, daß Sie Nachsicht haben müssen . Alfred bat sie , sich nicht stören zu lassen . Eine bejahrte Frau , die im Zimmer mit weiblicher Arbeit beschäftigt war , rückte ihm einen Sessel zurecht und , nachdem er Platz genommen hatte , fragte ihn Eva : Wissen Sie es denn schon , daß der Präsident von Brand auch gestern und noch früher angekommen ist als wir ? Therese hat es mir heute sagen lassen . Damit ist ihr nun die Freude verloren gegangen , den Bruder zu überraschen . So darf ich vielleicht hoffen , ihn bald bei Ihnen zu sehen ? fragte Reichenbach . Wo denken Sie hin ! rief Eva . Julian schon am ersten Morgen seiner Ankunft bei mir ? Mit nichten ! Da kommt erst das parfümirte Bad , ein langes Frühstück , eine lange Freude mit der Schwester , die er anbetet , und dann die Aktenrevision und dann die - - nun ! davon spricht man nicht , so sehr sie auch zu des Präsidenten Leben gehört . Erst spät am Abend komme ich . Die Brocken seines Geistes , die nach der Tagesarbeit übrig bleiben , die wirft er mir dann im Vorübergehen zu und denkt : Für die Eva ist es eben noch genug . Er hat ' s im Frühjahr , als ich nach Berlin zog , immer so gehalten . Erstaunt betrachtete Alfred die reizende Frau . Es schien , als ob sie scherze , und doch lag eine Bitterkeit in ihrer Stimme , die ihm auffiel , so daß er begütigend sagte : Der glückliche Freund ! wenn Sie ihn ahnen ließen , daß Sie ihn gern früher wiedersehen würden , wie müßte er eilen Ihren Wunsch zu erfüllen . Glauben Sie das nicht . Er ist ja mein Vetter und das Prädikat ist ein vollauf genügender Grund für jedes Betragen . Ein junger Mann macht einem Mädchen leidenschaftlich den Hof und man findet die Auszeichnung in der Ordnung , denn es ist ja ihr Vetter . Ein Anderer ist rücksichtslos , beleidigend gegen eine Dame und wieder sagt man entschuldigend : Mit einem Vetter nimmt man es nicht so genau . Ich wollte , es gäbe gar keine Vettern in der Welt . Aber Julian ist als Bruder so liebenswürdig , daß - Eben ! Das verschlimmert ihn noch als Vetter ! unterbrach ihn Eva . Liebe Werner , befahl sie dann der arbeitenden Frau , lassen Sie das Frühstück bringen . Frau Werner ging hinaus , den Befehl zu vollziehen , und Eva sagte zu Alfred : Sie kennen ja den Präsidenten , da kann man offener gegen Sie sprechen . Auch sagte ich Ihnen gleich gestern , Sie kommen mir nicht wie ein Fremder vor . Sie sind mir durch Ihre Schriften , durch Julian ' s und Theresen ' s Erzählungen wie ein alter Bekannter und Freund . Sagen Sie mir , wollen Sie mir das sein ? Alfred ' s Verwunderung stieg mehr und mehr ; aber Eva war so hübsch , daß er dankbar die angebotene Freundschaft annahm und den neuen Bund mit einem Kuß auf die kleine Hand besiegelte , die Eva ihm reichte . Ich habe schon lange gewünscht , Jemanden zu finden , dem ich mittheilen könnte , was mir das Herz bedrückt , meinte Eva . Glauben Sie mir , Herr von Reichenbach , Julian und Therese machen sich unglücklich . Es ist wahr , Julian betet Therese an . Er liebt sie wie ein Bruder und wie ein Vater zugleich . Diese Liebe ist aber der Grund , daß Therese nicht die Nothwendigkeit begreift , sich zu verheirathen , wozu es hohe Zeit wäre , denn Therese muß fast dreißig Jahre alt sein . Andrerseits hält ihre Anwesenheit im Hause auch Julian vom Heirathen ab und - eine Frau darf das wohl sagen - dadurch kommt er zu solchen Verbindungen , wie die mit der Harcourt , durch die er sich zum Stadtgespräche macht . Das thut mir weh und macht gewiß auch der Schwester Kummer , obgleich sie nie darüber spricht . Dagegen sollen Sie Rath schaffen , Herr von Reichenbach , das sollen Sie ändern . Da schrie der Papagei , der während des Sprechens von seiner Stange herab und auf Eva ' s Schultern gestiegen war , sein : Eva ! Eva ! die Kanarienvögel schmetterten dazwischen und das Wachtelhündchen , das bis dahin ruhig zu den Füßen seiner Herrin gelegen , verlangte durch tausend Liebkosungen Aufmerksamkeit . Eva ward plötzlich von ihrer ernsten Unterhaltung abgezogen , das Frühstück erschien , sie machte mit großer Zärtlichkeit Alfred ' s Wirthin , theilte mit Coco und dem Hündchen ihr Biscuit , trieb tausend Possen und hatte ihre beglückenden Absichten für Julian und Therese darüber ganz und gar vergessen . Bald darauf empfahl sich Alfred , von Eva mit vielen unwesentlichen Bestellungen für Therese beauftragt . Als er nun allein den Weg zur Wohnung seines alten Freundes antrat , dachte er an das eben Erlebte zurück und vermochte sich Eva ' s Wesen nicht zu erklären , wenn er nicht annahm , daß sie , sich selbst unbewußt , eine Leidenschaft für den Präsidenten nähre , der nach ihren Schilderungen noch ganz der alte Epikuräer sein mußte . So reizend Eva war , so hatte doch Alfred sich unbehaglich bei ihr gefühlt . Das Geräusch , das von der Straße herauftönte , erhöht durch die Unruhe der Thiere , und Eva ' s unstätes Wesen selbst , hatten ihm einen peinlichen Eindruck gemacht . Um so erquickender erschienen ihm die tiefe Stille und Ruhe im Hause des Präsidenten , als er es erreicht hatte . Er fand Therese allein in großen , räumlichen Zimmern , die nach einem Garten hinauslagen . Es war nichts Ueberflüssiges , keine Modespielereien in dem Gemache , aber es fehlte auch Nichts , das wahrer Behaglichkeit förderlich sein konnte . Die Thüren zwischen den Zimmern waren geöffnet , so auch ein paar von Vorhängen beschattete Fenster . Einzelne prächtige Kupferstiche zierten die Wände , fremdländische Pflanzen einen Balkon , der aus dem Zimmer in den Garten führte . Therese war mit dem Ordnen verschiedener Gegenstände beschäftigt , die während ihrer Abwesenheit von der gewohnten Stelle genommen sein mochten . Sie empfing den Freund heiter , aber doch mit mehr Zurückhaltung , als sie ihm am vorigen Tage auf der Reise gezeigt hatte . Alfred beklagte sich darüber und beschwichtigend sagte sie : Denken Sie nur , Herr von Reichenbach ! welch lange Reihe von Jahren zwischen unserer ersten Bekanntschaft und unserm Wiedersehen liegt . Da bildet sich viel an dem Menschen aus , Eigenschaften und Fehler mancher Art , man wird ein ganz Anderer , man kennt einander nicht mehr und noch nicht , Sie haben mich gestern selbst äußerlich nicht mehr gekannt . So kann es uns auch geistig leicht geschehen ; darum wollen wir uns nicht blind in ein ganz neues Verhältniß stürzen , sondern es der Zeit überlassen , das alte Zutrauen herzustellen , das sich gewiß bald finden wird . Alfred mißfiel diese Aeußerung . Ich will nicht fürchten , sagte er , daß Sie eine Andere geworden sind , denn Sie waren gut . Ich für mein Theil bin ganz der Alte geblieben und brachte Ihnen und Julian die alte , feste Neigung entgegen . Es wäre traurig , wenn auch er der Zeit bedürfte , den Freund in mir wiederzuerkennen . Indem trat Julian ins Zimmer und die Herzlichkeit , mit der er Alfred bewillkommte , verscheuchte jeden Zweifel desselben . Die Freunde mußten sich viel zu sagen haben , Therese entfernte sich also unter dem Vorwande häuslicher Geschäfte . So fanden Julian und Alfred sich nach vieljähriger Trennung zuerst wieder allein , und es konnte kaum eine größere Verschiedenheit geben , als das Aeußere dieser beiden Männer sie darbot . Alfred hatte die edeln , regelmäßigen Züge , die man oft bei den alten Familien des deutschen Adels findet . Eine schöne kräftige Gestalt über Mittelgröße und dunkelblaue Augen bei reichem , dunklem Haar , das mit einem üppigen Bartwuchs sein Gesicht umgab , machten ihn zu einer eben so anziehenden , als schönen Erscheinung . Er sah jung aus , wenngleich leichte Falten auf der Stirne von tiefem Denken und langer geistiger Thätigkeit zeugten . Julian hingegen war , wie es Therese und Eva bereits gesagt , entschieden häßlich . Sehr groß und mager , trug er sich ein wenig gebückt . Schwarzes , schon mit Grau gemischtes Haar fiel auf eine sehr edle , hohe Stirn herab , unter der große schwarze Augen geistreich hervorblickten , obgleich eine Brille ihr Feuer mäßigte . Starke Backenknochen , eine stumpfe Nase , Lippen , in denen Lavater ein sinnliches Temperament erkannt hätte , gaben ihm etwas von der Physiognomie eines Mulatten , und sein Gesicht trug in stark ausgeprägten Zügen die Spuren eines leidenschaftlichen Charakters und reichen Lebensgenusses . Er sah kalt und oft spöttisch aus , wie ihn Eva geschildert hatte . Alfred fand ihn sehr gealtert , obgleich Julian erst in der Mitte der Vierziger sein konnte . Nach den ersten herzlichen Begrüßungen fragte Julian : Was führt Dich endlich einmal nach der Residenz und wie lange wird man Dich hier behalten ? Ich denke in Berlin zu bleiben , für jetzt wenigstens . Mit Frau und Kind ? das ist vernünftig . Mein Felix kommt mir nach , meine Frau nicht , sagte Alfred . Deine Frau nicht ? fragte Julian plötzlich ernst geworden , was soll das bedeuten ? Es bedeutet , antwortete Alfred seufzend , daß ich mich nach langer Ueberlegung und bitterm Kampfe von meiner Frau zu trennen gedenke . Also doch ! sagte Julian . Armer Freund , das wird Dir schwer werden , wie ich Dich kenne . Also doch ! - Und immer noch Eifersucht und all die Quälereien , die Dir schon in den ersten Jahren Deiner Ehe Noth gemacht ? Vor Allem die Unmöglichkeit , neben einer Frau zu leben , mit der ich in keiner Beziehung übereinstimme , der mein ganzes Seelenleben fremd bleibt . Es entstand eine Pause , dann zuckte ein leichtes , mephistophelisches Lächeln um Julian ' s Lippen und er sagte : Und da kommst Du nun nach Berlin , um Dich hier mit unsern Schönen in dem Strudel der Residenz von dem einsamen Landleben zu erholen ? Das ist natürlich und vernünftig . Du irrst , das ist nicht der Grund . Du weißt , das ist es nicht . Ich kam her , um mir Ruhe zu schaffen vor täglicher Plage , um Menschen zu finden , mit denen ich geistig leben kann , um Herz und Geist an Edlem und Schönem zu erfrischen . Aber was soll Dir das Kind dabei ? fragte Julian ; soll das auch erfrischt werden und Menschen finden , Du lieber Phantast ? Es soll dem katholisch-pietistischen Eifer , dem Einfluß der Mutter überhaupt , entzogen werden , antwortete Jener . Das Erste , was mir hier zu thun obliegt , ist , einen Gouverneur und eine Schule für den Knaben zu wählen . Ich würde den Knaben , der an Einsamkeit gewöhnt ist , nicht gleich einer öffentlichen Anstalt anvertrauen , wendete Julian ein , um von der ersten Unterhaltung abzulenken . Aber ehe Alfred Zeit zur Antwort gewann , erschien ein Diener , der dem Präsidenten ein Billet in buntverziertem Couvert überbrachte . Dieser , der sehr kurzsichtig war , führte es nahe an die Augen und sagte kopfschüttelnd , nachdem er es betrachtet hatte : Immer dieselbe Geschmacklosigkeit ! daß sie sich so etwas nicht abgewöhnen lassen ! Dann las er den Inhalt und sagte zum Diener : Es ist gut , machen Sie meine Empfehlung , ich werde kommen . Der Diener ging hinaus und Julian sprach lächelnd , indem er sich das Rückenkissen zurechtlegte und die ausgestreckten Beine behaglich kreuzte : Das Billet kommt von Sophie Harcourt , einer Französin , mit der ich liirt bin , länger als es sonst zu dauern pflegte . Sie ist hier bei dem Theater angestellt und ich danke es ihr , noch einmal alle Thorheiten früher Jugend in vollem Ernste durchgemacht zu haben . Sie galt für spröde und ich war wie zu zwanzig Jahren , wie ein Jüngling in sie verliebt . Ich schlage Dir vor , Dich zu ihr zu führen . Und Deine Eifersucht läßt das zu ? oder bin ich schon so ungefährlich ? fragte Alfred . Im Gegentheil ! sie betet das Genie an und der gefeierte Dichter wird sie in Entzücken versetzen . Aber wir - oder vielmehr ich - ich bin nun über die große Leidenschaft für sie hinweg . Sie ist ewig in Extase und ich bin der großen affectvollen Scenen etwas müde . Das wird aufreibend mit der Zeit und ich sähe es nicht ungern , wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände . Ich unternahm meine Reise zum Theil , um sie an eine Trennung von mir zu gewöhnen . Und was zwingt Dich , wenn dem so ist , gleich heute wieder in die alten Fesseln ? Die Furcht vor ihrer Rücksichtslosigkeit . Sie bildet sich ein , sie liebe mich leidenschaftlich und ich muß es fast glauben . Käme ich nicht , so wäre sie im Stande , mich hier aufzusuchen . Das will ich vermeiden und - die Fesseln sind denn doch so drückend nicht . Ich wollte sie schon noch eine Weile tragen , sie sind mir in der Gewohnheit sogar lieb geworden ; aber ich möchte sie in ein ruhiges bequemes Band verwandeln . Nur daß ich täglich von Leidenschaft hören soll , daß sie verzweifelt , wenn sie mich in irgend einer andern Verbindung vermuthet , das ist mir lästig . Du spartest mir in der That eine Menge Vorwürfe über mein langes Ausbleiben , über mein Nichtschreiben , wenn Du mich zu ihr begleiten wolltest . Alfred lachte laut auf . Julian ! aber Julian ! rief er , wie bist Du der Alte geblieben , ganz und gar . Dieselbe Eitelkeit , dieselbe Furcht vor peinlichen Erörterungen , wie früher . Ist mir ' s doch , als wären wir wieder der Assessor Brand und der Lieutenant Reichenbach geworden . Hast Du denn wirklich noch Lust an solchen Theaterintriguen ? Fühlst Du Dich noch glücklich in solchen Verbindungen ? Sehr glücklich ! antwortete zuversichtlich der Präsident . Es sind die einzigen , bei denen man nicht Gefahr läuft , eine Laune des Herzens durch lebenslängliches Elend abzubüßen . Im solid bürgerlichen Leben verliebt man sich , wird getraut und hat nun eine Frau , die man in tausend Fällen wenig kennt . Die Braut schien ein Engel , denn sie wollte gefallen . Die Frau , deren Loos gesichert ist , findet das nicht mehr der Mühe werth ; der Mann , ebenfalls am Ziel seiner Wünsche , läßt sich in gleicher Bequemlichkeit gehen . Nach wenig Monaten leben zwei Menschen , die mit einander leben sollten , nur noch neben einander und vergehen vor Ueberdruß und Gleichgültigkeit . Dies ist das treue Bild einer rechtmäßigen Ehe ! schloß er , mit seinem gewohnten spöttischen Lächeln . Du malst es in Deiner Weise , mit dem Pinsel der Satire ! meinte Alfred . Warum schilderst Du grade eine unglückliche Ehe ? Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern für glücklichere fehlt ; weil eine Ehe auf gegenseitiges Verstehen , auf geistiges Zusammenleben gegründet , zu den Seltenheiten gehört . Alfred schwieg und Julian fuhr fort : Weiß eine Frau , daß wir sie jeden Augenblick verlassen können , so denkt sie jeden Augenblick daran , uns zu fesseln , scheint uns immer neu und reizend , und wir lieben die Schöpferin unseres Glückes , die dadurch ebenfalls glücklich wird . Dies ist der natürlichste Erfolg vernünftiger Freiheit . Ich bin in der That gewiß , daß Sophie mich liebt , ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt , und sie ist mir , trotz meiner Klagen gegen sie , unendlich werth . Aber Du sähest es nicht ungern , wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände , wie Du mir vorhin gesagt , meinte Alfred . Dies spricht nicht sehr für die Dauer Deiner Liebe , für Deine Hingebung an sie . Wer sichert sie und Dich selbst , daß Du nicht jeder ungünstigen Aufwallung gegen sie nachgibst , daß Du sie nicht morgen verlässest , wenn es Dir angemessen scheint ? wenn neue Reize Dich verlocken ? Ihre eigene Liebenswürdigkeit . Und wenn diese ihre Anziehungskraft für Dich verliert ? Dann werden wir uns trennen , sagte der Präsident sehr ruhig . Aber glaube mir , weil Sophie das fühlt , bleiben wir glücklich und vereint . Wärst Du nicht durch Eide an Caroline gebunden , wüßte sie sich nicht in sicherem Besitz , sie wäre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr hättet mit einander wie die Engel gelebt . So wenig Alfred Ursache gehabt hatte , mit seiner Frau zufrieden zu sein , so verletzte es ihn doch , Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner Ehe sprechen zu hören . Du selbst glaubst Deinen Worten nicht , mein Freund ! sagte er , denn es liegt Unedles , Unwahres darin . Wer Frauen so hoch zu schätzen vermag , wie Du Deine Mutter geschätzt hast , Deine Schwester schätzest , der kann die Gattin allein nicht zum Gegenstande genußsüchtiger Berechnung erniedrigen , der kann nicht die treue , liebende Gefährtin , die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwürdigen wollen , die man verstößt , wenn man ihrer müde ist . In dem festen Zusammengehören , in dem Bewußtsein der Dauer , liegen die Heiligkeit , die Schönheit der Ehe , die uns das Leid gemeinsam leichter tragen , Freude doppelt genießen lassen und die vollste , edelste Entwicklung der menschlichen Natur zur Blüthe bringen . Wenn wir die rechte Wahl getroffen , eine Frau gefunden haben .... Und wenn nicht ? fiel ihm Julian ins Wort , wenn man die rechte Wahl nicht getroffen hat ? Dann bleibt nichts übrig , als Leiden , vor denen man sich sichert durch Ungebundenheit . Das Bewußtsein der Freiheit wiegt in jedem Verhältnisse alles Andere auf ; sie ist das höchste , wahrste Glück ! Wirst Du nie anders denken ? Wird der genußreiche Wechsel Dich dauernd beglücken ? Wirst Du bei Deinem feinen , lebhaften Gefühl , bei Deiner Eifersucht nie nach einem treuen , jungfräulichen Wesen verlangen , deren ganzes Sein in Dir begründet ist ? fragte Alfred sehr ernst und fügte hinzu : Ich fürchte , Julian , Du täuschest Dich über Dich selbst und erheuchelst Dir ein Glück , das Du nicht fühlst . Du bist zu stolz , einzuräumen , daß Du es vielleicht gesucht und nicht gefunden hast . Du irrst ! versicherte Julian . Ich habe Alles , was ich wünsche . Eine Stellung , die mir zusagt ; Therese , die ein seltenes Mädchen ist , zur treuen , nachsichtigen Gefährtin , eine bequeme Häuslichkeit , eine reizende Geliebte und niemals Langeweile . Mehr werde ich nie verlangen . Ich bin durchaus zufrieden und gönne Andern das ruhige häusliche Glück und die ehelichen Freuden . Bei Julian ' s letzten Worten kehrte seine Schwester wieder zu ihnen zurück , gesellte sich zu den Männern und die Unterhaltung wendete sich bald auf die erste Zeit ihrer Bekanntschaft zurück . Ich erinnere mich noch deutlich des Abends , sagte Julian , da ich Dich einsam schreibend in Deinem Mansardstübchen fand und gegen Deinen Willen Deine Schreiberei durchlas . Für eine poetische Natur hatte ich Dich stets gehalten , und der lyrische Lieutenant war mir oft ergötzlich gewesen , wenn er mitten in den Orgien , denen unser Kreis sich damals überließ , sich hinweg sehnte nach Wald und Flur , nach Ruhe und Stille . Nun ich Deine Verse las , begriff ich Dich plötzlich ganz , ich rief Dir das » Ich hab ' s gefunden « zu . Ich sagte Dir , Du bist ein Dichter , und ohne mein Dazwischentreten hättest Du vielleicht noch lange Deinen eigentlichen Beruf verkannt . Ich habe des Augenblickes später selbst oft gedacht , sagte Alfred , und mich gefragt , wann ich wohl eigentlich zu dichten angefangen habe ? Ich konnte es aber nie ergründen , denn mein erstes Bewußtwerden mag ziemlich mit dem ersten Dichten zusammen gefallen sein . Wie das Meer seit dem Moment der Schöpfung sich in rastlosem Wechsel bewegt , wie es nicht existirt ohne Bewegung und in seiner Ruhe noch den Himmel mit Sonne , Mond und Sternen widerspiegelt , also auch in der Ruhe noch Bilder des Himmels schafft , so ist es mit der Seele des Dichters . - Ich bin mir jetzt noch schreckhafter Nächte aus meiner ersten Kindheit bewußt , fuhr er nach einer kleinen Pause fort , in denen ich unwillkürlich Das , was ich gehört hatte , weiter fortspann ; von Krieg und Erdbeben , von dem Tode Derer , die ich liebte , wachend träumte und es mir mit gräßlicher Genauigkeit ausmalte , weil ich die Grenzen des Wahrscheinlichen von denen des Möglichen nicht zu sondern vermochte . Die schreckhafteste Möglichkeit hielt ich immer für Das , was sich ereignen werde und müsse . Und ist man früh auf Ihre Anlagen und Ihr Treiben aufmerksam geworden ? fragte Therese . Nein ! antwortete Alfred . Die Qualen jener Nächte verschwieg ich , ohne zu wissen , weshalb . Später , als ich anfing , meinen Spielgenossen ganz wunderbare Geschichten zu erzählen , die mir oder meinen Eltern begegnet sein sollten , da wurden die Eltern aufmerksam , schalten mich wegen der Unwahrheiten , die ich erzählt hatte , und drohten mit ernster Strafe , falls ich je wieder auf gleichem Unrecht ertappt werden sollte . Daraus erwuchs mir neue Qual . Ich traute mir selbst nicht mehr . Da ich nicht für wahr ausgeben durfte , was sich an Ideen in mir ausbildete , fing ich auch an , an Dem zu zweifeln , was ich wirklich erlebt hatte . Aus dieser gänzlichen Verwirrung tauchte als unwiderlegliche Wahrheit eine Geschichte in mir auf , in der Napoleon und mein Vater die Hauptrollen spielten . Und war das eine wirkliche Begebenheit ? fragte der Präsident . Nichts weniger als das , antwortete Alfred . Meine Kindheit fiel in die Zeit nach den Befreiungskriegen , in der die Heldengestalt Napoleon ' s noch ganz im Vordergrund der Ereignisse stand . Ich hatte sein Bild oft gesehen , mein Vater , ein großer Bewunderer des Kaisers , sprach viel von ihm und war einmal in amtlichen Verhältnissen in der nächsten Umgebung desselben gewesen . Vermuthlich daraus hatte sich in mir eine lange Geschichte gebildet , die ich besonders gern erzählte . Ich behauptete , mich deutlich des Tages zu erinnern , an dem mein Vater in einer gelben Carosse in großem Aufzuge dem Kaiser entgegen gefahren sei , ihm auf rothem Sammetkissen die Schlüssel der Stadt überreicht habe und was daran sich noch fabelhaft und kindisch Erfundenes anreihte . - Diese Erzählung erreichte auch das Ohr meiner Eltern und zog mir , weil es meine großartigste Erfindung war , auch die lang versprochene großartige Strafe in tüchtigen Schlägen zu . Dies war der Lohn und das erste Honorar für mein erstes Heldengedicht . Der Präsident lachte , Therese aber sagte : Es ist recht schlimm , daß in den Seelen der Kinder all ihre Empfindungen , ihnen selbst unklar , oft so lange verborgen liegen . Wie mich ein krankes Kind immer noch mehr rührt , als ein Erwachsener in gleicher Lage , weil es bei zarterer Constitution tiefer leiden mag , als Jener , und nicht sein Leid zu klagen vermag , so jammern mich Kinder mit reichem Seelenleben doppelt , denn sie müssen davon gepeinigt werden . Wenn man es nur verstände , sie zu errathen , ihnen zu Hilfe zu kommen , man würde vielleicht manche große Anlage entdecken , die jetzt verloren geht . Dies ist eine recht haushälterische Sorge , liebe Therese ! neckte sie der Bruder , es soll nichts umkommen , nichts verschwendet werden . Aber sei nur unbesorgt , die Natur selbst ist die beste Haushälterin . Allem von ihr Geschaffenen wohnt die Fähigkeit und der Trieb ein , alle Hindernisse zu überwinden , alle Bande zu sprengen und durch tiefe Nacht zum rechten Lichte zu dringen . Ein Talent , eine Anlage , die durch Verhältnisse unterdrückt werden , verdienen kein Gedeihen . Dagegen ist es in der Natur des Genius , daß er immer und überall Sieger ist . Das glaube ich auch , bekräftigte Alfred . Es ist gar nicht nöthig , den Menschen in dieser Beziehung beizustehen , es ist mit ihnen grade wie mit den Pflanzen . Wollen Sie eine Hyazinthe früh zur Blüthe bringen , setzen Sie dieselbe beständig in das beste Licht , in die behaglichste Wärme , so wird allerdings eine frühere Blüthe Ihnen die Pflege lohnen , aber sie wird oft schwächer und vergänglicher sein , als die , welche unter Nachtfrost und Schnee sich langsam , reif und kräftig , ohne andern Beistand als den eignen Trieb , aus dunkler Erde ans Licht hervorringt . Daß meine Eltern die Eiseskälte der Zweifel und einen kleinen Hagel von Schlägen über mich ausgeschüttet , hat mir gewiß nicht geschadet . Indeß war es spät geworden , Alfred erhob sich und schickte sich an , die Freunde zu verlassen , aber Therese und der Präsident baten ihn , den Mittag mit ihnen einzunehmen , und Alfred ließ sich willig dazu finden . In einem mäßig großen , von Bäumen beschatteten Zimmer war der kleine Tisch für drei Personen gedeckt , mit Vasen voll frischer Blumen und einem schönen silbernen Korbe geziert , in dem feines Obst so trefflich geordnet war , daß es zu einem Schmuck der Tafel wurde . Alfred äußerte sein Wohlgefallen daran , man nahm Platz und Julian sagte , während die ersten Speisen aufgetragen wurden , zu Alfred : Du empfindest lebhaft für das Schöne , Du besingst es auf die würdigste Weise , wo es Dir begegnet , nur für Eine Richtung geht Dir der Sinn ab und das ist ein großer Mangel . Ich glaube , Du hast keinen Sinn für die rechte Bequemlichkeit , für materielles Wohlsein . Du irrst ! antwortete Alfred . Ich empfinde Unbequemes lebhaft und störend . Das glaube ich schon , denn Du müßtest kein Mensch sein , wenn Du es nicht empfändest , sagte der Präsident . Aber vom Empfinden des Unbequemen bis zum tiefen , bewußten Genießen sinnlichen Wohlseins ist eine große Entfernung . In dieser Kunst , denn eine Kunst ist es , sollten die Alten unsere Lehrer sein . Es sieht aus , als ob Du schon nicht geringe Studien darin gemacht hättest , meinte Alfred , und ich finde , daß Deine Schwester Deinen desfallsigen Bestrebungen sehr umsichtig entgegenkommt . So ist es , bestätigte Julian . Ich bilde mir viel darauf ein , mit Verstand an dies Geschäft zu gehen . Es ist mir heiliger Ernst , ein Theil meiner Poesie - ein Theil meiner Religion sogar . Der Religion , Julian ! wendete Therese tadelnd ein , die möchte mit Essen und Trinken schwerlich etwas gemein haben . Doch , liebe Schwester ! Wie willst Du , daß sich der Mensch vortheilhafter von dem Thiere unterscheide , wie willst Du , daß er besser danke für das Geschaffensein und für Das , was für ihn geschaffen ist , als indem er es so selbstbewußt , so vollkommen genießt , als es ihm möglich ist . Die Griechen , die einer reinen Gottanbetung viel näher waren , als wir , bekränzten Haupt und Becher mit Rosen und opferten Libationen , wenn sie an das hohe Geschäft gingen , die nothwendige Nahrung zu sich zu nehmen . Selbst in den Klöstern ließ man dem Körper noch sein Recht widerfahren . Man legte sich Bußen , Fasten auf , man geißelte sich , um nachher das Essen desto schmackhafter zu finden , um die mangelnde Bewegung zu ersetzen , und die Tafeln waren mit höchster Sorgfalt behandelt . Luther , ein an Körper und Geist durchweg gesunder Mensch , pries begeistert Wein , Weiber und Gesang , und liebte eine gute Mahlzeit . Ueberall , wo poetischer oder nur gesunder Sinn war , schätzte man materiellen Genuß . Erst der spätern , am Schreibtisch verkümmerten , kranken Zeit , erst den protestantischen Gelehrten mit schwacher Verdauung , den schwindsüchtigen Pietisten gelang es , das Essen als ein niedriges Bedürfniß darzustellen ; erst sie sind thöricht genug gewesen , die gesunde Sinnlichkeit ihrer angebornen Poesie zu entkleiden , dem Körper sein Recht entziehen zu wollen . Dafür stehen denn auch in unsern Tagen solche wackere Kämpfer auf als Du , Julian ! sagte Alfred . Du solltest der Stifter eines neuen Cultus werden . Und wer sagt Dir , daß ich es nicht möchte , wenn die Zeit reif dafür wäre ? fragte Julian . Wäre es denn nicht ganz poetisch , wenn man , von sinnlichem Genießen ausgehend , endlich zu einer tiefgefühlten Anbetung des Schaffenden , zu einer erhabenen Anschauung alles Erschaffenen gelangte ? Wäre es nicht schön , wenn jeder Einzelne den Weg ginge , den das Menschengeschlecht ursprünglich verfolgte , um zur Gotterkenntniß zu gelangen ? Uns sagt man : Gott hat die Welt für uns erschaffen , danke ihm dafür ! Aber man hindert uns , seine Gaben zu genießen , man sagt uns , das sei sogar sündhaft . Die Heiden genossen in vollen Zügen , und dann in der Freude des höchsten Genusses fand sich das Danken von selbst . - Ich bitte Dich , mein