bereitet doch meine fast , daß es Hinrich Seden sein böses Weib gethan , sintemalen er nicht schweigen kann , und ihr wie gläublich , wohl alles wiedererzählet . Auch hat Paasschen sein klein Töchterlein gesehen , daß sie zum andern Mittag Fleisch in dem Topf gehabt , item daß sie mit ihrem Mann gehaddert , und nach ihme mit dem Fischbrett geschmissen , auf welchem noch frische Fischschuppen gesessen ; hätte aber sich gleich begriffen , als sie ihrer gewahr worden . ( Pfui dich alte Hexe , es wird genug wahr sein ! ) Dahero blieb uns nichts übrig , als unsere arme Seele mit Gottes Wort zu speisen . Aber auch diese war so verzaget , daß sie nichts mehr annehmen wöllte , so wenig als der Magen . Denn mein arm Töchterlein insonderheit , ward von Tag zu Tag blasser , grauer und gelber , und spiee immer wieder die Speiß aus , da sie Allens ohne Salz und Brod genoß . Wunderte mich schon lange , daß das Brod aus der Liepe nit wollte all werden , sondern ich alle Mittag bisher ein Stücklein gehabt . Hatte auch öftermalen gefraget , wo hastu denn immerfort das liebe Brod her , am Ende hebest du Alles vor mich allein auf , und nimmst weder vor dich ein Stücklcin , noch vor die Magd . Aber beide hoben dann immer ein Stücklein tannen Bork14 in die Höhe , so sie zurecht geschnitten und vor ihren Teller gelegt , und da es dunkel war in der Stuben , merkete ich die Schalkheit nit , sondern gläubete sie äßen auch Brod . Aber endiglichen zeigt es mir die Magd an , daß ich es nit länger leiden söllte , dieweil mein Töchterlein ihr selbsten nit hören wölle . Da kann nun männiglich abnehmen , wie mir um das Herze war , als ich mein arm Kind auf ihr Moosbett liegen und ringen sah mit dem grimmigen Hunger . Aber es sollte noch härter kommen , denn der Herr wollte mich ganz zerschlagen in seinem Zorn wie einen Topf . Siehe auf den Abend desselbigen Tages kommt der alte Paassch angelaufen klagende , daß all sein und mein Korn im Felde umbgehaket und elendiglich zerstöret sei , und müsse dies schier der leidige Satan gethan haben , angesehen nicht die Spur eines Ochsen weder eines Rosses zu sehen wär . Für solche Rede schriee mein arm Kind laut auf und fiel in Unmacht . Wollte ihr dahero zu Hülfe springen , aber ich erharrete nit ihr Lager , sondern fiel für gräulichen Jammer selbsten zur Erden . Als nun die Magd wie der alte Paassch ein laut Geschrei herfurstießen , kamen wir zwar wieder bei uns , aber ich konnte mich nit allein mehr von der Erden erheben , so hatte der Herr meine Gebein zermalmet . Bate daher , als sie mir beisprangen , so wöllten mich nur liegen lassen , und als sie solches zu thun sich wegerten , schriee ich , daß ich doch gleich wieder zur Erden müßt ' ümb zu beten und möchten sie nur Alle bis auf mein Töchterlein aus der Stube gehn . Solliches thäten sie , aber das Beten wollte nit gehen . Ich geriethe in schweren Unglauben und Verzweiflung , und mürrete wieder den Herrn , daß er mich härter plagete denn Lazarum und Hiob . Denn dem Lazaro schriee ich Elender , hattest du doch die Brosamen und die barmherzigen Hündlein gelassen , aber mir hast du nichts gelassen , und bin ich selber schlechter vor dir , denn ein Hund geachtet , und den Hiob hast du nicht gestrafet , ehe du gnädiglich ihm seine Kinder genommen , mir aber lässest du mein arm Töchterlein , daß ihre Qual meine eingene noch tausendfältiglich häufen muß . Siehe darumb kann ich dich nichts mehr bitten , denn daß du sie bald von dieser Erden nimmst , damit mein graues Haubt ihr freudig nachfahren könne in die Grube ! Wehe ich ruchloser Vater , was hab ' ich gethan ? Ich hab Brod gessen und mein Kindlein hungern lassen ! O Herr Jesu , der du sprichst : welcher ist unter euch Menschen , so ihn sein Sohn bittet um Brod , der ihm einen Stein biete ? Siehe ich bin dieser Mensch , siehe ich bin dieser ruchlose Vater , ich habe Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten , strafe mich , ich will dir gerne stille halten ! O mein gerechter Jesu , ich habe Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten ! - Als ich solliches nicht redete sondern laut herfürschrie , indem ich meine Hände range , fiel mir mein Töchterlein schluchzend umb den Hals , und strafete mich , daß ich gegen den Herrn murrete , da doch sie selbsten als ein schwach und gebrechlich Weib gleichwohl nicht an seiner Gnade verzweifelt sei ; so daß ich bald mit Schaam und Reue wieder zu mir selbsten kam , und mich vor dem Herrn demüthigte für solche Sünden . Hierzwischen war aber die Magd mit großem Geschrei in das Dorf gerannt , ob sie ein wenig für ihre arme Jungfer gewinnen möcht . Aber die Leute hatten ihr Mittag schon verzehret und die Meisten waren auf der Sehe , sich die liebe Nachtkost zu suchen ; dahero sie nichts gewann , angesehen die alte Sedensche so allein noch einen Fürrath gehabt , ihr nichts hätte verabreichen wöllen , obschon sie selbige um die Wunden Jesu gebeten . Solliches verzählete sie noch , als wir es in der Kammer poltern höreten , und alsobald ihr guter alter Ehekerl , der dorten heimlich in das Fenster gestiegen war , einen Topf mit einer kräftigen Suppen uns brachte , so er seinem Weibe von dem Feuer gehoben , die nur einen Gang in den Garten gethan . Er wisse wohl , daß sein Weib ihm dieses baß vergelten würde , aber das söllt ihn nicht verdrießen , und möchte die Jungfer nur trinken , es wäre gesalzen und Allens . Er wölle nur gleich wieder durchs Fenster eilen und sehen , daß er vor seinem Weibe ins Haus käme , damit sie es nicht merken thät , wo er gewesen . Aber mein Töchterlein wollte den Topf nit nehmen , was ihn sehr verdroß , so daß er ihn fluchend zur Erden setzte und wieder in die Kammer lief . Nicht lange , so trat auch sein gluderäugigt Weib zur Vorderthüren herein , und als sie den Topf auf der Erden noch dampfen sahe , schriee sie : » du Deef15 du verfluchtes deefsches Aas « und wollte meiner Magd in die Mütze fahren . Ich bedräuete sie also , und verzählete , was fürgefallen ; wöllte sie es nit gläuben so möcht sie in die Kammer gehen und durchs Fenster schauen , wo sie ihren Kerl vielleicht noch laufen säh . Sollichtes that sie , und höreten wir sie auch alsogleich ihrem Kerl nachschreien : Teuf di sall de Düwel de Arm utrieten , kumm mie man wedder int Huus16 worauf sie wieder hereintrat , und mummelnd den Topf von der Erden hob . Ich bat sie umb Gottes willen , sie wölle meinem Töchterlein ein wenig abtheilen , aber sie höhnete mich und sprach : ji koehet ehr jo wat vör prädigen , aß ji mie dahn hebt17 und schritt mit dem Topf zur Thüren . Zwar bat mich mein Töchterlein ich söllte sie lassen , aber ich konnt nicht umbhin , daß ich ihr nachschrie : um Gottes willen nur einen guten Trunk , sonst giebt mein armes Kind den Geist auf ; willtu , daß Gott sich dein am jüngsten Tage erbarme , so erbarme dich heute mein ! Aber sie höhnete uns abermals und rief : he kann sich jo Speck kaken18 , und schritt aus der Thüren . Sandte ihr also die Magd nach mit der Sanduhr , so vor mir auf dem Tische stund , daß sie ihr selbige bieten möcht ' vor einem guten Trunk aus ihrem Topf . Aber die Magd kam mit der Sanduhren wieder und sagte : sie hätt es nicht gewollt . Ach wie schriee und seufzete ich nun abermals , als mein arm sterbend Kind den Kopf mit einem lauten Seufzer wieder in das Moos steckete ! - Doch der barmherzige Gott war gnädiger , als ich es mit meinem Unglauben verdient . Denn , da das hartherzige Weibsbilde dem alten Paassch ihrem Nachbarn ein wenig Suppen mitgetheilt , bracht ' er sie sogleich vor mein Töchterlein , da er von der Magd wußte , wie es umb sie stünde , und achte ich , daß diese Suppen , nebst Gott , ihr allein das Leben erhalten , dieweil sie gleich wieder das Haupt aufreckte , als sie selbige genossen , und nach einer Stunden schon wieder im Hause umbhergehen konnte . Gott lohn ' s dem ehrlichen Kerl ! Hatte dahero noch heute große Freud in meiner Noth ; doch als ich am Abend beim Kaminfeuer niedersaß , und an meine Verhängnüß gedachte , brach wieder der Schmerz herfür , und beschloß nun mehro mein Haus und meine Pfarre selbst zu verlaufen , und als ein Bettlersmann mit meiner Tochter durch die weite Welt zu ziehen . Ursache kann man genugsam denken . Denn da nunmehro alle Hoffnung mir weggestochen war , massen mein ganzes Feld geruiniret , und der Amtshaubtmann mein ergrimmter Feind worden war , ich auch binnen fünf Jahren keine Hochzeit , item binnen einem Jahr nur zwo Taufen gehabt , sahe meinen und meines Kindes Tod für Augen , dieweil gar nit abzusehen , daß es vors Erste besser söllte werden . Hiezu trat die große Furcht in der Gemein . Denn obwohl sie durch Gottes wunderliche Gnade schon anfingen manchen guten Zug beides in der Sehe wie im Achterwasser zu thun , auch mancher in den andern Dörfern sich schon Salz , Brod , Grütze etc. von den Anklammschen und Lassanschen Pöltern und Quatznern19 vor seine Fische hatten geben lassen , brachten sie mir doch Nichtes , weil sie sich scheueten , daß es möcht gen Pudgla verlauten , und sie einen ungnädigen Herrn haben . Winkete dannenhero mein Töchterlein neben mich , und stellte ihr für , was mir im Gedanken lage . Der grundgütige Gott könne mir ja immer eine andere Gemeinde wieder bescheeren , so ich sollte solcher Gnade würdig vor ihm befunden werden , angesehen die grimmige Pest- und Kriegeszeit manchen Diener seines Worts abgerufen , ich auch nicht , wie ein Miethling von seiner Heerde flöhe , besondern bis dato Noth und Tod mit ihr getheilet . Ob sie aber wohl des Tages ein oder zwo Meilen würde gehen künnen ? dann wöllten wir uns gen Hamburg durchbitten zu meiner seligen Frauen ihrem Stiefbruder , Martin Behring so dorten ein fürnehmer Kaufmann ist . Solliches kam ihr anfänglich seltsam für , inmassen sie wenig aus unserm Kapsel gekommen auch ihre selige Mutter und Brüderlein auf unserm Kirchhof lagen . » Wer dann ihr Grab aufmachen und mit Blumen bepflanzen söllte ? item , da der Herre ihr ein glatt Gesicht gegeben , was ich thun wöllte , wenn sie in dieser wilden grimmigen Zeit auf der Landstraßen von dem umbherstreichenden Kriegsvolk und andern Lotterbuben angefallen würd , da ich ein alter schwacher Mann sei und sie nit schützen könnte , item womit wir uns für dem Froste schützen wöllten , da der Winter hereinbräch , und der Feind unsere Kleider geraubet , so daß wir ja kaum unsere Blöße decken künnten ? « - Dieses Alles hatte ich mir noch nicht fürgestellet , mußte ihr also recht geben , und wurde nach vielem Disputiren beschlossen , daß wir zur Nacht die Sache wöllten dem Herrn überlassen , und was er am andern Morgen uns würde in das Herze geben , wöllten wir thun . Doch sahen wir wohl , daß wir auf keinerlei Weiß würden die alte Magd länger behalten können . Rief sie also aus der Küchen herbei , und stellete ihr für : daß sie morgen frühe zu guter Zeit sich nach der Liepen aufmachen möchte , dieweil es dorten noch zu essen hätte , und sie hier verhungern würd , angesehen wir selber vielleicht schon morgen den Kapsel und das Land verlaufen würden . Dankete ihr auch für ihre bewiesene Liebe und Treue , und bate sie endlich unter lautem Schluchzen meiner armen Tochter , sie wölle lieber nur sogleich heimblich hinweggehen , und uns beiden nicht das Herze durch ihren Abschied noch schwerer machen , angesehen der alte Paassch die Nacht auf dem Achterwasser wöllte fischen ziehen , wie er mir gesaget , und sie gewis gerne in Grüßow an das Land setzete , wo sie ja auch ihre Freundschaft hätte , und sich noch heute satt essen könnte . Aber sie kunnte vor vielem Weinen kein Wörtlein herfürbringen ; doch da sie sahe , daß es mein Ernst war , ging sie aus der Stuben . Nit lange darauf hörten wir auch die Hausthüre zuklinken , worauf mein Töchterlein wimmerte : sie geht schon und flugs an das Fenster rannte , ihr nachzuschauen » Ja , schrie sie « , als sie durch die Scheiblein geblicket , » sie geht schon ! « und rang die Hände und wollte sich nit trösten lassen . Endiglichen gab sie sich doch , als ich auf die Magd Hagar kam so Abraham auch verstoßen , und deren gleichwohl der Herr sich in der Wüsten erbarmet und darauf befahlen wir uns dem Herrn , und streckten uns auf unser Mooslager . Fußnoten 1 Ist jetzt nicht mehr vorhanden . 2 Ein abgelegener Theil der Insel Usedom . 3 Plattdeutsch , für Schnitte . 4 Dieses entsetzliche Ereigniß führt auch Micraelius in seiner pommerschen Geschichte an . 5 wo nach Josephus dasselbe geschah . 6 Da ! aber betet auch für mich , daß ich zu Hause komme , denn wenn man unterweges riechet , daß ich Brod habe , schlägt mich mein eigener Bruder todt , könnt Ihr glauben . 7 zur Saat vorbereitet , d.i. gepflügt und geeggt . 8 Laß Er daß nur ruhen und bete er nur für uns . 9 Da hat Er auch was , und wenn es verzehret ist , kann er noch einmal kommen . 10 etwa 16 Pfennige . 11 Schandpfahl . 12 glaube und du hast gegessen . 13 Braxen , Blei , ein zum Karpfengeschlecht gehöriger Fisch . 14 Rinde . 15 Dieb . 16 Warte , dir soll der Teufel die Arme ausreißen , komm mir nur wieder ins Haus . 17 ihr könnt ihr ja etwas vorpredigen , als ihr mir gethan habt . 18 kochen . 19 befahren bis zu dieser Stunde in kleinen Fahrzeugen ( Polten und Quatzen ) alltäglich das Achterwasser und kaufen dem Bauern die gefangenen Fische ab . Capitel 9. Wie mich die alte Magd mit ihrem Glauben demüthigt und der Herr mich unwürdigen Knecht dennoch gesegnet . Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist , seinen heiligen Namen . Lobe den Herrn und vergiß nicht , was er dir Guts gethan hat . Der dir alle deine Sünde vergiebt , und heilet alle deine Gebrechen , der dein Leben vom Verderben erlöset , der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit . Ps . 103 . Ach ich armer elender Mensch , wie soll ich alle Wohlthat und Barmherzigkeit fassen , so mir der Herre schon des andern Tages widerfahren ließe . Ich heulte für Freuden , wie sonst für Jammr , und mein Töchterlein tanzete in der Stuben wie eine junge Rehe , und wollte nit zu Bette gehen , wollte nur weinen und tanzen , wie sie sagete , und dazwischen den 103ten Psalm beten , und dann wieder weinen und tanzen , bis der Morgen anbrechen würd . Da sie aber noch merklich schwach war , untersagte ich ihr solchen Fürwitz angesehen dies auch hieße den Herrn versuchen , und nun merke man , was fürgefallen : Nachdem wir beide mit großem Seufzen am Morgen erwacht waren und den Herrn angerufen , er wölle uns in unsern Herzen offenbaren , was wir thun söllten , konnten wir gleichwohl noch immer nicht an einen Beschluß kommen , dahero mein Kind vermahnete , so sie anders so viel Kräfte in sich verspüre , ihr Lager zu verlassen , und Feuer in den Ofen zu werfen , dieweilen unsere Magd weg sei . Wöllten nachhero die Sache ferner in Ueberlegung ziehen . Sie stand dahero auch auf , kehrete aber alsobald mit einem Freudengeschrei zurücke , daß die Magd sich wieder heimlich in das Haus geschlichen , und allbereits Feuer in den Ofen gestochen . Ließ sie mir also vors Lager kommen , und verwunderte mich über ihren Ungehorsam , was sie hier ferner wölle , als mich und mein Töchterlein noch mehr quälen , und warumb sie nicht gestern mit den alten Paassch gezogen ? Aber sie lamentirte und jünsete1 , daß sie kaum sprechen konnte , und verstand ich nur so viel : sie hätte mit uns gessen darumb wölle sie auch mit uns hungern und möcht ich sie nur nit verstoßen , sie könne nun einmal nit von der lieben Jungfer lassen , so sie schon in der Wiegen gekennet . Solche Lieb ' und Treue erbarmete mich so , daß ich fast mit Thränen sprach : aber hastu nit gehöret daß , mein Töchterlein und ich entschlossen seind , als Bettlersleute ins Land zu gehen , wo wiltu denn bleiben ? Hierauf gab sie zur Antwort , daß sie nit wölle , angesehen es gebührlicher2 vor sie , als vor uns wäre , schnurren3 zu gehen . Daß sie aber noch nit einsäh , warumb ich schon wöllte in die weite Welt ziehen . Ob ich schon vergessen , daß ich in meiner Antrittspredigt gesaget : daß ich bei meiner Gemein in Noth und Tod wölle verharren . Möchte dannenhero noch ein wenig verziehen , und sie selbsten einmal nach der Liepen senden dieweilen sie hoffe , bei ihrer Freundschaft und anderswo was rechtes für uns aufzutreiben . Solche Rede , insonderheit von meiner Antrittspredigt fiel mir fast schwer aufs Gewissen , und ich schämete mich für meinen Unglauben , sintemalen nicht allein mein Töchterlein , besondern auch meine Magd einen stärkern Glauben hätten denn ich , der ich doch wöllte ein Diener beim Worte sein . Erachtete also , daß der Herr um mich armen , furchtsamen Miethling zurücke zu halten , und gleicher Weiß mich zu demüthigen diese arme Magd erwecket , so mich versuchen gewußt wie wailand die Magd im Pallast des Hohenpriesters den furchtsamen St. Petrum . Wandte dahero wie Hiskias mein Angesicht gen die Wand und demüthigte mich vor dem Herrn , was kaum geschehen als mein Töchterlein abermals mit einem Freudengeschrei zur Thüren hereinfuhr . Siehe ein christliches Herze war zur Nacht heimlich ins Haus gestiegen und hatte uns zwo Brode , ein gut Stück Fleisch , einen Beutel mit Grütze item einen Beutel mit Salz , bei einer Metzen wohl , in die Kammer gesetzet . Da kann nun männiglich gießen , welch groß Freudengeschrei wir allesammt erhoben . Auch schämete mich nit , für meiner Magd meine Sünden zu bekennen , und in unserm gemeinen Morgengebet , so wir auf den Knieen hielten , dem Herrn aufs Neu Gehorsam und Treu zu geloben . Hielten dannenhero diesen Morgen ein stattlich Frühstück und schickten noch Etwas an den alten Paassch aus ; item ließ mein Töchterlein nun wieder alle Kinderlein kommen , und speisete sie , bevorab sie aufsagen mußten , erst mildiglich mit unserm Fürrath . Und als mein kleingläubig Herz darüber seufzete , wiewohl ich nichts sagete , lächelte sie , und sprach : darumb sorget nicht für den andern Morgen , denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen.4 Solche Weissagung thät der heilige Geist aus ihr , wie ich nit anders gläuben kann , und Du auch nitmein Lieber , denn merke , was geschah : Zu Nachmittag war sie , verstehe mein Töchterlein , in den Streckelberg gegangen , um Brommelbeeren zu suchen , weilen der alte Paassch ihr hatte durch die Magd sagen lassen , daß es dorten noch einige Büsche hätte . Die Magd hackete Holz auf dem Hofe , wozu sie sich den alten Paassch sein Beil geliehen , denn meines hatten die kaiserlichen Schnapphähne verworfen , da es nirgend nit zu finden ; ich selbsten aber wandelte in der Stuben auf und ab und sanne meine Predigt aus : als mein Töchterlein mit hoher Schürzen bald wieder in die Thüre fuhr , ganz roth und mit funkelnden Augen , konnte aber für Freuden nichts mehr sprechen denn : » Vater , Vater , was hab ich ? « » Nun « , geb ich zur Antwort , » was hastu denn mein Kind ? « worauf sie die Schürze von einander thät , und trauete kaum meinen Augen , als ich vor die Brommelbeeren , so sie zu hohlen gangen war , darinnen zween Stücke Bernstein glitzern sah ein jegliches fast so groß , denn ein Mannskopf , die kleinen Stücklein nit gerechnt , so doch auch mit unter die Länge meiner Hand hatten , und habe ich weiß Gott keine kleine Hand . Schriee also : » Herzenskind , wie kömmstu zu diesen Gottesseegen ? « Worauf sie , als sie gemach wieder zu Athem kame , verzählete wie folgt : Daß sienach den Beeren suchende in einer Schlucht nahe dem Strande zu , etwas in der Sonnen hätte glizzern gesehen , und als sie hinzugetreten , hätte sie diesen wunderlichen Fund gethan , angesehen der Wind den Sand von einer schwarzen Birnsteinader fortgespielet.5 Hätte sofort mit einem Stöcklein diese Stücken herausgebrochen , und wäre noch ein großer Fürrath vorhanden , massen es unter dem Stocke rings umbher gebullert , als sie ihn in den Sand gestoßen , auch hätte selbiger nit tiefer , als zum höchsten einen Schuh sich in den Boden schieben lassen . Item verzählete sie : daß sie die Stätte wieder mit Sand überschüttet , und darnach mit ihrer Schürzen überwedelt , damit keine Spur nit übrig bliebe . Im Uebrigen würde dorthin auch kein Fremder so leichtlich kommen , angesehen keine Brommelbeeren in der Nähe ranketen , und sie mehr aus Fürwitz und um nach der Sehe überzuschauen , den Gang gethan , denn aus Nothdurft . Sie selbsten wolle aber schon die Stätte wiederfinden , alldieweilen sie sich dieselbige durch drei Steinlein gemerket . Was nun unser Erstes gewesen , nachdeme der grundgütige Gott uns aus sollicher Noth gerissen , ja uns , wie es der Anschein war , mit großem Reichthumb begabet hatte , kann sich ein Jeglicher selbsten fürstellen . Als wir endlich wieder von unsern Knieen aufstunden , wollte mein Töchterlein zuerst zur Magd laufen und ihr unsere fröhliche Zeitung hinterbringen . Aber ich untersagete es ihr , massen wir nit wissen könnten , ob die Magd es ihren Freundinnen nicht wieder verzählete , obwohl sie sonsten ein treu und gottesfürchtig Mensch sei . Thät sie aber soliches , so würde es sonder Zweifel der Amtshaubtmann erfahren , und unsern Schatz vor Se . fürstliche Gnaden den Herzog , will sagen vor sich selbstenaufheben , und uns nichts nit , denn das Zusehen verbleiben , und darumb unsere Noth bald wieder von vornen beginnen . Wöllten dannenhero sagen , wenn man uns nach unserm Seegen fragen würde , daß mein seliger Bruder so ein Rathsherr in Rotterdamm gewesen uns ein gut Stück Geldes hinterlassen , wie es denn auch wahr ist , daß ich für einem Jahre bei 200 Fl . von ihme geerbet , welche mir aber das Kriegsvolk , wie oben bemeldet , jämmerlich entwendet . Item ich wölle morgen selbsten nach Wolgast gehen und die kleinen Stücklein verkaufen , so gut es müglich wäre , sagende , du hättest sie an der Sehe gefunden ; solches kannstu auch meinethalben der Magd sagen , und sie ihr zeigen , aber die großen Stücke zeigestu Niemand nit , die will ich an deinen Ohm gen Hamburg senden , uns solche zu versilbern . Vielleicht , daß ich auch eins davon in Wolgast verkaufe , so ich Gelegenheit hab , umb Dir und mir die Winternothdurft auf den Leib zu schaffen , dahero du mitgehen kannst . Die Witten , so die Gemein zusammengebracht , nehmen wir vors Erste für Fährgeld , und kannstu die Magd uns auf den Abend nachbestellen , daß sie auf der Fähren auf uns harre , umb die Alimenten zu tragen . Dieses Allens versprach sie zu thun , meinete aber , wir könnten erst mehr Birnstein brechen , damit wir was Rechtes in Hamburg kriegeten , was ich auch thate , und dannenhero des andern Tages noch zu Hause verblieb , maßen es uns noch nit an Kost gebrach , mein Töchterlein auch sowohl als ich , uns erst wieder gänzlich recreiren wollten , bevorab wir die Reis ' anträten , item wir auch bedachten , daß der alte Meister Rothoog in Loddin , so ein Tischler ist , uns bald ein Kistlein zusammenschlagen würd , um den Birnstein hineinzuthun , dannenhero ich zu Nachmittag die Magd zu ihm schickete , unterdessen wir selbsten in den Strekelberg schritten , allwo ich mir mit meinem Taschenmesser , so ich für dem Feinde geborgen , ein Tännlein abschnitte , und es wie einen Spaten formirete , damit ich könnte besser damit zur Tiefen fahren . Sahen uns aber vorher auf dem Berge wohl umb , und da wir Niemand nit gewahreten , schritt mein Töchterlein voran , zu der Stätte , welche sie auch alsofort wiederfunde . Großer Gott , was hatts hier für Birnstein ! - Die Ader ging bei 20 Fuß Länge , wie ich ungefährlich abfühlen mochte , die Tiefe aber kunnte ich nicht ergründen . Doch brachen wir heute außer vier ansehnlichen Stücken , doch fast nit so groß , als die von gestern seind , nur klein Gruuswerk , nicht viel größer als was die Apotheker zu Stänkerpulver6 zustoßen . Nachdeme wir nun den Ort wieder mit äußerstem Fleiß bedecket und bewedelt , wär uns bald ein großer Unfall zugestoßen . Denn uns begegnete Witthansch ihr Mädken , so Brummelbeeren suchte , und da sie fragete , was mein Töchterlein in der Schürzen trug und diese roth würde und stockete , wäre alsobald unser Geheimniß verrathen , hätte ich mich nicht begriffen und gesaget : was gehts dich an , sie träget Tannenzapfen umb damit einzuheitzen , was sie auch gläubte . Wir satzten uns dahero für , in Zukunft nur des Nachts und bei Mondenschein auf den Berg zu steigen , und kamen noch vor der Magd zu Hause woselbst wir unsern Schatz in der Bettstätt verburgen , damit sie es nicht merken sollte . Fußnoten 1 stöhnte . 2 schicklicher . 3 betteln . 4 Matth . 6 , 34. 5 Kommt auch jetzt noch öfter vor , und ist dem Herausgeber selbst begegnet . Doch enthielt die kleine schwarze Ader nur wenige Stücken Bernstein mit Holzkohle vermischt , letzteres ein sicheres Zeichen seines vegetabilischen Ursprungs , worüber beiläufig gesagt , jetzt auch kaum ein Zweifel obwaltet , seitdem man in Preußen sogar ganze Bernsteinbäume aufgefunden hat , und auf dem Museum zu Königsberg bewahrt . 6 Wahrscheinlich Räucherpulver . Capitel 10. Wie wir nach Wolgast reisen und daselbsten gute Kaufmannschaft halten . Zwei Tage darauf , sagt mein Töchterlein , die alte Ilse aber meint drei Tage ( und weiß ich nit was wahr ist ) seind wir endiglichen zur Stadt gewest , angesehen Meister Rothoog die Kiste nit eher fertig hatte . Mein Töchterlein deckete ein Stück von meiner seeligen Frau ihrem Brautkleid darüber so die Kaiserlichen zwar zerfetzet , doch als sie es darauf wohl draußen liegen lassen , von dem Winde in den Pfarrzaum war getrieben , wo wir es wiederfunden . War auch schon vorher ziemlich unlieblich , sonst achte ich , hätten sie es wohl mit sich geführet . - Umb der Kisten willen aber nahmen wir die alte Ilse gleich mit , so selbige tragen mußte , und da Birnstein eine fast leichte Waare ist , gläubete sie es leichtlich , daß nur etwas Eßwaar in selbiger vorhanden sei . Setzeten also bei Tages Anbruch mit Gott unsern Stecken vor uns . Bei dem Zitze1 lief ein Haase vor uns über den Weg , was nichts Gutes bedeuten soll ; ach ja ! - Als wir darauf gen Bannemin kamen , fragte ich einen Kerl , ob es wahr sei , daß hier eine Mutter ihr eigen Kind für Hunger geschlachtet , wie ich vernommen . Er sagte ja , und nannte das alte Weib Zissesche . Der liebe Gott aber hätte sich für solchem Gräuel entsetzet , und es hätte ihr doch nicht geholfen , massen sie sich so sehr bei dem Essen gespeiet , daß sie davon den Geist aufgegeben . Sonsten meinte er , stünd ' es im Kapsel schon etwas besser , dieweil der liebe Gott sie reichlich mit Fischen sowohl in der Sehe als im Achterwasser gesegnet . Doch wären auch hier viel Leute für Hunger gestorben . Von seinem Pfarrherrn Ehre Johannes Lampius2 verzählete er , daß sein Haus von den Kaiserlichen gebrennet sei , und er in einer Kirchenbude3 läge . Ich ließ ihne grüßen , und möcht er doch bald einmal sich zu mir aufmachen ( welches der Kerl auch zu besorgen versprach ) , denn Ehre Johannes ist ein frommer gelehrter Mann , und hat auch etzliche lateinische Chronosticha auf diese elendig Zeit in metro heroico gestellet , so mir sehr gefallen , muß ich sagen4 . Doch auf der Hälfte des Weges zwischen Coserow und Wolgast , jetzt Zinnowitz geheißen . Als wir nun über