. Diejenigen , welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen , wissen ganz genau , daß einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weißen Schwestern besteht ; warum hat Gott die beiden Racen geschaffen ? Er hat wohl seine Gründe dazu gehabt . Aber wir , Sclavinnen durch Geburt und Verhältnisse , obgleich unser Gesicht nicht eine Idee dunkler ist , als das der Anderen , die mit Verachtung auf uns herabschauen - übrigens bin ich mit meinem Gesichte wohl zufrieden , - wir haben das volle Recht , unseren Zustand bitterer zu empfinden , als jene Anderen . Und welch Herzeleid thut man ihnen , das uns nicht doppelt geschieht ? « » Weil wir Tänzerinnen sind , « seufzte Clara mit gefalteten Händen . » Nicht blos weil wir Tänzerinnen sind , « fuhr die Andere fort . Und bei jedem Worte , das sie sprach , blitzten ihre weißen Zähne . » Seht unter all ' euren Bekannten nach der ganzen Classe , der wir angehören , alle wir , die wir keine Schuld daran haben , daß wir nicht vornehm geboren wurden , wir alle sind Sclavinnen und haben ein härteres Loos als Jene , die wirklich so heißen . « » Da ist ein neues Buch geschrieben worden , « sagte Clara ; » habt Ihr davon gelesen ? Mein Vater übersetzt es zu Hause für einen Buchhändler und ich lese die Correcturbogen . « » Freilich habe ich es gelesen , « erwiderte die andere Tänzerin . » Und die Absicht der Verfasserin ist gewiß lobenswerth ; aber lächerlich ist es , wie man bei uns dafür schwärmt , wie man sich an fremdem , vielfach eingebildetem und übertriebenem Elend wollüstig erlabt , während man dicht vor der Nase dasselbe in noch viel größerem Maßstabe hat . « » Therese spricht wie ein Buch , « versetzte die Blondine . » Aber es ist begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht , Alles zu lesen und dich über Alles belehren zu lassen . « » Das kommt daher , « bemerkte Therese mit ruhigem Tone , » weil ich nur mit gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe . An mir ist mindestens eine ganze Gräfin verloren gegangen . « » Man sagt sogar , du seiest eine halbe Prinzessin , « meinte lachend die blonde Tänzerin . Therese zuckte mit den Achseln , dann fuhr sie fort : » und seht nur die Meisten von Denen an , welche für die Leiden jener unglücklichen Geschöpfe scheinbar so warm fühlen und Alles thun zur Verbreitung des Buches , um der Welt zu sagen , wie schrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe , wie es so christlich und nothwendig sei , jenen Leuten ein paar stille Thränen zu weihen , seht sie euch doch an ! ich kenne ein Paar , die nach der Sclaverei so viele tausend Meilen von sich ausschauen und die zu Hause darüber stolpern ; die das Elend jener unglücklichen Menschen täglich und stündlich beklagen , und die in ihrem Hauswesen und für ihre Mitmenschen selbst die scheußlichsten Sclavenhändler sind . - Ah ! ich rede mich in eine wahre Wuth hinein . « » Und du übertreibst , « sagte Elise . » Worin übertreibe ich ? Bist du nicht verkauft - bin ich nicht verkauft , sind es nicht all die tausend armen Mädchen , die für ihr tägliches Brod arbeiten ? Vorausgesetzt , daß sie hübsch sind . - Und an wen sind sie verkauft ? Vielleicht wie jene Schwarzen an einen Herrn , der sein Interesse dabei hat , sie gut zu behandeln , damit er sie erhält ? - Nein ! tausendmal nein ! Was kümmert sich Dieser oder Jener bei uns um ein armes Mädchen , das ihm heute gefallen ? Er läßt sie durch die Finger gleiten , läßt sie so tief sinken als ihm beliebt ; er fragt nicht , ob sie Hunger und Kälte ausstehen muß , und wenn er ihr nach Jahren begegnet , dem Mädchen , jetzt abgehärmt und elend , das er früher jung und schön in seine Arme gedrückt , so zuckt er verächtlich die Achseln oder er lacht über sie . « » Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen , « sprach nachsinnend die blonde Tänzerin . » Leider ! leider ! « rief heftig die Andere . » Wo könnte man die armen Dinger verkaufen , daß sie in Hände kämen , die sie ordentlich nährten und verpflegten , statt daß Tausende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen ! Und wozu soll Manche ihr Kind erziehen ? Zu dem Geschäft , das sie selbst treibt ? - Ah ! das muß ich sagen , da sieht sie ein glückliches Loos vor Augen und blickt in eine schöne Zukunft , wenn sie ihrem armen kleinen Kinde den rothen Mund küßt ! « » Ja , es ist für Manche besser , wenn sie sterben , « sagte Clara mit leisem , traurigem Tone . » Aber wir leben , « erwiderte Therese , dies energische und schöne Mädchen . » Und ich meines Theils will Allem trotzig die Stirn bieten , was über mich hereinbrechen will . - Denen da draußen , « - damit streckte sie ihre rechte Hand gegen das Publikum aus , das man lachen und applaudiren hörte , - » denen habe ich einen ewigen Krieg geschworen , und ich führe ihn auf meine eigene Art. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern , wenn ich nicht für meine vielen glücklichen Siege noch einmal General würde . « Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken und verschwand in dem Dunkel der Coulissen . Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen , dann sagte sie still für sich : » Sie hat nicht ganz Unrecht . Habe ich doch gestern in dem Buche gelesen , daß die Sclavinnen , ehe man sie verkauft , wie eine Waare untersucht werden . - Ah ! etwas Aehnliches schien der da hinten auf der Bühne auch mit mir vorzuhaben . - Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen . - Fürchterlich ! Fürchterlich ! « seufzte das junge Mädchen , und ein tiefer Schauder durchbebte ihren Körper . Viertes Kapitel . Ein Loch im Vorhange . Das kleine Lustspiel war zu Ende , der Vorhang sank herab , und das Publikum , nachdem es einigen wenigen Applaus gespendet , lehnte sich bequem auf seine Sitze , lachte , scherzte , sprach rechts und links , mit dem Hinter- und dem Vordermann ; und so entstand ein artiges kleines Summen in dem weiten Hause . Dazwischen hörte man Logenthüren auf- und zuschlagen , Sperrsitze niederklappen , kurz das Geräusch der Eintretenden , welche das ihnen langweilige Lustspiel vorbeigehen ließen , um sich jetzt mit frischem Sinn an dem Ballet zu ergötzen . Im Parterre unterhielt man sich von den Schönheiten und den Mängeln des eben vorübergegangenen Stückchens , man sprach von dem neuen Ballet , namentlich aber von der Besetzung desselben , die nun natürlicher Weise , wie immer von diesen Kunstrichtern etwas zu wünschen übrig ließ . Da hätte der diese Rolle übernehmen müssen , und jene Tänzerin die Rolle der Anderen . Von den Dekorationen versprach man sich ohnehin nicht viel ; und was die Maschinerie anbelangt , was war da von einem Maschinisten zu erwarten , dem jeden Augenblick die Flugwerke in der Luft hängen blieben , bei dem die Vorhänge auf halbem Wege nachdenkend wurden , und nicht herab wollten , und durch dessen Schuld die Leute , die nicht versinken sollten , versanken , dagegen Geister , Gespenster und Hexen , die unter die Erde gehörten , hartnäckig und trotz alles Stampfens auf der Oberfläche blieben ! - Auf der Scene bewegte sich ein noch regeres Leben durcheinander . Die Dekorationen des Lustspiels waren weggeräumt ; das Theater stellte einen großen Festsaal vor mit weißen und vergoldeten Säulen ; Kronleuchter wurden herabgelassen und angezündet ; die Tänzerinnen des Balletcorps schwärmten ab und zu und hielten sich viel in der Nähe des Vorhanges auf , wo an den beiden Löchern , durch welche man auf das Publikum schauen kann , immer wenigstens ein halbes Dutzend stand , die sehnlich auf eine Ablösung harrten , um nach irgend Jemand sehen zu können . Geneigter Leser , wenn du dich im Theater befindest und der Vorhang niedergefallen ist , so erscheint dir an demselben alles so einfach und unschuldig . Der langweilige rothe oder blaue Faltenwurf , die Masken oder Köpfe , die darauf gemalt sind , das Alles kommt dir außerordentlich harmlos vor ; für dich ist die Hauptgardine nichts weiteres als ein Vorhang , der das Publikum von der Bühne vollkommen scheidet . Du bemerkst keine Bewegung an demselben , durchaus nichts Auffallendes , wenn du nämlich kein Eingeweihter bist . Wir sehen das Ding schon mit ganz anderen Augen an , heften unseren Blick fest auf den großen Vorhang und sehen , daß derselbe in Zeichen spricht wie der beste Telegraph . In jeder anständigen Gardine befinden sich wie gesagt zwei Löcher mit einigen schwarzen Flecken umgeben , die von Weitem einem Gesichte nicht unähnlich sind , wie man sie denn auch fast den Abdruck eines Gesichts nennen könnte , denn die dicken pomadisirten Augbrauen , die sich beständig dagegen drücken , dunkeln nach und nach durch , ebenso die Schnurr- und Kinnbärte , und treten so allmählig an der anderen Seite hervor . Durch diese beiden Löcher nun wird eine fortwährende und umständliche Conversation mit Diesem oder Jenem aus dem Publikum unterhalten ; natürlich hat jeder seine Zeichen , die er versteht . Eine neue Person , die hinter den Vorhang an jene Stelle tritt , ist dadurch bemerkbar , daß sich derselbe sanft bewegt , was so viel heißt , als : gebt Achtung ! Nun wird ein Finger durchgesteckt , mit oder ohne Handschuh , denn das hat Beides seine Bedeutung : der Finger bewegt sich nach rechts , nach links , nach oben oder nach unten , vier neue Zeichen , die wichtige Dinge telegraphiren . Der Finger bewegt sich auf und ab und erzählt so eine ganze Geschichte ; der Finger verschwindet mehrere Male und kommt mehrere Male wieder , und erklärt damit , wenn und was nach dem Theater geschehen könnte . Oft erscheint die Oeffnung schwarz , dann wird sie plötzlich weiß ; man hält ein Sacktuch daran , ein Zeichen von außerordentlicher Bedeutung . Spricht das Loch im Vorhang nicht , so spricht sie selbst , die sonst so langweilige Gardine ; man bemerkt an irgend einer Stelle , wie sie ein Finger berührt , der sich längs eines Theils der Bühne fortbewegt , oder hinter der Leinwand allerlei Figuren macht ; man entdeckt ein paar Füßchen , die den Versuch machen , sich unter der Bordure einzubohren ; man sieht endlich , wie der Vorhang an den beiden Seiten zuweilen , anscheinend ohne alle Absicht , eine kleine Bewegung macht . Alles das hat seinen Grund , lieber Leser und wenn du dir einmal zufällig die Mühe geben willst , diese Zeichen und damit die strahlenden Blicke deiner Nachbarn und Nachbarinnen , sowie auch andere Zeichen zu beobachten , welche diese gegen den Vorhang machen , so hast du im Zwischenakt viel Vergnügen und du amusirst dich während desselben oft weit besser als in manchen langweiligen Stücken . Die Solotänzerinnen sind jetzt auch auf der Bühne erschienen . Doch ist es im gegenwärtigen Augenblicke nicht der Mühe werth , viel von ihnen zu sagen . Sie dienen dem Theater schon seit einer ziemlichen Reihe von Jahren und sind dadurch wohl größere Künstlerinnen , aber weder jünger noch hübscher geworden . Es ist das fast bei jedem Theater anders : dort ist das Balletcorps verbraucht und unansehnlich und die Solotänzerinnen jung und frisch , anderswo umgekehrt . Und gerade so war es auch hier der Fall . Dafür ergab sich aber für die jungen hübschen Mädchen vom Chor auch nicht die geringste Aussicht , einen Solotanz zu erhalten ; die alte Garde hielt hartnäckig an ihrem Privilegium und nahm keine jungen Rekruten in ihre Reihen auf . Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture ; endlich flog der Vorhang empor , das Publikum beklatschte den Glanz und die Pracht der Dekoration , und die Geschichte nahm mit einem strahlenden Ballfeste ihren Anfang . Die Musik erklang lustig und herausfordernd , Tänzer und Tänzerinnen wogten lebhaft durcheinander , jetzt in scheinbarer Unordnung , aus welcher sich aber die schönsten Figuren entwickelten . Die ganze Bühne war angefüllt mit buntfarbenen seidenen Gewändern , mit Gold- und Silberstickerei , mit fliegenden Schärpen , blitzenden Brillanten und wallenden Federn . Vollkommen geblendet war das Auge der Zuschauer und kam erst wieder zur Ruhe nach der ersten Scene , nachdem das Balletcorps auf allen Seiten verschwunden war , nachdem die Klingel ertönt , die Dekorationen gewechselt und das Theater einen Garten bei Mondscheinbeleuchtung darstellte , wo er und sie sich fanden und verstanden . Nach so einem großen anstrengenden Tanze kommen die armen Tänzerinnen gewöhnlich in einer Verfassung hinter den Coulissen an , welche Aehnlichkeit mit der von jungen Rennpferden hat , welche trainirt werden . Die Stärksten und Ausdauerndsten unter ihnen tanzen von der Bühne ab , um hinter derselben schwer athmend stehen zu bleiben ; Andere erreichen zur Noth wohl eine Bank oder einen Stuhl , wo sie sich niederlassen können . Die Schwachen und Unbehülflichen haben aber nicht sobald die schützende Coulisse erreicht , als sie krampfhaft irgend einen Pfahl oder eine Latte fassen , die Hand an das Herz pressen , die Stirne irgendwo anstützen und in Schweiß gebadet allmählig und keuchend ihren Athem an sich ziehen . Alle aber sind erschöpft , und wenn Manche sogar in diesem Augenblicke lachen und plaudern , so geschieht es doch mit großer Anstrengung und mit auf- und abwogender Brust . Dabei wird aber der Anzug und die Frisur nicht außer Acht gelassen und die Eine beschäftigt sich mit der Anderen , hier eine Locke wieder aufzustecken , dort eine Schleife zu befestigen , oder einen Schleier , der sich gelöst hat , wieder anzubinden . » Das muß ich schon sagen , « meinte Demoiselle Therese , eine der Ersten , die wieder vollständig zu Athem kam . » Der Kapellmeister ist heute wieder einmal ganz von Sinnen . Hat man je ein so rasendes Tempo gesehen ? Mir ward mein Leibchen zu eng , und das will doch viel sagen « . - » Armer Schatz , « wandte sie sich an eine schmächtige Collegin , welche , die heiße Stirne an einen Balken gedrückt , vergeblich darauf zu warten schien , daß sich ihr Herzschlag beruhige , » dich habe ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten ; ich werd ' s aber dem da drunten stecken , wenn er im Zwischenakt heraufkommt . - - Fühlst du dich unwohl ? « wandte sie sich abermals an die erschöpfte Collegin . Diese schüttelte mit dem Kopfe und versetzte nach einer längeren Pause : » unwohl gerade nicht , aber es hat mich furchtbar angegriffen ; wenn du mich nicht aufrecht gehalten hättest , so wäre ich am Soufleurkasten niedergestürzt . Ich danke dir , Therese . « » Keine Ursache , « entgegnete diese , » aber ich will dir was sagen : du bist zu fest geschnürt , laß dich ein Bischen loser machen . « » Ich kann nicht , « sagte die Andere mit leiser Stimme , » mein Kleid ist mir so eng genug ; ich würde mich gerne krank melden , aber wenn ich das jetzt schon thue , so muß ich fürchten , entlassen zu werden , und wovon soll ich alsdann leben ? « Demoiselle Therese zuckte die Achseln und wandte sich hinweg . » Armes Geschöpf ! « murmelte sie zwischen den Zähnen . Dann winkte sie jener Tänzerin , die sich in der Garderobe neben Clara angezogen , und die mit verweinten Augen in der Fensternische gestanden . Die Beiden gingen etwas abseits und stellten sich hinter eine Felspartie , die im dritten Akte vorkommen sollte . » Du hast mir etwas mitzutheilen , « sprach Demoiselle Therese hier zu ihrer Collegin . » Elise hat es mir gesagt . « » Es ist mir recht lieb , daß ich mit dir sprechen darf , « antwortete die andere Tänzerin . - » Aber haben wir auch Zeit ? « » Ueber eine Viertelstunde ; die langweilige Gartenscene dauert Wenigstens zehn Minuten , dann kommt der Chor der Ritter und Burgfräulein , bei dem wir ja nichts zu thun haben . - Nun , fängt deine Tante endlich an , dich zu plagen ? « Das junge Mädchen nickte mit dem Kopfe und sah einen Augenblick stumm vor sich nieder . Dann sagte sie : » du kennst meine Tante ? « » Leider kenne ich sie . Der Teufel soll sie holen ! - Aber weiter ; ich habe immer geglaubt , du erfahrest nichts von ihrem heimlichen Geschäfte . « » Lange erfuhr ich auch nichts davon , « versetzte Marie . » Gott ! wenn man sechszehn Jahre alt ist , hat man ja keine bösen Gedanken . Und dann habe ich im Hause auch nie was Schlimmeres bemerkt ; wir leben wie die ruhigsten Bürgersleute . « » Ja , ja , das glaube ich wohl , « lachte Therese . » Madame vermittelt blos . - Nun , und endlich ? « » Was soll ich sagen , endlich ? Schon seit mehreren Wochen spricht sie von der schweren Zeit , von dem wenigen Verdienst , den ich habe ; meine Wäsche allein koste mehr , sagte sie , und daß es auf längere Zeit nicht so gehen könne . - - Warum ich mir keinen Geliebten anschaffe ? meinte sie neulich . « » Ah ! zu einem Geliebten wird sie schon Einen in Aussicht haben . Tritt dir Jemand häufig in den Weg , auf den du Verdacht hast , oder kommt irgend wer in ' s Haus , dem sie dich verkaufen will ? « » Nein , nein , « sagte das junge Mädchen , » in meine Nähe kommt Niemand . Und doch hat sie Jemand in Aussicht für mich . « » Also ein kalter Handel ! « sprach verächtlich die schöne Tänzerin . » Pfui Teufel ! das ist sehr unangenehm . « » Nicht wahr , es ist schrecklich , Therese ? O gib mir einen Rath ! Ich habe ja Niemand auf der Welt , dem ich mich anvertrauen könnte , Niemand , der mir die geringste Hülfe leiht , wenn ich mich weigere . « » Es ist eine vollkommene Niederträchtigkeit , « entgegnete Demoiselle Therese nachdenkend . » Aber wenn du nichts Näheres weißt , so ist dir schwer zu helfen . - Wer ist ' s denn ? Hat man dir keinen Namen genannt ? « » Den Namen kann ich dir nicht sagen , aber er kam einmal in unser Haus und zufällig war ich im Nebenzimmer und habe an der Thüre gehorcht . Da hat sie freilich gesagt , sie wolle mich nicht zwingen , aber es wäre ihr recht , wenn sie sich so aus der Verlegenheit reißen könne . « » Du hast ihn also gesehen ? « » Ja ! « » Und kennst du ihn nicht ? « » Nein . « » Ist es ein junger Mann ? « » So ziemlich ; in die Dreißig . « » Aber liebes Kind , « versetzte halb ärgerlich Therese , » wenn du mir keine genaueren Kennzeichen anzugeben im Stande bist , so kann ich dir keinen Rath ertheilen . Ich muß vor allen Dingen wissen , um wen es sich handelt ; ich muß den Feind kennen , wenn wir den Krieg beginnen wollen . Erkundige dich also , wenn du kannst , nach seinem Namen . « » Vielleicht kennst du ihn . « » Wohl möglich , wenn ich ihn sehe . « » Ich will ihn dir zeigen . « » So ist er also im Theater ? « » Ja , ich habe ihn gesehen . « » Ah ! das ist etwas Anderes , « erwiderte die Tänzerin lachend . » Dann wollen wir ihn im Zwischenakt beobachten , und wenn ich ihn kenne , will ich dir aufrichtig sagen , ob da viel oder wenig zu befürchten ist . « Hiemit hatte die Unterredung ein Ende , denn der Inspicient rief in diesem Augenblicke : » Meine Damen , das dritte Tableaux beginnt ! « Die Klingel ertönte ; die Dekoration wechselte abermals ; das Theater stellte einen weiten Park vor , die beiden unvorsichtig Liebenden freuen sich ihres Lebens inmitten des ebenfalls lustigen Hofstaates , da erscheint plötzlich der Herzog , begleitet von Fackelträgern und jetzt erfolgt die Scene , wie wir sie schon oben beschrieben . Fürchterlich schön war der Herzog anzusehen , und als er so über die Bühne dahinglitt , angefüllt mit Wuth und Rachedurst , die Fäuste geballt , den Bart ordentlich emporgesträubt , da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu Theil . Die unglückliche Braut sinkt nach ihrem großen Pas de deux in Ohnmacht , der ganze Chor macht übermäßige Anstrengungen , Entsetzen , Schrecken , sowie alle möglichen Leidenschaften auszudrücken , und - der Vorhang fällt . Es war ein Glück , daß die Solotänzer und Tänzerinnen sich im Zwischenakte umziehen mußten , denn sonst wäre an dem Vorhang nicht so bald eine Oeffnung frei geworden . Auch ohnedies mußte Demoiselle Therese ihr ganzes nicht geringes Ansehen aufwenden , um ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gespenster und junger Teufel , die im letzten Akt vorkommen , zu verscheuchen , bis sie endlich an der Gardine einen Platz erobern konnte . Dann stellte sie ihre Collegin vor sich hin und sagte : » jetzt schau durch und sage mir , wo er sitzt . « Die andere Tänzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Oeffnung , dann trat sie zurück und bat Therese , hinauszuschauen und mit dem Blick ihren Erklärungen zu folgen . » Du siehst , « sagte sie , » die königliche Mittelloge , von der zähle rechts vier Säulen . - Hast du ? « » Allerdings , « entgegnete Therese , » doch ich sehe da Niemand als den alten General von L. « » Ja , aus dem ersten Rang , « erwiderte die Andre eifrig . » Ich meine aber den zweiten Rang . « » Ah ! du meinst den zweiten Rang ! « versetzte Demoiselle Therese in gedehntem Tone . » Das wird sich kaum der Mühe verlohnen . - Nun , wir wollen nochmals zählen . Die erste , zweite , dritte , vierte Säule - halt ! « Hierauf schaute sie einen Augenblick aufmerksam hinaus , dann fuhr sie heftig zurück und rief aus : » ah ! Marie ! du mußt dich irren ; der Herr in der dritten Loge kann ' s doch nicht sein ! Oder ist der , den du meinst , vielleicht grade weggegangen ; sieh noch einmal hin . « Die jüngere Tänzerin sah nach dieser Aufforderung über die Achsel ihrer Freundin , dann , sagte sie ruhig : » nein , er sitzt noch da ; sieh , er scheint sich zu langweilen , er legt den Kopf in die Hand . « » Ganz richtig . Und du irrst dich nicht ? « » Wie sollte ich mich irren ! Ich habe ihn vorhin ganz deutlich gesehen und gleich erkannt . - Du weißt also , wer er ist ? Und die Dame , die neben ihm sitzt ? « - » Die Dame , die neben ihm sitzt , ist seine Frau . - Schöne Geschichten ! « » Das wäre schrecklich ! « rief das junge Mädchen aus . » Was ist da zu thun , Therese ? O deute nach ; du mußt mir helfen ! « Diese blickte , ohne eine Antwort zu geben , noch eine Zeit lang in das erleuchtete Haus , dann trat sie einen Schritt zurück und auf ihrem schönen Gesichte zeigte sich ein finstres Lächeln . Sie preßte die Lippen zusammen , stemmte die rechte Hand in die Hüfte und fuhr mit der Linken über die Stirne , während sie eifrig nachzudenken schien . - » Ja ja , es wird gehen , « sagte sie nach einer längeren Pause . » Warte , Heuchler ! « » Du kennst ihn also ? « fragte Marie . » O ja , ich kenne ihn , obgleich ich ihn nie gesprochen . Das ist einer von den scheinheiligen Bösewichtern , welche die Achsel zucken , wenn man nur vom Ballet spricht ; mit dem Haus habe ich überhaupt eine Geschichte abzumachen . Du weißt , meine Schwester ist eine Nätherin ; sie suchte die Kundschaft dieses Hauses nach ; Madame war nicht abgeneigt dazu , und meine Schwester glaubte schon so glücklich zu sein , dort hie und da etwas verdienen zu können . Der Herr aber meinte , eine Arbeiterin von unbescholtener Familie wäre ihm lieber . - Von unbescholtener Familie ! « setzte die Tänzerin hinzu und biß ihre Zähne übereinander . » Das war vor vier Jahren , und die Aeußerung ging allein auf mich , und war ich doch damals so unbescholten wie nur eines der jungen Mädchen auf allen Gallerien ; aber ich war eine Tänzerin und somit ein verlorenes , bescholtenes Geschöpf . - Doch wir wollen uns revanchiren ! « » Was soll ich aber thun ? « » Vorderhand sollst du nichts thun , und mir nur genau berichten , wie die Angelegenheit steht , « antwortete Therese . » Aha ! « fuhr sie spöttisch lachend fort und machte einen tiefen Knix gegen den Vorhang , » man will sich mit dem Ballete einlassen - gut denn ! ich erkläre dir da oben den Krieg ; du sollst einen heftigen Kampf haben und keine Schonung . « Fünftes Kapitel . Clara . Wie alles in dieser Welt ging auch das Ballet zu Ende ; der Liebhaber der Braut wurde auf die eine oder andere Art tanzgemäß weggeschafft , der Herzog verzieh , und im letzten Akt fand eine ungeheuer glänzende Vermählung statt , wozu der magere Tänzer mit der ersten Tänzerin einen Pas de deux nach allen Regeln der Kunst tanzte . Eines bemühte sich , seinen Körper noch unschöner zu verdrehen als das Andere , und beide zusammen strebten darnach , dem Publikum zu beweisen , zu welch erstaunlich unzweckmäßigen Wendungen und fürchterlichen Verzerrungen man die menschlichen Glieder mit Kunst und Ausdauer zu bringen im Stande sei . Namentlich der magere Tänzer setzte Alles in Erstaunen , und man hätte darauf schwören mögen , er habe im Rücken ein besonderes Gelenk und seine Kniee können sich wie bei einem Nürnberger hölzernen Collegen einwärts und auswärts biegen . Dabei überboten sich beide in übermäßigen Pirouetten und wahnsinnigen Sprüngen . Schnellte die Tänzerin bei einer sanften Melodie einen Schuh vom Boden empor , so brachte es der Tänzer mit Pauken , Trompeten , mit Tschambidibam und Bumbidibum , mindestens auf zwei und einen halben . Und hiebei nicht genug , daß er mit Gottes Hülfe wieder auf seine Füße niederfiel : er machte auch während des Herabfallens die schauerlichsten Versuche , schief gegen den Fußboden zu kommen , was vielleicht außerordentlich schwierig , jedenfalls aber sehr häßlich war . Dazu spielte die Musik immer toller , Tänzer und Tänzerin lachten immer krampfhafter gegen einander und gegen das Publikum ; zuletzt hatte die ganze Geschichte etwas Hexenartiges und man konnte der Befürchtung nicht los werden , es sei für die Beiden da oben hier auf Erden Alles vorbei , irgend ein gespenstiger Wirbelwind führe sie fort in unabsehbare Weiten nach öden , unendlichen Haiden , und dort müßten sie sich ohne Publikum fort drehen , immer fort bei Sonnenschein und Mondeslicht ; oder plötzlich säßen sie à cheval auf ein paar tüchtigen Besenstielen und führen rechts und links in die Luft auf . Doch ehe es zu diesem fürchterlichen Ende kam , fiel glücklicher Weise der Vorhang , das : Publikum applaudirte und verließ alsdann stürmisch das Theater . Auf der Bühne wurden die Lampen ausgelöscht und schon nach einer Viertelstunde lagen die vorhin noch so erhellten und belebten Räume in nächtlichem Dunkel und tiefem Schweigen da . Wenn einer der alten Zimmerleute , der über die Bühne hinweg und nach Hause ging , zufällig hustete , so schallte es gerade in dem weiten leeren Hause , als habe oben auf der vierten Gallerie eine sehr bekannte Stimme ebenfalls gehustet . Die Garderoben allein waren noch voll Leben , Licht und Bewegung . Letztere aber hatte nichts mehr von der ruhigen Emsigkeit des Anziehens ; man sah keine Tänzerinnen mehr behaglich vor dem Spiegel stehen , wie zu Anfang des Stückes ; jede beeilte sich mit dem Ausziehen , streifte Leibchen und Röcke herunter so rasch wie möglich und schlüpfte in ihre gewöhnlichen Kleider . Die Tricots auszuziehen , hätte für jetzt viel zu viel Zeit in Anspruch genommen , weßhalb die meisten sie anbehielten , Strümpfe und Schuhe darüber zogen und durch diese kleinen Kunstgriffe in einer unglaublich geschwinden Zeit zum Nachhausefahren bereit standen . Schwindelmann erschien an der Thüre und die , welche zuerst fertig waren , wurden auch zuerst nach Hause geführt ; daher auch der Wetteifer , mit welchem das Auskleiden vor sich ging . Demoiselle Clara hatte ihre Toilette mit größerer Ruhe gemacht , Tricots , Schuhe und was dazu gehört , ausgezogen und ordentlich hingelegt , alsdann ihre