Vertrauen zu mir denn Ihr , und da sie einen Boten brauchte zu Euch , auf dessen Treue und Schweigen sie bauen mochte , hat sie mich erwählt . Den Brief hat sie vor meinen eigenen Augen gesiegelt , von ihrem Schreibpult genommen und dabei geweint wie schon vorher . Sie hat mir auch geheißen ihr Nachmittag Antwort zu bringen . Und da ich von dem Gemälde geredet , das Meister Wohlgemuth von Euch begonnen , hat sie gesagt , Ihr möchtet es bald vollenden lassen . « Während Albrecht sprach , hatten Stephan ' s Augen wieder auf dem Briefe geweilt , und es war als betrachte er seine Zeilen nun im mildern Lichte . » Antwort sollst Du bringen ? « fuhr er jetzt empor , » wozu Antwort ? Doch ja ! bring ' ihr diese . « Er riß die schöne weiße Blume ab , die er vorhin betrachtet hatte , und pflückte dann eine der dunkelsten Purpurblüthen eines Granatbaumes , gab beide in Albrecht ' s Hand und sagte : » Bringe ihr die Blumen als Antwort und sag ' ihr : die rothe gleiche meiner Empfindung und die weiße der ihrigen . « Albrecht nahm die Blumen und wollte gehen . Da besann sich Stephan doch noch , daß er sich voll roher Rücksichtslosigkeit gegen die Briefsenderin wie gegen ihren Boten benommen - und wollte beides durch eine neue Rohheit gut machen . Er nahm ein Goldstück aus seiner Tasche , gab es Albrecht , der es erst nahm , weil er dachte , er solle vielleicht damit noch einen Auftrag vollziehen , und sagte : » Hier , damit Du schweigst und keinem Menschen ein Wort von diesem Botengange sagst . « Albrecht legte das Goldstück rasch auf den nächsten Blumenstock , als sei es glühend , und es schien , als jage es auch solche Glut in sein Gesicht . Mit bebender Stimme rief er : » Um Gold thue ich weder das Rechte noch das Unrechte . Ich habe Jungfrau Ursula versprochen zu schweigen , da könnt Ihr ruhig sein . « Und während der arme Lehrling hoch aufgerichtet hinausschritt , weil er trotz all ' seiner Armuth eine Demüthigung abgeworfen und das Gold nicht genommen , das ihm in anderer Weise sehr willkommen gewesen , da er oft an dem Nöthigsten Mangel litt und sich dafür schönes Werkzeug hätte kaufen können , blieb der reiche Patriziersohn zerfallen mit sich selbst , mit seiner Familie , der Geliebten und darum mit der ganzen Welt in seinem prächtigen türkischen Kiosk zurück , und verwünschte diese Pracht , weil ihm nicht vergönnt war die schönste Blume hineinzuverpflanzen , die unter Nürnbergs Jungfrauen ihm erblüht war . Und es war nur ein leidiges Vorurtheil seines stolzen Vaters , das ihn so unglücklich machte . Sein Vater war seit seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande Loosunger des großen Raths , wie denn überhaupt seit einiger Zeit in der Nürnberger Verfassung der Mißbrauch eingerissen war , daß nur aus den Geschlechtern der Holzschuher und Tucher die Loosunger hervorgingen . Werfen wir , um dies und weiter Folgendes zu erklären , einen Blick auf die Nürnberger Verfassung . Schon seit 1219 war Nürnberg zur freien Reichsstadt erhoben worden und eine Urkunde Friedrichs II. bestätigte ihr das Recht : keinen andern Schutzherrn zu haben als die römischen Könige und Kaiser . Die Stadt hatte das Recht , sich nach einer selbstgegebenen republikanischen Verfassung selbst zu regieren , und verdankte dieser gleich andern Städten des Mittelalters ihre Blüthe . Das Stadtregiment bestand in einem großen und in einem kleinen Rath . Der erstere ward aus den vornehmsten Bürgern der Stadt gewählt , welche darum den Namen der » Genannten « führten . Der kleine Rath , der das eigentliche Stadtregiment führte , ward mit zweiundvierzig Männern besetzt , wovon vierunddreißig aus den edlen rathsfähigen Geschlechtern und acht aus der Gemeine gewählt wurden . Jene vierunddreißig theilten sich in acht alte Genannte und sechsundzwanzig Bürgermeister , von denen dreizehn geschworne Schöffen waren . Von den Bürgermeistern war ein Jahr hindurch abwechselnd ein junger und ein alter Bürgermeister im Amt . Von den alten Bürgermeistern wurden sieben als oberste Regenten ausgewählt , die sieben älteren Herren ( Septemviri ) . Aus diesen wurden drei oberste Hauptmänner ( Triumviri ) und von diesen wieder zwei zu Schatzmeistern ( Duumviri ) ernannt , welche auch die Loosunger hießen , weil sie die Loosung ( Steuer ) zu verwalten hatten . Der älteste dieser Loosunger ( denn dieser Name war zu unserer Zeit der gebräuchliche ) im Amt ward als der Vornehmste und Oberste im ganzen Rath geachtet . Diese Loosunger standen in höchstem Ansehen , ihnen waren alle Schätze der Stadt anvertraut , sie hatten alle Einnahmen und Ausgaben zu besorgen und die auswärtigen Aemter mußten ihnen Rechnung ablegen . Zu alten Genannten wurden meistens nur solche Personen gewählt , deren Verwandte schon im Rathe und Bürgermeister waren , da sie dann während deren Lebensdauer nicht zur Würde eines Bürgermeisters oder zu einem andern höheren Grade gelangen konnten . Sie hatten im kleinen Rath ihre Stimme zuletzt , und nur wenn die Frage bis zu ihnen reichte , abzugeben . In den kleinen Rath konnten übrigens nur solche gewählt werden , die zu den alten Geschlechtern gehörten , so nannte man diejenigen Nürnberger Bürger , oder vielmehr Patrizier , deren Ahnen und Urahnen auch im Regiment gewesen . Fremdlinge und das gemeine Volk , wie die Verfassungsurkunde sich ausdrückt , hatten keine Gewalt . Nur ausnahmsweise wurden auch solche , welche erst seit kurzer Zeit nach Nürnberg gekommen , als besondere Auszeichnung , sowie Einheimische ihrer Geburt und ihres Stammes wegen in den Rath aufgenommen ; doch konnten sie es nicht höher als bis zum jüngern Bürgermeister bringen . Wenige Geschlechter nur waren es , deren Sprößlinge es bis zum alten Bürgermeister bringen konnten , noch weniger waren es , woraus die sieben alten Herren , sehr wenige , aus denen die Hauptmänner , und am wenigsten , woraus die Loosunger gewählt werden konnten . So war es denn endlich dahin gekommen , daß lange Zeit hindurch nur die Holzschuher und Tucher dieser Würde theilhaft waren . 1469 war noch Niclas Muffel Loosunger und lange Zeit einer der geachtetsten Männer gewesen , bis es plötzlich an den Tag kam , daß er öffentliche Gelder veruntreuet hatte . Um ein Beispiel zu geben , ward er in strenger Haft gefangen gehalten und dann hingerichtet . Er hinterließ fünf Söhne , die vier ältesten wanderten aus , der jüngste Sohn , Gabriel , aber blieb , um das Geschlecht fortzusetzen . Gabriel Muffel gehörte nun auch zu den Genannten des großen Rathes , und hatte es sich angelegen sein lassen , die Schmach vergessen zu machen , die durch seinen Vater auf sein Geschlecht gekommen . Waren doch nun zwanzig Jahre seit jenem Unglückstag verstrichen , bisher hatte ihn auch wirklich Niemand dasselbe entgelten lassen . Jetzt war er seit einigen Jahren Witwer und hatte nur seine Tochter Ursula bei sich , die eben an jenem unglücklichen Erichstag , da ihr Großvater gerichtet ward , zur Welt gekommen . Sie hatte nur noch einen Bruder , der sich jetzt bei einem Oheim in Mailand in der Lehre befand , um später das Geschäft des Vaters zu übernehmen . Ursula Muffel war nicht nur eines der schönsten sondern auch der klügsten Mädchen von Nürnberg . Geschwisterlos aufgewachsen und früh der Mutter beraubt , hatte sie gleich mancher Jungfrau Nürnbergs an wissenschaftlicher Bildung Gefallen gefunden . Sie konnte nicht nur lesen und schreiben , sondern verstand auch italienisch und lateinisch , und war in manchen Stücken von ihres Vaters Geschäft wohl erfahren , so daß sie ihm auch im Rechnen und Briefschreiben oft beizustehen pflegte . Dabei war sie bescheiden und sittig und auch in allen erblichen Künsten wohl geübt . Sie hatte die oberste Leitung des Hauswesens , und die Ordnung und Anmuth , die sie darin zu verbreiten wußte , legte sie auch an ihrer zierlichen Kleidung an den Tag . Stephan Tucher , nur eben erst von weiten Reisen zurückgekehrt , hatte sie an einem Osterfeiertag gesehen bei einem Feste der patrizischen Geschlechter , und da war es ganz von selbst gekommen , wie es immer kommt : daß das Paar sich schnell zusammengefunden und nur Aug ' und Ohr für einander gehabt hatte . Stephan Tucher war stolz gleich seinem Vater und wachte selbst eigensinnig über sich seiner Patrizierwürde nichts zu vergeben . Aber Ursula Muffel gehörte zu einem alten Geschlechte . Ohne Gefahr für das Ansehen des seinigen meinte er sich ihr nähern und sich mit ihr verbünden zu können . Das Feuer seiner Leidenschaft entzündete die ihrige und führte ihn bald zu einer zärtlichen Erklärung , welche die süßeste Erwiederung fand . Ehrsam warb er sogleich bei ihrem Vater um ihre Hand , gewiß , daß er , der Sohn des vornehmsten und reichsten Geschlechtes von Nürnberg , freudige Einwilligung erhalten werde . Sie warb ihm auch , natürlich mit dem Zusatz : wenn auch Herr Hans von Tucher zufrieden sei und nicht schon anders über die Hand seines Sohnes verfügt habe , was damals oft Brauch war . Stephan erklärte stolz , daß er nie einen solchen väterlichen Zwang erdulden werde , ihn auch gar nicht zu fürchten habe , und eilte eben so zuversichtlich zu seinem Vater , ihn um seinen Segen zu bitten . Da der alte Rathsherr aber den Namen Ursula Muffel hörte , verwandelte sich das freundliche Beifallslächeln , das er erst für den Sohn gehabt , da dieser nur von Verlobung sprach mit einer schönen Tochter aus einem der achtundzwanzig Geschlechter Nürnbergs , in spöttisches Zucken von strafenden Zornesblicken begleitet , und hämisch antwortete er : » Ich muß zu Dir sagen , wie vor dreißig Jahren Markgraf Albrecht zu Niclas Muffel sagte : Du Muffelmaul , so lange hast Du gemuffelt , bis Du das heraus gemuffelt hast ! Zehn Jahre darauf ward dieser Niclas Muffel , der so lange Loosunger gewesen , verurtheilt und gerichtet wie ein gemeiner Betrüger - und er war schlimmer als solcher , denn er stammte aus einem edlen Geschlecht und war das Haupt dieser Stadt , die er schändlich betrog und auf die er Schande brachte im Reich , weil man draußen sagen konnte : die Nürnberger lassen sich die klügsten und rechtsamsten Leute schelten , und ein Haupt ihrer Stadt betrügt ihre Bürger . Darum half es Nichts , daß Fürsten und Herren , ja der Kaiser selbst Fürsprache einlegten für den Verbrecher : er mußte gerichtet werden , damit sein Blut den Rath und die Geschlechter wieder rein wasche von der Schmach , die er aufgehäuft . Und nun denkst Du das Geschlecht der Tucher mit dem der Muffel zu verbinden ? das wird nie geschehen ! « Vergeblich bemühte sich Stephan dem Vater zu beweisen , daß weder Gabriel Muffel noch einer seiner Brüder betheiligt gewesen sei an der That des Vaters , und daß sowohl die Tucher selbst mit allen andern Geschlechtern das bestätigt hätten , indem Gabriel Muffel zu den Genannten des großen Rathes gehöre und alle Ehren genösse , die seinem Geschlecht zukämen . Der alte Loosunger blieb bei seiner Weigerung : daß er nie die Enkelin eines Hingerichteten in seine Familie aufnehmen werde , und da der Sohn versuchte ihm Widerstand entgegen zu setzen , und bei Ursula und ihrem Vater Ausflüchte suchte , ihnen noch die verweigerte Einwilligung seines Vaters zu verbergen , ging der stolze Loosunger selbst so weit , als er Gabriel Muffel auf dem Rathhaus begegnete , zu sagen : er möge die Ehre seiner Tochter behüten , wie er die seines Sohnes , denn zu einer Verbindung beider werde er nie seine Einwilligung geben . Im Zorn erwiederte Gabriel Muffel die Beleidigung des Hochfahrenden in gleich roher Weise , wie sie in jener Zeit gebräuchlich war , und heimkehrend verwehrte er seiner Tochter jeden Umgang mit Stephan Tucher und erklärte ihr , daß sie ihm für immer entsagen müsse . Die Liebenden fanden dennoch Gelegenheit sich einander heimlich zu sehen , ihre Liebe und ihr Leid einander zu erklären . Stephan sprach von Flucht und Entführung und vermochte oft den Ausbrüchen seiner glühenden Leidenschaft nicht zu wehren - aber die sittige Jungfrau vermochte es , und um sich selbst zu schützen und dem Willen ihres Vaters zu gehorchen , schrieb sie jenes Brieflein , für das sie keinen andern Boten fand als Albrecht Dürer . Drittes Capitel Die Baubrüder Man hat es dem Christenthum mit Unrecht zum Vorwurf gemacht , daß es durch den transcendentalen Charakter , den es im Gegensatz zu dem Hellenismus annahm , die Kunst vernichtete . Wohl trat es gegen das Bestehende polemisch auf wie jede Neuerung , also auch polemisch gegen die bestehende Kunst , seine vorwiegende Geistigkeit verwarf die vorwiegende Sinnlichkeit der Antike , aber es schuf dadurch eine neue Kraft , die in neuen Formen das Unendliche im Endlichen darzustellen , oder doch zu verkünden , dazu zu erheben strebte . Als das Christenthum eine Macht zu werden begann , waren ohnehin im Abendlande der Sinn für schöne Kunst und der gute Geschmack gleichzeitig im Absterben , und es bedurfte nicht des verrufenen angeblichen Vandalismus der Germanen , um die Kunst von den Ueberlieferungen des Alterthums in mittelalterliche Rohheit zu versenken . Allerdings hausten die Germanen arg bei ihren Grenzfahrten : aber das Siechthum der abgelebten romanischen Welt war der Kunst kaum minder ungünstig als die germanische Rohheit . Die Kirche trat in ' s Mittel der armselig gewordenen Kunst , wo sie aus der römischen Zeit fort vegetirte das Leben zu fristen und bei den germanischen Völkern zunächst den Sinn und Eifer für die kirchlichen Bauten und deren Verzierung zu wecken und die rohen Hände zunächst an technische Arbeit zu gewöhnen . Wohl schien es nach dem Untergange Roms , als wären auch Kunst und Wissenschaft demselben Untergange geweiht . Die Hand am Schwert standen die Völker sich gegenüber , einander ihre Rechte mit blutiger Schrift beweisend und abtrotzend , Lärm und Verheerung bezeichnete die Schritte der Sieger , die letzten Tage der Kunst schienen gekommen . Da thaten die Klöster und geistlichen Stifte ihre Thore auf und nahmen die verscheuchte Himmelstochter in ihren Schutz . Die Kunst wurde von den Mönchen für eine göttliche Gabe erkannt , als ein Mittel , das Göttliche mit dem Menschlichen zu verbinden und dieses durch jenes zu veredeln . Fast alle Mönche des sechsten und neunten Jahrhunderts , besonders die Benediktiner trieben die Baukunst , und bildeten Schüler derselben . Sie zogen dann auch Laien hinzu , zunächst die in dem Kloster erzogenen Kinder , Oblaten , dann die Hörigen der klösterlichen Stifter und endlich auch andere Laien , die sich der Baukunst widmen wollten . Auf diese Weise sind die Baubrüderschaften entstanden . Das Mittelalter begehrte Genossenschaft in jeglicher Werkthätigkeit , und der Innungsgeist mag schon in der Zeit aufgekommen sein , wo die Laien noch als Hülfsgenossen der Mönche arbeiteten . Doch erst die Ablösung der Laienbauleute von der klösterlichen Dienstmannschaft gab den Baubrüderschaften den Charakter künstlerischer Selbständigkeit , den Kunsteifer und das hohe Selbstgefühl , woraus die Wunderwerke der gothischen Baukunst entstanden sind . Die Baubrüderschaften wurden von den Päpsten besonders aufgemuntert und durch mehrere Bullen mit gewissen Freiheiten und Privilegien versehen , daher ihr Name : freie Maurer . Sie waren unter den besondern Schutz der verschiedenen Landesherren und von allen öffentlichen Lasten befreit . Ungehindert wanderten sie von einem Lande zum andern , wohin immer sie zur Aufführung großer Bauten berufen wurden . Sie hatten ihre eigenen Gesetze und eine fast militärische Disciplin ; alle Potentaten gaben ihnen Freiheiten und gestatteten ihnen sich selbst zu regieren , ihre Gebräuche und Ceremonien zu beobachten . Daran erkannten sie auch die fremden Baubrüder untereinander , wie sie denn auch nur diesen verständliche Symbole , Zeichen und Chiffren hatten , um Profanirung ihrer Wissenschaft zu verhindern . Wo sie sich zu einem Bau niederließen , schlugen sie in der Nähe desselben ihr Lager auf und nannten diese Werkstätte : Hütte . Deutsche Baumeister bauten überall von den Zeiten Karl ' s des Großen an bis zu denen der Habsburger Friedrich ' s III. und Max I. Um diese Zeit gab es vier Haupthütten in Deutschland : zu Cöln , Regensburg , Wien und Straßburg . Für die Nürnberger Hütte oder Steinmetzzunft , wie dergleichen fast in allen deutschen Städten , wo kirchliche Bauten aufgeführt wurden , errichtet worden , war Straßburg die Haupthütte , wie denn der Maurerhof zu Straßburg als oberste Behörde aller Hüttenangelegenheiten erwählt ward . So viel nur voraus von der Geschichte der deutschen Bauhütten ; ihr Zustand und der Geist ihrer Mitglieder zur Zeit unserer Erzählung wird sich in Verlauf derselben entwickeln . Als Ulrich Hieronymus in seine Wohnung begleitet , und dort dessen einfaches Mahl getheilt hatte , wiederholte dieser sein Anerbieten , dieselbe für immer mit dem neuen Ankömmling zu theilen . Sie bestand freilich nur aus einem einzigen , nicht breiten , aber tiefen Gemach , in dessen Hintergrund ein Strohlager aufgeschichtet war , neben dem sich , wie Hieronymus bemerkte , allerdings noch Raum zu einem zweiten wies . In der einen langen Wand befand sich ein Schrank , der durch Hieronymus ' Sonntagskleider auch nur sehr gering gefüllt war , ein paar hölzerne Sessel und Tische , auf welchen Zeichnungen und Risse nebst Zirkel und Zeichenmaterial lagen , bildeten das übrige Zimmergeräth . Die kleine alte Frau , die ihm das Essen bereitete , begrüßte er als seine Mutter . Sie hatte Niemanden mehr als diesen einzigen Sohn auf der Welt , und da er jetzt wieder nach Nürnberg zurückgekehrt war und auf lange Zeit bei den Verschönerungen an der Lorenzkirche Arbeit gefunden , so hatte er für sich und sie diese Wohnung im Haus des Rädleinmachers Sebald gemiethet , dessen Geschäft etwas zurückging und der darum , was ein Nürnberger Meister ungern that , fremde Leute in sein Haus nahm . Die Mutter Hieronymus ' hatte noch ein kleines Gemach für sich , das eine Herdstelle , wo sie für den Sohn kochte , und ihre Schlafstätte in sich vereinigte . Dort saß sie meist und spann , weil sie sich von ihrer Hände Arbeit ernähren mußte . » Wir sind zwar alle Brüder « sagte Hieronymus zu Ulrich , » und ein Streben beseelt uns Alle , ein gemeinsames Band verbindet uns Alle ; aber es ist doch ein Anderes , ob der Geist unserer Lehre in uns lebendig geworden oder nur ihr Buchstabe , ob wir die Sache selbst erfassen oder nur das Symbol - nur einen solchen Bruder möcht ' ich immer um mich haben , und weil mich dünkt , ich habe ihn in Dir gefunden , so möcht ' ich Dich immer um mich haben . « Ulrich drückte nach diesen Worten Hieronymus lebhaft die Hand und fragte : » Aber wodurch bist Du über mich zu einem so günstigen Schluß gekommen ? « » Wie Du das Maßbrett verschmähtest , « antwortete Hieronymus , » erkannt ' ich , daß Du kein gewöhnlicher Steinmetzgeselle warst , nicht nur daß Du genug Augenmaß und Geschicklichkeit besaßest , es entbehren zu können , sondern daß Du den Muth hattest , bei einem ersten Probestück vom Gewöhnlichen abzuweichen . Und ich bewunderte Dich um so mehr , als ich erfuhr , daß Du eben erst ermüdet von der Wanderschaft kamst . « » Darum ist mir ja auch heute zu ruhen gestattet , « antwortete Ulrich , » und ich werde von dieser Erlaubniß Gebrauch machen und die müden Glieder auf Deinem Lager ausstrecken , damit ich , wenn Du aus der Hütte kommst , mit Dir die Stadt durchwandern kann , die mich anzieht , wie keine andere deutsche Stadt . Ich hoffe denn also gleich Dir , daß wir als rechte Brüder zusammen leben , und wenn ich Deine Wohnung theile , so theilst Du meinen Lohn mit mir . « Hieronymus mußte bald scheiden , denn wer nicht zur rechten Zeit in der Hütte war , bekam Abzug am Tagelohn , und eine härtere Strafe als dieser Verlust war die damit verbundene Mißbilligung . Als er beim Abendläuten zurückkam , fand er den neuen Kameraden am Tisch sitzen und zeichnen . » Schon beschäftigt ? « fragte Hieronymus , » ich glaubte , ich würde Dich erst wecken müssen . « » Ich habe geschlafen , « antwortete Ulrich , » drei auch vier Stunden vielleicht , länger hielt ich ' s nicht aus , das war genug geruht von der Wanderschaft . Und wie ich die Augen wieder aufschlug und mich besann , wo ich war , lockten mich diese Zeichnungen , ich wollte Dich dadurch kennen lernen ! Hast Du das Alles selbst gemacht ? « » Sonntags , in meinen Mußestunden , « antwortete Hieronymus ; » ist etwas darunter , das Dir gefällt ? « » Ja , dies hier , « sagte Ulrich , indem er einen Bogen Papier auseinander rollte . Wenn auch mit ziemlich rohen Strichen , so sah man doch an den darauf gezeichneten Figuren , daß sie ein jüngstes Gericht vorstellten , wo unter den Verdammten sich auch eine stürzende Gestalt befand , die nach der vor ihr fallenden dreifachen Krone langte . Hieronymus sagte : » Das ist die Zeichnung eines großen Steinbildes , das sich am Münster von Bern am Haupteingange im Westen befindet . Darunter stehen in kleinen Säulennischen zu beiden Seiten der Hauptpforte , auf der einen die fünf klugen , auf der andern die fünf thörichten Jungfrauen , erstere im bloßen Haarschmuck , letztere mit lauter hochpriesterlichen Kopfbedeckungen bekleidet . An diesem Portale bin ich zuletzt mitbeschäftigt gewesen . Noch ist der Bau des Münsters dort nicht vollendet , aber da ich hörte , daß es in meiner Vaterstadt Arbeit gebe , kehrte ich hierher zurück , um ihr meine Kraft zu widmen . « Ulrich lächelte beifällig und sagte : » Ich sehe , wir verstehen uns ; auch ich habe schon da und dort solch ' ein Wahrzeichen zurückgelassen , der Welt zu verkünden : daß wir Diener sind der göttlichen Kunst , Diener des Höchsten , dessen Tempel wir bauen , aber daß wir nicht blinde Werkzeuge sind dieser Menschen , die sich selbst Kirchendiener nennen , aber zumeist nur sich selbst dienen ; daß unser Hohenpriesterthum der Kunst ein höheres ist denn das der Kirche , und daß wir freie Maurer sind , nicht arbeitende Knechte ! - Wie lange warst Du in der schönen Schweiz ? « fragte er , sich selbst unterbrechend . » Drei Jahre hab ' ich dort gearbeitet , « antwortete Hieronymus ; » es war eine große Zeit ! Die Schlachten von Granson und Murten hab ' ich mit erlebt ! Da wir in Bern die Kunde von dem Sieg der Eidgenossen über den stolzen Burgunderherzog empfingen - es war vor zwei Jahren am dreiundzwanzigsten Juni , dem Tage nach der Schlacht - läuteten die Glocken des Münsters , an dem wir noch bauten , zum schönsten Siegesfest , drängten sich Tausende in ihn hinein zum jubelnden Dankgebet . Eine große Seelenmesse ward darin gehalten für die fünfzehntausend Erschlagenen , deren Gebeine nun im Beinhaus von Murten ruhen , ein Denkmal für alle Zeit , daß Gott mit diesem freien Landvolk streitet , dem er die Alpen als Hochwächter der Freiheit gesetzt hat , und die Gletscher , daß die Tyrannei auf ihnen ausgleite und sich nimmer erhalten könne . Wahrlich ! ich habe Großes gesehen und erlebt in diesen Tagen , und seit ich die Freiheit dieses einfachen Hirtenvolkes gesehen , das , wie es auch zuweilen selbst in Kleinlichkeiten versinkend untereinander hadern mag , doch gleich die kleine Eifersucht und den nachbarlichen Streit vergißt und vereinigt , groß und stark aufsteht gegen den Unterdrücker von Außen , mag er mit noch so stolzer Macht sich nähern - seitdem erscheint mir das reichsstädtische Wesen hier recht kleinlich und eingeschrumpft , und auch dafür wie für den Verfall der Kirche kann die Kunst allein mir Trost gewähren . « Ulrich sagte : » Ich war zur selben Zeit in Straßburg , und auch unser Mauerhof feierte den großen Sieg in der Hütte wie im Münster . Das Jahr darauf erschien in Straßburg selbst , aber von einem Schweizer Hans Eberhard Tüsch verfaßt , eine Erzählung des Feldzugs Karl ' s des Kühnen gegen die Schweizer , die von Allen , die lesen können , mit Begierde gelesen ward . « » Aber ein weit höherer Geist als in diesem trockenen Bericht weht in den Kriegs- und Siegesliedern , welche die Schweizer nach diesen Siegen ertönen ließen , « sagte Hieronymus , » besonders in denen eines Dichters Veit Weber aus Freiburg , der in den Reihen der Eidgenossen selbst mitfocht . Ich hab ' ihn selbst kennen und schätzen lernen . Solche Begeisterung , wie in diesen Liedern weht , kann nur angetroffen werden , wo eine ganze Nation sich zu schönen Thaten für Vaterland und Freiheit erhebt ; wir hier , in unseren kleinen Verhältnissen des bürgerlichen Lebens , unter dem ehr- und gewinnsüchtigen Gezänk großer und kleiner Potentaten , müssen darauf verzichten . Doch , « fügte er an ' s Fenster tretend hinzu , » wenn Du nicht zu ermüdet bist , heute noch Etwas von den Herrlichkeiten dieser Stadt zu sehen , so wird es Zeit , daß wir gehen . « Beide ergriffen ihre Hüte , schnallten ihre kurzen Schwerter um und gingen hinab . Sie waren nur erst wenig Schritte gegangen , als vor einem großen Gebäude am Katharinenhof ein dichter Menschenknäuel ihre Schritte hemmte . » Was giebt es hier ? « fragte Ulrich , und sein Führer antwortete : » Sieh , hier ist Peter Vischer ' s Gießhütte , ein Rothgießer , der gestern Meister geworden . Die Rußigen machen ihm heute einen Besuch , um ihn in seiner eigenen Werkstatt zum ersten Feierabend zu beglückwünschen . Gestern hat ihm das Handwerk ein Fest gegeben , und heute kommen die Gesellen zu ihm , sich den Dank dafür zu holen . Da wird er manches Fäßlein opfern müssen , denn wie mäßig er auch selbst leben soll , die Rußigen sind ein durstiges Völkchen und lassen sich nicht gern eine Zeche entgehen . « » Nur herein , ehrsame Zunftgenossen ! « rief eine Stimme aus der Hütte , und an der geöffneten Thür zeigte sich die mittelgroße , breitschulterige gedrungene Gestalt eines Mannes von dreißig Jahren . Heiterer Lebensmuth strahlte aus seinem , jetzt noch von der Glut des Feuers geröthetem Gesicht , Gütmüthigkeit und Freundlichkeit gegen Jedermann leuchtete aus seinen hellen Augen und ein eigenthümlicher Zug von Schalkheit spielte um den Mund trotz dem Bart , der ihn umsäumte . Dabei lagerte auf der Stirn doch ein Ausdruck von Ernst und Willenskraft , der seine ganze , sonst gewöhnliche Erscheinung adelte . Er trug eine graue Arbeitsjacke , darüber eine steife Lederschürze und den Meißel in der Hand . Ein donnerndes » Hoch ! « der Rußigen antwortete ihm . So nannte man die Knechte und Gesellen der Gießhütten , deren es eine ziemliche Anzahl in Nürnberg gab , denn die Kunst in Erz und Metall zu gießen war eben damals sehr im Schwunge , und diese Rußigen waren ein zahlreiches Völkchen , das sich in Macht und Ansehen zu erhalten wußte , und wenn nicht anders , durch die Stärke seiner Muskeln und die Kraft seiner Fäuste , wie durch die Hämmer , die darin geschwungen wurden . » Dieser Peter Vischer hat ein sehr künstliches Meisterstück gemacht , « sagte Hieronymus , » das wir uns einmal ansehen können . Er ist auch von unermüdlichem Fleiß und läßt sich keine Mühe verdrießen zu lernen und sich fortzubilden . « In diesem Augenblick ward in dem wachsenden Gedränge ein Benediktinermönch mit grauschwarzem Haar und langem wallenden Bart an die Seite der Steinmetzen geführt , so zwar , daß sein Rosenkranz an Ulrich ' s Schwert hängen blieb , und da dieser vorwärts schreitend das nicht bemerkte , so zerriß die Schnur und die Perlen rollten zu Boden . Der Mönch murmelte etwas zwischen den Zähnen , das fast wie ein Fluch klang , Ulrich aber ward nicht so bald das Geschehene gewahr , als er mit höflichen Worten für seine Unvorsichtigkeit um Entschuldigung bat , und sich zu Boden bückte , die herabgefallenen Perlen zu suchen , da eben jetzt die Gesellen in die Gießhütte eintraten und dadurch das Gedränge sich verlor . Ulrich sprach mit etwas fremden Accent und hatte überhaupt ein eigenthümlich melodisches Organ - der Benediktinermönch starrte ihn prüfend an , nachdem er diese Laute vernommen , und während es erst geschienen , als wolle er ihn derb anlassen , sagte er jetzt nur kurz : » Bemüht Euch nicht ! « und war um die nächste Ecke mit hastigen Schritten im Augenblick wie verschwunden . Wenigstens als Ulrich das herabgefallene Kreuz und eine große Perle des Rosenkranzes aus dem Staub der schlechtgepflasterten Gasse aufgehoben und dem Mönch sein Eigenthum geben wollte , war derselbe nirgend mehr zu sehen . Auch Hieronymus hatte sein Augenmerk nicht auf ihn gehabt und wußte nicht , wo er hingekommen . Vielleicht begegne ich ihm noch einmal , « sagte Ulrich ; » er hatte ein ausdruckvolles Gesicht , das ich jedenfalls wieder erkenne , oder ein anderer Benediktinermönch kann uns vielleicht sagen , welcher seiner Brüder diesen Verlust gehabt ; bis dahin will ich Perle und Kreuz bewahren , um sie ihm gelegentlich wieder zuzustellen . « Wie es dunkel geworden und die abendlichen Schleier auch die schönsten Bauwerke einhüllten , das selbst die prächtige Sebaldskirche , vor der Ulrich lange bewundernd und zugleich mit dem Auge des Kenners prüfend weilte , nur noch in ihren großen