Zugegen war niemand , den sie kannte , außer einer alten Magd aus dem Hause , das der Stadtamtmann bewohnte . Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und sie auf ihrer Kammer geschmückt , sodaß sie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete . Diese neue » gnädige Frau « schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle , die auf dem brünetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten . Ja , als sie aus der Kirche zurückkam , wurde sie sogar mit Chocolade empfangen . Man war gut und freundlich gegen sie . Es war eine sonderbare Welt , in die das nun fast funfzehnjährige Mädchen hier stündlich einblicken konnte . Die Gensdarmen gingen ab und zu , und der Stadtamtmann , der zwar ein für allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte , konnte es nicht dahin bringen , daß er ohne Behelligung bis zum Dessert kam . Lucinde bediente ; auch wenn Gäste geladen waren . Sie besaß zwar nicht viel Geschick und machte vieles verkehrt , doch wurde das alles nicht mehr mit der früher erlebten Strenge gerügt . Zerstreut mußte sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser Dieberei und jener Gewaltthat . Ihre Phantasie , die sehr lebhaft war , sah ringsum - sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden » Frau Hauptmännin « zu denken - die Welt voll Lug und Trug , und da sich ' s dabei doch so behaglich essen und trinken ließ , so erschreckte sie keine Thatsache , selbst kein Diebstahl , kein Mord mehr ; sie schüttelte den Kopf darüber , daß die Dinge des Lebens alle so glatt , so höflich und vergnüglich vorwärts gingen , während tausend Hände daran arbeiteten sie zu verwirren , man sah ' s nur so nicht auf den Promenaden , wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute stillstanden und die Kinder bewunderten , d.h. sie selbst und ihre auffallende Erscheinung . Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade , daß ein junges Mädchen , das halb bäuerisch , halb städtisch , aber schwarz gekleidet war , auf sie zustürzte . Es war ja ihre nächstälteste Schwester Luise ! Sie trauerte . Um die Geschwister noch ? Um den Vater ! Das liebe , freundliche , immer lächelnde Männlein war nicht mehr ... Luise weinte so laut , daß es ihr Lucinde verbot , » weil ja die Leute still stünden « ... Sie selbst war wieder nur erblaßt wie damals , als sie plötzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte . Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite . Es waren August und Gustav , ihre Brüder . Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht , dort gehört , ihre Schwester wäre auf der Promenade mit zwei Kindern ; nun hatten sie sich vertheilt , und eins hatte von hier , das andere von dort gesucht . Der Vater war todt ... Und wie schmerzlich hatte er geendet ! ... Er war in einen der vier kleinen Bäche gefallen , mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spät von dem Vorspann war er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein großer Nebel gewesen , und da hatte er eine von den Brücken verfehlt . Erst Morgens hatten sie ihn gefunden , wie er dalag im kühlen Grunde , aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenstamms . Lucinde schüttelte düster den Kopf . Dann rief sie mechanisch des Stadtamtmanns Kindern , die sie führte , ein scheltendes Wort ; darauf fragte sie , ob die Geschwister schon gegessen hätten . Luise versicherte es und kam auf das schmerzliche Ende des Vaters zurück . Lucinde fragte , was aus dem Hause , aus dem Garten , aus dem Geräth , den Hühnern , der Ziege , der großen Wandkarte geworden wäre ! Sie erfuhr , daß alles das theils dem Staate , theils dem Dorfe , theils dem Wirth zum Vorspann und einer alten Frau gehörte , bei der sie schon lange oft ihre Betten in Versatz gegeben hatten , wenn sie auf ein paar zusammengerückten Schulbänken hatten schlafen müssen . Luise die wollte nun auch dienen , und die Kinder brächte man vielleicht in einer Fabrik unter . So hatte es der Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt ; sie sollten ' s einmal so versuchen , und » ging ' es nicht , so würde wol anders gesorgt werden « . Gustav war acht Jahre . In einer Spinnerei vorm Thore suchte man Kinder schon von acht Jahren an ; es hatte das in der Zeitung gestanden , in derselben Zeitung , die der Vater immer auf bessere Zukunft zu studiren pflegte , und in deren Beiblatt einst seine Phantasieen über den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten . Nec impavidum ferient ruinae ... Latein konnte Lucinde nicht , aber der Stadtamtmann übersetzte so etwas einmal bei Tische , und sie glaubte , es hieß : » Was schadt ' s ! « Es war ein Wahlspruch gewesen , den ein alter Ritter gehabt . Sie nahm ihn schon oft an , und heute nun mußte sie schon . Sie nahm die Kinder , die alle zunächst doch noch Hunger und Durst genug hatten , mit sich ; der Schwester sagte sie gleich die Miethsfrau , wo die wohnte , und wie sie mit der sprechen müsse . Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung , die zwei kleinen Buben vom Lande waren prächtige Jungen , sie gefielen ihr . August und Gustav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik . Der Stadtamtmann sorgte dafür , daß sie ins Waisenhaus aufgenommen und » gut erzogen « wurden . Und nun sind kaum drei Jahre von dem Langen-Nauenheimer Auszug vergangen , und welche Veränderungen haben wir ! Lucinde fand sich in alles . Sie hatte etwas Wühlendes , Unruhiges und beherrschte jede Situation . Bei Tische wartete sie nicht mehr auf . Der Stadtamtmann fand , daß es kaum noch schicklich war . In die Höhe wuchs sie nicht mehr , dafür that es ihr Geist , und sie regierte eigentlich das Haus , das sie aufgenommen . Selbstverständlich da , als die Frau Stadtamtmann eines Jungen genesen war , aber auch später . Durch ihre sichere , herausfordernde Ruhe , ihr spöttisches Lächeln , ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre Autorität . Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht , und übermäßiges Glück oder allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern , indem sie Schicksal spielte . Der Amme gegenüber lobte sie das schöne Aussehen anderer Kinder , eine Handlung , für die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann . Einem Bedienten , der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben glaubte , weil er eine leserliche Hand schrieb , gaukelte sie bald diese , bald jene glänzende Aussicht vor . Hager ! rief sie , wenn sie die Zeitung gelesen hatte , in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben , man fordert alle Hagers auf sich zu melden ! Mußte Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen , so hatte sie , wenn er frei war , die Zeitung verlegt und jagte den beschränkten Menschen wochenlang mit seinen Vermuthungen , welcher von seinen Anverwandten jener in Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte , im Kreise umher . Von ihrem Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont . Ihr bei aller äußern Ruhe innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Theaters , das sie durch den Stadtamtmann frei hatte , jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten Ranges , während die Herrschaft im zweiten saß . Immer mit leuchtenden Augen kam sie vom Theater heim . Man glaubte natürlich , daß es die Stumme von Portici gewesen , die sie so außerordentlich aufgeregt hatte ; aber es waren die Zuschauer , die Logen , die glänzenden Toiletten , die fürstlichen Herrschaften . Die Tischgespräche berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern , von zanksüchtigen vornehmen Herrschaften , von allem , was sich nur zur Kenntnißnahme des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drängte , und dergleichen Leute sah sie dann wieder fröhlich und wohlgemuth und mit Lorgnetten spielend in den elegantesten Logen . Eines Tages that sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe ... Das glänzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar , in welchem alle Modeartikel und Bedürfnisse einer eleganten oder auch nur comfortablen häuslichen Einrichtung , soweit sie Stoffe betraf , verkauft wurden . Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschäft , wie man sagte , nicht ganz mit seinem eigenen Gelde . Sein Savoirfaire kam ihm jedoch zu statten , um die ganze höchste , hohe und mittlere Gesellschaft an sich zu ziehen . So gefällig die Formen des Mannes waren , der in seinem schwarzen Frack mit weißer Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend Commis ausgestatteten Geschäftes machte , so entschieden wußte er doch ebenfalls in geeigneten Fällen aufzutreten . Schon oft war in seinem großen und schwer zu beaufsichtigenden Geschäft gestohlen worden , sogar während des Verkaufs , und oft schon hatte er , wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu Tische war , erklärt , er würde niemand schonen , wenn er einen jener eleganten Diebe beim Handverkauf entdeckte , und sollte es der Vornehmste sein . Schicken Sie nur sofort zu mir , hatte der Polizeirichter erwidert . In solchen Fällen muß man der Schlange gleich auf den Kopf treten ! Und eines Tages schickte der Kaufmann ; der Stadtamtmann möchte eiligst , aber selbst kommen , hieß es , er möchte einen seiner Gehilfen , aber vorläufig nur in der Ferne , bereit halten ... Der Stadtamtmann war nicht gegenwärtig . Und da auch Hager , der Diener , nicht zugegen war , so mußte Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amthaus laufen . Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht . Da sie ihn auf dem Casino vermuthete , so eilte sie ins Casino und nahm sofort einen der Polizeidiener mit . Ihr Weg führte sie aber an dem großen Magazin des Kaufmanns selbst vorüber , in dessen obern Räumen dieser auch wohnte . Da ihre Herrschaft in die letztern beschieden war , so glaubte sie sehr vernünftig zu handeln , wenn sie die Stiege hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot , der ja so lange unten , wie zufällig , bei einer glänzenden Carrosse , die am Hause stand , warten konnte ... Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der Verkehr in den obern Räumen mit dem Magazin , das zwei Stockwerke einnahm , der lebhafteste war , so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen , den Eingang der Wohnung offen zu finden . Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree , der auf seine Herrschaft zu warten schien und nicht unmöglich der unten harrenden Carrosse , die ein Wappenschild schmückte , angehörte . Aber noch mehr Thüren standen offen , und augenscheinlich herrschte in der Wohnung die größte Verwirrung , wie sie wol nach aufregenden Entdeckungen stattzufinden pflegt . In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu hören . Niemand war zugegen , außer einigen Kindern des Kaufmanns , die sorglos umherrannten . Ist der Vater da ? fragte Lucinde . In seinem Bureau ! hieß es . Die Bedienung schien ausgeschickt zu sein ; auch die Mutter war nicht anwesend . Lucinde kommt näher ; die Teppiche dämpfen ihren Tritt , und schon übersieht sie im Geist , was drinnen vor sich geht . Sie zieht die Thüren hinter sich zu und steht unentschlossen , ob sie klopfen soll oder nicht ... Nein ! ruft der Kaufmann . Sie wieder , Frau Baronin ! Sie sind es jetzt fünfmal gewesen ! Ich schwöre Ihnen , daß ich keine Rücksicht mehr kenne ! Eine Dame Ihres Standes ! Schämen Sie sich ! Aber ich schone Sie nicht mehr , mögen Sie auf ewig gebrandmarkt sein ! Nicht fünf Minuten noch , so werden Sie vor dem Richter stehen ! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen , wie Sie es jetzt schon seit Jahren thun ! Pfui der Schande ! Inzwischen hört man eine weibliche Stimme Beschwörungen und Betheuerungen ausrufen , die von Thränen erstickt werden ... Lassen Sie ! Ich habe kein Mitleid mehr ! ruft der Kaufmann . Seit Monaten beobachte ich Sie ! Seit Monaten bemerk ' ich , daß jedesmal nach Ihrem Besuch im Magazin ein Packet Spitzen , eine Lage gestickter Taschentücher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen . Ich habe die Discretion gehabt , den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden ! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen , so oft Sie das Magazin betraten ! Heute endlich seh ' ich die rasche Handbewegung , als Sie eben einen Ihrer maskirten Käufe abschließen ! Ich folge Ihnen , Sie verlassen den Laden , ich begleite Sie und am Wagen entdeck ' ich , was Sie inzwischen unter Ihrem Mantel verbargen ! Pfui der Schände ! Aber ich kenne keine Schonung mehr ! Lucinde hörte , daß der ungeduldige Kaufmann sich näherte , um zu sehen , ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam . Jetzt aber auch vernahm sie plötzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreißende Klage einer Schluchzenden : Auf meinen Knieen beschwör ' ich Sie , Herr Guthmann ! Ich werde alles erstatten ! Machen Sie mich nicht unglücklich ! Es währte der Auftritt noch eine Weile fort , bis sich die Vorwürfe und Drohungen milderten , das laute Schluchzen der Dame sich legte , zuletzt alles still wurde ... Es wurde sogar so still , so unheimlich still , daß es Lucinden vor Schreck kalt überrieselte . Sie konnte nicht ganz den Vorgängen mehr folgen und dachte sich irgendeine Gewaltthat . Leise , athemlos , unsicher auftretend zieht sie sich an die Thür , klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zurück , wo der galonirte Bediente wartet . Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen , um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren . Der Diener nannte eine der ersten Damen der Stadt . Nicht lange dann währte es , so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des Bedienten aus seinem Bureau zurück . Es war eine schlanke , magere , noch junge Dame , die Lucinde schon oft im Theater gesehen hatte , eine Frau , noch von Jugendreiz und Anmuth überstrahlt . Sie lächelte verlegen ... Auch der Kaufmann lächelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben , etwas besprochen , was vielleicht nicht ganz erledigt war . Die Dame zögert ... Der Kaufmann beruhigt sie mit einem süßen Bitte ! Bitte ! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder . Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt , was sie wolle ? Der Kaufmann kennt sie doch sonst , sah sie oft , war immer sehr artig gegen sie ... in diesem Augenblicke ist er wie abwesend . Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht , daß der Stadtamtmann nicht zugegen gewesen wäre , daß sie aber vom Amte jemand mitgebracht hätte , der unten warte , entschuldigte sich Herr Guthmann mit sich findender Artigkeit wegen » vergeblicher Bemühung « . Mit einem auszurichtenden Gruße an ihre Herrschaft und dem Auftrag , einen stattgehabten » Irrthum « anzudeuten , steigt Lucinde die Treppe nieder . Unten rollt eben die prächtige Carrosse ab . Den mitgebrachten Gensdarmen muß Lucinde gehen heißen . Diese Scene veranlaßte in ihr Aufregungen , die sie kaum beherrschen konnte . So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen , so war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt ! Sie verschloß das Erlebte in sich . Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es , was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte . Entweder fürchtete sie , zu verrathen , daß sie schon trotz ihrer Jugend eine solche Scene verstanden hatte , oder man darf glauben , daß sie einen Genuß darin fand , ein so wunderbares Erlebniß ganz allein für sich zu besitzen , ganz allein für sich zu genießen und überhaupt Dinge zu kennen , die die Nacht mit Grauen bedeckt . 5. In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend , wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden . Unsere Kraft fängt von dem Augenblick an , wo wir etwas wissen , was endlich einmal feststeht , endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der Nadel , nicht mehr auffliegen , nicht mehr wieder lebendig werden , uns widerlegen , irren , wieder zu Anfängern machen und in alle Weiten treiben kann . Die Leute nannten Lucinden allmählich stolz . Ihr Stolz bestand darin , daß sie sich selber emporhob , es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen . Sie wußte so vieles mehr und besser als viele andere , und da sie doch an formeller Bildung zurückstand , auch zu träge und zu unstet war , vielerlei noch zu lernen und nachzuholen - ihre Herrschaft würde ihr dazu , wenn sie ' s begehrt hätte , die Mittel geboten haben - , so trug sie geistig den Kopf mit Bewußtsein ihrer Lücken hoch und erfand sich allerlei Ersatzmittel und Beschönigungen für das , was ihr fehlte . In diesen Erfindungen war sie so glücklich , daß man sie bald das poetische » Hessenmädchen « nannte und sie bewunderte . Sie war naiv mit Bewußtsein . Sie konnte den Blick so senken , wie die Andacht selbst . Sie konnte ihn aber auch wieder aufschlagen , wie jene Medusen , die gerade darum so grausam mit ihren Blicken tödten , weil sie so anziehend sind , so regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmuth haben . Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf , den ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel einer Phorkyde schmücken kann . Der Stadtamtmann , der zu den eigenthümlichen Naturen gehörte , die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer häuslichen träumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden können , erklärte es für einen » radicalen Unsinn « , als auf dem Casino davon die Rede war , sein vielbesprochenes schönes Kindermädchen sollte er die Tracht annehmen lassen , in der Van Embden seine berühmten blumenzupfenden Dorfmädchen gemalt hat . Er hätte sie , wenn ' s nach ihm gegangen wäre , in eine Pension schicken mögen , soviel Respect hatte er vor ihren Gaben . Nur seine Frau theilte den Enthusiasmus nicht . Sie hörte seit lange nur auf die vielen Klagen , die über Lucinden einliefen . Alle jungen Mädchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzückt ; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund mit ihr geschlossen , so nannte man sie treulos , verrätherisch und warnte vor ihr die , die sie empfohlen hatten , und die , die sie noch beschützten . Die einen hoben sie zwar dann in den Himmel , die andern verwünschten sie aber schon . Sie war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion , daß sich der Stadtamtmann die Ohren zuhielt , seine Gattin aber , » um dem Dinge ein Ende zu machen « , ihre Entlassung beantragte . Nichts ist so verderblich für die Jugend , als ungestraft böses Beispiel hingehen sehen . Lucinde sah die vornehme Dame , die eine Diebin war , sehr oft wieder . Sie sah sie auf der Promenade , im offenen Wagen , sie sah sie , von Cavalieren umgeben , im Theater ; ja , eines Tages , eine halbe Meile von der Stadt entfernt , sah sie in einem öffentlichen Lustgarten des Fürsten , nach dem man Partieen zu machen pflegt , die schöne Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns , der sie hätte vernichten können . Sie bedauerte damals , das seltsame , die dunkeln Alleen suchende Paar nicht genauer beobachten zu können , denn der , der sie selbst begleitete , war gerade ein junger Mann aus dem Geschäftspersonal des Herrn Guthmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen . Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen höchst gewandten Herrn Guthmann durch die grünen Laubgänge des Parkes daherkommen sehen , als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag über vermied , sich draußen im Freien zu zeigen . Oskar Binder wußte nichts von den Ursachen dieser so auffallend intimen Annäherung , und Lucinde erröthete noch , wenn sie darüber nachdachte , wie sie es anstellen sollte , zu verrathen , was sie belauscht hatte , und den Preis zu nennen , um den die Baronin ihre äußere Ehre gerettet hatte ... Der schöne Oskar Binder selbst aber gehörte einer achtbaren Familie an und war , wie man behauptete , der zuverlässigste und anstelligste unter sämmtlichen Commis im Bazar Guthmann . Das Vertrauen seines Principals überließ ihm die Verwaltung der Kasse . Durch sein Aeußeres ebenso empfohlen wie durch Namen und Herkunft , kam er in die Kreise des Stadtamtmanns , und viele der jungen Mädchen , Töchter von Räthen und angesehenen Beamten , zeichneten ihn aus . Dennoch warf er sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns befindliche » Henriette « . Daß sie eine Schwester hatte , die noch diente , hatte schon aufgehört ; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer großen , von einem Verein unterstützten Nähanstalt ; ihre Geschwister im Waisenhause sollten zum Militär gebildet werden . So den Uebrigen fast schon ebenbürtig , ergänzte sie , was ihrer Stellung mangelte , durch die Geltendmachung ihrer Persönlichkeit . Der junge Buchhalter hörte , was allmählich alle jungen Männer von den andern Mädchen über Lucinden hörten , daß sie die Störerin des allgemeinen Friedens , eine gefährliche , zu jedem Mittel greifende Kokette wäre . Da sie aber den Reiz des Eindrucks für sich hatte und überdies im Gegentheil kein Wasser zu trüben schien , zog sie alle an . Sie hatte eine Art , bei gemeinschaftlichen Spaziergängen allein zu bleiben , irgend nach einer Blume zu suchen , einen Kranz zu winden , die jeden , den sie mochte , in ihre Kreise zog . Wenn sie den Schein des Dienens annahm , so half man ihr ; wünschte sie selbst etwas , so vollzog man es . Die noch ländliche Betonung ihrer Worte stand ihr besonders naiv ; sie war anziehend in ihren Aeußerungen , und wenn sie lachte , so konnte sie , wenn sie gerade nicht zu weit darin ging , alles mit sich fortreißen . Nur zu weit durfte sie nicht gehen . Schüttete sie sich vor Lachen , wie man zu sagen pflegt , so hatte es den Ausdruck böser Schadenfreude , und all die jungen Mädchen schienen dann recht zu haben , die zuweilen wünschten ihr geradezu » die Augen auskratzen « zu können . Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage , der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleißigen Principal Urlaub gegeben hatte , lieber Lucinden als den übrigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer großen Partie , die einige Verwandte des Hauses , in dem sich Lucinde befand , veranstaltet hatten . Ihre Gegnerinnen behaupteten , daß sie die Kunst , sich in einem Parke plötzlich zu verirren , weidlich verstünde ; aber die , die für sie als Naturkind und » Hessenmädchen « schwärmten , nannten sie einen Elfen , ein romantisches Wesen , das die gewöhnlichen Gleise des Alltäglichen nicht zu wandeln brauche . Heute hatte sie es auf Eichkätzchen abgesehen , deren sie mehrere schon aufgehuscht hatte . Die jungen Männer folgten fast zu stürmisch , fast zu auffallend . Lucinde hatte ebenso das Talent , die Männer für sich allein zu haben , wie das andere , wenn sie wollte , niemand aus der großen Ringkette des gemeinschaftlichen Vergnügens herausfallen zu lassen ; sie sagte dann jedem etwas , was ihn zur Anknüpfung eines Gesprächs ermuthigen konnte . Schon war der junge Buchhalter darüber eifersüchtig , und eben , als er seinen Principal entdeckte , hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren . Als er nun doch zu den andern zurückkehren mußte , fragte sie : Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guthmann ? Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig , worüber sie theils aus Neugier , theils aus Laune in Verdruß gerieth . Aber rings gab es nun Augen , die wußten , daß Lucinde zu den Naturen gehörte , die ihr Gefühl da , wo sie zanken und Vorwürfe machen , mehr offenbaren als da , wo sie schmeicheln und gut scheinen . Jetzt sah man aus ihrem Schmollen , daß Oskar Binder , der schöne Buchhalter , der Bevorzugte war . Als Lucinde sechzehn Jahre geworden , sprach man von ihrer Verlobung mit ihm . Der junge Mann schien eine glänzende Situation zu besitzen . Er überhäufte Lucinden mit Geschenken , und dennoch versicherte er seinen nächsten Freunden ( auf Dinge , die ihm und ihnen sehr heilig waren , in der Form , z.B. » auf Taille « oder » Ich will hier nicht gesund stehen ! « ) daß er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedrückt bekommen hätte . Auch der Stadtamtmann erfuhr diese Versicherungen und rüstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines geliebten Findlings , auf den er einen Theil der Sympathieen für Glaube , Liebe und Hoffnung übertrug , die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte . Da aber kam eines Tages seine Gattin und war über die » teuflische « Natur eines Mädchens im Reinen , das die Neigung ihrer Nichte , der Hofraths-Eveline , zu irgendeinem andern jungen Manne , dem Lieutenant Wallbach , durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen Abend lang in der Schützengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte . Die Hofräthin kam , der Hofrath kam , Eveline wurde krank , der Lieutenant fühlte sich über die vom Hofrath für ihn zur Verheirathung zu stellende Caution und durch die Erwähnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung zurück ; kurz , der Stadtamtmann , Evelinens Onkel , mußte diesem » Familienunglück « eine Satisfaction bieten : sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens . Lucinde , die sich , wie man bitter genug gesagt hatte , » einen andern Dienst suchen « sollte , machte einige Versuche , den Ernst in Humor zu verwandeln . Sie gelangen nicht . Der Stadtamtmann mußte den Schein vermeiden , selbst von ihr bezaubert zu sein . Seine Gattin sagte , » ihr Maß wäre voll « . So zog Lucinde zu ihrer Schwester , der Nähterin ... In dem Behagen ihrer eigenen Interessen that es ihnen allen nichts , ob da ein Leben in seiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht . Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verschwunden . 6. Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder , die eines frühen Morgens in jene zaubervolle , sonnenglanzverklärte Ebene niederfährt , die man von einer großen Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der Sehnsucht und des Entzückens betrachten kann . Berge ringsum ; aber nichts mehr , was bedrückt oder beengt , wie daheim , wo die vier verhängnißvollen Bächlein niedergingen . Ein großer freundlicher Strom schlängelt sich durch Wiesen und Felder hin , und erst die äußersten Ränder desselben sind mit waldigen Höhen umkränzt . Ueber das ganze große Panorama hin die bunteste Abwechselung . Hier grüne junge Saaten , dort die gelben großen Tücher der nordischen Oelpflanze ; dann ein dunkler Eichenforst , hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten ; die Häuser so schmuck mit rothen Ziegeldächern , die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen , die in mäßiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben , und so auf Stunden und auf Meilen hin . Die Berge da , sagte Lucindens Begleiter , sind die Weserberge ! Dahinter geht ' s nach Bremen und dann - nach Amerika ! Es war ein wunderschöner Junimorgen . Die Sonne brannte , und gern hätte Lucinde die Glasfenster des Wagens geöffnet . Ihr Begleiter wollte erst die nächste Station abwarten . Auch dort noch bat er , die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen . Erst gegen zehn Uhr , als sie wol schon fünf Meilen von der von ihnen verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging , öffnete er und ließ das Fenster ganz zurückschlagen . Viel lieber hätte Lucinde die Aussicht genossen , die sich früher dargeboten hatte , Fernblicke auf die rothgedachten Meiereien , altersgraue , aus Busch und Baum hervorblickende Thürme alter Edelsitze und Abteien , Mühlenwerke und Fabriken , deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kräuselnden Nebelwolken erfüllten , wunderliche Kirchthürme , die bald den Minarets der Moscheen glichen , bald aber auch ganz verbuttet aussahen , wie alte Büchsen und Flaschen für Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher Tannenwald , zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz hinauf , an das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte . Belebt war ' s ringsum . Fink , Drossel und Pirol ließen ihren frischen Waldruf ertönen . Aus dem Tannendickicht zur Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräusch , das die Nähe von Holzschlägern verrieth . Zur Linken fiel die Sonne so günstig über die grünen Baumkronen , daß sich ganz jene lieblich magischen