sich ihres Sohnes anzunehmen . Der Graf war verheirathet , und hatte selbst eine zahlreiche Familie , und ein im Verhältniß zu dieser und seinem Stand nicht eben beträchtliches Vermögen . Er selbst that für den Schwestersohn , was er thun konnte , aber die Seinigen sahen immer ein Wenig scheel auf den . Polenflüchtling , und behandelten ihn nie mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit , sondern oft mit kaltem Stolz , mit verächtlicher Zurücksetzung . So lernte Jaromir früh das Leben von der ernstesten Seite kennen ; er bezog ein Gymnasium , und dann die Universität . In den Ferien kam er nur auf den ausdrücklichen Wunsch seines Oheims in dessen Haus , wo er sich gedrückt fühlte . Jaromir war fest entschlossen , so bald als möglich die Wohlthaten seines Oheims nicht mehr anzunehmen , deshalb studirte er . - Aber was konnte es ihm nützen ? Konnte ein vertriebener Pole auf eine Anstellung in Deutschen Staaten rechnen ? - Er griff zu dem einzigen Mittel , welches ihm übrig blieb , um wenigstens im Augenblick eine kleine Quelle des Erwerbes sich zu öffnen - er ward Schriftsteller ! Er hatte Genie - und er schrieb mit Begeisterung - er wählte den neuen Beruf nicht allein aus Noth , und weil keine Wahl ihm blieb , er war ihm zugethan mit Lust und Liebe . Aber trauriges Schicksal des Armen , der in Deutschland der Muse leben will , und zugleich auch gezwungen ist , von ihr zu leben ! Jaromir entging ihm nicht - - - oft , wenn er sich gedrungen fühlte , die Feder zur Hand zu nehmen , und ein Lied niederschreiben wollte , wie er es tief im Herzen fühlte - oft warf er das kleine Blatt Papier wieder weg , auf das er die erste Zeile geschrieben , und griff nach einem großen Bogen , denn noch heute mußte der Journalartikel fertig sein , den er zu liefern versprochen hatte , und den man ihm gut bezahlte ; das Lied aber bezahlte ihm Niemand , kaum daß es im Winkel irgend einer Zeitschrift überhaupt auf einen Platz rechnen konnte , und so wurde es in der Geburt erstickt , der bestellte Artikel hingeschrieben ohne Lust und Behagen , und dann mit einem : » Gott sei Dank , daß ich fertig bin ! « die Feder ärgerlich weggeworfen . Oder wenn er irgend eine Skizze , die ihm just durch den Sinn fuhr , für die er aber nicht gleich einen Verleger wußte , niederschreiben wollte , so sandte man ihm Polnische und Englische Blätter , und verhieß für die schnelle Uebersetzung ein gutes Honorar - und er übersetzte - - - dann warf er die Feder mit Ekel weg , und konnte sich oft lange nicht überwinden , sie wieder anzurühren , aus Verachtung vor ihr und sich selbst , daß er sie so oft halb gezwungen führen mußte . - Er hatte es seinem Oheim gesagt , daß er allein für sich selbst sorgen könne , und nur mit Mühe hatte dieser ihn vermogt , wenigstens so lange , als die Zeit seiner Studien bestimmt sei , für diese das Geld von ihm anzunehmen . Jaromir hatte jenen edlen Stolz unabhängiger Charaktere , der Nichts gemein hat mit jenem gemeinen Stolz auf Rang und Ansehen . Daher hielt er sich auch entfernt von der höhern Gesellschaft , die seinen Rang und Stand , aber nicht seine übrigen Verhältnisse kannte , und begierig den schönen , geistreichen jungen Mann in ihre Kreise zu ziehen suchte . Da dies vergebens war , erklärte man ihn für einen Sonderling und Grillenfänger - dadurch ward er nur noch mehr zum Gegenstand des allgemeinen Interesses , und manches zärtliche Briefchen kam auf einem geheimen Weg zu ihm , das ihm Theilnahme und Tröstung bei dem Kummer verhieß , der ihn zu drücken scheine . Er warf diese Billets , verächtlich lachend , in ' s Camin , und ging zu seiner Amalie . - Er hatte das schöne , arme Mädchen kennen und lieben gelernt - er sah sich von ihm angebetet , und gab sich mit aller Innigkeit des ersten Liebeserwachens in einem noch von keinem unlautern Gefühl entweihten Herzen demselben hin . - Er liebte Amalien wirklich und wahrhaftig mit der reinen Gluth , deren seine schwärmerische Seele fähig war , mit all ' der edlen Hingabe seines starken Charakters . Daß sie ein armes , bürgerliches Mädchen war , das kümmerte ihn nicht - er war auch arm , und sein Grafentitel galt ihm Nichts . Er hoffte , sich später eine sorgenfreiere Existenz zu sichern , die er ihr bieten könnte , und ob seine Verwandten ihm über die Mesalliance zürnen würden - kümmerte ihn nicht , er war ihnen nicht mehr verpflichtet . Von seiner eignen , festvertrauenden Liebe schloß er auf die Amaliens - er hielt ihre Liebe für so fest , wie die seine , er war ruhig und glücklich im Besitz ihres theuern Herzens . Er wußte es , wie sie ihn liebte . - Mußte nicht auch sie es wissen , da er es ihr einmal gesagt , wie wechsellos und treu er sie liebte ? Wozu bedurfte es immer neuer Wiederholungen ? Sein schönes Vertrauen nahm sie für Kälte . Ihr Geständniß gegen ihren Gatten erklärt , wie es zwischen ihr und Jaromir zum Bruch kommen konnte . Er lebte , wie in * * * . als er es hatte verlassen müssen , eingezogen und einsam . Er war bald wieder in literarischen Verbindungen , da er sie suchte , denn der angenommene Name , unter dem er schrieb , hatte einen guten Klang bekommen . Er dachte an sein Liebchen , und schrieb fleißig an einem größern Werke , auf das er manche Hoffnung für sich und Amalien baute . Wohl kränkte ihn zuweilen ihre Eifersucht , allein er hielt diese mehr für eine weibliche Laune , die nur auf der äußern Oberfläche erscheine , nimmer aber aus der Tiefe des Herzens komme - wußte er sich doch so frei von jeder kleinsten Regung , die einen Vorwurf verdient hätte . Es beruhte in Wahrheit : eine Polnische Gräfin , in deren Hause er zufällig wohnte , hatte ihn zu sich einladen lassen , und er hatte keinen Grund gehabt , die Einladung auszuschlagen . Aber bald fand er , daß es in ihrem Hause ein Wenig frivol zugehe , daß die Gräfin all ' ihre Koketterie-Künste anwende , um in ihm einen galanten Ritter zu finden - da zog er in ein entlegenes Stadtviertel , und schickte der Gräfin eine Abschiedskarte . Ein Bekannter der Gräfin , der ihn in diesem Cirkel kennen gelernt hatte , traf ihn einige Zeit darauf zufällig , und als er ihm seine Verwunderung aussprach , daß er noch in Berlin sei , da er der Gräfin doch eine Abschiedskarte geschickt habe , sagte Jaromir : » Für die Personen , denen man Abschiedskarten schickt , ist man nicht mehr da - gleichviel , ob man die Stadt gewechselt hat , oder nur die Straßen . « - So selbstbewußt nun durch diese und ähnliche Handlungen Jaromir sich fühlte , von Amalien auch nicht den kleinsten Zweifel an seiner Liebe zu verdienen , so glaubte er auch nicht daran , daß sie im Ernst an seiner Treue zweifeln , und daß sie selbst je anders handeln und fühlen könne , als er - so fiel es ihm doch , wie er nun den Brief von Amaliens Mutter und seinen Ring mit der Anzeige ihrer Verlobung mit Thalheim erhielt , plötzlich wie Schuppen von seinen Augen . - Sie hatte ihn nie geliebt , nie geliebt , wie er allein geliebt sein wollte ! - Sie hatte nie das große , heilige Gefühl verstanden , das ihn bewegte ; er hatte seine edelsten Empfindungen , sein ganzes großes Herz weggeworfen an ein Wesen , das nur damit gespielt hatte ! - Es war über ein Jahr vergangen , und er hatte keinen andern Gedanken gehabt , als den : Amalie ! - Für sie hatte er gearbeitet , für sie gedarbt - für sie seine Nächte am Schreibtisch , oft seine Neigungen in der Literatur dem sicheren Erwerb geopfert - und jetzt sah er sich von ihr bei Seite geworfen , einem Andern geopfert ! - Wäre sie ihm entrissen worden durch den Tod , durch irgend eine Allgewalt der Verhältnisse , er hätte es mit edler , männlicher Entsagung ertragen - aber durch ihre Untreue wurden die bittersten Gefühle in ihm rege , durch ihren Verrath sah er sich um das schönste Jahr seines Lebens schrecklich betrogen . Er mußte die Erinnerung an dieses Liebesglück fliehen denn dieses selbst erschien ihm jetzt als nichts Anderes , als eine ungeheure Lüge . Er schickte Amalien ihren Ring wieder , ohne ein Wort des Vorwurfs , ohne irgend eine Erklärung - sie war seinem stolzen , edlen Herzen plötzlich so verächtlich , als sie ihm erst theuer gewesen . Er suchte jeden Gedanken an sie zu verbannen - - aber wie nun die tödtende Leere ausfüllen , die dadurch in seinem Innern , in seinem ganzen Leben entstand ? Er stürzte sich in einen Strudel von Zerstreuungen , er trank und spielte , und wenn der Schlaf nach durchschwärmten Nächten auf ihn herabsank , so fand er ihn selten nüchtern . Wenn er schreiben wollte wie sonst , und er allein in seiner stillen Stube saß - da stand Amaliens Bild plötzlich vor ihm , und er schaute es liebesselig an wie sonst - aber dann besann er sich , daß das Alles ja vorüber und Nichts gewesen sei , als ein langer Betrug , und sprang auf , floh das Nachdenken , floh die Einsamkeit , um nur auch ihrem Bild zu entrinnen , und suchte wieder den goldnen Stern der Vergessenheit im goldnen Wein , Dies wilde Leben stürzte ihn in Schulden , er hatte bald mit der entsetzlichsten Noth , den peinlichsten Sorgen zu kämpfen . Da erhielt er einen Brief seines Oheims . Ein Verwandter Jaromirs in Rußland hatte diesem geschrieben . Jaromirs Standesherrschaft war der Russischen Krone verfallen , und er selbst durfte nicht wieder dahin zurückkehren , aber der Verwandte , der auf Rassischer Seite stand , und daselbst viel Einfluß hatte , hatte es dahin gebracht , daß Jaromir sein übriges beträchtliches Vermögen erhielt . Das schrieb ihm Golzenau , und übersandte ihm die betreffenden Documente . Der arme Jaromir erwachte eines Morgens und fand sich reich . Er frohlockte , der Reichthum gab ihm ja die Mittel , sich zu zerstreuen , zu betäuben . Er verließ Berlin und ging auf Reisen . Nach einem Jahre kehrte er wieder zurück . Er war nunmehr auch ein gern empfangner Gast auf Schloß Golzenau - kam zuweilen dahin , weil der Graf ihn wie einen Sohn liebte , und weil er den alten Mann schätzte , der früher , trotz den Widersprüchen der eignen Familie , so väterlich an ihm gehandelt hatte . Jaromir hatte ihm Alles wieder erstattet , was er früher von ihm empfangen , und um so unbefangener konnte er ihm jetzt seine Dankbarkeit bezeugen . Uebrigens lebte Jaromir die folgenden Jahre in Berlin unter der großen Welt , der er so lange fremd geblieben war . Er galt für einen der ersten Salonherrn in diesen Kreisen und da er unter ihnen nicht nur seinem Aeußern nach der schönste , sondern zugleich auch der geistreichste war , da man es sich zuflüsterte , daß er ein Dichter , ein Journalist sei so gab dies seiner ohnehin bedeutenden Persönlichkeit noch einen besondern Glanz , der ihn für die Frauen besonder anziehend machte , und nicht wenig dazu beitrug , daß manch Männer ihn halb mit Neid , halb mit Furcht betracheter So beherrschte er die Gesellschaft durch hundert Eigenschaften , vor welchen eben diese Gesellschaft sich bewundernd neigt . Es war ein neues Leben im Aeußern für ihn aufgegangen . Er war ein andrer Mensch geworden . Er huldigte jeder Modethorheit , jeder Grille , die in ihm aufstieg - er war heute der dienstbare Sklave irgend einer schönen Frau , um sich morgen über sie lustig zu machen . Er ließ heute wirklich sein Herz und seine Sinne von irgend einer blendenden , weiblichen Erscheinung verführen , und morgen stand sie wieder vor ihm all ' dieses Glanzes bar , den seine Phantasie um sie gewoben , und er wandte sich mit bitterm Lächeln ab . Er redete sich heute selbst ein , zu lieben und selig zu sein , wenn ein schönes Weib die Arme berauscht und berauschend um ihn schlang - aber morgen verhöhnte er das eigne Gefühl und lös ' te zürnend das raschgeknüpfte Band . Er achtete nicht darauf , daß wohl viel Thränen still um ihn flossen , daß manche Wange bleich ward , die er einst geküßt - er hatte längst aufgehört , an das weibliche Herz zu glauben , was galten ihm da noch weibliche Thränen , Seufzer und Worte ? - Und sein eignes Herz blieb so leer und öde , wie eine Wüste , so hatte er ja das weibliche genannt . Er dachte nicht mehr an Amalien , die Erinnerung an sie war verloren . Nicht um den Gedanken an sie zu entfliehen , führte er ein zerstreuendes Leben - ihr Bild erschien ihm schon lange niche mehr , sondern nur um die Leere seines Innern in den Augenblicken auszufüllen , wo er diese Leere am drückendsten fühlte , und jeder solcher Versuch zeigte ihm doch nur , welche vergebliche Mühe es war , ihn zu machen . - Er war noch Schriftsteller , und jetzt glücklich : er brauchte nicht mehr für Geld zu schreiben - diesen ungeheuern Fluch hatte ja der Reichthum von ihm genommen ; er konnte schreiben , was der Geist ihm eingab , und er that es . In solchen Stunden war ihm dann am wohlsten . Aber seine Anonymität behauptend , war er zu der Gesammtliteratur in eine ziemlich schiefe Stellung gekommen . Seine Ansichten und Aussprüche machten ihm viele Freunde , und erwarben seinem angenommenen Namen Anerkennung - aber er war und blieb allein , da er sich eben nicht selbst dazu bekannte , der Träger dieses Namens zu sein . Nicht die warmen , ehrlichen Herzen , die mit ihm zugleich schlugen , und auf dem Tummelplatz der Journale kämpften für Freiheit und Recht , waren seine Gefährten , sondern jene vornehmen , blasirten Stutzer mit prunkenden Titeln und hohen Namen , deren Augen nicht weiter reichten , als bis in die goldumrahmten Spiegel geschmückter Salons , und denen die wirkliche große Welt , die über und außer ihrer sogenannten großen Welt lag , ein unbekanntes Reich war . Mit einigen von ihnen theilte Jaromir ein gemeinschaftliches Interesse : das Theater . Während jene aber zumeist die Operngucker auf die verführerischen Bewegungen der Ballettänzerinnen richteten , saß Jaromir sinnend im Schauspiel , im Lustspiel , in der Oper , und war ein aufmerksamer , kritischer Beobachter , ob die Darsteller ihre Rollen richtig auffaßten , ob sie ihre schwierigen Aufgaben lös ' ten . Er hatte in dieser Zeit eine förmliche Leidenschaft für das Theater , für die Kunst , und ließ es dann an öffentlichen oder privaten Aufmunterungen oder Zurechtweisungen nicht fehlen , wo ihm dies der Mühe werth schien . In der Rolle der Norma sah er Bella zuerst , und noch nie hatte er gesehen , wie diese Rolle , welche alle Leidenschaften und Gefühle des weiblichen Herzens zur Anschauung bringt , so vollkommen dargestellt würde . Gesungen hatten wohl schon Andere diese Arien und Recitative eben so gut - aber Keine mit seelenvollerer Stimme , Keine hatte das Hochtragische in dieser Rolle so edel und richtig aufgefaßt , als Bella . Ihre schöne Gestalt , ihre anmuthigen Züge waren es nicht , was Jaromir zu ihr hinzog , sondern das große Künstlertalent , das ihn einen verwandten Genius , eine der seinen verwandte Begeisterung für die Kunst ahnen ließ . - Er mußte sich ihr nähern , aber es war nicht leicht , Zutritt bei Bella zu finden - sie war noch unvermählt , und lebte unter dem Schutze einer alten Verwandten , ziemlich eingezogen , und wußte ihre Schmeichler und Bewunderer immer in gehöriger Entfernung zu halten . Endlich aber , da Jaromir erst unter seinem Dichternamen einen Briefwechsel über ihre Kunst mit ihr angeknüpft hatte , nahm sie seinen Besuch an . Es währte nicht lange und Jaromir galt als Bella ' s Liebhaber . Eine Zeit lang war dieses Verhältniß eine Quelle reinen Glückes für Beide - aber bald bemerkte er , wie er sich getäuscht hatte , wenn er geglaubt , daß Bella ' s Dienst am Altare ihrer Kunst der einer Priesterin sei , welche in edler Begeisterung auf demselben Alles opferte . Es war wahr , Bella liebte ihre Kunst , sie weihte sich ihr mit Eifer und that sich selten in einer Rolle genug , denn sie hatte ihren großen Beruf begriffen - aber deshalb war sie nicht frei von jenem trotzigen Eigenwillen , jenen kleinlichen Ränken , mit denen Publikum und Theaterdirection sich so oft zum Besten haben lassen müssen . Der Weihrauch , den die enthusiastischen Berliner ihr streuten , verfehlte seine unheilvolle Wirkung nicht , sie ward eitler , stolzer , zugleich auch leichtfertiger und trotziger , als sie je gewesen war , und endlich überwarf sie sich in hochmüthiger Laune mit der Theaterintendanz , und vertauschte sofort Berlin mit der kleineren Residenz , in welcher sie jetzt lebte . Jaromir , obwohl er sie nicht mehr wirklich verehrte , wie einst , war doch noch zu sehr durch Hundert Bande zärtlicher Gewohnheit an sie gefesselt , als daß ihm Berlin ohne sie nicht bald hätte verödet sein sollen . Er folgte ihr also nach wenig Wochen in ihren neuen Wohnort . Noch eh ' er sie selbst gehend von Berlin mit ihr entzweit , und sie waren nicht in friedlicher Stimmung von einander geschieden , ging er mehrmals an dem Hause vorüber , das man ihm als ihre Wohnung bezeichnet hatte . Er hoffte , auf diese Weise sie zufällig zu sehen , einen Wink , einen Ruf von ihr zu erhalten - lange war es aber vergebens , bis endlich eines Abends eine Rose zu seinen Füßen fiel , an welcher ein Zettel befestigt war . Wo anders her als von Bella konnte dieses Zeichen kommen , er drückte es entzückt an seine Lippen und las dann bei ' m Schein der nächsten Laterne den Zettel . Es war offenbar hastig und mit zitternder Hand geschrieben - es war nicht Bella ' s zierliche Handschrift - aber in der Eile war es wohl möglich , daß sie so nachlässig geschrieben hatte . Er las verwundert lächelnd : » Wir dürfen uns einander nicht nähern , aber mein Herz bewahrt für Jaromir unverändert dasselbe Gefühl . « Er wußte sich diese Worte nicht recht zu deuten - hatte Bella irgend ein andres Verhältniß angeknüpft , daß er sich ihr nicht nähern dürfe ? Er mußte darüber Gewißheit haben , und eilte am nächsten Morgen zu ihr . Sie empfing ihn mit fröhlicher Ueberraschung . Er wollte endlich Ausschluß über die Rose - das war vergebens , denn sie war nicht von Bella gekommen - diese vermuthete endlich , eines ihrer Kammermädchen habe sich vielleicht einen schlechten Spas damit machen wollen - man ließ die Sache auf sich beruhen , und vergaß sie bald in den ersten frohen Tagen zärtlichen Wiedersehens . Aber Wochen waren vergangen , und Jaromir erlag wieder dem Dämon , der ihn unaufhörlich verfolgte , seitdem er in der vornehmen Welt lebte : der Langeweile . Auch Bella war ihm langweilig geworden . In solcher Stimmung erhielt er Thalheims Billet . Er las den Namen : Amalie - und die Erinnerungen seiner frühen Jugend wachten wieder auf . Nicht Amaliens Bild war es , was ihn jetzt am Meisten bewegte , denn er hatte längst aufgehört , sie zu lieben - ihn bewegte das Bild dessen , der er selbst in jenen Tagen gewesen war : glücklich und zufrieden bei allen Sorgen , denn er nannte ein Herz sein , für das er sich mühen , und an dem er dann ausruhen konnte - er hatte stolz und selbstbewußt in ' s Leben schauen können - er hatte markige Jugend- und Geisteskraft in sich gefühlt , die ganze Welt zu erobern , er hatte sich vertrauend in die Arme des bewegten Lebens geworfen , und fröhlich auf die eigne Kraft gebaut - er hatte wohl Schmerz und Kümmerniß empfunden - aber nie Langeweile - er hatte nie mit seinen Gefühlen gespielt , nie über das eigne Herz sich lustig gemacht , wie er es jetzt so oft that . Und er streckte jetzt sehnend seine Arme aus nach dieser Vergangenheit , und er hatte sie für ewig verloren . Amalie , die erste , die einzige reine und allmächtige Liebe seiner Jugend , war eine Sterbende - und sterbend , wie sie , das fühlte er , war sein besseres , unentweihtes Selbst ! Er drückte die Hände vor die Stirn und versank wieder in lange , bange Gedanken . IV. Nr. 18 in der Klosterstraße » Die Kette , die die Herzen band , ist nun zerstückt , zerschellt « Otto v. Wenkstern . Die beiden Pensionärinnen , Elisabeth von Hohenthal und Aurelie von Treffurth , waren im Begriff , ihr Vorhaben auszuführen , welches sie in später Nacht beschlossen hatten . Sie wollten zu der Blumenmacherin gehen , welche mit Thalheim in einer Etage wohnte . Elisabeth , sonst nicht gewohnt , viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden , machte sie heute mit besondrer Sorgfalt . Sie war ganz in Weiß gekleidet , nichts Farbiges war in ihrem Anzug . Als sie in den Garten trat , wo Aurelie sie erwarten wollte , und die andern Mädchen versammelt waren , blieb Elisabeth in der Thüre stehen , weil sie die Gefährtinnen in Aufregung , wie es schien , in einem Streit gewahrte , und erst von fern sehen und hören wollte , was es gäbe , ehe sie sich in eine Sache mische , für welche sie vielleicht kein Interesse hatte . Sie ehnte sich an das von Ephen umrankte Portal des Einganges , die rechte Hand auf das zierliche Sonnenschirmchen gestützt , und blieb in lauschender Stellung . Pauline Felchner stand in der Mitte der andern jungen Mädchen , welche theils mit hohnlachenden , theils hochmüthigen , zürnenden Blicken auf sie sahen . » Solches Gesindel in unsre Gesellschaft zu bringen ! « » Ich habe es immer gesagt , sie taugt besser zu dem Bettelvolk , als zu uns - es ist ja ihres Gleichen . « » Ihr Geld ist ja das Einzige , worauf sie stolz sein kann ! « So und ähnlich schallten die Reden von Paulinen ' s Gefährtinnen . Sie selbst brach endlich in Thränen aus und sagte : » Ihr mögt mich schelten , wie Ihr wollt , hättet Ihr nur das arme Mädchen in Frieden gelassen - ich bin es ja schon gewohnt , um Nichts von Euch verachtet zu werden . « » O , sie thut noch hochmüthig - « sagte Aurelie , » aber dort steht Elisabeth - es ist Schade , daß sie nicht da war - ein Wort von ihr würde Paulinen so imponirt haben , daß sie nicht zu antworten wagte . « » Elisabeth ist kalt und stolz , aber sie ist nicht ungerecht , sie hat mich niemals beachtet , aber sie ist nicht fähig , Jemandem absichtlich Unrecht zu thun , « sagte Pauline entschieden . Elisabeth trat vor - sie sah Paulinen groß und verwundert an - womit hatte sie es verdient , um Paulinen verdient , daß diese eine so ehrende Meinung von ihr hegte ? In diesem Augenblicke , als die stille Pauline ihre großen blauen Kinderaugen o vertrauend auf Elisabeth richtete , als suche sie bei ihr Schutz gegen die Unbilligkeiten der Andern , drang dieser Blick so tief in den Grund ihrer Seele , daß sie sich davon ungewohnt bewegt fühlte . Sie näherte sich ihr , ergriff ihre Hand freundlich und sagte : » Rede doch ! Was giebt es ? « Nie hatte Elisabeth so liebreich zu Paulinen gesprochen , wie sie jetzt diese wenigen Worte sagte - Pauline drückte ihr die Hand und ließ sie nicht wieder los , während sie ihre Rede nur an sie richtete : » Wir waren hier bei einander , und warfen Reifen , als wir draußen an der Thüre eine weinende , bittende Stimme hörten , dazwischen scheltende Worte eines unsrer Dienstmädchen - dabei ward mein Name genannt - ich war deshalb Eine der Ersten , welche hinliefen , um zu sehen , was es gäbe . - Ich muß durchaus mit Mamsell Paulinchen sprechen , der liebe Gott wird ' s Ihnen segnen , wenn Sie mich zu ihr lassen - hörte ich wieder sagen - da macht ' ich rasch die Gartenthüre auf - und ein ärmlichgekleidetes , blasses Mädchen , ein altes Körbchen mit Blumen am Arm , stand vor mir . Es sah sehr leidend und kummervoll aus , und sein Anzug war aus vielen Stücken mühsam zusammengenäht . - - - Die Armuth mußte die andern Mädchen wohl sehr belustigen , sie brachen in ein lautes Gelächter aus , daß die Fremde hoch erröthete , und die Augen niederschlagend ein paar helle Thränen verschluckte . Ich nahm sie bei der Hand , indem ich ihr sagte , daß ich Pauline Felchner sei , und die Andern bat , doch nicht zu lachen - sie lachten aber nur desto mehr , sagten , ich habe wohl solche Jugendfreundinnen - die reichen Fabrikanten hätten immer Bettelvolk zu Verwandten , und ließen solche hämische Worte mehr fallen , so daß jene immer verwirrter ward , mir zu Füßen fiel , und schluchzend bat : Ach , Mamsell Paulinchen , meine Mutter hat Sie oft mit mir auf einem Arme zugleich getragen - jetzt liegt sie hier auf den Tod , und die kleinen Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger . Sie hat mir oft erzählt , wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt - und wie ich nun hörte , daß Sie hier wären , so dacht ' ich in meinem Innern : die hilft euch vielleicht . Ich sah einmal bei Doctor Thalheim ' s , wo ich die Aufwartung habe , ein Buch , auf welches Ihr Name gedruckt war - da fragte ich den guten Herrn Doctor , ob er Etwas von Ihnen wisse - und er erzählte mir , wie Sie hier so fromm und gut wären , daß Sie mir gewiß helfen würden - nicht mir , sondern der kranken Mutter , den hungernden Kindern - da faßt ' ich mir ein Herz und lief her , und da bin ich nun - sie hielt inne , und barg ihr Gesicht unter der Schürze , es war vielleicht das erste Mal , daß sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm - und diese vornehmen Fräuleins antworteten ihr mit Gelächter - « sagte Pauline mit Bitterkeit , indem sie inne hielt . » Es war auch ein ganz närrischer Auftritt , « sagte ein Fräulein - » die Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus , und Pauline machte die Scene vollkommen , indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende Strafpredigt hielt - ihr Eifer war es , über den wir natürlich noch mehr lachen mußten , und darüber , daß sich überhaupt Mamsell Paulinchen unterstand , sich zu unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen . « » Es kann sein , daß ich mich vergessen habe , « sagte Pauline , » aber ich war jetzt nicht die Erste von uns , der dies geschah - « » Lass ' das gut sein , « unterbrach Elisabeth . » Was antwortetest Du der Armen ? « » Ich hatte zum Glück in meiner Schürzentasche einen Thaler , da ich mir eben Etwas wollte holen lassen - den gab ich dem Mädchen mit dem Bemerken , daß ich nächstens zur kranken Mutter kommen würde . Wenn sie Thalheim zu mir geschickt , so würde er mir auch sagen können , womit ihrer Noth am Besten geholfen sei . - Sie wollte mir die Hand küssen , aber das duld ' ich von Niemand , so umarmte ich sie , und bat sie , so schnell als möglich zur kranken Mutter zu gehen , und drängte sie fort , denn ich wollte sie so schnell als möglich den Demüthigungen hier entziehen - ich weiß ja , wie weh sie thun ! Ich wollte dadurch , daß ich sie küßte , sie vergessen machen , was die Andern an ihr verbrochen - - und nun hast Du nur einen Theil von dem gehört , wie sie mich deshalb verhöhnen . - - « Elisabeth fiel Paulinen um den Hals , und sagte : » Vergieb mir , daß ich Dich mit thörigtem Hochmuth gekränkt habe - ich habe Dich früher ja nicht gekannt - nun aber kenne ich Dich , und bitte Dich : sei meine Freundin ! - Und Ihr Andern , wenn Ihr sie wieder kränkt - so kränkt Ihr mich auch . Das wird Euch freilich einerlei sein , und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt , so werdet Ihr mich jetzt auslachen - aber Du , gute Pauline , wirst nicht mehr allein und unverstanden unter uns sein ! « Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung , und vermogte weiter Nichts zu sagen , als : » Ich danke Dir ! « und eine große , helle Freudenthräne fiel aus ihrem