. Ganz anders ist es bei dem Landmann ; da geht die Sache langsam aber stetig , kleine Verluste gleichen sich durch kleine Gewinnste aus , Fehljahre durch gute Jahre , und bei Fleiß und Sorgsamkeit und ohne großes Unglück geht es langsam vorwärts . Und kommen große Unglücksfälle , geht ihm all sein Vieh in Boden , brennt sein Haus ab mit all seinen Vorräten , schlägt es ihn auf Jahre zurück : er schickt sich darein mit bewunderungswürdiger Ergebung ; was sollte er dagegen machen , das kam aus des Herrn Hand , über diese Verluste spotten die Menschen nicht , und Kinder und Kindeskinder tragen sie ihm nicht nach . Verliert er aber Summen auf außerordentlichem Wege , durch Ungeschick oder der Menschen Bosheit , dann weicht der Friede so gerne von ihm und es kömmt , was man hierzulande Hintersinnen nennt . Der kommende Tag ersetzt sie nicht , vielleicht ersetzt er sie in seinem ganzen Leben nicht , und was werden Kinder und Kindeskinder von ihm sagen ! Christen und Änneli hatten wohl etwas vorgespart , allein es ging genug zu , es harzete . Er wußte seine Sachen nicht recht geltend zu machen und brauchte zu allem viel Zeit und viele Leute , und Änneli war eine gute Frau , und gar vieles schwand ihr unter den Händen fort , sie wußte nicht wie . Fünftausend Pfund mußten ihnen , wenn es auf das Ersetzen ankam , eine unermeßliche Summe scheinen , Die Frucht ihrer ganzen Lebenszeit . Zu diesem kam noch ein Anderes : die Kinder waren erwachsen , vor ihnen ließ der Verlust sich nicht verheimlichen ; was sagten die dazu , wie mußten die ihn aufnehmen ? Kinder auf dem Lande teilen die Arbeit der Eltern , sehen die Früchte davon , kennen die Schulden und Gülten , sind weit enger ins Verständnis gezogen , geben daher um so eher ihre Willensmeinung . Alle waren heiratsfähig . Schadet ihnen dieser Verlust nicht am Heiraten , der Lärm davon noch mehr als die Sache selbst ? Denn alles wird vergrößert , auch entsteht gar gern der Glaube , wo solche Verluste hervorbrechen , da seien noch viele zu gewärtigen ; eine Sache , namentlich ein Unglück , kommt nie alleine . Und wenn sie wirklich heiraten wollten , woher die Ehesteuer nehmen ? Wenn man jetzt noch Ehesteuren geben sollte , so mußte man sich ganz entblößen , mußte vielleicht gar Geld leihen , weil man nicht alles abkünden konnte , oder mußte alle Titel versilbern , mußte in seinen alten Tagen schmalbarten oder die Jungen mit leeren Händen gehen heißen . Arme Tage schwebten Tag und Nacht vor Ännelis Augen . Das mußte große Bitterkeit ansetzen in des Ehepaars Gemütern , denn mit dem Gelde war ihnen ja auch ein großer Teil ihres Lebens verloren . Wir fühlen alle , das Leben ist eine große Gabe , und mit dieser Gabe sollen wir vieles , vieles gewinnen , mit dieser zeitlichen Gabe sollen wir das ewige Leben erwerben . Aber nun meinen gar Viele , mit dieser zeitlichen Gabe hatten sie nur zeitliches Geld zu gewinnen , ja gar Viele , die vom ewigen Leben als dem höchsten Ziele sprechen , scheinen darunter doch nur zeitliches Gut zu verstehen oder höchstens eine zeitliche Frau mit zeitlichem Gute . Und nach dem zusammengeraxeten Gute schätzen sie ihres Lebens Wert , wie der Maulwurf nach der Höhe des aufgeworfenen Hügels seine Kraft . Wenn aber aller Gewinn verloren geht , dann hintersinnet man sich , das heißt , man kann nichts mehr anders denken , als wie es gegangen ist und nicht hätte gehen sollen ; denn man hat ja eigentlich alles verloren , nicht bloß das Geld , das verloren geht , sondern das Leben , welches man an das Geld gesetzt . Christen und Änneli waren kreuzbrave Leute , von den brävsten , die man sehen will zu Stadt und Land , aber den Wert des Menschen schätzten sie doch nach seinem Besitztum und den Wert eines Lebens nach dem gemachten Fürschlag ; so und so viel hat er geerbt , dann und dann hat er zu husen angefangen , und jetzt , denket doch , hinterläßt er - Sie wußten es halt nicht besser , waren , wenn sie auch in der Schule nicht viel rechnen gelernt , doch in dieser Rechnungsweise von Jugend auf geübt , und wenn Christen es auch nie sagte , so dachte er es doch vielleicht manchmal , wenn er im Wirtshaus auf einem Stuhl absaß : » Hier setzen sich hunderttausend Bernpfund nieder . « Nehmt ihm das nicht übel , denn noch ganz andere Leute wissen nicht , daß wenn man auch die ganze Welt gewönne und litte Schaden an seiner Seele , man das Leben nicht nur verloren , sondern einen großen Schaden davongetragen . Sie gingen herum manchen Tag , als ob sie vor den Kopf geschlagen wären , und konnten nichts anderes denken als : Fünftausend Pfund , fünftausend Pfund ! Weniger als Die Eltern waren die Kinder angegriffen , sie hatten ein langes Leben vor sich , welches ihnen reiche Hoffnung bot zum Ersatze des Verlustes . Am meisten schien es Annelisi zu fühlen , als ob sie glaubte , zunächst müßte sie den Verlust entgelten an ihrer Aussteuer oder derselbe möchte vielleicht diesen oder jenen , den sie im Auge hatte , abschrecken . Jedoch geschah nicht , was an so manchem Orte begegnet wäre , die Kinder machten den Eltern keine Vorwürfe , ja gebrauchten manches aufmunternde Wort . Aber wo die Eltern die Gemüter der Kinder ausschließlich aufs Geld richten und alle andern Rücksichten den Augen der Kinder fernehalten , da müssen sie es erfahren , wie das Schwert sich gegen seinen eigenen Herrn kehrt ; wenn sie etwas Ungeschicktes machen , haben sie zu tragen den Zorn und die Vorwürfe der Kinder , und wenn sie alt werden , derselben Unverstand und Ungeduld , die alle Tage mit Gott hadert über der Eltern langes Leben . Hier herrschte noch Liebe und herrschte die alte Sitte , daß die Kinder die Eltern ehrten , auf daß sie lange leben möchten in dem Lande , welches ihnen Gott gegeben . Wie es dem ergeht , dessen Haus verbrannt ist mit an dem , was es barg , so ging es auch Christen und Änneli . Zuerst füllt der Verlust die Seele , eine Art Betäubung herrscht , dann dämmern Gedanken durch die Betäubung , wie Lichtstrahlen durch den Nebel , es leuchtet die Notwendigkeit ein , etwas vorzukehren , den Schaden zu ersetzen , es flackert das Sinnen auf , wer den Verlust verschuldet . Christen hatte kein Haus aufzubauen , aber er begann nachzudenken , wie die fünftausend Pfund zu ersetzen wären . Und allemal , wenn eine Frau zum Hause schlich , loderte ihm der Gedanke auf : Die trägt wieder etwas fort , welches Geld gelten würde , und was will ich hausen und sparen , während auf der andern Seite fortgegeben wird alles , was nicht angenagelt ist ? Der gute Christen hatte es auch wie viele andere Leute ; was er nötig glaubte , das wollte er bei Andern anfangen , und hätte doch wissen sollen , daß wenn der Bauer mir seinen Leuten mähen will er vorausmäht und nicht hintendrein . Änneli kam es wieder in den Sinn , daß sie gewarnet habe , das Geld herauszugeben , daß sie Christen angeraten , noch jemand anderes zu Rate zu ziehen , daß sie den trügerischen Freund nie hätte leiden mögen , sondern vielfach ihren Verdacht geäußert . Sie begann daran zu sinnen , ob wohl die Zeit gekommen wäre , daß mit wenigern Leuten mehr gearbeitet würde . Und wenn sie durch den Stall ging und zwei oder drei Kühe sah wie Flühe , aber fast ohne Milch , so konnte sie sich nicht enthalten , zu rechnen , wie manche Dublone da zu machen wäre , wenn man sich zu rangieren wüßte . Das alles ging im Inwendigen vor , fast wie des Blitzes Schein fuhr es vorüber ; böse Worte gab man sich nicht , treulich beteten sie mit einander , und friedlich , wenn auch oft mit schweren Seufzern , schliefen sie ein . Aber ein alt Sprüchwort sagt : Der Teufel ist ein Schelm , und wenn er auch umhergeht wie ein brüllender Löwe , so schleicht er noch viel mehr herum in Gestalt von flüchtigen Gedanken , luftigen Nebeln gleich , und diese Gedanken streifen zuerst nur über eine Seele , dann schlagen sie sich allmählig nieder darin , haften , setzen sich fest . Dann steigen sie herauf in unsere Blicke , in unsere Gebärden , brechen endlich als Worte zum Munde heraus , und während wir glauben , wir reden aus dem göttlichsten Recht , ists der Teufel , der grimmig und lustig uns zum Munde aus flattert und dem Nächsten mit Klauen und Hörnern zu Leibe geht , bis auch aus dessen Munde ein Teufel fährt und eine Schlacht zwischen Beiden sich erhebt auf Kosten der Armen , in deren Seelen der Teufel sich hinabgelassen und aus deren Mund er wieder herausgefahren ist . Eines Tages wars , als ob einer wäre , der ersinnete , was sie böse machen könnte , und alles dieses herbeiführte und ihnen antäte . Es gibt solche Tage , wo eins hinter dem Andern kömmt wie eine Schneegans hinter der andern , wo das Ärgerliche nicht aufhören kann , bis die Galle überläuft und es Wetter gibt zwischen den Menschen . Als man in den Stall kam , war ein Pferd über die Halfter getreten und hatte sich übel verletzt , so daß man dasselbe des Morgens nicht brauchen konnte ; im Kuhstall fehlte auch etwas , und als man Flachssamen brauchen wollte , hatte die Mutter den letzten einer armen Frau gegeben , welcher Umschläge verordnet waren . In den Ställen vertrappeten die Leute ihre Zeit , so daß auf dem Felde nichts geschah , und während Andere schönes Emd einmachten , blieb das Ihre schön dem Regen zweg . Abends kam ein Berner Metzger , der Kühe suchte und von ihrem Stalle gar nicht fort wollte . Er meinte , es müßte erzwungen sein , zwei oder wenigstens eine feil zu machen , und bot Geld , daß man es fast nicht hätte nehmen dürfen . Es war eine Zeit , wo fette Kühe fast nicht zu erhalten waren , und die Metzger die größte Not hatten , denn obs Kühe gebe oder keine , darnach fragen die Stadtleute gar nicht , aber Fleisch wollen sie haben , und zwar je besser , desto lieber , ihretwegen kanns der Metzger von Zaunstecken schneiden oder aus Kabisstorzen . Aber Christen tubakete ganz gelassen an seiner Pfeife und sagte dem Metzger : » Du hasts schon manchmal gehört , ich gebe sie nicht . Um was so ein Berner Metzgerli sie vermag zu kaufen , um das vermag ich sie auch zu behalten . « Alle Einreden des Metzgers , daß andere Kühe für ihn weit nützlicher wären , daß er an drei Kühen wenigstens sechzig Kronen zwischenaus machen würde , gingen in den Wind . Änneli hörte dem Märten mit ungeduldigem Herzen zu , ging oft aus und ein und konnte sich nicht enthalten , zu dem Metzger zu sagen : Es dünke sie , er wäre nicht der Uwatligist , und wenn sie mit einem handeln wollte , so wäre er nicht der Letzte . Das war ein Stich , der bei Christen Fleisch faßte , aber er sagte nichts darauf , sondern nur zum Metzger : » Du hast gehört , was ich will , und jetzt wollte ich mich nicht länger säumen , wenn ich dich wäre . Wenn du heute noch etwas anderes finden willst , so hast du deine Zeit zu brauchen . « Bald darauf kam eine arme alte Frau , welche einen kranken Sohn hatte ; derselbe erhielt sie sonst , jetzt war die Not groß . Derselbe fing an sich zu erholen , und der Doktor hatte Wein verordnet . Aber wo nehmen und nicht stehlen ? In solchen Fällen war Änneli die Zuflucht , und umsonst nahm man sie selten zu ihr . Als die arme Mutter kam und mit dem Fürtuch die Augen wischte , noch ehe sie anfing , und dann vieles vom Sohn erzählte , wie er so gut gegen sie sei und wie er krank geworden und wie sie in der Not seien und sie wäger heute noch nichts Warmes gegessen , und jetzt sollte sie Wein kaufen und hätte keinen Kreuzer im Hause und wüßte keinen aufzubringen . Wenn doch Änneli ihr dr tusig Gottswille nur einige Batzen leihen wollte oder , wenn es möglich wäre , nur eine halbe Krone , so wäre ihr geholfen , und sie wollte dafür spinnen , bis sie selber sagen müßte , es sei genug . Aber wenn ihr der Sohn sterben sollte , sie wüßte nicht , was sie anfinge , unter Tausenden gebe es keinen Solchen . Änneli war in großer Verlegenheit . Wein hatten sie diesen Augenblick keinen Tropfen im Hause , wie sonst manchmal der Fall war , und Geld hatte sie auch nicht mehr im Sack als sechs Kreuzer . Sie ließ sich sonst nie so auskommen , daß sie nicht einige Batzen oder Franken in irgend einem Sacke hatte . Aber sie hatte letzthin zu Gevatter stehen müssen , hatte seit der Sichelten , wo es den Ankenhäfen übel ergangen war , keinen Anken mehr verkauft , sparte ebenfalls Augsteneier auf , hatte kein Geld gemacht , und das Schlüsseli hatte eben Christen im Sack . So konnte sie die Frau doch nicht gehen lassen ; wenn der Sohn sterben sollte , so hätte sie ja keine ruhige Stunde mehr im Leben und das letzte Stündlein wäre ihr auch nicht ruhig , und doch war es ihr grausam zuwider , dem Christen das Schlüsseli zu fordern . Sie stellte der Frau vorläufig etwas Warmes zweg und suchte dann den Resli , sie wußte , daß der Geld genug hatte , allein der war zum Viehdoktor gegangen und hatte den Schlüssel zum Schaft im Sack ; der andere Sohn war im Stall , hatte aber kein Geld im Sack , sondern alles in Reslis Schaft . Annelise aber hatte den Schlüssel verloren zu seinem Gassettli , worin es sein Geld hatte ; es war , wie wenn alles verhexet wäre . Da nahm endlich Änneli das Herz in beide Hände , ging hinaus und sagte : » Gib mir doch geschwind das Schlüsseli ! « Christen ward ganz rot im Gesicht , suchte es langsam , gab es endlich mit den Worten : » He , ich wollte doch machen , daß morgen auch noch wäre . « So etwas hatte Änneli noch nicht gehört , es stellte ihr das Blut , einen Blick tat sie auf Christen , den der auch noch nie gesehen , aber sagen konnte sie kein Wort , sie ging mit ihrem Schlüsseli wie stumm ins Haus , und als sie der alten Frau die halbe Krone herzählte , zitterten ihr die Hände so , daß die in den höchsten Ausdrücken dankende Frau plötzlich fragte : » Aber mein Gott , was fehlt dir , wird es dir gschmuecht ? « » O nein « , sagte Änneli , » es ist nichts anders , das gibt es mir , wenn ich lange kein Blut ausgelassen . Es ist allbets bald vorbei . « Und Änneli faßte sich zusammen , denn kein fremdes Ohr hatte je eine Klage gehört und kein Auge Tränen gesehen in ihrem Auge , außer bei natürlichen Anlässen ; was unter ihnen vorging , sollte keine Posaune auf den Straßen verkünden . Aber es kostete dieses Zusammenfassen schwere Mühe , und kürzer als sonst fertigte sie die Frau ab ; sie konnte es fast nicht aushaken , bis sie ihr den Rücken sah . Die gute Frau konnte fast nicht aufhören zu danken , aber nicht nur aus Dankbarkeit , sondern es stach sie auch der Gwunder , was Änneli wohl in diese Bewegung versetzt hatte , und solange sie im Hause war , hatte sie Hoffnung , es zu erfahren . Als sie es endlich verlassen mußte , stellte sie sich draußen bei Christen und hätte noch gerne ein neues Gespräch angefangen , aber der gab ihr keine Antwort . Gewiß haben die mit einander etwas gehabt , dachte sie , und ob dem Sinnen , was es gewesen sein möchte , vergaß sie fast die halbe Krone , mit welcher sie nun ihren Sohn laben konnte . Wie die Frau zur vordern Türe aus ging , schoß Änneli zur hintern hinaus , machte sich etwas bei den Schweinställen zu schaffen , und da sie dort noch nicht ruhig war vor Knechten und Mägden , so schlich sie nach dem Bohnenplätz , der schon gar manchmal als schöner grüner Umhang gedient hat für Dinge , die nicht für jedermanns Augen sind . Dort ließ sie endlich ihren Tränen freien Lauf , und es dünkte sie , wenn nur das Herz auch gleich käme den Tränen nach , so wäre doch dann ihr Leid zu End . Sie konnte nicht mehr stehen , sie mußte niedersitzen in den Bohnen , der Boden wankte unter ihr , schwarz ward es um Augen und Seele , als ob man ein großes Leichentuch um beide geschlagen hätte . Also so ging es ihr jetzt , jetzt sollte sie das Unglück alleine entgelten , sollte den armen Leuten abbrechen , sollte es sie entgelten lassen , wessen sie sich doch so gar nichts vermochten ! Das dünkte sie eine große Sunde , daß man ob der Armut wieder ersparen wolle , was menschliche Bosheit und eigene Schwachheit gefehlt ; hatten sie doch selbst oft darüber sich aufgehalten , daß es zunächst immer die Armen entgelten müssen , wenn ein Reicher einen Verlust erleidet , indem man zuerst immer den Armen abschränzt , ehe man sich selbst etwas Entbehrliches abbricht , und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen ? Und was trug das ab ? Eine Kleinigkeit , während man da , wo man das Zehnfache erübrigen konnte , alles im gleichen Trappe gehen ließ und sich keinen Zollbreit ändern konnte . Dublonen ließ man fahren , und wegen einer halben Krone mußte sie Worte hören , daß sie meinte , man haue ihr Leib und Seele abeinander . Sie sehe jetzt , daß keine Liebe zu ihr mehr da sei , daß sie der Sündenbock sei , der alles ausessen sollte , was Andere eingebrochet . Hatte sie nicht gewarnt , gemahnt ? Aber man achtete sich ihrer nicht , glaubte ihr nichts , und jetzt sollte sie es alleine entgelten . Wenn noch ein Funke von Liebe zu ihr da wäre , so wäre man nicht so gegen sie . Und ging dann etwa die Sache alleine aus Christens Gut , hatte sie nicht auch eingekehrt , daß es wohl ein Almosen ertragen möchte ! Ja , wenn sie eine bräuchige Frau wäre oder eine hoffärtige oder eine , die gerne im Sessel säße , so wäre es noch eins , aber ringsum sei Keine , die mehr eingebracht und mehr schaffete , und da möchte sie doch wissen , ob es ihr nicht auch etwas für ihre Freude ziehen möchte , und armen Leuten zu helfen sei einmal ihre Freude , und sie möchte wissen , ob das nicht besser wäre als Hoffart und Märitlaufen ; Und je mehr sie weinte , um so völler ward dem armen Änneli das Herz , daß es sie dünkte , es müsse zerspringen und es wolle die Seele oben zum Kopfe hinaus . Schwere , zornige Wolken wälzten sich über ihr Gemüt : Fortlaufen , Scheiden , Klagen , Aufbegehren , Auspacken , Wüsttun , eins nach dem Andern kam , und eins nach dem Andern ging , vor dem Einen schämte sie sich der Leute wegen , das Andere wollte sie nicht um der Kinder willen ; aber wie das Feuer das Wasser verzehrt und das Nasse trocknet , so verzehrte der Zorn das Leid und trocknete die Tränen , und als sie merkte , daß man sie suche ums Haus herum , da war es in ihrem Gemüte , wie es oft nach einem Gewitter am Himmel ist ; es regnet nicht , es donnert nicht , aber es scheint auch die Sonne nicht , trüb und trotzig sieht es am Himmel aus , und was werden will , weiß kein Mensch . Wie sie merkte , daß die Suchenden sich entfernt und niemand mehr hinter dem Hause sei , verließ sie ihren Kupwinkel und erschien im Hause , wie ein kluges Weib es so wohl versteht , daß es mitten unter den Leuten ist und Keiner sagen kann , wann und woher es gekommen . Die Kinder fühlten wohl , daß etwas nicht gut sei , aber keines frug nach der Ursache und jedes ging so bald wie möglich der Ruhe zu . Christen rauchte wie üblich seine Pfeife vor dem Hause , und wo er einmal saß , da stand er nicht gerne auf , und wie gerne er auch im Bette gewesen wäre , so war es ihm doch so zuwider , daran hinzugehen , daß er bis nach Mitternacht sitzen konnte , ehe er zum Entschlusse kam . So saß er auch diesmal lange und alleine draußen , und vielleicht nicht bloß aus Gewohnheit , sondern wahrscheinlich war es ihm auch , wie es jedem Menschen ist , wenn er sich einem Menschen nähern soll , von dem er weiß , daß er beleidigt ist , aber nicht weiß , ist er streitbereit oder friedfertig , während man selbst den Mut noch nicht gefaßt hat , offen und ehrlich den Frieden zu begehren . Endlich suchte er doch das Beet . Er war der Letzte , er betete sein Unser Vater , aber alleine , Änneli betete nicht mit . Als er fertig war , wartete er eine Weile ; Änneli blieb stumm , er wußte nicht , schlief sie oder wachte sie ; das erste Wort konnte er nicht reden , die Frage » Schläfst ? « harte er zehnmal im Halse , aber dort blieb sie , er legte sich schweigend nieder . Es war das erstemal , daß sie sich nicht gegenseitig bsegneten mit dem frommen Wunsche : » Gute Nacht gebe dir Gott . « Änneli harte nicht geschlafen , aber auch sie wollte nicht zuerst reden . Christen wars , der gegen sie so gröblich gefehlt , an ihm war das erste Wort , und auf dieses erste Wort wartete sie ; aber ob sie mit ihm Friede machen wollte oder nicht , das wußte sie nicht , aber sagen wollte sie ihm , was ihr fast das Herz zerreißen und was sie nicht ertragen konnte , wenn es so gehen sollte . Als Christen betete : » Vergib mir meine Schulden , wie ich auch vergebe meinen Schuldnern « , da dachte sie , ob er wohl an die Schuld denke , welche er heute gegen sie gemacht . Als er gebetet , erwartete sie seine Rede ; als er aber schwieg , als er sich zum Schlafen legte , ohne Wunsch und ohne Segen , da sagte sie zu sich selbst : So , ist das so gemeint ; jetzt ists fertig ! Kann der seine Sünden nicht mehr bekennen , so bin ich ein armer Tropf ; aber so ganz unterntun lasse ich mich nicht . Änneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran , daß es heiße von Sünden vergeben , sondern hatte nur Bekennen im Kopf und daß dieses Bekennen Christen zukäme , und weil er es nicht tat , so sah sie darin eine neue Schuld , eine Schuld , die sie gar nicht verzeihen konnte , und als Wunsch und Segen noch ausblieben , da war es ihr , als sei zwischen ihr und Christen ein weiter und tiefer Graben , über den keines Menschen Fuß kommen könne , zu keinen Zeiten mehr . Manchmal war es ihr , als müßte sie reden , als sei alles gefehlt , wenn sie einmal in Groll und Ärgernis niedergegangen und die Sonne darüber aufsteigen ließen ; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrückt durch den trotzigen Mut , daß sie einmal zeigen müsse , sie nehme nicht alles an , wolle nicht alles ausbaden , was Andere angerichtet , lasse nicht mit sich umgehen , als ob sie ein Waschlumpen wäre oder als wäre sie mit leeren Händen gekommen . Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen , aber auch keine Reue in ihr Herz . Als kaum der Morgen graute , stund sie auf , nur um Christen nicht etwa » Guten Tag gebe dir Gott « wünschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu müssen . Und das war wiederum der erste Tag , den sie ohne Wunsch und Segen begannen . Trübselig und wortlos verstrich er , und als der Abend kam , da legte zuerst Christen sich nieder . Ihn verlangte nach der Stimme seiner Frau , die er den ganzen Tag über nicht gehört , und es war ihm unwohl dabei geworden , denn sie war ihm lieb und er hatte die Rechnung gemacht , daß wenn sie schon gegen die Armen viel zu gut sei und mit ihnen viel unnütz verbrauche und das Lumpengesindel ziehe wie Zucker die Fliegen , so sei sie doch sonst sparsam und arbeitsam und er könnte leicht eine haben , mit welcher er viel böser zweg wäre , und es hätte jeder Mensch etwas an sich , das zu scheuen wäre , aber der eine minder , der andere mehr . Er wollte diesmal reden ; ds Tublen trage nichts ab , und bald dreißig Jahre seien sie im Frieden bei einander gewesen , für den Rest wollten sie keinen neuen Brauch anfangen . Änneli kam , betete , aber betete leise für sich alleine . Wenn Christen ihr nicht » Gute Nacht « wünschen möchte , so wüßte sie nicht , warum sie für ihn beten solle , so dachte sie . Und Christen wartete sehnlich auf das Beten , wollte nachbeten ; als aber kein lautes Wort kam , als Änneli ohne Wunsch sich zum Schlafen legte , da wußte er fast nicht , wie ihm war . Daß er gestern ohne Segen sich gelegt , dachte er nicht , nur an das , was Änneli jetzt tat . So , ist das so gemeint , sagte er zu sich selbst , so kann ich auch anders sein , warte du nur ! So von einem Fraueli lasse ich mich noch nicht kujonieren , dafür bin ich nicht auf der Welt , und für was wäre ich der Mann , als für zu sagen , wie es gehen solle , und wenn du tublen willst , so tuble meinethalb so lange du willst , einmal ich frage dich nicht , was du habest . So stieg das Feuer auch in Christen auf , und wie es bei langsamen Naturen der Fall ist , um lange zu bleiben . Änneli aber hatte erwartet , Christen werde fragen , warum sie nicht bete , dann wolle sie ihm so recht auspacken . Als nun Christen nicht fragte , nichts sagte , da dachte sie bei sich selbst : He nun so dann , wenn du es so haben willst , so habe es , aber daß du so ein Wüster wärest und daß du mich so wenig lieb hättest , das hätte ich nicht geglaubt , und nicht viel fehlte , es wäre ein heftiges Weinen über sie gekommen , so voll ward ihr auf einmal das Herz . Aber Zorn ward Meister und trieb , was im Herzen war , als heiße Dämpfe in den Kopf hinauf . So begannen Beide erbittert die Nacht , standen am folgenden Morgen wortlos auf , und eine traurige Zeit begann für das Haus . Sobald ein Groll im Herzen bleibt und sich setzet , wird dieses Herz selbstsüchtig . Sein Gesichts- oder vielmehr Gefühlskreis verengert sich . Wie die Spinne nur die Fliegen zu erfassen vermag , welche in den Bereich ihres Netzes kamen , so vermag der Groll nur die Dinge zu empfinden , welche ihn berühren ; alles andere ist für ihn gar nicht in der Welt , er sieht es nicht , er riecht es nicht , und naht es sich fühlbar , so stößt er es zornig zurück . Wo in einem Herzen die Harmonie zerstört wird und ein Gefühl die Oberhand gewinnt , da trittet Beschränktheit ein , und wie Archimedes , in seine Berechnungen vertieft , die Einnahme seiner Vaterstadt nicht gewahrte , so fasset ein so recht innig Grollender es kaum , wenn sein eigen Haus brennt , und ein hart Leidender es kaum , wenn tausend Andere in seiner Nähe wimmern und webern würden . Redet mit einem Liebenden von Brand und Wassernot , die Tausende unglücklich gemacht , um so mehr freut er sich seines Glückes , wenn euch nämlich hört . Redet einem Mißvergnügten von einer glücklichen Ernte , welche der Not von Tausenden ein Ende gemacht , er verflucht den Segen Gottes , weil er Andere zufrieden gemacht . Redet einem Zornigen von der Sanftmut unseres Herrn , so gibt er euch eine Ohrfeige , wenn er nämlich fasset , was ihr redet . Laßt einen Regenten eitel sein , so benutzt er den Staat ungefähr wie eine Dame ihr Schmuckkästchen ; die Folgen sieht er nicht , wie nahe sie auch liegen , und zwischen monarchischen und republikanischen Regenten ist hierin kein anderer Unterschied als zwischen einem