jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel davon , auch für Dich . Ich habe mir das Alles überdacht . Schon meine Verhältnisse zum Hofe werden mich nöthigen , ein Haus zu machen , und was sollte uns daran hindern ? Denn mir ist es Ernst damit , und damit Du Dich gleich jetzt davon überzeugst , lasse ich meine Collegia für den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen . Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an . Sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft , nicht erwägend , daß unsere Entwürfe und Hoffnungen dem Balle gleichen , den frohe Kinder in die Luft werfen . Mag er noch so prächtig , noch so hoch steigen , das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder , und man ist froh , wenn man ihn wieder in den Händen hält , mit denen man ihn emporwarf . Es ist eben dem Menschen nicht gegeben , sich lange in jener Stimmung zu erhalten , in die ein Moment der Aufregung uns versetzt ; glücklich diejenigen Gemüther , denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet , denen es ein Höhenpunkt , ein Ziel bleibt , nach dem das Auge sich gern wendet , zu dem der Wunsch hinstrebt . Nach der ersten , freudigen Spannung , in welche diese Unterhaltung sie versetzt hatte , fiel es Clementine schwer auf ' s Herz , sie müsse das neue Glück mit der Trennung von ihrer Schwester und von deren Kindern erkaufen , die ihr fast unentbehrlich waren , was ihr Mann wohl wußte . Aber daran hatte er gar nicht gedacht . Er hatte sie nicht mit einer Sylbe gefragt , ob sie eben so gern nach Berlin gehe als er selbst , sondern es bestimmt vorausgesetzt , weil es ihm erwünscht war . Eigen war es doch auch , ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch einen Entschluß , der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war , der ihre ganze Zukunft in sich schloß . Meining konnte gewiß sein , daß sie sich keinem Plane entgegen zeigen würde , den er werth hielt , aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte es verlangt , daß er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte . Das war es eben , was sie auch oft drückte ! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind , das man sehr liebt , dem man jedem Kummer ersparen möchte - aber sie war kein Kind , sie war seine Frau , die mit ihm seine Sorgen theilen wollte , und die sich seine Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte . Er hatte ihr nur selten und sehr oberflächlich von seiner Vergangenheit gesprochen , nie um die ihrige gefragt ; sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts gemeinsam , als die Gegenwart . Sie empfand das störend , es schien ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein , und darum versuchte sie es auch an jenem Abende , nachdem sie von einer Fahrt in ' s Freie zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin , von seinen Entwürfen für die Zukunft sprach , einmal offen mit ihm über ihre frühere Neigung für Robert zu reden , was ihr jetzt , da sie in ihre Vaterstadt zurückkehren sollte , fast wie eine unerläßliche Pflicht erschien . Kaum aber merkte Meining ihre Absicht , als er sie mit den Worten unterbrach : Ja ! Du hast Recht , wir müssen uns einmal darüber verständigen . Ich weiß , mein Kind ! daß Dir vielleicht Manches über mein früheres Leben erzählt worden ist , das Deine Besorgniß und , warum soll ich nicht die Wahrheit sagen ? auch Deine Neugier und Eifersucht erregt haben mag ; aber .... Lieber Meining ! entgegnete Clementine , Neugier und Eifersucht , das ist es nicht . Ich habe aber oft gedacht , wenn ich Dich bisweilen besonders ernsthaft oder nachdenkend werden sah , es möchten vielleicht Erinnerungen aus vergangenen Zeiten sein , die Dich beschäftigten ; und es hat mir dann leid gethan , nicht einmal ahnen zu können , was Dich bewegte . Eheleute sollen ja keine Geheimnisse vor einander haben , und ich gestehe Dir offen , es liegt auch etwas Verletzendes , Trauriges darin , vor dem Leben seines Mannes , wie vor einem Räthsel zu stehen . Man hat mir von einer Leidenschaft - Nun , ein für allemal , liebste Clementine ! laß das Räthsel unerrathen ! fiel der Geheimrath ihr in das Wort . Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts , dessen ich mich anzuklagen hätte ; Nichts , was ich bereue , und Nichts , was Deine oder meine Zukunft beunruhigen könnte , das muß Dir genügen . Ich habe Dir selbst gesagt , daß meine früheren Jahre von manchen lebhaften Gefühlen bewegt worden sind , aber was das sogenannte Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft , so halte ich das , ehrlich gesagt , wie Du es ansiehst , für eine unnöthige , kaum delikate Neugier . Frage Dich selber , ob ich nicht Recht damit habe ? Aber , wandte sie ein , man beurtheilt den Menschen doch ganz anders , wenn man die Elemente kennt , die auf seine Bildung wirkten ? Das sind Redensarten , Kind ! Daß ich jung war , Leidenschaften hatte , wie jeder Andere , das kannst Du Dir denken und das habe ich Dir gesagt ; daß ich dabei eben so oft glücklich als unglücklich war , das versteht sich von selbst ; und ob die Gegenstände dieser Liebe Amalie oder Rosamunde hießen , ob sie blond oder braun waren , das ist wol ziemlich gleichgültig , da sie jetzt jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen können . Uebrigens , schloß er scherzend , übrigens kennst Du meine letzte , unwandelbare Neigung und Liebe für eine Frau , welche , ihre kleinen überspannten Ideen abgerechnet , ein ganz vollkommenes Geschöpf ist . Von dieser Frau hängt das Glück meiner Zukunft ab , und ich glaube an sie so unbedingt , daß mir ihr liebes , offenes Auge mehr Gewähr giebt , als alles Erzählen aus der Vergangenheit , bei dem doch immer ein fremdes Geheimniß gratis in den Kauf gegeben wird . Clementine mußte lachen , schien aber doch nicht ganz zufrieden , so daß Meining wohl fühlte , heute müsse er sich ganz darüber aussprechen . Deßhalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort : Laß uns einmal darüber ganz in ' s Klare kommen . Wenn ein verständiger Mann eine Frau nimmt , deren Vater er sein könnte , so muß es mit vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen . Nicht um Dir aus meinen früheren Verhältnissen ein Geheimniß zu machen , vermeide ich die Berührung der Vergangenheit , sondern aus Schonung für uns Beide . Du hast mir , als ich um Dich warb , gesagt , daß Dein Herz nicht frei sei ; ich habe dennoch gewünscht , Dich die Meine zu nennen , und es ist , in Wahrheit ! nie ein Zweifel an Dir in meinen Sinn gekommen . Aber ich wiederhole Dir es heute , was ich Dir damals schrieb : ich will von Dir den Namen Deines frühern Geliebten niemals wissen . Vielleicht begegnen wir ihm im Leben . Glaubst Du , ich sei so ganz frei von Eifersucht , daß ich Dich nicht ängstlich beobachten würde , daß ich nicht ganz gleichgültige Dinge mißdeuten könnte ? Meining , bester Meining ! Darum verlangtest Du , ich sollte gegen Dich schweigen ? Kannst Du denn glauben , daß ich jemals .... rief sie ganz betroffen aus . Der Geheimrath legte seine Hand auf die ihre und sagte mit sanfter Abwehr : Ich glaube , daß ein Funke nie besser geborgen ist , als da , wo kein Luftzug ihn trifft . Die Liebe , der man entsagt hat , ruht am sichersten in tiefster Brust , ohne daß ein Wort ihr neues Leben giebt . Ich habe stets die Frauen belächelt , die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen behaupteten und , indem sie dies immerfort sagten , aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten , von der sonst vielleicht Niemand etwas erfahren haben würde . Darum also , um Dir den Sieg über eine Neigung , die Du selbst unterdrücken wolltest und mußtest , zu erleichtern , um mir die Geschmacklosigkeit eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen , darum wollte ich , daß nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte ; darum wünsche ich es noch jetzt so . Ich weiß Dir Dank für das Glück , das ich in Dir gefunden ; ich bin durchaus zufrieden , ich segne den heutigen Tag , meine Wahl und Dich - aber , ich bekenne Dir ' s offen , die Art von Vertrauen , die Du meinst , liebe ich nicht . Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten in rücksichtsvollem Schweigen , als in plauderhaften Mittheilungen . Ich denke , meine kluge Clementine , Du wirst mich darin verstehen ; wo nicht - nun so müßte ich einmal , gegen meine Gewohnheit , Gehorsam und Fügsamkeit gegen meine Ansichten von Dir verlangen , auch wenn sie nicht die Deinen wären . Die Erörterungen hatten den Geheimrath aufgeregt ; er erhob sich und ging langsam im Zimmer auf und ab , bis er zuletzt gedankenvoll am Fenster stehen blieb . Clementine war keines Wortes mächtig . Tief durchdrungen von ihres Mannes gütiger und kluger Liebe , bedauerte sie es , ein Gespräch herbeigeführt zu haben , das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb , der so freundlich begonnen hatte ; und doch that ihr Meining ' s augenblickliches Leiden im Grunde wohl . Sie sah wie sehr er sie liebte und daß er um sie litt , aber sie vermochte nicht den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden , die ihren Mann zerstreuen , ihn von den peinlichen Gedanken abziehen konnte , die ihn bedrückten . Sie war selbst so erschüttert , daß sie ihren Gefühlen Raum lassen mußte , und sie vermochte es nicht , nach Art mancher Frauen , über Dinge , die sie beschämen , mit verstellter Ruhe fortzugehen . Sie stand also auf , schlang ihren Arm durch den seinen und sprach : Sei nicht böse , Lieber , wenn ich Unrecht hatte , und bleibe mir gut ! Sage nur , Du gestrenger Herr , wie Du es willst , ich werde schon gehorchen , und nun komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an . Indeß bereite ich den Thee und - das ist mein Friedens- und Versöhnungspfand . Ein Kuß , den ihr Mann herzlich erwiederte , war das Ende dieser Scene , und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preußische Ministerium geschrieben , verging der Abend den Beiden , wie er begonnen , in traulichem Plaudern über die künftigen Verhältnisse , und langem Ueberlegen , wie es möglich sein würde , später auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen , um die Trennung der beiden Schwestern nicht zu einer dauernden werden zu lassen . Sechstes Capitel Indessen rückte die Zeit dieser Trennung , die für den Oktober festgesetzt war , schneller heran , als man es wünschte , und der Abschied von Heidelberg fiel dem Geheimrath und seiner Frau viel schwerer , als sie es geglaubt hatten . Sie waren an das mildere Klima , an den kürzeren Winter gewöhnt . Meining hatte eine lange Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden ; Clementine konnte sich von der Schwester und namentlich von den Kindern nicht losreißen , und die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele begann mit Thränen und mit schwerem Herzen , wie es gar so oft geschieht . Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf das Reisen selbst gefreut . Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht , seine junge liebenswürdige Frau all seinen alten Freunden , die sie auf dem Wege besuchen wollten , zu präsentiren und ihrer Bewunderung zu genießen ; während Clementine , die noch reiselustig war , sich doppelten Genuß davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach . Es lag ein eigner Zauber für sie in dem Gedanken , mitten in der fremden Umgebung mit ihrem Manne allein zu sein , nur auf einander angewiesen , ganz auf sich selbst beschränkt . Sie wußte , daß ihr Herz weit und froh werde , so oft es ihr vergönnt war , wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen ; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt über das Glück , das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mußten . Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude . Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht . Man konnte kaum daran denken , den Wagen zu verlassen , fand es auf den Landstraßen neblig , trotz der noch frühen Jahreszeit ; in den Städten still , weil der Regen die Leute zu Hause hielt . Meining , der sonst immer gesund war , hatte , darauf trotzend , sich eine Erkältung zugezogen , die , wenn auch unbedeutend , ihn doch mislaunig machte , und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei , ihn vollends zu verstimmen . Die Meisten hatten so gewaltig gealtert , daß ihr Anblick ihm peinlich war , weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre mahnte . Er fand einige mitten in einer großen Familie , gedrückt von Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben , wie sie es verdienten , Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie , Wenige in zusagenden Verhältnissen , verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke . Diese konnten es nicht unterlassen , ihn halb im Ernste , halb scherzend darauf aufmerksam zu machen , daß er doch eine gar junge Frau gewählt hätte , was , trotz ihrer Liebenswürdigkeit , immer bedenklich sei ; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen , durch Leiden , denen er nicht abhelfen konnte , und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein , um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten . Unwohl und niedergeschlagen , wie er es war , drang er auf die größte Beschleunigung der Reise und beschloß Tag und Nacht zu fahren , um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen , womit seine Frau , unter diesen Verhältnissen , nur einverstanden sein konnte . Bei der Eile , mit welcher die Reise zurückgelegt wurde , sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt . Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte , überfiel sie eine solche Wehmuth , daß ihr die Thränen aus den Augen stürzten und sie sich , wie ein banges Kind , an Meining schmiegte , nicht wissend , ob es Freude oder Schmerz , Hoffnung oder Furcht sei , was sie bewegte . Da ging die erste bekannte Person vorüber , und ein Gefühl von unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Thränen . Nun war es bald ein Dienstmädchen , das in ihrem elterlichen Hause gedient , ein Offizier , mit dem sie auf den Bällen getanzt , ein Fenster , an dem sie oft mit einer Freundin gestanden , ein Laden , in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft - kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung . Sie war wieder zum frohen Kinde geworden , und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern , was ihm Clementine , als des Sehens und Bewunderns würdig , zeigte . Er wurde selbst heiter , als er den Ort , an dem er zu wirken berufen war , so glänzend und bewegt vor sich sah , und die Freude seiner Frau erhöhte diese gute Stimmung . Jetzt bog der Wagen in die Jägerstraße ein ; sie hielten vor dem Hause von Clementinens Eltern , in dem Hause , in welchem sie jetzt wieder wohnen sollte . Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben , das ein Verwandter für sie verwaltet hatte , als sie Berlin verließ , und hatte sich das Quartier , welches ihre Eltern einst inne gehabt , frei machen lassen , sobald sie die Nachricht von Meining ' s Berufung in ihre Vaterstadt erhalten . Jetzt trat sie wieder in die wohlbekannten Räume ein . Es war ihr , als hätte sie sie eben verlassen , als kehre sie von einem Spaziergange zurück ; aber wie war Alles so fremd , so öde ! Die Zimmer , kaum nothdürftig möblirt , schallten wieder von der Stimme der Sprechenden ; nur die Stimme des theuern Vaters , der herzliche Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr - sie waren todt , entfernt ! Und doch saß da drüben am Fenster noch die schöne , stattliche Frau mit dem Wachtelhündchen , vor der Thüre die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen Strickstrumpf ; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüßend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber ; die Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater ; die Feinschmecker zogen zu Thiermann . Es war Alles das Alte geblieben , nur Clementine war eine Andere , eine Fremde in der Heimat geworden . Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken , aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen , die auspacken und einrichten und herstellen wollten . Dann kam Meining hinzu , die Wohnung wurde durchwandert , Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze nächste Zeit . Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für die Hausfrau . Der Geheimrath wünschte sich glänzend einzurichten , seine Säle zu dem Sammelplatz der geistigen Größen zu machen , und in diesem Sinne mußten die Einrichtungen getroffen werden . Clementinen ' s geläuterter Geschmack , ihr angeborner Schönheitssinn kamen ihm dabei vortrefflich zu Statten . In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in eine Wohnung verwandelt , die trotz der modernen Pracht einfach und behaglich erschien , weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung geschaffen war , und Meining fand eine Freude daran , Clementine in diesen neuen Verhältnissen zu betrachten . Fast täglich wurden ihr Fremde vorgestellt . Ein großer Kreis fing an , sich um sie zu versammeln , und , obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute , vermißte sie doch gar sehr ihre früheren Bekannten , deren sie nur noch äußerst wenige in Berlin vorfand . Von ihren Jugendfreundinnen waren die meisten verheirathet und mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen . Die alten Freunde ihres Vaters waren theils gestorben , theils , da sie dem Beamtenstande angehörten , ebenfalls versetzt ; so , daß ihr eigentlich nur die Frau eines reichen Kaufmannes von dem früheren Kreise übrig geblieben war . Clementine hatte dieselbe erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen lernen , und Beide hatten sich , vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere , angezogen . Clementine war eben damals sehr niedergedrückt gewesen , und es hatte sie gefreut zu sehen , daß Jemand so lebensfroh , so vollkommen glücklich sein könne , als Marianne , deren gutmüthiges , offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen hatte . Sie hatte Freude daran gefunden , Marianne , die arm war und bei entfernten Verwandten lebte , Theil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen , die ihr elterliches Haus fast täglich bot . Dort hatte jener reiche Bankherr die Mittellose kennen gelernt , sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinen ' s Abreise geheirathet . Bezaubert von dem Liebreiz seiner Frau , hatte er ihr in der ersten Zeit ihrer Ehe in Allem den Willen gelassen , und Marianne hatte sich dann in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt , die nicht ganz ohne nachtheiligen Einfluß auf sie geblieben waren . Eine Anlage zu Ziererei und Gefallsucht , die Clementine oft an ihr getadelt , hatte sich mehr ausgebildet ; da sie ihrem Manne aber auf ' s Innigste ergeben , und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen war , ließ Clementine die Hoffnung nicht schwinden , die Lebenslustige werde von den Thorheiten , welche sie in dem Weltleben angenommen , zurückkommen , je mehr dasselbe ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und das Kind ihr Freude und Beschäftigung werden würde . Sie gab sich also ohne Rückhalt dem Vergnügen hin , welches das Beisammensein mit der früheren Bekannten ihr gewährte ; Marianne behauptete , außer sich vor Entzücken über die Rückkehr ihrer Clementine zu sein , und da ihre Männer durch Geschäfte sehr beansprucht , die Frauen also sich selber überlassen waren , kamen sie häufiger zusammen , als es eigentlich in Clementinen ' s Absicht gelegen hatte . Der Geheimrath hatte zwar anfangs seinen Vorsatz , keine Praxis zu übernehmen , durchaus festhalten wollen ; er konnte es aber nicht durchführen , da er bald von den angesehensten Familien der Residenz in bedenklichen Fällen zu Rath gezogen wurde , und die Hülfe , die der Vornehme und Reiche forderte , dem Armen nicht versagen durfte . Dadurch machte es sich ganz anders , als er es beschlossen hatte . Eine ausgedehnte Praxis nahm ihn bald so sehr in Anspruch , daß er kaum Zeit behielt , seinen Vorlesungen an der Universität gerecht zu werden , und Clementine sah ihn also fast noch weniger , als in Heidelberg , da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte , und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren , die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten . Oft traf es sich , daß die Eheleute , die sich Morgens nur flüchtig gesprochen hatten , erst bei dem späten Mittagessen wieder zusammentrafen , welches sie bald als Gäste außer dem Hause oder mit Gästen in ihrem Hause einnahmen , und daß dann Meining , wenn er anderweit in Anspruch genommen war , seiner Frau dringend zuredete , den Abend nicht allein zu verleben , sondern das Theater oder eine Gesellschaft zu besuchen , in welcher sie sich zu unterhalten hoffen konnte . So geschah es auch , als sie eines Mittags in kleinerm Kreise im Hause des Bankiers gegessen hatten . Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen , und Marianne bat ihre Freundin , den Rest des Abends bei ihr zuzubringen , um , wie in alten guten Tagen , ein wenig von alten guten Tagen zu plaudern . Später , zum Thee , sollten die Männer zurückkehren . Marianne hatte der Geheimräthin nie so nahe gestanden , daß diese zu einer besonders vertrauten Unterhaltung mit ihr geneigt sein konnte . Sie versprach sich deshalb von dem Abende keine wesentliche Befriedigung , willigte aber doch ein , ihn mit Marianne zu verleben , weil dieser viel daran gelegen zu sein schien . Nachdem die Männer sich entfernt hatten , zogen sich die beiden Frauen dann in ein kleineres Zimmer zurück , setzten sich behaglich nieder , und , wie immer , begann die Unterhaltung von ganz äußerlichen Dingen . Man sprach von Moden - und von Kleidung , und Marianne meinte : Mit Dir ist im Grunde nicht davon zu reden , denn Du , meine Beste ! kleidest Dich wirklich wie eine Nonne ! Schon als Mädchen haben Deine ewigen , dunkeln Kleider , Deine einfachen Hüte mich tödtlich gelangweilt ; nun aber , wenn man Deine neue Equipage und die Diener in Eurer Livree sieht , müßte man wirklich meinen , nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen - aber nein ! eine Herrenhuterin , eine barmherzige Schwester sieht heraus , mit edlen Zügen , dunkeln Augen , mit freundlicher Miene ; und man erfährt verwundert , die Dame im schwarzen schlichten Kleide , die in sanfter Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt , sei die junge , reiche Geheimräthin von Meining , die Frau eines unserer berühmtesten Männer , der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft . Weißt Du , lieber Schatz ! daß Du damit Deinem Manne zu nahe trittst ? Man muß ja glauben , daß Du nicht glücklich bist , wenn Du Dich so aufgiebst . Die junge , schöne Frau eines alten Mannes , die so schmachtend aussieht und jeden Schmuck verschmäht , muß man durchaus für unglücklich halten . Aber Scherz bei Seite ! bist Du denn glücklich verheirathet ? Ich konnte mir gar nicht denken , daß Du Dich jemals einem so alten Manne verbinden könntest . Wie lebst Du denn eigentlich mit Deinem Manne ? Siehst Du das nicht , Marianne ? sehr zufrieden . Meining ist nicht mehr jung , aber er ist so gut , so geistreich , so brav und hat mich so lieb , daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben kann . Und in der That ! jung bin ich ja auch nicht mehr ; Meining ist dreiundfünfzig Jahre , aber ich bin auch schon dreißig Jahre alt , und damit ist man eben keine junge Frau . Marianne lachte laut auf . Als ob ich jünger wäre ! und doch behandelt mich mein vierunddreißigjähriger Mann ebenso wie er unsere kleine Nanny behandelt ; nur daß er gern möchte , die Kleine lernte sprechen und ich schweigen . Mutter und Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften , die man ihnen wünscht . Schade überhaupt , daß Du nicht meinen Mann geheirathet hast . Er ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande , von Deinem verständigen , geistreichen Wesen , und als der Geheimrath neulich erzählte , daß Ihr in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt hättet , und wie häuslich Du eigentlich wärest , schien das meinem Manne der Gipfel des Glücks zu sein ; während ich mir fest vornahm , Dich für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen . Was hast Du denn eigentlich dort angefangen ? Oh ! ich habe dort sehr angenehm gelebt ! Besonders scheint es mir in der Erinnerung so . Freilich war ich viel allein - aber hier sehe ich Meining fast gar nicht ; und wenn mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft noch unterhält , so werde ich seiner doch bald wieder müde werden und Meining vielleicht noch früher als ich . Dann beginnen wir wahrscheinlich unser stilles Leben wieder , und Du kannst dann selber sehen kommen , wie wir ' s eben treiben . Um Alles nicht ! lieber Engel , damit bleibe mir fern . Sage mir nur in aller Welt , was Du solch einen langen Tag hindurch beginnst ? Ich stürbe bei dem bloßen Gedanken an solche einsame Glückseligkeit . Ich habe gelesen , liebste Marianne ! Habe selbst den Haushalt besorgt , Mariens Kinder unterrichtet , und damit ist mir die Zeit vergangen . Ich bin ja immer gern zu Hause gewesen . Marianne lächelte , sah der Freundin fest in ' s Auge und sagte mit schmeichelnder Stimme : Erlauben Sie , gnädige Frau ! daß ich an allen Ihren Worten zweifle . Mir ist es vorgekommen , als hätten Dero Gestrengen , was man so nennt , eine unglückliche Liebe gehabt , und als hätten Sie sich nachher aus - nun aus dépit amoureux verheirathet . Sie hielt plötzlich inne , da sie sah , daß die Geheimräthin die Farbe wechselte und ihr die Antwort schuldig blieb , wie man sie einem zudringlichen Kinde weigert ; und als könne sie eine Ungeschicktheit durch die zweite vergessen machen , rief sie : Ich schwöre Dir , ich habe es in der That geglaubt , als ich Dich kennen lernte , aber ich habe nie gewagt , Dich damals darum zu befragen . Nur Frau Thalberg bin ich , ehe sie Berlin verließ , einmal deshalb angegangen , weil Du mit ihr früher so bekannt warst , und sie sagte mir , sie hätte nie davon gehört . So wollte ich Dich ' s heute einmal selber fragen , und da wirst Du böse ! Wie ist das nur möglich , bei einer lange abgethanen Sache . Ich hab ' es ja nicht bös ' gemeint ! Es war im Grunde nur ein Scherz - ein Zeitvertreib ! - Ich weiß , ich weiß das ! entgegnete Clementine , die ihrer Aufwallung schnell wieder Meister geworden und bemüht war , der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen . Sie bat darauf , man möge ihr die kleine Nanny holen lassen , und in dem Tändeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zu der Männer Rückkehr . Der Geheimrath aber fand seine Frau verstimmt ; sie klagte über Ermüdung und man brach früher als gewöhnlich auf . Siebentes Capitel Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt ; Gesellschaften , Theater , Bälle und Concerte wechselten fast täglich mit einander ab , Meining fand , wie er es selbst vorausgesehen , eine große Freude an der Gesellschaft , die ehrenvolle und höchst schmeichelhafte Art , mit der ihm von allen Seiten begegnet ward , freute ihn und regte ihn an ; dazu kam , daß er sich von seinen nähern Bekannten hatte überreden lassen , Karte spielen zu lernen , und er fand darin eine so angenehme Zerstreuung , ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit , daß ihm schon darum die Gesellschaft lieb wurde , weil er sicher war , dort seine Partie Whist oder L ' hombre nicht zu entbehren . Dadurch sah sich auch Clementine aus der abgeschlossensten Einförmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphäre versetzt . Der Name ihres Mannes , sein Rang und Reichthum und ihre eigne Liebenswürdigkeit zogen die Blicke auf sie . Man bemühte sich , sie in den Zirkeln zu haben , und der Nachsatz : » kommen Sie