- sondern eine rächende Vergeltung findet . Wie gesagt ich hing mit quälender Anhänglichkeit an Paul . Ich ging wohin er ging , ich stand wo er stand , ich blickte wohin er blickte . Wäre er nicht so grenzenlos in mich verliebt gewesen , so hätte er mich unerträglich finden müssen , denn ich beging eine Indiscretion über die andre , blätterte in seinen Papieren , besah seine Bücher , durchwühlte seine Portefeuilles - nicht aus kindischer Neugier allein ( obwol Alles was er hatte und was ihn umgab mir ganz neu war ) sondern um mich aus allen Kräften mit ihm zu identifiziren , um seinen Geschmack zu kennen , seine Wünsche zu errathen , seine Neigungen mir einzuimpfen . Miß Johnson verwies mir einmal ich weiß nicht mehr welche Frage oder Bitte die ich an Paul richtete . Er rief lebhaft : » O stören Sie sie nicht ! mit solchen unschuldigen Augen ist man nie indiscret . « Und er fuhr fort mir Alles mitzutheilen was mein flammendes Interesse für ihn begehrte . Dennoch war ich nicht glücklich , denn mich quälte ein Gedanke - nämlich der , daß er Amalie vergessen hatte . Darüber nachsinnend blickte ich ihn eines Tages so lange an bis mir die Thränen in die Augen traten . Er las die Zeitung . Als er meine Thränen bemerkte warf er das Blatt fort , nahm mich in seine Arme und fragte zärtlich was mir geschehen sei . Ich sagte ihm den Grund meiner Betrübniß , und daß ich mir einen ebenso lebhaften Vorwurf über mein Vergessen Heinrichs mache . » Wir haben Amalie und Heinrich nicht vergessen , entgegnete er sanft . Wir gedenken ihrer mit wehmüthiger Liebe . Aber Empfindungen an die keine Pflichten sich knüpfen genügen unsrer Thatkraft und unserm Liebesbedürfniß nicht . Erinnerungen nehmen einen Platz in unserm Leben ein ohne es ganz auszufüllen , und in edler Weise es auszufüllen suchen ist keine Untreue , meine Sibylle , sondern eine ernste und würdige Aufgabe . « Diese ruhigen klaren Worte beschwichtigten mich und berührten mich zugleich wie mit kältendem Hauch . Mein Unverstand sträubte sich gegen jene Anschauung welche das Leben zu einer ernsten Aufgabe macht . Ich wollte einen ununterbrochenen Seligkeitsrausch daraus machen . Der meine ging zu Ende als Paul uns nach drei Wochen verlassen und zurück nach England mußte . So weit fort , und übers Meer , und bis Ende Oktobers - ich meinte es nicht überleben zu können , und ich empfand eine Art von Verachtung gegen mich selbst , daß ich es dennoch überlebte . Er versprach mir fleißig zu schreiben - und er hielt Wort ! damals aber flogen noch keine Dampfschiffe zwischen England und dem Continent hin und her , das machte den Briefwechsel unsicher und unberechenbar , und diese Unsicherheit versetzte mich in ein Fieber von Angst . Wenn ich meine oder Pauls Briefe auf der See wußte lief ich wol zehnmal täglich an den Strand um den Wind zu beobachten , gänzlich vergessend daß er anders an der Küste , anders auf hohem Meere wehe , daß ein Unterschied zwischen der Nord- und der Ostsee statt finden könne - und dann verloren sich die Gedanken in die Unermeßlichkeit des Meeres hinein , das mir wie ein Bild meiner Zukunft erschien und meinen Wünschen , meinem Streben , meinen Ahnungen ein Symbol grenzenloser Verheißung darbot . War es die Gemüthsbewegung welche meine Mutter in dieser Zeit gehabt oder überhaupt eine Krisis in ihrem Leidenszustand - genug , es regte sich wieder einige Lebensthätigkeit in ihrem Nervensystem und unser Hausarzt erklärte daß eine Reise nach Gastein nothwendig zu unternehmen sei . Der Bruder meines Vaters , der Bischof von Würzburg war , hatte schon längst in seinen Briefen meiner Mutter diese Heilquelle empfohlen und sie eingeladen sich auf der Hin- und Rückreise bei ihm in Würzburg auszuruhen . Bis dahin hatte ihr Zustand es unmöglich gemacht ; jezt erklärte sie selbst es für möglich eine so weite Reise zu unternehmen . Die Hofnung auf ihre Genesung beseligte mich , und die Reiseanstalten die ich eifrig betrieb warfen ein glückliches Gegengewicht in die Schaale meiner Sehnsucht nach Paul . Aber ich machte mir aus diesem getheilten Interesse einen Vorwurf und fragte mich selbst mit trübem Erstaunen , ob ich denn eines exclusiven Gefühls gänzlich unfähig sei ? Daß der Mensch in zahllos verschiedenartigen Verhältnissen zu leben hat , daß die heterogensten Beziehungen Ansprüche an ihn machen zu deren Berücksichtigung er gestählt und bereit sein muß , daß das Menschenherz rundum tausend Berührungspunkte hat durch die es zugänglich und bewegbar wird - oder eigentlich : daß mein Herz , soll ich sagen zu meinem Heil oder zu meinem Unheil , keines Gefühls fähig war wodurch es absolut ausgefüllt wurde - dies Alles hatte ich damals noch nicht erkannt . Zu Ende des Frühlings fand meine Confirmation statt . Meine glühende Seele erfüllt von Liebe zu Paul , von Hofnung für meine Mutter , von Erinnerung an meine Todten , von Ahnung eines liebedurchglühten Daseins - so unschuldig daß Liebe und Veredlung , Glück und Tugend ihr synonym klangen und ihr als das hohe Ziel erschienen , zu dem jeder Mensch unablässig mit festem Gang und klarem Willen vorschreite - meine Seele bedurfte nicht der kirchlichen Belehrungen , welche der Prediger ihr ziemlich trocken zukommen ließ , um sich freudig zu Gott aufzuschwingen und ihre Geschicke aus seiner segnenden Hand zu empfangen . Ich genoß das Abendmal als das Symbol des heiligen Bundes , welcher von Christus gestiftet sei um die ganze Menschheit zu Kindern Gottes auszubilden . Einige Tage später reisten wir ab in zwei große Wagen vertheilt : meine Mutter , Miß Johnson , Sedlaczech , ich , zwei Kammerjungfern , und zwei Diener . Die Kranke machte diesen Schwarm der Bedienung nothwendig , und er veranlaßte wiederum Sedlaczechs Begleitung , welcher als Reisemarschall fungiren sollte . Für mich , die ich nie größere Städte als Eutin und Kiel , nie eine andere Landschaft als die holsteinische gesehen , war diese Reise eine Wonne - nämlich die Vorstellung : jezt wirst du die weite Welt , Ströme , Gebirge , Städte und Länder schauen , wirst erfahren was es Alles unter der Sonne giebt ! Anfangs entsprach das aber gar nicht meinen Erwartungen ! in Hamburg , in Braunschweig gab es kein Palais royal , der Thüringerwald schrumpfte neben dem gigantischen Maßstab meiner Phantasie zu einem Maulwurfshügel ein , die Ufer des Mains waren niedrig , der Fluß selbst schmal und gelb , die Rebgelände monoton , heiß und schattenlos . Ich vermißte die frischen Wiesen , die klaren Landseen , die Buchen und Eichen meiner Heimat , und allüberall fand ich meinen Horizont beschränkt weil ich das Meer nicht hatte , welches mehr noch für den Gedanken als für den Blick unermeßlich ist - aber nicht ermüdend wie die Ebene , von welcher die Vorstellung von Staub , Mühsal , Schmutz , Qualen , Erdigkeit untrennbar ist , sondern ausruhend weil es ein Spiegelbild des Himmels zu sein scheint . Aber Würzburg gefiel mir ungemein - die alte Stadt , die zahlreichen Kirchen , der bischöfliche Hof , mein Onkel der Bischof , der uns mit großer Herzlichkeit und süddeutscher Ungezwungenheit wie liebe Familienglieder und alte Bekannte empfing , obgleich er uns nie gesehen - Alles machte mir einen poetischen warmen Eindruck . » Das rührt vom katholischen und vom süddeutschen Wesen her , « sagte Sedlaczech , dem ich diesen Eindruck mittheilte und dem ich mich auf der Reise sehr angeschlossen hatte . Am Tage nach unsrer Ankunft fand ein großes Kirchenfest Mariä Heimsuchung statt , und mein Onkel celebrirte das Hochamt im Dom . Ich wünschte demselben beiwohnen zu dürfen . Miß Johnson erklärte es mit puritanischer Trockenheit für Götzendienst und war dagegen , meine Mutter , die keine andre Religion als die Liebe kannte und deren angebeteter Gemal Katholik gewesen war , gönnte jeder Kirche ihren Cultus und gewährte meine Bitte . Ich ging mit Sedlaczech in den Dom . Er war Katholik . Er erklärte mir das Symbol der Messe , und gab mir sein Gebetbuch damit ich ihrem Gange folgen könne . Sie machte einen überwältigenden Eindruck auf mich . Zum ersten Mal begriff ich mit zerknirschter Seele das Opfer Christi ! Musik , Weihrauch , Blumen , Prachtgewänder , Bilderschmuck , Goldglanz , Kerzenlicht , flammende Altäre , der majestätische Dom - welch ein großartiges Bild der Weltherrlichkeit , der irdischen Größe , die Christus verschmähte und gelassen in den Tod der Verbrecher ging um für seine Lehre der Barmherzigkeit : daß die opferwillige Liebe von Sünde und Furcht erlöse , zu sterben . Wie angedonnert stürzte ich auf meine Knie und fragte mich heimlich mit blassen bebenden Lippen ob ich wol eines solchen Opfers fähig sei , und gestand mir : Nein , o nein ! - und betete der Kelch möge vorüber gehen ! - In dem Tagebuch welches ich damals für Paul schrieb und welches jezt vor mir aufgeschlagen liegt , lese ich an jenem 2. Julius : » Paul ! Paul ! zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einer Kirche gebetet , aber so , als ob Engel meinem Herzen Flügel gegeben hätten und als ob es aus der engen Brust herauswolle . - Und zum ersten Mal hab ' ich einen Mann beten sehen ! Sedlaczech kniete neben mir und betete still , andächtig , gesammelt , ohne Gesangbuch und ohne Predigt , was er eben in seiner Seele fand . Ach Paul ! wie das schön ist wenn ein Mann so betet und sich nicht schämt vor Gott auf den Knien zu liegen ! .... und auf den kahlen Quadersteinen knieten wir , und alles Volk um uns herum , ohne Absperrung und Gitterstühle , und es fiel Keinem auf . Ach das ist auch schön , denn es ist so demüthig ! - Können wir nicht den Gottesdienst in Engelau so einrichten ? - Ich sag Dir , Paul : wie Sedlaczech betete kann ich gar nicht vergessen . « - - - - Das Hochamt im Würzburger Dom war der Glanzpunkt meiner Reise . Zwar besuchte ich noch häufig die Messe mit Sedlaczech , aber immer aufpassend ob er wieder so andächtig beten würde , zerstreuten mich diese Gedanken . Ich kam nicht recht zu innerer Sammlung , und die seine schien mir auch nicht mehr so extatisch wie das erste Mal , eben weil ich ihn mit gespannter Erwartung beobachtete . Es kamen auch neue Eindrücke ! die Welt des Hochgebirges that sich mir auf mit ihren Wasserfällen , ihrem ewigen Schnee , ihren starren Felswänden an die sich grüne Matten schmiegten . Diese unerhörte Majestät zerschmetterte mein kleines Herz . Es war nichts in mir das mit diesem erhabenen Ernst sympathisirte . Er machte mich melancholisch . Ich schrieb an Paul . » Was wollen die Leute mit ihrer Bewunderung des Hochgebirges - ich versteh ' es nicht ! mich machen diese starren gigantischen Massen frieren , denn sie leben ja nicht . Das Meer lob ' ich mir , nicht wahr , Paul ? was da für Leben drin ist ! das athmet wie ein Mensch ; das lächelt , trauert , klagt , wüthet , grollt , scherzt wie ein Mensch . Ich meine immer dem Meer mögte ich mich ans Herz werfen - da würde mir wol sein . Aber den Felsen gegenüber fällt mir das nicht ein ! sie locken mich nicht , sie wälzen sich mir drückend entgegen ; ich mögte mich gegen sie vertheidigen und fühle da so recht meine Unmacht .... schwaches Erdenwürmchen das ich bin . Neben Dir , Paul , würde ich auch den Felsen gegenüber ein Gefühl von Sicherheit haben , das mir jezt fehlt und das mich zittern macht . « - - - - Meiner armen Mutter that der Gebrauch von Gastein nicht gut . Nach sechswöchentlichem Aufenthalt daselbst traten wir unsre Rückreise an , und langten Mitte Oktobers mühselig und niedergeschlagen in Engelau an , wo ich mein Reisetagebuch für Paul mit den Worten schloß : » Bis jezt habe ich die Welt und die Genüsse einer Reise ganz unter meiner Erwartung gefunden . Ueberrascht hat mich nichts als das Hochamt in Würzburg und daß Sedlaczech betete ; alles Andre hatte ich mir schöner vorgestellt . « - - - - Bald darauf kam Paul mit seinem Vater und der Allerseelentag beschloß mein fünfzehntes Jahr und mein allzukurzes Mädchenleben : es war ebenso unvollkommen und überreizt wie meine Kindheit gewesen . Nun war ich Frau ! - Warme schlichte Pflege des Gefühls und ein bestimmter Wirkungskreis in häuslichen Pflichten und in einer geregelten Thätigkeit , ist die naturgemäße , folglich die gesundeste Atmosphäre für die Entwickelung des Weibes . - Statt mich in sein Haus zu führen , setzte Paul mich in seinen Reisewagen ! - Er war vier und ein halbes Jahr mit geringen Unterbrechungen in London gewesen , und so ermüdet und abgespannt durch die kolossalen Proportionen und die Riesenbewegungen im englischen Leben , denen das deutsche Spießbürgerthum nun einmal nicht gewachsen ist , daß er sich nach der Zwanglosigkeit des Reiselebens sehnte , und sich überdas ein Fest daraus machte mich in alle Herrlichkeiten , Freuden und Schönheiten der Welt einzuweihen . Er verzog mich wie nur je ein verliebter Ehemann seine Frau verzogen und sie zu seiner Puppe und zu seinem Kleinod gemacht hat . Paul war ein ganz liebenswürdiger Mensch von edler Gesinnung , von gebildetem Verstande , von tadellosen Sitten , höchst angenehm in der äußern Erscheinung ; er hatte nur einen Fehler - und dieser Fehler wäre vielleicht neben einer andern Frau gar nicht zum Vorschein gekommen : es war seine grenzenlose Schwäche für mich . Er liebte in mir Alles was das Menschenherz rührt : Erinnerungen an seine frühere Jugend , an seine erste Liebe , an seine ersten Schmerzen - ein Kind das sich ihm angeschmiegt hatte , ein Mädchen das für ihn aus der Kindheit erwachte - - und endlich ein reizend schönes Weib . Ich war unwiderstehlich für ihn ! - Ach wie viel tausendmal mißbrauchte ich diese Allgewalt .... nicht grade zum Bösen , denn ich war nicht verderbt - aber aus Laune , aus kindischem Uebermuth , zuweilen sogar um zu versuchen wie weit meine Macht reiche . Ich erbat und erschmeichelte , erweinte und erscherzte Alles was mir durch den Sinn flog . Das soll nicht heißen als hätte ich Verkehrtes oder Unsinniges begehrt , sondern eben nur daß mein unbedingter Wille die Axe unsrer Existenz wurde . Als ich es dahin gebracht hatte - absichtslos , immer ungenügsamer werdend , Schritt vor Schritt bis zur äußersten Grenze vordringend ! - da empfand ich Mitleid mit Paul , und dies Mitleid wuchs bis zur Mißachtung , um nicht Verachtung zu sagen . Ein Mann , und unfähig ein Nein ! gegen mich zu behaupten , wenngleich Vernunft und Recht bei dem Nein waren - ich fand das unmännlich , folglich weibisch , folglich erbärmlich , folglich konnte ich Paul nicht wie ein höheres Wesen verehren : so lautete meine unerbittliche Logik . Da ich nicht im Gefühl , sondern nur in Ideen und Phantasien lebte , welche stets einen übertriebenen Maßstab an Menschen und Dinge legen , während nur das Gefühl ihn rectificirt , so war ich ohne Schonung und ohne Zartheit , und suchte nicht den Punkt zu vermeiden oder zu umgehen , der mir Pauls Schwäche im grellsten Licht zeigte . Es ist unmöglich die intimen Verhältnisse der Ehe in ihrem ununterbrochenen Zusammenhang und Contact in Worte zu bringen die nicht plump und nicht übertrieben klingen . Es finden Nüancen statt für die man Wahrnehmungen doch keine Beschreibungen hat und Erkenntnisse die mit äußerlich unfaßbaren Uebergängen in die Seele schlüpfen - und dann wieder Anomalien , die jeder Erklärung widerstehen , und den Character als ein planlos zusammengewürfeltes Modell von einem Menschen erscheinen lassen . Ich kann nur im Allgemeinen sagen , daß ich mich benahm als habe ich es darauf abgesehen mein Leben muthwillig zu verderben . Ich trieb Alles bis auf die äußerste Spitze , und da Nichts sich dort halten kann , so erlebte ich eine Enttäuschung , einen Sturz von der Höhe nach dem andern , und fand mich zwischen Ruinen sobald ich zur Besinnung kam . Wie einst Don Quixote auf Abenteuer aus der Epoche der Paladine - so zog ich in die Welt um großen Menschen zu begegnen , und um im Leben der Völker , in den Leistungen der Individuen , in den Bildern der Natur die absolute Vollkommenheit und Schönheit zu finden , deren Ideal ich in meinem Kopf herumtrug . Ich suchte Charactere , Zustände , Kunstschöpfungen , Seelen , die zugleich vollkommen abgerundet wie Perlen und brillant facettirt wie Diamanten wären . Ich suchte Stoff zu ununterbrochener Bewunderung - und fand ihn nur ausnahmsweise ; Genüsse die permanente Befriedigung bieten mögten - und fand sie nur in einzelnen Momenten . Pausen der Leerheit , der Dürre , der Kälte traten bei mir ein , und zwar schon in den Flitterwochen und während unsers Aufenthaltes in Paris - von denen ich früher keine Vorstellung gehabt hatte . Ganz natürlich ! ich lebte jezt in einer solchen Aufregung , daß sie mit Abspannung abwechseln mußte , während in meinem friedlichen Engelau kein Rausch und folglich keine Ernüchterung eintreten konnte . Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages verbrachte ich zwanzig in fieberhaftem Wachen und vier in fieberhaftem Schlaf . Alle Sehenswürdigkeiten von Paris , alle Schätze seiner überreichen und verschiedenartigen Museen wollte ich gründlich kennen , beurtheilen , verstehen lernen . Sachverständige mußten mich begleiten , mir historische oder technische Erklärungen geben , mein ungeübtes Auge auf Fehler oder Schönheiten aufmerksam machen . Mit derselben Gründlichkeit wurden die Magazine der Modistinnen , der Juweliere , der Schneiderinnen , der Schuh- und Handschuhmacher heimgesucht . Ich trieb einen unsinnigen Luxus , denn ich hielt mich für unermeßlich reich ohne zu bedenken , daß dasselbe Einkommen in Engelau für kolossal - in Paris für mittelmäßig gilt . Täglich eine neue und ganz exquisite Toilette um nach den Anstrengungen meines Morgens zum Diner , in das Theater und in Soireen zu gehen , schien mir ganz in der Ordnung . Nur ausnahmsweise begnügte ich mich mit dem Besuch eines Theaters . Spielte Talma oder die Mars , oder tanzte die Montessu , so mußte ich sie wenigstens in einer Scene oder einem pas bewundern , wenngleich ich bereits in einem andern Theater war . Häufig folgten noch Bälle den Soireen - so daß ich Nachts um vier Uhr in Pauls Arme sank , um Morgens um acht wieder aufzustehen und dem Maler der mein Portrait machte eine Stunde später Sitzung zu geben . Ich ließ mich für meine Mutter malen , und heimlich für Paul in meinem Schlittschuhlaufer-Anzug für den er eine große Vorliebe hatte . Aber dies rastlose Treiben ermüdete mich gar nicht körperlich . Ich blühte erst recht auf in diesem glühenden , drängenden , genußsprudelnden Leben , und der Gegensatz schlug mich häufig nieder , daß meine physische Organisation wie von Eisen und Stahl gebildet keine Ermattung kannte , während ich geistig ach wie oft ! unüberwindliche Schlaffheit in mir empfand . Unsern Aufenthalt in Paris endete nach sechs Wochen die längst befürchtete Nachricht vom Tode meiner Mutter . Berauscht aber nicht befriedigt zog ich mich aus dem Tumult zurück , dem die Trauer ein Ende machte , und wir reisten nach Florenz und Rom . Aus dem Gesellschaftsrausch warf ich mich in den Kunstrausch - aus der Verschwendung für Schmuck , Shawls und Kleider , in die für Gemälde , Statuen , Cameen , etrurische Vasen und Alterthümer . Wo ein Atelier war - ich mußte in ihm nach dem himmlischen Funken der Begeisterung spüren , und fand statt dessen in zehn Fällen neun Mal Eitelkeit , handwerksmäßige Berufsausübung , Hunger , als Anschürer des himmlischen Funkens . Ich fand das entwürdigend für den Künstler , nachtheilig für die Kunst . Ich unterstützte die miserabelsten Talente , nicht nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten - die waren gering ! sondern nach denen ihres Elends - und das war denn freilich oft groß . Ich machte ihnen große Aufträge , die entweder gar nicht oder so kümmerlich vollzogen wurden , daß ich an der Genialität meiner Schützlinge verzweifelte und den » himmlischen Funken « eine äußerst seltne Sache fand , die eben so selten im Künstler wohne , als Geist in der Gesellschaft . Aber auch manches treffliche Kunstwerk kaufte ich , das keinen andern Fehler hatte als den - meine Mittel zu übersteigen . Durch den Tod meiner Mutter war ich in den Besitz ihres ganzen Vermögens gekommen , welches mir damals eine Rente von zwanzigtausend Thalern brachte , und sich erst später um die Hälfte vermehrte , als die Nachwehen des Krieges gänzlich gehoben waren , und als eine tüchtige Verwaltung an die Stelle der lässigen Vormundschaft trat , welche nach dem Tode meines Vaters und während der Krankheit meiner armen Mutter die ökonomischen und finanziellen Geschäfte versehen hatte . Zwanzigtausend Thaler waren für meinen Train , meine Liebhabereien und meine Mäcenatsallüren sehr wenig . Paul hatte als einziger Sohn ein großes Vermögen von seinem Vater zu erwarten , allein vor der Hand bekam er von diesem nicht mehr als was er als Junggesell bekommen - ein Tropfen im Meer für unsre Bedürfnisse ! - Sämmtliche Diener meiner , Mutter pensionirte ich reichlich ; Miß Johnson glänzend damit sie in ihrem geliebten Vaterlande bequem leben könne ; ebenso meinen lieben alten Hofmeister damit er sich recht schöne naturhistorische Werke mit kostbaren Kupfern anschaffen dürfe ; endlich Sedlaczech , der sich in der Musik durch Reisen nach Wien , Paris und Italien ausbilden sollte . Abgesehen von diesen stehenden Ausgaben unsers Budgets , hatten wir in dem ersten Halbjahr unsrer Ehe und Reise fünfundzwanzigtausend Thaler verbraucht . Paul hatte wol zuweilen kleine Einwendungen versucht - doch immer umsonst . Jezt legte er mir schweigend die unwiderleglichen Berechnungen vor . Natürlich war ich außer mir vor Ueberraschung und Bestürzung . Ich warf mich in seine Arme und bat beängstigt um Rath . » Laß uns auf der Stelle zurückreisen und die andern sechs Monat meines Urlaubs in Engelau zubringen , damit ich an Ort und Stelle eine Uebersicht Deiner Güter und Einkünfte gewinnen kann - und ich stehe dafür , daß Alles wieder ins rechte Gleis kommt « - erwiderte er . » Zurück ? .... ohne Neapel , Sorrent und Sicilien gesehen zu haben ? unmöglich , Paul ! « » Sehr möglich , liebe Sibylle , für ein Paar vernünftige Menschen , die vermeiden wollen sich von Hause aus zu ruiniren . « » Guter Gott ! rief ich mit kindischen Thränen , wie traurig ist es daß nichts auf der Welt zu den Bedürfnissen des Menschen ausreicht ! nicht einmal das Geld ! « » Verschwendung ist kein Bedürfniß , Sibylle - nur eine üble Gewohnheit , die , wie fast alle Gewohnheiten , für uns selbst und für Andere mit der Zeit höchst lästig wird - abgesehen davon daß es unsinnig ist mehr Geld auszugeben als man einnimmt . « » Aber ich habe bisjezt noch gar nicht meine Vermögensumstände gekannt , Paul ! .... jezt werde ich mich schon nach der Decke strecken . Wir wollen die Pferde abschaffen und ganz idyllisch in Sorrent leben , nicht wahr ? « Nach langer Berathung machten wir gegenseitig Concessionen . Paul bestand nicht auf die Heimkehr , ich gab die Reise durch Sicilien auf . Wir verkauften die sieben Pferde , welche wir bei unsrer Ankunft in Florenz gekauft , entließen die überflüssigen Dienstboten ; ich nahm Bestellungen von ich weiß nicht welchen Kunstgegenständen zurück , und in den ersten Tagen des Mais verließen wir Rom und gingen , Neapel nur flüchtig berührend , nach Sorrent . Uebersättigt vom Gesellschaftstaumel verließ ich Paris - vom Kunsttaumel Rom . In Sorrent warf ich mich in den Liebesrausch . Währte er nicht länger als die beiden anderen , so war er wenigstens süßer . Wir mietheten für den ganzen Sommer ein kleines schlichtes Haus , das von einem Orangengarten umgeben und von der Stadt abgesondert war . Die Terrasse vor demselben breitete sich auf einem Felsen aus , der unmittelbar und schroff ins Meer hinabfiel . Der zauberische Golf von Neapel , die reizenden Küsten des Landes , die wilden Formen der Insel Capri , die phantastischen Felsen , Grotten und Hölen des Sorrentinischen Ufers - waren die feenhaften Bilder , welche sich vor unserm Häuschen ausbreiteten . Damals verband keine Chaussee Sorrent mit Castelamare ; nur zu Fuß und zu Maulthier auf köstlich wilden Felsenpfaden , oder im Nachen konnte man es erreichen . Die Reisenden versäumten freilich nicht Sorrent und Tassos Haus zu besuchen , nach Capri zu schiffen und über das Gebirg nach Amalfi zu ziehen - allein es geschah ohne den brutalen und alltäglichen Tumult einer staubigen Poststraße , ohne Wagengerassel und Peitschenknall , ohne die gräßlichen Bequemlichkeitserfindungen der gegenwärtigen Menschentransporte . Es gab Momente , Tage , in denen man sich abgeschieden von der Welt da draußen fühlen konnte , verzaubert auf irgend ein seliges Atlantis ; und kamen Reisende , so liehen ihre Züge der Gegend ein gewisses malerisches Interesse : hier saßen elegante Frauen ganz befremdet auf Eseln - dort trieben kecke Reiter vergeblich bedächtige Maulthiere zu schnellerem Schritt an - dort saß unter einem Oelbaum eine Gruppe von malenden und zeichnenden Dilettanten - hier wanderten rüstige Fußgänger mit dem Ränzelchen auf dem Rücken - da kletterte ein Botaniker oder ein Mineralog mit den Ziegen um die Wette über Felsabhänge - hier hatte ein studirender Landschaftsmaler unter einem riesigen Sonnenschirm sein kleines ambulantes Atelier aufgeschlagen - das Alles betrachteten wir aus der Ferne als Staffage des wundervollen Gemäldes , mit dem ich , was Reiz und Lieblichkeit betrift , kein anderes vergleichen kann . O ihr Tage von Sorrent ! ihr wart die süßesten meines Lebens . Ja ja , ihr müßt es gewesen sein , denn in der Erinnerung und mit der unerbittlichen Kritik der Gleichgültigkeit vermag ich nichts aufzufinden was euch entzaubern könnte . Als ihr mich umfingt suchte ich nicht das unbekannte Gut , das mich zu rastloser , wilder , thörichter Pilgerschaft zu irgend einem geträumten Heiligenbilde trieb . Bei euch hatte ich die Oasis gefunden , in der sich die lechzende Seele auf Blumen bettete . Ueber euch wehten erquickende Lüfte , euch umrieselten frische Bäche , um euch gingen lichtere Gestirne auf . Ich vergaß zu fragen ob es Schöneres und Höheres gebe ; ich genoß unbefangen das Dasein : darum war ich glücklich . Es war ein Sinnenglück - ja ! eine Schwelgerei in den materiellen und doch ätherischen Essenzen , welche die Seele umfließen und tragen - ja ! ein Genuß der Schönheit , die durch alle Poren wie ein magnetisches Fluidum drang und das Wesen in tiefere mystische Verbindung mit dem Wesen der Natur brachte - ja ! Ich war ganz allein mit Paul ; wir sahen Niemand , wollten Niemand kennen lernen . Die Natur mit ihren immer wechselnden Schauspielen ist keine Zerstreuung für zwei einsame Menschen , sondern bewirkt ihre innigere Vereinigung . Im contemplativen Genuß einer Mondnacht , eines Meersturmes , eines Sonnenuntergangs - oder bei Streifereien durch Schluchten und Thäler , über Felsen und Klippen - bei Wasserfahrten auf den phosphoreszirenden Wellen in heißer stiller Mitternacht - welche magische Berührungen gehen da von Seele zu Seele ! mit einem Augenblitz , einem tieferen Athemzug , einem Wink des Fingers fliegen ganze Gedankenreihen , ganze Gefühlsketten mit elektrischer Spontaneität aus dieser Brust in jene ! mit einem leise geflüsterten Wort thut sich eine Unendlichkeit für die Sehnsucht , ein Paradies für die Erinnerung auf ! mit einem Kuß senken sich Extasen aus übersinnlichen Sphären in die Sinnenwelt hinein , wie Mond und Sterne sich zitternd ins Meer senken um verklärt daraus hervor zu stralen - wie die Sonne sich in lichte Wolken senkt um sie in Rosen und goldne Kugeln zu verwandeln - wie eine mystische Essenz in den Felsenspalt dringt um als Diamant daraus aufzuleuchten . - O ihr Liebenden ! warum verlaßt ihr die Einsamkeit ! nur einsam könnt ihr das Leben der Liebe leben - sobald ihr vom Leben der Welt gefangen seid , werdet ihr zu dessen Sclaven . Ihr müßt aufstehen und schlafen gehen wie die Andern , essen und trinken , euch kleiden und euch unterhalten , loben und tadeln , denken und sprechen , lieben und hassen wie die Andern ! ihr müßt Besuche machen und empfangen , spazieren fahren , Billets schreiben , Romane und Zeitungen lesen , Toilette machen , Fadaisen hören , Banalitäten sagen - und das Alles verabscheut die Liebe ! Bleibt doch einsam ! - - - Und wenn wir ' s bleiben , wird sie uns nicht verlassen ? - - Versucht es ! - Vielleicht ist euer Herz ein » Gefäß der Ehrer « in welchem sich die himmlische Manna in primitiver Frische erhält . - - - So lebten wir : mit der sinkenden Sonne begann unser Tag . Die Terrasse war durch Segeltuch in ein geräumiges Zelt - und dies Zelt durch bequeme Sessel und Ottomanen , durch große Tische mit Büchern und Portefeuilles , durch eine Harfe und viele Blumentöpfe in einen sehr bequemen Salon verwandelt . Da frühstückten wir um sechs Uhr Abends , und machten einen Spaziergang nach irgend einem Lieblingsplatz um den Sonnenuntergang zu sehen und die Abenddämmerung zu genießen . War es finster geworden , so kehrten wir heim ; unser Zeltsalon war mit Lampen erleuchtet ; ich spielte die Harfe , Paul las ; wir trieben eifrig das Studium der italienischen Sprache in ihren Dichtern ; wir übersetzten zuweilen eine Stanze Ariostos oder Tassos