in seine Brust , es ihm zu geben . - Duguet war ihr gefolgt , allmälig schien auch er zu begreifen ; er sprang auf Waldau zu und stand zitternd mit gerungenen Händen vor ihm . Die Stimme versagte ihm . Ist es wahr ? war alles , was er hervorbringen konnte . Ich glaube , ja , lieber Duguet , erwiderte Waldau ; aber fassen Sie sich , denn er ist krank , Sie müssen ihn schonen . Duguet nickte seinem alten Herrn das gewohnte Verstehen zu und kniete erst leise neben dem Ohnmächtigen . Nur die gewaltig pulsirende Ader auf seiner Stirn und die kurzen fast röchelnden Athemzüge zeugten von der Kraft , die er anwandte , sich zu beherrschen ; als er aber nun das Gesicht seines Sohnes so ganz in der Nähe sah , so daß ihn sogar dessen Haare berührten , da riß ihn der innere Jubel doch unaufhaltsam fort , dicke Thränen rollten über das braune Gesicht , der feste Mann bebte an allen Gliedern und sah den Wiedergefundenen mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an . Armes Kind , armes Kind ! flüsterte er , dann wandte er sich zu seiner Frau : Aber , Sophie ! - sie sah auf und wäre ihm gern um den Hals gefallen , aber sie mußte ihren Sohn unterstützen ; es lag eine Welt von Gefühl in ihrem Auge . Aber , Sophie ! sagte er endlich , er liegt hier schlecht ! Komm , komm ! Und wie eine Feder nahm er den schweren Körper des Soldaten auf , den Alle nur mühsam gehalten , und trug ihn unten in die Hinterstube hinein , die er und Sophie bewohnten , dort legte er ihn still auf das Bett . Waldau , Josephine und St. Luce blieben an der Schwelle des Zimmers stehen ; es wagte keiner , sie zu überschreiten ; sie hörten eine Weile schweigend von außen zu . Sophie hatte ihren Sohn in ' s Leben zurückgerufen ; jetzt saß er aufrecht im Bette , zwischen den Eltern . Und nun ging es an ein so seliges Fragen und Erzählen und an das Erkennen des Vaters , den zu sehen ihn ja die Ohnmacht gehindert . Der junge Soldat hatte die Hälfte seines Fünfsous-Stück an die seiner Mutter gehalten , und o Freude ! die Stücke paßten aneinander . Wie die arme Frau den Jüngling mit den Blicken verschlang , und wie Duguet , stolz auf seinen Sohn , höher zu werden und zu wachsen schien ! Jetzt sprachen alle Drei zugleich . Sophie erzählte von jener entsetzlichen Nacht , wie sie ihr armes , kleines Kind auf die Schwelle eines reinlich und wohlhäbig aussehenden Hauses niedergelegt und , unter einen Schuppen gekauert , lange abgewartet , daß man es abhole ; wie endlich ein Mann aus der Thüre gekommen und es gefunden , wie sie bei dem Anblick einen Moment kraftlos zusammengesunken sei , dann aber habe laufen müssen weit , weit weg , um es nur dem Manne nicht aus den Armen zu reißen ! Gleich darauf war sie unter einen Trupp betrunkener Soldaten gerathen , die sie festgehalten und gezwungen , die Carmagnole mit ihnen zu singen ; kaum diesen Wüthenden entflohen , mußte sie mit der Gräfin weiter . Von der Stunde an hab ' ich noch oft gelacht , zufrieden bin ich nie wieder geworden , schloß sie . Arme Mutter ! armes Weib ! sagten Duguet und der junge Soldat , wie aus einem Munde . Marc Duguet - er hieß so nach dem Vater , Sophie hatte , da sie nicht schreiben konnte , ein abgerissenes Stück Wäsche mit dem Namen dem Kinde auf die Brust gelegt und es mit Stecknadeln an die wenigen Hüllen befestigt , in denen sie es eingewickelt ; wie hätte sie im Drang des Augenblicks Kinderzeug sich verschaffen können - Marc Duguet war vom Leben herumgeworfen worden und in all dessen Wendungen ein Findelkind geblieben . Er erzählte den Seinen , da schlichen die Horchenden still davon , in Frau von Waldau ' s Zimmer zurück . In diesem Augenblick faßte eine kleine Hand die Josephinens und ein leiser Kuß streifte ihre Finger ; es war Anna , die ein unbemerkter Zeuge des ganzen Auftritts geworden . St. Luce freute sich ungemein , seine junge Freundin wiederzusehen . Das Kind schlang beide Arme um seinen Hals und dankte ihm unter heißen Thränen , daß er ma bonne so glücklich gemacht : Ich hatte längst gemerkt , daß ihr Sohn nicht todt war , sagte sie . St. Luce blieb noch bis zum nächsten Tage . Anna war jetzt zehn Jahr alt und fesselte seine Aufmerksamkeit mehr und mehr . Er begleitete sie zu den Eltern hinüber , und obschon Sprache und Nationalität ihm ein eigentliches Verstehen ihrer häuslichen Lage unmöglich machten , hatte er doch bald genug gesehen , um das Mädchen Josephinen auf ' s Dringendste zu empfehlen . Während seiner Anwesenheit wich sie kaum von seiner Seite und erzählte ihm alle ihre kleinen Leiden und Freuden ; sie zeigte ihm auch das vom Grenadier August erhaltene Posthörnchen , das sie noch immer am Halse trug , und konnte nicht begreifen , daß er ihr keine Nachricht von dessen ehemaligem Besitzer zu geben vermochte . Nach der Abreise des jungen Obersten , der dem noch kranken Marc einen Urlaub bis zu seiner Genesung ausgewirkt hatte , nahm Josephine sich Anna ' s ernstlicher an ; St. Luce ' s Besuch ward zum Capitelstrich ihres Lebens , das von jenem Augenblicke an eine edlere Gestalt gewann . Der junge Marc blieb vorläufig im Hause und erhielt ein eignes Wohnstübchen , brachte jedoch den größten Theil des Tages in dem seiner Eltern zu . Die Kinder nahm Josephine in ein an das ihre stoßendes Zimmer , wo sie ihre Stunden erhielten , nur die Abende durften sie noch theilweise bei ma bonne bleiben . Durch diese Einrichtung sah Anna die ausgezeichneten Männer , die mit Waldaus verkehrten ; sie fiel Jedem von ihnen auf und gewann sich hier die belehrenden Freunde , die in späteren Jahren einen unschätzbaren Einfluß auf ihre Bildung äußerten . Der Winter verging . Waldau fühlte sich kräftiger , Josephine athmete sorgenfreier auf . Da trat eines Morgens Madame Sophie , in Thränen fast aufgelöst , in ihr Zimmer . Ah , Madame ! er will fort ! Allerdings wollte Marc fort . Der Kaiser hatte Madrid erobert , seinen Bruder Joseph von Neuem auf Spaniens Thron gesetzt und die Engländer geschlagen . Zu Astorga , wohin er am ersten Januar gezogen , traf ihn die Nachricht der ernstlichen Kriegesrüstungen Oestreichs . Am dreiundzwanzigsten war er bereits selbst in Paris , um dem kaum erst noch vierhundert Stunden von ihm entfernten Feindesdrohen sogleich zum vierten Mal die Stirn zu bieten . Von Tag zu Tag erwartete man den Ausbruch des Kriegs , jetzt ließ es dem jungen Soldaten nicht länger Ruhe ; das Corps , zu welchem er gehörte , marschirte . Freude und sorgliche Pflege hatten ihn gestärkt ; wie hätte der Kriegsgeborne länger noch zu säumen vermocht ! L ' empereur va à Vienne ! wiederholte er zehnmal in einem Tage ; wo sein Kaiser war , leuchteten ihm Glück und Leben . Sophie hätte ihn gern dem Soldatenstande ganz entzogen ; im Herzen noch Royalistin , konnte sie nicht umhin , den petit Caporal mitunter noch für eine Art Landesverräther anzusehen , obschon sie mit großer Theilnahme den Erzählungen ihres Sohnes zuhörte ; er kam ihr höchstens wie ein Kaiser der Armee vor ; wenn nur von dieser die Rede war , konnte sie mit den Andern an Enthusiasmus wetteifern ; doch auf den Thron Frankreichs , auf welchem sie den Märtyrer Ludwig gesehen , vermochte sie nicht , sich ihn zu denken . Wie aber den kaum wiedergefundenen tausend Gefahren entrissenen Sohn vor den von Neuem drohenden Uebeln bewahren ! Zu fest hing er seiner glänzenden Laufbahn an ; ihn dem Auge seiner Vorgesetzten zu bergen , schien allzu schwer . Am Ende blieb der Armen nur die Qual , ihn fern von sich , dem möglichen Elende preisgegeben zu wissen . Konnte er nicht von Neuem erkranken , verwundet , verkrüppelt , wieder von Lazareth zu Lazareth geschleppt werden ? Lange kämpfte das arme Weib - die Mutter siegte . Sie beschloß , ihm zu folgen , sein unsicheres Loos wenigstens so lange zu theilen , als sie ihn nicht für ganz genesen hielt . Daß Duguet seinen sterbenden Herrn verlassen könne , kam weder ihm noch ihr in den Sinn . Die Gatten mußten sich trennen ! Das blieb unausweichlich , aber zum Glück wollte ja der Kaiser in kurzer Zeit mit Oestreich fertig sein und in Wien einziehen ; dann konnte Sophie zurück - die Oestreicher mochte sie ohnehin nicht leiden und gönnte ihnen alles Böse . Nachdem Sophie ihrer Gebieterin ihr ganzes Herz eröffnet , bat sie um ihre einstweilige Entlassung : obschon es wahrscheinlich mein Tod sein wird , unsere Leontine zu entbehren , schloß sie ; aber ich bin ja nur drei Monate meines armen Kindes Mutter gewesen , und Marc ist achtzehn Jahr alt . Josephine fühlte , daß an keine Aenderung des so gewaltsam gefaßten Entschlusses zu denken ; sie versuchte nur , dem Plan eine praktischere Gestalt und die Möglichkeit des Gelingens zu geben , indem sie St. Luce schriftlich um seine Vermittelung bat . Der Kaiser gestattete nur Marketenderinnen den Regimentstrains sich anzuschließen ; es blieb der einzige Ausweg , Sophien in den Dienst einer der begünstigten Offizierdamen zu bringen , die einzelnen Chefs folgen durften . Der junge Oberst hatte längst Erfurt verlassen , dennoch erreichte ihn der Brief und nach Verlauf weniger Wochen war Sophie von ihm als Kammerfrau der Geliebten eines seiner Freunde empfohlen , der Marc ' s Regiment befehligte und in Magdeburg der Marschordre harrte . Gottlob ! nun ist ' s überwunden , sie schläft ! sagte Madame Sophie , indem sie leise Leontinens Kammerthüre an sich zog , schon im Reisekleid , sich zu Duguet an den Tisch setzte und mit dem Rücken der Hand ein Paarmal über die Augen fuhr ! Wie groß sie sein wird , wenn ich sie wiedersehe ! Hol ' s der Teufel ! ich glaube , armes Weib , daß du eine ungeheure Thorheit begehst , brummte Duguet , aus dumpfem Sinnen auffahrend ; er reichte ihr über den Tisch hin die Hand , als müßte er die Härte des Wortes vergüten . Sophie hatte nicht recht hingehört , ihre Gedanken waren schon unterwegs . Sie zog eine große silberne Taschenuhr aus dem Kleide hervor und sagte : jetzt wird er wol schon in Buttstädt sein - morgen früh vier Uhr , meinte er , würde das Bataillon von dort abmarschiren - er hätte doch lieber schon gestern gehen sollen , der arme Junge ! so könnte er nun ein Paar Stunden schlafen . Duguet ging im Zimmer auf und nieder und stäubte , mit einer Damastserviette um sich schlagend , die reinen Meubles ab . Du hast nichts als ihn im Kopf ! murmelte er halb ärgerlich . Wenn ' s Glück gut ist , glaubst du wol gar , mir wäre das Herz nicht schwer ? erwiderte sie , euch Alle zu verlassen , dich und Madame und unsern armen Herrn ! Die Thränen traten ihr in ' s Auge . Nun , nun , so war ' s nicht gemeint ! begütigte sie Duguet ; iß doch einen Bissen ! Er versuchte ihr vorzulegen . Die Nacht ist grimmig kalt ; in einer Stunde wird der Postwagen da sein . Ja , ja , mein armer Herr , fuhr er fort , die gekreuzten Hände sanken ihm auf ' s Knie , wird es nicht lange mehr machen . Ich hielte es nicht aus , ihn jetzt zu verlassen . Seitdem die Bäume treiben , ist er so mager , und Nachts hustet er ; es möchte Einem das Herz spalten . Gott gebe ihm nur noch ein Jahr , seufzte Sophie , daß ich ihn wiederfinde . Er und Anna machen mir am meisten Sorge . Anna ! wie so ? Der Vater ist ein schlimmer Mann , da haben sie ihm in den Kopf gesetzt , das Kind würde hier im Hause zu einer vornehmen Dame gemacht , und die Bürgermeisterin soll es nicht so oft herlassen . An den Stunden , meint er , sei auch nichts gelegen , Küche und Haus gingen ihm vor . Du lieber Gott ! er wird das Kind nicht hindern , die geht ihren eigenen Weg . Und unser Leontinchen ist so allein und viel zu schwächlich , um Anna entbehren zu können ; sie lernt besser , sie ist sogar viel gesünder und frischer , wenn sie die kleine Freundin um sich hat - Herr , mein Gott ! da ist sie ! Anna hatte die Küchenmagd beredet , die beide Wohnungen verbindende Gangthüre offen zu lassen ; bei Bürgermeisters lag Alles um zehn Uhr in den Federn , jetzt war es über Mitternacht . Die Kleine schlief mit den Geschwistern allein in der Kammer , sie konnte leise aufstehen , um sich zu Madame Sophie zu schleichen , deren Reiseplan sie längst entdeckt , und stürzte jetzt unerwartet in deren Arme . Wo kommst du her , liebe Anna ? woher weißt du - Ach , ma bonne , erst hat es mir das Herz gesagt ! Dann fuhren mich die Brüder auf der kleinen Schleife spazieren , du weißt wohl , auf der Leontine nicht fahren darf . Sie hatten versprochen , mich kein einzigmal in den Schnee zu werfen , so nahm ich ihren Vorschlag an . Als wir um die Ecke bogen , kam der Postwärter und hatte deinen Koffer auf dem Karren - ach , sei nicht bös ! - Da frag4e ich ihn . - Aber wo ist denn Leontine ? Madame Sophie verschluckte ein Paar Thränen und sagte ganz leise und wehmüthig : Leontine muß schlafen ! Du weißt wohl , daß sie sonst krank wird . Anna nickte . Und , fuhr jene fort , das Kind zwischen ihre Knie nehmend , wenn sie morgen aufwacht und ich fort bin , so sei du da und tröste sie und sage ihr : ich käme gewiß wieder . Der Kaiser will ' s nicht lange machen mit den Oestreichern ; ist er in Wien , so kehre ich zurück , dann laß mich dich und Leontinen zusammenfinden . Wenn aber der liebe Gott Ernst mit mir oder mit meinem armen Jungen machen sollte , was eigentlich eins ist , so bleibe du bei ihr , verlasse sie niemals , sei ihre Schwester ; dir vertraue ich sie an . Dein Vater freilich - Ach , erwiderte betrübt Anna , nun er einmal seine Meinung gesagt hat , denkt er nicht mehr daran ; er merkt so wenig auf mich . Und die Tante hat ihm auch zugeredet und versichert , ich könnte , wenn ich recht gut Französisch spräche und keinen Mann kriegte , Kammerfrau bei der Frau Herzogin werden - Warum nicht gar ! fuhr Duguet dazwischen . Nein , nein , sagte ma bonne , du darfst nicht dienen ! Sieh doch , Duguet , steht sie nicht da wie eine kleine Gräfin ? Und wozu wäre denn die ganze Revolution gewesen , wenn das Verdienst nicht erhoben werden könnte aus dem Staube ? salbaderte Duguet , von alten Erinnerungen erfaßt . Gewiß , Mademoiselle , fuhr er fort ; wenn mein guter Herr uns erhalten wird , so werden Sie unsere Familie niemals verlassen dürfen . Man sieht , er rechnete sich dazu . Die Uhr schlug ! Noch eine Viertelstunde ! Sophie athmete schwer , machte sich allerlei zu thun , öffnete und schloß wol zehnmal ihren Reisesack , setzte die warme Mütze auf , sah wieder nach ihrer Uhr ; endlich eilte sie festen Tritts hinaus , die Treppe hinan , - sie nahm von ihrer Gebieterin Abschied . Wenige Minuten später hatte sie schon an Duguet ' s Seite die Hausschwelle überschritten . Anna hatte ihren Arm ergriffen und umklammerte ihn mit beiden Händen . Stumm wanderten sie durch die frühlingsklare Nacht dahin - einzelne Sperlinge schreckten auf , als sie an den Esplanadenbäumen vorübergingen , die Straßen waren still , nur ganz von weitem dutete ein verspäteter Nachtwächter . Vor dem Posthause hielt der Wagen . Sophie zitterte ein wenig , aber bei solchen Gelegenheiten weinte sie nicht ; es lagen so viele bange Abschiede hinter ihr . Einen Augenblick hielten alle Drei sich umschlungen , denn Anna wollte ma bonne nicht loslassen - da schmetterte das Posthorn und die arme Kleine wußte selbst nicht , wie es zuging , daß plötzlich der Wagen schon in der Ferne weit , weit die lange Straße hinabfuhr ; jetzt bog er um die Ecke . Anna hielt sich beide Augen zu und der erste heftige Schmerz ihres Lebens hatte sie ergriffen . Duguet sah sie an und schüttelte den Kopf . Armes Kind ! sagte er , damit wird man nicht glücklich . Dann nahm er die Kleine in die Arme und lief eilends mit ihr nach Hause , als wollte er sie von dem Kummer hinwegtragen , der sie und ihn betroffen . Der Eindruck , den Sophiens Abschied dem zarten Kindesgemüth hinterlassen , war ein dauernder . Anna hielt Wort : mit immer tiefer wurzelnder Liebe blieb sie Leontinens Gefährtin , ertrug nun ihretwillen die Scheltworte des Vaters und erschmeichelte sich täglich von Neuem die Erlaubniß , hinüberzugehen . Anna ' s Vater war kein gemeiner oder harter Charakter , es lag eine tüchtige , nur unentwickelte Eigenthümlichkeit in dieser Natur , die alle Kräfte , deren sie sich bewußt war , der strengen Realität des Lebens zuwandte . Aber in den Winkeln seiner Seele blieb dennoch manches unverstandene Edle unausgebildet liegen - so war ihm Freundschaft durchaus weder fremd , noch unbegreiflich ; er hatte sogar selbst einen reichen vornehmen Herrn zum Freunde , für welchen er sich in jüngern Jahren eben so treu und hingebend geopfert , als jetzt Anna für Leontine es that . Aber an seiner äußern Lebensgestaltung hatte dieser adlige Freund nichts geändert , - und daß eine solche Empfindung auch bei Frauen statthaft sei , gab er überhaupt gar nicht zu . Erst nach einer Reihe von Jahren , nachdem er sich von der unerschütterlichen Festigkeit des Charakters seines Kindes überzeugt hatte , gewann ihn Anna in so weit , daß er keinen Versuch mehr machte , hemmend in die Räder ihres Geschicks einzugreifen . In dieser Zeit war er von mehren Seiten sehr hart gebeugt worden . Beide blühende Zwillingsschwestern Anna ' s , sanken , von einem nervösen Fieber ergriffen , zugleich in ' s Grab , und an den Söhnen erlebte er wenig Freude . Vielleicht hätten bedeutendere Geldmittel , und durch diese eine planmäßigere Erziehung , den Knaben einen regeren Eifer und eine entschiedenere Richtung gegeben ; aber obgleich der Tod seiner jüngeren Töchter das einstige Erbtheil der übrigen Kinder vergrößerte , vermochte der ängstliche Mann nicht darüber mit sich in ' s Reine zu kommen , was er für sie zu thun berechtigt sei , und wie es auszuführen , ohne sich und seine Frau an den Bettelstab zu bringen . Jedes an sich noch so unbedeutende Ereigniß erhöhte die Sorglichkeit , mit welcher er den eigentlichen Betrag seines Vermögens selbst seinen Kindern zu verhehlen suchte , und die Sparsamkeit , mit der er sie und seine Frau täglich peinigte . Unter zahllosen kleinlichen Rücksichten und Einschränkungen wuchsen die Buben auf ; ohne eigentliche Wahl eines einstigen Fachs wurden sie blindlings ihrer Bahn zugestoßen ; von nichts sagenden Umständen gedrängt , ergriffen sie bald diese , bald jene Bestimmung , verlernten das kaum Erlernte wieder in der neugewonnenen Richtung und wechselten dann kleinlaut das noch unerreichte Ziel abermals mit einem noch fernern . Leider ist dieses die Geschichte einer Menge junger Leute jener Zeit , die in dem betrieb- und industrielosen Thüringen aus Mangel innerer Energie als taube Blüten dem großen Baum des Lebens fruchtlos entfielen . Die Weigerung des Vaters , den Söhnen die ihnen zu Begründung einer Carriere nöthigen Mittel reichlich zu geben , erbitterte die Buben und machte sie abwechselnd stöckisch und leichtsinnig . Der Eine lief aus Ueberdruß unter die Soldaten , der Andere spielte dem Alten zum Trotz , als Commis bei einem Krämer , im nahen Auslande den vornehmen Herrn en miniature und machte Schulden . Anna litt sehr , die Thränen und die Sanftmuth der Mutter thaten ihr so weh . Einzelne heftige Auftritte mit den Verwandten ihrer Eltern , die bald für , bald gegen des Vaters Ansichten sich aussprachen , verschüchterten sie ganz . Daß sie ihren Lebensunterhalt verdienen lernen sollte , sagte man ihr den ganzen Tag , ohne ihr jedoch irgend ein Hülfsmittel zu Erreichung dieses Zwecks zu bieten . Die Mutter hoffte auf eine frühe Heirath für sie ; die Tante wollte sie in Hofdiensten wissen . Was konnte natürlicher sein , als daß Anna wieder und immer wieder zu Waldaus hinüberflüchtete , wo all diese Qual sie nicht berührte . Daß sie in so untergeordneter Stellung auch nicht einen Augenblick an die einstige Benutzung der ihr dort gebotenen Vortheile dachte , daß sie im Gegentheil unaufhörlich bemüht war , Sophien Wort zu halten , nur darauf sann , für Leontine etwas zu thun , zeugt von der Unbefangenheit ihres Charakters . Madame Sophie hatte nicht so streng Wort gehalten als der Kaiser ; er war längst mit den Oestreichern fertig und in Wien eingerückt , sie war aber nicht zurückgekehrt . Leider erkrankte der junge Mann dort von Neuem . Sie zog den Vortheil aus ihrer wunderlichen Lage , ihren Sohn nie ganz aus den Augen zu verlieren . Auch hatte das treue Herz dieser Frau eine zu warme Tiefe , um der neuen Gebieterin , die ihr dieses Glück verschaffte und ihrer Dienste nöthig bedurfte , mit Undank zu lohnen . So kam der Frühling des Jahres 1812 herbei , ohne die Gatten vereinigt zu haben . In Deutschland erhob sich damals ein innerer Frühling : die von Osten nach Norden gehenden unaufhörlichen Bestrebungen deutsch gesinnter Männer brachen der Freiheit unseres Vaterlandes langsam und besonnen Bahn . Oft zeigten sich Boten dieser wachsenden Hoffnungen im Waldauschen Hause , ungehemmt und vom Feinde nicht bemerkt , flog die Kunde besserer Tage seinem sinkenden Leben vorüber . Er nahm indessen nur einen wehmüthigen Antheil an dem Allen , denn er hielt sein Volk für noch nicht hinlänglich gereift . Eines Abends saß er in seinem Lehnstuhl , von wenigen nahen Bekannten und Gleichgesinnten umgeben , und unterhielt sich lange mit ihnen von einem in der guten Sache sehr thätigen Freunde , dem ehemaligen preußischen Obersten von Geiersperg . Liebes Kind , sagte er plötzlich , zu Josephinen gewendet , ich kenne keinen zuverlässigeren Menschen auf Erden . Als die Andern Abschied genommen , erneuerte sich das Gespräch zwischen ihm und seiner Gattin . Ich habe Geiersperg nie gesehen , sagte sie , und du kennst ihn so lange Jahre . Waldau lächelte seltsam . Du wirst ihn bald kennen lernen , fuhr er fort , und wenn er kommt , so bitte ich dich , ihm unbedingt zu vertrauen . Unbedingt , liebe Josephine . Er küßte sie auf die Stirn und ließ sich von Duguet in sein Schlafzimmer geleiten . Am andern Morgen fand man ihn todt in seinem Bett ; auf seinem Nachttische lag ein versiegelter Brief an Geiersperg . Wenige Wochen später ließ sich ein Jäger bei der noch immer tief betrübten Witwe melden ; er habe eine Botschaft an den verstorbenen Herrn gehabt , hieß es , die er der gnädigen Frau selbst zu überbringen wünsche . Das ist Geiersperg ! blitzte es in ihr auf - und er war es . Auf einer geheimen Sendung des Bundes begriffen , dem er angehörte , überraschten ihn in Helgoland des sterbenden Freundes letzter Gruß und dessen Bitte , seine Witwe noch vor Ausbruch des russischen Kriegs in die Nähe ihrer Verwandten nach Breslau zu geleiten . Und Geiersperg kam . Es war ein stattlich schöner Fünfziger , voller Feuer und Enthusiasmus für die Sache Deutschlands , auf deren glückliches Ende er mit frommem Gottvertrauen bauete . Der Oberst blieb acht Tage . Anna sah ihn wenig , auch Frau von Waldau kam während der Zeit nicht viel zum Vorschein ; sie war beschäftigt . Leontine erzählte von vielen Veränderungen im Hause ; plötzlich kündete Frau von Waldau ihre morgende Abreise an . Sie versprach wiederzukommen und behielt einen Theil ihres Quartiers . Geiersperg hatte die ganze Zeit hindurch für einen Förster ihres Schwagers gegolten und begleitete sie als solcher nach Breslau . Duguet blieb zurück . Nach einigen Wochen verschwand auch er ; man sagte , er sei nach Dresden gegangen , wohin Napoleon eben die deutschen Fürsten berufen hatte . Vielleicht hoffte er von dort aus Gelegenheit zu finden , sich dem Obersten zu nähern , bei dessen Geliebter Sophie in Diensten stand , und diese zurückzubringen . Die erste Stunde des verhängnißvollen Jahres dreizehn gewährte Annen , nach einer langen traurig hingebrachten Zeit , die erste Freude . In Freiberg wohnte von der Mutter ein älterer Bruder , der im Bergwerk Geschworener war und daselbst ein heiteres , etwas mühseliges , von der übrigen Außenwelt abgeschlossenes Leben führte . Sein einziger Sohn Otto , ein ungewöhnlich fähiger Junge von funfzehn Jahren , hatte sich selbst zum Chemiker bestimmt . Der Vater brachte ihn zum neuen Jahre nach W ...... in die Lehre eines alten Vetters , der als bedeutender Pharmaceut dort lebte und ihm die nöthigen Vorkenntnisse beibringen , das heißt ihn zur Universität vorbereiten sollte , die er im nächsten Jahre zu beziehen gedachte . Wie fast alle im Bergbau Erwachsenden , war der Jüngling lustig , phantastisch und fromm . Die Einfachheit seines Wesens gewann ihm bald die Herzen der ganzen Familie , sogar das des Bürgermeisters . Auch ihn hatte , wie seinen Vater , das Leben » Jenseits der Berge « kaum berührt , die Politik war ihm ganz fern geblieben . Er hatte zwar mitunter auch tüchtig auf die Franzosen geschimpft , doch etwa so , wie wir auf den Teufel , ohne etwas Besonderes dabei zu denken . - Die Neigung zur Analyse alles Sichtbaren schien Otto angeboren . Der Alte , ein Bergmann mit Leib und Seele , hätte ihn lieber auch zum praktischen Bergbau ausgebildet ; und wirklich hatte der Knabe die ersten mühseligen Jahre der Lehrzeit bestanden und in den Gruben von unten auf gedient . Aber es trieb ihn gewaltsam weiter , der Bahn seiner Wissenschaft zu , und der Vater konnte es nicht über ' s Herz bringen , den Willen des sonst so nachgiebigen Kindes zu brechen . Um in Freiberg aufgenommen zu werden , wo es damals etwas aristokratisch zuging , waren des Alten Verhältnisse nicht günstig genug ; und Otto selbst entzog sich gern dem Kreis seiner Gefährten , um der einmal erwählten Richtung bestimmter folgen zu können . Der fröhliche Ohm fiel in der Neujahrsnacht dem ängstlichen Schwager wie eine Bombe in ' s Haus : beide alte Herren contrastirten wunderlich , aber sie vertrugen sich und Otto ' s Gegenwart brachte Leben in den kleinen Familienkreis . Anna athmete auf in seiner Nähe ; er rief den Frohsinn wieder wach , den der Familie Waldau Verlust in Schlummer versenkt hatte . Die beiden schönen jungen Leute entwickelten sich im Umgange mit einander ; und als im Verlauf der nächsten Monate der allgemeine Enthusiasmus auch sie erfaßte , entfaltete der volle kräftige Sonnenstrahl jener Tage ihre Kindheit mit zauberischer Schnelle zur Jugendblüthe . Es ist viel über jene Zeit geschrieben worden ; - wer sie in gesunder Jugend frisch durchlebt hat , dem wird keine der Beschreibungen völlig genügen ; sie hatte das mit der Liebe gemein , daß , obgleich sie in Aller Herzen widerhallte , jeder Einzelne sie ganz anders durchfühlt , durchlebt oder durchträumt zu haben wähnt als seine Genossen . - Am ersten März hatten die Verbündeten Frankreich den Krieg erklärt . Der Herbst des nämlichen Jahres , der zum Frühling der Völkerfreiheit ward , reifte das nun funfzehnjährige Mädchen zur Jungfrau und den um ein Jahr älteren Knaben verhältnißmäßig noch rascher zum Jüngling . Die ausgezeichneten Männer und Frauen , denen Anna im Waldau ' schen Hause begegnet war , hatten auch nach Josephinens Abreise das wunderbare Kind nie ganz aus den Augen verloren . Trotz aller häuslichen Hemmungen ward Annen manche schöne Gelegenheit geboten , ihre Anlagen zu entwickeln , ihr Zeichnen- oder Sprachtalent zu fördern , und mit glühendem Eifer hatte sie instinctmäßig jede derselben ergriffen . Konnte dieser aphoristischen Bildungsweise nun gleich keine gründlichere Kenntniß entwachsen , so hatten doch wenigstens geliehene Bücher , freundliche Ermunterungen und gelegentliche ernstere Gespräche jeden edeln Keim ihrer jungen Seele frisch und lebendig erhalten . Otto ' n war es nicht so gut geworden , das Geistig-Schöne schlummerte noch in ihm ; er kannte nur die Poesie seines errathenden Gefühls , und hatte sich dagegen eine Menge praktischer und empirischer Kenntnisse erworben , denen jetzt der schnelle Zeitenwechsel störend entgegentrat . Um so entschiedener drängte sich das volle wogende Freiheitsgefühl als poetisches Streben plötzlich in seine Existenz . Rings im ganzen Lande stand Deutschlands Jugend auf , rüstete sich und bildete Freicorps . Otto ' s Blut kochte ; unaufhörlich lag er dem Bürgermeister an , ihn nun auch mit in den Krieg ziehen zu lassen . Brief auf Brief trug die flehentlichsten Vorstellungen nach Freiberg zu seinem Vater , aber die beiden Alten blieben unerbittlich : Otto schien ihnen noch immer ein Kind . Wie viele heiße Thränen weinte