daß er gewinnen müsse . Ein diabolischer Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen . Das Scheusal wußte , daß es auch noch den Nachfolger des armen , schwindsüchtigen Mannes überleben könne ; es machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses . Hans Unwirrsch trat mit keineswegs sentimentalen Gefühlen in die Gemeinschaft und das Gewimmel der Armenschule . Nachdem die erste Verblüffung und Blödigkeit überwunden war , nachdem er sich halbwegs hereingefunden hatte , zeigte er sich nicht besser als jeder andere Schlingel und nahm nach besten Kräften teil an allen Leiden und Freuden dieser preiswürdigen Staatseinrichtung . Er orientierte sich bald . Die Freunde und Feinde unter den Knaben waren schnell herausgefunden : gleichgeartete Gemüter schlossen sich an ihn , entgegenstehende Naturen suchten ihn an den Haaren aus seiner Weltanschauungsweise herauszuziehen , und im Einzelkampf wie in der allgemeinen Prügelei kam manches Leid über ihn , das er aber als anständiger Junge ertrug , ohne sich hinter dem Lehrer zu verkriechen . Als anständiger Junge hatte er in dieser Lebensepoche gegen das weibliche Geschlecht auf den Bänken zur Rechten des Ganges im allgemeinen eine heilsame Idiosynkrasie . Er klebte den Mädchen gern Pech auf ihre Plätze und knüpfte ihnen noch lieber paarweise verstohlen die Zöpfe zusammen ; er verachtete sie höchlichst als untergeordnete Geschöpfe , die sich nur durch Geschrei wehrten und durch die der Lehrer mehr über die linke Hälfte seiner Schule erfuhr , als den Buben lieb war . Von ritterlichen Regungen und Gefühlen fand sich anfangs in seiner Brust keine Spur , doch die Zeit , wo es in dieser Hinsicht anfing zu dämmern , war nicht fern , und bald machte wenigstens ein kleines Geschöpfchen von der andern Seite der Schule her seinen Einfluß auf Hans Unwirrsch geltend . Es kam die Zeit , wo er eine kleine Mitschülerin nicht weinen sehen konnte und wo er einen unbestimmten Hunger empfand , der nicht auf die großen Butterbrote und Kuchenstücke der benachbarten Straßenjugend gerichtet war . Doch für jetzt steckte er frech die Hände in die Taschen der Pumphose , spreizte die Beine voneinander , stellte sich fest auf den Füßen und suchte sich soviel als möglich von der absoluten Herrschaft der Weiber zu befreien . Nicht mehr wie sonst saß er still und artig zu den Füßen der Base Schlotterbeck und horchte andächtig ihren Lehren und Ermahnungen , ihren Märchen und Kalendergeschichten , ihren biblischen Vorlesungen . Zum großen Mißbehagen der guten Alten fing er an , täglich mehr Kritik zu üben . Die Kalendergeschichten wußte er allesamt auswendig ; kein Märchen konnte die Base beginnen , ohne daß der Bengel ihr ins Wort fiel , um Verbesserungen anzubringen oder nichtsnutzige , ironische Fragen zu stellen ; gegen ihre guten Ermahnungen rückte er immer mit verwirrenden Einwänden hervor , welche die Base öfters ganz und gar aus der Fassung brachten . Wenn sich die treue Seele nach ihrer Art in einem langatmigen Geschlechtsregister der Bibel verwickelt hatte , so hatte Hans eine wahrhaft diabolische Lust daran und suchte die Arme immer tiefer und hülfloser in das Dorngestrüpp zu treiben , so daß sie oft ganz ärgerlich und giftig das Buch zuklappte und das einstige » kleine Lamm « eine » nichtsnutzige , naseweise Kröte « nannte . Hinter ihrem Rücken spielte er ihr allerlei Possen , ja er entblödete sich nicht , vor einem ausgewählten Publikum der Kröppelstraße , das mit ihm im gleichen Alter stand , eine Vorstellung zu geben , in der er die Art der Base aufs komischste nachäffte . Kurz , Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch hatte jetzt eine Lebensstufe erreicht , auf welcher liebende Verwandte ihren hoffnungsvollsten Sprößlingen und jugendlichen Bekannten mit finster-melancholischen Blicken und warnenden Handbewegungen eine düstere Zukunft , den Bettelstab , das Gefängnis , das Zuchthaus und zuletzt , zum angenehmen Beschluß , den schimpflichen Tod am Galgen vorhersagen , Es ist auch in diesem Falle ein Glück , daß Prophezeiungen gewöhnlich nicht in Erfüllung gehen . Hans zog eben in dieser Epoche das bewegte Leben der Gasse mit seinen Einzelheiten dem häuslichen Glück , dem stillen , ungestörten Frieden der vier Wände bei weitem vor . O du schöne Zeit der schmutzigen Hände , der blutenden Nasen , der zerrissenen Jacken , der zerzausten Haare ! Wehe dem Mann , der dich nicht kennenlernte ! Es wäre ihm besser gewesen , er hätte manches andere nicht kennengelernt , welches die liebenden Verwandten und Freunde mit den finster-melancholischen Blicken ihm als sehr löblich , lieblich und rühmlich priesen und anempfahlen . Naturgemäß hielt sich Hans jetzt mehr an den Oheim Grünebaum als an die Mutter und die Base . Der wackere Flickschuster hatte manches , was ein jugendliches Gemüt anziehen konnte . In der Gesellschaft dieses würdigen Mannes wurde dem Neffen selten die Zeit lang . Sehr schmutzig und vernachlässigt erschien jedem ordentlichen Weibe die Haushaltung und Umgebung des Oheims Grünebaum . In seiner Werkstatt sah es aus , als hätten die Hutzelmännchen nicht wohlwollend , sondern in grimmigster Erzürnung darin gehaust . Ein tolleres Kopfüber-Kopfunter kann man sich nicht leicht vorstellen , und wenn jemand hätte das Suchen lernen wollen , so hätte er hier die beste Gelegenheit dazu gehabt . Der Oheim Grünebaum verbrachte aber auch den größten Teil des Tages und seiner Arbeitszeit im vergeblichen Suchen . Das Gerät , das er eben brauchte , war fast niemals zu finden , und das Wühlen und Rumoren danach brachte keine größere Ordnung in den Wirrwarr . Dazu schrien , pfiffen und sangen von den Wänden aus großen und kleinen Käfigen Vögel mannigfacher Art ; ein Laubfrosch zeigte in seinem Glase am Fenster das Wetter an . Das politische Wetter aber zeigte sich der Meister Grünebaum selber an , indem er sich und seinen Vögeln den » Postkurier für Stadt und Land « mit lauter Stimme vorlas , was ebenfalls einen ziemlichen Teil seiner Arbeitszeit wegnahm . Der wackere Oheim Grünebaum schusterte nur gerade so eifrig und so lange , als nötig war , um sich und seine Vögel notdürftig zu erhalten und den » Postkurier für Stadt und Land « halten zu können . Seine Schoppen im Roten Bock ließ er öfter ankreiden , als für einen soliden Bürger und Handwerksmeister sich ' s eigentlich schickte . Für den Sohn des seligen Schwagers mangelte es jedoch dem guten Mann durchaus nicht an natürlicher Zuneigung . Mit Wohlwollen nahm er ihn auf in seinem verwahrlosten Loche und gab ihm gute Lehren über Welt und Leben , Vogelzucht und Politik nach seiner Art. Wenig verstand Hans von der Weisheit des » Postkuriers für Stadt und Land « , aber einzelne Namen wie Navarin , Missolunghi , Bozzaris , Ibrahim-Pascha nahm er doch , mit offenem Mund in sich auf , und eine große Griechen-und-Türken-Schlacht wurde in der Kröppelstraße geschlagen ; blutige Köpfe gab ' s dabei , und Silberlöffel , der Armenlehrer , mußte viel Anzüglichkeiten darob von den erzürnten Eltern vernehmen . Der Oheim Grünebaum war ein gewaltiger Philhellene ; aber noch mehr war das der arme Karl Silberlöffel , der mit wahrhaft fieberhaftem Interesse dem blutigen Kampfe im fernen Osten folgte . Auch die Base Schlotterbeck war eine große Philhellenin , und in der Kröppelstraße gab es eigentlich nur einen Mann , der Partei für die Türken nahm , weil er die Griechen aus eigener Anschauung und Erfahrung kannte . Dieser Mann war Samuel Freudenstein , der Trödeljude , der einst weit genug in der Welt umhergekommen war und welcher von den » Höllönen « fast noch weniger hielt als Jakob Philipp Fallmerayer , der orientalische Fragmentist . Der Trödler behielt aber seine Ansicht für sich und entging somit den mannigfachen Unannehmlichkeiten , die der treffliche Münchener Gelehrte zu erdulden hatte . Von dem Oheim Grünebaum wurde Hans übrigens zum erstenmal wirksam darauf aufmerksam gemacht , daß man dem Lehrer Silberlöffel doch wenigstens einigen Respekt schuldig sei . Unter meinen männlichen Lesern wird wohl niemand sein , der nicht weiß , was für eine Tyrannei in der Schule von Schulknaben ausgeübt werden kann und ertragen wird , der nicht weiß , was es um die » öffentliche Meinung « unter einer Bande solcher jungen Geister ist . Der Oheim Grünebaum war schuld daran , daß Hans Unwirrsch dieser öffentlichen Meinung in einem Falle die ganze Wucht seiner kleinen Persönlichkeit entgegenwarf und heldenmütig die Folgen davon ertrug . Zwischen Lehrern und Schülern herrscht dasselbe Verhältnis wie im Völkerverkehr . Was auch der Lehrer tun mag , um das Vernunftrecht zur Darstellung zu bringen , seine Schüler stützen sich immer wieder auf das Naturrecht . Ein fortwährender , scharf beobachtender Kriegszustand ist die Folge davon , und nicht immer hat der Lehrer die bessere Hand im Kampf gegen den rücksichtslosen Feind , dem jede Waffe recht ist und der kein Erbarmen kennt . Manch hochbegabte Natur ist schon in solchem Kampfe zugrunde gegangen . » Hannes « , sagte der Oheim , » wenn ich in deiner Stelle wäre , so machte ich nicht mit die andern so ' n tagtäglich heillos Spektakulum in der Schule , daß , wenn ' n Mensch da vorbeigeht , er sich die Ohren zustopfen muß . Mich jammert der Magister in der Seele , und lange leben wird er auch nicht mehr . Die unglückselige , miserable Kreatur hustet sich zu Tode , und ihr gottverlassenen , inkomparabeln Satans brüllt ihn zu Tode . Hier mal vors Brett , Hans , und nicht ausgewichen ! Was ist das mit der Schule ? Bist du immer mit bei dem Gebrüll und Getrampel und Spietakel ? Junge , Junge , in deiner Stell ginge ich in mir und bedächte , daß , wer ' n Menschen umbringt , ' n Mörder ist und daß ' n toter Mensch einem sehr auf die Seele liegen kann , als was man dann nachher böses Gewissen nennt . Gehe in dich herein , Hannes , und bedenke , daß sich wohl ein Stiebel lange flicken , versohlen und vorschuhen läßt , daß aber noch kein Doktor ' nen schwindsüchtigen Schulmeister , dem seine Schlingel also grausam mitspielen wie ihr eurem , den Atem gerettet hat . Der Mensche jammert mich wirklich , und der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden , also gib Achtung , Hans , daß er dich nicht mit den andern Bälgern in den Sack steckt das Recht hat er wohl gewiß schon längst dazu . « Diese Rede machte auf Hans einen größern Eindruck , als ihm der Oheim anmerkte . In einem günstigen Augenblick hatte dieser geredet , seine Worte waren nicht auf schlechten Boden gefallen und hatten eine bessere Wirkung als alle früheren Ermahnungen . Zum erstenmal dämmerte in der Brust des Kindes ein Gefühl , welches über den Egoismus des Kindes hinausging . Als Hans Unwirrsch am folgenden Morgen seinen Platz in dem Spritzenhause einnahm , sah er den Armenlehrer mit ganz andern Augen an als am vergangenen Tage ; und da Silberlöffel an diesem kalten , unfreundlichen Regenmorgen noch jammervoller und hungriger als sonst aussah und noch mehr hustete , so erlosch das Gefühl nicht , sondern es wurde stärker - Hans saß zum erstenmal still in der Schule . An dem nächsten Komplott nahm er auch nicht teil , verfiel der allgemeinen Verachtung und kriegte fürchterliche Prügel , die ihn jedoch nur in seinen guten Vorsätzen bestärkten . Der Streich wurde natürlich auch ohne ihn ausgeführt und gelang vollkommen . Es war ein Hauptstreich , und die Befriedigung der jungen Taugenichtse und Galgenstricke war groß ; der arme Lehrer , dessen Brustschmerzen an diesem Tage noch stärker als gewöhnlich waren , unterlag kraftlos , und der Blick hülfloser Verzweiflung , den er über die rebellische Schule schweifen ließ und welcher auch Hans Unwirrsch streifte , wurde von letzterem niemals vergessen ; seine Wirkungen reichten bis in das späteste Alter . Am nächsten Morgen kam der Herr Lehrer nicht in das Spritzenhaus ; er sollte es niemals wieder betreten . Ein Blutsturz war in der Nacht über ihn gekommen , und zum Sterben krank lag er auf seinem Bett in seiner schlechten , kalten Stube . Ein anderer nahm seine Stelle an dem Marterpult in der Armenschule ein ; Karl Silberlöffel war aufgebraucht worden wie ein Rad in der Maschine . Ein anderes Rad wurde eingesetzt ; langsam drehte sich das Ding weiter , und » unsere fortschreitende Bildung und humane Entwicklung « war und blieb das Lieblingsthema manches wohlmeinenden Mannes - damals . Wenig Leute kümmerten sich um den abgenutzten , sterbenden Armenschullehrer ; zu den wenigen aber , die das Ihrige taten , ihm seine letzten Lebenstage und Nächte zu erleichtern , gehörten der Oheim Grünebaum und die Base Schlotterbeck . An der Hand der letztern kam Hans Unwirrsch , um seinen Lehrer sterben zu sehen und um zum erstenmal die feierlichen Schauer zu empfinden , die das Nahen des Todes in der Seele des Menschen erregt , auch wenn er noch ein Kind ist . Der todkranke Mann hielt lange die Hand des Kindes und sah ihm lange und tief in die Augen . Aber in dem Blicke , mit welchem er es ansah , war jetzt nichts mehr von jenem Elend zu finden , das ihn durch sein kurzes , dunkeles Leben unablässig bedrängt und ihm gnadenlos jedes freiere Aufsehen und Aufatmen verwehrt hatte . Matt war jetzt das Auge , aber still und befriedigt war es auch : der Kampf war zu Ende , noch ein Schritt , und das Land der ewigen Freiheit war erreicht . Auf seinem Sterbebette fühlte sich der Armenschullehrer zum erstenmal als ein freier Mann , der sich vor niemand mehr zu neigen und in den Winkel zu drücken brauchte . Der alte , rötliche , diabolische Hut , der hinter der Tür am Nagel hing , hatte freilich das Spiel gewonnen , aber weder er noch ein hochlöbliches Kultusministerium zogen einen großen Vorteil davon . Der eine wurde als Vogelscheuche in ein Kornfeld gestellt , und das andere blieb fürs erste , was es war . Laut sprechen konnte der Kranke nicht , aber Hans vernahm doch , was er zu ihm sagte , und vergaß es nicht . » Weine nicht , liebes Kind , und fürchte dich auch nicht ! Du bist immer ein guter Junge gewesen und wirst dereinst auch ein guter Mann werden . Großen Hunger jeder Art wirst du auch zu erdulden haben , aber du wirst satt werden wie ich , denn endlich , endlich wird doch einmal jeder satt ... « Das , was der sterbende Herr Silberlöffel damals noch hinzufügte , verstand Hans freilich nicht , und die Base Schlotterbeck wußte auch nicht recht , ob der Kranke bereits in den letzten Todesphantasien liege oder nicht . Er sagte , während seine Augen sich nach der niedern , schwarzen Decke der Stube richteten : » Ich bin sehr hungrig gewesen . Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und durstig nach Wissen ; alles andere war nichts . Goldene Äpfel hängen lockend im Gezweig und schießen ihre Strahlen durch das Grün . Sie blenden so die Augen , die schönen , glänzenden Früchte . Die Hände habe ich ausgestreckt und habe sie mir zerrissen an den Dornen ; - viel Tränen habe ich vergießen müssen um den goldenen Glanz im Grün . Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch , und doch war auch ich für das Licht geboren . Es ist hart , hart , hart , im Schatten sitzen zu müssen und Hungers zu sterben , während so schöne Augen leuchten in der Welt , während so holdselige Stimmen locken - in der Nähe und , ach , auch aus so weiter , weiter Ferne . Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne , aber im Schatten mußte ich bleiben , auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt . Ein goldener Regen umspielte mich oft , in Schauern fielen die leuchtenden Früchte nieder um mich her und glänzten durchs Grün und durch die Morgen- und Abendröten ; mir aber waren die Hände gefesselt , und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen . Ich habe nichts , nichts erhalten von dem reichen Leben . Nur mein Sehnen ist mir zuteil geworden , und auch das geht nun zu Ende . So wird ' s dunkel vor den Augen , still vor den Ohren und im Herzen ; ich werde satt sein - im Tode . « Man begrub den Armenschullehrer Karl Silberlöffel einige Tage vor Weihnachten , und die Armenschule unter dem Nachfolger folgte dem Sarge , der nicht mit Silber beschlagen und nicht mit Sammet behängt war . Nicht über reinen Schnee , sondern durch ein schmutziges Schlackerwetter trug man den Leichnam und scharrte ihn kurz und gut ein ohne das allergeringste Gepränge . Die Schule zerstreute sich vom Kirchhofe und flatterte auseinander gleich einem Sperlingsschwarm , und auch Hans war mit im Schwarm und fühlte sich nicht viel beklommener als die andern . Der Tod hat doch eigentlich für das Kind keinen Sinn ; erst wenn uns das Leben recht zusammengerüttelt und - geschüttelt hat , geht uns das rechte Verständnis dafür auf . Der Kindheit , der alles noch neu ist , drängt jeder neue Tag den vergangenen in die vollständigste Vergessenheit . Am Morgen nach dem Begräbnis des guten Lehrers spielte Hans Unwirrsch bereits wieder lustig in der Gasse und dachte für jetzt mit keinem Gedanken mehr an den toten Mann . Der Schnee , der gestern gemangelt hatte , war über Nacht reichlichst herabgefallen ; es hatte kein Junge in der Stadt Zeit , an etwas anderes zu denken als an den Schnee . Großes Geschrei war in der Kröppelstraße , und mächtig wuchs der Schneemann zur Lust der jungen Künstlerbande und zum Ärger des misanthropischen pensionierten Stadtbüttels Murx , der wie ein podagrischer Oger in seinem Lehnstuhl am Fenster festgebannt saß und den Lärm und die Lust der lieben Jugend für eine ganz persönliche Beleidigung nahm . Aber der spanische Rohrstock war pensioniert wie sein Herr und hing in grimmiger Unzufriedenheit über dem pensionierten Dreimaster an der Wand . Unablässig wanderte das Auge des zur Ruhe gesetzten Schützers der öffentlichen Ruhe und Sicherheit zwischen dem Stock und der Straße hin und her , und in der Brust des Vortrefflichen grollte und brummte es wie in einem dem Ausbruch nahen Vulkan : Prometheus , am Kaukasus angeschmiedet , Napoleon auf Sankt Helena fühlten wohl ähnliche Bitternisse wie der gichtische Büttel , aber ihr Beispiel tröstete ihn nicht . Lustig ging der Spektakel in der Gasse fort , und nachdem der Schneemann vollendet war , stürzte sich die Bande jugendlicher Missetäter auf Moses Freudenstein , den Sohn des Trödlers , und fing an , ihn zu waschen . In jenen vergangenen Tagen herrschte - vorzüglich in kleinern Städten und Ortschaften - noch eine Mißachtung der Juden , die man so stark ausgeprägt glücklicherweise heute nicht mehr findet . Die Alten wie die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn ; unendlich langsam ist das alte , schauerliche Hephep , welches so unsägliches Unheil anrichtete , verklungen in der Welt . Vorzüglich waren die Kinder unter den Kindern elend dran , und der kleine , gelbe , kränkliche Moses führte gewiß kein angenehmes Dasein in der Kröppelstraße . Wenn er sich blicken ließ , fiel das junge , nichtsnutzige Volk auf ihn wie das Gevögel auf den Aufstoß . Gestoßen , an den Haaren gezerrt , geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit , ließ er sich auch sowenig als möglich draußen blicken und führte eine dunkle , klägliche Existenz in der halbunterirdischen Wohnung seines Vaters . An diesem Tage aber hatte ihn sein Unstern doch mitten unter seine Peiniger geführt ; und man hatte , wie gewöhnlich in solchen Ausnahmefällen , ihn in einen engen Kreis geschlossen . Was fiel dem Judenjungen ein , daß auch er den neuen Schnee sehen wollte ? In der Mitte seiner Tyrannen stand Moses Freudenstein und reichte mit verhaltenen Tränen und einem Jammerlächeln die Hand , in welche jeder junge Christ und Germane mit hellem Hohngeschrei hineinspie , in die Runde . Es gab wenige Leute in der Kröppelstraße , die nicht ihren Spaß an solcher infamen Quälerei gefunden hätten . Keiner von den Gaffern in den Haustüren trat dazwischen , um der Erbärmlichkeit ein Ende zu machen . Man lachte , zuckte die Achseln und hetzte wohl gar noch ein wenig ; es hatte eben wenig auf sich , wenn der schmutzige Judenjunge ein bißchen in seiner Menschenwürde gekränkt wurde . Hülfe und Rettung sollten für Moses Freudenstein von einer Seite kommen , von woher er sie nicht erwartet hatte . Hans Unwirrsch hatte bis zu dieser Stunde auch hier mit den Wölfen geheult , und was die andern taten , hatte er leichtsinnig , ohne Erbarmen und ohne Überlegung ebenfalls getan . Jetzt kam die Reihe an ihn , in die offene Hand des heulenden Judenknaben zu speien , und wie ein Blitz durchzuckte es ihn , daß da eben eine große Niederträchtigkeit und Feigheit ausgeübt werde . Es war ihm , als blicke das bleiche Gesicht des Lehrers Silberlöffel , der gestern begraben worden war , ernst und traurig über die Köpfe und Schultern der Buben in den Kreis . Hans spie nicht in die Hand des Moses ! Er schlug sie weg und streckte seine Faust den Kameraden entgegen . Wild schrie er , man solle den Moses zufrieden lassen , er - Hans Jakob - leide es nicht , daß man ihm ferner Leid antue . Die Faust fiel auf die erste Nase , die sich frech näher drängte . Blut floß - ein verwickelter Knäuel ! Püffe , Knüffe , Fußtritte , Wehgeheul ! Wutgebrüll ! Sausende Schneebälle , zerrissene Rappen und Jacken ! Exaltierteste Aufregung des pensionierten Stadtbüttels ! Elektrisches Erzittern des spanischen Rohres an der Wand ! Übereinander und Durcheinander ! Untereinander und Zwischeneinander ! - Hernieder in den Laden des Trödlers Samuel Freudenstein rollten Moses und Hans , schwindlig , zerschlagen , mit blutenden Mäulern und verschwollenen Augen . Auch Moses Freudenstein hatte zum erstenmal in seinem Leben einen Schlag gegen seine Peiniger zu führen gewagt . Es war eine glorreiche Stunde , und ihr Einfluß auf das Leben von Hans Unwirrsch war unberechenbar im Guten wie im Bösen . Indem er aus dem wilden Gewühl der Gassenschlacht die Stufen in den Trödelladen hinabrollte , fiel er in Verhältnisse , welche unendlich wichtig für ihn werden sollten . In mehr als einer Hinsicht entschied sich sein Schicksal an diesem Tage ; eine ganz andere Welt tat sich vor seinen Augen auf . Es wohnten seltsame Leute in dem Keller , Leute , die auch ihren Hunger hatten und ihn nach Kräften zu befriedigen suchten , Leute , über welche die Kröppelstraße sehr mit Unrecht sich erhaben dünkte . Das nächste Kapitel soll uns zeigen , wer der Trödler Samuel Freudenstein war , dann werden wir bei Gelegenheit wohl auch erfahren , auf welche Weise er seinen Sohn Moses erzog und welche Ansichten von der Welt und von dem Leben in der Welt er ihm beizubringen strebte . Viertes Kapitel Auf malerische Mittelalterlichkeit machte die Kröppelstraße keinen Anspruch . Sämtliche Häuser darin waren nach einem großen Brande , der während des Siebenjährigen Krieges stattgefunden hatte , mit möglichster Schnelligkeit und mit möglichst wenigen Kosten wiederaufgebaut worden . Jetzt war ein Teil der Gebäude bereits wieder so baufällig , daß ein neuer Brand vonnöten schien , um größeres Unheil durch ganz unmotiviertes Zusammenstürzen über Nacht bei vollständiger Windstille ohne Erdbeben und dergleichen Anstößigkeiten zu verhüten . Samuel Freudenstein bewohnte mit seinem Sohn und einer uralten Haushälterin das wackligste Haus der ganzen Reihe ; und wenn alle andern Besitzer allerlei mehr oder weniger schwache Anstrengungen machten , ihr Eigentum vor dem gänzlichen Verfall zu sichern , so tat der israelitische Handelsmann durchaus nichts zur Erhaltung seines Hauses und noch weniger zur Verschönerung desselben . Seit dem Anfang des Jahrhunderts waren die Mauern nicht getüncht , seit dem Hubertusburger Frieden schienen die Fenster nicht geputzt worden zu sein . Auf dem Dach wuchs Moos und allerlei Krautwerk ; es hatte sich mehr als ein Ziegel abgelöst und war durch keinen andern ersetzt worden . Die Baupolizei war schlecht in Neustadt , aber Samuel Freudenstein verlangte gar keine bessere . Eigentliche Kellerwohnungen und -läden gab es in Neustadt nicht , die Stadt war dazu nicht überfüllt genug . Der ärmere Teil der Bevölkerung wurde weder zu hoch hinauf- noch zu tief hinabgedrängt . Das einzige Lokal , welches jenen troglodytischen Einrichtungen größerer Städte ähnelte und welches somit dem Geschmacke Freudensteins entsprach , hatte dieser bei seiner Ansässigmachung in Neustadt bald gefunden , und nach seinem Geschmack hatte er sich darin eingerichtet . Dem durch die Kröppelstraße Wandelnden machte sich der Laden des Trödlers glänzend durch eine vor der Tür aufgehängte Hoflakaienlivree des Königs Hieronymus von Westfalen bemerklich . Dieser bunte Anzug diente besser als alles andere als Aushängeschild eines Trödelladens , und ein vorzüglicheres Symbolum dafür als dieses Hausratstück des Trödelkönigreichs Westphalie war schwerlich zu finden . Es war niemand in der Stadt , der diese Livree nicht kannte ; und Leute , welche sie als Kinder angestaunt hatten , mußten sich ihrer noch im späten Greisenalter erinnern . Dem Lakaien gegenüber hing am andern Türpfosten eine schadhafte Eierkuchenpfanne , und zwischen beiden gingen die Kunden ein und aus , brachten die verschiedenartigsten Gegenstände oder schleppten die verschiedenartigsten Gegenstände fort . Das Schaufenster gab nur einen schwachen Begriff von dem , was der Laden in seinem Innern enthielt : Damenhüte und Herrenhüte , Schulbücher , Bündel verrosteter Schlüssel , staubige Rokokogläser und Schüsseln , ein Fächer , eine Standuhr , desolate Porzellanfiguren , Kinderpuppen , ein Zettel mit der Inschrift : » Hier werden die höchsten Preise für Lumpen aller Art gezahlt « ; - ein anderer Zettel mit der Inschrift : » Allerhöchste Preise für Knochen , zerbrochenes Glas und Eisen « ; - ein dritter Zettel mit den verlockenden Worten : » Einkauf von Gold , Silber , Juwelen und getragenen Kleidungsstücken « ; - - viel enthielt das Schaufenster und doch sehr wenig im Vergleich zu dem Laden selbst . Wenn man über die Schwelle getreten und die drei Stufen hinabgestolpert war , geriet man in eine Dämmerung , in welcher man anfangs keinen Gegenstand von dem andern unterschied , und in eine Atmosphäre , welche ebenfalls aus mancherlei ununterscheidbaren Düften zusammengesetzt war . Nur ganz allmählich gewöhnten sich Auge und Nase an die Lokalitäten ; nur ganz allmählich erkannte man , daß der Mensch hier alles loswerden konnte , was er nicht gebrauchte oder nicht länger gebrauchte , und daß er hier vieles fand , was er gebrauchte . Ein Gegenstand mochte durch noch so viele Hände gegangen sein , noch so viele Schicksale in auf- und absteigender Linie gehabt haben , Samuel Freudenstein brachte ihn doch noch im gegebenen Augenblick in Bewegung und an den rechten Mann . Er konnte dem ältesten Plunder täuschend den Anschein der Neuheit gehen , und seine Ansichten über die Dauer im Wechsel wären höchst belehrend und anziehend für jeden Philosophen gewesen . Wie ein Alchimist und Zauberer waltete er aber auch in seinem dämmerigen Reich , und seine Erscheinung weckte nicht das Zutrauen , welches dem Handelsmann so nützlich ist . Samuel Freudenstein war ein Sechziger , der wenig auf äußere Eleganz hielt und der allein imstande gewesen wäre , den Hut des Armenlehrers Silberlöffel für eine höchst anständige Kopfbedeckung zu halten . Er war groß , doch ging er sehr gebückt und schien an einem ewigen Frost zu leiden . Die Art , wie er seine schlotternden Glieder in seinem zerlumpten Schlafrock verbarg , konnte in den Hundstagen einem eine Gänsehaut hervorbringen . Der Mann war ein fortwährendes Zähnklappern und ein Greuel für jeden , der etwas auf ein wohlgewaschenes Gesicht und reinlich beschnittene Nägel gab . Daß er sich stets genügend rasiert habe , konnte man ebenfalls nicht behaupten , und daß er einst ein Weib gefunden hatte , und zwar ein sehr hübsches und sehr reinliches , das glaubten nicht alle , welche mit der Tatsache bekannt gemacht wurden . Es war aber doch so , und das Weib hatte ihn sogar geliebt und hatte ihn höchst ungern allein gelassen in der Welt . Nicht immer hatte Samuel in der Dunkelheit seines Ladens in Neustadt gesessen ; er hatte mehr von der Welt gesehen als sämtliche anderen Neustädter zusammengenommen . Geboren war er in jener angenehmen Gegend , wo Katze und Hund sich gute Nacht sagen und wo Russen , Polacken und Türken einander seit undenklichen Zeiten in den Haaren liegen . Gehandelt hatte Samuel bis hinauf nach Warschau und Petersburg und bis hinunter nach Konstantinopel . Im Jahr 1799 zog er mit Suwarow nach Italien und machte gute Geschäfte , wäre aber beinahe von dem alten Italinsky gehängt und von Massena füsiliert worden . Als vorsichtiger Mann blieb er deshalb an der nächsten Ecke zurück und ließ die kriegführenden Parteien allein weitermarschieren . Er ging nach Wien , und als ihm das Glück dort nicht wohlwollte , nach Prag , wo er in der Jüdenstadt sich sehr behaglich fühlte und wo er jedenfalls sich für immer festgesetzt hätte , wenn nicht die große Konkurrenz gewesen wäre . Er handelte um diese Zeit mit Rauchwaren und machte ein ziemlich bedeutendes Geschäft in Füchsen von allen Farben , Mardern und dergleichen Pelztieren . Als er zum erstenmal zur Messe nach Leipzig kam , glaubte er sich gerade mitten in Abrahams Schoß setzen zu können , aber er setzte sich nebenzu und verlor in einer allzu gewagten Spekulation fast sein sämtliches Vermögen . Die Zeiten waren für jedermann hart und wurden immer härter , aber Samuel Freudenstein gehörte zu den Leuten , die jeder Windstoß nach Belieben dreht und wendet , und das kann unter Umständen trotz