fast ausgestorben . Die Leute und die Thiere waren auf dem Felde . In dem Pferdestall standen nur die vier schwerfälligen Braunen des Barons , die vor lieber langer Weile mit den eisernen Ketten ihrer Halfter ein melancholisches Quartett ausführten . Vor der Thür des Stalles saß der schweigsame Kutscher und starrte in den blauen Himmel , da er , wenn er seine Pferde gefüttert , auf Erden weiter nichts zu thun hatte . Um seine Füße strich spinnend ein großer schwarzer Kater , der ihn , als sein spiritus familiaris , überall hin begleitete und selbst auf dem Bocke zwischen seinen Füßen unter dem Schurzfell saß . In dem Kuhstall fanden sie nur eine Kuh , die ihr heute geborenes Kälbchen durch fleißiges Lecken in eine Verfassung zu bringen suchte , wie sie dem Ehrgeize einer respectablen Kuhmutter , die etwas auf sich und die Ihrigen hält , wünschenswerth scheinen mag . Auf dem Dünger vor dem Stalle scharrten die Hühner , unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne , die über einen unglücklichen kleinen Käfer , der auf dem Rücken liegend in ruhiger Ergebung sein Schicksal erwartete , in Unfrieden gerathen waren . Ein alter Hahn , welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder sein mochte , war auf die Wagendeichsel geflogen und krähte einmal über das andere , entweder aus Freude über den ritterlichen Sinn seiner Sprossen , oder um eine Wolke zu signalisiren , die eben über das Scheunendach heraufkam . Auf dem einen Ende des Daches saß eine Störchin auf ihrem Nest . Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die Beute seiner Jagd , eine kleine Schlange , mit nach Hause . Die Störchin klapperte bei diesem Anblick vor Vergnügen ; der Storch , im Bewußtsein erfüllter Pflicht , blieb ihr die Antwort nicht schuldig . Von dem kleinen Teiche neben dem Pferdestalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs einen Reihenmarsch quer über den Hof begonnen , da sich ein ziemlich gut verbürgtes Gerücht unter ihnen verbreitet hatte , es sei hinter der einen Scheune ein Sack Korn aufgegangen . Oswald hatte mit vielem Vergnügen das Stillleben eines ländlichen Hofes an einem warmen Sommernachmittag betrachtet ; Bruno den schweigsamen Kutscher über die beiden einzigen Themata , bei denen man es mit einiger Aussicht auf Erfolg konnte , über seine Pferde und seinen Kater , in eine Unterhaltung zu verwickeln gesucht ; Malte sich unterdessen gelangweilt , da er überhaupt nur sehr wenigen Dingen Geschmack abgewinnen konnte , und zu diesen Dingen Enten und Hühner , wenigstens so lange sie im Licht der Sonne wandelten , sicherlich nicht gehörten . Er drang deshalb darauf , dem Spaziergang fortzusetzen , und so gingen sie denn von dem Hofe durch das Dörfchen jämmerlicher kleiner Kathen , um auf das Feld zu gelangen . In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden besetzten Wege schien ein Knecht seinen Wagen im Graben umgeworfen oder festgefahren zu haben . Die Pferde standen quer über den Weg und er zerrte an ihnen herum und fluchte und schimpfte , wie das Leute seines Schlages bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen . Zuletzt schien dem Manne die geringe Geduld , die ihm die Natur verliehen und der wahrscheinlich reichlich genossene Schnaps noch übrig gelassen hatte , vollends auszugehen . Er faßte das eine der Vorderpferde in den Zügel und trat und stieß es unbarmherzig mit seinen plumpen Füßen . Oswald wurde auf das Alles eigentlich erst aufmerksam , als Bruno mit dem Ausrufe : der Barbar , der Unmensch ! wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte . Im Nu hatte er denselben erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor Zorn , als von der Aufregung des eiligen Laufes bebenden Stimme , seine Mißhandlungen einzustellen . Ich weiß , was ich zu thun habe ! rief der Knecht und trat das Pferd , das sich vor Angst immer mehr in den Strängen verwickelte , von Neuem . Im Augenblick läßt Du das Thier , oder - Oho ! rief der Knecht , oder was ? Oder ich stoße Dir mein Messer in den Leib ! - Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und starrte Bruno voll Entsetzen an . Es war nicht Furcht vor dem Messer , das der Knabe in seiner erhobenen Rechten hielt - denn der Knecht war ein großer starker Mann , der seinen Gegner mit einem Schlage seiner schweren Faust hätte zu Boden schmettern können und er war überdieß betrunken - es war Furcht vor dem Dämon , der aus Bruno ' s dunklen Augen blitzte , Furcht vor der gewaltigen Leidenschaft , die dem Knaben das Blut aus den Wangen zum Herzen trieb und seine Nasenflügel um die feinen Lippen zucken machte . Das Thier ist immer so tückisch , stammelte der Mann wie zur Entschuldigung . Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort . Mit hastigen Händen und geschickt , als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre , löste er die Stränge , in denen sich das Thier verwickelt hatte , wobei ihm Oswald , der jetzt herbeigekommen war , eine mehr wegen ihrer guten Absicht löbliche , als durch praktischen Erfolg ausgezeichnete Hülfe leistete . Dann sprang der Knabe nach dem Graben , schöpfte seinen mit Wachsleinen überzogenen Strohhut voll Wasser und wusch dem Pferde die Wunden an den mißhandelten Beinen . In diesem Augenblicke setzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den Graben auf den Weg . Es war der Inspector Wrampe , der die Scene von fern gesehen hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war . Nun komm ' ich , sagte der Dachdecker und fiel vom Dach ! Was ist denn das für ' ne Wirthschaft ! Warum fährst Du durch den Graben , wenn Du zehn Schritte davon über die Brücke fahren kannst . Und die braune Lise maltraitirt - er sagte aber : maltraisirt - ich will Dir Deine Faulheit eintränken , Du Himmeltausendsappermenter ! Diese energische Rede halten , von Pferde springen , in die Hand speien , um den Griff seiner schweren Reitpeitsche fester fassen zu können und anfangen , mit derselben den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten , war für den diensteifrigen Inspector das Werk eines Augenblicks . Ich lasse mich nicht schlagen , Herr Inspector , remonstrirte der Mensch . Du läßt Dich nicht schlagen , Du Lümmel , antwortete der , unverdrossen weiterarbeitend , glaub ' s wohl , aber Deine Schläge kriegst Du doch . Oswald , dem diese Scene peinlich wurde , so reichlich der Mensch seine Züchtigung verdient hatte , bat Herrn Wrampe , es nun gut sein zu lassen . Der verstattete seinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb und sagte dann , wie zum Schluß einer vernünftigen Auseinandersetzung : Na , nu komm , Jochen ! wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen ! Dann stämmte er seine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwerk , hob und schob es zurecht , als ob es ein Kinderwägelchen gewesen wäre , die Pferde , die wieder ruhig geworden waren , zogen an und der Knecht konnte jetzt seinen Weg fortsetzen . Fahr ' langsam nach Hause und vergiß nicht , was ich Dir gesagt habe ! rief ihm der Inspector nach . Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm gesprochen ! sagte Oswald lächelnd . Ja , verstehen es die Kerle denn , wenn man vernünftig mit ihnen spricht ! Haben Sie denn je den Versuch gemacht ? Herr Wrampe schien durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt . Er sagte zur Antwort : Das hat mich warm gemacht ! Dann zog er eine Branntweinflasche , die mindestens ein halbes Quart hielt , aus der Tasche , setzte den Daumen an die Stelle , bis zu welcher er den Inhalt zu leeren gedachte , trank , hielt die Flasche abermals gegen das Licht und that , da er zu finden schien , daß er seine Aufgabe nicht vollständig gelöst hatte , noch einen herzhaften Schluck . Dann bestieg er sein Pferd , das , an dergleichen Scenen gewöhnt , ruhig dagestanden hatte , wünschte freundlich guten Abend , setzte wieder über den Graben und ritt im Galopp davon . Bei Bruno wurde Alles zur Leidenschaft . Die Gluth seiner Einbildungskraft verdichtete die Schemen der Poesie zu Menschen von Fleisch und Blut . Der Tod Hektor ' s entlockte ihm Thränen des Mitleids und des Zornes , und der moralische Unwille , der ihn erfaßte , wenn er vor seinen Augen eine Ungerechtigkeit , eine Grausamkeit verüben sah , war so groß , daß er in ihm ein physisches Unwohlsein zu Wege brachte . So fand Oswald , als er in der Nacht nach diesem Vorfall an Bruno ' s Bett trat , daß sein Liebling gegen seine Gewohnheit noch wach war . Das mehr als sonst blasse Gesicht des Knaben und der kalte Schweiß auf seiner Stirn machten ihn besorgt , und der Knabe gestand denn auch nach einigem Zögern , daß er , nur um seinen Freund nicht zu ängstigen , sein Unwohlsein verheimlicht habe und jetzt große Schmerzen leide . Oswald wollte sogleich die Leute im Hause wecken und nach dem Doctor schicken , aber Bruno bat ihn , davon abzustehen , da dergleichen im Schlosse immer sogleich zu einer Haupt- und Staatsaction gemacht werde , und ihn die Umständlichkeit , die man bei solchen Gelegenheiten beweise , nur beängstige und noch kränker mache . Uebrigens , sagte er , bin ich an diese Anfälle schon gewöhnt und wenn Sie die Güte haben wollen , mir etwas Thee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der Essenz zu geben , die der Doctor neulich für mich verschrieben hat - das Fläschchen steht auf meinem Pult - so sollen Sie sehen , geht es bald vorüber . Oswald beeilte sich , das Gewünschte herbeizuschaffen . Er gab dem Knaben von der Medicin , er ließ ihn den Thee trinken , er rückte ihm das Kopfkissen zurecht , er holte noch eine Decke herbei , er that Alles mit jener Umsicht und Gewandtheit , mit der feinfühlende Menschen , auch wenn sie nicht daran gewöhnt sind , mit Kranken umzugehen , die professionirten Krankenwärter beschämen . Mit Ihnen als Pfleger ist es beinahe ein Vergnügen , krank zu sein , sagte Bruno , dankbar die Hand seines Freundes drückend . Still , still ! sagte der , thue mir nur den Gefallen und habe keine Schmerzen mehr . Ich will mein Möglichstes thun , sagte der Knabe lächelnd . Wirklich ging Oswald ' s Wunsch bald in Erfüllung . Die kalten Tropfen auf der Stirn des Kranken wurden zu warmen , und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur mit tiefem Schlaf , um still und heimlich das gestörte Gleichgewicht des Organismus wieder herzustellen . Manchmal noch zuckte die feine , schmale Hand , die Oswald in der seinen hielt ; dann ließ auch das nach , und der Arzt aus dem Stegreife gratulirte sich im Stillen zu dem guten Erfolge seiner Kur . Aber er mußte doch wohl noch einige Besorgniß vor einem Rückfalle haben , denn er entzog leise seine Hand der des Knaben , holte aus seinem Zimmer einen Lehnstuhl und setzte sich zu Häupten des Bettes . Die Lampe hatte er ausgelöscht , damit die ungewohnte Helle den Schläfer nicht belästige , und so saß er denn im Dunkeln und sah das Mondlicht , das durch eine Spalte des Vorhangs fiel , langsam an der Wand hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Athemzüge des Knaben , bis ihn selbst die Müdigkeit überwältigte . Sechstes Capitel Es war in den Abendstunden eines der nächsten Tage , daß in dem Gartensaale des Schlosses zwei Damen saßen , von denen die eine die Baronin Grenwitz , die andere eine junge Frau war , die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten Gute auf Besuch gekommen . Die Fensterthür , die aus dem Gemache in den Garten und zunächst auf einen großen , von hohen Bäumen umgebenen Rasenplatz führte , in dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit anderthalb Jahrhunderten steinerne Blumen aus ihrem Horne schüttete , war weit geöffnet . In dem Zimmer , welches nach Norden lag , war es schon dämmerig ; draußen aber lag noch der Abendschein warm auf dem Rasen und den prächtigen Buchen und Eichen , und die Gestalten der beiden Damen , die an einem Tische saßen , den man in die Thür geschoben hatte , zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab . Ein größerer Gegensatz war nicht leicht denkbar . Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt , aber die Strenge ihrer männlich festen Züge , die großen , kalten grauen Augen , die sie so forschend und so lange auf den Sprecher richtete , die Gemessenheit ihrer Bewegungen , ihre hohe , weit über das gewöhnliche Frauenmaaß hinausreichende Gestalt , vorzüglich aber ihre eigenthümliche Art sich zu kleiden , ließen sie manchmal fast um zehn Jahre älter erscheinen . Sei es übergroße Einfachheit , sei es , wie Andere wollten , eine an Geiz grenzende Sparsamkeit , sie bevorzugte Stoffe , die sich , wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield , mehr durch Dauerbarkeit , als durch irgend glänzende Eigenschaften empfahlen , und sie liebte einen Schnitt der Kleidung , von dem man deshalb nicht behaupten konnte , er sei nicht mehr modisch , weil er es eigentlich niemals gewesen war . Wie die Erscheinung für den ersten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte , so bemerkte auch der aufmerksame Beobachter an ihrer , in jedem Momente musterhaften Haltung , und vor Allem an dem stets ruhigen , gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen , wohllautenden Stimme und ihrer immer gewählten Sprache , die jeden vulgären Ausdruck sorgfältig vermied , daß sie sich dieses Eindrucks wohl bewußt war und ihn auf jede Weise zu erhalten suchte . Ob die Dame , welche sich bei der Baronin befand , sich durch die stattliche Erscheinung derselben imponiren ließ , oder es für passend hielt , wenigstens den Anschein davon anzunehmen , mochte zweifelhaft sein ; so viel schien sicher , daß sie sich in diesem Moment einer Haltung befleißigte , die nicht mit dem Ausdruck ihres Gesichts , ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinstimmte . Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet , das hinreichend in die Höhe gesteckt ist , um sie nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Füße , die in eleganten Stiefelchen stecken , zu verhüllen . Das enganschließende Gewand hebt die schönen Formen des jugendlich-vollen Körpers vortheilhaft hervor , und der kleine runde Hut , der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Tische in ihrer Nähe liegt , muß diesem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen , braunen Haaren , die , einfach in der Mitte gescheitelt , in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind , vortrefflich stehen . Sie sitzt der streng wirthschaftlichen und musterhaft fleißigen Baronin , die an einem Stück Leinwand , das möglicherweise eine Serviette ist , eifrig näht , gegenüber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesäumten Serviette beschäftigt . Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich genug aus , auch scheint diese Arbeit der Dame nicht eben zuzusagen , wenigstens hebt sie , als jetzt die Baronin aufsteht , um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu suchen , schnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübsches Gesicht mit kindlich-weichen Zügen und großen braunen , in feuchtem Schimmer glänzenden Augen , und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermüthigen Schulmädchens , dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet . Was sagten Sie , liebe Anna-Maria ? fragte die Dame , indem sie sich , als die Baronin sich umwandte , wieder über ihre Arbeit beugte . Ich fragte Sie , liebe Melitta , ob Sie noch genug rothes Garn hätten ? Melitta machte eine Miene , als ob sie sagen wollte , mehr als zu viel ; sie begnügte sich indeß zu sagen : ich denke , es wird reichen . Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die für einen Augenblick abgebrochene Conversation wieder auf . So scheint doch wenig Hoffnung auf eine vollkommene Genesung ? sagte sie . Wenig oder keine , antwortete Melitta ; besonders in der jüngsten Zeit , wo die Anfälle von Tobsucht gänzlich aufgehört haben . Doctor Birkenhain schreibt mir , daß nur ein Wunder Carlo vom Blödsinn retten könnte ; das heißt wohl so viel , als : er ist unrettbar verloren . Es ist ein hartes Loos , das der Allmächtige über Sie verhängt hat , meine arme Melitta , sagte die Baronin . Melitta antwortete nicht . Es war in diesen selben Räumen , fuhr die Baronin , die nicht anzunehmen schien , daß das angeschlagene Thema Melitta irgendwie peinlich sein könne , ruhig fort , daß ich Berkow zum letzten Mal gesehen habe . Ich gestehe , daß ich schon an jenem Abend , als er den so ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing - Baron Oldenburg suchte vergeblich , die wirklich fatale Scene abzukürzen - mich eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte . Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedächtniß der Baronin nicht eben zu entzücken ; sie wurde unruhig und warf , augenscheinlich ohne recht zu wissen , was sie sagte , die Frage hin : Haben Sie nichts von Oldenburg gehört ? Der Baron ist seit acht Tagen zurück . O ! rief Melitta mit einem Ausdruck , der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit aufsehen machte . Was haben Sie , Melitta ? Ich bin so ungeschickt , sagte diese und preßte ein Tröpfchen Blut aus dem Daumen der linken Hand ; also Oldenburg ist zurück ; was bringt ihn denn auf einmal wieder her ? Hat er sich in Egypten ebenso gelangweilt , wie hier ? Die Contracte mit seinen Pächtern laufen nächsten Martini ab , ebenso wie auf einigen unserer Güter . Ich vermuthe , daß ihn dies zur Rückkehr bewogen hat . Er scheint noch menschenscheuer geworden zu sein , als er es schon damals war . Griebenow , unser Förster , ist ihm im Walde begegnet ; bei uns hat er sich noch nicht sehen lassen . Nun , diese Unaufmerksamkeit des Barons werden Sie ja leicht verschmerzen , liebe Anna-Maria ; Sie waren ja nie besonders gut auf ihn zu sprechen . Ich wüßte auch nicht , daß Oldenburg mir je Veranlassung gegeben hätte , das zu thun ; mir so wenig wie irgend Einem von uns . Ein Mann , welcher der Religion - ich möchte beinahe sagen , offen Hohn spricht , der die Würde seines Standes , die Interessen seiner Standesgenossen so weit vergißt , auf den Kreistagen , auf den Landtagen , bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen ; der unsere Societät nur aufzusuchen scheint , um sich über uns lustig zu machen - ein solcher Mann hat es sich selbst zuzuschreiben , wenn wir unser Interesse und unsere Theilnahme Anderen zuwenden , die es besser verdienen . Ei , an Interesse von Seiten der Anderen hat es , däucht mir , Oldenburg schon damals nicht gefehlt , und wird es , glaube ich , ihm auch jetzt wieder nicht fehlen . Ich weiß eigentlich nicht , weshalb sich alle Welt so viel um einen Mann bekümmert , der sich an die Welt im Großen und Kleinen so wenig kehrt . Das ist wohl sehr erklärlich , liebe Melitta . Die Oldenburgs gehören zu unseren ältesten Familien ; es kann uns nicht gleichgültig sein , ob der letzte Sprosse einer solchen Familie ein Plebejer wird , oder nicht . Oldenburg wird nie ein Plebejer werden , sagte die jüngere Dame mit einiger Wärme . Ei , ei , liebe Melitta ! Sie nehmen sich ja des Barons recht lebhaft an . Wollen Sie auch etwa seinen moralischen Lebenswandel vertheidigen , seine Liebesaffairen , mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unserer Gegend bereichert hat ? Ich habe nie , so viel ich weiß , etwas Unmoralisches gethan oder gut geheißen , sagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor . Und was Herrn von Oldenburg ' s Privatleben betrifft , so erlaube ich mir darüber gar kein Urtheil , da es mir vollkommen fremd ist . - Uebrigens , fuhr sie nach einer Pause und mit wieder ruhiger Stimme fort , sollte es mich doch wirklich wundern , wenn Oldenburg in der That der Don Juan wäre , zu dem man ihn durchaus machen will . Sie werden mir zugeben , liebe Anna-Maria , daß er weder die Schönheit noch die Gewandtheit besitzt , welche die nothwendigen Eigenschaften der Repräsentanten dieser Rolle sind . Darüber erlaube nun ich mir wieder kein Urtheil , sagte die Baronin , nicht ohne merkliche Ironie , das müßt Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen . Junge Frauen , rief Melitta lachend . Sie ließ die Arbeit in den Schooß sinken und lehnte sich bequem in den Stuhl zurück , die Baronin , die unverdrossen weiter nähte , mit einem Blick betrachtend , in welchem sich ein gut Theil Schalkheit mit einem ganz kleinen Theil Böswilligkeit mischte , junge Frauen ! Wissen Sie , liebe Anna-Maria , daß ich noch in diesem Jahre dreißig werde ? Mein Julius wird im nächsten Monat zwölf , nur viel Jahre jünger wie Ihre Helene . Apropos , wie geht es denn dem lieben Kinde ? Soll sie denn ewig in dem Hamburger Pensionat bleiben ? Wie lange ist sie nun schon da ? Zwei , nein , es sind ja bereits drei Jahre ! Und nicht ein einziges Mal hier gewesen in der ganzen Zeit ! Sie werden Ihr eigenes Kind nicht wieder erkennen , liebe Grenwitz ! Das Hamburger Pensionat ist so ausgezeichnet , wird von Allen so gerühmt , daß ich mir ein Gewissen daraus machen würde , das Mädchen nicht so lange wie möglich dort zu lassen . Uebrigens haben Sie wohl vergessen , liebe Berkow , daß wir mit Helenen im vorigen Sommer in Ostende waren , und da Sie so große Sehnsucht nach der jungen Dame zu empfinden scheinen , will ich Ihnen auch in allem Vertrauen mittheilen , daß Sie dieselbe noch in diesem Sommer auf Grenwitz werden begrüßen können . Noch in diesem Sommer ! ei , sieh ! das hängt doch wohl nicht etwa mit Oldenburg ' s Rückkehr zusammen ? Verzeihen Sie meine Indiscretion ! aber ich erinnere mich , daß Sie vor einigen Jahren , als der Baron von seiner ersten großen Reise zurückkehrte , einmal äußerten , wie Ihnen eine Verbindung mit Oldenburg wohl conveniren würde . Damals kannte ich den Baron nicht , wie ich ihn leider seitdem kennen gelernt habe . Auch würde das Grenwitz ' Wünschen nicht entsprechen , der Helenen , glaube ich , nach einer andern Seite halb und halb versprochen hat . Nach einer andern Seite ? doch nicht etwa an Ihren vortrefflichen Cousin Felix ? Wie gesagt , ich weiß nichts Bestimmtes darüber ; Grenwitz ist so verschlossen ; aber ich vermuthe es fast daraus , daß er Felix bestimmt hat , auf ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieses Jahr bei uns zuzubringen . Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein . Hoffentlich nicht so angegriffen wie sein Vermögen , sagte Melitta trocken . Sein Vermögen ? Was wissen Sie denn von Felix ' Privatverhältnissen ? Ich sage nur , was alle Welt sagt . Sie werden mir zugeben , Liebe , daß , wenn schon über Oldenburg die chronique scandaleuse nicht stumm ist , sie über Felix sehr viel zu sagen weiß , und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch wahrlich nicht fehlen lassen . Felix ist noch jung . Nicht jünger als Oldenburg . Fünf Jahre . Das sieht man ihm wahrlich nicht an : freilich , er hat etwas schnell gelebt , der gute Felix . Man sollte wirklich glauben , liebe Melitta , daß Felix Ihnen näher stände , als es der Fall ist . Aufrichtig , ich möchte gern wissen , was Sie von dieser Heirath denken , im Falle Grenwitz das Project nicht aufgeben sollte . Nun denn , aufrichtig : ich würde sie für ein Unglück , für ein um so größeres Unglück halten , je schöner und unschuldiger Helene ist . Was , um Alles in der Welt , kann den Baron zu dieser Heirath bestimmen ? Denn , daß eine Mutter zu solch einer Verbindung , die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte , Ja sagen sollte , kann ich mir nimmermehr denken . Melitta war aufgesprungen , hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit sausend durch die Luft , als wollte sie sagen : das verdient der , welcher zu diesem Bubenstück die Hand bietet . In der schlanken , hochaufgerichteten Frauengestalt hätte man kaum dieselbe wieder erkannt , die sich vorhin schüchtern über ihre Arbeit beugte , oder sich lässig in die Kissen des Stuhles schmiegte . Selbst die Züge des Gesichtes schienen anders zu werden , schärfer , älter ; das Feuer in den großen Augen loderte düster auf . Offenbar hatte die Erwähnung dieser Heirath eine Seite in ihr angeschlagen , die häßlich durch ihre Seele schrillte . Sie fuhr in demselben aufgeregten Tone fort : Felix ist ein notorischer Wüstling . Wie kann ein Wüstling Liebe fühlen ? Und gesetzt , Helenens Schönheit , Unschuld und Jugend trügen für eine Zeit über seine Blasirtheit den Sieg davon , so kann dies nicht von Dauer sein . Ein gründlich Blasirter wird niemals wieder ein ganzer Mann ; und kann Helene einen solchen halben Mann lieben ? und ist das Leben ohne Liebe werth , daß man es lebt ? und können Sie das Unheil verantworten , das aus einer so lieblosen Ehe wie Unkraut aufschießt ? Ich weiß - Die junge Frau schwieg plötzlich und ging mit schnellen Schritten in dem Gemache auf und ab . Dann nach einer kleinen Pause : Und welch ' äußere Vortheile könnte diese Ehe gewähren ? Felix hat seiner ungemessenen Eitelkeit sein Vermögen , wie seine Gesundheit zum Opfer gebracht . Seine Güter sind verschuldet , über und über ; und Aussichten hat er , so viel ich weiß , auch nicht - Nur daß er , wenn mein Malte stirbt , was Gott verhüten wolle , das Grenwitz ' sche Majorat erbt , sagte die Baronin . Ja so ! sagte Melitta gedehnt . Die letzte Bemerkung der Baronin hatte der edelmüthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt ; dem unheimlichen Lichte vergleichbar , das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkästlein fällt , das er stehlen will . Sie hütete sich indessen wohl , die Baronin , was in ihr vorging , merken zu lassen , sondern fuhr , sich wieder in ihren Schaukelstuhl werfend , in unbefangenem Tone fort : Ich hoffe , Malte wird Felix ' Gläubigern nicht den Gefallen thun , vor der Zeit zu sterben , er wird ja zusehends kräftiger , und wenn Sie dem Jungen nur mehr Freiheit lassen wollten - Freiheit ! sagte die Baronin ; muß ich das Wort schon wieder hören ! Ich lasse ihm so viel Freiheit , als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträglich halte . Ich meine , daß , wer wie Malte einst über ein bedeutendes Vermögen gebieten wird , nicht zeitig genug gehorchen , sich einschränken , sich Unnöthiges , Ueberflüssiges versagen lernen kann . Wir haben ja an unserm Neffen Felix das lebendigste Beispiel , wohin die allzugroße Nachsicht führt . Das ist Alles wahr , sagte Melitta , aber - Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unserer Kinder ein für alle Mal des Streites begeben , sagte die Baronin mit dem Lächeln der Ueberlegenheit . Ich weiß , was ich will , und das werde ich mit Gottes Hülfe durchführen . Apropos , habe ich Ihnen schon gesagt , daß ich meinen Julius in diesen Tagen nach Grünwald auf ' s Gymnasium schicken will ? sagte Melitta . Wieder so ein Wagestück ! antwortete die Baronin . Baron Oldenburg hat auch so eine öffentliche Erziehung , wie sie es nennen , genossen , und ich denke , die Resultate sind danach . Freilich hat man mit den Hauslehrern auch seine liebe Noth . Sie haben ja jetzt einen neuen , nicht wahr ? sagte Melitta , die aufgestanden war und sich in die Thür lehnte ; wie ist er denn ? Die Baronin zuckte die Achseln . Aber wie kann man das auch fragen , sagte Melitta lachend . Er wird sein wie alle Andern : entsetzlich gelehrt , eckig , pedantisch , langweilig . Bemperlein , Bauer - das ist Alles ein Genre . Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt erkennen . Ah ! wer ist der junge Mann , der da mit Bruno über die Wiese kommt ? Die Frage blieb unbeantwortet , da in diesem Augenblick Mademoiselle Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgestanden war , ihr einige Aufträge wegen der Abendmahlzeit zu geben . Melitta wandte sich um , aber die Baronin hatte mit einem : Entschuldigen Sie mich ! das Zimmer verlassen . Die junge Frau blieb allein und mußte selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden suchen . Sie zog sich ein wenig aus der Thür zurück und musterte mit ihren scharfen Augen die Erscheinung des unbekannten jungen Mannes . Siebentes Capitel Oswald war mit Bruno aus den Bäumen , die den Rasenplatz umsäumten , dem Schlosse gegenüber herausgetreten . Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter , der wiederum seinen Arm um Oswald ' s