und sie scheltend hinausführen würde . In ihrem Verstecke sah sie nicht , wie draußen die Träger den Sarg auf die Schultern nahmen , wie der Onkel sein Haus verließ für immer . Sie sah nicht den langen , schwarzen , unheimlichen Zug , der dem Verstorbenen folgte , wie der letzte Schatten auf dem nun vollendeten Lebenswege ... Dort an der Ecke hob ein Luftzug alle die prächtigen weißen Atlasbänder , die am Sarge niederhingen - sie flatterten hoch auf ; war es der letzte Gruß des Geschiedenen für das verlassene Kind , das eine zärtlich besorgte Mutter dem trüben Sumpfe der väterlichen Laufbahn entrissen hatte , um es unwissentlich an einen öden , unwirtbaren Strand zu werfen ? 7 Das Stimmengemurmel in der Flur war plötzlich verstummt - und es folgte tiefe Stille . Felicitas hörte , wie die Hausthür geschlossen wurde ; aber sie wußte nicht , daß damit das Drama in der Hausflur zu Ende sei . Noch wagte sie sich nicht aus ihrem Winkel hervor . Sie saß auf dem kleinen , gepolsterten Lehnstuhle , den der Onkel ihr am letzten Weihnachtsabend geschenkt , und das Köpfchen ruhte auf ihren beiden Händen , die sich auf dem Tische kreuzten . Ihr Herz klopfte nicht mehr so ängstlich , aber hinter der kleinen , gesenkten Stirn hämmerte es , und die Gedanken reihten sich in fieberhafter Schnelligkeit aneinander . Sie dachte auch an die kleine , alte Dame , deren Bouquet draußen auf den Steinfliesen lag und wahrscheinlich von den unachtsamen Leuten zertreten wurde ... Das war also die » alte Mamsell « gewesen , jene Einsame hoch droben unter dem Dache des Hinterhauses , der stete Zankapfel zwischen der Köchin und Heinrich ! Nach Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem Gewissen - sie sollte schuld sein an ihres Vaters Tode . Die haarsträubende Geschichte hatte der kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflößt ; aber jetzt war das vorbei ... Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter Thränen eine Vatermörderin ! Da hatte Heinrich sicher recht , wenn er beharrlich den dicken Kopf schüttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz aufstellte , das müsse anders zusammenhängen ! Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt , aber , wie sich die alte Köchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrückte - sie war nicht davon abzubringen gewesen , Sonntagnachmittags unheilige Lieder und lustige Weisen zu spielen . Die » Madame « hatte ihr Himmel und Hölle vorgestellt , aber das war alles umsonst gewesen , bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit anhören konnte - da hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen gethan , und die alte Mamsell hatte hinauf gemußt unters Dach ... Dort wäre sie unschädlich , meinte Friederike stets , und man mußte ihr recht geben , denn man hörte nie auch nur einen Laut des verpönten Klavierspiels im Hause ... Der Onkel mußte jedenfalls sehr böse auf die alte Mamsell gewesen sein , denn er hatte nie von ihr gesprochen ; und doch war sie seines Vaters Schwester und sah ihm so ähnlich ... Eine heiße Sehnsucht erfaßte die kleine Felicitas bei dem Gedanken an diese Aehnlichkeit - sie wollte hinauf in die Dachwohnung , aber da stand ja der finstere Johannes - das Kind schüttelte sich vor Angst - und die alte Mamsell steckte jahraus , jahrein hinter Riegeln und Schlössern . Am Ende eines langen abgelegenen Korridors , dicht an der Treppe , die aus den unteren Stockwerken herauf führte , war eine Thür . Nathanael hatte einmal , als sie da droben spielten , leise zu ihr gesagt : » Du , da droben wohnt sie ! « dann hatte er , mit beiden Fäusten auf die Thür schlagend , laut geschrieen : » Alte Dachhexe , komm herunter ! « und war in schleuniger Flucht die Treppe hinabgelaufen . Wie hatte da das Herz der kleinen Felicitas vor Angst und Schrecken geklopft ! denn sie war keinen Augenblick im Zweifel gewesen , es müsse ein schreckliches Weib mit einem großen Messer in der Hand hervorstürzen und sie bei den Haaren fassen ... Es fing an , leise zu dämmern . Drüben am Rathause huschte der letzte goldene Schein der Herbstsonne um das Giebelkreuz , und auf der großen Wanduhr drin im Zimmer schlug es langsam und rasselnd fünf - sie hatte genau so eintönig und langsam jene drei Schläge herabgerasselt , nach welchen ihr ehemaliger Besitzer , der sie lange Jahre hindurch pünktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient , hinausgetragen worden war . Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben ; aber jetzt wurde die Thür des Wohnzimmers plötzlich geöffnet , und harte , feste Schritte schollen durch die Flur . Felicitas zog ängstlich den Vorhang an sich heran , denn Frau Hellwig näherte sich dem Zimmer des Onkels . Das erschien dem Kinde wunderbar neu ; es war nie vorgekommen , daß die große Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je diese Schwelle betreten hatte ... Sie kam ungewöhnlich rasch herein , schob leise den Nachtriegel vor und blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen . Es war ein Ausdruck unsäglichen Triumphes , mit welchem diese Frau ihre Blicke langsam durch den so lange streng gemiedenen Raum gleiten ließ . Ueber Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schöngemalte Oelbilder , ein Herr und eine Dame . Die letztere , ein stolzes Gesicht , aus dessen Augen aber Geist und Lebenslust sprühte , war in jener Tracht , welche so unschön die altgriechische nachzuahmen sucht . Die kurze Taille , die ein weißer leuchtender Seidenstoff umschloß , wurde noch verkürzt durch einen roten , golddurchwirkten Gürtel ; Brust und Oberarme , fast zu üppig geformt und nur sehr wenig bedeckt , harmonierten in ihrer herausfordernden Schönheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen , züchtigen Veilchenstrauße , der im Gürtel steckte ... Es war Hellwigs Mutter . Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt ; sie schien sich einen Moment daran zu weiden . Dann stieg sie auf einen Stuhl , hob es von seiner gewohnten , langjährigen Stell und schlug vorsichtig , ohne großes Geräusch einen neuen Nagel inmitten der zwei alten , an welchen sie das männliche Brustbild , Hellwigs Vater , hing . Es blickte jetzt einsam hernieder , während die Witwe den Stuhl verließ und , das weibliche Porträt in der Hand , aus dem Zimmer ging ... Felicitas ' gespanntes Ohr folgte ihren Schritten durch die Hausflur , über die erste Treppe - sie stieg immer höher in dem widerhallenden Treppenhause - wahrscheinlich bis in den Bodenraum . Sie hatte die Thür nicht völlig hinter sich geschlossen , und als ihr letzter Schritt droben verhallt war , da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der Spalte . » Na , da haben wir ' s , Friederike ! « rief er mit gedämpfter Stimme , der man aber den Schrecken anhörte , in die Flur zurück . » Es war richtig der sel ' gen Frau Kommerzienrätin ihr Bild ! « Die alte Köchin riß die Thür weit auf und sah herein . » Ach , du meine Güte , wirklich ! « rief sie , die Hände zusammenschlagend . » Herr Je , wenn das die stolze Frau wüßte , die drehte sich in der Erde um - und der sel ' ge Herr erst ! ... Na , sie war aber auch zu schrecklich angezogen - so bloß auf der Brust - ein Christenmensch mußte sich schämen ! « » Meinst du ? « entgegnete Heinrich , schlau mit den Augen blinzelnd . » Ich will dir was sagen , Friederike , « fuhr er fort und legte abzählend den Zeigefinger der Rechten gegen den linken Daumen . » Die alte Frau Kommerzienrätin hat ' s durchaus nicht leiden wollen , daß unser Herr die Madame genommen hat - das kann ihr die Madame zum ersten nicht vergessen . Zum zweiten war sie eine fidele Frau , die gern was mitmachte und am liebsten da war , wo lustig aufgespielt wurde , und zum dritten - hat sie unsere Madame einmal eine herzlose Betschwester geschimpft ... Merkst du was ? « Während Heinrichs Beweisführung war Felicitas aus ihrem Verstecke hervorgekommen . Das Kind fühlte instinktmäßig , daß es an dem rauhen , aber grundgutmütigen alten Burschen von nun an die einzige Stütze im Hause haben werde . Er hatte sie sehr lieb , und seinen stets wachsamen Augen dankte es die Kleine hauptsächlich , daß sie bis dahin in glücklicher Unwissenheit über ihre Vergangenheit geblieben war . » Na , Feechen , da bist du ja ! « sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand fest in seine schwielige Rechte . » Ich hab ' dich schon in allen Ecken gesucht ... Komm mit ' nüber in die Gesindestube ; denn hier wirst du ja doch nicht mehr gelitten , armes Ding ! ... wenn gar die alten Bilder fort müssen , nachher - « Er seufzte und drückte die Thür zu ; Friederike war bereits eilig in die Küche zurückgekehrt , denn man hörte die Schritte der herabsteigenden Frau Hellwig . Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur - sie war leer ; da , wo der Sarg gestanden hatte , lagen zertretene Blumen und Blätter am Boden . » Wo ist der Onkel ? « fragte sie flüsternd , indem sie sich widerstandslos von Heinrich nach der Gesindestube führen ließ . » Nu , sie haben ihn fortgetragen ; aber du weißt ja doch , Kindchen , er ist nun im Himmel - da hat er ' s gut , besser als auf der Erde , « antwortete Heinrich wehmütig . Er nahm seine Mütze vom Nagel und ging fort , um einen Auftrag in der Stadt zu besorgen . In der Gesindestube herrschte bereits starke Dämmerung . Seit Heinrichs Weggange kniete Felicitas auf der Holzbank , die unter den eng vergitterten Fenstern weglief , und blickte unablässig in das Stückchen dunkelnden Himmels droben über den Giebelhäusern der schmalen , steilen Gasse , wo ja der Onkel nun sein sollte ... Sie fuhr erschrocken zusammen , als Friederike mit der Küchenlampe eintrat . Die alte Köchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den Tisch . » Komm her , Kind , und iß - da ist dein Abendbrot ! « sagte sie . Die Kleine kam näher , aber sie rührte das Essen nicht an ; sie griff nach ihrer Schiefertafel , die Heinrich aus des Onkels Zimmer herübergebracht , und fing an zu schreiben . Da kamen hastige Schritte durch die anstoßende Küche , und gleich darauf steckte Nathanael seinen blonden Kopf durch die offenen Thür . Felicitas zitterte , denn er war stets sehr ungezogen , wenn er sich mit ihr allein sah . » Ah , da sitzt ja Jungfer Fee ! « rief er in einem Tone , den Felicitas so sehr an ihm fürchtete . » Hör mal , du ungezogenes Ding , wo hast du denn die ganze Zeit über gesteckt ? « » In der grünen Stube , « antwortete sie , ohne aufzublicken . » Du , das probiere nicht noch einmal ! « sagte er drohend . » Da hinein gehörst du jetzt nicht mehr , hat die Mama gesagt ... Was schreibst du denn da ? « » Meine Arbeit für Herrn Richter . « » So - für Herrn Richter , « wiederholte er und wischte dabei mit einer raschen Bewegung das Geschriebene von der Tafel . » Also du bildest dir ein , Mama wäre so dumm , die teuren Privatstunden noch für dich zu bezahlen ? ... Sie wird sich hüten . Das ist alles vorbei , hat sie gesagt ... Du kannst nun wieder dahin gehen , wo du hergekommen bist - nachher wirst du das , was deine Mutter war , und dann machen sie es mit dir auch so « - er legte die Hände gegen die Wange , machte die Pantomime des Schießens und schrie : » Puff ! « Die Kleine sah ihn mit weitgeöffneten Augen an . Er sprach von ihrem Mütterchen - das war ja noch nicht geschehen , aber was er sagte , klang so unverständlich . » Du kennst doch meine Mama gar nicht ! « sagte sie halb fragend und ungewiß ; es schien , als ob sie den Atem anhielt . » O , ich weiß viel mehr von ihr , als du ! « erwiderte er und setzte nach einer Pause hinzu , während sein Blick heimtückisch unter der gesenkten Stirn hervorschielte : » Gelt , du weißt noch nicht einmal , was deine Eltern waren ? « Die Kleine schüttelte das Köpfchen mit einer lieblich unschuldigen Bewegung , aber zugleich hefteten sich ihre Augen wie ängstlich flehend an seine Lippen - sie kannte die Art und Weise des Knaben viel zu gut , um nicht zu wissen , daß jetzt etwas kommen müsse , was ihr wehe thun sollte . » Spielersleute waren sie ! « schrie er mit hämischer Betonung . » Weißt du , solche Leute , wie wir sie auf dem Vogelschießen gesehen haben - sie machen Kunststücke , Purzelbäume und solches Zeug und gehen nachher mit dem Teller herum und betteln . « Die Schiefertafel fiel auf den Boden und zerbrach in kleine Stücke . Felicitas war aufgesprungen und stürzte wie toll an dem verblüfften Knaben vorüber hinaus in die Küche . » Er lügt , gelt , er lügt , Friederike ? « rief sie in schneidenden Tönen und faßte den Arm der Köchin . » Das kann ich gerade nicht sagen , aber übertrieben hat er , « entgegnete Friederike , deren hartes Herz beim Anblick des furchtbar aufgeregten Kindes ein menschliches Rühren empfand . » Gebettelt haben sie nicht ; freilich - das ist wahr - Spielersleute sind sie gewesen - « » Und sehr schlechte Kunststücke haben sie gemacht ! « ergänzte Nathanael , indem er an den Herd trat und forschend in Felicitas ' Gesicht sah - sie weinte ja noch nicht ; ja , sie sah ihn so » unverschämt wild « an mit ihren heißen , funkelnden Augen , daß er in eine förmliche Wut geriet . » Greuliche Kunststücke haben sie gemacht ! « wiederholte er . » Deine Mutter hat Gott , den Herrn , versucht , und deshalb kommt sie auch nie in den Himmel , sagte die Mama . « » Sie ist ja gar nicht gestorben ! « stieß Felicitas hervor . Ihr kleiner , blasser Mund zuckte fieberisch , und ihre Hand umschloß krampfhaft die Rockfalten der Köchin . » O , freilich , du dummes Ding , längst , längst - der sel ' ge Papa hat dir ' s nur nicht gesagt ... Drüben im Rathaussaale ist sie bei einem Kunststücke von den Soldaten erschossen worden . « Das gequälte Kind stieß ein herzzerreißendes Jammergeschrei aus ; Friederike hatte bei Nathanaels letzten Worten bestätigend mit dem Kopfe genickt - er hatte also nicht gelogen . In diesem Augenblicke kehrte Heinrich von seinem Ausgange zurück . Nathanael machte sich aus dem Staube , als die breitschultrige Gestalt des Hausknechts auf der Schwelle erschien ... Heimtückische Naturen haben stets eine unüberwindliche Scheu vor einem geraden , ehrlichen Gesichte . Auch der Köchin schlug das Gewissen - sie hantierte emsig bei ihrem Herde . Felicitas schrie nicht mehr . Sie hatte die hochgehobenen , verschränkten Arme gegen die Wand geworfen und ihre Stirn darauf gepreßt , aber man hörte , wie sie gegen ein heftiges Schluchzen ankämpfte . Der durchdringende Schrei des Kindes war bis in die Hausflur gedrungen , Heinrich hatte ihn gehört ; er sah noch , wie Nathanael hinter der Zimmerthür verschwand , und wußte sogleich , daß hier irgend eine Bosheit verübt worden war . Ohne ein Wort zu sagen , drehte er die Kleine von der Wand weg und hob das Gesichtchen empor - es war furchtbar entstellt . Bei seinem Anblicke brach das Kind abermals in ein lautes Weinen aus und stieß schluchzend die Worte hervor : » Sie haben mein armes Mütterchen totgeschossen - meine liebe , gute Mama ! « Heinrichs breites , gutmütiges Gesicht wurde ganz blaß vor innerem Grimme - er schien einen Fluch zu unterdrücken . » Wer hat dir denn das gesagt ? « fragte er und sah drohend nach Friederike hinüber . Das Kind schwieg ; aber die Köchin begann den Hergang zu erzählen , wobei sie das Feuer schürte den eben begossenen Braten noch einmal begoß und allerlei unnötige Dinge verrichtete , um nicht in Heinrichs Gesicht blicken zu müssen . » Na , ich meine auch , Nathanael hätte es ihr just heute noch nicht zu sagen gebraucht , « schloß sie endlich , » aber morgen oder übermorgen nimmt sie die Madame doch ins Gebet , und da wird sie ganz gewiß nicht mit Handschuhen angefaßt - darauf kannst du dich verlassen ! « Heinrich führte Felicitas in die Gesindestube , setzte sich neben sie auf die Holzbank und suchte sie zu beruhigen soweit er es in seiner ungelenken Redeweise vermochte . Er erzählte ihr schonend den schrecklichen Vorfall im Rathaussaale und sagte schließlich