meine Gesellschaft gewonnen , gab ich einige Vorstellungen in Konstantinopel auf dem Platze vor dem Palast des Sultans , der sich ganz ungemein für unsere Kunst interessirte und uns die Erlaubniß gegeben hatte , das Seil an der obersten Zinne des Palastes , auf dem flachen Dache selbst , zu befestigen . Nun müssen Sie wissen , daß in dem obersten Stockwerk dieses Palastes die Frauen des Sultans wohnen , weshalb man denselben auch Harem nennt . Ich hatte immer gewaltiges Verlangen danach gehabt , einmal in einen solchen Harem , der sonst für Alle streng verschlossen ist , zu gelangen ; und nun erst recht , nachdem mir Cotterby gesagt hatte , daß , wenn er an dem obersten Stock vorbeikäme , ihn immer die schönsten schwarzen Augen durch die Ritzen der Bretter , mit denen die Fenster des Harems vernagelt sind , anblitzten . - Was thue ich also ? Ich sage zu Cotterby : Cotterby , sage ich , Sie können ja Alles , was Sie wollen . Wie wär ' s , wenn Sie mich morgen in die Karre nähmen und oben auf dem Dache absetzten ? Ich muß einmal sehen , wie ' s da oben aussieht . Sie können mich morgen ja wieder auf demselben Wege zurückbringen . Wollen Sie ? - Warum nicht ? sagt Cotterby , wenn ich Ihnen damit einen Gefallen thun kann . - Am nächsten Tage stecke ich mich in die Karre ; Cotterby karrt mich auf das Dach , stülpt die Karre um , und , da bin ich denn oben auf dem Dach , ganz allein , denn Cotterby war , um kein Aufsehen zu erregen , sogleich wieder umgekehrt . - Nun mögen Sie mir glauben oder nicht , meine Herren ; aber ich versichere Sie , daß mir in dieser Situation doch etwas wunderlich zu Muthe war . Wie leicht konnte aus den Dachluken der schwarze Kopf eines Wächters auftauchen - und dann wäre es um mein Leben geschehen gewesen . Indessen ich saß nun einmal in der Falle . Als ich noch so überlege , was ich nun beginnen soll , höre ich mit einem Male Säbelrasseln und Sporenklirren auf der Treppe , die zu dem Dache führt . Es war der Sultan selbst , der Herrn Cotterby von oben herab bewundern wollte . Ich , in meiner Herzensangst , laufe nach dem nächsten Schornstein , der aus dem Dach herausragt , krieche hinein und plumps ! - zum Besinnen war keine Zeit - so eine zwanzig Fuß heruntergerutscht und wohin glauben die Herren ? direct in den Kamin von der Schlafstube der Favoritin des Sultans . - Hier muß ich indessen die geehrten Herren um Verzeihung bitten , wenn ich , um die Ehre einer Dame nicht zu compromittiren , nur andeutungsweise so viel sage , daß die nächsten vierundzwanzig Stunden zu den schönsten gehören , die ich in meinem Leben gehabt habe , daß ich am folgenden Tage von Herrn Cotterby , der etwas der Art geahnt haben mußte und eine noch größere Karre wie gewöhnlich mitgebracht hatte , auf die angegebene Weise abgeholt wurde , - daß wir noch in derselben Nacht Konstantinopel verließen und seit dieser Nacht meine Gesellschaft um eine vorzügliche Künstlerin reicher und der Palast des Sultans um seine schönste Blume ärmer war . Herr Schmenckel sah sich triumphirend um . Er konnte mit dem Eindrucke , den seine Geschichte auf die in athemloser Spannung Horchenden hervorbrachte , zufrieden sein . - In diesem Augenblick kam die Dame , welche an der Kasse zu sitzen pflegte und überhaupt die inneren Angelegenheiten der Gesellschaft verwaltete , eilig in die Trinkstube gerannt und flüsterte Herrn Director Schmenckel etwas in ' s Ohr , wovon die Gesellschaft nur die Worte : braunes Weib - fortgelaufen - verstehen konnte . Des Directors Gesicht verfinsterte sich zusehendes . Er murmelte etwas von Teufel und Dreinschlagen und verließ den Tisch , ohne auch nur sein Seidel auszutrinken . Die Nachricht aber , welche dem Director eben geworden , bestand in nichts Geringerem , als darin , daß die Zigeunerin sammt ihrem Kinde in ihrer Kammer , im ganzen Hause nicht zu finden sei . Mamsell Adele hatte diese Entdeckung gemacht , als sie die Beiden aus ihrer Kammer zum gemeinschaftlichen Mahle der Frauen der Gesellschaft , welches in einer anderen Kammer servirt war , holen wollte . Für Herrn Schmenckel war diese Nachricht ein Blitz aus heiterm Himmel . Die Flucht der Zigeunerin und ihres Kindes war ihm , was einem Menageriebesitzer der Tod seiner besten Löwin sammt ihren Jungen ist . Er verlor in den Beiden ein Kapital , das er für so gut wie nichts erworben und welches doch die reichsten Zinsen zu bringen versprach - den Schmuck , die Zierde , den Glanz , die Poesie seiner Gesellschaft . Selbst Herr John Cotterby aus Aegypten wäre leichter zu ersetzen gewesen als ein Genius mit so schönen Augen , mit so freundlich-ernstem Lächeln , das den filzigsten Spießbürger in einen leichtsinnigen Verschwender umwandelte . Herr Schmenckel gerieth in einen ganz unglaublichen Zorn , dessen erster Ausbruch sich natürlich gegen die Ueberbringerin der Hiobspost wendete , um so mehr , als Herr Schmenckel das eifersüchtige Temperament dieser Dame aus langjährigem , vertrautem Umgang hinreichend kannte . Er beschuldigte sie in beleidigenden Ausdrücken , die Zigeunerin durch ihre Intriguen zur Flucht gezwungen zu haben . - Mamsell Adele antwortete in einem Tone , der ihre innere Erregung nur zu deutlich verrieth . Herr Schmenckel konnte , wenn er getrunken hatte , Widerspruch nur schwer vertragen , und Mamsell Adele fühlte kaum die schwere Hand des Meisters auf ihrer Wange , als sie so laut und schrill zu zetern begann , daß die Trinker drinnen von ihren Biergläsern in die Höhe fuhren und nach der Thür eilten , in der Meinung , es sei auf dem Flur ein Unglück geschehen . Der Anblick so vieler ungebetener und unerwünschter Zeugen brachte den um die Ehre seiner Gesellschaft besorgten Director einigermaßen wieder zu sich und die Dame , welche ihre Ehre vor so vielen Männern compromittirt sah , vollends außer sich . Vorher hatte sie gedroht , den Director ihre Nägel fühlen zu lassen , jetzt fügte sie der Drohung die That hinzu . Das Staunen des kunstsinnigen Publikums von Fichtenau , den gefeierten Künstler , den Helden so vieler Abenteuer in solcher Noth und Bedrängniß zu sehen , war außerordentlich . Einige wollten Frieden stiften , Andere lachten und hetzten , wieder Andere ( Männer in blauen Blousen und Gamaschen , die regelmäßig mit Roß und Wagen in der » Grünen Mütze « einkehrten und die Seiltänzerwirthschaft , die sie in ihrem gewöhnlichen Comfort störte , mit mißgünstigem Auge betrachteten ) sprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen , was denn wieder von den Kunstenthusiasten äußerst mißliebig aufgenommen wurde . Zornige Gesichter , drohend erhobene Arme ; schimpfende Stimmen hinüber und herüber ; endlich ein Gewirr , in welchem selbst der Wirth der » Grünen Mütze « , der , die kurze Pfeife im Munde , in der Küchenthür lehnte , nichts Einzelnes mehr zu unterscheiden vermochte . Fünftes Capitel Oswald hatte , nachdem er mit Franz in dem eleganten » Curhause « von Fichtenau gastliche Aufnahme gefunden , dem Verlangen , die kleine Czika noch heute Abend aufzusuchen , nicht widerstehen können . Er hoffte von der braunen Gräfin zu erfahren , wie sie in diese wunderliche Gesellschaft gerathen sei , und zugleich sie zu bereden , entweder zu Oldenburg zurückzukehren , oder ihm doch wenigstens das Kind zu überlassen . Er glaubte durch odysseische Klugheit bewirken zu können , was der achilleischen Heftigkeit des Barons unmöglich gewesen war , um so mehr , als die braune Gräfin ihm wohlzuwollen schien und die kleine Czika offenbar zu ihm größeres Vertrauen hatte , als zu dem » Andern « , der ihr Vater war . Ueberdies fühlte er eine persönliche Zuneigung zu dem schönen Kinde und der Zigeunerin , die ihm an jenem verhängnißvollen Nachmittage , als er sich auf dem Wege zu Melitta im Walde verirrte , zuerst begegnet waren und so gleichsam sein Verhältniß zu Melitta vermittelt hatten . Hernach waren sie wieder auf so seltsame Weise in seine Bekanntschaft mit Oldenburg verflochten worden . Und dann war es noch ein anderes Gefühl , das Oswald zu raschem Handeln trieb . Die Dankbarkeit , zu welcher ihn Oldenburg ' s ritterliche Hülfe bei Bruno ' s Tod und in dem Duell mit Felix verpflichtet hatte , drückte ihn . Er mochte einem Manne nicht verpflichtet sein , gegen den er von vornherein eine fast instinctive Abneigung empfunden , den er hernach während seiner Liebe zu Melitta als seinen Nebenbuhler gefürchtet hatte ; einem Manne , dessen kühne Kraft seinem schwankenden Geiste , so sehr er sich dagegen sträubte , gewaltig imponirte , und den er dennoch - der Himmel weiß , mit welchem Recht ! - der Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit des Betragens zieh ; ja , von dem er , wenn Oldenburg und Melitta ' s Verhältniß dem Bilde entsprach , welches die Barnewitz und andere Geberdenspäher und Geschichtenträger davon entwarfen - während der ganzen Zeit auf die demüthigendste Weise düpirt worden war . Gelang es ihm jetzt , diesem befreundeten Feinde einen großen Dienst zu leisten , ihm sein Kind , welches er schon verloren gegeben hatte , wieder zuzuführen - so war die drückende Schuld der Dankbarkeit abgetragen , so war die Rechnung quitt , und Oswald Stein brauchte vor dem Baron Oldenburg nicht die Augen beschämt niederzuschlagen ! Diese Gedanken und Empfindungen erfüllten Oswald ' s Seele , während er in Begleitung des Hausknechtes aus dem Curhause durch die stillen Straßen des Städtchens nach der Grünen Mütze schritt , die ihm von Franz als das Hauptquartier der Seiltänzer bezeichnet worden war . Franz selbst war im Curhause zurückgeblieben , da er zu discret war , sich in ein Geheimniß zu drängen , welches man vor ihm verbergen zu wollen schien . Oswald hatte nämlich , als er ihm lachend erzählte , wie er es angefangen habe , den Leuten die wunderliche Scene mit dem Seiltänzerkinde zu erklären , ein Schweigen beobachtet , das Franz kaum anders auslegen konnte , als : sein Gefährte wolle oder dürfe über diese Angelegenheit sich nicht weiter auslassen . Er hatte deshalb , als Oswald bemerkte , es sei heute Abend wohl schon zu spät geworden , um Berger noch aufzusuchen , blos : ich glaube auch ! geantwortet und Oswald seine Begleitung nicht angeboten , als dieser , nachdem er eine Viertelstunde lang schweigend in dem Zimmer auf- und abgegangen war , erklärte , noch eine Promenade in der Abendkühle machen zu wollen . Franz fügte sich in die Launen seines launenhaften Gefährten um so leichter , als er in diesem Augenblicke mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war . Er hatte gehofft , in Fichtenau einen Brief seiner Braut vorzufinden , sich aber in seiner Erwartung getäuscht gesehen . Das Ausbleiben des Briefes erfüllte ihn mit einiger Sorge , um so mehr , als Sophie sonst sehr pünktlich zu schreiben pflegte und ihren Ankunft in Fichtenau sich überdies schon um einige Tage verspätet hatte . Er tröstete sich mit der Hoffnung , daß die letzte Post , welche , wie man ihm sagte , jeden Augenblick eintreffen müsse , den sehnlichst erwarteten Brief bringen würde . Unterdessen erreichte Oswald das gastliche Dach der Grünen Mütze gerade in dem Augenblicke , als es einen Theil des krausen Inhaltes , welchen es heute Abend beherbergte , durch die offene Hausthür auf die Straße entsandte , wo der Massenkampf , der bis dahin auf dem Flur gewüthet , sich in einzelne Gruppen aufzulösen begann , die , den Trümmern eines umhergestreuten Scheiterhaufens gleich , noch für einen Moment um so heller aufflackerten , um im nächsten aus Mangel an Nahrung zu verlöschen . Der Frieden wurde um so leichter hergestellt , als eigentlich Niemand so recht wußte , weshalb man sich überhaupt mit solcher Wuth befehdet , und es für nichts und wieder nichts gerade genug blaue Augen und rothe Striemen gegeben hatte . Freilich war die Aufregung noch immer groß und der Lärm noch immer laut genug , aber es war das nur die Brandung des Meeres nach dem Sturm - hohe Wellen , deren beste Kraft schon gebrochen ist . Man fluchte und schimpfte , man drohte und prahlte - aber man setzte sich wieder und ertränkte den Rest der Feindseligkeiten in Bier . Die Sorge um Czika hatte bei Oswald den Widerwillen , den ihm unter anderen Umständen diese wüsten Scenen eingeflößt hätten , kaum aufkommen lassen ; glücklicherweise sah er weder sie noch Xenobi in diesem Wirrwarr , aber schon der Gedanke , daß die Beiden in ein solches Pandämonium geschleudert seien , war ihm entsetzlich und befestigte in ihm den Entschluß , sie , es koste , was es wolle , daraus zu erlösen . Er drängte sich durch die Streitenden und Scheltenden , die seiner gar nicht achteten , hindurch , sich bei Diesem , bei Jenem nach der Ursache des Streites und nach der Zigeunerin und ihrem Kinde erkundigend . Niemand hatte Zeit oder Lust , ihm Rede zu stehen , bis er sich endlich zufällig an einen jungen Menschen wandte , der etwas weniger wüst als die übrige Gesellschaft aussah , und der ihm erzählte : es seien ein Paar von der Seiltänzerbande davongelaufen - eine Zigeunerin mit ihrem Kinde - und darüber sei die Schlägerei entstanden . Uebrigens sei der Mann dort , der sich eben das Blut aus dem Gesicht wische und so lebhaft gesticulire , der Director der Truppe und an den möge sich der Herr nur wenden , wenn er noch mehr wissen wolle . Oswald athmete bei diesen Worten des jungen Menschen hoch auf . Xenobi und Czika waren fort , gleichviel wohin , wenn sie nur aus dieser Hölle erlöst waren . Er überlegte einen Augenblick , ob es nicht gerathener sei , umzukehren , ohne sich mit den Seiltänzern weiter einzulassen ; aber das Verlangen , mehr zu erfahren - vielleicht den Ort , wohin sich Xenobi möglicherweise gewendet haben könnte , überwand diese Bedenken und er trat auf die Person zu , welche ihm als der Chef der Gesellschaft bezeichnet war . Herr Director Schmenckel besaß , sobald sich nur der erste Sturm der Leidenschaft gelegt hatte , in einem hohen Grade jene philosophische Resignation , welche sich in das Unvermeidliche mit Würde schickt und zu einem schlechten Spiel möglichst gute Miene macht . Da die Zigeunerin einmal weg war , so konnte er sich durch Lamentiren darüber nur noch lächerlich machen , und einem edlen Charakter ziemt es , zu vergessen und zu vergeben . Er that deshalb , als ob nichts geschehen sei , was er nicht schon längst erwartet hätte . Undankbarkeit ist der Welt Lohn . - Wie gewonnen , so zerronnen . - Heute mir , morgen dir ! - Lassen ' s uns wieder niedersitzen , Ihr Herren - Director Schmenckel läßt sich durch so etwas nicht aus der Fassung bringen - wir haben noch andere Mittel , ein hochgeschätztes Publikum zu unterhalten , und Sie sollen sehen , daß die Vorstellung , die ich morgen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung - was beliebt dem Herrn ? wünschen mich zu sprechen ? steh ' zu Diensten - ein Director muß immer auf dem Platze sein - und Herr Schmenckel folgte Oswald , der ihn um eine Unterredung gebeten hatte , um so lieber , als die Erscheinung eines elegant gekleideten Herrn , welcher es nicht verschmähte , Herrn Schmenckel in der Grünen Mütze aufzusuchen , ein Umstand war , der nicht verfehlen konnte , einiges Aufsehen zu erregen . Was befehlen Euer Gnaden , fragte Herr Schmenckel , als sie draußen waren . Ich wollte Sie bitten , mir womöglich über die Zigeunerin , die , wie ich höre , sich erst heute Abend von Ihrer Gesellschaft entfernt hat , einige Auskunft zu geben , erwiderte Oswald . Herr Schmenckel stutzte ; die Frage kam ihm verdächtig vor ; er warf bei dem trüben Licht der Laterne vor dem Hause einen prüfenden Blick in Oswalds Gesicht und erkannte den Herrn , der die Czika umarmt hatte . Herr Schmenckel wußte nicht recht , was er von dem Interesse , welches der fremde junge Herr an dem hübschen Zigeunerkinde nahm , denken sollte . Hm , sagte er , um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen , weshalb wollen Euer Gnaden das wissen ? Das kann Ihnen gleich sein , antwortete Oswald ; genug , wenn ich die Auskunft , die ich wünsche , nicht umsonst haben will ; und er drückte Herrn Schmenckel einen Thaler in die Hand . Danke , Euer Gnaden , erwiderte Herr Schmenckel , Geld ist unter allen Umständen eine angenehme Sache , indessen möcht ' ich doch gern - Aber ich begreife nicht , weßhalb Sie Anstand nehmen , mir das Wenige , was Sie von der Frau wissen , mitzutheilen . Hm , sagte Herr Schmenckel ; vielleicht ist das , was ich weiß , so wenig nicht . Wenn man Jemand dreizehn Jahre lang in seiner Gesellschaft gehabt hat - Aber ich habe ja die Zigeunerin erst in diesem Sommer auf - gleich viel ! aber weit von hier , und allein getroffen . Wohl möglich , sagte der schlaue Director ; es ist heute Abend nicht das erste Mal , daß mir die Xenobi weggelaufen ist , aber sie ist noch jedesmal wiedergekommen . Seit dreizehn Jahren ! sagte Oswald , dem dieses Mährchen durchaus glaublich schien ; wie alt war denn das Kind , als sie zu Ihnen kam ? Wie alt ? fragte Herr Schmenckel ; ei ! Euer Gnaden , als sie zu mir kam , hatte sie kein Kind - das muß ich am besten wissen . Sie ? sagte Oswald und ein Schauder überlief ihn , Sie ? Nun weßhalb ich nicht , Euer Gnaden ? Schau ich Euer Gnaden aus , als ob sich ein hübsches junges Ding nicht in mich verlieben könnte , das noch dazu bei mir in Lohn und Brot stand ? Ich sage Euer Gnaden , ich hab ' noch ganz andere Eroberungen in meinem Leben gemacht . Sind Euer Gnaden je in Petersburg gewesen . Da ist die Fürstin - aber freilich , ich darf über diese Dame nicht so sprechen , wie - Mit einem Worte , sagte Oswald , sich gewaltsam zusammenraffend : so ist die Czika Ihr Kind ? Beschwören will ich ' s nicht , sagte Herr Schmenckel lächelnd ; aber daß es mein ' s sein könnte und ich es immer als mein ' s angesehen habe , das kann ich beschwören , Euer Gnaden . Und Sie glauben , daß die Zigeunerin sich wieder einstellen wird ? O , darauf können sich Euer Gnaden verlassen ; sie hat es nirgends so gut wie bei mir . Aber warum entfernt sie sich denn so oft von Ihnen ? Ja schaun ' s Ihr Gnaden ! Die Weiber sind ein wunderliches Volk ; sagte Herr Schmenckel ; und je besser man es mit ihnen meint , desto sicherer kann man sein , daß sie uns ein X für ein U machen . Treu und Glauben ist bei ihnen nicht zu finden und besonders die Zigeunerinnen - Es ist gut , sagte Oswald , den der Ekel überwältigte ; ich spreche mit Ihnen ein ander Mal weiter darüber . Und er entfernte sich eilig . Herr Director Schmenckel sah ihm einige Augenblicke nach und kam zu der Ueberzeugung , daß es mit dem feinen jungen Herrn offenbar nicht ganz richtig sei . Er schüttelte den Kopf , steckte den Thaler , den er noch in der Hand hielt , in die Tasche , und verfügte sich in die Trinkstube zurück , wo mittlerweile der Friede wieder so vollständig hergestellt war , daß sich sämmtliche Anwesenden zur gemeinschaftlichen unisonen Absingung des beliebten Volksliedes : » Blau blüht ein Blümelein « vereinigen konnten . Während Oswald diese so bedenklichen Mittheilungen über die arme Czika entgegennahm , erwartete Franz seine Rückkehr mit der größten Ungeduld . Die Post hatte wirklich den sehnlichst herbeigewünschten Brief seiner Braut gebracht und dieser Brief die unbestimmte Furcht , mit der er sich in diesen letzten Tagen getragen , nur zu sehr bestätigt . Sophie schrieb mit einer Hand , welche die Angst beinahe unleserlich gemacht hatte , daß ihr Vater von einem Schlaganfall betroffen worden sei , der die Aerzte das Schlimmste befürchten lasse . Der Vater sei noch in diesem Augenblick ( mehrere Stunden nach dem in der Nacht eingetretenen Anfall ) sprachlos und unfähig sich zu bewegen . Wenn noch Rettung für ihren Vater sei , so könne die Hülfe nur von dem kommen , zu dem ihr Vertrauen eben so groß sei , wie ihre Liebe . Franz ' Entschluß war sofort gefaßt ; er bestellte , da der Kutscher , mit dem er gekommen war , nicht weiter fahren zu können erklärte , Extrapost , um die nächste Station der Eisenbahn womöglich noch in derselben Nacht zu erreichen . Seine holde süße Braut in so bittrer Noth und Bedrängniß - wachend und weinend an dem Krankenbette , vielleicht an dem Sarge ihres Vaters - und er , ihr Trost und ihre Hoffnung , über achtzig Meilen entfernt - es war ein Gedanke , der auch ein so festes Herz , wie das seine , um die gewöhnliche Ruhe bringen konnte . Der Boden brannte ihm unter den Füßen . Die paar Minuten , bis der Wagen aus der Post herbeigeschafft wurde , erschienen ihm eine Ewigkeit . Da kam der Wagen und mit ihm Oswald . Franz theilte ihm die so eben erhaltene Nachricht mit , sowie seinen Entschluß , sofort abzureisen . Er bat den Freund mit fliegenden Worten , nicht länger in Fichtenau zu verweilen , als es unumgänglich nothwendig sei , und vor allem den Termin , zu welchem man ihn in Grünwald am Gymnasium erwartete , inne zu halten . Oswald war durch die mancherlei wunderlichen Abenteuer der letzten Stunden so gleichsam auf alles Außerordentliche vorbereitet , daß er die Mittheilung mit einer Art von Gleichgültigkeit entgegennahm . Er versprach indessen , was Franz von ihm verlangte , während er ihn zum Wagen begleitete . Wissen Sie was , Oswald , sagte Franz , schon im Wagen ; kommen Sie mit mir ! Sie werden diese Zumuthung sonderbar finden , aber das Sonderbarste ist oft das Vernünftigste . Es geht nicht , Franz , sagte Oswald ; ich kann nicht wieder abreisen , ohne Berger auch nur gesehen zu haben , und überdies - Ich weiß Alles , was Sie mir sagen können , erwiderte Franz , und offen gestanden , habe ich eigentliche Gründe für meine Zumuthung gar nicht ; nur ein Gefühl , als ob ich Sie nicht allein hier lassen dürfe , als ob die Luft hier herum für Sie mit Unheil angefüllt sei . Kommen Sie mit mir , Oswald ! Ich will Ihnen sobald als möglich folgen . Dann leben Sie wohl ! Fort , Schwager ! Franz drückte noch einmal Oswald ' s Hand . Der Wagen rollte eilends über das holprige Pflaster des Städtchens davon . Schade , daß der Herr so bald wieder fort mußte , sagte Louis , der Oberkellner des » Curhauses « , der mit der Serviette unter dem Arm und der Feder hinter dem Ohr neben Oswald stand . Ein charmanter Herr ! - Wollen der Herr Doctor jetzt soupiren ? Der Herr Doctor finden noch charmante Gesellschaft im Speisesaale . Oswald ging in das Haus zurück . Hätte Franz in diesem Augenblick noch einmal seine Aufforderung wiederholt , Oswald würde sich nicht länger geweigert haben , ihm zu folgen . Seitdem ihn Franz verlassen , war es ihm , als ob sein guter Engel von ihm gewichen und die Luft in Fichtenau für ihn mit Unglück angefüllt sei . Sechstes Capitel Am nächsten Tage erwachte Oswald spät aus einem durch wunderliche unheimliche Träume vielfach gestörten , unerquicklichen Schlaf . Der Vormittag verging , ohne daß er sich hätte entschließen können , den schweren Gang zu Doctor Birkenhains Anstalt anzutreten ; er verschob den Besuch bis auf den Nachmittag und redete sich ein , er werde dann in besserer Stimmung und besser vorbereitet sein , Berger unter die Augen zu treten . - Er ging am Mittag zur Table d ' hôte hinab , die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch zahlreich von Vergnügungsreisenden und Curgästen besucht war , und mußte , während er still hinter seiner Falsche saß , dem Gespräche einiger junger Handlungsbeflissenen zuhören , das sich über tausend Gegenstände erging , unter anderm auch über die Flucht der Zigeunerin mit ihrem Kinde und über den Skandal , welcher in Folge dessen den Frieden der Grünen Mütze und die nächtliche Ruhe eines nicht unbeträchtlichen Theils des Städtchens gestört hätte . Einige der jungen Herren , die gestern der Vorstellung auf der Finkenwiese beigewohnt hatten , rühmten gegen die heute erst angekommenen Collegen die Schönheit der Zigeunerin und bedauerten lebhaft das plötzliche Verschwinden einer so famosen Person . Auch die Kleine sei ein famoses Ding gewesen , mit ganz famosen Augen . Ein verrückter Engländer , der des Weges gekommen , habe sich sofort in sie verliebt und es sei die allergrößte Wahrscheinlichkeit , daß besagter Engländer , von dem man hernach weder etwas gehört noch gesehen , die Zigeunerin entführt habe . Ueber das Schicksal Xenobi ' s und der Czika nicht eben beruhigt , verließ Oswald den Tisch , um sich wieder auf sein Zimmer zu begeben . Er war natürlich jetzt noch weniger als vorher in der Stimmung , Berger aufzusuchen , und es kostete ihn nicht geringe Ueberwindung , endlich dem Kellner zu klingeln und den sofort erscheinenden über den Weg nach Doctor Birkenhains Anstalt zu befragen . Doctor Birkenhains Anstalt , mein Herr ? ganz in der Nähe , mein Herr ! der bequemste Weg führt durch unsern Garten auf die Höhe , dann immer links auf der Höhe am Fluß entlang fort , bis Sie an ein großes Haus kommen . Das ist Doctor Birkenhains Anstalt , mein Herr ! Haben vielleicht einen Verwandten oben ? Kommen oft Herrschaften zu uns , Verwandte bei Doctor Birkenhain zu besuchen . Erst in diesem Sommer war eine Dame mehre Monate bei uns , auch aus Ihrer Gegend . Sehr schöne Dame , kennen der Herr vielleicht - eine Frau von Berkow mit ihrem Bruder , einem Baron von Oldenburg - sehr langer Herr mit einem schwarzen Bart - Ist Baron Oldenburg ein Bruder der Dame ? fragte Oswald nicht ohne einiges Widerstreben . Ei ja wohl , mein Herr ! Die Herrschaften waren ja fast zwei Wochen lang zusammen hier . Aber der Herr Bruder mußten fort , bevor der Herr von Berkow starb - hartes Schicksal für eine schöne junge Frau . Werden der Herr zum Souper zurück sein ? Nein ? aber doch die Nacht bei uns verweilen ? dachte mir gleich ! Sonst nichts zu befehlen ? - wie lange Sie gehen ? o , höchstens zehn Minuten , werde den Herrn selbst bis auf den Weg bringen . Oswald wanderte , nachdem der geschwätzige Kellner ihn verlassen , auf dem Pfade , der an der Abdachung des langgestreckten Hügels allmälig höher führte , dahin . Links unter ihm plätscherte , von hohen Bäumen überwölbt , die Fichte , ein klares , forellenreiches Bergwasser , von dem das Städtchen seinen Namen hat . Hier und da blickte es freundlich zwischen den Bäumen hervor , um alsbald wieder zu verschwinden , wie ein neckisches spielendes Kind . An einer Stelle hatte man den Flüchtling angehalten und ihn gezwungen , die Räder einer Mühle zu treiben . Das mochte dem Wildfang schlecht gefallen . Er stürzte sich wie im Zorn durch die enge hölzerne Rinne , rüttelte und schüttelte aus Leibeskräften an den Schaufeln , und stürzte dann zischend und kochend in ärgerlichem Ungestüm davon . Oswald setzte sich der Mühle gegenüber auf das niedrige Geländer des Weges und schaute lange in das Wasser hinab , wie es broddelte und schäumte , Wirbel in Wirbel drehend , Welle durch Welle verdrängend . Er dachte an Melitta , wie oft sie wohl diesen Weg am Arm » ihres Bruders « zurückgelegt und an dieser Stelle , deren malerische Schönheit ihrem Blick gewiß nicht entgangen war , verweilt haben mochte . Er fühlte sich zum Sterben traurig . Seine Gefühle kochten durcheinander wie die Wasser zu seinen Füßen , seine Gedanken wirbelten und kreisten , wie die Schaumblasen auf den Wellen . War denn der Haß nicht so blind , wie die Liebe ? gab es denn ein Recht und ein Unrecht ? Die Welt sollte ein Kosmos sein ? ja , für den , dessen Blick nur immer auf der glatten Oberfläche des Flusses weilt , da wo er zwischen schattigen Bäumen über ebenen Boden lustig dahinströmt ; aber auch für den , der in seine Tiefe dringt , wo alles chaotisch durcheinander braust und rauscht ? Auf , auf ! zu ihm , dem Mann der Schmerzen ! er hat in des Lebens Tiefe geblickt ; er soll mir sagen , was er da erschaute , welche Larven und Gespenster , daß er voll Schauder und Grausen das edle Antlitz verhüllte ! Oswald sprang wieder auf und ging den Weg , der jetzt immer steiler wurde , hinauf , bis er an ein großes Gebäude kam , das , etwas von der Straße entfernt , auf einer mäßigen Anhöhe zwischen Gärten und Nebengebäuden gelegen und von einer hohen Mauer auf allen Seiten umgeben , für die Wohnung eines Privatmannes zu schloßartig und für ein Schloß zu gefängnißmäßig aussah . Es war Doctor Birkenhains Anstalt . Nicht ohne Herzklopfen klingelte