Lydia zurück . Als sie in ihr Zimmer getreten war , schritt sie sogleich auf eine Nische zu , welche durch ein hohes , aus glänzend weißem Elfenbein gearbeitetes Kruzifix ausgefüllt wurde . Sie knieete auf den rothsammtnen Betschemmel nieder , senkte den Kopf in ihre beiden Hände und schien bald in ein tiefes und inbrünstiges Gebet versunken . Der Mond warf sein volles Licht auf die schöne Beterin und die weißen Gebeine des Christusbildes , während der übrige Theil des Zimmers fast ganz in Dunkel gehüllt war . Von Zeit zu Zeit , wenn sie ihr thränenfeuchtes Antlitz zum Gekreuzigten emporrichtete , mit den von Schwermuth und holdem Irrsinne erfüllten Augen , zeichnete sich das reine und jungfräuliche zarte Profil in wunderbarer Schönheit auf dem dunkeln Hintergrunde ab . O , wer sie in diesem Augenblicke geschaut , mit dem von ungehörten Seufzern geschwellten Busen und den zarten ineinander gerungenen Händen - gegenüber dem kalten , unempfindlichen Christusbilde , das mit derselben kunstvoll kalten Schmerzensmiene herabblickte auf den lebendigen heißen Schmerz der sündenlosen , geknickten Madonna : Wer hätte da noch den Glauben bewahren können an Andacht und göttliche Vorsicht - ? Konnte ein Gott der Barmherzigkeit kalt bleiben gegen diese Schmerzen , konnte der Vater des Himmels sein väterliches Ohr verschließen vor diesen Seufzern ? - Ungetröstet und klagelos erhob sie sich . Noch einen Blick warf sie , einen Blick voll tiefer , unaussprechlicher Wehmuth auf den Gekreuzigten - dann nahm sie ihr Gebetbuch , warf rasch den Mantel um die Schultern , zog den Schleier über das Gesicht und verließ das Zimmer . Sie ging zur Messe . Als sie aus dem Hause trat , mochte sie sich wohl daran erinnern , daß es schon zu spät sei , um ohne Begleitung sich in die Straßen zu wagen . Sie zauderte einen Augenblick und war im Begriff zurückzukehren , da sah sie an der Balustrade des Perrons eine Gestalt lehnen , welche jetzt , durch ihre zaudernde Stellung aufmerksam gemacht , auf sie zutrat und in gebrochenem Deutsch fragte , ob » Sennora « etwas befehle . Lydias Furcht verschwand , als sie sich überzeugte , daß es ein Knabe in Livrée war , der vermuthlich hier auf seinen Herrn warte . - Ein unerklärliches Gefühl von Neugierde trieb sie an , ihn zu fragen , auf wen er hier warte . Der Knabe , in dem der Leser schon längst unsern Salvador erkannt haben wird , gerieth durch diese Frage in augenscheinliche Verlegenheit , endlich erwiederte er , Pater Angelikus habe ihn hier her bestellt , auf ihn zu warten . - Willst Du mich nach der Kirche begleiten , mein Kind ? - fragte Lydia . - O , wie gern , Sennora , erwiederte Salvador . Lydia gab ihm , ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln , ihr Meßbuch und ging rasch auf den Stephansplatz zu . Salvador war - obgleich Südländer , noch ein ganz unbefangenes Kind . Doch kam er heute zum ersten Male darüber zum Nachdenken , daß die » Sennora « ihn Kind genannt , und er stellte an sich die Frage , ob er denn noch sehr » kindisch « aussehe . Auch war er zwar von dem Vertrauen der » Sennora « zu ihm - denn es konnte ja eine Lüge sein , daß er im Dienste des Paters sei - gerührt ; gleichwohl dünkt es ihn , als ob seine Rührung noch größer sein würde , wenn sie weniger schnell Vertrauen zu ihm gefaßt hätte . Diese Widersprüche , welche er sich gar nicht erklären konnte , beschäftigten ihn , während er still neben Lydia daher schritt , so sehr , daß er fast vergessen hätte , beim Eintritt in die Kirche die Finger ins Weihwasser zu tauchen und ein frommes Kreuz auf Brust und Stirn zu zeichnen . Die Kirche war fast leer ; vereinzelt knieten hier und dort einige Beter , unbeweglich und stumm , so daß man versucht gewesen wäre , sie für eine jener leblosen Steingruppen zu halten , mit denen die Nischen und Pfeiler der Kirche geschmückt waren , wenn nicht zuweilen ein tiefer Seufzer ihrer Brust entstiegen und mit dem Schmerz der Reue auch das Leben in ihr kund gethan . Lydia kniete hinter einer Säule , die ihren breiten Riesenschatten über sie hinwarf , so daß sie unbemerkbar bleiben konnte . Salvador ließ sich hinter ihr auf ein Kniee nieder . Der harmonische Donner der mächtigen Orgel , welche ihre vollen Klangmassen durch die weiten Hallen der Kirche wälzte , wiegte sie in jenes verführerische Entzücken , welches mit der Ueberzeugung göttlicher Erregung das Herz in alle Reize einer hingebungsvollen , glühenden Einbildungskraft versenkt . Denn das Herz - wie rein und schuldlos oder wie befleckt von Begierden es sein mag - bedarf des Gefühls einer vollen Hingabe . Es ist sein Beruf , sich aufzulösen in ein Meer von selbstgeschaffner und selbstgewährter Wonne ; und es ist nur eine Täuschung , wenn wir glauben , daß die Hingabe eines gläubigen Herzens an den Zauber der Musik und der andern Künste , welche die katholische Kirche mit so feiner Raffinerie zur Ehre des » Herrn « zu gebrauchen versteht , eine andere Art der Erregung voraussetzt , als etwa die Hingebung des Herzens an den Geliebten . Darum hatte Alice recht , zu sagen , es hieße nur eine Schwärmerei gegen eine andre eintauschen , wenn man den süßen Schmerz der Liebe durch den schmerzensreichen Trost religiöser Schwärmerei heilen wolle . Eine halbe Stunde mochte bereits verflossen sein , und immer noch lag Lydia auf den harten , kalten Fliesen , ihre Hände , denen das Meßbuch entfallen war , hingen schlaff in den Schooß herab , die Augen waren halb geschlossen , aber wer einen Blick zwischen diese noch von den Thränen feuchten Lider hätte thun können , würde erschreckt worden sein von der innern Glut , welche sich in ihnen concentrirt hatte , jedoch mehr nach Innen als nach Außen strahlte . Die Blässe ihrer Wangen war geisterhaft und stach um so mehr von der tiefen Röthe ihrer halbgeöffneten Lippen ab , die sich von Zeit zu Zeit bewegten . Waren es Gebete , die sie zum Himmel sandte , oder Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht ? - Die Orgel schwieg . Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor . Sogleich kehrte die Röthe auf ihre Wangen zurück ; es schien , als sei ihre fromme Sehnsucht gestellt . Sie blickte um sich und gewahrte Salvador , der sie unverrückt angeblickt hatte . Er hatte weder die Orgel gehört , noch die Litanei des Priesters nach dem Gesang des Chors , er hatte überhaupt nicht gehört , nur gesehen - Lydia . Er erschrak fast , als Lydia sich erhob . Taumelnd folgte er ihr hinaus auf die jetzt fast menschenleere , mondbeschienene Straße . Sie hatten nur wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung . Als sie den Perron in die Höhe stiegen , öffnete sich die Thüre und eine tief im Mantel gehüllte Gestalt trat mit hastigen Schritten heraus . Es war Lichninsky , der von Alicen kam . Lydia hatte ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice . Er erkannte sie sogleich wieder und erstaunt über die wunderbare Schönheit - sie hatte vergessen den Schleier herabzulassen - blieb der Fürst einige Sekunden auf der Schwelle stehen , in ihren Anblick versunken . Lydia war unwillig über diese Störung und sagte mit sanftem aber festem Tone : - Fürst Lichninsky , Sie stehen mir im Wege . Der Name Lichninsky brachte auf Salvador , der den Fürsten gar nicht beachtet hatte , eine elektrische Wirkung hervor . Seine erste Bewegung war ein Griff nach der Schärpe . Er vergaß , daß er sie abgelegt . Da ballten sich seine Fäuste in krampfhaften Zuckungen , seine Lippen bebten . So trat er neben Lydia , dem Fürsten gegenüber aber außer Stande , seine Gefühle in Worte zu fassen , wiederholte er nur die Worte Lydias , die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten : Fürst Lichninsky , Sie stehen mir im Wege . Lydia sah , erschreckt über diese Unart , den Knaben an , der bisher so folgsam und sanft sich gezeigt . Der Fürst maß ihn mit einem erstaunten , doch kalten Blick , und schlug darauf ein lautes Gelächter auf . - Jetzt war Salvadors Wuth bis zur äußersten Grenze gebracht . Er machte sich bereit , dem Fürsten einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen , da fühlte er eine feste Hand sich auf seine Schulter legen . Erzürnt blickte er sich um , als er jedoch in das ruhige , vorwurfsvolle Gesicht des Paters schauete , ließ er den Kopf sinken und Thränen glänzten in seinen Augen . Lydia hatte mit Neugierde diese Scene , welche fast nur den Zeitraum einer Sekunde umfaßte , zugeschaut . Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um seinen Segen für die Zeit ihrer Trennung . - Ich segne Dich von Herzen , meine gute Tochter - sagte der Pater mit bewegter Stimme . - Mögst Du anderwärts die Ruhe finden , die Du bisher vergeblich gesucht . Ich habe dafür gesorgt , daß Dir auch in Deinem neuen Aufenthalt der geistliche Beistand nicht mangelt . Darauf drückte er einen väterlichen Kuß auf ihre Stirn und entließ sie . Als Lydia sich entfernt hatte , standen Lichninsky und der Pater einander gegenüber . - Armes Kind - sagte , wie zur Erklärung der Letztern - Sie hat die beiden Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da , ohne Freunde und Verwandte . Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten , sie mit sich nach Berlin zu nehmen , und dafür zu sorgen , daß sie dort eine passende Stellung findet . Eben war ich im Begriff , zu ihr zu gehen . Es scheint , als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr . Der Pater war , der Anweisung Alicens folgend , die Treppe hinabgestiegen und von dort durch das Hintergebäude in die Seitenstraße gelangt , so daß der Fürst , welcher jenen Ausweg nicht kannte , von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast gänzlich zurück kam , als er sah , daß der Pater , eben von der Straße kommend , ihm auf der Schwelle begegnete . Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen . - Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe , wie sie mir sagte - entgegnete er auf des Paters Aeußerung , daß er Alicen besuchen wolle . - Nun , es ist nichts Wichtiges , was wir zu verhandeln haben . So will ich sie denn nicht weiter stören . Gehen wir eine Straße miteinander , Fürst , wenn ' s Ihnen gefällig ist . - Von Herzen gern - erwiederte dieser , jetzt vollständig beruhigt , indem er dem Pater den Arm reichte . Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her . Beide waren unruhig : Lichninsky , weil er über den Sinn der geheimnißvollen Art , mit der Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlüssel ihm in die Hand gedrückt , zwar klar , aber über die Gründe zu diesem Verfahren vollständig im Dunkeln war . War Jemand Zeuge ihres Gesprächs gewesen oder nicht ? Der Pater , - der einzige Mensch , welchem Alice , wie er glaubte , vielleicht eben so viel Vertrauen schenkte , wie ihm selber , und dem sie die Stunde des Rendez-vous auf dem heutigen Spaziergange mitgetheilt haben konnte - konnte es nicht sein , davon war er jetzt überzeugt . Wer also konnte es sein ? Ueber diese Frage grübelte er lange nach , ohne ihrer Lösung deshalb näher gerückt zu sein . - Der Pater seinerseits hatte aus den Lücken , welche das Gespräch zwischen Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Fürst die Untersuchung des Zimmers vorgenommen , mit Recht geschlossen , daß Alice statt der Worte sich der Zeichensprache bedient habe , die , wie sie wohl wußte , dem Pater verloren gehen mußte , da der Vorhang des Alkovens sehr dicht war . Was waren das nun für Zeichen gewesen ? Eines freilich hatte er bemerkt , die Stunde , auf die der Zeiger der Uhr gerichtet war . Es konnte Zufall sein , es ist wahr : aber der Pater wollte sicher gehen : sein Entschluß war gefaßt . Als die beiden Männer , von denen Jeder den Anfang eines Gesprächs vom Andern erwartete , weil Jeder sich zu verrathen fürchtete , wenn er den Andern auszuforschen versuchen wollte , waren schweigend bis zur Ferdinandsbrücke gekommen , wo sie sich trennten . Der Pater schritt über die Brücke fort nach seinem Gasthofe zu , Fürst Lichninsky begab sich nach seiner Wohnung , welche im Schottenviertel lag . Auf der Brücke blieb der Pater stehen und sah sich nach Salvador um . Er hatte ihn , in seine Gedanken vertieft , gänzlich vergessen . - Er wird dem Fürsten gefolgt sein - murmelte er vor sich hin . Salvador war in der That dem Fürsten gefolgt , aber nicht , wie der Pater vermuthete , um in seine Dienste zu treten , sondern um seine Wohnung auszukundschaften . Er merkte sich genau Straße und Nummer des Hauses und eilte dann mit schnellen Schritten durch das Schottenthor über das Glacis , die Alsengasse hinab bis zu deren letzter Querstraße . Hier bog er ein und schritt durch den Thorweg eines kleinen unansehnlichen Hauses über den Hof nach dem Seitengebäude . Auf seinen Ruf zeigte sich ein Licht am Gibelfenster des zweiten Stocks , das nach dem Garten hinaussah . Bald darauf hörte man den leisen Tritt eines weiblichen Fußes die Treppe hinabkommen . Die Thüre wurde aufgeschlossen . - Bist Du ' s , Salvador , mein Sohn - fragte eine Stimme in spanischer Sprache . - Ja , Mutter . Die Thüre öffnete sich . Es war Ines , die verlassene Geliebte des Fürsten . V Es war eine kleine ärmliche Wohnung , die Ines und Salvador inne hatten , denn sie bestand nur aus einer Stube mit wurmstichigen Möbeln , und einer Kammer , die nichts enthielt , als einen Strohsack und einen daneben stehenden hölzernen Schemel . Hier wohnte oder vielmehr schlief Salvador , denn wenn ihn sein rastloses Temperament nicht auf der Straße umhertrieb , so saß er wohl Abends zuweilen neben seiner Mutter auf dem altmodischen Sopha , dem Prachtstück des Zimmers und erzählte ihr von den blühenden Mandelwäldern in den schönen Thälern Kataloniens . Dann pflegte der schwere Trübsinn , der wie eine düstre Wolke auf ihrer edlen Stirn gelagert war , einer sanfteren Stimmung zu weichen und das Eis stolzer Gleichgültigkeit , welche den majestätischen Zügen ihres bleichen Gesichts tief eingegraben war , in einige warme Thränen der Wehmuth zu schmelzen . Das waren des Knaben glücklichste Stunden - denn mit dem zartfühlenden Instinkt halb barbarischer Naturen vermied er jeden Versuch des Trostes , der Ines nur beleidigt und gereizt , aber nicht beruhigt hätte , während für sie , die von der Zukunft nichts erwartete , als den einstigen Triumph der Rache über den , der ihres Lebens Keim für immer vergiftet , die Erinnerung an die schöne Vergangenheit noch die einzige Quelle milderer Gefühle war . Ines Charakter war aus zwei - scheinbar widersprechenden und doch bei höheren Naturen so oft zusammenkommenden - Elementen gebildet : aus ruhiger , nie ihres Zieles vergessender Consequenz im Handeln und maßloser Leidenschaftlichkeit im Empfinden . Die Einheit dieser beiden Elemente prägte sich auch in ihrem ganzen Wesen aus . Ihre stolze schlanke Gestalt - Ines zählte erst 32 Jahre - war in Bewegung und Ruhe der vollkommenste Ausdruck eines festen , thatkräftigen aber zugleich sich selbst beherrschenden Geistes : wenn sie einherschritt , oder sich mit irgend Etwas - mochte es auch das Unbedeutendste sein - beschäftigte , stets lag auf jeder ihrer Bewegungen das Gepräge einer ihres eigenen Werthes und ihrer Macht bewußten , königlichen Seele . Regte aber irgend eine Erinnerung , ein vergilbtes Blättchen aus den Zeiten ihres Glücks oder auch nur ein Gedanke an jene für sie unvergeßliche Zeit ihre Empfindung an , so gab augenblicklich der düstere glutgetränkte Glanz , welcher aus ihren großen schwarzen Augen strahlte und das Zittern ihrer feingeschnittenen Lippen Zeugniß von den tiefern Wogen der Leidenschaft in ihrem stolzen Herzen . Ines Gefühle und Gedanken bewegten sich wie der Magnet nur stets nach einer und derselben Richtung . Das ehemalige Glück ihrer Liebe und der Verrath ihrer Liebe : das waren die beiden Pole ihrer Empfindung . War ihre Liebe gewaltig und Titanen gleich gewesen , so war es jetzt ihr Haß und das Bedürfniß der Rache . Aber sie verschloß beide Gefühle , die Erinnerung an ihre Liebe und die Hoffnung auf Rache tief in ihrer Brust . Selbst mit Salvador hatte sie nur einmal davon gesprochen ; es war an seinem 15. Geburtstage , als sie ihn in ihr ganzes Leiden einweihte . Salvador hatte mit zerrissenem Herzen zugehört , aber ohne auch nur durch einen Laut zu verrathen , was in jenen Augenblicken in ihm vorging : aber als sie geendet , war er zu ihren Füßen gekniet , und hatte ihr mit fester Stimme den Schwur geleistet , sie zu rächen . Da hatte Ines die rothseidene Schärpe hervorgeholt und sie dem Knaben um den Leib gewunden , und einen Dolch aus dem Busen gezogen und ihn in die Schärpe gesteckt . - Salvador hatte sie verstanden - und es war weiterhin keine Rede mehr darüber zwischen ihm und seiner Mutter , aber das natürliche , unbefangene Verhältniß zwischen ihnen war seitdem verändert worden . Nicht als wenn die Liebe und Verehrung , welche Salvador für seine Mutter empfunden , an Tiefe und Innigkeit verloren ; im Gegentheil , er gelangte nun erst zum vollen Bewußtsein darüber , wie heiß diese Liebe , wie lebendig diese Verehrung war : aber es mischte sich diesen rein kindlichen Gefühlen eine neue bis dahin ihm unbekannte Empfindung bei , welche mit einem Worte zu bezeichnen unmöglich ist . Er wurde seit jenem Tage stiller und in sich gekehrter . Sein Frohsinn , seine muntere Laune war verschwunden . Er war , ein 15 jähriger Knabe , zum Manne gereift . Er fiel jetzt nicht mehr , wie früher , wenn er von seinem tagelangen Umherschweifen nach Hause zurückkehrte , seiner Mutter jubelnd um den Hals , um ihre Vorwürfe über sein langes Fortbleiben durch Küsse zu ersticken - er fragte nicht mehr , wie früher , wenn sie zuweilen seinen Liebkosungen mit einem schweren Seufzer oder gar mit Thränen antwortete , mit trauriger Miene , ob sie ihm zürne : er küßte nur zuweilen ihre noch immer schönen Hände und blickte sie - wenn sie es nicht bemerkte - mit einem Blicke an , in dem sich eine an Schwärmerei grenzende Liebe und Verehrung abspiegelte . Ines beunruhigte sich zuerst über diese plötzliche Aenderung in dem Charakter ihres Sohnes , allmälig aber gewöhnte sie sich daran , besonders als sie gewahrte , daß seine Liebe zu ihr keinen Abbruch erlitt . Denn sie besaß ja nichts weiter , als dieses Kindes Liebe . Es ist natürlich , daß zwei Menschen , die einen gemeinsamen Schmerz haben , selten , ja fast nie davon mit einander reden , obgleich jeder weiß , daß derselbe in des Andern Gedanken eben so wie in seinen eigenen fortlebt . So war ' s auch mit Ines und Salvador . Sie zeigten einander nie ihre Trauer , noch sprachen sie davon , so daß ein Dritter , der sie nicht kannte und nicht in ihr Inneres zu schauen vermochte , vielleicht glaubte , daß sie wenig für und mit einander fühlten , sondern in frivoler Gleichgültigkeit neben einander hinlebten . Denn da ihre Gedanken fast stets dem einen Gegenstande , der ihrem Leben die Richtung gegeben hatte , zugewandt waren , so waren sie überhaupt einsylbig und äußerlich indifferent in ihrem täglichen Umgange , außer wenn - wie wir schon erwähnt - Salvador Abends in der Mußestunde von der Heimath erzählte , dann brach durch die Rinde jener scheinbaren Indifferenz die tiefe Gemeinschaft ihrer Empfindungen und Gedanken durch - dann weinten sie wohl lautlose Thränen , Salvador , indem er seinen Kopf in den Schooß der Mutter legte , Ines , indem sie ihren heißen Mund in die schwarzen Locken des Sohnes drückte . Heute aber war Salvador ein Anderer . Er hatte Lydia kennen gelernt ; er hatte dem Fürsten in ' s trotzige Auge geblickt : zwei Erinnerungen , deren jede - so entgegengesetzter Natur und Wirkung auf ihn sie waren - hinreichte , um seine Bewegung zu rechtfertigen . Vielleicht wäre diese noch heftiger gewesen , wenn nicht der Eindruck der einen , wechselsweise von dem der andern paralysirt worden wäre . Ines bemerkte mit einem Blicke seine Unruhe . Doch schwieg sie , weil sie wußte , daß er ihr nie Etwas verhehlte , das von Wichtigkeit war . Als er aber , im Zimmer angelangt , anfing , die Livree , welche er auf Geheiß des Paters angelegt , von seinem Körper zu reißen und mit Füßen zu treten , während die Röthe des Zorns und der Schaam aus seinen Augen blitzte und seine Wangen mit tiefem Purpur bedeckte : - da konnte Ines ihr Erstaunen nicht länger verbergen . - Salvador ! ? - fragte sie mit halb vorwurfsvollem , halb fragendem Tone . Aber Salvador hörte nicht . Halb entblößt stand er mitten in der Stube auf den Trümmern der unschuldigen Livree , die Hände geballt und Thränen der Wuth in den Augen . - Salvador ! ? sagte noch einmal Ines , deren Erstaunen zur Bestürzung wurde , mit dem Accent mütterlicher Angst , indem sie die Hand auf seine Schulter legte . Da brach des Knaben Leidenschaft in ein wildes Schluchzen aus . Er sank in die Kniee und barg sein Haupt in der Mutter Schooß . - Was ist Dir , Kind ? Sprich , was ist geschehen ? - Lange konnte der arme Knabe keinen Laut hervorbringen . Endlich stammelte er die Worte : - Ich habe Ihn gesehen , Mutter . - Wie ein Blitzstrahl , so erschütterten diese wenigen Worte das stolze Herz der Spanierin . Sie erbleichte und schwankte . Salvador fing sie in seinen Armen auf und so knieten sie beide , die Arme in einander geschlungen , das Haupt auf des andern Schulter gelehnt . Mochte es der furchtbare Eindruck sein , den Salvador durch die Mittheilung auf seine Mutter hervorgebracht , und der eine beruhigende Rückwirkung auf ihn ausübte , oder war es vielleicht auch der Gedanke daran , daß er nicht nur » ihn « , sondern auch sie gesehen : genug , er richtete sich zuerst empor und sagte fast vorwurfsvoll : - Warum weint die stolze Ines ? Deine Thränen kommen zu früh , meine Mutter . Ich habe gesagt , daß ich Ihn gesehen . Ich habe nicht gesagt , daß ich ihn getödtet . - Ines sprang empor . Der Pfeil hatte getroffen . - Du hast recht , Knabe . Aber ich glaubte , wenn mein Salvador sagte , daß er ihn gesehen , so wäre es überflüssig , zu fragen , ob er ihn getödtet . - Salvador senkte den Kopf , dann wies er auf die an der Erde liegende Livree und murmelte : - Der Tio ist daran schuld , daß er noch lebt . - Und er wird recht gehabt haben - erwiederte Ines , die sich jetzt gefaßt hatte . - Verzeih ' mir , mein Sohn , Beides : meine kleinliche Schwäche und meinen ungerechten Vorwurf . Salvador erzählte jetzt seine Abenteuer vom heutigen Tage . Als er Lydias erwähnte , stockte er anfangs . Doch Ines war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt , um darauf zu merken . Er hatte vollendet . Doch schien es , als habe er seiner Mutter noch eine andere Mittheilung zu machen , über deren Einkleidung er nur noch zweifelhaft war . Er erwählte den kürzesten Weg . - Ich werde Dich Morgen verlassen , Mutter - sagte er mit niederschlagenden Augen und leiser Stimme . - Verlassen ? Ich verstehe Dich nicht . - Auf einige Wochen - oder Monate - oder - - Und wohin willst Du gehen ? - fragte Ines erstaunt . - Nach dem Norden , in eine große Stadt . Berlin , glaube ich , heißt sie . - Und morgen schon ? das ist hart von Angelikus , uns so schnell und gerade jetzt wieder zu trennen . - Der Tio weiß nichts davon , Mutter . Es ist mein eigener Entschluß . - - Dein eigener Entschluß ? ! So geht Er auch nach dem Norden ? - - - - Ich weiß es nicht . Aber sie geht nach dem Norden . - Nur mit Zittern brachte er diese Worte heraus . - Sie ? - fragte erstaunt Ines , die an Lydia nicht mehr dachte , jetzt aber genauer nachforschte . Salvador erzählte das Zusammentreffen zwischen Lydia , dem Fürsten und dem Pater noch einmal . Jetzt begriff sie seinen » Entschluß « und war sehr bestürzt darüber , nicht nur , weil sie sich von dem Sohne ungern , zumal jetzt , trennte , sondern besonders , weil sie die Gewalt fürchtete , die eine so frühzeitige Liebe über ihn ausüben würde , und die ihn vielleicht von ihrem gemeinsamen Plane , wenn nicht entfremden , so doch für einige Zeit entfernen könnte . Sie versuchte ihm das Zwecklose seines Unternehmens darzustellen . Vergebens , er blieb fest und bat seine Mutter , nicht ferner in ihn dringen zu wollen . Er könne nicht anders . Eine innere Stimme sage ihm , daß sein » Entschluß « gut und nützlich sei . Auch werde Pater Angelikus schon dafür sorgen , daß Ines ihm bald nachfolgen könne . Während sie eben im Begriff war , das letzte Mittel - die Erinnerung an seinen ihr geleisteten Schwur - anzuwenden , um ihn zum Bleiben zu zwingen , trat Pater Angelikus ein und sah mit erstauntem Blick bald auf den entkleideten Salvador , bald auf die am Boden liegende Livree . - Was bedeutet das , mein Sohn ? - fragte er mit leisem Stirnrunzeln , nachdem er Ines mit einem warmen Händedruck begrüßt hatte . Salvador bückte sich , die Stücke aufzuheben , um sein Erröthen zu verbergen . - Ich bin gekommen , theure Ines - fuhr der Pater fort , ohne die Antwort des Knaben abzuwarten - nun Euch auf eine neue Trennung von Eurem Sohne vorzubereiten . Er wird schon morgen in Begleitung zweier Damen nach Berlin reisen . Salvador horchte hoch auf . Sein Herz klopfte ungestüm , doch wagte er nicht zu fragen , was für Damen es seien , mit denen er reisen solle . Während Salvador sein bescheidenes Bündel packte , und vor allen Dingen seine Schärpe und seinen Dolch sorgfältig einwickelte , theilte Angelikus mit leiser Stimme Ines die Gründe mit , die ihn bewogen hätten , ihren Sohn als Begleiter Alicens und Lydias nach Berlin reisen zu lassen . Diese Gründe mußten wohl sehr überzeugender Natur sein , denn Ines drückte befriedigt beim Abschiede dem Pater die Hand , preßte Salvador einen Kuß auf die Stirn und empfahl sie Beide dem Schutze ihres Heiligen . VI Es schlug gerade Mitternacht , als der Pater und Salvador durch die stillen Straßen der Vorstadt wandelten . -- Salvador - sagte jener mit ernster Stimme - Du bist heute zwei Mal ungehorsam gewesen . Deine Heftigkeit kann uns Alle ins Verderben stürzen . Du mußt Dich beherrschen lernen , mein Sohn ; nur durch Selbstbeherrschung gelangt man zum Ziel , präge Dir das wohl ein . Und nun merke auf . Du kennst jetzt den Fürsten , Du wirst ihm gefolgt sein und seine Wohnung erspäht haben . Daß Du nach jener unvorsichtigen Scene auf dem Perron nicht in seine Dienste einzutreten versuchen würdest , konnte ich mir leicht denken . Es ist auch besser so , wie es jetzt ist . Aber das ist nur ein Zufall , daß es besser ist , ein Zufall , der Dich nicht berechtigt , abermals ungehorsam zu sein . - Habe Acht , was ich sage . Du wirst um 2 Uhr wieder auf dem Perron oder vielmehr in der Nähe sein , damit Du nicht gesehen wirst ; Du wirst Acht geben , ob der Fürst um 2 Uhr 20 Minuten ins Haus geht ; hörst Du ? genau 2 Uhr und 20 Minuten . Es ist nothwendig , daß Du auch die nächste Querstraße rechts vom Hause beobachtest . Dort ist ebenfalls ein Eingang . Wenn er hinein ist , so merkst Du Dir genau die Zeit , während welcher er darin bleibt . Es ist sehr wahrscheinlich , daß er nicht aus derselben Thüre herauskömmt , durch die er hineingegangen . Richte Dich darnach . Sobald er das Haus verlassen , eilst Du zu mir und stattest mir genauen Bericht ab . Salvador versprach Alles getreulich zu erfüllen . Doch war seine Neugierde in Betreff der beiden Damen zu groß , als daß er nicht wenigstens die schüchterne Frage wagen mußte , ob er nicht die Eine davon bereits gesehen . - Was kümmert Dich das ? - fragte lächelnd der Pater , indem er ihn forschend anblickte . - Allerdings , die Eine von Ihnen ist dieselbe , welche Du nach der Kirche begleitet , und zwar ohne meine Erlaubniß . - Und nun sei wachsam und lasse die überflüssigen Gedanken fahren . Gute Nacht . Der fromme Pater hatte seine guten Gründe , weshalb ihm