und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen müsse . Zu jeder Andachtsübung , die Levin mit ihren Söhnen machte , zuckte sie die Achseln oder lächelte sie mitleidig oder schaute mit kalter Gleichgiltigkeit zu . Wie ein ertötender Reif fiel diese Frostigkeit des Gemütes auf jene Keime , die Levin so gern zu Blüten in den Seelen seiner Neffen entwickelt hätte . Aber er ließ sich nicht entmutigen . Er flüchtete sein einsames , tausendfach betrübtes Herz an das einsame leidenvolle Herz seines Heilandes und opferte in der Vereinigung mit Ihm jeden Tag und jede Stunde seines Lebens für diejenigen auf , die so wenig sein Opfer verstanden . So legte er in anscheinend geringe und von der Welt verkannte Tat eine Fülle der reinsten , umfassendsten Liebe nieder . Die Knaben konnten sich einer gewissen Zuneigung für den Onkel Levin nicht erwehren ; er war ihnen angenehmer als die herzlose Mutter , die auch sie immer in kühler Entfernung hielt . Sie hatten Vertrauen zum Onkel Levin bei ihren kleinen Freuden und Leiden , denn niemals hatten sie ihn teilnamslos gefunden . Nur ging die Zuneigung nicht so weit , um seinen Ermahnungen Gehör zu geben und seine Ratschläge anzunehmen , sobald dieselben Selbstverleugnung von ihnen forderten . Sie fanden es recht schön , daß er ein solches entsagendes Leben führe ; aber sehr unnütz , seinem Beispiele zu folgen . Juliane erntete im reichen Maß den Egoismus ein , den sie in den Herzen ihrer Söhne hatte wuchern lassen . Beide machten ihr den Kummer , den sie am schmerzlichsten empfand : sie brachten ihr als Schwiegertöchter und ohne sie zu Rate zu ziehen ganz unbemittelte Mädchen . Von Damian hätte sie sich eine solche Wahl gefallen lassen , da er ja bereits Besitzer des großen Windeck ' schen Majorates war ; aber von Gratian fand sie es empörend , weil sie fürchtete , er wolle schon bei ihren Lebzeiten den Mitgenuß ihres Vermögens haben - das nach ihrem Tode ihm zufiel - und dadurch ihr Einkommen verringern und ihre Stellung in der Gesellschaft möglicherweise gefährden . Gratian hatte sich allerdings auf das Vermögen seiner Mutter verlassen und war nicht minder empört über ihre frostige Kargheit , als sie über seine Rücksichtslosigkeit . Damian wurde in die mütterliche Ungnade verwickelt , weil beide junge Frauen Schwestern waren und weil Juliane behauptete , Damians schlechtes Beispiel , eine Frau zu wählen , die nichts habe , als ihr schönes Gesicht , sei ansteckend für Gratian gewesen . Genug , diese beiden Heiraten stifteten großen Unfrieden zwischen Mutter und Söhnen , und niemand litt mehr darunter , als die jungen Frauen , die immer von der Schwiegermutter und zuweilen von ihren Männern darüber viel Bitteres hören und leiden mußten . Es waren zwei sanfte , liebe Wesen , sehr gut erzogen , sehr fromm , jedoch dermaßen im Gefühl und in der Phantasie lebend , daß ihre Männer sie , wenigstens in den ersten Jahren , als unmündige Kinder betrachteten und ihnen wenig Einfluß einräumten . Familienbilder So blühte denn abermals ein neues Geschlecht um Levin auf ; aber ein solches , worin er Kinder seiner Seele erkennen konnte . Damians Frau , Gräfin Kunigunde , schloß sich mit zärtlicher Ehrfurcht ihm an und sah in seinem Auftenhalt zu Windeck eine besondere Gnade Gottes . Ihre Schwiegermutter hatte sich nach ihrer Herrschaft Stamberg im Odenwald begeben , richtete das Schloß prächtig ein , machte große Gartenanlagen , neue vortreffliche Bauten und wurde noch kälter gegen ihre Söhne als früher , indem sie mit der größten Trockenheit behauptete : wären Söhne verehlicht , so würden sie gleichgiltig für die Mütter . Gratian , der als nachgeborner Sohn nur eine unbedeutende Apanage hatte und freilich sehr leichtsinnig in die Ehe getreten war , würde nicht im Stande gewesen sein , mit einer Familie zu existieren , da seine Mutter ihm nur das Jahrgeld gab , welches er schon auf der Universität von ihr empfing , wenn sich nicht Damian sehr brüderlich benommen und ihm eine seiner Besitzungen ganz in der Nähe von Windeck gegeben hätte , deren Herr Gratian so lange sein sollte , bis sich seine äußeren Verhältnisse besser gestalteten . Diese Großmut Damians rührte Gräfin Juliane nicht im mindesten ; auch nicht die große Eintracht , in welcher beide Familien lebten . Sie äußerte gegen Freunde : » Nun ja , es sind ein paar harmlose Geschöpfe , meine Schwiegertöchter , und ich glaube gern , daß sie ihren Männern nichts in den Weg legen , sondern eher zu viel Nachsicht mit ihnen haben und ganz gewiß ohne Einfluß auf sie sein werden ; allein mir ist dies zärtliche , empfindsame , weichliche Wesen antipathisch . Ich finde keinen Berührungspunkt mit ihnen ; sie sind unbrauchbar für einen großen Wirkungskreis . « Unter » großem Wirkungskreis « verstand Juliane immer den , welchen sie selbst ausfüllte , und ihr Talent für Verwaltung und Finanzen war freilich den jungen Frauen fremd . Beide überließen das ihren Männern . Gratian sagte einst zu seinem Bruder : » Wenn nur die Mama nicht wieder heiratet . « » Possen ! « rief Damian , » was könnte die Mama dazu bewegen ! ein zärtliches Herz gewiß nicht . Onkel Levin ! haben Sie gehört , was Gratian befürchtet ? « » Eure Mutter war immer eine sehr verständige Frau , die sich in ihrem Witwenstande vortrefflich benommen hat , « entgegnete Levin mild . » Ich begreife nicht , weshalb Gratian diesen Scherz macht . « » Weil die Mama jemand haben muß , den sie hofmeistern kann , Onkel Levin ! Das ist nun einmal ihr Fach . Das hat sie an dem guten Vater gezeigt und dann an uns . Sie könnte jetzt freilich unumschränkt ganz Stamberg beherrschen und hofmeistern und sich damit begnügen ; allein was soll sie im häuslichen Leben anfangen ? Da ist eine Lücke und die erschreckt mich ; zuerst für die Mama und dann für mich . Denn wenn sie wieder heiratet , heißt es für mich : Adieu Stamberg ! « » Aber , lieber Gratian , « unterbrach ihn Levin begütigend , » es ist vor einem Vierteljahrhundert abgemacht , daß die Herrschaft Stamberg Dir dermaleinst zufallen soll . Traue doch Deiner guten , verständigen Mutter keinen Schritt zu , der dies alte Übereinkommen aufheben würde . « » Man muß nie mit einer Frau das Wort alt in Verbindung bringen , « sagte Gratian scherzend mit dem Finger drohend ; » das würde der Mama gar nicht gefallen , obgleich sie eine vernünftige Frau ist und bald Großmama sein wird . Ich habe aber gehört , es hätte sich ein entfernter Verwandter , ein Stamberg aus Schlesien , ein verabschiedeter Leutnant , bei ihr präsentiert . « » Es ist doch ganz in der Ordnung , daß ein Neffe aus Schlesien , wenn er eine Reise an den Rhein oder nach Baden-Baden macht , seine Tante besuche . « » Onkel Levin , ein verabschiedeter Leutnant ! ! ! Sie können es nicht fassen , wie erpicht ein solcher Mensch auf ein gutes Etablissement ist ! gerade so , wie ein zartes Jungfräulein von fünfunddreißig Jahren auf ein eheliches Gespons . Ein Leutnant im aktiven Dienst würde mich gar nicht erschrecken ; der hat Hoffnung , Feldmarschall - oder totgeschossen zu werden . Aber ein verabschiedeter Leutnant ! was bleibt dem übrig ? Um seiner Verdienste willen hat noch nie einer den Abschied bekommen . Eine andere Laufbahn öffnet sich ihm nicht leicht . Was tut er ? er macht eine reiche Heirat . « » Gratian , ich bin es überdrüssig , Deine Possen zu hören ! « rief Damian unmutig . » Ich begreife nicht , wie Dir Deine Spaßmacherei bei einer so ernsthaften Geschichte nicht vergeht . Übrigens halte ich es mit Onkel Levin und glaube nicht , daß sich die vernünftige Mama betören läßt . « » Ihr seid beide bewundernswert mit Eurem Vertrauen auf die Vernunft einer Frau , « entgegnete Gratian , in seinem munteren Tone bleibend . » So lange die Welt steht , hat man von der noch nichts Tüchtiges gehört . « » Aber Gratian , « wendete seine Frau halb weinerlich ein , » wir sind doch auch vernunftbegabte Wesen . « » Du , mein Kind , nur halb und halb - denn sonst hättest Du mich ausreden lassen und Dinge zu hören bekommen , die Dein Herzchen entzückt hätten - über das Vertrauen , das man zur Liebe einer Frau haben könne , zur Frömmigkeit einer Frau etc. etc. Allein zur Strafe dafür , daß Du als ein vernunftbegabtes Wesen mir Vertrauen einflößen willst , schweige ich . « Gratian schwieg , als aber die Familie nach ein paar Tagen wieder beisammen war , hub er an : » Wer hätte je gedacht , daß sich die Mama einer solchen Leidenschaft für das Faro hingeben würde . « Alle starrten ihn an ; nur Damian sagte : » Du bist unerträglich mit Deinen Späßen . « » Mit meinen Späßen - kann sein ! Dies ist jedoch ein Ernst , den Du wirst ertragen müssen . « » Daß die Mama Faro spielt ? « rief Damian hell auflachend . » Und uns ein Paroli biegt , « setzte Gratian hinzu . » Sie heiratet den Leutnant . Verlaßt Euch darauf , ich habe sichere Nachrichten , weil ich bisher immer zu Stamberg als der zukünftige Herr gegolten habe . « So war es wirklich . Nach einigen Wochen zeigte Gratian seiner Mutter die Geburt seines ältesten Sohnes an , und sie antwortet darauf mit der Anzeige , daß sie sich ganz in der Stille mit ihrem Vetter , dem Freiherrn von Stamberg , vermählt habe . Sie habe zu lange nur für andere gelebt , um es ertragen zu können , nur für sich zu leben . Indem sie einem zweiten Gatten das Opfer ihrer Freiheit bringe , wünsche sie nicht sowohl Glück zu finden , als vielmehr es zu bereiten ; und mit diesen und ähnlichen Redensarten füllte sie vier Quartseiten an . Zum Schlusse bemerkte sie : ihre Söhne wüßten ja am besten , daß sich die Ehen am leichtesten schlössen , wenn man zuvor keine Ratschläge von den Nahestehenden begehre und alles unnütze Hin- und Herreden vermeide ; das habe auch sie getan . » Merkt Ihr das Paroli ? « rief Gratian . » Nun , Onkel Levin ! was sagen Sie jetzt über die vernünftige Frau ? « » Ich schweige , « war die Antwort ; » und ich glaube , Ihr tätet samt und sonders gut , so wenig wie möglich über die Sache zu sprechen , die jetzt unabänderlich ist und die Euch nicht veranlassen darf , Euch von Eurer Mutter zurückzuziehen - umso weniger , als wir gar nicht wissen , ob dieser Baron Stamberg nicht ein sehr rechtschaffener und angenehmer Mann ist . « » Ich habe gar nichts Böses von ihm gehört , « sagte Gratian in seiner spottenden Redeweise . » Den Abschied hat er bekommen wegen einer zarten Neigung für die Weinflasche . Mit der muß die Mama also rivalisieren . « » Und die prächtige Herrschaft wird sich ein elender Abenteurer durch die Gurgel jagen ! « rief Damian außer sich vor Zorn . » Welch ' Glück , daß die Mama protestantisch ist ! nun kann sie sich doch von ihrem sauberen Herrn Gemahl zur rechten Zeit scheiden lassen . « Walburg hielt sich schreckenvoll die Ohren zu . Kunigunde sagte sanft zu ihrem Manne : » Lieber Damian , Du machst die Sache noch trauriger . « » Das verstehst Du nicht ! « fuhr er heftig auf ; » für solche Verhältnisse ist die Scheidung vortrefflich . « » Sage doch lieber : für solche Verhältnisse ist die Ehe nicht eingesetzt . « » Das sag ' ich von ganzem Herzen ; allein ich will zugleich eine Abhilfe haben . « » Die bringt der Tod , « sagte Levin . - Gräfin Juliane war nunmehr Baronin Stamberg , aber immer dieselbe Juliane . Sie hatte nicht einen Funken von Neigung für ihren Mann . Er schmeichelte ihr über alle maßen ; das war ihr immer angenehm , und da sie fünfzehn Jahre älter als er war , doppelt angenehm . Von seiner zarten Neigung « , wie Gratian sich ausdrückte , war Juliane unterrichtet . Sie hatte nicht versäumt , dem ehemaligen Regimentschef des Barons zu schreiben und sich zu erkundigen , weshalb derselbe entlassen sei . Sie legte aber keinen Wert auf die Antwort , sondern nahm sich vor , ihren Mann so vortrefflich zu erziehen , daß er diese Schwäche überwinden werde . Über das konnte sie ihre Liebhaberei fortsetzen und sich als eine opferfreudige Seele hinstellen , als ein Rettungsengel und Schutzgeist für den jungen Mann . Ihr verletztes Muttergefühl und ihr Mißfallen an den beiden armen Schwiegertöchtern legten nicht das kleinste Gewicht in die Wagschale für Baron Stamberg . Juliane wollte ihren Kindern zeigen , daß sie unbeschränkte Herrin ihres Vermögens sei und daß dieselben sich mit dem Pflichtteil dermaleinst zu begnügen hätten , wenn es ihr gefiele , ihren Mann zum Haupterben einzusetzen . Wie sie es aber halten wolle , darüber schwieg sie . Einstweilen war ihr Mann Herr auf Stamberg , soweit sie es ihm gestattete , das heißt im Pferdestall , im Hundezwinger und auf der Jagd . Vielleicht hätte er sich auch noch den Weinkeller dazu gewünscht ; allein er fühlte sich allzu behaglich in der Befriedigung seiner übrigen Liebhabereien , für welche Juliane glänzend sorgte , um noch andere Ansprüche zu machen . Das Verhältnis zwischen den Söhnen und der Mutter war immer so frostig gewesen , daß es durch ihre zweite Ehe im Grunde gar nicht frostiger werden konnte , umso weniger , als Baron Stamberg ein gutmütiger Mensch war , schwach von Charakter , beschränkt von Verstand , der sich mehr und mehr mit wundersamer Gefügigkeit von Julianen tyrannisieren ließ und von ihren Söhnen weder Aufmerksamkeit noch Freundschaft begehrte , sondern froh war , wenn sie ihn ungestört pirschen gehen ließen . Es wurde also der äußere Anstand stets aufrecht gehalten . Zu Julianens Geburtstag , den sie als Protestantin feierte , machten ihre Söhne stets die Reise nach Stamberg und hielten sich einige Wochen bei ihr auf - nicht ungern , weil er mit der Jagdzeit zusammentraf . Für Walburg und Kunigunde war es aber immer eine schwere Zeit , teils wegen des herben Umganges mit Julianen , teils wegen der Entbehrung des katholischen Gottesdienstes . Nach der nächsten Kirche mußten sie eine Stunde fahren . Die meisten großen Grundbesitzer im Odenwald sind protestantisch ; einige Städtchen katholisch , andere gemischt , andere vorherrschend protestantisch , so daß sich die Schwestern in jeder Beziehung zu Stamberg auf einem fremden Boden fühlten . » Gott ! « seufzte Kunigunde , » wie ist es doch solche Totenstille hier zu Lande in der Morgenfrühe , weil nie eine Glocke zur heiligen Messe ruft . « » Und tagein tagaus kein Ave Maria-Läuten , « sagte Walburg . » Ach , und die Glocken wollte man schon entbehren , wenn man nur irgendwo einen Kirchturm gewahr würde , der sich über dem hochwürdigsten Gut erhebt . Aber da ist keiner weit und breit . Nirgends kann sich das Auge mit seinen Tränen und das Herz mit seiner Trübsal auf einer Kirche ausruhen , welche das heiligste , teuerste Sakrament umschließt , und es ist doch eine wunderbare Erquickung , die man zuweilen aus einem einzigen solchen Blicke schöpft . Ach , die armen Beraubten ! wie sind sie zu beklagen . « » Und nie Nachlaß der Sünden , « sagte Kunigunde , und eine Träne engelhaften Mitleides gab ihrem schönen Auge einen himmlischen Glanz . » Nie die beseligende Gewißheit der Versöhnung mit Gott , die auf keiner Selbstgefälligkeit , keiner Täuschung beruht . Nie Empfang des wahren und wesenhaften Leibes des Herrn , also nie die Vereinigung mit dem liebevollen zärtlichen Gott , der hienieden in uns seine Wohnung nehmen will , um damit den Keim des ewigen Lebens für den Himmel in uns zu legen . O Walburg ! wenn ich all ' die Weltherrlichkeit hier in Stamberg sehe und nirgends ein Kruzifix , nirgends ein Bild der heiligen Gottesmutter , nirgends ein Weihwasserbrünnlein , so jammert mein Herz über diese von Gott abgelöste , leichenhafte Pracht , und ich möchte mich vor der armen Mama auf die Knie werfen und sie anflehen , ein ganz klein wenig an den lieben gekreuzigten Heiland zu denken . « » Dieselbe Empfindung habe ich auch schon gehabt ! « rief Walburg lebhaft . » Sie dauert mich unaussprechlich , die arme Mama ! sie ist so kalt - kalt für uns , kalt für ihren Mann , kalt für ihre Söhne , kalt sogar für meinen kleinen Uriel . Ein kaltes Herz , kann das glücklich sein ? Ach nein , denn es liebt nicht ! Liebe ist warm und innig , denn sie hängt mit dem Herzen Gottes zusammen . « Es war ein gar liebliches Bild , wie sie traulich auf einem kleinen Divan neben einander saßen , die beiden schönen , jungen Frauen , und mit der gedämpften weichen Stimme sprachen , die eine hohe Seelenbildung verriet und wie ihre Augen gleichgiltig über den irdischen Reichtum hinwegschauten und Tränen vergossen über den Mangel an himmlischen Gütern . » Was geht denn hier vor ? « fragte plötzlich Damian , der durch die offene Türe des Vorzimmers unbemerkt eingetreten war . » Gundel in Tränen gebadet , Walburg in Tränen schwimmend . Gab es eine Szene mit der Mama ? Habt Ihr kein Geld für Eure geliebten Bettler ? Hat sich Uriel das Näschen gestoßen ? Was ist geschehen ? « » Nichts von dem allen , lieber Damian , « sagte Kunigunde schüchtern und trocknete ihre Tränen . » Ihr werdet doch unmöglich weinen vor Kührung über den prachtvollen Sonnenuntergang ! « rief er ungeduldig . » Ach nein - wir grämen uns nur so sehr über die armen Protestanten , deren Seelen so wenig Nahrung haben , « entgegnete Kunigunde zaghaft , weil sie wußte , daß dies Kapitel ihrem Manne nicht sehr zusagte . » Da spart Eure Tränen ! « rief Damian unmutig . » Die befinden sich sehr wohl auf der Welt und haben es im Grunde besser , als wir , brauchen nicht eine Masse von Rücksichten zu nehmen , haben keine Fastenzeit , keine geschlossene Zeit , keine österliche Zeit - was alles unter Umständen recht unbequem sein kann . « Hätte sich Kunigunde so weit überwinden können , um mit einem leichten Scherz diese » Unbequemlichkeiten « fallen zu lassen , so hätte sie ihren Mann vor der Verschanzung im Widerspruch bewahrt und den kleinen Antagonismus vermieden , der sich auf dem religiösen Gebiete so leicht zwischen der Hingebung des weiblichen Gemütes und dem Unabhängigkeitsbedürfnis des männlichen Charakters erhebt ; Antagonismus , der jedoch nur auf den unteren Stufen der Seelenentwicklung stattfindet , nur da , wo man das religiöse Leben zur Sache des Gefühles macht . Wird es aber als die Sache des Willens erfaßt , so geht es in eine höhere Ordnung über , wo die natürlichen Anlagen zur Hingebung und zur Unabhängigkeit in der freiwilligen Unterwerfung aus energischer Liebe sich begegnen . Es ist sehr zu beklagen , daß das religiöse Leben des Weibes dem Manne gar oft als eine Schwäche des Herzens , als ein Mangel an Kraft entgegentritt , während es den Stempel des höchsten Adels , der klarsten Energie tragen sollte . Aber die Tränen , aber die Andachten , aber die Gebetbücher , aber die tausend damit verknüpften Kleinigkeiten lassen es dem Manne » weibisch « erscheinen und fliehen . Dies war auch bei Kunigunden zu beklagen . Sie hatte noch nicht die Menschenkenntnis , um ihren Mann richtig zu behandeln , und auch nicht die Erkenntnis , welche meistens erst aus einem längeren Leben hervorgeht , daß von der Frau mehr Selbstverleugnung an einem einzigen Tage , als von dem Manne während seines ganzen Lebens gefordert wird . Genug - sobald Damian in irgend eine kleine heterodoxe Behauptung verfiel , verfiel Kunigunde in Tränen , ohne daran zu denken , daß er durch seine Mutter in der frostigen Atmosphäre religiöser Gleichgiltigkeit aufgewachsen und deshalb mit Nachsicht und Schonung zu behandeln sei . » O Damian ! wie kannst Du so sprechen ! « rief sie klagend aus . » Alles , was Du aufzählst , zeigt ja eben , wie arm an Gnaden man außerhalb der Kirche ist ; denn jene Zeiten sind Gnadenzeiten , und wer arm an Gnaden ist , der ist wahrhaft arm . « Diese himmlische Wahrheit verstand er gar nicht . Er antwortete spöttisch : » Ich werde alle Armen unter den Katholiken des Odenwaldes sammeln und zu Dir bringen . Vielleicht kannst Du ihnen besser als mir begreiflich machen , daß sie nicht arm sind . « » Mancher von ihnen mag wirklich durch den Glauben viel reicher sein als Du , Damian . « » Sieh , wie gut Gott das eingeteilt hat : die einen macht er reich durch den Glauben ohne Geld und Gut , und die anderen durch Geld und Gut ohne Glauben . « » Aber Damian , sage doch nicht kaltblütig solche entsetzliche Dinge ! « rief Kunigunde . » Gott gibt die Glaubenslehre und die Fähigkeit zu glauben den Armen wie den Reichen ..... « » Aber Kunigunde , sprich doch nicht so weitläufig über solche langweilige Dinge ! « unterbrach sie Damian , drehte sich auf dem Absatze um und ging von dannen . Kunigunde schlang ihren Arm um den Nacken ihrer Schwester und fragte leise : » Ist das nicht herzbrechend ? « Walburg nickte sanft mit dem Kopfe und sagte : » Gratian hat zuweilen auch solche Launen . Sie sind eben die Söhne ihrer Mutter ! wir müssen umso eifriger für sie beten . « » Und umso mehr sie lieben , « setzte Kunigunde hinzu . Sie war nicht glücklich , die arme Kunigunde ; ihre Ehe war kinderlos und Damian zuweilen außerordentlich darüber verstimmt ; denn er war nicht daran gewöhnt , unerfüllte Wünsche zu haben . Walburg hatte in den fünf Jahren ihrer Ehe ihrem Manne drei Söhne geschenkt , und je mehr sich Kunigundens neidloses Herz an dem Glück ihrer Schwester freute , desto inniger sehnte sie sich , es selbst zu genießen . » Könnte ich nur einmal zur Mutter Gottes nach Altötting und dort eine neuntägige Andacht halten , « sagte Kunigunde zu ihrem Ratgeber und Tröster Levin . » Glauben Sie wohl , lieber Onkel , daß Damian mir die Wallfahrt erlaubt ? « » Halten Sie hier eine Novene zur heiligen Gottesmutter , « entgegnete Levin ausweichend . » So unmöglich scheint es Ihnen also ! « rief sie traurig . » Ich meine , Sie sollten alles vermeiden , wodurch kleine Differenzen zwischen Ihnen und Damian auf dem religiösen Gebiete hervorgerufen werden . Ihr Opfer zieht vielleicht die Gnade sicherer herab , als Ihre Wallfahrt , « sagte Levin mild . Es war um Mariä Himmelfahrt . Zahlreiche Prozessionen zogen nach Kloster Engelberg , wo ein Gnadenbild der heiligen Gottesmutter sehr verehrt wird . Der Main war mit Nachen bedeckt , welche vom anderen Ufer Andächtige hinüber führten , die sich am Fuße der ungeheuren Treppe hinter ihrem Kreuz und ihren wehenden Fahnen in Reihe und Glied stellten und betend langsam bergan stiegen , um droben die heiligen Sakramente zu empfangen und ihre mit Gott versöhnten Herzen voll Bitten und Klagen und Nöten auszuschütten vor der Trösterin der Betrübten . Nach mehreren Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab . Von Windeck aus sah man diese bunten beweglichen Bilder in größter Deutlichkeit , war aber zu sehr an ihre Wiederholung gewöhnt , um sie zu beachten . Nur bei Kunigunde regten sich die Flügel der Sehnsucht , wie bei einem jungen Zugvogel , der sich dem Schwarm anschließen möchte , der nach Süden fliegt . Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und sagte zu ihrem Manne : » Lieber Damian , gib mir Urlaub auf vierzehn Tage und schlage mir diese Bitte nicht ab , weil sie so sehr ungewöhnlich ist . Frage auch nicht , wohin ich gehe , sondern triff nur Anstalt , daß ich in der ersten Woche des Septembers reisen kann . « » Die Welt kehrt sich um , Onkel Levin ! « rief Damian . » Haben Sie es gehört ? Gundel spricht befehlshaberisch ; da muß man wohl gehorchen . Und weil ich mich in der Tat freue , dies Wunder erlebt zu haben , so will ich der Reise auch nichts in den Weg legen . Ich denke , sie geht zu Deiner Schwester Isabelle , « - setzte er fragend hinzu . » Fragen darfst Du nicht , « sagte Kunigunde errötend . » Gut ! da ich nun das Meinee getan und Dir Urlaub gegeben habe , so wirst Du mit demselben Vertrauen mich belohnen und mir das Ziel Deiner Reise nennen . « » Es ist Altötting , « sagte Kunigunde unverzagt , und es brach ein solcher Glanz von Liebe und Zuversicht aus ihrem Auge , daß Damian beinahe gerührt sagte : » Reise denn , Kunigunde ; aber bitte zuvor Onkel Levin , Dich zu begleiten , damit er Dich vor allen Andachtsexzessen bewahre . « Levin , der Kunigundens schüchterne Zaghaftigkeit kannte , staunte nicht minder als Damian über die Beherztheit , welche sie aus ihrem übernatürlichen Vertrauen schöpfte , als Kunigunde plötzlich sich ihrem Manne in die Arme warf und , nicht zufrieden mit dem , was sie erreicht hatte , noch mehr haben wollte und ihn bat : » Ach , Damian , wenn Du doch auch die Wallfahrt mit uns machen wolltest . « » Lieber Engel , wenns einmal dahin kommt , dem Türken mit dem Säbel in der Faust das gelobte Land zu entreißen , dann werd ' ich mich bei der Wallfahrt einfinden ; - aber nach Altötting - das überlasse ich Dir ; das ist das Fach der Damen . « » Nun , lieber Damian , « sagte Levin lächelnd , » Du bist sehr großmütig , das Vorrecht der frommen Andacht den Damen einzuräumen . « » Der Priester hat es durch seinen Stand , bester Onkel . Allein , ich meine die Idee : auf dem und dem Punkt der Erde sei das Gebet wirksamer als anderswo , könne sich nur in einem Weiberkopfe festsetzen . « » Und warum meinst Du das ? « » Weil es eine kindische , beschränkte Auffassung von der Allmacht und Güte des Schöpfers ist , der seine Gnaden überall spenden kann . « » Ganz richtig : allüberall ! Seine Allmacht wird also nicht durch unsere Vorstellung begrenzt , sondern gleichsam erweitert , daß er , der über die ganze Welt die Fülle seiner Gnaden überschwenglich ausströmt , dennoch auf gewissen Stätten noch reicher , noch verschwenderischer sie spendet ; und solche Stätten sind die Wallfahrtsorte . « » Aber , bester Onkel , welche Verbindung kann denn zwischen einer Erdscholle und einer Gebetserhörung stattfinden ? « » Welches ist die Bedingung , muß ich zurückfragen , unter welcher der liebe Gott die Gebete erhören will , die dem Betenden zum Heil gereichen ? « » Ich denke - es wird frommes Vertrauen sein , « antwortete Damian , der mit seiner rationalistischen Richtung es vorzog , » frommes Vertrauen « zu sagen , anstatt » Glaube « und » der Schöpfer « oder » die Vorsehung « anstatt » Gott « oder gar » der liebe Gott « , und » die Madonna « anstatt » die heilige Mutter Gottes « . » Also , « fuhr Levin fort , » an einen kindlichen Akt des Glaubens eine glänzende Gebetserhörung knüpfen : das ist ihre Verbindung mit der Erdscholle . Sie ist übernatürlicher Art. Fleisch und Blut verstehen sie nicht ; die fünf Sinne fassen sie nicht ; der menschliche Verstand begreift sie nicht . Aber , wie der Herr , als er auf Erden wandelte , so oft sagte , Dein Glaube hat Dir geholfen ; oder : Dir geschehe , wie du geglaubt hast ! und dann seine Gnaden spendete : so macht er es noch jetzt . Er verlangt einen kindlichen , demütigen , unbedingten , schwunghaften Glauben , der nicht fragt : Warum da und weshalb dort ? wie ihn der fromme Wallfahrer an den Tag legt - und den krönt er manchmal durch Gebetserhörung . « » Bester Onkel , wenn demnach eine Wallfahrt ein ganz enormer Tugendakt ist , so muß man wohl annehmen , daß er immer gekrönt werde ? « fragte Damian listig . » Ja , lieber Damian , immer ! « sagte Levin mit einem himmlischen Lächeln , » aber nicht immer hienieden . Dem Glauben sind auch ewige Kronen aufbewahrt . Übrigens ist aber unser Glaube immer noch so schwach , so unvollkommen , von so manchen irdischen Hoffnungen beflügelt , daß er , auch in dem frömmsten Wallfahrer , kein so enormer Tugendakt ist , wie Du annimmst . « » Das muß wohl sein , denn die Wallfahrten sind ja hier zu Lande längere Zeit verboten gewesen wegen vielfachen , damit verknüpften Skandals . « » Es ist sehr wahrscheinlich , daß sich unter den vielen , vielen tausend Wallfahrern , die alljährlich ihre gemeinschaftlichen Bittgänge zu den Gnadenorten machten , auch einige befunden haben werden , welche kein erbauliches Beispiel , vielleicht sogar ein Ärgernis gaben ; aber das ist die Schuld des Einzelnen und man