und Färbungen desselben ineinandergeflochten , ohne Kenntnis und Beurteilung ihrer natürlichen Stellung unter- und gegeneinander . Dem Rationalismus hing die romantische Caprice am Arm , das Schillersche Pathos und der britische Humor , Jean Paulsche Religiosität und Heinesche Eulenspiegelei schillerten durcheinander wie eine Schlangenhaut ; die Beschwörungsformeln aller Richtungen hatte er im Gedächtnis und sah darum begeistert das vor ihm liegende Land als einen großen alten Zaubergarten an , in welchem er als ein willkommener Wanderer mit jenen Stichworten köstliche Schätze heben und wieder in seine Berge zurücktragen dürfe . Neugierig schaute Heinrich , näher hinzufahrend , in die dämmernde Waldnacht hinein , welche nur spärlich vom Mondlicht durchschienen ward , und als ein Reh aus dem Busche an das Ufer trat , ein in der Schweiz schon seltenes Tier , da begrüßte er es freudigen Mutes als einen freundlichen Vorboten . Es war übrigens gut , daß er keine solidere und gefährlichere Schmuggelware in seinem leichten Fahrzeuge führte als solche Hoffnungen ; denn ein Wächter des deutschen Zollvereins war dem Schifflein schon geraume Zeit mit gespanntem Hahn nachgeschlichen , um zu spähen , wo es etwa landen möchte . Sein Rohr blinkte hin und wieder matt vom Scheine der mondbeglänzten Wellen . Der Ostermontag sah den jungen Pilger schon früh den Rhein hinauf und Hussens Brandstätte vorbei über den weithin leuchtenden Bodensee fahren . Das schöne Gewässer , welches vom Mai bis zum Weinmonat der paradiesischen Landschaft zur Folie dient , machte jetzt noch seinen Reiz und seine Klarheit für sich selbst geltend , und das mehr und mehr im blauen Dufte verschwindende Ufer des Thurgaus schien nun bloß um der schönen Umgrenzung des Sees willen dazusein . Sanft und rasch trugen die Fluten das Schiff an das fremde Gebiet hinüber , und erst als eine Schar grämlich-höflicher Bewaffneter den plötzlich Gelandeten umringte und von allen Seiten musterte , tat es ihm fast weh , daß an der Schwelle seines Vaterlandes ihn gar niemand um sein Weggehen befragt und besichtigt hatte . Ein Fuhrmann mit einer leer dastehenden alten Reisekutsche trug Heinrich für wenig Geld die Weiterbeförderung an , und bald kutschierte dieser tief in das » Land der Zukunft « hinein . Die Sonne schien tapfer , er saß hoch auf dem Bock , immer noch die verwelkte Primel auf der Mütze , und führte die Zügel der beiden mageren Gäule , während der Fuhrmann neben ihm sich einem süßen Müßiggange überließ und mit den befreundeten Stallknechten aller Gasthäuser am Wege geläufige Witz- und Schimpfworte austauschte . Das Land wurde bald flach und kornreich , doch die Ortschaften lagen unverbunden und einsam da , das Volk war schweigsam und eintönig in seinem Aussehen . Aber Heinrich besaß eine unverwüstliche Pietät für die Natur ; wo keine Gebirge und Ströme waren , da fand er jedes Gehölz , einen stillen Ackergrund , einen besonnten Hügel reizend um der » Stimmung « willen , die darauf lag , und seine Verbündeten waren hiebei die Atmosphäre und die Sonne , welche ihm jeden Busch zu etwas gestalten halfen . Und schon früh hatte er , ohne theoretische Einpflanzung , unbewußt , die glückliche Gabe , das wahre Schöne von dem bloß Malerischen , was vielen ihr Leben lang im Sinne steckt , trennen zu können . Diese Gabe bestand in einem treuen Gedächtnis für Leben und Bedeutung der Dinge , in der Freude über ihre Gesundheit und volle Entwicklung , in einer Freude , welche den äußern Formenreichtum vergessen kann , der oft eigentlich mehr ein Barockes als Schönes ist . So war er imstande , einen mächtig in den Himmel strebenden Tannenbaum mit frohem Auge zu betrachten , während ein anderer denselben sogleich auf die Kunst bezog und die störende steife Linie hinwegwünschte und irgendeinem recht zerrissenen verkrüppelten Birnbaum nachlief . Das glänzende ungebrochene Grün einer Wiese , eines Buchenwaldes im Frühling erquickte seinen Blick , indessen jener den » giftigen Ton « beklagte und ein Stück faulen Sumpf bewunderte . In dieser Weise , die Natur zu ergreifen , war er über das malerische Verständnis hinaus zum allgemeinen Dichterischen zurückgelangt , welches vom Anfang an in jedem Menschen liegt , und dieses zeigte ihm auch noch etwas Schönes , wo der Maler darbte . Deswegen ließ Heinrich auch jetzt seine Augen schweifen , links und rechts vom Wege , und guter Laune wurde in einem ansehnlichen Dorfe haltgemacht . Der arme fahrende Schüler sah sich an den runden Sondertisch des Gasthauses versetzt und begann eben , still auf seinen Teller schauend , an die heimatliche Mittagstafel zu denken , als ein herrschaftlicher Wagen mit Wappen und Bedienten heranfuhr und seine Inhaber unter großem Geräusch der Wirtsleute in die Stabe traten . Es waren eine schöne Dame von etwa dreißig , ein noch schöneres Mädchen von funfzehn Jahren und ein großer feiner Herr im besten Mannesalter , welcher von dem Wirt untertänigst Herr Graf genannt wurde . Diese Umstände waren hinreichend , um für den unerfahrenen Heinrich ein kleines Abenteuer zu sein . Obgleich er sich gegen allen ungebührlichen Respekt gewappnet fühlte , konnte er doch nicht umhin , einige neugierige Blicke nach diesen überbürgerlichen Wesen hinzuwerfen , von denen er noch keines in der Nähe gesehen hatte und die jetzt am gleichen Tische Platz nahmen . Das nahe Rauschen und Knistern der seidenen Gewänder machte ihn befangen und behaglich zugleich , und während er sich mit seinen Händen und seinem Eßwerkzeuge möglichst enge zusammenhielt , hätte er sich doch um keinen Preis ganz von seinem Plätzchen hinweglocken lassen ; denn wie zwei Frühlingssonnen ruhten die offenen kindlichen Augen des jungen Mädchens auf ihm . Er wagte auch bald das zweite Paar Blicke auszusenden , welche diesmal auf die ältere Dame trafen , wie sie ihn mit einem eiskalten , merkwürdigen Gesichte ansah und gar nicht zu bemerken schien , daß er sie ebenfalls betrachtete . Nachdem sie den rotgewordenen Heinrich eine Weile angesehen hatte , wandte sie ihre Augen wieder von ihm , wie wenn sie nur auf einem Krug oder einem Stuhl geruht hätten , ohne irgendeinen jener feinen Übergänge , welche artigen und rücksichtsvollen Leuten in solchen Fällen schnell zu Gebote stehen . Diese Augengrobheit bewirkte , daß er von nun an nicht mehr aufsah und sich bestrebte , so bald als möglich vom Tische zu kommen . In diesem Bestreben schien ihn ein allerliebstes Bologneserhündchen unterstützen zu wollen , welches , auf dem Tische umherlaufend , plötzlich vor seinem Teller ein Männchen machte . » Ach , sieh den kleinen Schelm ! « rief die Dame mit kindlicher Freude ; Heinrich hielt dem Tiere unwillkürlich ein Stückchen Kuchen hin , da rief sie dasselbe sogleich zurück , und als es nicht kam , ergriff sie es unwillig beim Pelze und setzte es vor sich hin . » Willst du wohl dableiben , du Landstreicher ? « sagte sie , als der Graf hinzutrat und bemerkte » Aber , Emilie , tu doch den Hund vom Tisch , wir sind ja nicht allein ! « Emilie aber entgegnete mit einer unnachahmlichen Unbefangenheit » Ach Gott , das arme Tierchen wird doch niemanden genieren ? « Jetzt erst merkte Heinrich die neue Ungezogenheit und wollte diese übermütige Person heimlich mit irgendeinem Schimpfworte bedienen , als die Kleine das Hündchen auf den Schoß nahm und mit ihren feinen Händchen in festen Banden hielt . Zugleich trat der Herr zu ihm und redete ihn an : » Mein Herr , ich habe soeben von Ihrem Kutscher vernommen , daß wir den gleichen Weg reisen . Auch ich bin hierhergekommen , um mittelst der Post bis zur nächsten Eisenbahnstation zu gelangen . Da Sie aber ganz allein sind , so haben Sie vielleicht nichts dagegen , wenn ich mich zu Ihnen geselle ? Denn ich ziehe die gemütliche Kutsche bei diesem Wetter dem dumpfen Postwagen vor ; auch mein Gepäck , welches nicht beträchtlich ist , dürfte noch neben dem Ihrigen Platz finden . « Heinrich erwiderte etwas unbeholfen , daß er gar nichts zu verfügen hätte , indem es dem Kutscher freistände , so viel Passagiere aufzunehmen , als er unterbringen könne . Die große Dame hingegen rief » Du wirst dich doch nicht in den alten Rumpelkasten setzen wollen , mit dem schmutzigen Fuhrmann auf dem Bock ? Nein , da dank ich dafür ! « » Wenn du ein Herz für mich hast , liebe Schwester « , sagte der Herr , » so wünschest du mir vielmehr Glück dazu , daß ich einige Stunden lang die freie Luft und das schöne Wetter genießen kann ! « » Gut , daß wir diesmal nicht mitreisen , sonst würdest du uns am Ende noch zwingen , mit einzusitzen ! « » Ebensowenig als ich euch zumuten würde , die Post zu gebrauchen ! « » Zur Strafe werden wir deine glorreiche Abfahrt aber auch nicht abwarten , sondern sogleich zurückfahren ! « » Das kann ich auch gern erlauben ; denn dieser Herr und ich werden uns unmittelbar nach euch auf den Weg machen . « Während dieses Gespräches hatte sich zwischen Heinrich und dem jungen Dämchen ein artiger stummer Verkehr entsponnen . Das Hündchen auf ihrem Schoße blickte beständig nach dem Stückchen Kuchen hin , welches verlassen und unerreichbar auf dem Tische lag , das Mädchen langte danach , Heinrich anblickend , wie um Erlaubnis zu bitten , konnte es aber nicht erreichen , so daß er es ihr näher hinschob . Der Hund mußte nun seine Künste machen , ehe er den Kuchen erhielt , Heinrich legte ein anderes Stück auf die neutrale Mitte des Tisches , von wo es das freundliche Kind wegholte , und so ging es fort , bis der Vorrat verzehrt war . Dabei hatte sie den Fremden nicht mehr angesehen , jedoch so laut und fröhlich zu dem Tierchen gesprochen und die Hände so fest und traulich nach dem Backwerke bewegt , daß er sich wohl als zur Gesellschaft gehörig betrachten durfte , und er erwiderte auch diese Freundlichkeit durch die größte Stille und Bescheidenheit . Als der Graf nun die Damen nach dem Wagen hinausführte , um dort von ihnen Abschied zu nehmen , grüßte die Kleine unter der Türe Heinrich ganz allerliebst , und dieser machte dem unerwachsenen Kinde ein so ernsthaftes Kompliment , als wenn er die ehrwürdigste Matrone vor sich gehabt hätte . Indessen hatte sich im Gastzimmer eine Gesellschaft von sechs bis sieben Männern eingefunden , sämtlich mit runden vollen Gesichtern und blonden Schnurrbärten verschiedensten Schnittes . Sie trugen graue Jagdröcke mit grünen Aufschlägen , und einige waren mit Sporen versehen . Bald hatte jeder einen schäumenden Krug Bier vor sich , welches , nebst einer beabsichtigten Kegelpartie , auch der Hauptinhalt des lauten Gespräches war , aus welchem es sich weiter ergab , daß sämtliche Gesellschaft aus Gerichtsassessoren , Forstleuten , Steuerbeamten und dergleichen bestand ; auch ein Physikus war dabei . Äußerlich konnte man sie nicht unterscheiden , weil alle gleich rüstig und forstmäßig aussahen , und Heinrich betrachtete sie mit Wohlgefallen und gestand sich , daß diese sporenklirrenden Beamten in ihren Jagdtrachten sich keck und malerisch ausnähmen im Gegensatz zu den nüchternen und friedlichen Würdeträgern in den Dörfern seines Vaterlandes . Die Männer sprachen viel von Büchsen und Kugeln , und er schrieb ihnen deswegen auch einen gehörigen Verstand zu , von seiner Heimat her gewohnt , denselben meistens bei guten Schützen und wehrhaften Leuten zu finden . Über diesen Betrachtungen hatte er achtlos den Kopf bedeckt , um sich das Anlegen seines Mantels , das Bezahlen seiner Zeche und dergleichen bequemer zu machen , und näherte sich schon der Türe , als einer der Herren vor ihn hintrat und ihm die Mütze vom Kopfe nahm mit den Worten » Wenn Sie nicht wissen , mein Herr , was hierzulande Sitte ist , so ist man genötigt , es Ihnen deutlich zu zeigen ! « - Heinrich sah ganz verblüfft auf den Redner , dann auf die großen Bierkrüge und in der braunen Stube umher ; seine Augen glitten aber ab von den höhnischen Gesichtern , auf welche sie trafen und die darauf hinwiesen , daß diese Szene das Resultat einer förmlichen , vorhergehenden Beratung war ; denn alle Genossen des Angreifers standen im Kreise um ihn herum . Jetzt erst wurde er feuerrot und stammelte zornig » Wie können Sie sich unterstehen - « , dabei hob er seine Mütze vom Boden auf , drehte sie krampfhaft zusammen und hatte nicht übel Lust , den Mann damit ins Gesicht zu schlagen . Zugleich riefen verschiedene Stimmen » Sein Sie ruhig , oder man wird Sie hinauswerfen ! « » Ich ersuche Sie , das bleibenzulassen , meine Herren ! « sagte der Graf , welcher hereinkommend alles mit angesehen hatte , mit entschiedener Stimme und trat neben Heinrich . » Wenn hier jemand « , fuhr er fort , » keine Lebensart besitzt , so ist es jedenfalls nicht dieser junge Mann , und insbesondere verwahre ich mich dagegen , daß es deutscher Sitte gemäß sei , einen harmlosen Reisenden durch Tätlichkeiten zu belehren ! « Die Anwesenden hatten sich schon stillschweigend zurückgezogen , und der dicke Wirt , welcher vorhin keine Miene gemacht hatte , den Fremden in seinem Hause zu beschützen , war in angstvoller Verlegenheit . Nur der Anführer der Beamtengesellschaft erwiderte mit unsicherer Stimme » Wenn wir von einem Fremden die gebührliche Achtung verlangen , so geschieht es in Rücksicht auf des Königs Majestät , dessen Stellvertreter wir sind . « » Es liegt schwerlich im Wunsche des Königs , daß seine Beamten sich hinter den Bierkrug lagern , um darüber zu wachen , daß jeder Reisende im Lande den Hut abzieht ! « Damit faßte der Graf seinen Schützling unter den Arm und ging mit ihm hinaus . Die Beamten liefen in großer Verwirrung in der Stube umher und ergriffen stumm und grimmig ihre Krüge ; sie schämten sich nicht voreinander , sondern vor den Wirtsleuten , welche Zeugen ihrer Demütigung gewesen waren . Nur einer sagte » Das war wieder einmal Wasser auf seine Mühle , da konnte er seine merkwürdigen Launen wieder auslassen ! Schade , daß er mit seinem Spleen nicht in England zu Hause ist ! « » Ich glaube , er würde noch lieber nach Amerika gehören « , versetzte ein anderer mit pfiffigem Ausdruck . - In dem alten Wagen , als derselbe auf der Landstraße dahinfuhr , saßen die beiden Neubekannten anfangs schweigend und verstimmt . Heinrich aus guten Gründen ; denn die leiseste Berührung einer fremden männlichen Hand in feindlicher Absicht jagt das Blut immer in eine heftige Wallung und hat schon oft genug Mord und Totschlag zur Folge gehabt ; sein Begleiter hingegen mochte etwas ärgerlich darüber sein , daß er in so kurzer Zeit einen unscheinbaren Fremden wiederholt gegen die Ungezogenheit der eigenen Umgebung hatte schützen müssen , wozu noch die Ungewißheit kam , ob diese in Beziehung auf den innern Wert des Schützlings wohl auch notwendig sei ? Wie um sich hierin zu versichern , eröffnete er endlich das Gespräch , indem er Heinrich nach seinem Herkommen befragte . Als dieser erwiderte , daß er Schweizer sei und zum ersten Mal in Deutschland reise , versetzte der Graf » Und sind Sie überrascht durch die vorige Tölpelei , oder finden Sie irgendeine vorgefaßte Meinung bestätigt ? « » Ich soll eigentlich nicht überrascht sein , wenn ich bedenke , daß jedes Volk seine eigenen Sitten hat , welche kennenzulernen der Fremde wohltut . Ich erinnere mich jetzt wirklich , daß in meiner Heimat dem Reisenden ähnliche Unannehmlichkeiten widerfahren , indem dort das Landvolk , wenn es von Begegnenden nicht gegrüßt oder sein Gruß nicht erwidert wird , dem Fehlenden Schimpf und Spott nachsendet . Dabei herrscht eine so genaue Etikette , daß der Ankommende oder Vorübergehende denjenigen , der an einer Stelle sitzt oder steht , zuerst begrüßen muß , wenn er nicht ausgescholten werden will . « » Da scheint mir aber doch eine schönere Sitte allgemeiner Freundlichkeit und Zutraulichkeit zugrunde zu liegen , als die tolle Respektwut unserer Honoratioren ist . Oder ist es vielleicht die gleiche moralische Triebfeder , indem Ihr Landvolk sich als republikanischer Souverän respektiert wissen will ? « » Durchaus nicht ! Das Volk bei uns hat nicht nötig , sich seine Bedeutung durch solche Dinge zu vergegenwärtigen ; es atmet seine Lebensluft , ohne daran zu denken ; der Herzschlag seines politischen Lebens gehört ebensowohl zu den unwillkürlichen Bewegungen als derjenige seines physischen Körpers . Auch sind Leute , welche eine absolute persönliche Nichtsnutzigkeit und Hohlheit fortwährend durch ihren überkommenen Anteil an der bürgerlichen Souveränetät übertünchen wollen , nicht besonders angesehen . So mag es kommen , daß das Volk auf den Straßen den Postzug eines durchreisenden gekrönten Hauptes mit kindlicher Verwunderung begafft und , wenn es etwas recht Großes und Reiches bezeichnen will , die Worte König und königlich so wohl anwendet wie alle übrige Welt , oft mit solcher Naivetät , daß der geschulte Demokrat sich darob ärgern mag . « » Wenn Sie hierin noch die glückliche Stimmung Ihres Volkes teilen , werden Sie sich also nicht unbequem fühlen während Ihres Aufenthaltes in einer Monarchie ? « » Solange ich die Gewißheit habe , zurückzukehren , sobald ich will , wohl nicht . Indessen muß ich Ihnen gestehen , mein Herr , daß doch schon eine sonderbare Stimmung anfängt , sich meiner zu bemächtigen , und der heutige Auftritt machte dieselbe nur klarer . Es ist mir zu Mute , wie wenn irgendeiner zarten und bisher unberührten Saite meines Innern plötzlich Gewalt angetan wäre ; jeder Stein , jeder Baum scheint hier einen Stempel zu tragen , noch neben dem der Gottheit und der Natur . Jedes Postschild scheint mir zuzurufen Du mußt dich auch zeichnen lassen wie ich , hier ist alles das erste und letzte Eigentum eines einzelnen Menschen ! Und je weniger das Wort in Wirklichkeit wahr ist , besonders in einer gesetzlich eingerichteten Monarchie , desto mehr kommt es mir als ein unwürdiger Spaß , als ein blauer Dunst vor , den man sich mit ernsthaftem Gesicht vormacht ; je weniger ich , wenn ich recht tue , nach jemandem zu fragen habe , desto lästiger ist es mir , wenn ich mich doch so anstellen soll , vor einer Namenschiffer den Hut abzuziehen und den Nachbar dabei zu versichern , daß dies mein höchster Ernst sei . Eigentlich regieren überall doch diejenigen , welche die nötige Einsicht und Überlegenheit im Guten wie im Bösen dazu haben ; manchmal ist es der Fürst , manchmal der letzte Hirtensohn seines Reiches , zuletzt fast immer die öffentliche Meinung oder die Mehrheit , und angesichts dieser Tatsache wird wohl nur darum die Republik in der weiten Welt fast unmöglich , weil sie von ihren Verkündigern anstatt zur Sache der kühlen Vernunft und Lebenspraxis zur Sache des Gefühls , zum religiösen Ideal gemacht wird , welches wieder der Heuchelei , der Schwärmerei und einem politischen Pfaffentum Tür und Tor öffnet . « » Ei , Sie sprechen ja wie ein Buch , junger Freund ! Sie sind wohl ein eifriger Politiker ? « » Das gerade nicht mehr , als nötig ist ! Ich habe aber als ein Buchrepublikaner darüber nachgedacht , daß mein Volk so wenig Aufhebens macht mit seiner Republik , während es sich wahrhaft und nicht vorübergehend unglücklich fühlte , wenn es , durch irgendeine Übermacht bezwungen , auch von dem besten Fürsten zu besitzen und zu regieren versucht würde . Und je mehr sich dieses Volk von uns , die wir Bücher lesen und den weltgeschichtlichen Begriff der Republik kennen , unterscheidet , desto liebenswürdiger ist es in seiner Duldsamkeit gegen Andersgläubige , gegen monarchische Untertanen , denen es nicht das brutale car tel est notre plaisir entgegenzuschreien braucht , welches der bornierte Royalist hervorkehrt , wenn er über seine Anhänglichkeit an eine Dynastie , von der er in seinem Leben noch keinen kleinen Finger gesehen hat , keine Rechenschaft weiter geben kann . Ich für mich aber kann mir bereits vorstellen , wie es einem ist , der in der Türkei reist , dem Drehtanze eines Derwisches zusehen und sich wohl hüten muß , den Mund zu verziehen . « » Auf dieses wenig schmeichelhafte Gleichnis « , sagte der Graf lächelnd , » kann ich Ihnen entgegnen , daß ein Royalist vielleicht in ähnlicher Lage ist auf einer Reise durch die Schweiz und daß demselben die dortigen Zustände sehr barbarisch , zufällig und roh vorkommen dürften ! « » Dagegen « , erwiderte Heinrich ebenfalls lachend , » könnte ich nur das alte Sprichwort halten , welches am Ende der besprochenen Toleranz meiner gemeinen Landsleute zugrunde liegt über den Geschmack ist nicht zu streiten ! « » Da haben Sie ganz recht « , sagte Heinrichs Begleiter und gab ihm die Hand , » auch ich bin vielleicht am wenigsten im Fall , mit Ihnen zu streiten . Und was führt Sie denn , wenn ich fragen darf , nach unserm monarchischen Deutschland ? Dem Anscheine nach sind Sie entweder Student oder ein junger Künstler ? « » Beides zusammen , wenn Sie wollen ! letzteres im engern Sinne , ersteres überhaupt , insofern ich mir in der Mitte meines großen Stammvolkes selbst seine geistigen Errungenschaften aneignen und diejenigen allgemeinen Grundlagen und Anschauungen erwerben möchte , welche nur bei großen Sprachgenossenschaften zu finden sind und ohne welche es der einzelne zu nichts Ganzem und Höherm bringen kann . « » Wie , eure schweizerische Nationalität genügt euch also doch nicht für den Hausgebrauch in allen Dingen ? Sie gibt euch keine Ideen für ein höheres Bedürfnis ? « » Jedes Ding hat zwei Seiten , mein Herr ! und , wie ich glaube , auch die Nationalität , oder was man so nennen mag . Man kann ein sehr guter Hausvater , ein anhänglicher , pflichtgetreuer Sohn sein und doch das entsprechende Gebiet für verschiedene Bedürfnisse und Fähigkeiten außer dem Hause suchen und finden . Und wie die Familie die sicherste , trostreichste Zuflucht ist nach jeder Abschweifung und Irrfahrt , so ist das Vaterland , wenn seine Grenzen einen natürlichen Zusammenhang haben und wenn es zudem noch den sichern Schoß eines aufgeweckten und vergnüglichen bürgerlichen Lebens bildet , der erste und letzte Zufluchtsort für alle seine besseren Kinder , und je ungleicher diese sich an Stamm und Sprache manchmal sind , desto fester ziehen sie sich , nach gewissen Gesetzen , gegenseitig an , freundlich zusammengehalten durch ein gemeinsam durchgekämpftes Schicksal und durch die erworbene Einsicht , daß sie zusammen so , wie und wo sie nun sich eingerichtet haben , am glücklichsten sind . Eine solche Lage ist die unsrige . Um einen uralten Kern hat sich nach und nach eine mannigfaltige Genossenschaft angesetzt , welche die Überlieferungen desselben , soweit sie in ihrer Bedeutung noch lebendig sind , mit aufnahm und sich bestrebt , sie fortwährend in gangbare Münze umzusetzen . Ähnliche Neigungen in der durchweg ähnlichen , schönen Landschaft , eine Menge nachbarlicher Berührungen bei der gemeinsamen Zähigkeit , den Boden unabhängig zu erhalten , haben ein von jedem andern Nationalleben unterschiedenes Bundesleben hervorgebracht , welches allen seinen Teilnehmern wieder einen gleichmäßigen Charakter bis in die feineren Schattierungen der Sitten und Sinnesart verliehen hat . Und je mehr wir uns in diesem Zustande geborgen glauben vor der Verwirrung , die uns überall umgibt , je mehr wir die träumerische Ohnmacht der altersgrauen großen Nationalerinnerungen , welche sich auf Sprache und Farbe der Haare stützen , rings um uns zu erkennen glauben , desto hartnäckiger halten wir an unserm schweizerischen Sinne fest . So kann man wohl sagen , nicht die Nationalität gibt uns Ideen , sondern eine unsichtbare , in diesen Bergen schwebende Idee hat sich diese eigentümliche Nationalität zu ihrer Verkörperung geschaffen . « » Ich kann mich nun « , versetzte der Graf , » allerdings schon leichter in dieses sonderbare Nationalgefühl hineindenken , muß aber um so eher darauf bestehen , daß die Schweizer folgerechterweise auch einer ebenso eigentümlichen , aus ihren Verhältnissen erwachsenden Geisteskultur bedürfen sollten ! « » Das ist eben die andere Seite ! Es gibt zwar viele meiner Landsleute , welche an eine schweizerische Kunst und Literatur , ja sogar an eine schweizerische Wissenschaft glauben . Das Alpenglühen und die Alpenrosenpoesie sind aber bald erschöpft , einige gute Schlachten bald besungen , und zu unserer Beschämung müssen wir alle Trinksprüche , Mottos und Inschriften bei öffentlichen Festen aus Schillers Tell nehmen , welcher immer noch das Beste für dieses Bedürfnis liefert . Und was die Wissenschaft betrifft , so bedarf diese gewiß noch weit mehr des großen Weltmarktes und zunächst der in Sprache und Geist verwandten größeren Völker , um kein verlorener Posten zu sein . Der französische Schweizer schwört zu Corneille , Racine und Moliere , zu Voltaire oder Guizot , je nach seiner Partei , der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit , und der deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen Schachten des deutschen Volkes . Alle aber sind bestrebt , alles nur zur größeren Ehre ihres Landes zurückzubringen und zu verwenden , und viele geraten sogar über diesem Bestreben in ein gegen die Quellen undankbares und lächerliches Zopftum hinein . « » Es ist vielleicht « , wandte Heinrichs Begleiter ein , » ein unbescheidener Mißbrauch , welchen ich mit einem wackern Volke treiben möchte , wenn ich auf meiner alten Behauptung beharre und sogar wünsche , daß ihr es einmal versuchsweise darauf anlegtet , in allen Dingen ganz selbständig und naturwüchsig zu sein und ganz auf eurem Boden eine eigene Weisheit zu pflegen . Dem Lande wie seiner Verfassung eigenst angemessen , müßte gewiß etwas Frisches und für uns andere Erbauliches zustande kommen . Sie würden vielleicht umkehren , junger Mann , wenn Sie wüßten , wie sich bei uns großen Nationen die Bildung im ewigen Kreise herumdreht , wie einflußlos unsere Heroen , die in jedermanns Munde sind , an unserm innersten Herzen vorübergehen und wie bis zur dumpfen Verzweiflung sich Ungeschmack und Unsinn jeden andern Tag wieder so breit macht , als wäre er nie überwunden worden ! « Mit diesen Worten stieß der Graf einen ziemlichen Seufzer aus ; Heinrich aber schüttelte den Kopf und sagte : » Nein , nein ! erstens tun Sie sich selbst unrecht , und zweitens können wir uns doch nicht abschließen ! Zu einer guten patriotischen Existenz braucht es jederzeit nicht mehr und nicht weniger Mitglieder , als gerade vorhanden sind . Mit den Kulturdingen ist es anders ; da sind vor allem gute Einfälle , soviel als immer möglich , notwendig , und daß deren in vierzig Millionen Köpfen mehrere entstehen als nur in zwei Millionen , ist außer Zweifel ! « » Das ist freilich ein praktischer und triftiger Grund ! « sagte der Graf mit herzlichem Lachen , » ich will Ihnen ferner auch nichts einwenden und wünsche Ihrer Jugend wie Ihren Hoffnungen das beste Gedeihen . Es sollte mich recht freuen , später einmal zu erfahren , wie Sie Ihre Rechnung befunden haben . Ich verlasse mich auch darauf ; denn wenn man mit so klarem , schönem Willen in die Welt geht , so wird man gewiß etwas aus sich machen ! « Da die friedlich wackelnde Kutsche an einem Haltorte der Eisenbahn angekommen war und in demselben Augenblicke auch ein mächtiger Wagenzug heranpfiff , so stiegen sie nun aus und nahmen Abschied , indem der Graf , seinen jungen Gefährten mit fast wehmütiger Teilnahme ansehend , ihm noch ein freundliches » Aufs Wiedersehen « nachrief . Heinrich drängte sich noch mit seinem Gepäcke unter den Leuten umher , um seinen Platz in der dritten Klasse aufzufinden , während der vornehme Herr schon in einem bequemen und prächtigen Coupe der ersten Klasse sich ganz allein ausstreckte . Er rutschte aber unruhig hin und her und sagte zu sich selbst » Wunderliches Verhältnis ! Da würde ich nun gern mit diesem muntern Jungen weiterplaudern , aber der Unterschied unserer Geldbeutel reißt uns auseinander , und ich darf ihm keinen Platz bei mir anbieten , während ich zu weichlich bin , mich unter das Volk hinauszusetzen ! Doch was hindert mich eigentlich daran ? « Und schon wollte er wieder aussteigen , als der Zug sich mit einem grellen Pfiff in Bewegung setzte und bald über das Feld hinglitt , die Sonne im Rücken lassend . Dieselbe näherte sich bei der Ankunft in der großen Hauptstadt , dem Reiseziele Heinrichs , schon ihrem Untergange und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die weite Ebene samt der Stadt mit ihren Steinmassen und Baumwipfeln . Heinrich hatte kaum seine Sachen in einem Gasthofe untergebracht , so lief er ungeduldig wieder auf die Straße und stürzte sich unter das Wogen und Treiben der Stadt . Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme ; Säulen der verschiedensten Art tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz , helle gegossene Bilder , funkelneu , schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung , indessen buntbemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geschmückten Frauen durchwandelt wurden . Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die Luft , Königsburgen , Paläste , Theater , Kirchen bildeten große Gruppen zusammen , Gebäude von allen möglichen Bauarten , alle gleich neu , sah man hier vereinigt , während dort alte geschwärzte Kuppeln , Rat- und Bürgerhäuser einen schroffen Gegensatz machten . Es herrschte ein aufgeregtes Leben auf den Straßen und Plätzen . Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik , Geläute , Orgel- und Harfenspiel ; aus mit allerlei mystischen Symbolen überladenen Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse ; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweis vorüber , Studenten in Schnürröcken und silbergestickten Mützen kamen daher , gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz über einen Platz , üppige Kurtisanen mit blanken Schultern zogen nach hellen Tanzsälen