Euch , Großvater und Enkel , « sprach er heiter lächelnd , » denn daß der schlanke Junge Dich etwas angeht , das ist ihm auf die breite Stirn geschrieben . Also niedergesetzt und dann erzählt , ruhig , ohne Sprung und Leidenschaft ! Hat mein Brief Dich gefunden ? « » Ihm verdanke ich es , daß ich Dich noch ein Mal wiedersehe , daß ich nach vierzig Jahren Deine Hand nochmals in der meinigen fühle , Dich wieder sprechen höre ! « » Ja , « fiel der Maulwurffänger still lachend ein , » ein Erdfahrer wie ich , der mit allerhand schlechtem Gewürm frühzeitig Bekanntschaft macht , wird bei Zeiten klug und hart gegen weltliches Ungemach und menschliche Tücken . Noch fühle ich mich kräftig , wie vor vierzig Jahren , und wenn ' s mir nachgeht und meinem Willen , so höre ich unter zwanzig Jahren nicht auf , die feinöhrige Brut in ihren Schatzgräbereien zu stören . Aber weißt Du , daß mir bange war vor Dir , Alter ? Der hat lange in ' s Gras gebissen , dacht ' ich , als ich mich hinsetzte und mühselig die paar Zeilen kritzelte . Denn ich rechnete so : entweder er ist vor Kurzem gestorben oder Polen und Russen haben ihn gemeinschaftlich massacrirt . Daß Du trotz dem am Leben bist und obendrein gesund und hier , hier an dem alten Götzensteine , das freut mich von Herzen , Jan ! Wie geht ' s Deinem Kinde ? « Sloboda zeigte gen Himmel . » Sehr wohl , Heinrich ! Sie ging heim , ehe die Revolution beendigt war . « » Also auch schon dahin ! Nun , Alter , das thut nichts . Sie war grade kein apartes Glückskind trotz ihrer Lieblichkeit , und für ihre Jahre hat sie genug erdulden müssen . Aber wieder auf meinen Brief zu kommen : was dachtest Du denn dazu ? « » Ich bin hier und Du fragst noch ? « » Freilich , Jan ! Das Schäkern und Necken hab ' ich noch immer nicht verlernt . Verdammt ! Da ist mir richtig mein Kraut wieder ausgegangen ! « Und - pink ! pink ! - schlug Heinrich aufs Neue Feuer an und setzte sein Gespräch gemüthlich fort . » Was veranlaßte Dich zu diesem räthselhaften Briefe ? « » Ein glücklicher Zufall , ein Wunder , wenn Du willst ! Du kennst mein Gewerbe , dem ich von Jugend auf mit Lust und Liebe zugethan war , das mich leidlich nährte und mir die Bekanntschaft vieler bald guter bald böser Menschen verschaffte . Ich hab ' s fortgetrieben bis heut , ohne die Lust dran zu verlieren , obschon in neuester Zeit wenig mehr dabei zu verdienen ist , weil die meisten Grundbesitzer sich einbilden , das Maulwurffangen sei keine Kunst , und nun , was ich mit der elastischen Schlinge zierlich und leise bewerkstellige , sie mit plumper Hand mittelst spitzer Fangeisen zu erreichen suchen . Freilich läuft ihnen manchmal eine der blinden Bestien in die grob gelegte Falle , aber ich sage Dir , ein solch gefangenes Thierchen sieht sich nicht mehr ähnlich . Die Stacheln zerfleischen ihm den sammetweichen schwarzen Spenser , den ihnen unser Herrgott angezogen und der mir manchen Speciesthaler eingetragen hat . Na , sei ' s wie ' s sei , ich mache doch noch immer meine Wege , senke meine schlank gebogenen Schlingen in die Erde und habe meine Freude daran , wenn früh und Abends die frischen Wippen mit meinen Gefangenen wie schwarze Fähnchen über den grün schillernden Saaten aufgerichtet stehen . « » Nach Deiner Auswanderung that mir Niemand etwas zu Leide , « fuhr er fort , » obwohl Mancher heimlich Lust dazu haben mochte . Sie trauten sich nicht an mich , weil sie mich fürchteten und auch nichts Sicheres gegen mich aufbringen konnten . So blieb ich denn völlig ungestört wer ich war , und fing Jahr aus und Jahr ein meine Maulwürfe . Der Edelhof an der Haidenkante , wo damals unser blauhutener Junker hauste , war nach wie vor ein häufiger Aufenthaltsort für mich . Seine Aecker , Wiesen und Ländereien standen unter meinem Messer und ich habe manch tausend Nasenwürfel auf die künstlich gegrabenenen Mördergruben gelegt , aus denen meine Springeisen die fleißigen Arbeiter in die Luft schleuderten . Sieh da begab sich ' s in diesem Frühjahr , daß ich auf dem großen Flachsfelde dicht hinter dem Herrenhause eine Falle stellen will , just neben einem hohen frisch aufgeworfenen Maulwurfshaufen . Um Raum zu gewinnen , stoß ' ich mit dem Fuße den Erdaufwurf um und ein zusammengerolltes Papier kommt zum Vorschein . Das wundert mich , denn es war mir dergleichen noch nicht begegnet . Sind denn die Maulwürfe Schriftgelehrte geworden , denk ' ich , und hebe das Röllchen auf , das ganz sauber in ein wachstuchenes Läppchen eingeschlagen ist . Als ich ' s aufwickle , war ' s nicht mehr und nicht weniger als ein Bogen gestempeltes Papier , auf einer Seite halb beschrieben , und was mir auffiel , unter der Schrift stand in mir wohlbekannten Zügen der ganze Name unsers saubern Zeisigs von Grafen . Wohl bekomm ' ihm das ewige Leben , er ist schon lange todt ! Das machte mich natürlich neugierig und so fange ich denn an zu lesen , lese ein , zwei , drei Mal und glaube immer noch zu träumen , denn ich hatte nichts anderes in Händen , als eine vollkommen giltige , rechtskräftig untersiegelte Verschreibung vom Grafen Blauhut für Röschen - « » Für Röschen ! « unterbrach ihn Sloboda . » Das ist unmöglich , Du hast Dich getäuscht ! Röschen hat nie eine Sylbe davon gesagt ! « » Leider wahr ! Sie hat nie davon gesprochen , daß ich es wüßte , dennoch aber , Freund Jan , ist die Verschreibung da und ich habe sie daheim wohl verschlossen in meiner Lade . « » Es muß ein Irrthum sein , Heinrich ! Wie hätte sich auch das Papier so lange halten können und wie konnte es in den Maulwurfshaufen kommen ? « Heinrich lachte . » Das ist eben das spaßhafte Wunder dabei , « versetzte er . » Unser Herrgott weiß immer Mittel und Wege zu finden , wenn ihm etwas daran gelegen ist , altes furchtbares Unrecht auszugleichen und frühere Missethaten zu bestrafen ! « » Und was stand in dem Stempelpapiere , das Du eine Verschreibung nennst ? « » Darin steht , daß Röschen Sloboda , falls sie lebendige Nachkommen hinterläßt , zu Gunsten dieser Kinder nach des Grafen Tode Anspruch haben soll auf den fünften Theil seiner Güter ! Noch mehr ! Das Schreiben führt namentlich die Besitzungen auf , welche ihr von Rechtswegen zufallen sollen , und unter diesen den schon erwähnten Edelhof nebst dem Vorwerke , die großen Fischteiche und die ganze moorige Haidestrecke , die sie links und rechts umgibt . Das und noch mehr kannst Du mit eigenen Augen lesen , wenn Du zu mir kommst ! « » Und aus diesem Grunde allein hieltest Du es für nöthig , mich alten Mann über hundert Meilen hieher zu rufen ? « fragte mit betrübter Stimme und äußerst niedergeschlagener Miene der alte Wende . » Ich glaube gar , « erwiederte Heinrich , indem er die schon wieder erloschene Pfeife durch neuen Schwamm in Brand setzte , » ich glaube gar , Du willst mir Vorwürfe machen , daß ich Dich aus Deinem halbwilden Schlupfwinkel unter vernünftige Menschen gebracht habe ? Rechne doch nur zusammen , was Dir und Deinen Nachkommen dieser Fund nützen kann ! Der Graf ist freilich todt , an ihn können wir uns nicht mehr wenden , aber seine drei Söhne leben und besitzen , was in Folge schlechter und lüderlicher Wirthschaft von den großen Gütern ihrer Vorfahren aus dem allgemeinen Untergang zu retten war . Zwei sind im Auslande , der Aelteste blieb in seiner Heimath . An ihn wenden wir uns . Die Jugendstreiche seines grausamen Vaters sind noch nicht vergessen im Volke . Der Vater erzählt sie dem Sohne , der Sohn dem Enkel , wenn sie den Kindern ein Bild schwerer Zeiten , kummer- und thränenreicher Tage entwerfen wollen . Er hat oft davon hören müssen und es kann und wird ihn nicht überraschen , wenn die Folgen von seines Vaters Schandthaten jetzt an seine Thür klopfen und um Recht bitten . Ich weiß , daß er hochmüthig drein schauen wird , denn er ist von Gemüth nicht viel besser als sein Herr Vater . Er wird die Aechtheit des Papieres läugnen und Dich anfangs abweisen . Später , wenn Du mit gerichtlicher Verfolgung drohst , wird er sich geschmeidiger zeigen und das Ende nach mancherlei Winkelzügen wird sein , daß er Dir eine anständige Geldsumme zahlt , dem Scheine nach , um Dich abzufinden , eigentlich aber um Dein Schweigen damit zu erlaufen . Diese aber wird Dir und Deinem Enkel vortrefflich zu statten kommen . « » Du vergißt , alter , ehrlicher Freund , daß jene Nachkommen , deren die Schrift Erwähnung thut , gar nicht vorhanden sind . « Der Maulwurffänger sah den Wenden mit seinen hellgrauen funkelnden Augen so schlau an , daß Sloboda ganz verwirrt ward . » Diese Nachkommenschaft will ich aus ihrem Grabe erwecken , « sagte er düster und mit einem Blick , in dem ein Gemisch triumphirender Lust , Bosheit und Rachsucht funkelte . » Frage mich nicht , alter Freund , was ich damit sagen will , Du sollst es später erfahren ! Erinnere Dich nur noch der schauerlichen Hochzeitsnacht , des Herbsttages , der Streu in der Haide - « » O ich erinnere mich ! « rief Sloboda aus , sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend , als wolle er die Erscheinung eines erschütternden Bildes , das in grausiger Beleuchtung vor ihm aufstieg , von sich abwenden . » Aber sie kam um - ward umgebracht - mit Gewalt , mit Absicht - ich darf nicht daran denken ! « » So heißt es , Jan , und möglich , daß es so ist , dennoch verspreche ich Dir , die Schatten der Todten aus ihren unbekannten Gräbern aufsteigen und sie Zeugniß ablegen zu lassen ! Ich will nicht umsonst gelebt haben , nicht umsonst ruhelos Berge und Haide durchwandert sein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ! Für Dich oder für die allgemeine Gerechtigkeit lebte , forschte , arbeitete ich . Nicht der kleinste Umstand ging meinem scharfen Auge , meinem sich nie trügenden Gedächtniß verloren . Ich habe Alles aufgezeichnet und aus längst vergangenen und verschollenen Begebenheiten ein Netz geschürzt , das Niemand ahnt , am wenigsten Deine Feinde . Du konntest das nicht wissen , was zu meiner Kenntniß gelangte . Deine Flucht hinderte Dich daran . Ich aber sammelte und würde meine Sammlung schon längst benutzt haben , wäre die Zeit günstig dazu gewesen . Jetzt ist der glückliche Augenblick endlich gekommen und nun soll der große Prozeß der Unterdrückten , Gepeinigten , Geknechteten gegen ihre Unterdrücker und Peiniger beginnen und ich verlange von Dir weiter nichts , als daß Du zuerst Deine Stimme als Kläger erhebst ! « Obwohl Sloboda kaum eine Ahnung von dem Vorhaben des Maulwurffängers hatte , setzte er doch ein so unbedingtes Vertrauen in die Redlichkeit dieses seltenen , eigenthümlichen Charakters , daß er ohne Zaudern seine Einwilligung dazu gab und als Kläger aufzutreten erklärte . » Top , es gilt ! « sagte Heinrich mit jenem schlauen und gutmüthigen Lächeln , das stets über seine braunen Züge lief , wenn er einen weislich entworfenen Plan seinem Gelingen sich nähern sah . » Ehe wir jedoch die Feindseligkeiten eröffnen , will ich mit meinem Bruder , dem Schulmeister , Rücksprache nehmen . Bei all seinen oft beschränkten Ansichten hat er doch einen praktischen Blick und hinlängliche Rechtskenntnisse , um in den vertrackten Formeln nicht zu verstoßen . Auch kann er gut schreiben , weshalb er die ganze Unglücksgeschichte bis in alle kleinsten Einzelnheiten zu Papiere gebracht hat . Solche Schriften sind gute Gedächtnißaufhelfer , und wenn mir irgend etwas nicht mehr ganz deutlich vor der Seele steht , so werfe ich einen Blick in die Schreiberei und frische die erbleichenden Farben wieder auf . « Sloboda , von dem Gehörten ganz betäubt , schüttelte mehrmals den Kopf , als könne und dürfe er nicht daran glauben . Nach einer Weile fragte er lebhaft : » Wie ist Nathanael gestorben ? Ich habe oft in der Fremde sein Schicksal beklagt , obwohl er glücklicher war als ich ! « » Er starb den Tod der Armen , « versetzte Heinrich . » Fasse Dich nur in Geduld , Du sollst über Nichts in Zweifel gelassen werden und Alles soll beitragen , Deine Feinde , die immer auch die meinigen sein werden , zu demüthigen , wo möglich zu stürzen , Dich aber zu erhöhen . « » Ich verlange nicht darnach , Freund , ich will mich glücklich schätzen und dem Vater im Himmel danken , wenn ich in nicht gar langer Zeit ruhig und glaubensvoll sterben und dann sagen kann : Gott Lob , Deine Gnade hat sich wunderbar an mir und den Meinigen offenbart ! « » Das ist , nimm mir ' s nicht übel , Jan , ein Bischen wendisch gesprochen ! Die göttliche Gnade mag eine ganz hübsche Einrichtung sein , zu der wir in schlimmen Stunden Alle unsere Zuflucht nehmen können , allein mein Kopf- und Ruhekissen will ich mir nicht damit ausstopfen lassen . Ein Stück redlicher Wille und geistige Kraft reichen schon eine Weile aus und befriedigen mehr als die liebe Gnade , und überdies taugt es in dieser verdorbenen Welt oft gar nichts , wenn man allzu häufig von ihr Gebrauch machen will . Ich halt ' s in diesem wie in manchem andern Punkte mit meinen Landsleuten , den Bauern , die immer und immer , wenn ihnen der Pfarrer hundert erquickliche Predigten von Vergeben und Hinhalten des andern Backen vorgesagt hat , auf die einfachen und vernünftigen Worte zurückkommen : So denke ich eben auch , Herr Pfarrer , aber ich will justement mein Recht und sollte mich ' s den letzten Groschen kosten ! - Diese Bauernregel , Freund Jan , ist ein Satz voll Weltweisheit , den Niemand vergessen sollte , am wenigsten der Arme , der Gedrückte . Erst wenn jeder Arme unablässig nach dem Rechte schreit und Blut und Gut , so viel er eben davon hat , willig dafür hingibt , erst dann wird es besser werden mit dem Volke . In meinen Gedanken stelle ich mir unter dieser Zeit der allgemeinen Rechtsherrschaft das vor , was die Gottesgelehrten das tausendjährige Reich nennen . « Während Heinrich wieder Feuer anschlug , fuhr er fort : » Bisher , Alter , habe ich von dem gesprochen , was sich hier zugetragen hat , jetzt , dächte ich , wär ' es Zeit , daß Du auch mir Dies und Jenes von Deinen Erlebnissen mittheiltest . Ich sehe , daß Röschen Dich zum Großvater gemacht hat , denn der Page da hat die ganzen Augen der Mutter . « » Paul ist mein Enkel , Du hast es errathen , der einzige noch übrige Sprößling meines unglücklichen Kindes ! - Lieber Gott , was soll ich viel von meinem Leben voll Arbeit , Mühseligkeit und Drangsal sprechen ! - Als ich mit den Meinigen nach jenem entsetzlichen Ereignisse die Flucht ergriff , nahm ich den niederschmetternden Eindruck des Erlebten mit mir in die Fremde . Froh und heiter ward ich nur auf Stunden . Es gelang mir , durch große Sparsamkeit und unermüdliches Arbeiten nach Jahren etwas vor mich zu bringen , wobei meine Tochter mit ihrem Manne mich redlich unterstützte . Röschen gebar ihrem Gatten drei Söhne , wovon Paul der jüngste ist . Sie wuchsen zu unser Aller Freude kräftig auf und ihre Aeltern glaubten , daß vor dem dereinstigen Glück dieser Kinder ihr eigenes Unglück endlich ganz in den Hintergrund treten werde . Obwohl die Aeltern es wünschten , daß sich die um Vieles älteren Brüder Pauls vortheilhaft verheirathen möchten , blieben sie doch ledig , zu unserm Glück , muß ich sagen nach dem , was später sich ereignete . Ich übergehe die kleinen Erlebnisse im Hause , da sie von keiner Wichtigkeit sind . Unser Umgang war so beschränkt , daß wir eigentlich nur unter uns allein lebten und einen kleinen Staat für uns bildeten . Wir waren den Umständen nach zufrieden , denn was wir besaßen , darüber konnten wir nach Belieben verfügen . Es gab keinen Herrn , der uns plagen und schinden durfte , obwohl wir nur zu oft dies Schauspiel bei den armen verdummten Bauern traurigen Blickes mit ansehen mußten . - Da brach die Revolution aus und gestaltete das ganze Land um . Alles , was Waffen tragen konnte , mußte freiwillig oder gezwungen unter die Reihen der Vaterlandsvertheidiger eilen . Auch Pauls ältere Brüder theilten mit tausend Andern das nämliche Schicksal . Sie schlossen sich den gefürchteten Sensenmännern an , und obwohl sie mit ihren Herzen nicht Polen waren , muß ich ihnen doch das Zeugniß geben , daß sie rühmlich und heldenmüthig ihr zweites Vaterland gegen die hereinbrechenden russischen Heere vertheidigten . Bei Ostrolenka fiel der Aelteste , mit Wunden bedeckt kehrte sein Bruder zu uns zurück , um uns die Trauerkunde zu überbringen . Die Mutter warfen Schreck , Kummer , Verzweiflung aufs Krankenlager . Nach kurzer Rast verließ uns der kaum von seinen Wunden Genesene abermals , diesmal in Begleitung seines Vaters . Es galt die Vertheidigung der Hauptstadt , zu der auch ältere Männer dringend aufgerufen wurden . Vater und Sohn schieden mit stummem Händedruck von meiner weinenden Tochter und von Paul , der allein mit mir und zwei jüdischen Dienstboten bei der Kranken zurückblieb . Ich habe die Scheidenden nicht wiedergesehen . Russische Kartätschenkugeln zerrissen Beide in einem Augenblicke auf den Schanzen von Wola ! Dieser neuen Todesbotschaft erlag auch Röschen . Sie ruht , von Immergrün umrankt , in den polnischen Wäldern ! Ich gedachte bald neben sie gebettet zu werden , als Dein Brief das erlöschende Licht meines Lebens von Neuem anfachte und mich um Kraft zu dieser schweren , gefahr- und mühevollen Reise zu Gott bitten ließ . - Ehe ich aufbrach , verkaufte ich mein Besitzthum an einen vornehmen Russen , dem ich das Leben gerettet hatte und der aus Dankbarkeit dafür nicht wissen wollte , daß zwei meiner Enkel gegen ihn gekämpft hatten . Er verschaffte mir zugleich die nöthigen Papiere , um nicht an den Grenzen als Flüchtling aufgegriffen und zur Strafe nach Sibirien transportirt zu werden . So kam ich denn glücklich nach Preußen , erreichte die heimischen Haiden und sah Dich wieder , den ich hundert Mal unter den Todten geglaubt und gesucht hatte ! - « » Pink-Heinrich stirbt nicht so geschwind , « versetzte gutmüthig lachend der Maulwurffänger , sich selbst mit seinem immerwährenden Feueranschlagen persifflirend . » Aber das muß ich sagen , Jan , ein Glücksvogel bist Du grade nicht geworden , ausgenommen , daß Du selber dem gefräßigen Unthiere , das wir so bescheiden Tod nennen , entgangen bist . Freut mich nur , daß meine alten Augen wenigstens ein Stiftchen von dem lieben saubern Haideröschen sehen , in das ich mein Lebtage vernarrt gewesen bin . Gott gebe ihr eine sanfte Ruhe und Dir , ihrem Ebenbilde , eine fröhliche Zukunft ! « Der Maulwurffänger reichte bei diesen Worten dem Jünglinge seine braune , schwielige Hand , die Paul mit Herzlichkeit drückte . Nur unvollkommen mit den seltenen Schicksalen seiner Aeltern bekannt , vermochte er nicht ein Wort in das für ihn äußerst wichtige Gespräch der beiden alten Freunde zu streuen . Seiner gespannten Aufmerksamkeit entging keine Sylbe von Heinrich ' s freilich immer dunkler und geheimnißvoller sich gestaltenden Mittheilungen , aber er mußte ihm in natürlichem Rechtsgefühle vollkommen beistimmen und seine noch in undurchdringliche Schleier gehüllten Pläne durchaus billigen . Deshalb sagte er jetzt zu dem alten , graden Manne : » Ich danke Euch , Freund meiner verstorbenen Mutter und meines Großvaters , für den Eifer , womit Ihr Euch bereit erklärt , einer Angelegenheit Eure Kräfte und Geistesgaben zu widmen , von der ich gegenwärtig wenig mehr begreife , als daß dies Alles mir dereinst im Falle des Gelingens zu Gute kommen soll . Gibt es dabei eine Rolle , die meine Kräfte nicht übersteigt , so möchte ich Euch bitten , mir diese zu übertragen . Ich habe schweigen gelernt und mißbrauche kein mir geschenktes Vertrauen ! « » Brav gesprochen , mein Sohn ! Just so dachte und handelte auch Deine Mutter , das schöne , reizende Kind der braunen Haide ! - Doch genug für heut , ihr Lieben ! Ich merke , der Wind macht sich wieder auf und treibt ein Rudel Wolken vor sich her , die nicht das freundlichste Aussehen haben . Das Wichtigste wißt Ihr jetzt . Morgen , will ' s Gott , gehen wir unserm Ziele ein paar Schritte näher ! Wo habt Ihr Euer Quartier aufgeschlagen ? « » In der Königshainer Schenke bei einem Wirthe , der fürs Leben gern den Führer gemacht hätte ! « » Ha ha ha ! Ich kenne den Götzenleopold ! Was bei ihm einkehrt , muß sich auch seine gelehrten Bissen in Suppe und Kaffee brocken lassen . Immer laßt ihn reden , bleibt bei ihm heut Nacht und morgen bis Nachmittags , dann aber macht Euch auf mit Zug und Zeug und kommt in mein stilles Haus . Ich wohne in B ... , ein ganz natürlich gemalter Maulwurf , wie er grade aufstößt , zeigt Euch schon von weitem mein Haus an . Ihr trefft mich des Abends sicher , den Tag über muß ich herumstreichen , da ich verschiedene Geschäftsgänge zu besorgen habe . « » Gott behüte Dich ! « sprach Sloboda , dem Freunde zum Abschiede die Hand schüttelnd . » Er hat es wunderbar mit mir vor , seh ' ich , und will mich nicht zu Schanden werden lassen zum Jubel meiner Feinde . Morgen Abend , wenn die Sonne zur Ruhe geht , wird Jan Sloboda mit seinem Enkel an Deine gastliche Thür klopfen . « » Wer da klopfet , dem wird aufgethan ! « citirte listig blinzelnd der Maulwurffänger , langte Stahl und Stein aus seiner Westentasche und verschwand , dem Steine häufige Funken entlockend , hinter dem bergenden Tannicht . Sloboda und Paul stiegen schweigend den Berg hinab nach Königshain , wo sie Götzen-Leopold den ganzen Abend hindurch mit Geschichten und Sagen vom Todten- und Hochsteine unterhielt , die dem alten Wenden größtentheils bekannt waren , den jugendlichen Paul aber höchlichst ergetzten . Fünftes Kapitel . Die Unterredung . Heinrichs Wohnung lag etwa eine Stunde hinter den Königshainer Bergen im Dorfe B ..... und bestand aus einem kleinen wohl eingerichteten und in baulichem Stande erhaltenen Häuschen . An Raum war darin kein Ueberfluß , dennoch konnte der Maulwurffänger im Nothfalle drei bis vier Gäste beherbergen , ohne dadurch zu sehr beschränkt zu werden , denn es stand und lag jedes Ding am rechten Orte . Heinrich hatte noch einen Hausgenossen , den früheren Besitzer der Wohnung , der sich nach dem Verkaufe derselben , wie dies in der Gegend uralter Brauch ist , das Gedinge ausgemacht hatte . Es war dies ein stiller , alter Mann von großer , fast übertriebener Frömmigkeit , die stark nach Herrnhuterei schmeckte . In der Jugend war er lange Soldat gewesen , hatte als sächsischer Dragoner tüchtig dreingeschlagen , bei einem Ueberfalle des Feindes aber das Unglück gehabt , daß er , um sicherem Tode zu entgehen , sich auf einen Thurm retten und , um auch hier nicht entdeckt zu werden , aus dem Fenster steigen und an dem blechernen Vorsprunge desselben mit beiden Händen so lange festgeklammert hängen mußte , bis er aus seiner fürchterlichen Lage befreit wurde . Schreck , Todesangst , übermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf eine Schwäche in den Armen zu , in Folge deren er einen ehrenvollen Abschied erhielt . In seine Heimath zurückgekehrt ging diese Schwäche in vollständige Lähmung über , so daß er beide Arme nicht mehr ordentlich brauchen konnte und sich auf Arbeiten legen mußte , die keine Anstrengung der Muskeln erforderten . Schlenker hütete in Heinrichs Abwesenheit das Haus gleich dem treuesten Kettenhunde , vertrieb sich die Zeit mit Lesen religiöser Bücher , namentlich solcher , die Missionsangelegenheiten behandelten und über die Ausbreitung des Christenthums in Asien und auf den Inseln des stillen und indischen Meeres ein Langes und Breites berichteten . Für solche Bücher gab er jährlich ein hübsches Sümmchen aus . War er aber des Lesens müde , so pappte er Düten von allen Größen , die er an die Landkrämer verkaufte , oder reinigte , säuberte und glättete die gegerbten Fellchen der Maulwürfe , welche Heinrich in freien Abendstunden auf mancherlei Weise zu verarbeiten und für sich einträglich zu machen wußte . Hinsichtlich ihrer religiösen Ueberzeugung waren diese beiden Hausgenossen niemals gleicher Meinung . Heinrich tadelte Schlenker ' s Hinneigung zum Pietismus und zu zeitraubendem Bitten und Beten , und Schlenker eiferte wieder über den argen Weltsinn seines Hauswirthes und über dessen sündlichen Hang , andern Leuten gelegentlich eine Nase zu drehen . Daß er ihn noch nie in der Kirche gesehen hatte , konnte er ihm vollends gar nicht vergeben . Dennoch aber war er ihm von Herzen gut und konnte Nächte lang in seinem hartgesessenen alten Lederstuhle auf ihn warten und sich die Augen müde lesen , wenn Heinrich , ohne ihn zuvor davon zu benachrichtigen , nicht nach Hause kam . Besser vertrug er sich mit Heinrichs Bruder , dem Schulmeister Gregor . Dieser war ein Verehrer des Wortglaubens , der nie über irgend eine religiöse Frage oder über einen tiefsinnigen vieldeutigen Spruch der Schrift Zweifel hegte . » Was geschrieben steht , das steht geschrieben , « war sein Grundsatz . Nach diesem brachte er den Kindern die Grundlehren des Christenthums bei und hatte seit einem halben Jahrhunderte beinahe ein paar Generationen zu gehorsamen Unterthanen und zufriedenen Staatsbürgern erzogen . Gregor theilte keineswegs die sehr revolutionären Ansichten seines Bruders , obwohl er dessen größere Geistesgaben willig anerkannte . Nur zuweilen , wenn Heinrich es ihm nach seiner Meinung zu arg trieb , erlaubte er sich , ihn zu ermahnen und sich als christlicher Schullehrer zu zeigen . In solchen , äußerst selten vorkommenden Fällen konnte Gregor sogar beredt werden , während er in der Regel bei aller Aufmerksamkeit , die er nahen und fernen Ereignissen , politischen und religiösen Bewegungen schenkte , doch stets so einsylbig blieb , daß er geradezu häufig albern erschien . Täglich kam dieses Kleeblatt bei sinkendem Abende zusammen , um sich über die Weltangelegenheiten zu unterhalten , deren Heinrich immer eine Menge von seinen Herumstreifereien mit heim brachte . Häufig geschah es dann , daß sowohl Schlenker als auch Gregor über die frivolen Anmerkungen des Maulwurffängers unwillig wurden und im Zorne die Stube verließen . Beide kehrten jedoch sogleich wieder um , der Schulmeister an der Hausthüre und der ehemalige Dragoner an der Stiege zur Kammer , um nochmals die Stubenthüre zu öffnen und dem schlau lächelnden Haberecht eine gute Nacht zu wünschen . Am Abende nach dem Zusammentreffen der alten Freunde am Todtensteine waren alle drei beinahe gleichaltrige Männer in Heinrichs Zimmer versammelt , das überall Spuren von der Beschäftigung seines Bewohners trug . Zu beiden Seiten eines schmalen und etwas trüben Spiegels , an dessen oberem Theile die Geschichte vom keuschen Joseph mit karminrother Farbe auf Glas gemalt war , hingen eine Menge länglich runder glänzend heller und feiner Drähte an hanfenen Bindfäden . Hinter dem Spiegel , an den Fensterstöcken und in allen vier Winkeln des Zimmers staken und lehnten große und kleine Bündel biegsamer Birken- , Eichen- und Buchenstäbe , die zu schnellem Gebrauch am einen Ende bereits zugespitzt und etwas gekrümmt waren . Ein Einschnitt am obern Ende , um die Bindfäden darum zu schlingen , war an keinem vergessen . Der Maulwurffänger saß hinter seinem großen Tisch von ungemaltem weißen Lindenholz und beschäftigte sich , die feinen , zarten und wie Seide glänzenden Fellchen der Feldthiere , die er mit so großem Geschick zu verderben wußte , in ausgehöhlte lange Hölzer fest zu kleben , aus denen er dann Blaseröhre machte , die guten Abgang fanden . Schlenker hatte sich am Ofen postirt , die Beine über einander geschlagen und die breiten , großen Hände seiner lahmen und abgemagerten Arme um das eine Knie geschlungen . Er hörte mit größter Aufmerksamkeit der Erzählung Heinrichs zu , die sein Zusammentreffen mit Sloboda und dessen Enkel schilderte . Auf einem freistehenden Schemel endlich , in ansehnlicher Entfernung vom Tische , wo der Maulwurffänger handthierte , und fast in der Mitte des Zimmers saß Gregor der Schulmeister in seiner altmodischen halbbäuerischen Tracht , denn er ging , wie die alten Leute auf dem Lande , in kurzen schwarzen Manchesterhosen , Strümpfen und Schuhen mit großen silbernen Schnallen , und einem entsetzlich langen und weiten Rocke , dessen Taille grade um eine halbe Elle zu lang war . Ein dreieckiger Hut bedeckte sein viereckiges Haupt gleich dem seines verwegenen Bruders . Gregor hatte die Gewohnheit , sobald er sich irgendwo setzte , seinen Körper nicht allein in eine rechtwinklige Lage zu bringen , was äußerst komisch aussah , sondern auch die Schöße seines Rockes jedesmal sorgfältig zurückzuschlagen und seine prallen Schenkel Jedermann zu zeigen . Den Grund davon konnte Niemand erfahren , und so oft auch Spötter und Witzbolde sich darüber lustig machten , befreite sich der Schulmeister doch immer wieder von den ihm lästigen Rockschößen , indem er rund