ewiges Wandern , Kommen , Gehen . Ich bitte Dich , schreib , wie lange Ihr bleibt oder zu bleiben gedenkt . Erst wollt ich nicht , daß Du hier bliebst , und wärst Du nun schon wieder da ! - Es ist keine heitere Zeit in mir , viel Muse und keine Begeisterung für sie ; man hängt von manchem ab , dem man gar keinen Einfluß zugestehen würde , die Gewohnheit , Dich zu erwarten am Nachmittag , hängt mir wie ein zerrißner Glockenstrang in den Kopf ! - Und doch muß ich immer in die Ferne lauschen , ob ich Deinen Tritt nicht höre . Der Sommer in der Stadt - es bedroht mich ganz dämonisch , den hellen Himmel zu versäumen . - Meine Spaziergänge um das Eschenheimer Tor ertöten mich gänzlich . Auch die Engländer wollen Euch diese Woche noch besuchen , alles geht fort . Schreib mir viel , auch über meine Sachen , ich schicke dann mehr . Daß ich als Narziß mich gegen Dich verschanze , besser wie im Gespräch , wo Du immer recht behältst , mußt Du Dir gefallen lassen , so mein ich ' s , und so hab ich recht , und Du hast unrecht ; und ich meine , Du könntest immer zufrieden sein damit , so empfunden zu sein durch Deine eigne frische Natur , daß Du meiner sicher bist . Wer im ganzen etwas sein kann , der wird sich auch fühlbar zu machen wissen , und so wird der Wandel nirgend anders als bei der Treue heimkehren , denn sie ist die Heimat . Du bist ja auch heute nicht , was Du gestern gewesen , und doch bist Du eine ewige Folge Deiner selbst . Mir scheint es noch außerdem höchst verkehrt , durch selbstisches Bestehen auf dem , was nur wie Sonnenschein vorübergehendes Geschenk der Götter ist , dem Geist die Freiheit zu verkümmern . Treue wächst in dem Geist auf , der liebt , gedeiht sie zu einem starken Baum , so wird kein Eisen so scharf sein , ihn auszurotten , aber ehe die Treue von selbst stark geworden , kann man ihr nichts zumuten , sie würde nur bei einer Anforderung ihr aufkeimendes Leben einbüßen ; wenn sie aber einmal vollkommen ausgebildet ist , dann ist sie kein Verdienst mehr , dann ist sie Bedürfnis geworden , Lebensatem ; - sie hat keine Rechte mehr zu befriedigen , weil sie ganz organisches Leben geworden ist . - Das sei unsre Sorge , daß jede Lebensregung eigentümliches , organisches Leben werde , das sei unsre Fundamentaltreue , durch die wir in allem Erhabenen mit den Göttern uns vermählen . Bis dahin laß uns einander treffen in ihrem Tempel , die Gewohnheit , uns da zu finden , einander die Hand zu bieten in gleicher Absicht , die wird den Baum der Treue in uns pflegen , daß er als selbständiges Leben von uns beiden ausgehe und stark werde . Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetragen , ob nicht alles , was sich vollkommen und also lebendig in der Seele ausbilde , ein selbständiges Leben gewinnen müsse , das dann als willenskräftige Macht ( wie jene Treue , mit der Du mich magnetisierst ) Menschengeister durchdringt und sie zu höherem Dasein inspiriert . - Was sich im Geist ereignet , ist Vorbereitung einer sich ausbildenden Zukunft , und diese Zukunft sind wir selber . - Du sagst , alles gehe ins Innere herein und Du empfändest die Welt nicht von außen . Aber ist denn die äußere Welt nicht Dein Inneres ? - oder soll sie es nicht werden ? - Von innen heraus lernt man Sehen , Hören , Fühlen , um das Äußere ins Innere zu verwandeln , das ist nicht anders , als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche vertragen , die für die Zukunft sich befruchten sollen . In der Seele liegt die Zukunft in vielfältigen Knospen , da muß aus reiner Geistesblüte der lebendige Staub hineingetragen werden . Das scheint mir Zukunft zu sein . - Jahre vergehen gleich einem tiefen Schlaf , wo wir nicht vorwärts und nicht zurück uns bewegen , und wirkliche Zeitschritte sind nur die , in denen der Geist die Seele befruchtet , in der Zeiten Raum geht das wirkliche Leben aus solchen einzelnen befruchtenden Momenten wie die Blütenperlen dicht aneinander auf . - Was ist auch Zeit , in der nichts vorgeht ? - die nicht vom Geist befruchtet ist ? - Pause , bewußtloses Nichts ! - Raum , den wir durchschreiten , der noch unerfüllt ist . - Aber jene Momente müssen noch so dicht gesäet werden , daß der ganze Raum ein ewiges Blütenmeer von befruchtenden Lebensmomenten sei . - Alle Anreizung in selbständiges Leben entwicklen , das geistbewaffnet nach eigentümlicher Weise die Zukunftsblüten erweckt , das allein ist lebendige Zeit , aber uns selbst für abgeschlossen halten und einer Zukunft entgegenschreiten , die nicht wir selbst sind , das scheint mir Unsinn und ebensowenig wahr , als wenn unsere Einsicht nicht Folge unseres Begriffs wäre . Ich habe mich zusammengenommen , um deutlich zu sein , allein das ist das Schwerste , man empfindet etwas unwidersprechlich und kann ' s dennoch nicht aussprechen . - Deine Eifersucht um mich , die ich wahrhaftig erst für Laune hielt , später aber ihr Gerechtigkeit widerfahren ließ , obschon ich sie nicht billigen kann , leitete mich zu diesen Betrachtungen . Ich bin Dir nicht entgegen , Bettine , daß Du mit Ernst und auch mit besonderem und vielleicht auch mit mehr Recht teil an mir habest wie alle die andern ; denn da wir so unwillkürlich manchen lebendigen Begriff nur gegenseitiger Berührung zu danken haben und ich mehr Dir als Du mir , so sollte dies organische Ineinandergreifen uns auch frei machen von jeder kleinlichen Eigensucht , und wir sollten wie die Jünglinge , während sie nach dem Ziel laufen , nicht uns Zeit gönnen , an was anders zu denken als im schwebenden Lauf auszuharren . Und was habe ich auch am Ende von allen andern ? - Du kannst Dir das selbst wohl beantworten und Deiner Seele darüber den höchsten Frieden gönnen . - Schreibe , wenn Du antwortest , auch einen Brief für den Clemens , er mahnt in seinem Schreiben an mich darum , es wird ihm sehr überraschend sein , wenn er Deinen Aufenthalt im Schlangenbad erfährt . Adieu ! schreib bald . Karoline Beilage zum Brief der Günderode Wandel und Treue Violetta Ja , du bist treulos ! Laß mich von dir eilen ; Gleich Fäden kannst du die Empfindung teilen . Wen liebst du denn ? Und wem gehörst du an ? Narziß Es hat Natur mich also lieben lehren : Dem Schönen werd ich immer angehören , Und nimmer weich ich von der Schönheit Bahn . Violetta So ist dein Lieben wie dein Leben , wandern ! Von einem Schönen eilest du zum andern , Berauschest dich in seinem Taumelkelch , Bis Neues schöner dir entgegenwinket - Narziß In höh ' rem Reiz Betrachtung dann versinket Wie Bienenlippen in der Blume Kelch . Violetta Und traurig wird die Blume dann vergehen , Muß sie sich so von dir verlassen sehen ! Narziß O nein ! Es hat die Sonne sie geküßt . Die Sonne sank , und Abendnebel tauen . Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen , Wird ihre Nacht durch Sternenschein versüßt . Sah sie den Tag nicht oft im Ost verglühen ? Sah sie die Nacht nicht tränend still entfliehen ? Und Tag und Nacht sind schöner doch als ich . Doch flieht ein Tag , ein andrer kehret wieder ; Stirbt eine Nacht , sinkt eine neue nieder , Denn Tröstung gab Natur in jedem Schönen sich . Violetta Was ist denn Liebe , hat sie kein Bestehen ? Narziß Die Liebe will nur wandlen , nicht vergehen ; Betrachten will sie alles Treffliche . Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet , Eilt sie zu andern , wo es schöner brennet , Erjagen will sie das Vortreffliche ! Violetta So will ich deine Lieb als Gast empfangen ; Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen , Vergönnt mein Herz ihr keine Heimat mehr . Narziß O sieh den Frühling ! Gleicht er nicht der Liebe ? Er lächelt wonnig , freundlich , und das trübe Gewölk des Winters , niemand schaut es mehr ! Er ist nicht Gast , er herrscht in allen Dingen , Er küßt sie alle , und ein neues Ringen Und Regen wird in allen Wesen wach . Und dennoch reißt er sich aus Tellas Armen , Auch andre Zonen soll sein Hauch erwärmen , Auch andern bringt er neuen , schönen Tag . Violetta Hast du die heil ' ge Treue nie gekennet ? Narziß Mir ist nicht Treue , was ihr also nennet , Mir ist nicht treulos , was euch treulos ist ! - Wer den Moment des höchsten Lebens teilet , Vergessend nicht , in Liebe selig weilet ; Beurteilt noch und noch berechnend mißt ; Den nenn ich treulos , - ihm ist nicht zu trauen , Sein kalt Bewußtsein wird dich klar durchschauen Und deines Selbstvergessens Richter sein . Doch ich bin treu ! Erfüllt vom Gegenstande , Dem ich mich gebe in der Liebe Bande , Wird alles , wird mein ganzes Wesen sein . Violetta Gibt ' s keine Liebe denn , die dich bezwinge ? Narziß Ich liebe Menschen nicht und nicht die Dinge , Ihr Schönes nur , - und bin mir so getreu . Ja , Untreu an mir selbst wär andre Treue , Bereitete mir Unmut , Zwist und Reue , Mir bleibt nur so die Neigung immer frei . Die Harmonie der inneren Gestalten Zerstören nie die ordnenden Gewalten , Die für Verderbnis nur die Not erfand . - Drum laß mich , wie mich der Moment geboren . In ew ' gen Kreisen drehen sich die Horen ; Die Sterne wandeln ohne festen Stand , Der Bach enteilt der Quelle , kehrt nicht wieder , Des Lebens Strom , er woget auf und nieder Und reißet mich in seinen Wirbeln fort . Sieh alles Leben ! Es hat kein Bestehen , Es ist ein ew ' ges Wandern , Kommen , Gehen , Lebend ' ger Wandel ! buntes , reges Streben ! O Strom ! in dich ergießt sich all mein Leben ! Dir stürz ich zu ! Vergesse Land und Port ! An die Günderode Den ersten Tag , als wir ankamen , war ' s so heiß , daß es mehr wie unerträglich war ; wir warfen unsere Nankingreisejacken aus und legten uns in den Unterkleidern , in Hemdsärmeln , auf den Gang vor unserer Zimmertür ins Fenster , von da kann man , versteckt hinter Bäumen , auf eine Terrasse sehen , wo sich die Gesellschaft zum Tee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt , die grade unter uns wohnt . Das machte mir Spaß , man konnte manches verstehen , und ein Wort aus der Ferne , wenn ' s auch an sich unbedeutend ist , ist immer anregend wie eine Komödie . Doch hat das Vergnügen dran nicht lang gedauert ; ein krebsroter Kammerherr , der mir im Anfang Vergnügen machte zu sehen , wie er hin und wieder lief und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte , und dann ein Herzog von Gotha mit langen Beinen , rotem Haar und sehr melancholischen Gesichtszügen und ein großes weißes Windspiel zwischen den Knien , der trägt einen leberfarbnen Rock ; dann viele Damen mit überflüssigem Putz , die Hauben aufhatten , als wär ' s die Flotte von Nelson mit aufgeschwellten Segeln , und dann französische Schiffe , wenn so zwei miteinander parlierten , das war grad , als ob einzelne Schiffe handgemein würden , bald brüstete sich das Schiff , dann thronte es wieder , dann streckte es seinen Schnabel in die Höh , und Herren und Damen von besonderer Affektion gegeneinander ; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade , und plötzlich stand der rote Kammerherr hinter uns auf dem Gang . Die Tonie entsetzte sich und ging ins Zimmer , ich aber war gar nicht erschrocken und fragte , was er wünsche ; er war verlegen und sagte , er wünschte der Dame Bekanntschaft zu machen ; ich fragte : » Warum werden Sie denn so rot ? « Er ward noch roter und wollte mich bei der Hand nehmen , ich sagte : » Nein ! « und ging ins Zimmer , er drängte sich mir nach , ich rief : » Tonie , helf mir den Mann bezwingen ! « Sie war aber so voll Angst , daß sie sich nicht vom Platz regte , denk Dir nur , und ich lehnte mich mit aller Gewalt wider die Tür und der rote Mann dazwischen , der durch wollte ; ich rief : » Tonie , zieh an der Schelle ! « Denn unsre Bedienten waren alle noch am Packwagen beschäftigt , aber die Tonie fand den Schellenzug nicht ; - der unartige Mann , immer wollte er doch noch herein , wo er doch sah , daß man ihn nicht wollte , ich konnt gar nicht begreifen , was er wollte , ich dachte einen Augenblick , er wolle uns umbringen , ich erwischte einen Sonnenschirm , der an der Tür stand , und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber , ich weiß nicht - er zog sich zurück und die Türe fiel ins Schloß , da stand ich wie einer , der über Berg und Tal gejagt war von einem Gespenst , ich konnte eine Viertelstunde keinen Atem kriegen ; ich dachte wirklich , er sei ein Mörder , ich hatte schon allerlei Anschläge im Kopf , wie ich ihn erwürgen wollte . Die Tonie lachte und sagte : » Geh doch , ein Kammerherr und ein Mörder ! « Sie meinte , er sei nur ein boshafter und gemeiner Schelm , wie ' s deren am Hof die meisten seien . - Wir haben aber den Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmertür schlafen lassen und die Lisette zu uns ins Zimmer genommen , ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen , mich störte es , daß der Diener vor der Tür lag . Es ist doch zum erstenmal in meinem Leben , daß ich Angst hatte , aber denk doch nur , am andern Tag meldet uns der Bediente den roten Herrn , er komme von der Fr . Kurprinzessin mit einem Auftrag und ließ sehr bitten , ihn anzunehmen , ich rufe , nein ! Wir wollen von keiner Kurprinzessin was wissen , die Tonie aber sagt , das geht nicht an , wir müssen ihn annehmen . Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm , als er eintrat und uns zur Frau Kurprinzessin zum Tee auf die Terrasse einlud , zugleich machte er viele Entschuldigungen , er habe gar nicht geahnt , wer wir seien , weil wir in Hemdsärmel im Fenster gelegen haben ; ich war still , aber ich war sehr ergrimmt über den roten Mann . Als wir bei der Kurprinzessin vorgestellt waren , die mich bei der Hand nahm und ins Gesicht küßte , da saßen wir alle in einem Kreis , und der Rote stellte sich hinter mich , daß ich seinen Atem fühlte , das kränkte mich sehr , ich sagte : » Gehen Sie fort hinter mir , Sie garstiger Mann ! « Da lief er weg , aber die Tonie sah mich sehr ernsthaft an , und wie wir wieder oben waren , da schmälte sie , daß ich so laut gesprochen habe , das ist mir aber einerlei , ich kann ihn nicht in meiner Nähe leiden , was liegt mir dran , ob ' s die Kurprinzessin merkt , wenn sie frägt , so sag ich , er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer , und dann kann er sich nachher verteidigen , wenn ' s nicht wahr ist , und kann sagen , warum er uns so mörderischerweise angefallen hat . - Die Tonie will auch nicht , daß ich abends allein spazieren gehe , sie sagt , der Kammerherr könnte mir begegnen , so muß ich immer einen hinter mir dreinlaufen haben . - Es ist nichts schöner als so ein Spaziergang im Nebel , mit dem sich , wenn die Nacht kommt , alle Schluchten füllen und in tausenderlei Gestalten im Tal herumtanzt und an den Felsen hinauf . - Aber einen hinter mir dreinlaufen zu haben , das ist mir verdrießlich . - Ich kann nicht dichten wie Du , Günderode , aber ich kann sprechen mit der Natur , wenn ich allein mit ihr bin , aber es darf niemand hinter mir sein , denn grad das Alleinsein macht , daß ich mit ihr bin . Auf der grünen Burg im Graben , im Nachttau , da war es auch schön mit Dir , es sind mir meine liebsten Stunden von meinem ganzen Leben , und so wie ich zurückkomm , so wollen wir noch acht Tage zusammen dort wohnen , da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander und plaudern die ganze Nacht zusammen ; und dann geht als der Wind und klappert in dem rappeligen Dach , und dann kommen die Mäuschen und saufen uns das Öl aus der Lampe , und wir beiden Philosophen halten , von diesen Zwischenszenen lieblich unterbrochen , große tiefsinnige Spekulationen , wovon die alte Welt in ihren eingerosteten Angeln kracht , wenn sie sich nicht gar umdreht davon . - Weißt Du was , Du bist der Platon , und Du bist dort auf die Burg verbannt , und ich bin Dein liebster Freund und Schüler Dion , wir lieben uns zärtlich und lassen das Leben füreinander , wenn ' s gilt , und wenn ' s doch nur wollt gelten , denn ich möcht nichts lieber , als mein Leben für Dich einsetzen . Es ist ein Glück - ein unermeßliches , zu großen heroischen Taten aufgefordert sein . Für meinen Platon , den großen Lehrer der Welt , den himmlischen Jünglingsgeist mit breiter Stirn und Brust , mit meinem Leben einstehen ! Ja , so will ich Dich nennen künftig , Platon ! - Und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben , Schwan will ich Dich rufen , wie Dich der Sokrates genannt hat , und Du ruf mir Dion . - Es wächst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund , ich fürchte es aber nicht , obschon ' s Gift ist ; es ist mir ein geheiligt Kraut , ich breche es ab im Vorübergehn und berühre es mit meinen Lippen , weil der Sokrates den Schierlingsbecher getrunken . Lieber Platon , es ist meine Reliquie , die mich von bösen Schwächen heilen soll , daß ich vor dem Tod nicht verzagen muß , wenn es gilt . - Gute Nacht , mein Schwan , gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros . - Am Sonntag - Schlangenbad Hier ist auch eine Kapelle und eine kleine Orgel , die hängt an der Wand , die Kapelle ist rund , ein mächtiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein , ein großer goldener Pelikan krönt ihn , der einem Dutzend Jungen sein Blut zu trinken gibt . Das Ende der Predigt hörte ich aus , als ich hineinkam , ich weiß nicht , war ' s der goldne Pelikan , die mit vielen Spinnweben überflorten Zieraten und Kränze von Golddraht , die frischen Sträußer daneben von Rosen und gelben Lilien und die düsteren Scheiben , wo oben grad über dem Pelikan die dunkelroten und gelben Scheiben die Sonnenstrahlen färben . Der Geistliche war ein Franziskaner aus dem Koster bei Rauental . » Wenn ich jetzt von Unglück sprechen höre , so fallen mir immer die Worte Jesu ein , der zu einem Jüngling sagte , der unter seine Jünger wollte aufgenommen werden : Die Füchse haben Gruben , die Vögel des Himmels haben ihre Nester , aber des Menschen Sohn hat keinen Stein , da er sein Haupt hinlege . - Ich frage euch , ob durch diese Worte allein nicht schon alles Unglück gebannt ist ? - Er hatte keinen Stein , um auszuruhen , viel weniger einen Gefährten , der ihm sein irdisch Leben heimatlich gemacht hätte , und doch wollen wir klagen , wenn uns ein geliebter Freund verloren geht , wollen uns nicht wieder aufrichten , finden es nicht der Mühe wert , ins Leben uns zu wagen , werden matt wie ein Schlaftrunkner . Sollten wir nicht gern die Gefährten Jesu sein wollen , wenn die Not uns trifft ? Sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem großen Überwinder , der ein so weiches Herz hatte , daß er aus liebendem Herzen die Kinder zu sich berief , daß er den Johannes an seiner Brust liegen hieß ? Er war menschlich , wie wir menschlich sind , was uns zu höheren Wesen bildet , nämlich das Bedürfnis der Liebe , und zu selbstverleugnenden Opfern befähigt , das war die Grundlage seiner göttlichen Natur , er liebte und wollte geliebt sein , bedurfte der Liebe ; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war , so fand er keinen Stein , da er sein Haupt ruhen konnte , da verwandelte sich dieses reine Bedürfnis der Liebe in das göttliche Feuer der Selbstverleugnung , er brachte sich dar , ein Opfer für die geliebte Menschheit , sein Geist strahlte wieder himmelwärts , von wo er in seine Seele eingeboren war , wie die Opferflamme hinaufsteigt ein Gebet für den Geliebten , und dies Gebet ist erhört worden , denn wir fühlen uns allzumal durch diese Liebe geläutert , und wenn wir uns ihrer Betrachtung weihen , so werden wir göttlich durch ihr Feuer , und dieses ist wie der Odem Gottes , der alles ins Leben ruft , jeden Keim des Frühlings , so auch ruft nun die Liebe Jesu , die auf Erden nicht begnügt und beglückt konnte werden , zu sich alle , die mühselig und beladen sind , sie sind verschlossne , tränenschwere Knospen , die mächtige Sonne der göttlichen Liebe wird sie zum ewigen Leben der Liebe wecken , denn dies ist alles Lebens , alles Strebens Ziel auf Erden . Amen . « Diese schönen Worte waren die einzigen , welche ich von der Predigt hörte , aber sie waren mir genügend , um mich den ganzen Tag zu begleiten , sie klangen wie ein himmlisch Geläut in mein Ohr , wie ein schöner Sonntagmorgen ; als alles zum Tempel hinaus war , ging ich von der Emporkirche herab in die runde Kapelle , ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen , es kam ein alt Mütterchen , die löschte die Kerzen und räumte auf ; ich frug , ob sie Sakristan sei , sie sagte , ihr Sohn sei Küster , aber der sei heut über Land , ich frug , wo sie die vielen Blumen hernehme , da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen , sie sagte , die Blumen sind aus unserem Garten , mein Sohn pflegt sie alle ; ich hatte eine rechte Lust , mit in den Garten zu gehen , das war sie zufrieden ; das ist ein Garten , so groß wie der Hof von unserem Haus , an der weißen Wand des Hauses wachsen Trauben und ein paar hohe Rosenbüsche sind dazwischen verflochten , Rosen und Trauben , ich kann mir keine schönere Vermählung denken , Ariadne und Bacchus . Ein hölzern Bänkchen war da an der Mauer , ich setzte mich ganz ans End und die Frau neben mich , es war kaum groß genug , daß wir Platz hatten , ich mußte recht dicht an die Frau heranrücken , ich legte meine Hand in ihre auf ihren Schoß , sie hatte eine so harte Hand , sie sagt , das sind Schwielen vom Graben im Land , denn hier ist ein felsiger Boden . Du glaubst nicht , wie schön der Garten in der Sonne lag , denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit , alles ist doch so schön ; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird , gleich ist ' s ein Tempel , wo ihre Geschöpfe als Gebete aufsteigen , gleich ist ' s ein Altar , der voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist . - So ist das Gärtchen mit seinen reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen ; der Buchsbaum ist so ein rechter Lebensfreund , von Jahr zu Jahr umfaßt und schützt er , was der Frühling bringt , es keimt und welkt in seiner Umzäunung , und er bleibt immer der grüne Treue , auch unterm Schnee , das sagt ich der alten Frau , die sagte , ja , das ist wohl wahr , der Buchsbaum muß alles Schicksal mitmachen . - Aber stell Dir doch das hübsche Gärtchen vor , links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin ; gegenüber im Schatten eine recht dichte Laube von Geißblatt , der Eingang zum Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt . So viel Levkoien , so viel Ranunkeln , so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel , ein Beet mit Nelken , ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschützt gegen die kalten Winde , zwei Feigenbäume mit ihren lieben rein gefalteten Blättern , ich war ganz erfreut , Kameraden von meinem Baum zu finden , unter denen springt ein Quellchen hervor in einen Steintrog , da kann die Frau gleich ihre Blumen begießen , und in den offnen Fenstern hing ein Käfig mit Kanarienvögeln , die schmetterten so laut . Ach , es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und Sonntagsgefühl in meinem Herzen . Ich bitte Dich , sorg , daß mein Baum von der Liesbet nicht versäumt werde , er muß bald reife Früchte haben , wenn er so weit ist , wie die im Küstergärtchen , die brech Dir ab . - Die Frau schüttelte mir Maulbeeren ab , die sammelte ich auf einem Blatt , und einen Strauß von Nelken und Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepflückt ; und wie ich so dasteh , ganz still in der Sonn , da kommt der geistliche Herr aus der Tür , er hatte da sein Frühstück genossen , was die Küsterfrau immer nach der Kirche bereithält . - Der Geistliche ist ein schöner , ganz stiller Kopf , und sanfte Augen , und noch jung . Mich strahlten die schönen Worte , die ich von ihm gehört hatte , noch einmal aus seinem Gesicht an , ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen , er sah mich aber freundlich an und sagte : » Ei wie ! schon reife Maulbeeren « ; ich reichte ihm die Maulbeeren , er nahm auch welche davon , und den Strauß nahm er mir auch ab und steckte ihn in seinen Ärmel , denn ich war so überrascht , als ich ihn kommen sah , daß ich nicht wußte , was ich tat , und ihm beide Hände entgegenstreckte , ich wußte gar nicht , daß ich ihm den Strauß geboten hatte , und erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm , merkte ich ' s. Nun ging er weg , und ich blieb betäubt stehen , der Spitzhund aber begleitete ihn sehr höflich vor die Gartentür , ich hörte ihn noch vor der Tür freundlich mit dem Hund sprechen : » Geh nach Haus , Lelaps , « sagte er . - Ich war recht vergnügt , und mehr als all die Tage über auf der Terrasse , mit meinem Sonntagmorgen . Wie ich nach Haus kam , waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken Schokolade ; sie fragten , wo ich geblieben war nach der Kirche , ich erzählte , daß ich im Küstergärtchen gewesen und hätte den lieben Prediger gesehen . Da war aber schon die Kritik drüber her gewesen und hatte die Unmöglichkeiten von unchristlicher Gesinnung drin gefunden ; der Mann ist berühmt , und Leonhardis waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Engländer und die Lotte und der Voigt , und noch ein paar Stiftsfräulein , die Leonhardis kennen , der Fritz lag auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad , aus dem er eben gekommen war , wenn das noch lange dauert , so wird er ein Mohr . Du hättest diesen Schnattermarkt mit anhören sollen , und der Niklas Voigt , der im Mainzer Dialekt sie alle auslachte , und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der Christian Schlosser , was jeder sagte oder vielmehr über die andern hinausschrie , das verstand ich nicht , also noch weniger , was jeder meinte , aber der Niklas Voigt , dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit übermachte , taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der Disputierenden , bejahte alles , was sie sagten , und dann rief er wieder : » In meinem Leben hab ich kein ärger Kauderwelsch gehört als die Narren da durcheinanderschreien , hören Sie doch , Bettine , was die vor Zeug schwätzen « , und dann schrie er wieder drein , sie hätten ganz recht , so ein Prediger wär ein eitler Narr , ich sagte : » Ei Voigt ! « - » Nun , was wollen Sie denn machen , wenn Sie mitten unter den Wölfen sind , so müssen Sie mit heulen , daß dich , daß dich , was vor kapitale Narren sind ' s ! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr , der seine himmlische Weisheit so vor die Narren gibt « , - und so zerrte er mich zum Zimmer hinaus auf die Terrasse