bis auf den grünen Sammetdivan , auf dem ich lag . Ich hatte ein weißes Negligee übergeworfen , kleine blaßblaue Atlaspantöffelchen angezogen und lag nun so da , wie eine Nachtviole , die in holder Schönheit bewußtlos blüht , unter dem sanften Strahl des Mondes . Eine Astrallampe mit leichtem Ueberwurf verbreitete ein mildes Licht und unter der silberhellen Theevase sprühte die kleine röthliche Flamme , in die ich träumerisch blickte , als Bonaventura hereintrat . Er sah mich ganz bezaubert an und knieete zu mir nieder . » Wie Du schön bist , meine Diogena ! « sagte er , » wie Du schön bist ! « wiederholte er und ergriff meine Hände , die er küßte . Ich ließ es schweigend geschehen . Bonaventura setzte sich auf den Divan nieder und sprach : » Nimm nur Deine Füßchen in Acht , daß ich sie Dir nicht drücke , denn sie müssen müde sein , meine Diogena ! Du bist heute miraculos umhergewandert und ich selbst fühle mich fatiguirt . « Ich legte mich schweigend mehr gegen die Wand zurück , um ihm Platz zum Sitzen zu lassen , da rief er : » Aber Diogena ! warum antwortest Du mir nicht , mein Engel ! Warum soll ich den süßen Ton Deiner Stimme nicht hören ? « » Es gab eine Zeit , in der es Dir genügte , mich anzuschauen ; eine Zeit , in der Du zu erliegen fürchtetest , wenn ich dies Glück noch durch den Zauber meiner Stimme erhöht hätte . « » O , das war damals ! « sagte er scherzend , » nun bin ich aber schon an Deinen Schönheitszauber gewöhnt , er ist mein eigen geworden und Du kannst mir die süßen Worte Deiner Lippen gönnen , ohne Furcht , daß ich vor Seligkeit Dir sterbe , so selig Du mich machst . Darin besteht ja die Wonne der Gewohnheit , meine Diogena ! « » Ich bitte Dich , Bonaventura ! verschone mein Ohr mit solchen Worten , erniedrige mich nicht durch solche Reden . Als ob das Schöne uns nicht ewig neu , nicht ewig entzückend bliebe ; als ob Sonne und Mond und Sterne , und die Natur uns nicht ewig die gleiche Sensation einhauchten ! « » Sonne , Mond und Sterne wohl , aber vielleicht grade darum , weil sie uns unerreichbar sind , weil sie trotz unserer Sehnsucht , trotz unsers Verlangens , nie zu uns herabsteigen . Thäten sie dies und würden sie unser eigen , wie ein geliebtes Weib , auch der Besitz der himmlischen Gestirne würde uns zu einer süßen , wenn auch unentbehrlichen Gewohnheit werden , « meinte Bonaventura , und wollte mich zärtlich in seine Arme ziehen . Ich machte mich aber mit einer prächtigen Indignation von ihm los und sagte : » Nun , so will ich wenigstens nicht dazu thun , Dir zur süßen Gewohnheit zu werden ; ich will Dir lieber entbehrlich sein und ich bin es Dir schon , denn wir Beide verstehen und verstanden uns nie . « » Diogena ! um der Liebe willen , welche Anwandlung ! « rief Bonaventura , ganz foudroyirt von meinem wundervollen Zorn . » Nein , nein , Bonaventura ! « sagte ich , und schüttelte schmerzlich lächelnd mein Haupt , indem ich die rosigen Händchen abwehrend gegen ihn bewegte , » täusche Dich nicht , Du liebst mich nicht , ich weiß es . Du ermüdest an meiner Seite . « - » Aber Diogena ! wer kann wie Du Strapazen ertragen , die den stärksten Körper vernichten müßten . Du hast heute zwei Stunden am Morgen promenirt mit dem Vicomte , dann bist Du in brennender Sonnenhitze nach Karlsruhe gefahren , die Museen in Augenschein zu nehmen , hast das Schloß , die Bibliothek , die indifferentesten Kirchen durchwandert . Heimgekehrt bist Du auf die Iburg zu einem Dejeuner geritten , dann zu Fuß hinabgegangen . Wir haben in dem wüsten Menschengewühle des Hôtel d ' Angleterre dinirt , haben einen langen Ritt über Lichtenthal hinaus in die Berge gemacht , zwei Stunden im Salon der Fürstin Orzelska getanzt , und schon , als wir nach Hause fuhren und ich vor Ermüdung zusammenbrach , hat Deine üble Laune ihren Anfang ' genommen . Wohl Dir , daß Du trotz Deiner Irritabilität und Nervosität dergleichen Fatiguen täglich erdulden kannst , ich kann es nicht und will es nicht , und Niemand kann das . « » Der Fürst Callenberg kann es dennoch , « warf ich hin . » Weil er nur ein Körperleben führt , nicht denkt , nicht fühlt und durch dies wahnsinnig leere Treiben nicht zu Tode gelangweilt wird , wie ich . « » Und was denkst Du ? « fragte ich . » Ich denke , daß ich Dich davon erlösen , Dich einer edlen Weltanschauung entgegenführen muß , weil ich Dich , liebe Diogena ! weil ich nicht leben kann ohne Dein mildes , sonniges Lächeln ; weil ich die Ekstase Deines Kusses nicht entbehren kann ! O , Diogena ! wende Dich nicht von mir . Denke an den ersten Abend unsers Begegnens , denke an - » Spare Deine Worte , ich glaube Dir nicht mehr ! « sagte ich kalt . » Du hängst an der Erde , an der Zeit und ihren Interessen - die Liebe aber stammt vom Himmel und ist unendlich . Sie kennt keine Zeit , die Menschheit kümmert sie nicht und sie hat keinen Zweck als sich selbst . Solch eine Liebe muß ich finden , oder untergehen ; Du hast sie nicht , Du kennst sie nicht und kannst sie nicht bieten , darum habe ich Nichts mit Dir gemein . « Mein Busen hob sich in convulsivischem Weinen , meine Augen sprühten in unerhörtem Lustre , ich glich einer zürnenden Gottheit und war irresistible . Mein Mann warf sich vor mir nieder , er küßte meine Füßchen , er versprach , sich von allen vernünftigen Interessen loszusagen , er wollte seine ganze ernste Vergangenheit desavouiren und nur ein Leben der Liebe leben für mich . Seine Worte ließen mich kalt , seine flammenden Küsse machten mich fast schaudern , ich war in Desespoir , mir selbst ein Gegenstand des Horreurs . Meine Kraft drohte zu erliegen , da nahm Bonaventura mich in seine Arme , und leise weinend wie ein müdes Kind , faltete ich trostlos meine Händchen zum Gebete und schlief von seinen Küssen überdeckt , in seinen Armen ein . Am Morgen erwachte ich in Zorn gegen mich selbst . Ich hatte keinen Glauben in die Versprechungen meines Mannes und dennoch sah ich gleich an dem Tage , daß er Ernst mache , sie zu erfüllen . Er besuchte das Lesecabinet nicht mehr , er vermied alle Männer von geistiger Distinction , mit denen er sonst zu conversiren pflegte , er wich , wie Fürst Callenberg , nicht von meiner Seite . Servillier , eitel wie alle Franzosen , hielt dies für ein Zeichen von Jalousie , fühlte sich dadurch geschmeichelt und vermehrte seine Attentionen für mich . Mich brachte dieses Benehmen meines Mannes in eine wunderbare Position . Wollte ich nicht das Ridicule über mich nehmen , von der Laune eines eifersüchtigen Gatten tyrannisirt zu werden , so blieb mir keine Wahl , als zu zeigen , daß ich frei sei , die Huldigung der Männer anzunehmen . Ich schwankte , welchen von meinen Adorateuren ich bevorzugen wolle , denn alle Drei waren mir unaussprechlich indifferent . Da entschied ein Moment , ein Zufall meine Wahl . Bonaventura hatte nach wenig Tagen , da ihm seine sogenannten ernsthaften Occupationen fehlten und ich unmöglich in der Laune sein konnte , ihn in seinem Attachement an meine Person zu encouragiren , angefangen sich furchtbar zu langweilen . So oft ich nach ihm hinblickte , saß er mismuthig da und schon mehrmals hatte ich ihn gähnen sehen , das machte ihn mir vollends insupportable . Ich nahm gar keine Rücksicht auf ihn und es war mir ein Soulagement , als ich bemerkte , daß ein ganz unbedeutendes , schlichtes Fräulein von Elsleben , eine Cousine des Fürsten , die mit ihrem Vater , einem preußischen Gutsbesitzer , eben angekommen war , ihn zu beschäftigen anfing . Sie war eine ganz gewöhnliche , weibliche Erscheinung , ein unschuldiges Kind , das für mich dadurch ein Ridicule bekam , weil der Vater sie immer » meine Mieze « nannte . Eigentlich hieß sie Aurora , nach ihrer verstorbenen Mutter ; aber auch diese war von dem Vater » Mieze « genannt worden und so führte er aus Pietät den Namen auch in der Tochter fort . Aurora zu Ehren war ein Dejeuner auf dem alten Schlosse veranstaltet worden . Man ritt theils auf Eseln , theils zu Pferde hinauf . Mein Mann machte den Cavalier Aurora ' s und that ängstlich um sie besorgt , während ihr Vater ihm unablässig zurief : » Geben Sie Acht , bester Graf ! daß meine Mieze nicht vom Esel fällt ; halte Dich fest Miezchen ! Du bist noch nie geritten , so ein Esel ist eine eigensinnige Bestie und keine bequeme Familienkutsche , in der man so sicher sitzt wie in Abrahams Schoos ; biege Dich weiter nach hinten , Miezchen ! « und wie dergleichen Ermahnungen denn weiter hießen . Mich packte ein solcher Degout vor diesen ganz ignobeln Menschen , und vor Bonaventura , den dies höchlich zu belustigen schien , daß ich zu Servillier sagte , der grade in meiner Nähe war : » Um Gottes Willen , Vicomte , lassen Sie uns absteigen und einen Fußpfad einschlagen , denn die Anwesenheit dieser Menschen macht mich nervos . « Servillier bot mir die Hand , ich ließ mich von meinem Pferde herabheben , und wanderte mit ihm durch den Baumschatten den Berg in die Höhe ; wie immer folgte der Fürst in gewisser Entfernung . Ganz gegen seine Gewohnheit schwieg Servillier eine Weile , dann sagte er : » Wenn ich Sie so ansehe , meine Gräfin , so frage ich mich immer , welch ein splendides Gestirn über dem Grafen geleuchtet hat , daß ihm eine Diogena zu Theil ward ; ja welches Gestirn über diesem Jahrhundert leuchtet , daß Sie uns gegönnt sind . « » Sie sind grandios in Ihren Exagerationen , Vicomte ! « warf ich mit der Gleichgültigkeit hin , mit der man solche banale Phrasen beantwortet und selbst verschwendet . » Meine Gräfin ! « rief er aus , » o , hören Sie mich an ! « - Er führte mich zu einer der Bänke , die sich auf dem Wege fanden , nöthigte mich darauf niederzusitzen und legte sich mir zu Füßen hin , während er anmuthig meine Hände hielt und sie mit spielender Grazie an seine Lippen drückte . Dann erhob er sich etwas und sagte knieend : » Madonna ! Du mußt ein Kind des Südens sein ! Nur der Süden erzeugt solch glänzend poetische Erscheinungen wie Du ! Im schönen Griechenland stand die Wiege Deiner Ahnen ; dort hat der goldene Sonnengott Deine goldenen Locken angestrahlt , dorthin , nach dem Süden gehört Deine flammende Existenz ! - O , Madonna ! Du hättest im Mittelalter leben müssen bei uns in der schönen Provence , an den Ufern des blauen Meeres , die Königin der Herzen und der Cours d ' amour ! « Ich hörte ihm schweigend zu und träumte mich zurück in die Tage , von denen er sprach , in ein Zeitalter , in dem Liebe ein Cultus war , und man die Frauen wie Göttinnen anbetete aus scheuer , blöder Ferne . Ich fragte mich , ob das die Liebe sei , die ich gesucht ? - Servillier blickte mit seinen großen , brennenden Augen so fest in die meinen , daß es schien , als wolle er in den profundesten Tiefen meiner Seele lesen . Ich empfand Nichts für ihn , mein Herz war kalt und still , aber ich erbebte vor seinem fascinirenden Blick , seine Glut dominirte mich . Ich wollte mich erheben , er ließ es nicht zu . Mit festen Armen umschlang er meine Taille : » Diogena ! Madonna ! « rief er aus , » nicht diesen kalten , herzlosen Blick , der in das Weite vaguirt ; auf mich , Diogena ! wende Deine Augen . Sieh mich zu Deinen Füßen , fühle meine Arme , die Dich enlaciren , die Dich halten , um Dich Deinem kalten , berechnenden Gatten zu entreißen , Dich dem Norden zu entführen , wo Schnee und Eis sich um Dich lagern ! - Diogena ! mein Engel ! folge mir in meine schöne Provence , denn Du mußt folgen , Du mußt mein sein ; denn ich lasse Dich nicht , auf mein Wort , ich lasse Dich nicht ! Aber Diogena , Du hast kein Herz ! « Er hatte mich an sich gepreßt , mir schwindelte , meine Sinne drohten mich zu verlassen . Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust , ich wußte nicht , ob ich träume oder wache , glücklich oder miserabel sei . Ich empfand eigentlich gar Nichts und willenlos duldete ich die stürmischen Küsse und Schwüre des Vicomte . Als ich mich erholte , fiel mein erster Blick auf den Fürsten Callenberg , der in einiger Entfernung stehen geblieben war . Mit der ihm eigenen Impassibilität und Discretion hielt er meinen Shawl und meinen grünen Fächer , und that , als ob er sich mit diesem spielend gegen die Sonne schütze , nur um mir durch seine unvermeidliche Gegenwart nicht à charge zu sein . In der Ferne erblickte ich meinen Mann und Aurora . So wenig liebte er mich , daß er mich ruhig den leidenschaftlichen Bewerbungen des Vicomte überließ , die ihm nicht entgangen sein konnten . Das ganze Gewicht des schmerzlichen Irrthums , der mich mit ihm verbunden hatte , die trostlose Leere meines Herzens an seiner Seite , das passionirte Verlangen nach Liebe und Liebesglück standen in frappirender Deutlichkeit vor meinem innern Auge . Alles , was Bonaventura mir zu bieten hatte , kannte ich nun à fond , hatte ich ungenügend gefunden . Ich wußte , daß solche ekstatische Momente , wie er sie in den Stunden unsers ersten Begegnens gehabt , eben nur Momente waren , die seinen modernen Ideen von der Pflicht gegen die Zeit und die Menschheit immer weichen mußten . Ich mußte mir gestehen , daß er in den Augen der Welt ein sehr achtbarer Charakter , das Muster eines jungen Edelmannes sei , aber er war nicht das Ideal eines Mannes , wie ich es mir geträumt hatte , wie ich es zu finden berechtigt war . Ich fühlte , es würde mir nicht Ruhe lassen , bis ich den Rechten gefunden hätte , und in diesem Augenblicke ward mir , wie durch mysteriöse Revelation , der Sinn meines Wappens klar und zum Lebensgesetze . Servillier hielt , wie vernichtet durch mein Schweigen , noch immer meine Hände in den seinen ; eine tiefe Glut lag über seinem ganzen Wesen ausgebreitet . Eine dämonische Stimme in mir rief : Versuche , vielleicht ist er es . - Ich blickte ihn fest an , ich wollte es mit meinem Auge in dem seinen lesen ; meine fascinirende Kraft magnetisirte ihn . » Diogena ! « rief er mit einer solchen Gewalt und Intensität der Liebe , daß der Ton tief in meinem Innern wiederklang ; eine Ahnung möglichen Erfolges durchzuckte mich , und überwältigt von einer namenlosen Sehnsucht nach Glück , lehnte ich mein Haupt an ihn und sagte ganz bewildert : » O , wenn Du lieben kannst , lehre mich lieben ! « » Und Du hast nie geliebt ? « fragte er , beseligt von dem Gedanken , der erste Mann zu sein , der all die seligen Emotionen in mir hervorzurufen erwählt war , welche wir Liebe nennen . » Du hast nie geliebt ? O ! Aber das ist ja zu viel Wonne ! zu viel ! Madonna ! « » Nein ! Anatole ! « sagte ich , » nicht zu viel für das Gut , das ich von dir erwarte ; nicht zu viel , wenn Du ein Mann bist , wie ich ein Weib ; wenn Du die Kraft besitzest , das Perpetuum mobile meines Herzens zu sein , es unablässig in der immer gleichen Vibration ekstatischen Vollgefühls zu erhalten . « » Und was muß ich dazu thun ? Madonna ! « » Wie kann ich ' s wissen , da ich ' s noch nicht fand ? « » O ! rief er , nun sollst Du ' s kennen lernen ! Komm ! komm ! mein Engel ! laß uns hinauf zu den hellsten Höhen des Berges ! Laß uns hinauf ins Freie , und wenn die Erde in ihrer zauberischen Schönheit sich vor dir ausbreitet , wenn die Sonne Alles goldig beleuchtet , dann denke , daß ich der Beherrscher der Welt sein möchte , um Dir sie zu Füßen zu legen , und daß ich wollte , meine Liebe wäre wie die Sonne , um Dein ganzes Wesen zu beleben und zu durchleuchten , wie jene die Welt . « Mit einem Jubelrufe hob er mich in den Sattel und wir sprengten mit solcher Eile den Berg hinan , daß wir , trotz des Aufenthaltes , oben in den Ruinen vor allen Andern angelangt waren . Zum ersten Male fehlte der Fürst an meiner Seite . Er war in einen wunderlichen Conflict mit sich selbst gerathen . Als wir seinen Blicken entschwunden waren , fuhr er sich mit der Hand über die Stirne , wie Jemand , der einen wüsten Traum geträumt hat . » Diable ! « sagte er zu sich selbst ! » wie ist mir denn ? Mir ist so warm , als hätte ich eine Wette gehalten beim Pferderennen , und hätte die Partie verloren . Aber was kümmert mich denn die Comtesse mit ihrer Miene à la sainte N ' y touche ; mag sie doch lieben wen sie will , das ist des Grafen Sache . Was kümmert ' s mich ! Ich liebe sie nicht , aber dieser Servillier ist mir odios ! Wo er nur mit ihr sein mag ? « Verdrießlich schlug er mit der Reitpeitsche gegen die zunächst stehenden Bäume und trabte meditirend und übler Laune den Berg in die Höhe . Wie im Rausche vergingen mir die nächsten Tage und Wochen . Anatole war wie ein angezündetes Feuerrad , in rastlos brennender Bewegung . Er liebte mich wirklich ; er begriff die tödtliche Leere meines armen unersättlichen Herzens , er begriff die Apathie , in die ich versank , wenn ich nicht ewig in immer neuen Emotionen erhalten wurde . Er war erfinderisch , wie nur die wahre Leidenschaft es macht . Unablässig hörte ich von ihm sprechen und immer in der Weise , welche für uns Frauen so viel Charmes hat . Bald sprach man davon , daß er Unsummen an der Bank pointirt und verloren oder gewonnen habe , bald hatte er , der magnifiqueste Reiter , ein Racepferd acquirirt , das der Großherzog zu kaufen refusirt hatte , wegen des enormen Preises . Da ich erklärt hatte , daß die impassible Galanterie des Fürsten mir unerträglich sei , und daß mich nur eine Huldigung entzücken könne , die mich wie die Liebe meines Schutzgeistes unsichtbar umschwebe , wußte Anatole tausend Mittel ausfindig zu machen , um in meiner Nähe zu sein und unbemerkt für mich zu sorgen . Machte man eine Partie auf Eseln , so trat oft der Führer desselben , den ich als einen bezahlten Menschen nicht beachtet hatte , leise an mich heran , als ob an dem Sattelzeuge Etwas verdorben sei , und aus dem gewaltigen blonden Barte , der ihn für Jedermann unkenntlich machte , fragten mich Anatole ' s blühende Lippen : » Madonna , schlägt Dein Herz ? « - Aber Anatole ' s Anbetung fing an , die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen , nur mein Mann schien sie nicht zu bemerken . Fräulein Aurora dominirte als Sonne an seinem Horizonte und blendete ihn so , daß er für mich kein Auge mehr hatte . Mein Stolz war auf das Empfindlichste verletzt . Eines Tages fand mich Anatole in Thränen . Der Glanz meiner Farben war wie erblichen , mein Antlitz sah wie ein klarer weißer indischer Mousselin aus , den man mit dem zartesten rosenrothen Taffet gefüttert hätte ; wie leichte blauseidene Plattschnürchen liefen die Adern darunter hin . » Du weinst , Madonna ? « fragte er . » Bist Du nicht glücklich durch meine Liebe ? « » Ich liebe Dich nicht , Anatole ! « sagte ich . » Ich kann Dich nicht täuschen . Du bist brillant , Du bist sublime als Cavalier und Du liebst mich ; aber fühle es , mein Herz klopft ruhig und still . Meine Nerven versinken in ihre frühere Apathie und in diesem Momente ist es allein der Depit über meines Mannes Vernachlässigung , der meinem Dasein noch einen Impuls , einen Anschein von Leben gibt . Ach , ich fühle es , ich werde sterben , denn mir fehlt die bewegende Kraft für meine Existenz . Ich schlafe ein vor Unmöglichkeit zu leben . « » Aber Madonna ! « rief Anatole in Verzweiflung , » Du empfindest Nichts , Nichts ? Und ich verzehre mich in Gluten , die Deine Schönheit anfacht , Deine Blicke nähren ! Du erwiederst den Druck meiner Hand , Du duldest meine flammenden Küsse - und Du liebst mich nicht ! Du sagst , Du empfändest Nichts ? Aber was soll ich denn thun , damit Du lebst , statt zu sterben ? « » Lehre mich lieben ! Lehre mich fürchten und hoffen , aufjauchzen und verzweifeln , laß mich die ganze Scala der Sensationen durchlaufen in dem Gedanken an Dich , und mache , daß dies nie , niemals ende und wie eine Sklavin ihrem Herren will ich Dein eigen sein . « Anatole kreuzte die Arme über der Brust , sah mich mit einem langen desidirten Blicke an , sagte mit gepreßter Stimme : » Leb ' wohl , Diogena ! « und sprang vom Balkon , auf dem ich saß , hinunter in den Garten . Ein furchtbares Zittern durchflog meine Nerven . Ich schickte , als ich mich erholt hatte , meinen Diener in die Wohnung des Vicomte , mich nach seinem Befinden zu erkundigen ; man brachte mir die Antwort , er sei heimgekehrt , dann ausgegangen und seine Domestiken packten seine Sachen , da er in einer Stunde abreisen werde . Ich blieb ruhig und kalt wie immer . Er war mir eine Zerstreuung gewesen , Nichts mehr , Nichts weniger . Dennoch fehlte er mir am Morgen und die Frage meines Mannes , wo mein Cavaliere servente geblieben sei ? die Auskunft , welche die Gesellschaft von mir über sein Verschwinden verlangte , hatten in der That etwas Embarrassirendes . Ich hielt mit aller Sicherheit einer Weltfrau Contenance und Fürst Callenberg und Lord Ermanby benutzten den Zeitpunkt , ihre nicht beachteten Prätensionen geltend zu machen . Ich war , nicht in der Stimmung , sie zu encouragiren , dennoch nöthigte mich meine wunderbare Position dazu . Von meinem Manne gänzlich negligirt , von Servillier urplötzlich verlassen , mußte ich die sehr auffallende Lücke durch eine neue Wahl füllen und Servillier ' s Abreise dadurch motiviren . Des Fürsten war ich gewiß . Er war eine jener seltenen Naturen , die niemals ihren Posten verlassen ; ich war so gewiß ihn zu finden , wie den Reflex meiner Person in dem ungetrübten Glase eines Spiegels , und zudem lag in dem wunderlichen Wesen des Lords ein je ne sais quoi , das mich agacirte . Er selbst war dermaßen ennuyirt und blasirt , daß es fast das non plus ultra dieses Genres war ; aber ich habe nie einen Mann besser gekleidet gesehen als ihn , nie einen Mann gekannt , der so vollkommen Gentleman war als er . Er hatte nie versucht sich an die Stelle meines Mannes zu drängen , so lange er mich in gutem Einverständniß mit diesem wähnte , nie daran gedacht , die Rechte streitig zu machen , welche ich Servillier später zugestand . Dazu war er zu delicat , aber dennoch glaubte ich , daß er sie beneide , daß er mich liebe und daß ein Blick , ein Wort von mir ihn glücklich und elend machen könne . Als Servillier abgereist war und ich am nächsten Morgen auf der Promenade des Lords Arm annahm , war er ganz bewildert von diesem Glücke und nahm es als ein Signal , mir von nun an ausschließlich seine Zeit zu weihen . Anfangs quälte mich sein Phlegma unbeschreiblich , seine grenzenlose Schweigsamkeit impatientirte mich , bald aber fand ich darin einen Reiz , den ich nie in der Impetuosität des Vicomte empfunden hatte . Was kann ein Mann uns sein , der uns unablässig die Gefühle seines Herzens enthüllt , der nichts Verborgenes in seiner Seele hat , den wir auswendig wissen ? Mit dem Lord war das ein Anderes . Er sprach halbe Tage lang gar nicht und da ich dennoch fest von seiner Liebe überzeugt war , so lag ein eigenthümlicher Zauber für mich darin , in seinem stillen , kalten Antlitz nach den Gedanken , nach den Gefühlen zu spähen , von denen er bewegt war . Oft saß er mir dann Stunden hindurch gegenüber und der schaukelnde Stuhl und ein leises Gähnen verriethen mir , daß er lebe . Ich respectirte dies Gähnen ; es war nicht , wie bei meinem Manne , das Gähnen nach der Arbeit und Ermüdung des Tages , das Gähnen der Theilnahmlosigkeit , das mich so unsäglich in ihm beleidigt hatte ; es war jenes erhabene Gähnen der Blasirtheit , der Leere , der tödtlichsten Langeweile , das mir sympathisch war , das ich vollkommen begriff . O ! und es ist auch ein Unterschied zwischen dem Gähnen des Liebhabers und dem Gähnen eines Ehemannes ! Das Eine reizt unsere Eitelkeit , das Andere vernichtet sie ; das Eine belebt uns , das Andere ist der Tod . Lord Ermanby ' s Blasirtheit interessirte mich , denn sie war der Reflex meiner eigenen Leiden . Ich hatte Erbarmen mit ihm , ich beschloß , Alles daran zu setzen , diesen Unglücklichen zu galvanisiren durch die Macht meiner Gefühle , ich wollte ihn glücklich machen und darin vielleicht selbst eine Befriedigung finden . Man sprach in jenen Tagen unablässig von Servillier ' s Verabschiedung und von meiner neuen Liaison mit dem Lord . Mein Mann mochte es für angemessen halten mich darüber zur Rede zu setzen und trat eines Abends mit aller Majestät eines beleidigten Gatten in mein Zimmer , als Rosalinde grade einem neu engagirten Kellner die Arrangements für meinen Theetisch zu machen zeigte . Der Graf hieß die Dienerschaft sich zu entfernen , der Kellner zögerte und es frappirte mich , daß er mit einer Art von Angst abwechselnd den Grafen und mich betrachtete ; indessen währte das nur einen Moment , da Rosalinde ihn mit sich hinauswinkte . Kaum waren wir allein , als der Graf sich förmlich in Position setzte , um mir in aller Form zu imponiren . » Diogena ! « sagte er , » wir sind kaum zwei Monate verheirathet und schon ist jedes Band der Liebe zwischen uns zerrissen . Wie soll das werden für die Zukunft ? « » Handle nach Deinem Belieben , wie Du es ja auch jetzt thust ! Oder hindere ich Dich etwa dem blonden Fräulein zu folgen von früh bis spät ? « sagte ich stolz . » Du bist prächtig in diesem Stolze , Diogena ! « fuhr Bonaventura auf . » Du ! Du wagst es mir Vorwürfe zu machen ? Und war es nicht Deine caprizieuse Kälte , war es nicht Deine ganz wahnsinnige Exigence , die mich von Dir trieben und meine Neigung für Dich erkalten machten ? Zwei Monate sind wir verheirathet und schon ist der Vicomte verabschiedet und der Lord an seine Stelle getreten , des immobilen Fürsten nicht zu gedenken ! « » Und wer will es mir verargen , wenn ich in der Immobilität des Fürsten mehr Reiz finde , als in Deiner Beweglichkeit , die sich durch den geringsten Schatten am Himmel meiner Liebe verscheuchen läßt ? « fragte ich spöttisch , denn es indignirte mich , daß Bonaventura , der mir kein Glück gewährt hatte , es wagte , mir Vorwürfe zu machen , weil ich es anderwärts suchte . » So wirst auch Du es begreiflich finden , daß ich , wenn schon nicht Glück , so doch Zerstreuung suche , und Herrn von Elsleben und Aurora auf einem Ausflug in den Elsaß begleite , bei dem ich Deine Anwesenheit nicht fordere . Auch bist Du ja unter dem unwandelbaren Schutze des unwandelbaren Fürsten , und also besser geborgen , als durch die Liebe eines wankelmüthigen Mannes , wie ich ! - Ich reise morgen früh ! « Mit den Worten verließ er mich und ich trat auf den Balkon hinaus , der in den Garten ging , da sah ich den Lord lang ausgestreckt auf einer Bank unter meinem Fenster liegen , das Lorgnon in das rechte Auge geklemmt , die Cigarre im Munde , sehnsüchtig nach meinem erleuchteten Fenster emporblicken . Er stand auf , grüßte mich und ging von dannen . Der Gruß that mir wohl , denn in jener Stunde bedurfte ich eines Liebeszeichens , weil ich traurig war . In der Morgendämmerung hörte ich den Wagen des Grafen über den Hof rollen und seine