wie die Rosenknospen angeschwellt bin und möchte aufbrechen dem Licht und gar keine andre Rechenschaft mehr geben als den Duft , den gleich der Rose meine Seele aushaucht , weil Du sie wie die Sonne wärmst und reizest . - Aber doch wend ich zur einfachsten Frage mich , » was ich mit meinem Geld anfange « , und gebe Dir die dummste Antwort , wo Du gleich meinen wirst , ich wär närrisch . Ich habe das Geld verschatzgräbert ! - Ja , Clemente , ich hab ' s in ein klein leinenes Beutelchen gesteckt , worauf ich mit Goldfaden und roter Seide meinen Namen gestickt hab und noch allerlei kabbalistische Zeichen ; ich hab ' s zugesiegelt mit einem schwarzen Siegel , einem grünen und einem roten , dann hab ich ein Loch gegraben zwischen den zwei starken Wurzeln der Pappel an der Rosenwand , da hab ich ' s in einen ledernen Schuh hineingeschoben und einen Topf mit einem Basilikumstrauch drauf gestellt , und allemal , wenn ich Geld kriegte , wechselte ich davon in Gold um und allemal , wenn der Mond schien , ging ich mit dem Spitz hin und legte es dazu , und dabei hab ich das Gelübde getan , ich wolle es verschweigen , und weil Du mir das Schweigen so sehr anempfiehlst , so erzähle ich Dir das einzige Geheimnis , was ich hätte verschweigen können , und nun ist alles leer an Geheimnis , und ich kann also nichts mehr verschweigen ! - Denn sonst , - mit dem Mund bloß nicht reden , das ist ' s doch nicht , was Du meinst , da die Tante sich alle Mühe gibt , mir abzugewöhnen , daß ich nicht wie ein stummer Ölgötze den Leuten in den Mund gucke , die mich etwas fragen . - Ja , mit meiner Schatzvergrabung , davon will ich Dir noch forterzählen , weil ich ' s nun doch schon gesagt hab . Ich habe dies Geld der Selene gewidmet , der Himmelsschwester des Hesperus , diese beiden sind unsre Schutzpatrone , der Stern ist der meinige als Bruder , der mich abends immer besuchte , der Mond ist der Deine , der Dein Andenken oft mit seinem Schein in mir erhellt . Nun hab ich aber dieses Opfer doch der Selene wieder geraubt , mit Zagen zwar - ich habe das Geld eilig am Abend ausgegraben und hab ' s über die Gartenmauer geworfen , in den Garten vom Magnetiseur nebenan , ich hörte es klingeln , wie ' s hinabfiel , und ich rief dazu so laut als ich konnte , ohne daß man ' s im Haus hätte hören können : » Da ist Reisegeld ! « Und dann war mir auch , als hörte ich das Geld rappeln beim Aufheben , aber ich lief fort . - Denn die Tante hatte am Tag vorher bei Tisch erzählt , der Magnetiseur möchte gern abreisen , aber es fehle ihm am Reisegeld . Aber er ist doch noch da , denn ich seh ihn alle Abend noch im Garten gehen und beobacht ihn vom Hoffenster , ich schäme mich so sehr und traue mich gar nicht mehr in den Garten , wo wir sonst als über die Wand allerlei Merkwürdiges verhandelten . Aber nun kommt was Schreckliches , was da passiert ist , mir ist ' s passiert . - Denk Dir , der alte Schuh , in den ich mein Geld hineingesteckt hatte , um den schönen Beutel zu schützen , war eigentlich ein neuer Schuh , sein Kompagnon stand ganz vergnügt in dem kleinen Kasten bei den andern Schuhen ; ich soll abgeholt werden nach Frankfurt morgen früh , die Tante frägt : » Wo ist denn der andre neue Schuh ? Das ist große Schlamperei von Dir , einen Schuh zu verlieren , ich muß Dich sehr bitten , strenge Dich an , ihn zu finden , « ich lief in den Garten , ich holte meinen Schuh unter der Pappel hervor , ich wollt ihn ein bißchen reinigen an der Pumpe und versuchte ihm ein Ansehen zu geben , da fällt was heraus , das glänzt in der Dämmerung , ein Ring , ich lass den Schuh stehen , ein dunkler Stein , der funkelt so nächtlich schwarz wie der Blitz des Räubers oder wie Mirabeaus Auge vielleicht , und inwendig im Schild steht ein schwarzes M. Wir gehen morgen auf die grüne Burg zu den Geschwistern , acht Tage bleiben wir dort , die Götterlehre nehm ich mit und den Ring , wo soll ich ihn lassen , ich glaub , er ist ein Talisman , ich hab schon allerlei Fragen und Befehle um Mitternacht an ihn ergehen lassen , aber der Geist ist nicht erschienen , der mir vielleicht beistehen wollte , dumme Streiche zu machen . Adieu , Clemens , ich hab Melodie gemacht auf ein Lied aus dem Sänger . Deine Bettine Göttingen Liebe Schwester ! Ich öffne wie eine Pflanze mein Herz und rolle alle Blätter auseinander , wenn Du herüberscheinst . Dein Brief ist mir von Marburg aus zuvorgeeilt und hat mich hier empfangen . Ich will , daß Du so vernünftig werdest , daß alle Welt einst ihre Zuflucht zu Dir nehme und Dich hochstelle , und dann will ich Dir ' s wieder ablernen . Hast Du Lust , dumme Streiche zu machen , so warte , bis ich komme , und mache sie ganz heimlich mir alleine , ich kann mich an Deinem ganzen Leben ergötzen , lese brav , schreibe viel , alles , was Du empfindest , schreibe nieder , denn das Ausgesprochene ist lebendig wie meine Liebe zu Dir . Weil Du nun einmal mein guter Engel bist , so mußt Du auch Dein Amt mit Treue verwalten , mein guter Engel muß immer heiter sein und meiner mit Hoffnung und Segen gedenken und auch mich strafen mit Worten und mich anmahnen in Deinen Briefen , daß ich mein Ziel nicht aus den Augen lasse , Du mußt mit Deiner Lebensfreude die meine anfachen , Du mußt meinem Enthusiasmus die Flügel lösen , mit Deinem Ernst , mit Deiner Güte und Wahrheit . Willst Du das ? - Sei recht fleißig und fröhlich , und ehre und achte , was Du tust . - Den Herbst besuch ich Dich , am End werd ich Dich kaum noch kennen , so wirst Du gewachsen sein , an Geist und Leib ; und fröhlich , und so schön wirst Du zeichnen . - Ach , Du weißt nicht , was Du mir bist ? Was ich liebe , das bist Du , Du hast es also in Händen , kannst es mir hegen und pflegen . Wirst Du das ? - O fasse ein recht lebendiges Interesse an allem und dringe tief ein in das , was Du lernst , nicht oberflächlich , lieb Kind , Du glaubst nicht , wie unendlich wohl es Dir tun wird , wenn Du in ein paar Jahren etwas besitzest , dem Du Dich ganz hingeben kannst , lasse Dir ' s daher recht angelegen sein , zeichne recht mutig , mach Dir nichts daraus , ein Bildchen fertig zu haben , sondern eine Gewalt zu haben im Geist , die Du mit Deinem Talent auszusprechen vermagst , wenn Du über das Gewöhnliche hinauskämst , ich würde glücklicher werden als Du , schicke mir Deine Melodie , schreibe mir und halte Wort und - fasle nicht mit Ring und Talisman und Mirabeau usw. Dein Clemens An Clemens Clemente ! Hättest Du das letzte nicht geschrieben , so hätte ich Dir das erste nachgesehen , daß Du mich vernünftig machen willst für die Welt - und denn am Rand , daß ich nicht faslen soll mit dem Mirabeau ; in der Mitte die große Philisterglosse , wie ich mich und Dich soll bessern . Und der Sommer steht inmitten seiner Glut , wo jeder faul sein mag , und ich soll fleißig sein und gewachsen , wenn Du kommst , auf den Grasplatz hab ich mich gelegt unter die Leinwand , vielleicht vom Begießen , daß ich wachse ; aber ich kann in der Sonnenhitze nur herumschlendern . Ach , Clemente ! Wenn ich mich hinsetze zum Zeichnen - weißt Du , wie mir ' s da geht ? Es wühlt mir im Kopf , ich muß mir Luft machen mit einem Lied , ich muß ein neues Harpegge erfinden . Nein , das auch nicht , es schwärmen mir Gedanken im Kopf , wie soll ich Dir sagen ? - Schmetterlinge sind ' s , ich muß ihnen nachjagen , aber dazwischen jagt ' s mich selbst wie einen Schmetterling davon , und die Bohnen in meinem Gartenbeet muß ich erst am Bindfaden hinaufschlängeln . Und will ich mir nicht davonlaufen , dann kribbelt ' s mir im Kopf und in den Füßen , ich kann nicht sitzen bleiben , es fällt mir das dummste Zeug ein . Meine alte Puppe vor zwei Jahren ! Heut hat ' s mich geplagt , ich mußte sie wieder einmal betrachten , mit der ich mich zum letztenmal unterhalten hatte , als Du zum erstenmal hierherkamst , Clemente ! Du weißt noch , wie ich sie geschwind unter den Tisch warf , als Du hereintratst , und ich sah Dich an und kannte Dich nicht und hielt Dich für einen fremden Mann , der mir aber so wohlgefiel mit seiner blendenden Stirne und Dein schwarz Haar so dicht und so weich , und Du setztest Dich auf den Stuhl und nahmst mich auf einmal in Deine zwei Arme und sagtest : » Weißt Du , wer ich bin ? Ich bin der Clemens ! « Und da klammerte ich mich an Dich , aber gleich darauf hattest Du die Puppe unter dem Tisch hervorgeholt und mir in den Arm gelegt , ich wollte aber die nicht mehr , ich wollte nur Dich . Ach , das war eine große Wendung in meinem Schicksal , gleich denselben Augenblick , wie ich statt der Puppe Dich umhalste . - - Ich habe meinen angefangnen Brief mitgenommen , hierher auf die grüne Burg . Die Schwestern sind auf einem weiten Spaziergang , ich war auf einem Nebenweg so ins hohe Gras gekommen , daß ich nicht mehr drüber hinaussehen konnte , wo die geblieben sind , da bin ich ein wenig liegengeblieben zwischen Gras und Kräutern und hab ins Abendrot geguckt , wie das den blauen Himmel bewältigte , und die Lerchen fielen nieder , gar nicht weit von mir , und die Frösche im Burggraben untereinander halten ein Gered von der Moral , durch die ganze Froschtonleiter hör ich vernehmlich krächzen : » Moral , Moral , Moral . « - Die Linden blühen , Clemente , und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen . Wer bin ich , daß ihr mir all euren Duft zuweht , ihr Linden ? Ach ! sagen die Linden , Du gehst so einsam zwischen unsern Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme als wenn wir Menschen wären , da sprechen wir Dich an mit unserm Duft . Adieu , Clemens ! Es ist schon spät ! - Ich konnte noch sehen , wie ich Dir von den Linden schrieb , sie haben mir ihren Atem zum Fenster hereingehaucht , ich mußte sie wieder anduften mit meinen Gedanken , da kamen die Vögel zur Nachtherberg in ihr Gezweig , und ich hätt auch da schlafen mögen , sanft bebend umschmeichelt vom flüsternden Laub , wie angenehm da schlafen . Schreib nach Offenbach , übermorgen gehen wir drei Schwestern schon wieder zurück . Da schick ich Dir das Blatt , worauf ich eben mit den Linden mich unterhalten hab . Ich will in die Wolken schauen und in den Mond , von dem eben der Tag Abschied nimmt , und ich will solang hineinsehen , bis ich eine andre Welt entdecke , und wenn ich sie gefunden hab , dann soll keine Träne mehr neidisch mir den Glanz verdunklen , in dem meine Seele ihre Farben spiegelt ! - Und was flüsterst du , Linde , mir ins Ohr ? - » Grün , grün ist die zarte Farbe der Seelenruh , grün im Abendschein ist die Wiege der Träume ! Und jeder Halm wiegt einen Traum , und mein Geblätter raschelt im Netz der Träume , und es winkt dir ! « - Ach , schweig du , Linde , es ist Nachtzeit , die Sterne glitzern durch dein Laub und reden anderes ; und das rieselt mir durchs Gebein ! - Ahnung soll künftig meine Seherin sein , und wenn ich ihr die Töne meiner liebenden Trauer geliehen hab , um das Schwellen zu malen und das Sinken ihrer sehnenden Gewalt , so soll sie mich wieder trösten , die , ein ewiges Meer , alle Wehmutstränen in ihren Wogen fortwälzt , bis sie vom Trübsinn gereinigt aufsteigen als elektrisch Feuer aus ihrem Wellenschoß . - » Ach du ! « - flüstert die Linde - » sei nicht hoffärtig , das löst nicht den Zauber . « Ich horche auf dich nicht , Linde , ich lausche den Sternen da oben ! - ich hör Musik , sie schmelzen ihr Licht ins dunkle Nachtblau , ihre Strahlen klirren im Tanz aneinander . » Was du nur willst mit deinen hochstrebenden Gefühlen « , sagt wieder die Linde ; » sie langen ja nicht hinauf , komm unter meine Krone , sie schüttelt ihren Tau auf dich , damit fühl ich dich gesegnet . « Ach nein , immer lauter und klarer klingen die Sterne , ich hör , wie sie freudig ihre harmonische Verwandtschaft in die freien Lüfte tönen . » O wehre meinem Flüstern nicht , « sagt wieder die Linde und schmeichelt - und meint , » was ist denn Musik der Sterne dagegen ? - Wolle mich denken , du schaffest meinen Geist durch dein Begreifen meiner Natur , daß der wieder sich um dich winde , wie jetzt der deinige sich um mich windet , er soll dich berühren und immer , bis deine Seele leicht und kühn sich aufschwingen lernt zu eigner Freude , in einem Zug lieblich sprechender Töne ! « Was sagst du , Linde ? - Ist mein Begreifen deines Geistes spielende Seele ? - Linde sagt : » Meine Seele rieselt mit Schauern zu dir hinüber , weil du sie denken magst . Denken beseelt , alle Wesen färben sich im Gedankenlicht . Was ist der Abendschein deinen Gedanken , daß sie weit über Feld mit ihm fliegen , und weil du ihn fühlst . Und wäre Denken nicht , so würde kein Wesen mehr beseelt sein , und die Schöpfung würde stumm in sich versinken . Denken beseelt , und alles Wesen erklingt in eigner spielender Farbe in seinem Licht , wodurch alles lebt und sich unsterblich glaubt , und doch hängen sie nur vom Geiste ab , der das Denken ist . Wir glauben uns selbst zu erkennen als lebend , und die geheime Freude des Werdens in uns ist doch , weil wir erklingen im Geist , der uns denkt ! « - Sag ich wieder : So denke mich , Linde , denn schöner möcht ich nicht im Gedanken reifen als in dem grünen Schimmer deiner Blätter , den der Abendschein küßt , und möcht nicht edler meinen Geist hinaufgetragen wissen als im Duft deiner Blüten . Die Linde rauscht im Wind und schüttelt sich , es kitzelt sie , daß ich so artige Worte mit ihr geredet hab , es passiert ihr nicht alle Tag . Deine Bettine An Bettine Am Rhein , Rüdesheim Dein Gespräch mit der Linde und der herrliche Abendschein über dem Rhein und das schöne Mädchen Walpurgis hier im Wirtshause , haben vor wenig Minuten rings um mein Herz gebuhlt . Ich bin in das Mädchen verliebt wie ein guter Junge , und wenn sie das Papier geschrieben hätte oder den Abendschein und die Linde verstände wie Du , so wäre kein Treiben und kein Sehnen mehr auf Erden für mich . Aber so ist ' s nicht , ich werde nicht von ihr verstanden , denn ich verstehe den Abendschein ; und sie , die sich und ihn nicht versteht , ist wunderschön , und der liebe Gott hat Schätze in ihre Augen gelegt und einen Liebreiz in ihren Mund , daß man einen Tempel mit diesen Schätzen könnte errichten und Gebet von diesen Lippen wie Honig von süßen Blumen sammeln könnte , aber sie ist in einer sehr unschönen Umgebung von Eltern und Geschwistern , und Gott segne Dich , daß Du so bist , wie Du bist . Es ist ein alt Sprichwort , wo Schätze liegen , stellt der Regenbogen seinen Fuß auf , aber es ist böse , es ist ein Aberglaube . Und wenn ich dies Mädchen ansehe , bin ich so abergläubisch ; der alte Bettler , der hier in der alten Ruine vom Schloß der Gisela Brömserin wohnt , das dicht am Rhein steht , hat seinen Herd auf dem Altar der Kapelle und schläft in steinernen Gewölben , durch die das Himmelsgewölk herabsieht , und seine Begeisterung , die er trefflich auf seiner Pfeife auszudrücken versteht , wenn er viele Heller beisammen hat , hallt zwischen den vielen Pfeilern durch recht lustig , ich gehe da abends in dem lauen Wind auf und ab und höre , wie er aus einem raschen Walzer in den andern sich hineinpfeift , und dabei schlägt er so munter den Takt , als ob er im Tanze mit einer schönen Walpurgis sich drehe . Ich rede oft mit ihm , und er hat mir ' s gar nicht geleugnet , daß er auch noch oft sich verliebt . Am End kam ' s heraus , daß wir Nebenbuhler sind , und daß die Walpurgis der eigentliche Reiz seiner musikalischen Belustigungen ist , denn sie hat nicht weit davon einen Weingarten , wo sie den Gästen abends ihren Weinschoppen reicht , in Krügen mit Deckeln von blankem Zinn , und da tun ihr die Gäste schön mit Reden und verlangen auch wohl einen Kuß , sie läßt sich ' s gefallen , das ärgert mich . Ich hab den Bettler damit eifersüchtig machen wollen , und der hat mich ausgelacht , wir hörten das Gelächter aus der Weinlaube herüberschallen , er trällerte auf seiner Pfeife dazu , und darauf ging er eine Wette mit mir ein , daß wenn ich ihm eine Kanne Wein dort bezahle , so wolle er von der Walpurgis einen Kuß erwischen , in Gegenwart aller Gäste . Anstatt drüber zu lachen , machte mich ' s verdrießlich , er zog aber ungeheuer fix die herunterhängenden Strümpfe und Beinkleider auf , die Jacke hing er an den Pfeiler und klopfte eine Staubwolke heraus , dazu bellte der Hund , den er im Zwinger eingesperrt hat , der merkte , es solle auf Abenteuer ausgehen , und wollte mit . - Wie er sich aber seinen staubigen Bart wusch und dann mit der Schuhbürste wichste und dann vor die Haustüre trat und bemerkte , wie der Mond sich drin spiegle ? Ich dachte , der böse Feind lache mich aus . Der Mann sah seltsam heimlich anziehend und stolz auf mich herab , und was tat der Mann , er legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit einem Schritt , als ob er ein spanischer Grande sei , in die offne Weinlaube . Ich forderte Wein für uns ; vom besten , sagte er , im Vorübergehen gab ihm das Mädchen einen Handschlag . - Und denk Dir , er hat die Wette gewonnen ! - Und mir hat sie nie einen Kuß gegeben , so sehr ich auch drum bat , ich vergesse diesen Mann nie , wie er beide Ellenbogen aufgestützt , die Hände über die offne Weinkanne gefaltet hielt , dann und wann einen Zug draus schlürfte , ohne sich aus der Position zu rücken , mit seltsamen Trinksprüchen jeden Trunk würzte ; das gefiel ihr , er sah ihr tief unter die Augen , goß die Kanne in einem Glucks hinunter , und das gefiel ihr auch . Und kurz , sie gab ihm unaufgefordert den Kuß . In ihren Zügen spiegelte sich eine wunderbare Schönheit , ihre Lippen zuckten und ihre Augen glänzten ihn so freundlich an , als fließe ihre Seele über in Großmut , einen unschätzbaren Schatz geben zu können . Der Mann , der nicht einmal aufgestanden war , sondern sitzend den hinabgereichten Kuß von der schlanken Walpurgis ihren Lippen nahm , hielt sie noch eine Weile so im Arm . Kein Fürst konnte freudig kühner sein Anlitz über die Menge erheben . Alle Gäste waren still geworden ; denn alle sind in das Mädchen verliebt ; er genoß noch einen Augenblick seinen Triumph , dann stand er auf und bot gute Nacht . Die Walpurgis stand an der Gartenhecke und grüßte , indem wir vorübergingen ; und das ist ' s , was mir am meisten ins Herz schnitt . Ach , es ist wahrlich alleins , ob man bettelt oder gut lebt , wem das Herz freundlich ist zu geben und seine Liebe widerwillig zu empfangen , der allein ist reich . Wo ist Reichtum ? - Auf Erden nicht ! Gold ist Sonnenschein , und Rubin ist Abendrot , aber Liebe ist alles . Aber die Erde ist nicht alles , denn es ist wenig Liebe in ihr ; sie ist in der Liebe ! - Es tut mir leid , daß Du das alles nicht auch sahst , Du würdest schöner davon sprechen , und schön sprechen soll man , damit das Schöne immer lebendiger wird und mehr . Denn die Liebe hat nimmer des Schönen genug . Savigny hat alles auch mit mir gesehen , ich dachte , hier , wo seine Studiermaschine nicht fortwährend im Gange ist , werde endlich einmal sein Inneres zu Wort kommen ; doch stumm wie immer marschiert er neben mir die Natur auf und ab , und das verdirbt mir alles Genießen . Morgens kommt der Barbier aus dem Dorf , der sein Antlitz ziemlich barsch behandelt , um ihm den Bart abzunehmen , er läßt ' s geschehen ; wenn Walpurgis zufällig hereinkommt , stelle ich mich vor ihn , weil ich mich schäme , daß dies schöne Mädchen sieht , wie er den Barbier damit umgehen läßt , und dann ! - Wie geht er mit mir um ? - Viel ärger wie der Barbier . Er belächelt meine Reden , er belächelt meine Gedichte , er belächelt auch meine Verliebtheiten , und kurz sein Wesen wird mir eben nicht klar , und wenn ich darüber klage , so meint er , alles sei ja unendlich klar . Etwas ist ' s , was mir ihn unverdaulich macht ; vielleicht ist die Schuld mein , trotz meinem besten Willen . Walpurgis hat einige Züge von Dir , und die ziehen mich vielleicht am meisten an , die übrigen , die Du nicht hast , hast Du in der Seele und sie im Gesicht . Ich denke immer an Deine Seele bei diesen Zügen und sage dem Mädchen schöne Sachen , wenn ich an Dich schreibe , und rede Dich an , wenn ich ihr Schönes vorsage . Werde nicht bös , ich will ein bißchen hinuntergehen , vielleicht sehe ich sie , aber sie weicht mir aus , sie weiß nicht mit mir zu sprechen , so Du nicht . Ach , weißt Du , was sie eben mir sagte , als ich fragte , warum sie den Bettelmann geküßt habe ? - er gefalle ihr - und ob ich ihr denn gar nicht gefalle ? - sie sagte nichts darauf . - Aber wenn sie mir auch einen Kuß gäbe , so würde ich auf alle andre eifersüchtig werden , und dann würde das ein groß Gezänk geben im Wirtshaus , und das wolle sie aber nicht haben . Mit wem sollte ich in Zank geraten , es ist ja niemand im Wirtshaus wie Savigny und ich , und der ist ja gar kein Kenner von deiner Schönheit ; ich plaudre dir auf der Gitarre so schöne Abendlieder vor , ich erzähle dir so hübsche Geschichten , ich bin früher auf als du und guck dir zu , wenn du in den Hof herunterkommst , das rührt dich nicht ? - Sie sagt selbst : Gar nicht ! Du bist nicht so , mein einzig Kind , mein Schutzengel , was ich Dir zulieb tue , das tust Du gern und verdienst Dir einen Dank ab , wenn es auch noch so gering ist . Wenn ich nun auch herumschweife und mich in Liebeshändel einlasse , wenn ich ' s tue , so ist ' s doch immer , weil ich weiß , daß ich meine Heimat habe in Dir . Ich hab dem Savigny gesagt , er soll ein bißchen hier dran schreiben , aber der arme Mensch ist froh , daß er lesen kann . Es ist wieder Abend , er hüllt die Welt in wild zerstreute Farben , der Umriß meiner Tage spricht mich dagegen so farbenlos an , wie wenn ein Geist mich anredete . Die Natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen so oft übernatürlich vor . Walpurgis hing heut an meinem Arme , ihr Anblick , die ganze Reihe von Bergen umher , deren Häupter unsre Nachbarn waren , erfüllte mich wie ein Traum . Die Täler waren versunken im Nebel , und ein so lebhafter Spiegel aller Dinge in meiner Brust , für die ich keine Stelle mehr sah , um sie mir zu bewahren . Alles dies , was ich Dir hier deutlich hinschreibe , war Verwirrung in mir , und ich sah träumend in den Wald hinein , während ich mit vollem Bewußtsein eine der reinsten und entsprechendsten Umgebungen meines Lebens hätte genießen sollen , hätte sie Herz oder Sinn für mich gehabt . Dort sah ich ein Licht , was im Grunde des Holzes wankte , und erinnerte mich der behaglichen Gefühle , die uns beiden so oft die erleuchteten Hütten gaben , wenn Du mit mir am Abend durch die Dörfer gingst . Die Ruhe nach der Ermüdung ; und wir sahen da die Kinder rund um den Ofen , die Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen . Ach , es ist sehr traurig , wie ungeschickt einen das macht , was man im Leben die Konvenienz nennt , vielleicht hätte sie meine Empfindungen ganz auf die verkehrte Seite verstanden . Eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit und geschraubte Konsequenz , die , sobald wir in die Natur treten , zu höchst verderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen . Mit meiner Rückkehr zu mir selber versammelten sich nach und nach allerlei heterogene Empfindungen , und ich fand mich endlich in einer so wunderlichen Gemütslage , wie wenn ein Weltmann einen französischen Pas und einen munteren natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen müßte . Die Wolken drängten sich wie wilde Heere , Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite , Der Sonne Strahlen schienen blut ' ge Speere , Es rollet leiser Donner in der Weite , Noch unentschieden schwankt des Kampfes Ehre ; Von Tag zur Nacht neigt sich ' s zu jeder Seite . Bald sinkt die Glut , es brechen sich die Glieder , Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder , Doch , teilst du froh mit mir , was du gegeben , Durch die allein von Schmerzen ich genas , Dann wirst du auch mich über alles heben , Was ich , in deine Seele blickend , gern vergaß ; Und kannst du mir auf diesen Höhen trauen , So werd ich bald das Höchste überschauen . Bald werd ich die Gärten der Armide fliehen , bald bin ich bei Dir . Clemens An Clemens Liebster Clemens , ich hab was von meinen Klosterarbeiten hervorgesucht , ein Sträußchen von Seide gewickelt , die alte Laienschwester Monika , wie die das Sträußchen mir wickeln lehrte , kam es mir so allerliebst vor , und nun seh ich , daß es doch nur ein allerliebstes Nichtschen ist , aber vielleicht macht ' s der Walpurgis Spaß . Die Monika hatte einen Bierkrug auf ihrem Tisch stehen , von dem erzählte sie mir damals , als wir die seidnen Blumen wickelten , der Geist ihres verstorbenen Vetters sei gekommen und habe den Deckel vom Krug aufgemacht und aus dem Krug getrunken , um ihr anzuzeigen , daß er tot sei . Ist es denn nur bei solchen Gelegenheiten , daß sich ein Geist auf die Beine macht ? Ich frage , weil , ach weil ich in Gedanken so sehr , so ganz wahr und wirklich bei Dir bin , weil ich Deine Gitarre höre im Geist und Deine Stimme ihre feurigen Lieder dazu dichten . Clemens , Du bist so gut und so schön , wenn Du singst , bist Du so besonders liebend noch dazu , und mir der Liebste , der Trefflichste , nicht aller Menschen , denn Menschen kenne ich , glaub ich , gar nicht , mir sind sie nicht aufgestoßen , das lieblichste Du selbst bist Du mir , die andern sind mir kein Selbst , sie sind zusammengeliehene , durch Umstände und Eigenheiten , die ich besser noch Verkehrtheiten nenne , entstandne Unselbstheiten . Eine grüne Wiese mit tausend goldnen Blumen , die all auf ihren feinen Stielen im Abendschein wanken , und ein Clemens , der über die grüne Wiese so stolz am Ufer vom stolzen Rhein hingeht und fährt so rasch über die Saiten und singt so feurig und weich seine Liebe . Ich möchte ihr Hohn sprechen , daß sie Dich nicht küßt , lieber als hüben den Bettelmann