Gesichter waren ihr fremd - alles sah sie an mit lauernd kaltem Blick ; Niemand tanzte mit ihr , aus Respekt vor dem Prinzen , dessen Gewalt sie ganz anheim gegeben schien , und so Reden ruhig anhören mußte , die ihr das Blut immer heißer in die Wangen trieben . Endlich , als der Prinz sich einen Augenblick entfernt , um ihr ein Glas Eis zu holen , trat ein ernster junger Mann , der Baron Stein zu ihr und bat sie um einen Tanz . Freudig , als sei sie erlöst von einer großen Qual , sah sie ihn an , und schloß sich , als der Prinz wieder eintrat , fester an seinen Arm . Der junge Mann verstand dies stumme Zeichen der Furcht und flüsterte ihr zu . » Vertrauen Sie mir ; ich schütze Sie , und müßte ich mein Blut für Sie opfern ! « Mit großer Heftigkeit drängte sich der Prinz an den Baron Stein heran - versuchte auf jede Art , ihn zu reizen - und gerieth fast außer sich , als er die Ruhe bemerkte , mit der Stein sich selbst bezwang . Den nächsten Tanz eröffnete er wieder mit der Oburn . Unter dem Vorwand , sie müsse sich in einem kühlen Zimmer durchaus etwas erholen , zog er sie in ein kleines Gemach , über das Orangenblüthen ihren Duft und eine dunkelrothe Kristall-Ampel ihr dämmerndes Licht ausgoß , führte sie zu einem Atlas-Divan , und nahm neben ihr Platz . Stumm saßen beide da ; ihr Busen flog heftig ; die Hände bebten ; sie hatte nicht den Muth , in seine flammenden Augen zu sehen . Stürmisch sprang er auf , kniete vor ihr nieder , und rief in höchster Extase : » Sie sind das göttlichste Weib , das ich je gesehen ! Ich liebe Sie , liebe Sie wahnsinnig , will Sie besitzen um jeden Preis ! Wohin Du auch gehst , süßes Weib , ich werde Dir folgen ; ich werde nicht eher ruhn , bis ich Deine Liebe errungen ! Das schwöre ich Dir bei meiner fürstlichen Ehre ! « Mit leiser , aber fester Stimme erwiederte die Frau , ohne ihre innere Bewegung zu verrathen : » Was hab ' ich Ihnen gethan , mein Prinz , daß Sie es wagen , mich so tief zu kränken ; mir Worte zuzurufen , aus denen ich nur sehe , wie tief Sie mich verachten . Mögen Sie Ihre galanten Phrasen an Damen von Stande richten , die das zu würdigen verstehen ; mir ist eine Liebe , wie sie aus Ihren Worten spricht , gänzlich unverständlich . Sie kennen mich nicht ; was lieben Sie denn an mir ? O , Sie profaniren die heilige Liebe , denn das , weßhalb ich vielleicht werth wäre , geliebt zu werden - das ahnen Sie nicht . Sie lieben die flüchtigen , jungen Reize meines Körpers ; und darin liegt die Schmach und Entwürdigung für mich . « Nach diesen Worten wollte sie sich erheben ; doch er hielt sie gewaltsam zurück , und rief leidenschaftlich : » Weib , so darst Du nicht von mir gehen , um Gottes Willen , Weib , so nicht . Sieh , ich bin reich ; ich bin Fürst ; allen Glanz , alles Glück der Erde lege ich zu Deinen Füßen nieder . Du sollst Herrinn werden über alles , was ich besitze - nur liebe , liebe mich ! Und wenn Dein zögernder Muth Dir nicht hinweghilft über alle Schranken und Hemmnisse zu raschem Entschluß - o so laß mir wenigstens die Hoffnung , daß ich einst nach Wochen , Monaten - oder selbst nach Jahren Dich besitzen werde . « Mit einem prächtigen , stolzen Blick sah die junge Frau den Prinzen an , und erwiederte nur : » Ich verachte Ihren Glanz - und Sie selbst von Herzen ! « Außer sich vor Leidenschaft , umklammerte der Prinz Ihre Kniee und drückte heftige Küsse auf ihr Gewand . In diesem Augenblicke wurde die Thüre leise geöffnet und das schöne , doch maliciöse Gesicht der Gräfinn Lichtenfels schaute hinein . Ein spöttisches Lächeln verklärte gleichsam ihre Züge und bildete den besten Commentar zu ihren Worten : » Entschuldigen Ew . Königl . Hoheit , wenn ich störe ; ich wünschte nur , mich hier an diesem kühlen Ort etwas von der Hitze des Balles zu erholen . « - Gräfinn Sidonie sorgte , nach den Grundsätzen der christlichen Liebe und weiblichen Ritterlichkeit dafür , daß nach wenigen Minuten die ganze Ballgesellschaft über die Liebesscene im Klaren war . Ueberall flüsterte man von der zärtlichen Attitüde , in der Prinz C * * mit Madame Oburn im einsamen Gemach betroffen worden , und fügte natürlich hinzu , daß die Frau den Bewerbungen des Prinzen ein williges Ohr geschenkt . Die Stimmung in der Gesellschaft war hierüber sehr verschieden . Die jungen Fräuleins , nebst den altadligen Müttern , konnten es einer Bürgerlichen nimmer vergeben , zu der Ehre einer fürstlichen Maitresse , nach der sie alle selbst strebten , erhoben zu werden . Darum sprach man das Anathem über sie aus ; aus Neid wurde sie geächtet . Bei den Männern hatte die Frau dadurch an Ansehen gewonnen ; und man war nur unschlüssig , wie man das Betragen gegen sie einrichten müsse , um die hohe Gnade des Prinzen nicht zu verscherzen . Doch auch nicht einem Einzigen in der Gesellschaft schien es möglich , daß eine bürgerliche Frau zu stolz sein könne , Maitresse zu werden . Nur Baron Stein entgegnete dem Grafen Reizenstein , der sich auf seine Prophezeihungen viel zu Gute that : » Nach dem , was ich heute Morgen gehört , werde und kann ich nimmer glauben , daß die Oburn , dem Prinzen gegenüber , sich nur das Geringste vergeben habe ; es ist ein Etwas in dieser Erscheinung , was mich durchaus an eine edle Natur glauben läßt . « Fürstinn Helene hatte sich , ihrer Kränklichkeit wegen , früh in ihre Privatzimmer zurückgezogen - Gräfinn Sidonie , geärgert und gelangweilt , war weniger liebenswürdig , als sie es sonst zu sein pflegte , und folgte bald dem Beispiel der Fürstinn . Dies war das Signal zum allgemeinen Aufbruch ; und zeitig trennte sich die Gesellschaft . Prinz C * * führte die Oburn zu ihrem Wagen , hob sie scheinbar vertraut hinein , wurde aber von zwei nervigen Armen unsanft zurückgeschoben , als er sich selbst ohne Umstände mit hinein setzen wollte . Er wandte sich um ; und ihm entgegen blitzten die zornigen Augen des Baron Stein , der ihm die Worte : » Du Schurke « verständig ins Ohr flüsterte . - Im Innersten aufgeregt und erschüttert , betrat die Oburn ihr trauliches Gemach . » O das war ein böser , böser Tag für mich , « sprach sie zu ihrer vertrauten Lisette , froh , ein Wesen zu finden , dem sie alles mittheilen konnte , was auf ihrem Herzen lastete ; » ach wäre ich doch fort , weit fort von hier , fort von allen diesen Erinnerungen ! Wie reizend dachte ich mir als Kind das Leben der Welt ; wie verwebten sich stets in alle meine Träume Bilder des Glanzes und Glücks - und nun ? Wie fade erscheint mir alles ; wie hat doch so Nichts von all ' dem Glück mich befriedigt ! Ich bin doch recht elend , « fuhr sie in einem Tone fort , der für die Wahrheit der Worte die beste Bürgschaft war ; » so jung und so freudlos hinsterben zu müssen ; mein Herz so heiß - und nirgends Erquickung ; die Eltern todt - und mein Mann - o mein Mann - das ist ja gerade mein Elend ! denn in meiner Ehe fühle ich mich am einsamsten , weil ich nie verstanden werde ; weil mein Herz , mit all ' seinem glühenden Ringen nach einem edeln Leben , hier an Gemeinheit und Bosheit scheitert - o das ist wohl ein tiefes Unglück ! « Einzelne Thränen entströmten den schönen Augen ; dann fuhr sie leise , doch leidenschaftlich fort : » Vergieb mir , Franz ! Nein , ich bin nicht elend ; ich habe Dich ja gefunden , und die Liebe zu Dir ist Erlösung von all ' der Noth , von all ' dem Schmerz des Lebens ! Welche Seligkeit liegt darin , den Mann , den man liebt , in jeder Beziehung edel und groß zu wissen ! Ob ich ihn wohl lieben könnte , « sprach sie träumerisch weiter , » wenn diese Größe eine erlogene wäre , zu der ihn die Sophistik eines vielgewandten Geistes emporgeschwindelt oder die trunkene Phantasie meiner Liebe ? Ob ich ihn lieben könnte , wenn ich ihn verachten müßte ? « Ahnungsvoll hielt sie hier inne , bedeckte die Augen mit der Hand , als wolle sie ein Bild verhüllen , das unheimliche Angst in ihr erwecke ! Bei dem Auskleiden übergab ihr Lisette einen Brief ihres Mannes . Er lautete : » Meine liebe Johanna ! Es freut mich herzlich , daß Dir das Leben in Carlsbad auch ohne mich gefällt . Wie ich höre , sollst Du und unsere schönen Pferde allgemeines Aufsehen bei den Männern machen . Mir ist das recht ! Sehen doch die Leute daraus , daß ich einen guten Geschmack habe . Meine Frau muß bemerkt werden ; das verlange ich - denn ich bin ein reicher Mann . Daß Du mein Vertrauen nicht täuschest , das ich , in Betreff Deines Umgangs mit den Männern in Dich setze , weiß ich sehr gut ; denn ich kenne ja Deine platonische Liebe , von der ich nichts verstehe und nichts verstehen will , weil sie dummes Zeug ist . Adieu , liebe Frau ! Morgen reise ich von hier ab , um Dich zurückzuholen , und hoffe , Dich recht blühend und kräftig anzutreffen . Dein Dich liebender Mann . David Oburn . « Seufzend legte die Frau das zarte Billet wieder zusammen ; und suchte auf ihrem einsamen Lager Schlaf - und Vergessenheit ! 6 Das Wiesenthal bei Karlsbad ist eine überaus nette , kleine Meierei , und zugleich ein sehr beliebter Vergnügungsort der Kurgäste . Es liegt ungefähr 1 / 8 Meile von der Stadt entfernt , dicht unter dem Kreuzberge , in einer entzückenden Umgebung . Ein sehr , schöner , großer Garten mit den reichsten Blumenpartieen und dichtverwachsenen Laubgängen , durch den sich die Eger gleich einem Silberbande schlängelt , umgiebt das freundliche Wohngebäude . Alles war hier so friedlich und still , und bildete einen schneidenden Contrast mit all ' den Leidenschaften der Menschen , die das bewegte Karlsbad umschloß . Madame Oburn mit ihrer Dienerschaft bewohnte in diesem Sommer die für Badegäste eingerichteten Zimmer der Meierei . Mit den Fremden , die Nachmittags dort herauskamen , um ihre Tasse Kaffee mit Schmellen und Hörnchen zu trinken , kam sie in keine weitere Berührung . Nur an Concerttagen öffnete sie wohl die Flügelthüren ihres Gartensaales oder setzte sich in die Geisblattlaube , die eigens zu ihrem Logis gehörte . Doch sah man sie gewöhnlich allein . Nur dann und wann ließ sie einen Musiker , bei dem sie ein bedeutendes Talent entdeckte , zu sich einladen . Weil sie Musik leidenschaftlich liebte , zeigte sie sich , solchen Künstlern gegenüber , stets artig und generös , und wurde in manchen Kreisen die Beschützerin der Kunst genannt . Auch kam sie in den Ruf eines beispiellosen Reichthums . Die Besitzerin der Meierei , eine gewisse Frau Meier , war ein originelles Weib , das eine nähere Charakteristik verdient . Von ihrem wahren Namen und ihrer Herkunft wußte man nichts . Der Sage nach war sie vor vielen Sommern mit einem polnischen Grafen , der sie seine Frau nannte , nach Carlsbad gekommen . Obgleich ziemlich roh , hatte sie doch während der Saison die Aufmerksamkeit vieler stattlichen Cavaliere auf sich gezogen , und da sie glänzend lebte , war sie sogar eine von den Damen geworden , welche den Ton in der Gesellschaft angaben . Eines Morgens war der Graf plötzlich verschwunden , und die trauernde Gattinn blieb allein zurück , ohne Geldmittel dem allgemeinen Hohn preisgegeben . Doch die Pseudo-Gräfinn faßte sich kurz , verkaufte ihre Juwelen und kostbaren Gewänder , und erstand für das daraus erlöste Geld die Meierei Wiesenthal , die gerade zum Verkauf ausgeboten wurde . Hier lebte sie nun schon seit 10 Jahren still und zurückgezogen von der übrigen Welt - eine echte Philosophinn , ruhig weiter , bis sie , durch die vielen Fremden , die dort eifrig die Gegend durchstreifen , vielfältig dazu aufgefordert , ihr kleines Eldorado zu einem öffentlichen Lustort umschuf . Zu den schwächsten Seiten dieser Frau gehörte eine große Schwatzhaftigkeit , die besonders mit vielem Behagen bei den Thaten ihrer Jugend , und all ' den Eroberungen , die sie gemacht , verweilte . Die jungen Herren , die namentlich in diesem Sommer sehr häufig zu ihr herauskamen , hatten diese Schwäche bald bemerkt , hörten mit übergroßer Geduld Stundenlang den Erzählungen ihrer Erlebnisse zu , bis es ihnen gelang , ganz unvermerkt die Rede auf die jetzige Einwohnerin der Meierei , die Madame Oburn , zu bringen . So hatten sie glücklich entdeckt , daß die junge Frau sehr unglücklich sein müsse , daß sie viel , viel weine , und ihr Mann in einigen Tagen erwartet werde , um seine Gemahlinn zurück zu holen . Diese Notizen genügten den neugierigen Forschern , um selbstgefällige Hoffnungen und Folgerungen daran zu knüpfen , wie es junge Männer immer thun , wenn sie von einer unglücklichen Ehe hören . Es war schon spät am Morgen , als Madame Oburn nach jener Ballnacht erwachte . Ihr fieberhaft geröthetes Antlitz , ihr wogender Busen , zeugten von keiner süß durchträumten Nacht . Im Zimmer war es unerträglich schwül ; rasch zog sie die grün seidenen Vorhänge zurück , öffnete das Fenster , und sah , ungenirt , noch im weißen Nachtkleide und Schlafhäubchen , in den blühenden Garten hinaus . Der frische , von Blumenduft durchwehte Morgen that ihr unendlich wohl , die Brust athmete geregelter ; die unnatürliche Röthe wich ihrer gewöhnlichen , gesunden Farbe . Heiter , wie ein Kind , schlug sie die tiefinnigen Augen bald zum Himmelsgewölk auf ; bald ließ sie den Blick auf einer durch die Nacht erschlossenen Blume haften . Da plötzlich schrack sie sichtbar zusammen : sie erblickte den Prinzen C * * , der höchst leutselig im eifrigen Gespräch mit Frau Meier , im Hauptgang des Gartens auf und ab promenirte . Wie ein gescheuchtes Reh sprang sie vom Fenster , und zog sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurück . Der gestrige , bewegte Abend , den sie noch vor wenigen Minuten , wie einen bangen Traum ansah , stand lebendig vor ihr ; verworrene Ahnungen eines nahen und großen Unheils ergriffen sie ; und als wollte sie dem eigenen , dunklen Verhängniß entfliehen , vertiefte sie sich in die Lektüre der » Indiana . « Während sie andächtig alle Empfindungen und Leidenschaften nachfühlte , die in diesem Buche so hinreißend geschildert sind ; während sie in dem Geschick der » Indiana « das Walten derselben Mächte erkannte , die ihre Gegenwart beherrschten und mehr noch ihrer Zukunft verhängnißvoll zu werden drohten : wurden in dem Nebenzimmer , mit geschäftiger Hast , die Waffen geschmiedet zu ihrem Verderben . Das dicke , morchelartige Gesicht der Frau Meier strahlte vor Wonne und Glück . Geschäftig lief sie hin und her , blieb dann vor ihrem Schenkmädchen , einer verschmitzten Wienerin , stehen , und sprach mit Mund und Händen : » Therese ! Schnell ! Spute Dich ! Prinz C * * wollen höchsteigen heute Mittag hier speisen . Schlachte die Hühnel , pflücke Schoten , oder rühr ' lieber erst die Mehlspeise ein ! Nur rasch , rasch , Mädchen ! Wir haben wenig Zeit , und der Prinz wird viele Gerichte essen wollen . Gott , « fuhr sie mit komischem Pathos fort , » ist das ein liebenswürdiger Prinz ! Therese , denke nur ! Se . Durchlaucht haben lange mit mir gesprochen , und finden alles so schön bei mir , daß Sie hier häufig diniren wollen ! Das ist noch ein Prinz , so familiair , so leutselig ; an dem sollten alle Kavaliere sich ein Muster nehmen ! Es ist recht schade , meinen der Prinz , daß mein Logis schon vermiethet ist , sonst würden Sie es gern bewohnen ; doch vertreiben wollen Sie die Oburn nicht , um keinen Preis ! Nun , das ist wahr , sie zahlt auch gute Miethe - doch , nicht wahr , Therese , schöner würde es klingen , Prinz C * * nebst Gefolge logiren im Wiesenthal , als Madame Oburn nebst Dienerschaft . Doch es ist nun einmal so ; und weil es dem Prinzen hier gar so sehr gefällt , und er doch inkognito leben will , so habe ich ihm mein eigenes Wohnzimmer abgetreten . Therese ! Ich verbiete Dir , darüber zu sprechen , am wenigsten mit der zimperlichen Jungfer Lisette ; denn wenn die Oburn das erführe , wäre sie im Stande , gleich abzureisen . Bei Tage wollen Se . Durchlaucht auch gar nicht hier sein ; nur des Nachts , um hier ruhiger zu schlafen , als in der geräuschvollen Stadt . So kann es auch Niemand erfahren . Wenn Du klug bist und schweigst , haben Dir der Prinz 3 Friedrichsd ' or Trinkgeld versprochen ; - danach richte Dich , Mädchen ! « Mit einer sehr bezeichnenden Pantomime gelobte die würdige Gehülfinn der Frau Meier Verschwiegenheit ; und beide fuhren eifrig in ihrem Gespräche fort . Ganz vertieft in dasselbe , hatten sie die leisen Fußtritte eines Mannes nicht gehört , und erschracken gewaltig , als der Baron Stein mit lauter Stimme um eine Tasse Chokolade bat . In lebhaftestem Selbstgespräch schritt er hierauf dem Garten zu : » Ist ' s Dir und allen Deines Gelichters nicht genug , euch zu nähren von dem Schweiß und Blut der geknechteten Völker ; müßt ihr auch noch tief hineingreifen in das Allerheiligste der Herzen , und Seelen vergiften , Seelen , deren innerstes Leben ein Gottesdienst ist aller großen und edeln Gedanken ? Und jetzt , da Rang , Schönheit und Geld machtlos sind , gegenüber dieser innern , stillschaffenden Gewalt der Seele , die an sich selber ein unwandelbares Gesetz hat - jetzt verbindest Du Dich , Nichtswürdiger , mit einer Kupplerinn , um das Weib , das Dich stolz verschmäht hat , durch List und Gewalt zu besiegen . Doch solchem frechen Beginnen will ich entgegentreten ; und beglücken soll es mich , wenn Du Schiffbruch leidest mit Deinen nackten Hoffnungen und Wünschen , und die Qual unbefriedigter Liebe Dich aufzehrt ! - - Die Oburn soll nichts erfahren von dem Gewölk , das sich an ihrem Himmel zusammenzieht ! Sie schlafe in Frieden ; ich selbst will ihren Schlummer bewahren ! « Zum erstenmale besuchte Baron Stein heute das Wiesenthal ; und es gefiel ihm , in seinen Phantasieen diesen bedeutungsvollen Zufall einem dunkeln Beruf zuzuschreiben , der ihn zum Schutzgeist der Oburn bestimme . Der Zug der Sympathie führte ihn in die Geisblattlaube ; hier saß er träumerisch , und schrieb Hieroglyphen in den gelben Sand , der die Erde bedeckte . Nachdem Madame Oburn sicher war , daß ihr Schreckbild , der Prinz C * * , den Garten verlassen , nahm sie Buch und Handschuhe und ging ihrer Laube zu . Verwundert und zögernd blieb sie einen Augenblick stehen , als sie den fremden , jungen Mann , dessen Anblick die Erinnerung an den letzten , verhängnißvollen Abend in ihr erweckte , darin sitzen sah . Dann trat sie jedoch rasch ein , und sprach , als sie bemerkte , daß er sich entfernen wolle , freundlich zu ihm : » O bleiben Sie doch , wenn Ihnen der Platz gefällt . Ich verdränge Niemanden von da , wo es ihm wohl ist ! « Dann setzte sie sich dem jungen Manne gegenüber , und las , ohne die geringste Notiz von seiner Gegenwart zu nehmen , ruhig in ihrem Buche weiter . Regungslos saß Stein da ; in seinen Zügen wechselten Farbe und Ausdruck ; er wollte gehen ; aber es hielt ihn mit unsichtbaren Händen zurück . Was ihn so magisch hinzog zu dieser Frau : war es Liebe , war es Mitleid ? Er wünschte , sie möchte zu ihm sprechen ; denn die Lieblichkeit ihres Wesens gewann durch den geistigen Ausdruck , der bei ' m Sprechen ihre Züge verklärte ; und ihre Worte klangen so einfach und innig , ein Evangelium des Herzens . Es war eine liebenswürdige Eigenthümlichkeit der Oburn , mit den fremdesten Menschen , sobald sie mit sicherem Blick einen geistig verwandten Zug in ihnen entdeckt , so vertraut umzugehen , als sei sie längst mit ihnen befreundet , ohne die Furcht , dies off ' ne Entgegenkommen könne mißverstanden werden . So sah sie auch hier den ihr gegenübersitzenden Mann traulich an , und sprach , während sie das Buch fortlegte und einige Geisblattblüthen zerpflückte : » Ich las eben in der Indiana , und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des Schmerzes so ergriffen , daß ich heute nicht weiter lesen kann . « » Im Glücke , gnädige Frau , « entgegnete Stein , » muß man ein solches Buch nicht lesen , so schön es auch sein mag . Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst ! Eine edle Natur muß ein reines , ungetrübtes Glück genießen ; und wie ein gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten würde , so muß sie selbst jede Berührung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden , gleich als würde sie dadurch entweiht und herabgezogen . « » Das sind ideale Träume ! Und wissen Sie denn so sicher , ob ich glücklich bin ; ob nicht ich gerade ein Recht habe , alle Schmerzen der Indiana mitzufühlen ? « Stein sah ihr mit prüfendem Blick , den sie nicht vermied , in das thränenfeuchte Auge : » Wohl , ich will glauben , daß Sie leiden ; und bin gewiß , daß Sie werth sind , solche Schmerzen zu ertragen ! « » Nun , das klingt sonderbar , « entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit ; » Sie wünschen mir Kummer und Elend , so ernsthaft , so von Herzen , wie die gewöhnliche Welt Freude und Glück zu wünschen pflegt . « » Wenn ich einer Frau Schmerzen wünsche , wie sie Georges Sand die Indiana fühlen läßt , heilige Schmerzen über die Entwürdigung des Weibes und ihre modernste Knechtschaft - dann muß ich diese Frau sehr hoch stellen , und ihr große Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen . « Wiederum trat eine längere Pause ein , die beiden gleich peinlich war . Sie fühlte nur zu gut , daß die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei , und er erkannte , daß es nicht in seiner Macht stehe , diese Schmerzen zu heilen . Sie reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand ; es war ein geistiges Verständniß , das diese edeln Naturen einander näher führte . » Es thut mir wirklich leid , « brach die Oburn das Schweigen , » daß uns das Schicksal erst jetzt , kurz vor meiner Abreise zusammengeführt ; wir hätten doch manche gemüthliche Stunde verplaudern können ! Wie habe ich mich während der ganzen Zeit meines hiesigen Aufenthalts nach einem echten , wahren Menschen gesehnt ! Diese Puppen und Zerrbilder , dies ganze Marionettenspiel einer innerlich hohlen Gesellschaft , diese platten , indifferenten Gesichter , denen eine Spur zurückzulassen der Gedanke und das Gefühl , der Schmerz und die Freude , wie aus gerechtem Stolz verschmähn : das alles mattet mich innerlichst ab , und läßt mich an der menschlichen Natur verzweifeln ! « » Sie wollen Carlsbad wirklich so bald verlassen ? « fragte Stein gepreßt . » In einigen Tagen wird mich mein Gatte von hier abholen , « erwiederte sie leise . » Und gehen Sie gern von hier ? O verzeihen Sie diese unbescheidene Frage , gnädige Frau ! Nicht wahr , Sie sehnen sich nach der Heimath , nach dem Familienleben ! Wohl kann ich mir denken , wie Sie dort vermißt werden , welchen Segen Sie über Ihre Umgebungen verbreiten ! « » Ich habe keine Heimath ; ich kenne kein Familienleben , « entgegnete sie tonlos ; » überall stehe ich allein ! deßhalb ist es mir gleichgültig , wo ich lebe ! Vielleicht würde ich mich , wenn mir die Wahl freistünde , gerade für Carlsbad entscheiden ; denn hier hatte meine Seele auf kurze Zeit eine Heimath gefunden . « Stein fühlte zu zart , um hierauf etwas zu erwiedern ; er bemühte sich nur , den Trübsinn der Frau durch eine leichte Unterhaltung zu verscheuchen . Als er bemerkte , daß sie sich entfernen wolle , bat er sie innig um die Erlaubniß , sie in diesen Tagen noch öfter sehen zu dürfen , er wolle eine theure Erinnerung mit fortnehmen : dies zu gewähren , sei ihr so wenig , ihm so unendlich viel ! » Gern gewähre ich das , « entgegnete sie lächelnd ; » und damit Sie sehen , wie ernst es mir damit ist , bitte ich Sie , mit mir heute Nachmittag nach meinem Lieblingsplatz Schlackenwerth zu reiten ! « Bei diesen Worten erhob sie sich , und ging auf ihren Salon zu . Hier wandte sie sich noch einmal um , und rief freundlich : » Bitte , Sie Unbekannter , Ihr Name ? « - » Eduard von Stein ! « - » Das klingt ja ritterlich genug ; und erinnert an die ganze , reichsunmittelbare Romantik ! Also auf Wiedersehen , mein lieber Ritter ! « Der junge Mann sah ihr in stillem , Entzücken nach . Diese Erscheinung übte eine Macht über ihn aus , der er sich nicht entziehen konnte . Gerade die liebenswürdige Kindlichkeit , vereinigt mit einem tiefsinnigen Zug , der Zauber einer seltenen Harmonie , der , alle Gegensätze versöhnend , über ihr ganzes Wesen ausgebreitet war , mußten einen Mann fesseln , den Denken und Leben in allen Widersprüchen herumgeworfen ; der gerade nach einer Harmonie suchte , in der die schreienden Mißklänge aufgelöst würden . Doch daß sie selbst nicht glücklich war , sie , die zum Glücke berufen schien , die den Mann ihrer Liebe zum Gott beseligen mußte : das war ein neuer , schmerzlicher Riß in der harmonisch vollendeten Schöpfung , die er im flüchtigen Traume dieser seligen Minuten sich zusammenphantasirt ! 7 Um vier Uhr hielten die gesattelten Reitpferde vor dem Wiesenthale . Madame Oburn sah reizend aus in ihrem stahlgrünen , enganschließenden Reitkleide , mit dem keck in die Locken gedrückten schwarzen Sammetbarett . Sie ritt sicher und kühn , mit Grazie in jeder Bewegung . Stolz auf seine Begleiterinn ritt Stein ihr zur Seite . Unter leichten , scherzhaften Gesprächen , den Eingebungen des Augenblickes , erreichten sie den Schloßgarten Schlackenwerths . Leicht sprang die Reiterinn vom Pferde , übergab es dem Diener und warf sich nachlässig auf eine geflochtene Weidenbank , die in der alten Kastanienallee , unter dem Schatten hoher Bäume , stand . » Hier ist mir wohl und heimlich , « rief sie aus ; » hier erinnert mich alles an meine Jugendzeit ! Drüben die alte Dorfkirche , das kleine trauliche Pfarrhaus . O welches friedliche Glück mag jene engen Räume bewohnen ! Wie thöricht , sich immer hinauszusehnen in ' s Weite , während allein in dem nächsten Kreis , in enger Umgränzung wahre Befriedigung möglich ist ! « » Sie sind auf dem Lande erzogen , gnädige Frau ? O schildern Sie mir Ihre Kindheit ! Meine aufrichtige Theilnahme macht mich ihres Vertrauens werth . « » Mein Vater war Prediger auf dem Lande ; ich sein einziges Kind ! Aus den engen Lebensverhältnissen sehnte ich mich hinaus und vor meiner Seele stand , als einzig erstrebenswerth , ein bewegtes Leben mit allen Freuden der Welt : Ich war bis zu meinem sechszehnten Jahre fast nie über die Gränzen unseres Dorfes hinaus gekommen ; nur meine Phantasie , deren angeborene Glut durch mannigfache Lektüre genährt war , schuf mir , jenseits des idyllischen Bereichs , ein Eldorado voll unbestimmten Glückes . Jedes Posthorn , das von ferne her durch die einsame Gegend schmetterte , entlockte mir Thränen der Sehnsucht . Ich wollte in die Welt ; ich wollte glücklich sein ! Jetzt « - fuhr sie bewegter fort ; - » jetzt habe ich die Welt , und was darin Glück heißt , kennen lernen ; Reichthum , ein glänzendes Leben hat mir das Schicksal geschenkt , und nun ich alles das erreicht , alles genossen - nun ist es mir werthlos - hat in Wahrheit nie für mich Werth gehabt . Das habe ich mir längst mit Schmerz bekannt , und fühle es stündlich drückender ! Und so sehne ich mich jetzt zurück nach der friedlichen Heimlichkeit engumschlossener Verhältnisse , die ich einst in jugendlicher Hast zu durchbrechen wünschte ! « » Sie sind ungerecht gegen sich , gegen andere , gnädige Frau ! Ein freundliches Schicksal hat sie in die Welt geführt - uns allen zum Heil ! Es liegt in Ihrem Wesen etwas Freies und Frisches , das Erlösung bringt von all ' den verknöcherten morschen Verhältnissen , von all ' der Heuchelei einer in sich zerfallenen Gesellschaft ! Und ist es nicht lohnender Beruf genug , auch nur einzelne Geister erquickend aufzurichten ,