! Welche Verstellung und wie viel erborgter Schein einer Religiosität , die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft erfüllen kann ! Unser junger Freund war sonst zurückhaltender in seinem Urtheil über Andere . Eine Zeitlang tobte er so fort ; dann tadelte er sich aber doch über den raschen Ausbruch seines Unmuthes und lachte , des Bruders gedenkend , bald freudig auf . Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar , daß doch wol nur die große Verschiedenheit der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte , Das als ganz lügnerisch zu verdächtigen , was er eigentlich nur bekämpfen konnte . Er fand sogar in Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele , der ihn zwang , einen Augenblick langsamer zu gehen und über sie nachzudenken . Dies Mädchen , sagte er sich mit einem leisen Anflug von Ironie , ist wirklich eine mittelalterliche Schwärmerin , ja eine Roland , eine Corday ! Für Das , was sie als besser und richtiger erkannt hat , glüht sie . Sie ist voll Dankbarkeit für die Wohlthaten , die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhält ! Ohne die gestürzte Regierungsformen , die sie und in gleicher Lage der ganze Reubund wiederhergestellt wünschen , müßte sie vielleicht darben : ihrem alten Vater würde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen , auf die er nach den schrecklichen Mühseligkeiten des Friedensfußes von 1815 bis jetzt rechnen zu dürfen glaubte ..... Siegbert lachte für sich . Er hätte dem Professor Lüders , der den Empfang des Prinzen Ottokar malte , etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewünscht ; denn er wußte von diesem Künstler , daß nur die niedrigste Servilität ihn zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte . Er wußte , daß er das Portrait des inspirirten Fräuleins wol treffen würde in dem Momente , wie sie dem Prinzen Ottokar die Säbelquaste und Leibschärpe küßte , aber von der innern Seele , von ihrer Jeannen d ' Arc-haftigkeit dabei , wußte er , würde der oberflächliche Mann nichts wiedergeben . Mehr aber als alle diese politisch-artistischen Empfindungen , beschäftigten Siegbert das vielfache Erwähnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck . Er hatte sich so oft gelobt , dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen . Er hatte so geheimnißvoll selbst dem eigenen theuren , über Alles geliebten Bruder dies Gefühl verborgen gehalten , das er still für sich in seinem Herzen hegte , und so oft , so oft vergebens mit Gewalt ausreißen wollte , und nun mußte er sich mit seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen . Diese Trompetta , die seit einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte , hatte ihm sein Interesse für eine Schülerin des Professor Berg abgelauscht . Einige indiscrete Kunstgenossen , besonders Heinrichson und Reichmeyer , hatten leichtsinnig den Commentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert , das ja möglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Costüme weit eher für ein Atelier Tizian ' s als eines modernen akademischen Professors paßte . Und auch über dem Einzigen , was ihn für diese so heraufbeschworenen Empfindungen hätte trösten können , seinem schönen , von allen Kennern , wie vom großen Publikum theilnehmend umringten Bilde , dem Feuertode des standhaften und ehrwürdigen Comthurs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der Zeichnung und dem farbensatten Colorit der Ausführung , hingen die trüben Wolken einer Intrigue , wie er aus den Worten jener aller Verhältnisse kundigen Frau nur zu deutlich vernommen hatte . Ach , es trieb ihn nun recht , sich bald an das Herz seines treuen starken Bruders Dankmar zu werfen ! Sehnsucht beflügelte seine Schritte . Er eilte wie Einer , den die Nacht zu überfallen drohte , und doch schlich der milde , goldene Abend nur langsam über die gelben Felder , die des Sonnenlichts nicht satt zu werden schienen . Endlich bei den Gärten und den Wirthshäusern der Vorstadt schon angelangt , entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben . Er erinnerte ihn sogleich an Dankmar , und er war es auch , der theure , geliebte , seit einem Monat abwesende Bruder . Er kannte sogar das Pferd in der Ferne . Es gehörte dem Stallmeister Lasally , einem fashionablen jungen Mann , der zu den Beaux der Residenz gehörte . Siegbert , um das schnelle Vorbeischießen des Bruders zu verhindern , sprang mitten auf das Straßenpflaster , das hier schon die Chaussée ablöste . Dankmar auf seinem Thiere stutzt , hält an , steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders , dem er entgegengeritten war . Mensch , wo steckst du , begann sogleich Dankmar . Ich suche dich überall , bis ich höre , du bist in Tempelheide . Ich wollte dir entgegenreiten , ich habe dir Wunderdinge zu erzählen .... Die nicht Zeit hatten bis zum Abend ? fiel Siegbert lachend ein , und hielt dabei den Gaul fest , dessen Zügel Dankmar in der Freude der Begrüßung sich fast hatte entgleiten lassen . Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein : Was thun wir nun mit dem Gaul ? Jetzt ist das Thier fast überflüssig . Du setzst dich wieder auf , meinte Siegbert , und ich gehe ruhig neben dir her . Ruhig ? Nebenher ? Jetzt , wo ich endlich mein Herz von all den Dingen , die ich in Angerode erlebte , ausschütten , erleichtern will ? Ich dachte , ich überrasche dich noch in Tempelheide , stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond , gehe mit dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten , wo ich dir ungestört meine Herrlichkeiten bescheren kann - Das können wir ja noch , fiel Siegbert sich umschauend ein . Hier sind überall Gasthäuser und Ausspannungen . Da der Blaue Engel , hier das Goldene Roß . Pappeln und Linden und Kegelbahnen die Hülle und Fülle ! Wo kein Garten ist , findet sich ein Wirthszimmer .... Sieh ! Da ist der Pelikan unten ! Da muß ich ohnehin anfragen , ob Peters , der Fuhrmann von Angerode , angekommen ist . Wir wollen zum Pelikan . Damit führte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun , seines wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend , wie Jemand , der sich eine wichtige Mittheilung aufspart , von gleichgültigen Dingen zu reden , vom Wetter , von der Stunde der Ankunft , von ihrer gemeinschaftlichen Wohnung in der Neustraße , ihrer überraschten Wirthin Frau Schievelbein , vor allen Dingen aber von ihrer Mutter in Angerode , die ihrem ältesten Sohne Siegbert durch den jüngern Dankmar viel , viel tausend Grüße und Küsse sandte . Dankmar zeigte sich bald als ein leichter , lebensfroher , munterer Kopf . Er war etwas kleiner als sein älterer Bruder , erschien aber bei seiner geraden Haltung fast größer als Siegbert , der sich nicht gut hielt und gern zur Erde niederbeugte . Dankmar hatte dunkleres , fast lichtbraunes Haar , scharfe braune Augen , frische Lippen , blendende , gesunde Zähne , einen um das Kinn gehenden stattlichen Bart und einen so zierlichen , ebenmäßigen Wuchs , daß ihm seine gewählte Toilette wie angegossen saß . Der leichte Reitfrack war bis zum Halse zugeknöpft mit weißen metallenen Knöpfen . An einer Stelle , wo er offen stand , sah ein rothes Taschentuch hervor . Sporen , Reitgerte , der schwarze Castorhut , Alles verrieth den sich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy , der aber in seinem Äußern nichts suchte und nicht im mindesten von seiner anziehenden Erscheinung eingenommen war . Sein Blick war geistreich , sein Lächeln schalkhaft und gleich nach den ersten Worten , die er sprach , sah man , daß der um zwei Jahre jüngere Dankmar - er war Referendar eines Gerichtshofes - den träumerischen Siegbert an rascher Combination und energischer , ihres Zieles bewußter Thatkraft beiweitem überflügelte . Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rücksicht . Da sein Pferd am Zügel zu führen und zu plaudern , während er sich an den Sattel drückte , bot ihm nicht den mindesten Zwang . Siegbert aber , dem alles Auffallende ängstlich war , meinte gleich , zum Pelikan sei es doch noch zu weit , er solle sich wieder aufsetzen , denn schon hatten sich Neugierige genug um sie versammelt . Dankmar that Das nicht , und der Straßenjugend rief er zu , ob sie Maulaffen feil hätten . Noch sinnend , wozu er sich entschließen sollte , hörte er sich plötzlich angeredet . Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen , trat Jemand , der hinter ihnen hergegangen war , hervor und fragte , ob er vielleicht den Gaul in die Stadt zurückreiten sollte ? Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide , den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann . Hackert ' s Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten Äußern sehr wenig unterstützt , und Dankmar wollte schon aussprechen , daß er ganz so aussähe wie Einer , dem man einen Gaul anvertrauen könne , als der Andere sagte : Ich kenne das Thier ! Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links . Wirklich , wenn Sie zu Fuß gehen wollen , machen Sie keine Umstände , ich nehme Ihnen die Sorge um das Thier ab und reite es in den Stall zurück . Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an , der ihn am Kleide zupfte , als wollte er ihn warnen , sich auf das Anerbieten einzulassen . Es ist schon gut , erwiderte Dankmar kurz , wir danken ! Ja so , fiel Hackert mit Bitterkeit ein , Sie glauben , ich könnte Ihnen mit dem Fuchs durchgehen . Ich dachte , weil mich doch der andere Herr schon kennt .... Siegbert bejahte diese Berufung , doch mit einigem Zögern , das Dankmar in seiner Hast nicht bemerkte . Das ist etwas Anderes ! sagte er . Du kennst den Herrn ? Dann steigen Sie nur auf und bringen Sie mir den Gaul gefälligst zu Lasally zurück . Sagen Sie nur dem Levi - Sie wissen doch - Dem Bereiter Levi - Ich würde ihm sein Sattelgeld das nächste mal zahlen - Kann ' s ja auslegen - Bemühen Sie sich nicht . Bin oft auf der Bahn . Das ist ja sehr gut ! So ! Steigen Sie auf ! Schnallen Sie sich den Riemen länger . Alle Wetter , Sie haben verteufelt lange Beine ! Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung . Im Geiste sah er diesen verlorenen Gaul schon über alle Berge ; er sah den Stallmeister Lasally mit einer Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen , bereits einen fälligen Wechsel , eine Verpfändung seines Bildes - Um Gotteswillen , raunte er dem Bruder zu , siehst du denn nicht ? Das ist ja ein Proletarier ! Betroffen wandte sich Dankmar und sagte : Donnerwetter ! Was machst du mir für Dinge ! Ich denke du bist mit dem Kerl bekannt . Dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an , mit seinen abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Thiere sogar noch übermüthigst die Weichen zu kitzeln . Halt da ! fiel ihm Dankmar in die Zügel . So haben wir nicht gewettet . Ich glaubte - Was denn ? richtete sich Hackert auf ; doch nicht , daß man ein Spitzbube ist ? So etwas allerdings ! Herunter ! Steigbügel vom Fuß ! Sind Sie des Teufels ? Hackert ließ sich nicht irremachen und blieb . Plötzlich griff er , glühend im Gesicht wie sein Haar , in die Rocktasche , holte ein schmuziges ledernes Portefeuille hervor , öffnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell , langte ein Päckchen heraus und warf es mitten auf die Landstraße , Dankmar fast an den Kopf , mit den Worten : Galgen und Rad ! Da haben Sie hundert Thaler zum Pfand ! Und nun hol ' Sie der Teufel ! Damit schlugen seine dünnen Beine an und fort sprengte er mit dem Miethgaul , den Thoren der Stadt zu , zum Gelächter der vielen Gaffer , die sich schon um die lebendige Scene versammelt hatten . Siegbert hatte das Päckchen aufgehoben . Er glaubte sicher und fest , ein Paquet Lumpen in der Hand zu haben , und war todtenblaß vor Schrecken und Erwägung ihrer ohnehin bedrängten Finanzen . Wie erstaunte er aber , als er den Pack entfaltete ! Es waren in der That Thalerscheine , dicht aufeinandergelegt und ohne Zweifel betrugen sie soviel , als auf einem Papierstreifen , der sie zusammenhielt , bezeichnet war : Hundert Thaler . Wenn Der uns durchgeht , sagte Dankmar lachend , so hat er immer noch ein gutes Geschäft gemacht . Fünfzig Thaler werden wir noch drauflegen müssen . Nein , nein , brach Siegbert voll Beschämung und in freudigster Erregung aus , dieser Mensch ist ehrlich . Ich schäme mich , ihn so verkannt zu haben . Himmel , warum soll denn Jeder , dem die Natur rothes Haar und eine unheimliche Gestalt gab , der Zufall abgetragene und bestäubte Kleider , auch den Charakter haben , den wir in unserer Furcht , in unserm jämmerlichen Dünkel ihm aufdrücken ? Dieser Mensch gibt sein Letztes hin , um zu beweisen , daß er ehrlich ist ! Es ist der Stolz der Armuth , der ihn fortriß . Ich schäme mich . Er war groß und wir sind klein . Das muß ich sagen , fiel Dankmar ein . Eine schöne Armuth , die hundert wohlgezählte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Straßenpflaster wirft .... Es ist vielleicht das einzige Besitzthum dieses Menschen , fuhr Siegbert in seiner Erregung fort , ohne sich von Dankmar ' s leichterer Auffassung stören zu lassen . Der Zorn , von uns für unehrlich gehalten zu sein , riß ihn hin , sein Alles zu opfern . Wer weiß , welche Sorge , welche Entbehrungen an diesem Gelde kleben ! Dieser Mensch ist ein Schreiber , er heißt Hackert . Ich weiß , daß er sich vergebens um Arbeit bemüht hat . Ich erfuhr , daß er dem Präsidenten des Obertribunals seine Dienste anbot . Aber man stößt ihn von sich , weil seine Augen ein unheimliches zehrendes Feuer haben . Man weigert ihm die Aufnahme in die gebildete Gesellschaft . Hätten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand , wer weiß , ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemüth nicht den Glauben an die Menschen wiedergegeben hätten ! Wie bitter war sein Lachen , als er davonsprengte und seine Ehrlichkeit bezahlen mußte ! Ja bezahlen mußte ! Und ich selbst , ich selbst , ich ein halber Socialist , war der Mistrauischste und Kleindenkendste ! Pfui , pfui ! Ich schäme mich über mich selbst . Ja , Das wird dir übel bekommen , Bruder , fiel Dankmar spottend und mit großer Geistesüberlegenheit ein , wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schönen Sermon über Philanthropie und Socialismus das rothhaarige Fragezeichen da dich interpellirt , ob du der Bürger Siegbert Wildungen wärst , der dem Bürger - Hackert hieß ja wol der Kerl ? - ein Pferd auf der Landstraße nur gegen eine Caution von hundert Thalern anvertrauen wollte ? Armer Bruder , das kann dir deine ganze Popularität kosten ! Und mit Recht ! sagte Siegbert , der Reden Hackert ' s auf dem Kirchhofe gedenkend ; mit Recht ! Spotte nur ! Ich weiß , was ich verdiene .... Dabei steckte er behutsam die Summe , die in seiner Hand geblieben war , in die Brusttasche , vorsichtig untersuchend , ob auch nirgends eine Nath aufgegangen oder eine verdächtige Falte da wäre und das ihm auf so wunderbare Art anvertraute Pfand unversehens entgleiten könnte . Die Brüder traten nun in den Thorweg des Pelikan , um unter dessen schützenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen . Dankmar hatte keine Ruhe mehr , über den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschütten . Drittes Capitel Der Pelikan Von dem wunderbaren Vogel , der sich selbst die Brust aufschlitzen soll , um seine Jungen vor dem Verhungern zu schützen , war auf dem Wirthshause , das seinen Namen trug , ein hölzernes , ziemlich verwittertes Abbild über dem Thorwege zu sehen . Auch der rothe , blutähnliche Anstrich des zweistöckigen , mit mehr Holz als Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage , die die Naturforscher leider nicht bestätigen wollen . Ob im Übrigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in dieser Fuhrmannsherberge waltete , mußte erst die Rechnung ausweisen , die die Brüder später zu bezahlen hatten . Vorläufig sahen sie sich vergebens nach einem würdigen Empfange um . Der Thorweg war leer . Keine dienende Pelikanschwinge flog ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar , ungeduldig das Pflaster des Thorwegs stampfend , an , einige allarmirende Donnerwetter in den stillen Sommerabend , in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte , und ein jetzt ertönendes Hundegebell zu schleudern , als plötzlich einem freudigen Aufschrei auf dem Hofe folgende , im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten : Ei der Tausend ! Sind Sie ' s denn wirklich ? Musje Dankmar und Musje Siegbert ! Kennen Sie mich denn nicht mehr ? Die Kathrine Bollweiler aus Thaldüren , die bei Ihrem Herrn Vater selig gedient hat ? Besinnen Sie sich nur ! O Gott , o Gott , wie kommen Sie denn nur daher ? So und ähnlich variirte noch der Gruß fort , mit dem die beiden Brüder beim Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden . Hier unter halbabgeladenen Fuhrmannswägen , unter Strohhaufen , pittoresken und nicht nach Alpenflora duftenden Düngerhügeln , nicht minder stark parfümirten Stalleimern wurden sie von einer kleinen Frau begrüßt , die eben aus der Küche trat mit einer Schüssel voll frischen Salats , an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte , um ihn zu waschen , sie erst groß und starr anblickte und musterte und dann , die Schüssel geradezu auf den Mist stellend , in obige Worte ausbrach . Grüß Gott ! Grüß Gott ! Sie ist die Kathrine aus Thaldüren ! sagte Dankmar , die muntere Köchin erkennend . Das trifft sich ja gut und besser als gut ! Wie kommt Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Küche hier vom Pelikan ? Aber Kathrine konnte sich nicht sammeln . Ihre Freude hatte noch nicht kräftigen Ausdruck genug gefunden . Besonders hing ihr Auge an dem Siegbert , der ihr freundlich die Hand bot . Musje Siegbert ! rief sie einmal über das Andere . Ach , was für Herren sind das geworden ! Gesehen hab ' ich Sie beide schon oft , wenn Sie hier vorbei gingen . Immer wollt ' ich Ihnen nachlaufen und rufen : Pst ! Pst ! Aber ich hatt ' s Herz nicht und da dacht ' ich : du sparst es dir einmal auf einen Sonntag Nachmittag auf , um sie lieber einmal ordentlich da zu besuchen , wo Sie wohnen ; denn ich weiß , wo Sie wohnen , in der Neustraße . Nicht wahr ? Das weißt du ? sagte Dankmar mit gutmüthigem Spott . Und Sonntags Nachmittags ? Sieh ! Sieh ! Gerade das ist die Stunde , wo wir immer ganz sicher zu treffen sind ! Das hätte sich ja nicht schöner machen können , Kathrine Bollweiler . Siegbert , den es rührte , eine Magd seiner Ältern hier anzutreffen , und der Dankmar ' s Spott nicht leiden mochte , fiel ihm in die Rede : Woher denn weißt du unsere Wohnung , Kathrine , und kommst nicht sogleich ? Das will ich Ihnen sagen ! antwortete Kathrine und stellte die Schüssel mit Salat vom Miste weg auf einen Strohhaufen , während die Hühner gackernd herbeiliefen und der große Hofhund an der Kette , der anfangs ganz allein die Fremden mit seinem fürchterlichen Bellen begrüßt hatte , sich endlich beruhigte : Mein Mann ist ja der Fuhrmann Peters aus Angerode , der alle Augenblicke einmal etwas bei Ihnen zu bestellen hat , und da hat er mir gleich , wie wir hierher zogen , gesagt , wo die Kinder meiner alten braven Herrschaft wohnen - aber man kommt so schwer ab . Abzugeben ? Wohnen ? fiel Dankmar hastig ein . Peters ? Wo steckt er denn ? Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan . Ich pass ' auf ihn jede Stunde ! fiel Kathrine ein . Wir sollten ihn schon heute Morgen von Schönau her erwarten , was immer seine letzte Station ist , aber es muß ihm etwas passirt sein .... Das will ich nicht hoffen ! polterte Dankmar . Ich erwarte , daß er mir einen großen Schrein bringt , der mir wichtig ist .... Weiß ich ja , sagte Kathrine pfiffig . Hat ' s mir ja geschrieben von Angerode . Aber das Wetter macht zu heiß . Da zieht sich ' s langsam im Sande . Die Gäule verschmachten und die Fliegen thun auch das Ihrige . Heute Abend kommt er aber noch ganz gewiß . Es schwant mir so . Weißt du was , Kathrine ? Wir warten hier die Erfüllung deines schwanenden Gemüthes ab . Kann man denn in diesem Pelikan ein Plätzchen finden , im Freien , ohne Stallgeruch , einen Trunk aus gutem Keller , einen Nachtimbiß aus deiner bewährten Küche ? Mir brenzelt ' s und prasselt ' s im Gemüth , seit ich dich sehe , wie von Eierkuchen und andern holden Jugenderinnerungen .... .... Hurtig ! Hurtig ! rief eine feine , sonderbar keuchende Stimme hinter ihnen . Sie wandten sich um und bemerkten eine dicke Figur , die sich inzwischen zu den Redenden gesellt hatte . Ohne Zweifel war dies der Wirth zum Pelikan . Der stattliche Herr war im leichtesten Sommernegligée . So fett , daß sein Schweiß , wie Falstaff sagt , die Erde spicken konnte , beförderte er auch in seiner Kleidung diesen heilsamen Einfluß auf die Fruchtbarkeit des Bodens , Hals und Brust offen , die Hemdärmel aufgestreift . Er schien unter dem hohen Stand des Thermometers schrecklich zu leiden . Keuchend und mit dünner Stimme sagte er : Hinter der Scheune ist ein Garten , meine Herren , und die Kegelbahn . Aber Wochentags kommt keine Gesellschaft . Wenn ' s Ihnen nicht zu still da ist und zu einsam ... Grade recht , wenn ' s still ist , fiel Dankmar ein . Und nun , Herr Wirth , Zauberwinke ! Herrscherbefehle ! Bier , Wein , Cotelettes , Salat .... Nein , Eierkuchen ! fiel Kathrine lachend ein . Eierkuchen , wie man ihn in Thaldüren backt . Eierkuchen , wie man ihn in Thaldüren backt ! riefen die Brüder fast im einstimmigen Ton . Der dicke Wirth lachte und wackelte voraus , ihnen das Gartenstacket zu zeigen . Kathrine hinterher voll seliger Freude . Sie war sauber und reinlich gekleidet ; die Haube , ihren verheiratheten Stand anzeigend , bedeckte das Gesicht einer noch recht schmucken Dreißigerin . In ihrer Zerstreuung nahm sie die Schüssel voll Salat mit in den Garten . Frau Peters , was soll denn der Salat wieder im Garten ? fragte der Wirth und lachte . Ach , ich bin ganz confus ! sagte Kathrine Peters und schlug sich vor die Stirn , indem sie nun wieder nicht wußte , sollte sie an den Brunnen oder in die Küche oder im Garten ihren jungen Pfarrerssöhnen aus Thaldüren einen Platz anweisen , der ihr der schönste schien . Geh sie nur in die Küche , Frau Peters ! Ich werde die Herren schon zurechtweisen ! Dies kräftige Wort des Wirths gab den Ausschlag . Gut , Gevatter ! sagte sie , nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zurück . Eins , zwei , drei und Sie sollen prächtig bedient sein ! Durch einen kleinen Garten von Rasen , Gemüsebeeten und einigen Obstbäumen vom Pelikanwirthe geführt , fragte Siegbert : Ei der tausend , Herr Wirth ? Die Kathrine nennt Sie Herr Gevatter ? Das kann sie , antwortete der Dicke schnaufend , sie kann ' s , weil ich ' s bin . Die Peters ist sozusagen nicht blos meine Magd , sondern sie führt mir sozusagen die ganze Wirthschaft . Mein Weib ist todt , und den Spectakel mit den Mägden hatt ' ich satt . Da sagt ' ich zu meinem alten Freund Peters , der schon seit zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter ist von Kindern , die todt sind : wüßt ' ich eine brave Frau in gesetzten Jahren , die mir Ordnung im Hause hielte , ich heirathete wieder . Thue Das nicht , Alter ! meinte Peters . Sieh ! Ich mache dir den Vorschlag , ich ziehe von Angerode daher . Die Eisenbahnen machen unsere Fuhren immer leichter ; es dauert eine Ewigkeit , bis so ein Wagen jetzt voll geladen ist und abgehen kann . Da lieg ' ich denn auf der Bärenhaut und bin mehr hier als in Angerode . So muß ich zwei Wirthschaften führen . Besser ich ziehe hierher und sorge nebenbei für deinen Stall , da du alter Kerl bald so dick wirst , daß du nicht mehr hinein kannst , wenn du dir keine breitere Thür baust . Nun , und Das bin ich eingegangen , und das Ende vom Lied ist , daß der Peters seine Wirthschaft hier herübergeführt hat und die kleine Gevatterin hier jetzt uns Alle im Sack hat . Mir ist ' s recht . Sie sehen , ich komme nicht dabei zurück . Der behaglich schmunzelnde Wanst rückte den Brüdern am Ende der Kegelbahn dicht an einem Bach , der den Garten begrenzte , einen Tisch zurecht . Das Plätzchen lag gar angenehm im Grünen . Ein voller Apfelbaum beschattete den Tisch mit seinen zackigen Ästen . Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten röthlichen Strahlen herüber . Käfer summten , Vögel zwitscherten von den Nachbargärten her . Sie konnten für die Mittheilungen , die dem ungeduldigen Dankmar auf der Zunge brannten , keinen stillern Ort finden . Schon kam auch Kathrine wieder zurück mit vollen Flaschen , einem Windlichte für die Cigarren und einem Teller voll groben und feinen Brotes zur beliebigen Auswahl . So ! sagte sie ; da sitzen Sie ja schon traulich beisammen . So schön wie in Thaldüren ist ' s freilich nicht . Die Aussicht fehlt - aber so ein Plätzchen gab ' s doch auch im Garten hinterm Pfarrhause . Und der Herr Vater - Gott hab ' ihn selig ! - wie gern saß der so Abends im Freien , wenn die Sonne unterging , und sprach dann wie ein Buch , trotzdem daß er ' s schwer auf der Brust hatte . Ich sagt ' s gleich , als es hieß , er ist Oberpfarrer in Angerode geworden . Ich war dazumal schon über sechs Jahre an den Peters verheirathet . Ich sagt ' s gleich , als er in das alte steinerne Pfarrhaus von Angerode zog , da hat ' s keine Luft für den braven Herrn und seine kranke Brust . Alles von Stein da und die hohen Zimmer und keine Wärme , wenn auch die Öfen groß genug waren und das Freiholz nicht gespart wurde . Wie lange hat er ' s drin gemacht ? Zwei Jahre ! Du lieber Heiland , der brave Mann ! Wohnt denn die Mutter noch ihr Witwenjahr in dem Hause ? Ich weiß , sie haben ' s ihr nehmen wollen . Feinde hatte Ihr Herr Vater immer ; Das wußten Alle und Keiner begriff ' s warum ? So ein engelguter Herr und doch sollt ' er nicht in die Stadt kommen , bis es vor seinem Ende doch sein mußte und da war ' s sein Tod . In dem kalten Ritterhaus ! Frau Peters , der Eierkuchen ! rief der Wirth zum Pelikan , der neugierig zugehört hatte , dann aber die träumerische Versunkenheit seiner Gevatterin nun im Interesse der Bedienung vom Vergangenen doch aufstören zu müssen glaubte . Es ist auch wahr , fiel die ganz weinerlich gewordene Frau ein und lief hurtig wieder davon . Nun lassen Sie ' s sich gefallen , sagte der Wirth zu den durch die Erinnerung an den Vater bewegten Brüdern ; wie Sie ' s finden , ist ' s einmal , und wenn Sie Etwas wünschen , was wir haben , so rufen Sie nur ! Damit setzte er seinen schwerfälligen Mechanismus in Bewegung , wieder dem Hofe zu , und ließ die Brüder endlich allein in behaglicher , stiller Ruhe . Ein eigenes Zusammentreffen , begann Siegbert und fühlte an die Tasche , ob er sein anvertrautes Pfand , die hundert Thaler , auch noch bei sich hatte ; diese Kathrine hier im Pelikan ! Wir waren wol Jungen von etwa zwölf und vierzehn Jahren , als sie einen Fuhrknecht heirathete . Wir selbst kommen uns kahl und schaal , zwecklos und ziemlich unnütz in der Welt vor , und ihr gehen wir auf wie die Engel und Propheten ! Der Mensch weiß nicht , was Einer dem Andern ist ! Sie hat nach uns geforscht , und beobachtet , ein Wiederbegegnen mit uns für ein großes Lebensglück gehalten , das sie sich auf einen schönen Sonntag Nachmittag , vielleicht nach der Predigt , aufsparte , und ich wette , sie träumte im selben Augenblick glückselig von uns , während wir über irgend Etwas in Verzweiflung waren und keinem Menschen in der Welt von Wichtigkeit zu sein glaubten , als nur unserer Mutter und allenfalls unsern Gläubigern ! Daraus siehst du , theurer Communist , sagte Dankmar , indem er seine Cigarre an dem von Kathrine hingestellten Lichte anzündete , daß die Armen auch nicht so ganz elend sind , wie du dir denkst . Sie haben wirklich mehr Paradies als wir uns einbilden und